Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler

Part 12

Chapter 122,722 wordsPublic domain

Hör' auf, Franz! schrie Fedelint, mir geht der Athem aus. -- Der aber strich noch eine Weile fort; dann schloß er mit einem langen, köstlichen Triller und sagte: Hör', Fedelint, du mußt mir das Lied der Nixe vorsingen. Wenn du heut um Mitternacht die Serenade bringst, geh' ich mit und begleite dich auf der Geige; das wird sich besser machen, als wenn du mit deinem dünnen Bariton allein dich hören lässest. -- Bravo! sagte Fedelint. Aber erst will ich meine Hörnlein an den Stamm da stupfen, es ist wahrhaftig schon fünf Minuten über Ein Uhr. Und damit butzte er den Kopf an die Eiche, unter der sie gespeis't hatten, daß Franz vor Lachen sich die Seiten hielt. Dann fing Fedelint an und sang Undula's Lied, und Franz strich die Fiedel dazu, und ich wollte selbst, ich wäre dabei gewesen.

Siebentes Kapitel.

Wie Fedelint an den Unrechten kommt.

Sie waren nun den ganzen Tag im Forst herumgeirrt, und Fedelints Hörnlein hatten mehr und mehr abgenommen, daß er sie schon hätte mit den braunen Locken bedecken können. Da ging der volle Mond in großem Glanze am Horizonte auf, und sie sahen von einem Hügel, den sie erklimmten, das zauberhafte Schauspiel seelensvergnügt mit an. Jetzt ist die rechte Zeit! jauchzte Fedelint; still, Franz! war dir's nicht auch, als hörtest du da geradezu das Reh rufen? -- Ja, sagte Franz, es rief was; aber ob's von einem Reh war, will ich nicht beschwören. -- Indem hatte der stürmische Fedelint den Bruder schon mit fortgezogen. Siehst du? Siehst du? der braune Fleck da? raunte er ihm zu. -- Ja ja, erwiederte Franz, ein brauner Fleck ist's; aber ob's ein Reh ist, will ich nicht beschwören. Fedelint aber hörte nicht, sondern stand schon steif und fest da, räusperte sich und hob mit lauter Stimme an:

Rehlein schlank und Rehlein braun, Von der allerschönsten Fraun, Undula der Wassernix, Bring' ich zu dir Gruß und Knix.

Und sie läßt dir freundlich sagen, Dies Geweihlein sollst du tragen. Nimm's und hab' noch tausend Dank, Rehlein braun und Rehlein schlank!

Ach Herr Jesus, Herr Jesus, mein Kopf! schrie da auf einmal ein Mensch. -- Horch, Fedelint, sprach Franz, da hast du einmal was Dummes gemacht! Dacht' ich's doch gleich. -- Sie schlüpften eilig durch die Sträucher und zu dem Orte hin, von wo die Stimme erschollen war, und da sahn sie die Bescherung. Der alte verrückte Kapellmeister lief wie unsinnig in seinem braunen Schlafrock zwischen den Bäumen herum, faßte sich jammernd und wehklagend nach dem Kopf, wo richtig Fedelints Hörnlein saßen, und auf dem Platz, wo er gesessen hatte, lag der große dicke Bassistenkönig, der Waldteufel mit dem Bilde Muffels des Ersten auf der Brust. In demselben Augenblick trat das Reh, dem das Geweih bestimmt gewesen, aus den Schatten hervor, sah sich die Gesellschaft verlegen an und nahm dann hastig Reißaus ins Dickicht hinein.

Aber lieber alter verrückter Kapellmeister! wie kommt Ihr denn hierher? rief Fedelint. Und was in aller Welt habt Ihr mit dem Waldteufel vorgehabt? -- Der Alte sah sie Beide mit starrem Blick an. Plötzlich sprang er wie unsinnig auf den Waldteufel los, faßte ihn und rief: Wollt Ihr mir noch hinter mein Geheimniß kommen, wie Ihr mir den Schabernack mit den Hörnern angethan habt? Ihr Teufelssakkermenter! -- Und damit rannte er so eilig fort, daß ihm der braune Schlafrock wie eine Fahne nachwehte und die Beiden versteinert dastanden.

Ein alter Jägersmann trat schlau lächelnd zu ihnen. Mit dem ist's nicht richtig, Ihr Herren, fing er an. Denkt nur! gestern Nacht, ich hatte eben meine Büchse in die Ecke gestellt, und will mich hinlegen und schlafen, da geschieht plötzlich ein gewaltiges Brausen durch die Luft, daß mir altem Jäger ordentlich bange wird, und wie ich den Kopf aus meiner Hütte stecke, sehe ich ein ganz Heer von Waldteufeln herangeflogen kommen, und hinterdrein jagt das kleine dürre Männchen, das Ihr eben gesehen habt, und schreit, was es nur kann: Halt' doch still, Nixe! halt' doch still! Wirklich kriegt er den einen zu fassen, stolpert aber über eine Baumwurzel und fällt längelangs zur Erde. Wie er sich wieder aufgerappelt hatte, waren die andern alle verschwunden; der eine Waldteufel aber lag ganz zerknittert neben ihm. Im Nu hatte er ihn in der Hand und rief jubelnd: Hab' ich dich endlich! Hab' ich dich! Dann setzte er sich auf einen gefällten Baumstamm und besah ihn von hinten und vorn. Ganz verstimmt! brummte er ärgerlich, bog die Pappe wieder gerade, zog so ein Ding wie eine Gabel aus der Tasche, hielt sie vors Ohr und drehte dann den Waldteufel. Es ist wirklich ~Fis dur~ geworden, sagte er vor sich hin. Das wird Mühe kosten, ihn wieder auf ~C moll~ zu bringen! -- Und nun saß er die ganze Nacht und den ganzen vergangenen Tag auf demselben Fleck, machte die Roßhaare bald kürzer, bald länger und hielt immer von Zeit zu Zeit die Gabel vors Ohr, die ganz wunderlich klang. Mich dauerte der arme Mensch; ich trat am Ende zu ihm und brachte ihm ein Stück Brod und einen Käse. Er sah erschrocken auf, versteckte den Waldteufel rasch, nahm aber die Speisen kopfnickend an, ohne ein Wort zu sprechen. Sobald ich fort war und er aufgegessen hatte, was ich ihm brachte, fing er wieder von vorn an zu spielen und die Gabel vors Ohr zu halten, und das hat er getrieben, bis Ihr kamt. Wißt Ihr mir vielleicht zu sagen, wer er ist, meine Herren?

Es ist der alte verrückte Kapellmeister aus der Stadt, sagte Fedelint. Weiß der liebe Himmel, was er wieder für Schrullen im Kopf hat! Aber wollt Ihr wohl so gut sein, Herr Jäger, uns nach der Stadt zu weisen? -- Von Herzen gern, sagte der Jäger; ich will ohnedies sehen, ob noch ein Laden offen ist, um mir etwas Pulver zu kaufen.

Und so schritten die Drei in wechselnden Gesprächen durch die monddämmerigen Laubgänge der Stadt zu.

Achtes Kapitel.

Wie das Märchen von Fedelint und Funzifudelchen ein fröhliches Ende nimmt.

Im Glas-Pavillon sah's in dieser Nacht wie alle Nächte aus. Funzifudelchen hatte französische Stunde und mußte aus dem ~Charles XII.~ übersetzen, den ihr der Lehrer vorlas. Der alte König saß mit seinem lieben Rapudänzelchen dabei und hörte zu, obgleich sie Beide eigentlich kein Französisch verstanden. Sie thaten aber doch so, denn es war Mode, und der König stieß alle Augenblicke seine Gemahlin an und sagte: Hör', wie unser Kind viel weiß! es geht ja wie Wasser. -- Der Lehrer zupfte dann an den Vatermördern, machte ein wichtiges Gesicht und sagte: Es mag auch wohl am Lehrer liegen, Majestät. Bei jedem Andern hätte Fräulein Prinzessin Tochter Königliche Hoheit nicht so viel gelernt, trotz ihrer ~qualités excellentes~; aber meine Verdienste um die französische Sprache sind von der Pariser Akademie -- --

Schnurrurrurrurrrrrrr ... ging es unten auf der Straße los. ~Ah mon Dieu!~ rief Funzifudelchen, welch ein gräulicher Lärm! Der König stürzte zum Fenster und sah draußen den alten verrückten Kapellmeister stehn und mit wahrem Feuereifer den großen Waldteufel schwingen. Der Mond beleuchtete gerade die Hörnlein, die aus dem langen weißen Haar hervorschauten; aber das dürre Figürchen stak in einem feierlichen schwarzen Anzug, um den Hals war eine schlohweiße Binde geknüpft, und ein großmächtiger Blumenstrauß saß im Knopfloch, als ging's zur Hochzeit. Indem der König eben nach seiner Börse griff, um dem alten Musikanten einen Groschen hinabzuwerfen und ihn fortzuschicken, kam schon die Wache und nahm den alten verrückten Kapellmeister trotz alles Sträubens und Schreiens: es wäre das Lied der Nixe Undula, und ganz richtig nach ~C moll~ gestimmt! mit sich fort.

Daß man doch nie vor Störungen sicher ist! sagte Muffel der Erste ganz ärgerlich und setzte sich wieder. Bitte, Herr Beaumarchais, fahren Sie fort. -- Die Prinzessin war ein wenig unruhig und zerstreut. Da klang's vom nahen Kirchthurm Mitternacht, und unter dem Fenster fing eine wunderliebliche Melodie an; eine Geige spielte einige reizende Passagen, dann sang ein zarter Bariton folgendes Lied:

Dein Herzlein mild, Du liebes Bild, Das ist noch nicht erglommen; Und drinnen ruht Verträumte Glut, Wird bald zu Tage kommen.

Es hat die Nacht Einen Thau gebracht Den Blumen all im Walde, Und Morgens drauf Da blüht's zuhauf Und duftet durch die Halde.

Die Liebe sacht Hat über Nacht Dir Thau ins Herz gegossen, Und Morgens dann, Man sieht dir's an, Das Knösplein ist erschlossen!

Ach Himmel! rief die Prinzessin, was ist das? Ich +sehe+! Ich +sehe+! Ach Herr Beaumarchais, was haben Sie für große Vatermörder! Ach lieber Vater, liebe Mutter! -- Und damit fiel sie den erstaunten Eltern um den Hals und hätte beinah auch Herrn Beaumarchais umarmt. Der aber machte einen respektvollen Diener und sagte: Entschuldigen Sie, Königliche Hoheit! das wäre ein Verstoß gegen die Regel der französischen Etiquette. Muffel der Erste aber und Rapudanzia fielen wechselsweise sich und Funzifudelchen in die Arme und lachten und weinten. Da klopfte es an die Thür. Herein! Herein! riefen Alle miteinander, und da ging die Thür auf und Fedelint trat ein. Ach, schrie Funzifudelchen ganz laut, was für ein schöner Mensch! -- und darauf wurde sie ganz roth und schwieg stille. Der König aber trat zu Fedelint und sagte: Junger Mann, seid Ihr der Sänger? Und als Fedelint in wortlosem Entzücken dastand, trat geschwind Einer mit einer Fiedel hinter der Thür hervor und sagte: Ja, Majestät, das ist er, und mein Bruder auch, und ich schmeichle mir nun geborner Prinz von Geblüt zu werden. -- Donnerwetter, das sollt Ihr! sagte der König, umarmte erst Fedelint und dann Franz, führte darauf den noch immer stummen Studenten seiner Tochter zu und sagte: Da habt Ihr Euch, Kinderchen!

Meine Feder vermag die nun folgenden Stunden nicht würdig zu schildern. Was aber weiter sich zugetragen, wird Jeder aus der Weltgeschichte schon wissen, in der König Fedelint und König Franz eine so bedeutende Rolle spielen. Nur einige Detail-Notizen sollen gegeben werden, die ungerechter Weise von den Historiographen nicht angeführt worden sind.

Daß Fedelint keinen seiner alten Freunde vergaß, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Der alte verrückte Kapellmeister verstarb noch in selbiger Nacht; sonst hätte sich der junge König seiner gewiß ganz besonders angenommen. Vor allen Dingen bezahlte dieser seine Schulden, und zwar doppelt und dreifach, und gab allen Studenten in seinem Reich, als seinen ehemaligen Genossen, einen famosen Wein-Commerce und sechs Monate Ferien. Seine alte Wirthin aber, die Schneidersfrau, wurde zur Hof-Thee-Köchin ernannt und bekam ein ganz unglaublich hohes Gehalt, denn sie hatte dem weiland Studenten viel Gutes erwiesen.

Allen Nachtwächtern und Pedellen, die ihn so oft ins Carcer gebracht hatten, verzieh Fedelint aufrichtig, versprach ihnen sogar Beförderung und schenkte Jedem einen Fedelintd'or. Einem aber konnte er nicht verzeihen, und das war der Professor Theophilus Sutorius. Bei der Hochzeit ließ er vor dem Stadtthor ein großes Schauspiel vorstellen, und dem mußten bei Strafe alle Bürger ohne Ausnahme beiwohnen. Als es nun eben recht im Gange war, verließ Fedelint die Loge, ging in die menschenleere Stadt zurück und warf dem Professor alle Fensterscheiben ein, und zwar mit harten Thalern, damit er sie wieder machen lassen könne. Der letzte Thaler aber war in einen Zettel gewickelt, darauf stand:

Weil du Undula betrogst Und die ganze Welt belogst, Hast du's selbst auf dem Gewissen, Sind die Fenster dir zerschmissen. Bessre dich und kehr noch um! Sonst nimmt Fedelint es krumm. Dieses droh' ich dir zum Schluß, Theophilus Sutorius!

Ob der Professor sich diesen schönen Vers wirklich zu Herzen genommen hat, weiß ich nicht zu sagen. Fedelint aber und Funzifudelchen lebten in einer sehr glücklichen Ehe; und wenn ja einmal eine kleine Verstimmung eintrat, schrieb Fedelint ein Billet an seinen Bruder, dessen Königreich dem seinen benachbart war, und der ließ anspannen und fuhr mit seiner Gemahlin herüber. Wenn er dann da war, ging er zu den schmollenden Eheleutchen, zog die Fiedel hervor und spielte und sang:

Will mich ein Harm beschleichen, Ich weiß wohl, was ich thu'; Ein Liedlein thu' ich streichen, Und sing' mir eins dazu.

Gleich hat der flinke Takt Die Beine mir gepackt; Ich muß dazu auch tanzen, Und fort ist, was mich zwackt.

Und da fingen Fedelint und Funzifudelchen auch an zu tanzen und tanzten einander in die Arme, und dann war Alles vorbei, und diese Geschichte auch.

Epilog.

Ein Krämer und ein Schneider Die kamen zur Lorelei, Zwei fromme, verständige Seelen, Und war noch ein Dritter dabei.

Der Krämer hub an zu sprechen: Ich habe viel sagen gehört, Es säß' eine Hexe dadroben, Die singend die Schiffer bethört.

Es spielt die liebe Sonne Um Fels und Ufer so klar, Und wär's mit der Hexe richtig, Wir würden sie jetzt gewahr.

Der Schneider sprach: Einst hab' ich So manches Meßgewand Zu Cölln für die Priester geschneidert; Die klärten mir auf den Verstand.

Die Mähr von der singenden Lore Ist eitel Lug und Wahn, Vom leidigen Teufel ersonnen, Die armen Seelen zu fahn. --

Der Dritte ging daneben, Sah staunend hoch empor, Dann in die Brandung nieder Und horchte mit halbem Ohr.

Wehmüthig blickt' er auf Jene, Sang leise vor sich hin: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin!«

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=Karl Eitner=, Die Abenteuer in der Weihnachtskrippe. Mit Titelkupfer. 8. eleg. geb. 1⅙ Thlr.

Ein anerkannt vortreffliches, das jugendliche Gemüth überaus ansprechendes Buch.

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Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 3: »sich« ergänzt schauen {sich} nicht mehr viel nach mir um

S. 52: Glüspilzchen → Glückspilzchen Mein erster Gedanke war gleich an {Glückspilzchen}

S. 104: luftige → lustige Es war eine überaus {lustige} Gegend

S. 108: ganz → ganzes da hätte ein {ganzes} Regiment Dragoner

S. 109: Luft → Lust sich nach {Lust} zu bewegen und herumzuwälzen

S. 124: follten → sollten aber was {sollten} sie thun