Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler
Part 11
Sie hatte kaum geendet, da hörte sie hinter sich ein gewaltiges Krachen, und gleich darauf fiel ein schwerer Körper ins Wasser. Wie sie umblickte, gewahrte sie Fedelint, bemüht sich aufzurichten zwischen den Steinen und Wellen; die Weide hing gebrochen über ihm. Er war, in das Lied versunken, zu weit aufs obere Ende hinaufgerutscht, um die Sängerin besser zu sehen. Die aber wandte sich halb erschrocken, halb zürnend um, und als sie den Mann im Schlafrock gewahrte, wie er den reißenden Wellen kaum Widerstand leisten konnte, rief sie: Frevler, der du gewagt hast mich in der Waldeinsamkeit zu belauschen, zur Strafe sollen dir auf der Stirn wie weiland Aktäon zwei Hörnlein wachsen! -- Damit wollte sie eilig in die Tiefe hinabtauchen; aber Fedelint, der mit Entsetzen auf seinem Kopf das Geweih wachsen fühlte, rief ihr flehentlich zu: Allerschönste Göttin oder Nymphe, wer du auch seiest, ich beschwöre dich bei der waldschützenden Diana, bleibe und laß mich nicht unverdient büßen! -- Es lag so etwas Rührendes in seiner sanften Bitte, daß die erzürnte Schöne unwillkürlich zögerte. Fedelint schwang sich indessen ans Ufer, und als er in dem wogenden Silberspiegel sich beschaute und den stattlichen Kopfschmuck ganz unbefangen als wenn's gar nichts wäre auf seiner Stirn sitzen sah, mußte er, so traurig er war, doch laut auflachen. Er kam sich gerade so vor, wie der Moses in den alten Bilderbibeln, oder gar wie der leibhaftige Gottseibeiuns. Das muß wahr sein, Fräulein, sagte er mit ganz lustiger Stimme, da werdet Ihr keinen Mann kriegen, wenn's ruchtbar wird, daß Ihr's Hörneraufsetzen so gut versteht! Ich bin doch aber wahrhaftig unschuldig dazu gekommen. Habt Ihr ja ein ganz ehrbares Gewand bis über die Fußspitzen, und Diana seligen Andenkens saß gerade im Bad, als der Waidmann Aktäon des Wegs kam. Wenn Ihr mir nur in aller Welt sagtet, wie Ihr auf den Einfall mit den Hörnern gekommen seid! -- Ach, sagte die Nixe, das ist eine lange Geschichte! -- Sie schien ein bischen betrübt, säumte aber nicht, sondern schritt durch die Wellen, die ihr ehrfurchtsvoll die Hand küßten, nach dem Ufer, wo Fedelint stand und das Wasser aus seinem Schlafrock rang. Sie setzte sich ins Gras dicht neben den Weidenstamm, der so tückisch unter Fedelint zusammenbrach, und hieß den jungen Mann neben sich sitzen. Seid nur dreist! rief sie, als sie bemerkte, daß er fortwährend besorgt nach dem Saume ihres Gewandes sah, ob nicht etwa ein garstiger Fischschwanz hervorguckte -- ich bin kein Ungethüm, wie es Eure Poeten mir nachsagen; da seht! -- Und damit streckte sie zwei rosige Füßchen aus den Wellen hervor, die der Mondschein küßte, daß das rothe Blut in den Adern viel lustiger zu rinnen schien. Fedelint fuhr nach dem Kopf und meinte gleich, es wüchsen ihm neue Hörner. Die Nixe lachte. Seid doch nicht wunderlich! sagte sie; Ihr sollt die ersten nicht behalten, viel weniger neue haben. An all dem Unglück ist doch nur der Schlafrock Schuld. Aber wer seid Ihr so eigentlich? fragte sie. Da erzählte ihr Fedelint treuherzig seine ganze Geschichte. Sein Vater war Schulmeister in einem kleinen Nest gewesen, hatte ihn früh auf die Universität gebracht und seinen einzigen Bruder auch. Der war aber in die Welt gelaufen; denn er war ein Musikant und spielte die Fiedel wie Einer, aber hinter den Büchern sitzen mochte er nicht. Nun kam die ganze Geschichte von seiner Liebe zu Funzifudelchen, und wie er heut Abend, nachdem er bei Wasser und Butterbrod im Carcer gesessen, von der alten Hexe vexirt sei. -- Ach du armer Schelm! sagte die Nix, den Spuk hat dir die böse Fee Aurora Mesopotamia angerichtet; denn wenn du dich hättest verführen lassen, wär' Funzifudelchen dir auf immer verloren gegangen. Aber du mußt ja recht hungrig sein! will dir gleich was holen lassen. -- Sie pflückte in Eil von den Blümelein Vergißnichtmein, die häufig am Bach wuchsen, schlang ein Kränzchen und warf's gerade auf die tiefe Stelle. Dazu sang sie:
Kränzlein von den Blumen blau, Schwimm zu meiner Kammerfrau! Sag' ihr, daß sie bring' herbei, Was vom Vesper übrig sei: Fischsalat von Lachsforellen, Butterbrödchen mit Sardellen, Grünen Aal und blauen Hecht; Schwimm und meld' ihr Alles recht, Daß sie sei in Eile da! Dies befiehlt dir Undula.
Das Kränzlein war Augenblicks hinabgesunken. Fedelint aber saß in tiefen Gedanken. Fräulein Nixe, fing er an, ist Undula wirklich Euer Taufnamen? -- Die Nixe wurde roth. Man kennt mich jetzt nur unter diesem, sprach sie; früher hieß ich +Wellindchen+. Wenn Ihr mir zuhören wollt, sollt Ihr die ganze Geschichte wissen; dann werden sich auch manche andere Räthsel lösen. Wißt nun also vor allen Dingen, daß ich wirklich die Undula bin, die die böse Fee Mesopotamia meinte, als sie Euer Funzifudelchen verwunschen hat; und das Lied, das Ihr von mir hörtet, ist das, wonach jetzt alle Welt aus ist. Früher aber -- doch laßt uns abbrechen; ich sehe da meine Kammerfrau auftauchen, und es ist nicht gut, wenn die Dienstboten um die Familiengeheimnisse ihrer Herrschaft wissen.
Wirklich tauchte an der tiefen Stelle ein junges Nixlein auf und trug auf dem Haupte ein Brett mit einer reichlichen Collation. Sie kam mit niedergeschlagenen Augen auf die Stelle zu, wo Undula und Fedelint saßen, und stellte das Brett auf einen breiten Steinblock, der wie gemacht schien zum Tisch, konnte aber nicht unterlassen, den schönen Studenten verführerisch anzublinzen. Undula sah's gleich und machte ein bös Gesicht. Kannst du das Liebäugeln und Coquettiren noch immer nicht lassen? rief sie zürnend. In euch leichtfertiges Volk ist doch gar keine Sittsamkeit zu bringen! -- Das Nixlein wurde hochroth und eilte, wieder hinabzutauchen. Undula aber nöthigte ihren Gast zu essen, machte die üblichen Entschuldigungen der Hausfrau und bat, vorlieb zu nehmen. Sie selbst aß nichts, ließ die Perlen ihres Halsbands durch die Hand gleiten, und während Fedelint mit einem rechten Studentenappetit zu essen anfing, erzählte sie Folgendes.
Fünftes Kapitel.
Abenteuer der Nixe Undula mit dem Professor Theophilus Sutorius.
Es ist nun schon zwanzig Jahr her oder gar drüber, da saß ich eines Tages in dem Wipfel jenes Erlenbäumchens, das, wie Ihr sehn könnt, die Zweige zu einem förmlichen Sitz ausbreitet. Es war das meine liebste Zuflucht, wenn meine Freundinnen mich geärgert hatten; denn ich war damals noch sehr jung und durfte auf den großen Nixenbällen nicht tanzen, und da sahn sie mich zuweilen über die Achsel an und schimpften mich einen Backfisch. Darum zog ich mich, wenn wieder Ball war, in mein Schmollwinkelchen zurück, oben auf den Baum, und weinte.
Da saß ich also wieder einmal und weinte, und hatte meine langen Haare um mich gehüllt, daß sie fast bis auf den Boden herabreichten, als ich einen jungen Menschen daherkommen sah, das Ränzel auf dem Rücken und den Wanderstab in der Hand. Er sang:
Den Plato und den Cicero, Die hab' ich wohl im Kopf; Und doch sagt mir die Burschenschaft, Ich sei ein dummer Tropf.
Das kommt daher, das kommt daher, Daß ich nicht küssen kann. Ach käm' ein einsam Dirnchen doch, Die mir es zeigte an!
Weiß Gott, sagte er, das ist ein wundervoller Platz zum Ruhen! Es macht doch herzlich müde, wenn man einmal die Nase in den Wald steckt. Aber schön ist er, und im Horaz und Virgil steht nichts davon. -- Er hielt diesen Monolog lateinisch, was ich damals noch nicht verstand; aber weil er ausführlich Tagebuch führte über jedes Wort, was er gesprochen und gedacht hatte, und die guten Gedanken in ein besonderes Heft excerpirte, hat er mir's nachher zu lesen gegeben. Er schnallte nun sein Ränzel ab und war eben im Begriff sich ins Gras zu strecken, da sah er mein langes Haar herniederwehen. Ei der Tausend! rief er aus und weiter nichts, sondern stand mit offnem Munde da und hatte die blaue Kappe in der Hand, und mit der andern spielte er an den Schnüren seiner schwarzen Sammetpikesche. Ich sah nun eigentlich erst, daß er ein bildhübscher Mensch war; nur blaß war er, und wie er so mit offnem Mund und großen Augen dastand, sah er ein bischen dumm aus. Ich war damals ein muthwilliges Ding und rief ihm zu: Junger Herr, macht nur den Mund zu und setzt die Kappe auf, und wenn Ihr ein Stündchen Zeit habt, klettert herauf zu mir; da ist noch ein prächtiger Ast für Euch, wir wollen eins plaudern zusammen. -- Er folgte etwas verlegen meinen Worten, kletterte unbeholfen hinauf, und saß mir stumm gegenüber, über und über roth vor Verlegenheit. Nun, sagte ich, Ihr seid mir ein schöner Held, fürchtet Euch vor einem armen jungen Nixchen, das sie Alle Backfisch schimpfen! -- Wie ich den Namen Nixe aussprach, sah er, gerade wie Ihr, Fedelint, ängstlich nach dem Saume meines Gewandes, ließ sich aber eben so geschwind von seinem Aberglauben heilen. Erzählt doch, fing ich wieder an, wer Ihr seid; glaubt, ich thue Euch nichts zu Leide! -- und dabei mußt' ich die Augen senken, denn ich fühlte, daß er meinem unerfahrnen Herzen schon was zu Leide gethan hatte. -- Aengstlich fing er an: ~Natus ego sum, Theophilus Sutorius~ -- ach verzeiht, schönes Fräulein! unterbrach er sich, ich muß es auf Deutsch sagen; Ihr versteht ja kein Latein. Ich heiße +Gottlieb Schuster+, nenne mich Theophilus Sutorius, weil das anständiger ist, und bin Student im dritten Semester. Meine Kameraden nennen mich einen Philister, weil ich lieber hinter den Büchern, als hinterm Wirthstisch sitze, und lachen mich aus, daß ich nicht küssen kann. Ich sagte ihnen, ich wollt's ja herzlich gern lernen, wenn sie nur Einen wüßten, der darüber Vorlesungen hielte. Da wiesen sie mich zu verschiedenen alten Professoren; ich sollte sie bitten, mir ein ~privatissimum~ übers Küssen zu halten. Die aber schüttelten den Kopf und schickten mich zu ihren alten Haushälterinnen, bei denen könnt' ich's lernen. Aber die alten garstigen Fliegen wollten mich umarmen und sagten, als ich mich wehrte, das gehöre auch dazu, das wären die Elemente. Da lief ich fort, und wie ich auf die Kneipe kam und meinen Kameraden das erzählte, lachten sie mich ganz gewaltig aus und sagten, ich sollte in den Ferien eine Reise ins Gebirg machen, und wenn ich an einer einsamen Stelle eine hübsche Dirne träfe, die sollte ich bitten, mir Unterricht im Küssen zu geben; sie würde es wohl ohne Honorar thun. Ja seht, schönes Fräulein, schloß er, da bin ich nun zu Euch gekommen. Wollt Ihr mich's lehren?
Jetzt war die Reihe an mir, zu erröthen; aber der arme Mensch dauerte mich, wie er mich so bittend ansah, und am Ende hätte er's von einer andern gelernt, und das war mir ein unausstehlicher Gedanke. Ich sagte also: Wenn's denn sein müßte, ja! aber so ganz ohne Honorar ging' es nicht; er müsse mir ein bischen Latein beibringen. Das war er denn auch zufrieden, und ich sagte ihm, er solle nur herabsteigen und mir die Hand reichen, daß ich bequem zur Erde käm'. Mit einem Sprung war er unten und stand und hielt die Arme ausgebreitet, freilich wie eine Gliederpuppe, aber er war doch gar zu schön! Ich flocht in der Eil meine Zöpfe auf und sprang vom Baum; ich weiß nicht, wie es zuging, daß ich gerade in seine Arme sank, und in der Bestürzung, wie ich so wankte, drückte ich meine Lippen auf seinen Mund, um mich an ihm zu halten. Ich fühlte, er wurde ganz verwirrt, sagte aber: Nicht wahr, ich kann's noch nicht, Fräulein? -- Ach, antwortete ich ihm, Ihr seid nicht ohne Talent; ich hoffe, Ihr sollt es bald aus dem Grunde können. -- Nun war's aber schon spät geworden und ich mußte fort. Lieber Theophilus Sutorius, sagt' ich, ich muß wahrhaftig fort und kann Euch nicht mitnehmen; Ihr möchtet mir ertrinken, denn das Wasser ist Euch gar zu ungewohnt. Aber die Nächte sind jetzt mild genug; da könnt Ihr im Freien hausen, und wenn unten Alles schläft, komme ich zu Euch zum Unterricht und bringe Euch zu essen. -- Indem hört' ich von unten rufen: Backfisch! Backfisch! Wellindchen! wo steckst du denn? -- Also Wellindchen heißt Ihr, sagte er. Wißt Ihr was? Ihr sollt jetzt Undula getauft werden; das paßt besser in die lateinische Ode, die ich auf Euch machen will; und hört einmal, wenn Ihr mich anredet, müßt Ihr immer Theophile Sutori sagen; das ist der Vocativ, und sonst macht Ihr einen groben Schnitzer gegen die Zumpt'sche Grammatik. -- Wie Ihr wollt, sagt' ich; doch nun lebt wohl! ich höre schon wieder nach mir rufen. In drei Stunden geht der Mond auf, da komm' ich zu Euch. Adieu! -- Pros't! sagte Theophilus, und ich sah ihn am Ufer stehn und mir nachschaun, wie ich in die Tiefe niedertauchte.
Fedelint hatte der Nixe mit steigendem Erstaunen zugehört und ganz den Fischsalat und die Sardellenbrödchen vergessen. Theophilus Sutorius! rief er aus. Das ist ja der Professor der Philologie und Nixologie an unserer Universität, der das Buch »Ueber die Nichtexistenz der Fischschwänze bei der Gattung ~Nixa aquosa~« geschrieben hat. -- Ja, ja, derselbe! seufzte Undula, und all seine Weisheit hat er von mir, der Undankbare! Hört nur weiter. Ich kam also in der Nacht, als mein Vater und meine Freundinnen schliefen, wieder herauf und fand ihn, wie er eben seine Ode auf mich fertig hatte. Ich verstand noch kein Sterbenswörtchen; aber es klang doch schön, wie er's so im Mondschein declamirte; wenn er nur nicht mit den Armen so steif in der Luft herumgefahren wäre! Da aß er nun erst, was ich ihm mitgebracht hatte, rein auf; damals erfuhr ich zuerst, was Studentenappetit ist. Dann fing er seine lateinische Stunde an, und da ich gut begriff, wie wir Nixen alle, kamen wir in der ersten Lection gleich bis ~amo~. Das war ein passender Uebergang zu +meinem+ Unterricht, und ich kann Euch versichern, Fedelint -- und dabei sah sie erröthend auf ihre Perlenschnur -- er machte eben so schnelle Fortschritte im Küssen, wie ich vorher im Lateinischen.
So hatte der gegenseitige Unterricht ungefähr einen Monat gedauert, und ich war es so gewohnt, in altgriechischem Gewande zu erscheinen, daß ich auch jetzt, wo gar Vieles anders geworden ist, mich nur so kleide, wie Ihr mich seht, lieber Fedelint. Da kam ich eines Abends herauf, und meine Augen glitten geschwind nach der Stelle, wo ich sonst den Freund immer fand; aber ach, sie war leer! Der Wind, der klagend in dem Erlenbaum flüsterte, wehte mir ein Blättchen Papier zu, darauf stand:
Vielgeliebte Undula, Theuerste ~discipula~! Zeit ist's, daß ich dich verlass', Nicht mehr hab' ich ~ferias~.
Doch zum Abschied drückte dir Auf die linke Ecke hier Seinen allerschönsten Kuß Theophilus Sutorius.
Ihr könnt denken, Fedelint, wie sehr ich betrübt war; aber ich verzieh ihm, denn er hatte bei mir ausgelernt und hatte mich den Werth einer höheren wissenschaftlichen Ausbildung so hoch schätzen gelehrt, daß ich es ihm nicht verdenken konnte, wenn er Jemand suchte, der ihm über die neuesten Systeme der Kunst zu küssen Aufschluß geben könnte. Denn wir armen Geschöpfe leben gar zu einsam, um je andere Weisheit zu lernen, als die sich von Mutter zu Tochter fortpflanzt. Ich kehrte also traurig in die Tiefe zurück und lebte ganz im Andenken an den Verlornen; aber von der Zeit an ließ ich mich Undula nennen und trug griechische Kleider. Da erfuhr ich vor einigen Jahren, er habe ein Buch geschrieben, worin er unser ganzes Leben und Treiben klärlich schildert und alle Geheimnisse, die ich ihm anvertraut hatte, bekannt macht. Da verwandelte sich meine Liebe zu ihm in einen glühenden Haß. Zwar hat zum Glück noch kein Mensch an sein Buch geglaubt; es kam ihnen allzu wunderbar vor, wie wahr es auch ist. Aber die Treulosigkeit ist doch dieselbe. -- Dabei vergoß Undula einige Thränen, die von den schönen Perlemuttermuscheln aufgefangen wurden, und sich sogleich in Perlen verwandelten.
Ja, fuhr Fedelint auf, das alte Kameel! Und wißt Ihr denn, schöne Weinende, daß er neulich ein Buch geschrieben hat »Ueber die Nixe Undula« und daß Ihr als eine allegorisch-phantastisch-etymologische Mythe aufzufassen seid? -- Ach, seufzte Undula, der Schändliche! Und doch schleicht er hier beständig herum in seinem großblumigen Schlafrock mit der langen Pfeife und in Pantoffeln und ruft nach mir. Denn er möchte Funzifudelchen gern haben und das halbe Reich, und das Buch hat er nur geschrieben, um die Andern irre zu führen. Ich bin schon seit Monden nicht heraufgetaucht und habe das Lied nicht gesungen. Aber heut kam mich eine unwiderstehliche Lust an, den Mondschein zu schaun, und da es schon so weit nach Mitternacht war, glaubt' ich, ich hätte von Sutorius nichts mehr zu befürchten. Da habt Ihr mich denn belauscht, und weil Euer Schlafrock ganz eben so aussieht, wie der des Sutorius, hab' ich wahrhaftig geglaubt, den Verhaßten zu sehen, und Euch die Hörnlein angezaubert, um ihn klassisch zu bestrafen. So wißt Ihr nun, wie Alles gekommen ist.
Sechstes Kapitel.
Fiedler und Student.
Nachdem die Nixe ihre Geschichte beendet hatte, folgte eine kleine Stille. Dann sagte Fedelint und betrachtete traurig seine Mütze, die nun nicht mehr passen wollte: Liebes, schönes Fräulein! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Das Lied kenne ich nun wohl, wodurch ich Funzifudelchen gewinne; aber mit dem Kopfputz wird sie mich doch nimmermehr lieb haben. -- Närrchen! lachte die Nixe, das ist das Wenigste. Ja freilich habt Ihr ein bischen Mühsal davon, denn Ihr müßt Euch die Hörner ablaufen; aber ich sag' Euch gut dafür, daß Ihr in der nächsten Mitternacht vor dem Glas-Pavillon steht und dabei, wenn Euch der Kopf friert, wie sonst die Mütze aufhaben werdet. Das müßt Ihr aber so anstellen. Seht Ihr wohl? da hinter den Bäumen, wo die lichte Stelle ist, dämmert schon der Morgen; sobald es Tag wird, macht Euch auf und streift durch den Wald und seht dabei fleißig nach Eurer Taschenuhr. Denn alle Stunde müßt Ihr die Hörnlein gegen einen Eichstamm stupfen; dann werden sie kleiner. Abends aber, sobald der Mond herauf ist, wird Euch ein braunes Reh begegnen, das noch kein Geweih hat. Eure Hörnlein sind dann schon ganz kurz, kaum eines Daumens stark. Wenn Ihr das Reh seht und sein Rufen hört, sprecht folgenden Vers:
Rehlein schlank und Rehlein braun, Von der allerschönsten Fraun, Undula der Wassernix, Bring' ich zu dir Gruß und Knix. Und sie läßt dir freundlich sagen, Dies Geweihlein sollst du tragen. Nimm's und hab noch tausend Dank, Rehlein braun und Rehlein schlank!
Dann fühlt nach Eurem Kopf, und Ihr werdet der Bürde los und ledig sein. Wißt Ihr aber? wenn Ihr mir was Liebes thun wollt, dieweil ich Euch zu Funzifudelchen verholfen habe, so werft dem Professor Sutorius am hellen Tage die Fenster ein. Und nun Adieu!
Sie steckte Fedelint noch die Taschen seines Schlafrocks mit den ~beaux-restes~ der Mahlzeit voll, Alles fein säuberlich in große Blätter gewickelt, und nahm dann Abschied. Einige Geschichtschreiber meinen, die Nix habe ihn noch zu guter Letzt im Küssen examinirt, und er habe ganz glänzend bestanden. Wir können das nicht verbürgen; so viel aber steht fest, daß er zu sich selbst sagte, wie er durch den dämmernden Wald dahinschritt: Es ist doch zuweilen gut, wenn man getrennt ist von seiner Braut und die eine verwunschene Prinzessin ist, daß sie nicht alles sehn kann, was man thut.
Im Wald aber wachten alle Vögel auf und fingen an zu zwitschern und nahmen Besuch an von den Sonnenblitzen, die zu ihnen in die Nestchen kamen. Es war Alles übermüthig und vergnügt, und die Zweige der jungen Buchen konnten es nicht lassen, Fedelint zu necken und ihm das Gesicht zu streicheln, daß er manchmal ganz bitterböse wurde. Dann aber lachte er sich selbst aus und ging die verschlungenen Wege weiter, die Taschenuhr in der Hand, und richtig alle Stunden stupfte er die Hörnlein an einen Eichstamm und sagte bei sich: Mach' ich's doch gerade so gut wie die kleinen Zicklein, und mein Geweih ist erst von gestern! Dabei sang er sich beständig das Lied der Nixe Undula vor, um es nicht zu vergessen. Ei der schändliche Sutorius! brummte er auch mitunter. Ich habe es gleich gemerkt, es mußte so was passirt sein; denn wenn er im Colleg über die ~Nixa maritima~ sprach, war er ganz ruhig; nur bei der ~Nixa aquosa~, wozu er die Wildbachnixen zählte, verwirrte er sich jedes Mal. Ja, ja, das war das böse Gewissen! -- Und dann riß Fedelint immer ganz ärgerlich eine Knospe oder eine Blume ab, und murmelte so was wie: Pfui, der alte Sünder!
Wie es um Mittag war und er Schlag zwölf Uhr seine Hörnlein abgewetzt hatte, und sie waren schon ganz zierlich und klein, kam er an eine kühle schattige Stelle, wo ein kleiner Brunn rieselte, mit Epheu und Immergrün überrankt. Ei, da willst du Halt machen und essen, sagte er zu sich selbst; denn beim Mittag und Vesper durfte er ruhn, hatte ihm Undula gesagt; sonst mußte er fortwährend laufen, um sich die Hörner abzulaufen. Setzte sich also ganz lustig ins hohe grüne Gras, packte seine Taschen aus und fing an drauf los zu essen. Kaum hatte er eine kleine Weile gegessen, da klang's fern durch den Wald, wie eine Geige, und Einer sang dazu. Zum Kuckuk! dachte Fedelint, ich könnte Stein und Bein schwören, daß das mein Bruder ist. Gerade so machte er das ~staccato~ und die Doppelgriffe. -- Indem fing die Geige eine neue Melodie an, und ein schöner Tenor sang dazu:
Auf freier, frischer Straßen Da wandr' ich lustig hin. Mich freut gar aus der Maßen, Daß ich ein Fiedler bin. Hol' ich mein' Fiedel vor, Da spitzt der Wald sein Ohr; Die Vöglein in den Zweigen Die zwitschern mit im Chor.
Am Abend in den Schenken, Wann klingt die Fiedel mein, Da thut sich Alles schwenken; Der Wirth der schenkt mir ein. Gar stattlich ist sein Bauch; Sonst dreht' er sich wohl auch. Die Zeche steht im Schornstein; Da löscht sie aus der Rauch.
Will mich ein Harm beschleichen, Ich weiß wohl, was ich thu'; Ein Liedlein thu' ich streichen Und sing' mir eins dazu. Gleich hat der flinke Takt Die Beine mir gepackt; Ich muß dazu auch tanzen, Und fort ist, was mich zwackt.
Das Lied war kaum zu Ende, so trat der Musikant aus den Bäumen hervor und stand vor Fedelint. Beide sahen sich groß an. Bruder, schrie endlich Fedelint, was hast du für einen hübschen Bart gekriegt! -- Bruder, schrie der Andere halb erschrocken, was hast du für abscheuliche Hörnlein! -- Ach stoß dich nicht dran! sagte Fedelint wieder, ich hab' sie mir bald abgelaufen. Er schloß den verwunderten Bruder ans Herz, und nachdem sie sich fröhlich geküßt hatten, zog der Student den Fiedler ins Gras nieder, nöthigte ihn mitzuessen und erzählte ihm seine ganze Geschichte. Und wo bist du denn herumgewesen, Franz? schloß er. Da kamen nun bunte, wunderseltsame Historien zum Vorschein. Zu allerletzt war Franz an eines Königs Hof gewesen, hatte sich sterblich in die Prinzessin verliebt und ihr mit seiner Musik auch das Herz gestohlen. Sie waren nun schon ganz glücklich und hatten sich verabredet, Franz solle am folgenden Tage Visite beim alten König machen und um die Hand seiner Tochter sich bewerben; da bekam der Premier-Minister Wind davon und ließ in einer schönen Nacht Franz aufheben und mit zwei Gendarmen über die Grenze bringen. Ach! seufzte Franz und sah die zwei schönen Sardellen auf dem Brödchen, das er eben in der Hand hielt, mit feuchtem Blick an -- wie soll ich sie je vergessen?
Junge, rief Fedelint, nimmermehr sollst du sie vergessen! Siehst du wohl? wenn ich Funzifudelchen und das halbe Reich habe, bist du geborner Prinz von Geblüt; da wird der Alte schon klein beigeben.
Juchhe! schrie Franz, aß geschwind die Sardellen auf, that einen prächtigen Luftsprung und fiedelte drauf los, daß es nur so jubelte, und er und Fedelint tanzten und sangen dabei:
Will mich ein Harm beschleichen, Ich weiß wohl, was ich thu'; Ein Liedlein thu' ich streichen Und sing' mir eins dazu. Gleich hat der flinke Takt Die Beine mir gepackt; Ich muß dazu auch tanzen, Und fort ist, was mich zwackt.