Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler
Part 2
Wie sie nun im Wäldchen waren, lehnte er an einen Baum, nahm die Harmonica aufs Knie und fingerte ihnen einen Hopser vor, daß sie's Tanzen nicht lassen konnten, sondern einander umfaßten und immer um die Bäume herum durch Dick und Dünn zu springen anhoben. Als sie endlich alle müde waren, kamen sie gelaufen und baten ihn noch um was Schmachtendes. Da spielte er das schöne Lied: »Du du liegst mir im Herzen«, und das war so sehnsüchtig und jeder Ton zitterte fünf Minuten lang, daß die Vögel in den Büschen ganz still wurden und schluchzten und seufzten. Die Mägdlein aber waren noch mehr gerührt, gaben dem Musikanten jede einen schönen Kuß und gingen mit den Schürzen vorm Gesicht heim. Hansel aber brach einen blühenden Zweig ab, steckte ihn auf die Mütze zur Erinnerung und sang und spielte im Weitergehen:
Zu Halle an der Saale Da hat mir's nit gefalle, Weil da der arme Handwerksbursch Gar zu viel leiden muß Von wegen den Herrn Studiosibus.
Nachher jedoch ließ er das Singen, und pfiff lieber; denn er wollte ein ganzer Schusterjunge sein, und die pfeifen bekanntlich.
Wie er nun aus dem Wäldchen wieder herauskam auf die große Landstraße, stand er auf einmal still und hörte mitten in einer Melodie auf. Zum Kuckuk! dachte er, bin ich doch ein rechter Holzleisten! Laufe da weg und weiß den Weg nicht. Geht's nun rechts oder links? Nach einigem Besinnen ging er doch links; denn rechts mußte man nach der Stadt gelangen, wo der Vormund wohnte, und da wäre er mit dem Wandern schön angekommen. Also wandte er sich links, spielte das Lied gerade da weiter, wo er aufgehört hatte, und die Grillen und Frösche zu beiden Seiten des Weges sangen zweite und dritte Stimme, daß den Lerchen droben vor dem Concert angst und bange wurde.
Da begegnete Hansel einem alten Mann mit schlohweißem Kopf, der wie unsinnig am Wege hin- und hersprang, als ob er Jagd auf etwas am Boden machte. Als er den Buben daherkommen hörte, richtete er sich auf und trocknete sich die Stirn. Grüß Gott, alter Vater! sagte der Hansel. Was treibt Ihr da? Ihr springt ja wie ein Milchlämmchen. -- Ach du lieber Heiland! erwiederte der Alte, muß wohl, muß wohl! Ich fange Grillen, lieber Sohn; das ist ein schlimmes Geschäft für so einen alten Rücken. Sieh, der Topf da ist erst halb voll, und ich bin schon geschlagene vier Stunden fleißig gewesen. -- Was wollt Ihr aber damit? fragte Hansel weiter; 's ist doch eine kuriose Arbeit. -- Noth bricht Eisen, mein Sohn, sagte der Alte. Ich bin mein Lebtag Kegeljunge gewesen drüben in Hahndorf, und habe eine Frau ernährt und sieben ungezogene Kinder. Nun haben sie mich abgesetzt, weil mir die Hände zittern und ich die Kegel schief gestellt habe, und da sitz' ich nun, und meine sieben Würmer haben kein Brot. Was soll ich anders thun, als Grillen fangen? -- Wenn's so ist, sagte der Hansel, da wißt Ihr mich wohl auch nicht nach den Fleischtöpfen Aegypti zu weisen, alter Vater? -- Ich meine, Ihr ginget am besten direct nach Rom; da könnt Ihr ja gar nicht fehlen, und von da laßt Euch übersetzen, und fragt Euch weiter. Die Fleischtöpfe müssen so in der Gegend der Pyramiden stehen, es wird's Euch jedes Kind sagen. -- Dank' schön, sagte Hansel, und behüt' Euch Gott, und wenn ich wiederkommen sollt', bring' ich Euch und Euren sieben Würmern einen Fleischtopf mit, wenn sie ihn durchlassen an der Grenze. Adjes, Vater! -- Gute Reise, mein Sohn!
Zweites Kapitel.
Wie Hansel gar lustige Reisegesellschaft findet.
So zog der Hansel pfeifend und spielend weiter und war von Herzen froh, daß er doch nun den Weg wußte. Nun war's schon hoch am Tage und ein gar appetitlicher kleiner Hunger meldete sich. Wenn doch nur ein paar vornehme Reisekutschen kämen, damit ich mir was zusammenfechten könnte! seufzte er heimlich. Es kam aber nichts der Art und Beeren gab's auch nicht, und die Kienzäpfchen vom vorigen Jahre waren doch gar zu hart. Da fiel dem armen Hansel das Herz in die Hosentasche; er fuhr mit der Hand unter die Mütze, stand still und wollte eben Salzwasser spendiren, als er hinter sich einen singen hörte:
Und die Waldsteige sind dunkel, Und die Bäume wehn kühl. Ueberm Felde da funkelt Die Sonne so schwül.
Wer ein'n Schatz hat im Sommer Und herzen ihn möcht', Zum Walde nur komm' er; Da find't er's nit schlecht.
Die Lieb' und die Sonne Die sind allebeide schwül, Und allebeid' auf Einmal Das brennt gar zu viel.
Hansel sah noch halbweinerlich um nach dem Sänger, aber wie er dessen kuriosen Aufzug gewahrte, war's mit seiner Trübseligkeit zu Ende. Es kam nämlich ein langer dünner Mensch auf ihn zu, ein grau Hütchen auf dem Kopf und einen Schnurrbart auf der Oberlippe, an dem die gute Hoffnung das Beste war. Gepäck hatte er keins; aber ein kleines schwarzbraunes Mägdlein trug er auf der Schulter, mit Augen so schwarz wie die Heidelbeeren und schlanken Gliederchen, um die ein blaues Kleid flatterte. Sie trug eine große Puppe im einen Arm und den andern hatte sie um den Kopf des Langen geschlungen, damit sie fest säße. Beide nickten dem Hansel freundlich zu und der Lange sagte: Lieber Schusterjunge, wohin des Weges? -- Nach den Fleischtöpfen Aegypti, erwiederte der. -- Es ist just nicht unser Weg, sagte der Lange darauf. Aber der Gesellschaft zu Liebe, wollen wir eine Strecke zusammen wandern, wenn dir's recht ist, und setz' nur deine Mütze wieder auf, daß du keinen Sonnenstich weg hast, eh du's merkst; brauchst auch keinen absonderlichen Respekt zu haben. -- Wer seid Ihr denn eigentlich? fragte Hansel, indem sie weiter gingen. -- Ich bin nur ein simpler Poet, gab der Lange zur Antwort, und die kleine leichte Mamsell da oben ist meine Schwester und heißt Glückspilzchen. Nun hör' aber nur, weßhalb wir auf Reisen sind. Ich bin da gestern Nacht in der Schenke und trinke mir einen rechtschaffnen Glanz in Maiwein. Da kommt mir plötzlich ein Gedicht an, daß ich nach Haus laufe und denke, du willst es gleich warm niederschreiben. Nun war die Nacht kühl, und mir verging unterwegs das Feuer ein bischen; ich ließ mich's aber wenig schmerzen, komme in meine Stub' und lange nach dem Kleiderschrank hinauf, wo mein Männchen aus Tannenzapfen steht, der die Streichhölzer auf dem Rücken trägt; der sollte mir wieder zu Feuer verhelfen. Der Spitzbub war aber weg, und weil die Thür offen stand, merkte ich's gleich, daß er davongelaufen sei in den Wald hinaus. Ich hab's ihm lange vorher am Gesicht angesehn, daß er Heimweh hatte. Weil ich ihn aber nicht entbehren kann und ein Poet ohne Feuer nicht fertig wird, mußte ich gern oder ungern wieder in die Nacht hinaus und ihm nach. --
So war ich kaum zwei Gassen weit gegangen, da sah ich so ein kleines Pflänzchen auf mich zu hüpfen, und der Mond schien hell genug, daß ich Glückspilzchen erkennen konnte, die bei den drei Tanten wohnt. Du Wetterkind, sagt' ich, wo willst du hin in der späten Nacht? Marsch, mache daß du heim kommst! -- Ach höre nur, rief das liebe Geschöpf; die Pedanterliese, meine böse Schwester! da hat sie mir die Puppe wegnehmen wollen, meine Käke, die mir Tante Buchstabiria geschenkt hat, und wie ich sie nicht hergeben wollte, ist sie bitterbös geworden, noch viel erzböser, als sie gewöhnlich ist. Ich habe die halbe Nacht im Bette gelegen und geweint, und die Käke hat auch geweint, denn sie will von der Pedanterliese nichts wissen. Zuletzt aber bekam ich eine so gewaltige Angst, daß ich leise, ganz leise aufgestanden bin, meine Sparbüchse mit den blanken Dreiern in die Tasche steckte und zum Hause hinaushuschte. Und nun will ich nicht mehr zurück, und du mußt mich beschützen. -- Mich jammerte es, wie ich Glückspilzchen und die Käke weinen sah, und weil ich noch ganz beglänzt war vom Maiwein, sagte ich, sie solle gutes Muths sein, wir wollten fort zusammen. Da hab' ich sie auf die Schulter gehoben, und so sind wir die Nacht durch gewandert und in den Tag hinein, bis wir dich gefunden haben, geliebter Schusterjunge!
Glückspilzchen drückte ihre Puppe fester an sich und sagte mit einer ganz feinen Stimme: Ach ja, Hansel, meine Schwester solltest du kennen. Immer strickt sie und lies't und zankt mich aus, wenn ich ein bischen mit der Puppe spiele oder im Garten herumlaufe. Und dann verklagt sie mich bei Tante Buchstabiria oder Strickerina, und ich werde gefitzt. -- Weine nur nicht, sagte der gute Hansel; ich spiel' dir auch was vor auf der Harmonica. Da wurde Glückspilzchen ganz fröhlich, holte ihre Sparbüchse heraus und klapperte den Takt dazu mit den Dreiern, während Hansel spielte und der lange Poet folgendes Lied sang:
Ein Bruder und eine Schwester -- Nichts Treueres kennt die Welt. Kein Goldkettlein hält fester, Als Eins am Andern hält.
Zwei Liebsten so oft sich scheiden; Denn Minne die ist voll Wank. Geschwister in Lust und Leiden Sich lieben ihr Lebelang.
So treulich, als wie beisammen Der Mond und die Erde gehn, Als wie der Sternelein Flammen Alle Nacht bei einander stehn.
Die Engel im Himmel sich's zeigen, Entzückt bis in Herzensgrund, Wenn Bruder und Schwester sich neigen Und küssen sich auf den Mund.
Und als er das gesungen hatte, bog sich Glückspilzchen herunter und wäre beinah gefallen; aber er fing sie auf in den Arm und sie küßte ihn dreimal auf den Mund, weil ihr das Lied so gefallen hatte; dann kletterte sie ihm wieder auf die Schulter und saß und spielte mit der Puppe. Hansel aber sagte: Was mich wundert, ist, daß Ihr eine so volle und tiefe Stimme habt und seid doch so dünn und hoch. -- Ja, sagte der Poet, ich habe mein Lebtag hoch hinaus gewollt, und daß ich so schmächtig bin, kommt daher, weil ich so oft abgezeichnet bin von Tante Schönekünstchen; da ist zuletzt nichts mehr an mir geblieben. -- Ich bin auch abgemagert; das kam aber von der schlechten Kost der Frau Meisterin, versetzte Hansel. Uebrigens seh' ich dahinten eine einsame Schenke; wärt ihr wohl so gut, für mich auszulegen? -- All mein Geld hab' ich zu Hause in dem braunen Ueberrock stecken lassen, sagte der Poet. Wir müssen mit Glückspilzchen ihrer Sparbüchse Haus halten. Du hast doch nichts dagegen, Schwesterchen? -- Die Kleine schüttelte lachend den Kopf und reichte ihm ihre blanken Dreier herunter, die er freundlich dankend in die Tasche steckte.
Während dem Allen waren sie zu dem einsamen Häuschen gekommen, das aber in der Nähe nicht wie eine Schenke aussah; denn es hatte kein Schild vor der Thür, auch keinen grünen Kranz. Innen aber schien eine lustige Gesellschaft zu hausen und zu schmausen, denn man hörte Gläser klingen und Gabeln klappern, und die armen Wandersleute vor der Thür wurden noch einmal so hungrig. Aber der Poet war gar dreist, klopfte kecklich an die Thür, und als Einer kam und fragte, wer draußen sei, antwortete er:
Ein Poet mit fixem Züngelchen Und Glückspilzchen, das feine Dingelchen, Auch ein blondes Schusterjüngelchen; Müde sind wir alle Drei, Ganz verschmachtet auch dabei. Wollt uns nur um Gottslohn speisen! Werden eilig weiter reisen. Oeffne drum die Thüre, Besterchen, Blanke Dreier hat mein Schwesterchen!
Darauf hörten sie wie ein Riegel zurückgeschoben wurde, und ein wunderhübsches Mädchen öffnete ihnen. -- Willkommen! sagte sie überaus freundlich, und tretet nur näher. Des alten Vogelstellers Sohn hält Hochzeit mit des alten Gärtners Tochter; ihr kommt gerade recht, uns Musik vorzumachen und hübsche Reime zu sagen. Nachher wär' ohnedies aus dem Tanzen nichts geworden. -- Da sprang Glückspilzchen dem schönen Mädchen in die Arme; die trug sie ein paar Stufen hinauf, und sie traten allzusammen in den großen Hochzeitssaal.
Drittes Kapitel.
Was ihnen auf der Hochzeit begegnet.
Das war aber ein stattlicher Saal, denn inwendig war das einsame Haus viel größer als von außen. Er war so mit Blumen geschmückt, daß man fast nichts sah von den Wänden, und oben an der Decke hingen eine Menge Vögel in Käfigen, die das Laub fast verbarg, und das gab eine schöne Tafelmusik. Die Eintretenden hatten jedoch kaum Zeit, einen flüchtigen Blick auf all die Herrlichkeiten zu werfen; denn schon hatte sie das schöne Mädchen zu dem jungen Paare geführt und Glückspilzchen, den Poeten und den blonden Hansel vorgestellt. -- Habe ich doch schon immer einmal einen Poeten zu sehn gewünscht, rief die Braut ganz vergnügt, und nun kommt gerade einer zu meiner Hochzeit. Ihr seht ja aber ganz aus wie ein gewöhnlicher Mensch, nur daß Ihr so ungewöhnlich lang und unmenschlich schlank seid. Ach, aber Ihr müßt mir gleich einen hübschen Vers machen!
Laß sie doch erst was essen! fiel das schöne Mädchen ein; die armen Leute sind ganz ermattet und hungrig. Damit führte sie die Drei an das Trompetertischchen in der Ecke, das unbesetzt war, weil die Trompeter und die andern Musikanten ausgeblieben waren, und da konnten sie sich erlaben nach Herzenslust.
Unterdessen kam das junge Volk, lauter Vogelstellerbursche und Gärtnermägdlein, und sah ihnen zu; denn sie waren gar neugierig zu wissen, wer die wunderliche Gesellschaft sei. Da sputete sich der lange Poet mit dem Essen, schenkte sich dann vom Frischen ein und trat mit dem Glase vor das Paar. Darauf ward alles ringsum mausstill und der Poet sprach folgenden Vers:
Gärtnerin, von allen Vögeln Fingst du heut den Schönsten ein. Vogler, unter allen Arten Blumen in dem Erdengarten Ward die wundersamste dein.
Vogler, mußt dein Blümlein hüten, Daß sich's recht ans Herz dir schmiegt; Und +du+ mußt des Vogels pflegen, Mußt ihn warm am Busen hegen, Daß er nicht von dannen fliegt!
Jedes mag vom Andern lernen, Was das Herz beglücken kann; Auf der Erde froh zu blühen, Und nach allen ird'schen Mühen Sich zu schwingen himmelan!
Es lebe das edle Paar! Vivat hoch! rief der Poet, und Alle stießen jubelnd mit den Gläsern an und waren gar guter Dinge. Die Braut aber konnte des Danks und Lobes kein Ende finden über die schönen Verse und hätte sie sich gar zu gern ins Stammbuch schreiben lassen. Der Poet aber entschuldigte sich, er habe sie schon wieder vergessen, weil sie aus dem Stegreif gedichtet wären; auch sei nicht viel dran; er könne es weit besser, wenn er nur sein Feuerzeug habe, dem er eben nachlaufe. Nun sollte sich die Gesellschaft aber was vortanzen lassen von seiner kleinen Schwester Glückspilzchen, und der blonde Schusterjunge würde dazu aufspielen. -- Freilich, das waren Alle zufrieden, rückten die Tische beiseit und Jeder suchte sich seinen Schatz und setzte sich mit ihm an ein heimliches Plätzchen, und wer keinen Schatz hatte, saß allein. Der Poet aber gab Glückspilzchen ihre Kupferdreier wieder in die Büchse, damit sie was zu klappern hätte beim Tanzen; dann setzte er sich selbst zu dem schönen Mädchen, das sie herein gelassen hatte; denn die Beiden mochten sich gut leiden, und es war als ob sie alte Bekannte wären, denn sie hatten hinter den Rosengewinden viele heimliche liebliche Dinge mit einander zu reden.
Wie nun Glückspilzchen zu tanzen anfing und dabei wieder den Takt mit der Sparbüchse klapperte und der Hansel seinen allerschönsten Hopser spielte, da konnte man sein blaues Wunder sehn. Denn sie tanzte so allerliebst, daß sie allen die Köpfe verdrehte und die Liebespärchen, die Brautleute an der Spitze, nicht lange sitzen blieben, sondern lustig drauf los walzten; aber es konnt' es Keiner so gut. Auch der lange Poet hatte das schöne Mädchen umarmt und hopste mit den Spinnebeinen mitten unter den andern, und die Vögel oben in den Käfigen stießen sich fast die Köpfe entzwei, so eifrig waren sie, es Glückspilzchen nachzumachen. Die Blumen hätten auch gar zu gern mitgehalten, aber sie konnten nicht von den dummen Stengeln loskommen; dafür zitterten und tanzten die Fensterscheiben desto besser und das ganze Haus wackelte; aber Glückspilzchen tanzte doch besser, als alle.
Da ging mit einem Male die Thür auf, und der alte Vogelsteller und der Vater der Braut, die nebenan geraucht und gekannegießert hatten, traten ganz verbrümmelt in den Saal. Was ist das für eine tolle Wirthschaft! rief der alte Vogelsteller. Soll uns das Haus überm Kopf einfallen? -- Da stand Glückspilzchen still und plötzlich auch all die Andern, und der blonde Hansel hörte auf zu spielen. Oben aber die Vöglein lagen mit blutigen Köpfchen halbtodt und sagten kein Pieps mehr, und die Blumen waren von der Anstrengung welk und bleich geworden. Wie das die beiden Alten gewahr wurden, erbos'ten sie sich immer mehr. Wie ist das Hexenpack hier herein gekommen? schrie der alte Gärtner. Hinaus damit! -- Und so schoben sie eifrig scheltend trotz aller Reden und Bitten der jungen Leute Glückspilzchen, den blonden Schusterjungen und den langen Poeten zur Thür hinaus.
Draußen war's abendlich und der Thau fiel. Da standen die Drei ziemlich niedergeschlagen; nur der Poet hatte noch ein bischen Humor übrig. Er hob Glückspilzchen, die die weinende Käke tröstete und beruhigte, wieder auf seine Schulter, summte ein Liedel in seinen hoffnungsvollen Schnurrbart hinein und schritt voran. Der Hansel zottelte wie im Traum hinterher, und wie die Käke mit Weinen fertig war, fing Glückspilzchen an und lamentirte ganz herzbrechend. Ach was werden die drei Tanten sagen, wenn sie mich nicht finden! jammerte sie. Und in der Schule, da werde ich so viel Schelte bekommen, daß ich nicht da bin! -- Dem Langen fiel's auch aufs Herz wegen der Tanten. Daran hatte er nimmer gedacht, weil er ein leichtsinniger Patron war, wie die Poeten alle; aber er suchte sein Schwesterchen zu beruhigen und sagte: Die werden froh genug sein, daß sie uns los geworden; und umkehren thu' ich einmal auf keinen Fall, bis ich mein Feuerzeug wieder habe. Weine nur nicht! ich schreibe dir schon einen Entschuldigungszettel für die Schule. -- Da wurde Glückspilzchen ein wenig stiller; aber der Hansel seufzte immerfort: Ach wann komme ich nun nach den Fleischtöpfen Aegypti! Ich dummer Holzleisten! Warum bin ich von Gansdorf fortgelaufen, wo ich doch Nachts ein Bett hatte und ein Obdach! So klagte er, und da wollte alles Zureden des langen Poeten nichts helfen.
Es war nun schon völlige Nacht geworden, da kamen sie in einen großmächtigen Wald, darinnen das Mondlicht sein Wesen trieb. Der Poet ward ganz fidel, als er die prächtigen Eichen rauschen hörte und die schlanken Rehe und Hirsche vorbeiwandeln sah. Er wäre gern die ganze Nacht so herumgestrichen; aber Glückspilzchen war eingeschlafen auf seiner Schulter vor Betrübniß und Angst, und da hob er sie sachte herab und nahm sie in den Arm, aber er wollte sie nicht aufwecken. Darum legte er sie leise ins Gras gerade unter einer steinalten Eiche, gab ihr die Käke in den Arm, die auch schon schlief und deckte sein Hütchen über seiner kleinen Schwester Gesicht, damit kein Käfer drüber weg laufen könnte. Der Hansel hatte sich auch gleich ins Gras gestreckt und schlief im Umsehn, und da wußte der lange Poet auch nichts besseres, als sich schlafen zu legen. Wie er aber so auf dem Rücken lag und zu dem Monde hinaufsah, fiel ihm eins seiner alten Lieder ein, das sang er ganz leise; denn er konnte nie einschlafen, ohne was gesungen zu haben. Das Lied lautete so:
Waldesnacht, du wunderkühle, Die ich tausend Male grüß', Nach dem lauten Weltgewühle O wie ist dein Rauschen süß! Träumerisch die müden Glieder Berg' ich weich ins Moos, Und mir ist, als würd' ich wieder All der irren Qualen los.
Fernes Flötenlied, vertöne, Das ein weites Sehnen rührt, Die Gedanken in die schöne, Ach! mißgönnte Ferne führt. Laß die Waldesnacht mich wiegen, Stillen jede Pein! Und ein seliges Genügen Saug' ich mit den Düften ein.
In den heimlich engen Kreisen Wird dir wohl, du wildes Herz, Und ein Friede schwebt mit leisen Flügelschlägen niederwärts. Singet, holde Vögellieder, Mich in Schlummer sacht! Irre Qualen, lös't euch wieder; Wildes Herz, nun gute Nacht!
Als er den letzten Ton gesungen hatte, fielen ihm leise die Augen zu und da hatte er sich selbst in Schlaf gesungen.
Viertes Kapitel.
Wie Glückspilzchen gar seltsam gebettet wird.
Wie sie nun eine Weile so gelegen hatten, fing der blonde Hansel auf einmal laut an zu schnarchen, und dann schwätzte er wieder unsinniges Zeug aus dem Traum, als: O ich Pechvogel! Fleischtöpfe! Holzleisten! Sie ist ein knauseriges Weibsbild, Frau Meisterin! O ich Pechvogel! -- Davon wachte Glückspilzchen auf, richtete sich in die Höhe und warf das graue Hütchen vom Gesicht. Sie war recht traurig, denn sie hatte von den drei Tanten geträumt und von der Pedanterliese, und ihre Käke wär' ihr gestohlen worden. Damit war's aber nicht so schlimm; die Käke lag schlafend in ihrem Arm. Es war schaurig und kühl unter den Bäumen, und Glückspilzchen gruselte vor dem Mondlicht und dem blonden Schusterjungen, der aus dem Schlaf faselte. Da stand sie endlich leise auf, legte ihrem Bruder den Hut hin und küßte ihn auf die Stirn. Er mußte es gemerkt haben, denn er sagte halblaut:
O du Grashupferchen, Du Sachtschlupferchen Mit den blanken Dreiern von Kupferchen, Hol' dir von der Kühle kein Schnupferchen!
Glückspilzchen mußte im Stillen lächeln, band sich aber doch ihr seidnes Halstuch fester, nahm die Käke unter die Schürze und kletterte behend wie ein Kätzchen den alten Baum hinauf, bis sie den blonden Hansel nicht mehr hörte. Da suchte sie sich einen schönen breiten Ast aus, legte sich zum Schlafen zurecht und sang, bevor sie die Augen schloß:
Englein mit den Flügeln hold, Mit dem Haar aus eitel Gold! Wenn ich etwa fallen sollt', Seid viel tausendmal gebeten, Unten auf das Gras zu treten Und die Aermchen auszubreiten, Daß ich sanft mag niedergleiten. Nehmet auch, o seid so gut, Meine Käke recht in Hut! Daß sich keines Schaden thue, Schenkt uns eine sanfte Ruhe.
Und so schlief sie sorglos ein.
Es dauerte gar nicht lange, da ließ sie die Puppe wirklich los, die sie vor dem Einschlafen fest an sich gedrückt hatte, und sie fiel unter der Schürze weg von dem hohen Ast hinab. Ein Glück war's nur, daß Glückspilzchen die Engel gebeten hatte, ein wenig Achtung zu geben; sonst hätte sich die Käke den kleinen Kopf elendiglich an den Eichenwurzeln zerschlagen. So aber legten sie die Englein unter Vergißmeinnicht und Veilchen ins Gras, und da schlief sie den Schreck vom Fall gar sanft und ruhig aus.