Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler
Part 3
Nun will ich aber erzählen, wie wunderlich es mit Glückspilzchen zuging während der Nacht. Wie sie nämlich so auf dem Ast der Eiche schwebte, das Köpfchen an die Rinde gedrückt, die kleinen Arme um das Holz geschlungen, kam auf einmal eine ganze Eichkätzchenfamilie dahergehüpft, die zu Besuch gewesen waren bei ihrer Sippschaft und sich verspätet hatten mit dem Heimweg. Ganz lustig und ein wenig bespitzt von dem vielen Eichelschnaps, den sie hatten trinken müssen, hüpften sie ihres Wegs, obwohl die Nachtwächterin, die Frau Nachtigall, schon längst die Polizeistunde geflötet hatte. Hie und da saß noch in einem Vogelnest ein gelehrter Spatz oder Fink und schaute hinauf nach den Sternen, oder eine Lerche probirte mit halber Stimme die Arie, die sie morgen beim Frühconcert singen sollte; sonst war Alles zur Ruhe. Die Eichkätzchen aber sputeten sich, denn sie hatten den Hausschlüssel vergessen, und wenn die alte Großmutter schon schlief, konnten sie im Freien übernachten. Da kamen sie zufällig über den Ast, auf dem Glückspilzchen lag und schlief, und waren zu Tode verwundert über das zierliche Geschöpfchen. Nein, was für ein liebes Thierchen! riefen sie unter einander. Was sie für hübsche Zöpflein hat und so blanke Lederschuh'! Ach aber sie ist ganz feucht von dem Thau, und wird am Ende krank, oder fällt gar, weil sie keine scharfen Nägel hat an Händen und Füßen! -- Da hielten sie flink Rath über das schlafende Mägdlein, und beschlossen dann allezusammen, sie nach ihrer Wohnung zu tragen und die Nacht über bei sich zu behalten. Vorher fuhren sie ihr mit den weichen rothen Schwänzchen über Wangen und Stirn und das blaue Kleid und fegten alle den Thau herab. Dann hoben sechs der stärksten sie sacht in die Höhe, zwei gingen voran, zwei hinterdrein, und nun ging die Reise behutsam, aber geschwind den Ast entlang, und Glückspilzchen lag so weich auf den Schultern ihrer kleinen Freunde, als wie zu Haus bei den drei Tanten in ihrem Federbettchen. Oben mußte der Mond gar herzlich über den seltsamen Zug lachen, und die Frau Nachtwächterin wunderte sich auch, aber sie schwieg ganz still, so daß man nichts ringsum hörte, als die Winde, die in den Wipfeln die Runde machten, und die leisen Schritte der Eichkätzchen und das Klappern der blanken Kupferdreier in Glückspilzchens Sparbüchse.
So kamen sie allgemach an den großen, dicken Stamm, darin die Eichkätzchen ihr Quartier hatten; es war aber schon zugeschlossen. Nun klopfte der Vorderste, den sie Springinslaub nannten, gar manierlich an und rief:
Liebe braune Großmama, Deine Enkel sind nun da, Bringen dir ein Kind zu Gaste, Das da schlief auf unserm Aste. Mond scheint kühl und Thau fällt naß; Großmama, bedenke das!
Da dauerte es nicht lange und man konnte innen ein Schlüsselbund rasseln hören und Jemand husten. Die Thür ging auf und die alte Eichkätzchengroßmutter ließ die Gesellschaft herein. Sie hatte einen braunen Pelz, der wegen des großen Alters sehr nachgedunkelt war und oft hatte geflickt werden müssen, dazu eine Nachtmütze über Ohren und Stirn. -- Landstreicher! brummte sie mit zahnlosem Munde, und wollte noch eine lange Gardinenpredigt halten. Wie sie aber Glückspilzchen gewahr wurde, erheiterten sich ihre Augen; sie fuhr dem schlafenden Mägdlein mit der kleinen Pfote über den Scheitel und küßte ihm das Ohrläppchen. -- Und wo soll sie die Nacht bleiben? fragte sie dann. -- Die Fremdenstube ist leer, erwiederte Springinslaub; da steht das weiche Moosbette, wo sie schlafen kann, bis die Sonne kommt. -- Die Alte nickte stillschweigend und ließ ihre Enkel Glückspilzchen hinauftragen, die immerfort schlief. Sie selbst ging in ihre Kammer und holte den Pelz ihres seligen Mannes, der in einem Schränkchen von Nußschalen als ein heiliges Andenken hing. Ich muß dem lieben Thierchen doch was Absonderliches zu Gefallen thun, sagte sie vor sich hin, als wollte sie's bei dem Schatten des Seligen entschuldigen. Darauf stieg sie die kleine Treppe hinauf ihren Enkeln nach, die unterdeß ihre kleine Freundin sorglich niedergelegt, auch das Fenster verhängt hatten, damit der Mond ihr nicht gerade in die Augen scheinen und sie am Ende wecken könnte. Die alte braune Großmama aber deckte ihr den Pelz über die Füße, setzte ihr ihre eigne Nachtmütze auf das schwarze Haar und gab ihr eine Haselnuß in jede Hand, weil das Glück bringt nach dem Eichkatz-Aberglauben. Dann küßte ihr einer nach dem andern das Ohrläppchen und schlüpften allezusammen zur Thür hinaus.
Fünftes Kapitel.
Wie Glückspilzchen ihre Nachtherberge verläßt und mit der Frau Bösgewissen Bekanntschaft macht.
Die Waldvöglein in Zweigen Stehn singend auf beizeit, Derweil noch schlafen und schweigen Der Menschen Lust und Leid.
O Jubel und o Wonne, Nach Nächten, dunkel und bang, Zu grüßen die liebe Sonne Mit frohem Lied und Klang!
Zu schweben und zu schwanken Da droben hoch im Blau'n, Zu trösten die Müden und Kranken, Die drunten auf Träume bau'n;
Und zu rufen hinab in die Lande: Wacht auf nun, nah und fern! Es kommt in des Frühroths Brande Ein neuer Tag vom Herrn.
Wohlauf denn und frisch gesungen, Ein Jedes nach seinem Brauch! Ist's nur vom Herzen erklungen, Gefällt's dem Himmel auch.
So ungefähr sang die Lerche, die am Morgen beim Frühconcert die erste Stimme trillerte; es war nur Alles noch viel besser und fröhlicher, so köstlich daß man's gar nicht mit bloßen Worten wiedergeben kann, und die andern lustigen Sänger hielten sich auch brav dran. Da stand auch die Sonne bald auf, wischte sich die Nebel vom Auge und hielt nicht länger mit ihrem goldnen Schein hinterm Berg.
Glückspilzchen aber, wie es auffuhr aus dem Schlaf, wußt' es erst gar nicht, wo es war; denn daß das Zimmerchen in einer alten hohlen Eiche stecke, fiel ihm nicht ein. Das Licht fiel spärlich durch ein rundes Astloch, das die alte Base Spinne aus Gefälligkeit mit Spinneweb wie mit einer Fensterscheibe überzogen hatte, und davor hatten die Eichkätzchen gestern Nacht ein großes Blatt geheftet, um den Mond abzuwehren, so daß eine halbe Dämmerung ringsum war. Da bekam Glückspilzchen rechte Furcht, und wie sie ihren Bruder, den langen Poeten, nicht fand, auch die Käke nicht mehr im Arm hatte, setzte sie sich wieder auf das Moosbettchen, nahm die Schürze vors Gesicht und weinte bitterlange Zähren; denn von der Thür fand sie auch keine Spur, weil die Fugen in der Rinde nicht bemerkbar waren. Sie hatte aber kaum ein paar Dutzend Thränen geweint, da ging die Thür auf und Springinslaub trat herein, und hinter ihm die alte Großmama, die trug auf einem Brett den wundervollsten Eichelkaffee in Wallnußschalen und prächtige Erdbeeren, die ihre Enkel schon in aller Frühe im Walde gesucht hatten. Glückspilzchen hörte plötzlich ein bischen auf mit Weinen, denn sie verwunderte sich gar zu sehr über den zierlichen Besuch. Die alte Eichkätzchengroßmama aber setzte sich freundlich und liebreich neben sie und erzählte ihr, wie sie gestern von ihren Enkeln hereingebracht wäre, und sie solle nur bleiben, so lange sie wolle, und sie würden's ihr schon angenehm machen. Glückspilzchen saß wie im Traum, ließ sich aber von der Alten und den Andern, die nach und nach Alle Visite machten, geduldig das Ohrläppchen küssen und zum Frühstück nöthigen; denn sie meinte, es wäre doch Alles Traum, und sie würde bald aufwachen und Käke und ihren Bruder und auch den blonden Schusterjungen wiedersehen.
Indessen rief die Großmama eins von den Eichkätzchen heran und sagte: Knackzähnchen, erzähl' wo du gewesen bist und was du gesehn hast beim Erdbeersammeln. Da sagte das Eichkätzchen mit feiner Stimme:
Wo die blauen Veilchen sprossen, Sind drei Bächlein hergeflossen Ueber Nacht, wie wunderbar! Salz'ge Bächlein, rasch und klar, Drüber sich die Zweige spreiten. Auf dem einen sah ich gleiten Eine Puppe klein und schmächtig, Augen funkelhell und prächtig, Zähne blank wie Elfenbein; Gar erbärmlich that sie schrein. Sagt, weß mag die Puppe sein?
Ach Gott, seufzte Glückspilzchen, das ist am Ende meine Puppe Käke gewesen! -- Ei es giebt viel Puppen auf der Welt, sagte die alte Großmama, um sie zu beruhigen. Nun komm du, Rothbärtchen, und erzähle. Das Rothbärtchen aber fing an:
Einsam sprang ich durch die Buchen, Beeren, roth und süß, zu suchen, Schaut' umher nach allen Seiten. Da auf einmal sah ich schreiten Einen blonden Schusterjungen Durch die Büsche, dichtverschlungen. Mütze saß auf einem Ohr; Spielte sich ein Liedel vor Auf der blanken Ziehharmonik, Wie ein Spielmann aus der Chronik, Pfiff und schimpfte auch mitunter, Kam vom rechten Weg herunter, Lauft nun so in Tag hinein. Sagt, wer mag sein Meister sein?
Das war ganz gewiß der blonde Hansel, mit dem wir gekommen sind, sagte Glückspilzchen. Ach Gott, wenn ich nur erst draußen wär'! -- Ei es giebt so viel Schusterjungen, sagte die alte Großmama rasch; bleib du nur hier bei uns; und nun soll Nußfresserchen erzählen, was ihr passirt ist. Nußfresserchen aber trat kecklich vor, machte einen Knix und declamirte dann mit vielem Ausdruck:
Drunten tief im Lindenhag, Da noch kaum erglomm der Tag Und nur wenig Vögel sangen, Kam ein langer Herr gegangen, Grauen Filzhut in der Hand, Drauf ein schwarzrothgülden Band Flatterte im Morgenhauche, Und er rief bei jedem Strauche: Saht ihr nicht, ihr schwanken Aesterchen, Mein verlornes kleines Schwesterchen? All ihr Gräser, Blumen, Pilzchen, Saht ihr nicht das Unglückspilzchen? Rabenschwarz ist Aug' und Haar, Und der Wuchs ist ganz und gar Einer Arabeske ähnlich, Nase, Mund und Kinn gewöhnlich, Trug ein blaues Thibetkleidchen --
Ach Himmel! rief Glückspilzchen auf einmal, das ist mein Bruder, der lange Poet, der sucht nach mir, und ich Unglückspilzchen sitze hier bei Eichelkaffee und Erdbeeren und mache ihm so viel Herzeleid! Ich muß fort, geschwinde fort, ich halt's gar nicht mehr aus. -- Die Eichkätzchen wollten sie freilich gerne behalten, aber das ging doch nicht, und da öffneten sie die Thür, schlüpften mit Glückspilzchen hindurch und die kleine Treppe hinab und schlossen ihr unten gar traurig die große Thür auf. Sie hatten schon Abschied von einander genommen und dem kleinen Mädchen noch zu guter Letzt das Ohrläppchen geküßt, da sagte die Großmama: Nur noch ein paar Augenblicke warte, bis dir meine Enkel noch was vorgetanzt haben. Das mußte Glückspilzchen der guten Alten schon zu Gefallen thun, die auf ihre Familie nicht wenig eitel war, und so wurden die Musikanten gerufen, der Zeisig, der Fink und der Vogel Bülow, und die Eichkätzchen führten ein zierliches Ballet auf, den großen Ast auf und ab. Wie aber Glückspilzchen den kleinen Tänzern zuschaute, wurde sie wieder ganz munter, und vergaß Bruder und Käke und den blonden Hansel nach ihrer leichtsinnigen Art. -- Nun sollt ihr mich erst tanzen sehn! sagte sie, da das Ballet zu Ende war, und sogleich kletterte sie zur Thür hinaus, ließ die Musikanten ein frisches Stücklein anfangen und tanzte dann so artig und klapperte so geschickt mit den blanken Dreiern in der Sparbüchse, daß eine ganze Menge Vögel und Waldthiere herzukamen, auch die Rehe herbeiliefen und oben nach dem Ast und der kleinen Tänzerin guckten. Zuletzt ward sie doch müde; da that sie die Sparbüchse auf, warf den Eichkätzchen die Dreier zu und rief, sie sollten sie zum Andenken an einem Bändchen um den Hals tragen. Dann rief sie noch einmal: Lebewohl! und tausend schön Dank! und kletterte behende den Baum hinab, indem sie den liebenswürdigen Thierchen viele süße Kußfinger zuwarf.
Als sie nun unten so allein herumlief und von ihrer Reisegesellschaft keine Spur erblickte, wurde ihr wind und weh. Sie kam zu den drei Bächlein, die über Nacht entsprungen waren. Der lange Poet und der Hansel waren verschwunden, die Käke auch; von der aber hing das kleine Hütchen mit dem grünen Schleier am Ufer zwischen den Vergißmeinnicht; da weinte Glückspilzchen wieder heftiger. Ein Verschen von dem langen Poeten, das er auf ein Baumblatt geritzt und an einen Stamm geheftet hatte, kam nicht in ihre Hände; das hatte der Kapellmeister, der Herr von Grasemück, mit in sein Nest genommen, um es in Musik zu setzen, weil es ihm gar so gefiel. Von dem hab' ich hinterdrein erfahren, daß es so lautet:
Es plaudern in Linden und Buchen So lustig die Vögel im Chor. Ich muß wandern und traurig suchen Meine Schwester, die ich verlor!
Es sind viel Bahnen und Straßen Und blühen wohl alle so schön, Und bist du nicht trüb und verlassen, Du magst sie in Freuden gehn.
Mir aber vor Gram und Sehnen Im Wandern das Herze bricht. Ich seh vor den leidigen Thränen Den blühenden Frühling nicht.
Ein Glück war's eigentlich, daß der Zettel von dem Kapellmeister aufgefangen wurde; denn er hätte Glückspilzchen nur noch betrübter gemacht, und sie war's schon genug. Da kam aber auf einmal eine garstige alte Frau hinterm Baum vor, weiß Gott, wo sie eigentlich gewachsen war, hatte eine tüchtige Birkenruthe in der Hand und rief: Wart nur, du böses Kind! deinen armen Tanten wegzulaufen, die sich nun abgrämen, und du bist's gar nicht werth. Nun lauf nur vor mir her, ich will dich schon heim bringen! -- Damit fing sie an, die Ruthe zu rühren und sie auf Glückspilzchens Rücken zu schwingen, daß die eilig sich auf die Beine machte; aber die Alte war eben so flink hinterher trotz ihrer grauen Haare, und kein Schlag ging verloren. Ach, rief das kleine Mädchen ganz außer Athem, wer seid Ihr denn, Ihr häßliche alte Frau! Au! das war aber grob! -- Was da grob! erwiederte die Alte, und schlug noch ärger, du hast's nicht gelinder verdient. Ich bin die Frau Bösgewissen, und laure dir schon seit vorgestern auf, und werde dich nicht eher in Ruhe lassen, als bis du dich besserst und nimmer so eine leichtfertige Person bleibst, sondern hübsch Sitzefleisch hast und artig zu Haus und fleißig in der Schule wirst. Verstehst mich? -- Ach ja, liebe Frau Bösgewissen, rief Glückspilzchen und lief dabei, als hätte sie Feuer unter den Sohlen, laßt's nur für diesmal genug sein! ich will ja auch ein frommes Kind werden. -- Nun denn, sagte die Alte und steckte die Ruthe ein, noch einmal will ich dir's nachsehn. Aber nimm dich in Acht; ich hause nicht im Wald allein, und kann dich auch bei deinen drei Tanten besuchen. Also sei gut und denk' an mich! -- Nach diesen Worten war's plötzlich stille, und als Glückspilzchen besorglich umschaute, war von der Frau Bösgewissen nichts mehr zu sehn; aber ihre Ruthe war als wie zur Warnung an den nächsten Baum gebunden, und Glückspilzchen that der Rücken noch immer weh. Ach und wie sie noch zehn Schritte gethan hatte, da ward's hell zwischen den Bäumen und der Wald hatte ein Ende. Am Saume des Waldes aber saßen -- nun rathet einmal! Ich will unterdessen ein neues Kapitel anfangen.
Sechstes Kapitel.
Wie sich Alle wieder zusammenfinden und der lange Poet seine Fährlichkeiten erzählt.
Die drei Tanten waren's nämlich und die Pedanterliese, und saßen alle Vier auf einer Bank, die sie dazu mitgebracht hatten aus der Stadt. Die Tanten weinten gar heftig, und die Quellen ihrer Augen hatten die drei Waldbächlein gebildet, auf deren einem die arme Käke davongeschwommen war. Die Pedanterliese weinte nicht, dazu war sie viel zu böse, und sagte in einem fort: Warum läuft sie auch weg und ist noch so wenig gesetzt! Da bin ich doch viel besser erzogen. Tante Strickerina verwies ihr das, hatte aber nicht Alles gehört, weil sie eifrig bei ihrem Strumpf war. Buchstabiria las auch ganz eifrig ein Erziehungsbüchlein. Die dritte hieß Tante Schönekünstchen, und weil sie so viel zeichnete, war ihr ein Bleistift an die rechte Hand festgewachsen; den konnte man spitzen so viel man wollte, und er nahm doch kein Ende. Sie hatte auch ein Zeichenbuch mitgebracht, aber vorläufig hatte sie so viel zu weinen, daß sie's nicht brauchen konnte; denn sie hatte Glückspilzchen viel lieber als die andern Tanten.
Ach liebe gute Tanten! rief auf einmal eine feine Stimme, und eh sie noch Zeit hatten sich recht zu besinnen, lag ihnen Glückspilzchen am Hals und herzte und küßte sie und bat so rührend ab, daß die Thränen plötzlich zu fließen aufhörten und die drei Bächlein zwischen den Gräsern verrannen. -- Da erzählte Glückspilzchen Alles, wie es ihr ergangen, und als sie an die Geschichte mit Frau Bösgewissen kam, machte sie's so natürlich, daß der Pedanterliese himmelangst wurde. Tante Buchstabiria aber nahm sie gehörig ins Gebet; da ging sie ernsthaft in sich, fiel Buchstabiria reuig um den Hals und bat mit vielen Thränen und guten Gelöbnissen alle ihre Unarten ab.
Das wäre nun so weit ganz schön gewesen, wenn sie nur gewußt hätten, was aus dem langen Poeten, dem blonden Schusterjungen und der Käke geworden sei. Wie sie nun eben wieder zu weinen anfangen wollten, hörten sie noch zu rechter Zeit eine Ziehharmonica aus dem Walde, und Einer pfiff dazu, während ein Anderer sang:
Alle Sternlein sind verblaßt, Gleich dem Mond, dem silberblanken. Siehe, wie der goldne Glast Zittert über Busch und Ranken.
So du schwer gerungen hast In der Nächte irrem Schwanken, Menschenkind, o sei gefaßt, Wenn die letzten Sterne sanken!
Denn dereinst nach kühler Rast Sollst du, frei von Leibes Schranken, Ew'gen Sonnenlichtes Gast Heilen deines Busens Kranken.
Da kommen sie! schrie das kleine Glückspilzchen, und in demselben Augenblick trat der lange Poet mit dem blonden Schusterhansel aus dem Walde heraus, und der Poet trug auf dem einen Arm die Käke, auf dem andern den kleinen waldursprünglichen Kerl aus Tannenzapfen mit dem Frack von Sandpapier und dem Korbe auf dem Rücken, darinnen die Schwefelhölzchen noch alle vorhanden waren. Glückspilzchen aber lief ihrem Bruder winkend und rufend entgegen; da setzte er was er trug nieder und fing sie in seinen Armen auf,
Und die Engel im Himmel sich's zeigen, Entzückt bis in Herzensgrund, Wenn Bruder und Schwester sich neigen Und küssen sich auf den Mund.
Dann lief Glückspilzchen auf die Käke zu, nahm sie streichelnd und schmeichelnd in die Arme, und die Pedanterliese hatte nichts dagegen einzuwenden.
Mittlerweile hatte der Lange die drei Tanten mit dem blonden Hansel bekannt gemacht, der ein bischen sehr verblüfft dastand, und besonders verlegen nach Pedanterlieschen schielte, was seinem Geschmack eigentlich keine Schande machte. Er mußte sich indessen neben Tante Schönekünstchen setzen, weil Die Absichten auf ihn hatte, nicht ihn zu heirathen, sondern ihn zu zeichnen. Der lange Poet saß indessen auf einem niedrigen Steine vor den drei Damen und brachte seine Beine nur kümmerlich unter. Dann fing er an seine Schicksale zu erzählen, während der unglückselige Hansel ohne Gnade still sitzen mußte.
Was dem langen Poeten im Walde begegnet.
Ich habe böse Träume gehabt die Nacht über, erzählte er, und wachte ganz gegen meine Gewohnheit in der frühen Morgendämmerung auf. Mein erster Gedanke war gleich an Glückspilzchen, und ihr könnt denken, daß ich einen Tausendschreck hatte, wie ich mich mutterseeleneinsam in dem grünen Gras liegen sah, Glückspilzchen weg, der blonde Hansel verschwunden und die Käke dazu. Nur zwei kleine Holzhauerbuben waren bei mir; die fuhren nicht wenig erschrocken in die Höh', als ich mich aufrichtete, denn sie hatten meine langen dünnen Beine in den grauen Hosen für zwei Baumwurzeln gehalten und sich gemüthlich darauf niedergelassen, um zu frühstücken. Ich befragte sie, ob sie nicht ein kleines Mädchen gesehn hätten, so und so angethan; aber sie schüttelten den Kopf und liefen furchtsam davon. Da ward mir gar blümerant zu Sinne; ich schrieb ein paar weinerliche Verse auf ein Baumblatt und machte mich dann auf die Beine, Glückspilzchen nach und meinem Tannenmusje, den ich unterwegs irgendwo zu erwischen hoffte.
Ich war noch gar nicht weit gegangen, da sah ich einen kuriosen Kerl daher kommen, und ein Lakai lief hinterdrein mit einem großen Korbe, daraus verschiedene Flaschen mit Käppchen von schönem rothen Siegellack hervorschauten. Der Kuriose kam gerade auf mich zu, sagte mir, er sei Prinz Schnudi und freue sich, endlich einen Menschen zu finden in der schauderösen Wildniß, in die ihn Prinzessin Marzebille verbannt habe. In die sei er nämlich ganz unsterblich verliebt; aber sie wolle ihm nicht eher Gehör schenken, als bis er seine Liebe dadurch erprobt habe, daß er in der Wildniß herumlaufe und eine poetische Liebeserklärung zu Stande bringe. Mit dem Herumwildnissen ging' es passabel, so mäßig er leben müsse; aber er habe sein Lebtag nicht zwei Verse gemacht und werde sich nächstens, sobald sein Wein zu Ende gehe, bei lebendigem Leibe todtschießen, denn er halte es nicht länger aus vor Gram.
Wie ich ihn von solchen Aengsten behaftet sah, jammerte er mich und ich war sehr freundlich zu ihm, trotzdem daß er ein Prinz war. Ich sagte ihm, ich wär' meines Zeichens ein Poet und wollte ihm gern mit einigen Reimen unter die Arme greifen, so gut ich's halt könnte ohne mein Feuerzeug. Indessen wüchse hier herum Waldmeister in Menge; er sollte doch einen Maitrank bereiten, auf daß ich mich hinterher stärken könne; denn ich war noch nüchtern wie ein Sieb. Da hättet ihr die königliche Hoheit Luftsprünge machen sehn sollen, ging auch flugs mit dem Lakaien ans Werk, während ich in seine allerhöchste Schreibtafel folgende Verse schrieb:
O du süße Marzebille! Warum bannt dein strenger Wille Mich in dieser Wälder Stille? Wär' ich, ach, die Nachtigall Mit der Lieder holdem Schall, Daß mich bald ein Vogler finge Und in deine Kammer hinge! Wär' ich einer von den Hirschen, Daß mich könnt' der Jäger birschen, Und auf deine Tafel schicken Meine Keulen, Brust und Rücken! O wie würde mich's beglücken, Schnittst du trauernd sie in Stücken, Aeßest dann sie mit Entzücken, Wie du jetzt mit Liebestücken Mir das Herze thatst berücken, Daß mir weiter nichts will glücken, Meine Sehnsucht auszudrücken, Als mich tief vor dir zu bücken Und zu bitten unterthänig, Lindre meine Qual ein wenig!
Nachschrift. Königliche Hoheit, Uebersieh die arge Rohheit Dieses Briefs und meiner Schrift. Thust du 's nicht, so nehm' ich Gift, Und dann schließt auf ewig zu die Augen der verliebte Schnudi.
Als ich diese Verse dem Prinzen vorlas, war er vor Entzücken ganz außer sich. Er bat mich tausendmal um Entschuldigung, wenn er augenblicklich in seinen Wagen stiege, der am Saume des Waldes warte, denn er könne sein Glück nicht länger aufgeschoben sehen. Noch ehe ich mich besinnen konnte, war er mit der Schreibtafel, dem Lakaien und dem Korbe verschwunden und hatte mich allein zurück gelassen unter vier Augen mit einer Flasche Maitrank, die mich so ziemlich über den eiligen Abschied der prinzlichen kuriosen Person tröstete.
Ich hatte einen Augenblick meiner kleinen Schwester und des Tannenmusjes vergessen, denen ich doch eigentlich nachlief. Nun aber ging ich gar wehmüthig fürbaß, trank von Zeit zu Zeit aus der ehrlichen Flasche und war kreuzunglücklich, denn von den Verlornen fand ich keine Spur. Ich weiß nun nicht, kam's von der Betrübniß oder vom Maiwein, kurz und gut, mir ward ganz träumerisch, dazwischen ein bischen toll und unsinnig, daß ich bald die Bäume umarmte und ihnen lange Reden hielt, bald auf einem Bein über Stock und Stein sprang und Glückspilzchen richtig wieder vergaß. Wenn ich dann aber den traurigen Rappel bekam, mußte ich gleich wieder an den verlornen Wildfang denken und klagte Sonne, Mond und Sternen mein Leid. Ich habe dabei eine ganze Menge Verse aus dem Stegreif losgelassen, kann mich aber auf keinen mehr besinnen.