Der Jungbrunnen: Neue Märchen von einem fahrenden Schüler
Part 10
Die Hochzeit wurde mit großer Pracht und Herrlichkeit gefeiert, auch bald nachher der ganze Marstall meistbietend versteigert, und nur die Invaliden-Allee blieb im Garten, weil auch die Königin eine große Freundin von guter Musik war. Die vergoldeten Mohrenkinder aber wurden von den Tabackshändlern gekauft und neben die Ladenschilder gestellt, eine Cigarre im Mund und einen Federbusch auf dem Kopfe.
Da nun die Zeit erfüllet war, genas Rapudanzia eines feinen, wunderlieblichen Mägdleins, der man den Namen Funzifudelchen gab. Da war aber erst Freude im Lande! Drei Tage lang war blauer Montag und Volksjubel mit Tanz und Kegelschieben, und die guten Unterthanen illuminirten von Morgens früh bis um Mitternacht alle Fenster, was ich bezweifeln würde, wenn ich's nicht aus den besten Quellen hätte.
Aber leider Gottes wurde die Freude bald in Trauer verkehrt. Funzifudelchen nämlich, so schön und holdselig sie auch in der diamantenen Wiege lag, war doch nicht im Stande die kleinen Augen aufzuschlagen. Muffel der Erste, ingleichen die hohe Wöchnerin waren in Verzweiflung; alle Bemühungen der Aerzte erwiesen sich fruchtlos, denn das kleine Prinzeßchen fing kläglich an zu schreien, sobald man ihr nur die Augenlieder berührte. Da gedachte der trauernde König an die Verwünschung der bösen Fee Aurora Mesopotamia und dessen, was sie ihm von der Nixe Undula zugerufen hatte. Er ließ also am schwarzen Brett in der Universität, weil da alle Tage die klügsten Leute aus- und eingehn, Dem das halbe Königreich und die ganze Prinzessin versprechen, der seiner Tochter um Mitternacht das Lied von der Nixe Undula vorsingen könne. Natürlich solle mit der Hochzeit bis nach der Einsegnung gewartet werden; das halbe Königreich werde er gleich erhalten. Da zerbrachen sich die gelehrtesten Professoren den Kopf, schrieben dicke Bücher über die Nixe Undula, von tausend verschiednen Standpunkten, und stellten die verschiedensten Systeme darüber auf.
Noch mehr aber als den Professoren war den Studenten die Prinzessin zu Kopf gestiegen. Denn die wohnten Alle in einem kleinen Stadtviertelchen zusammen, und der Weg zur Universität führte gerade beim Schlosse vorbei. Der König aber hatte seiner Tochter einen gläsernen Pavillon bauen lassen, wo jeder sie in ihrem Bettchen liegen sehn konnte, und da standen die Herrn Studenten im Vorübergehn still und schauten das Wunderkind an, und kamen regelmäßig zu spät, wozu die Professoren gewiß lange Gesichter gemacht hätten, hätten sie sich nicht bei ihren Forschungen über die Nixe Undula ebenfalls jedesmal verspätet. Ein Student aber verspätete sich gewöhnlich so gewaltig, daß er gerade sich satt gesehen hatte, wenn alle Lehrstunden zu Ende waren, und dann auch noch nicht ganz satt. Denn oft zu nachtschlafender Zeit ließ es ihn zu Haus nicht ruhn, er mußte durchaus aufstehn und nach dem Glas-Pavillon laufen und wieder hineingucken. Das war aber eigentlich verboten; denn da stand die Prinzessin auf und aß und trank, wie alle Andre, und ging in der Stube umher, und das trauernde Königspaar machte ihr Besuch und fragte, wie sie sich befinde und ob sie Fortschritte im Französischen mache und in Allem, was sie sonst lernen mußte. Denn sie hatte zu Nacht Unterricht bei den besten Meistern und war sehr klug, und lernte darum nicht minder gut, weil sie die Augen nicht aufschlagen konnte. Wie gesagt, das durfte aber Niemand mit ansehn, und +Fedelint+ -- so hieß der neugierige Student -- mußte oft den Tag über im Carcer sitzen, weil der Nachtwächter ihn bei dem Glas-Pavillon getroffen hatte. Ja das half Alles nicht, sitzen mußt' er, und machte im Carcer die allerschönsten Sonette auf Funzifudelchen, die man nur lesen konnte.
In der Stadt wohnte auch ein alter Kapellmeister, der zugleich Kantor und Organist am Dom war, ein kleines dürres Männchen, krumm wie ein Fiedelbogen, der hieß +Bratsche+. Weil er aber immer so wunderliche Reden führte und ganz sonderbar einherging, nannten ihn die Currende-Jungen und bald auch die ganze Stadt nicht anders als den alten verrückten Kapellmeister. Der hatte sich auch ganz sterblich in Funzifudelchen verliebt, und war er früher beim Choralsingen oft in eine andre Melodie gerathen, so that er's jetzt erst recht oft, so daß die andächtigen Leute den Kopf schüttelten und sagten: Es wird doch immer ärger mit unserm alten verrückten Kapellmeister. Der aber kehrte sich viel dran! Er hatte nichts anders im Sinn, als das Lied der Nixe Undula, und setzte seinen Kopf drauf, es müsse aus ~C moll~ sein. Er hatte das schon allen Leuten vertraut; aber was wollte die bloße Tonart helfen! Damit bekam er weder die Prinzessin, noch das halbe Königreich.
Eines Abends saß er oben in seinem Dachkämmerchen ohne Licht, denn er war gar zu blutarm; aber der Mond schien ihm gerade auf seinen Tisch, der mit Noten und Instrumenten bepackt war. Nebenan schlief die alte Ursel, seine Haushälterin; aber sie hatte einen sehr leisen Schlaf, und er mußte des Abends immer fein still sein und stumme Musik machen, weil sie sonst aufwachte, und dann war sie immer sehr bös. Da saß er nun und sah zum Monde hinauf und meinte, die Flecken drin wären am Ende Noten. Denkt einmal, so verrückt war er schon! Wie er nun eben dran ging, sie herauszubringen, und dachte wahrhaftig, darin wär' das Lied der Nixe Undula enthalten: hörte er unten auf der Gasse einen gewaltig tiefen brummenden Ton. Das ging aber so zu. Es war um die Zeit der Pfingsten, wo die Kinder gewöhnlich das Spielzeug, das sie zu Weihnachten bekommen haben, wegwerfen und ins Freie laufen, um sich die eingefrornen Glieder in der frischen Frühlingsluft aufthauen zu lassen. Dadurch waren unter andern auch die Waldteufel in Ruhestand versetzt worden, und weil das von Natur ein verteufelt brummiges Volk ist, auch Haare auf den Zähnen hat und den Umschwung der Dinge liebt, war es im Stillen zu einer Verschwörung unter ihnen gekommen. Sie hatten sich aus den Bodenkammern, wohin sie verbannt waren, auf die Dächer geschwungen und auf einem geräumigen, flachen Dache in einer schönen Nacht eine Volksversammlung gehalten. Einer, der durch seine Dicke und Größe ausgezeichnet war, auch das Bild Muffels des Ersten auf der Brust trug, wurde zum König gewählt, schwang sich würdevoll auf einen Schornstein und hielt folgende Rede: Verehrte Bassisten! (denn so nennen sich die Waldteufel in amtlichen Sachen) Man hat uns als dumme Teufel behandelt und in eine unthätige Ruhe verurtheilt, die der Tod unsrer schönen Stimmen sein würde. Wir sind waldursprüngliche, freie Geschöpfe; wir brauchen uns das nicht bieten zu lassen. Meine Herren! kehren wir in den Urzustand zurück! Flüchten wir in die böhmischen Wälder! -- --
Allgemeines Bravo ließ den Redner nicht endigen. Es wurde beschlossen, in der nächsten Nacht aufzubrechen, und Alles trennte sich, um bis dahin in der Rumpelkammer seinen Träumen nachzuhängen und der ehrenrührigen Gesellschaft, in der man sich befand, noch verächtlicher als sonst den Rücken zu drehen. Was sind auch Bälle, Peitschen, Steckenpferde und bleierne Soldaten gegen einen waldursprünglichen Bassisten, der den großen Gedanken der Freiheit zum ersten Male gedacht hat!
In der folgenden Nacht setzte sich nun wirklich das ganze geschwänzte und gestielte Heer in Bewegung und flog gerade durch die Gasse, wo der alte verrückte Kapellmeister den Mann im Monde für ein Notenblatt ansah. Bratsche spitzte die Ohren. Ursel! rief er, Ursel! hört Sie nicht? -- Was ist denn, Herr Kapellmeister? rief die heisere Alte aus dem Nebenzimmer. -- Es ist ein gräulicher Rumor auf der Straße. Was mag's sein? -- Ach nix! Hundelärm! gab die Alte zur Antwort und drehte sich ärgerlich auf die andere Seite. Bratsche horchte hoch auf. Nixe? Undula? wiederholte er. Wahrhaftig! ich glaube, sie hat Recht. Klang mir's doch gleich wie ~C moll~. Da muß ich nach! O ich glücklichster Kapellmeister unter dem Monde!
Und damit stürzte er barhaupt und im Schlafrock die Treppe hinunter und den Bassisten nach zum Thore hinaus.
Drittes Kapitel.
Wie Fedelint mit der alten rothnasigen Hexe in den Wald geht.
In derselben Nacht saß Fedelint in seinem Studentenstübchen am Pult und hatte einen großen griechischen Folianten in Schweinsleder vor sich. Er war eben wieder aus dem Carcer gelassen worden, darin er bei Wasser und Butterbrod vier und zwanzig Stunden hatte sitzen müssen. Dessenungeachtet war er gleich zum Glas-Pavillon gelaufen, um sein geliebtes Funzifudelchen zu sehn; aber zwei Nachtwächter standen da Schildwacht und ließen ihn nicht herankommen. Man hatte ihnen freilich die Augen verbunden, und ihren großen Bulldoggen auch, damit sie nicht selbst das Verbot übertreten möchten, das sie überwachen sollten; aber sie fochten die ganze Nacht hindurch mit großen Spießen rings um sich her in die blaue Luft, und die Hunde waren so abgerichtet, daß sie beständig die Zähne fletschten, so daß der arme Fedelint, so viel Herz er auch hatte, doch unmöglich herzukonnte. So schlenderte er also trübe nach Haus, und wie er durch die mondhellen Gassen ging, fiel ihm ein Lied ein und er sang:
In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht Gehen Engel um auf leisen Sohlen; Blonde Engel, innig und verstohlen Küssen sie im Traum die schönsten Blumen.
Süßes Herzlieb, allerschönste Blume! Weiß es wohl, woher die Glorie stammet, Die dir heut das Antlitz überflammet; Bist noch in den Traum der Nacht verloren.
Denkst der Engel, die durchs offne Fenster Sich auf Mondesstrahlen zu dir schwangen, Hauchten leisen Kuß auf Mund und Wangen In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht!
Ja wenn ich nur ein Engel wär' und auf den Mondstrahlen reiten könnte! sagte er vor sich hin. Dann schlich er unter Seufzern und Stoßgebetlein heim, kletterte die vier Treppen hinauf und trat in seine Stube. Sein Schlafgesell lag schon im Bett und schnarchte für Vier. Er schien ziemlich selig nach Haus gekommen zu sein; denn er lag mit Kanonenstiefeln und Sammetrock da und hielt den Korb des Schlägers, an dem die Cereviskappe noch vom Landesvater her steckte, steif in der rechten Faust, über die der dicke Lederhandschuh gezogen war. Fedelint achtete das nicht, setzte sich, nachdem er ein Licht angezündet, hin und schlug den Folianten auf, aus dem er eifrig zu übersetzen schien. Aber weiß Gott, was da in dem alten vergriffenen Codex stand, oder ob Fedelint nicht recht lesen konnte; kurz und gut, es kamen lauter Sonette an Funzifudelchen aufs Papier.
Da klopfte es dreimal an die Thür. Nur immer herein! rief der am Pult. Die Thür ging schreiend auf, denn sie war, wie das so in Studentenwirthschaften zu gehn pflegt, lange nicht geschmiert worden, und ein altes vertrocknetes Mütterchen trat ein mit einer wunderschönen rothen Nase, die wie lauter Rubin funkelte. Sie wäre trotz ihrer Jugend immer noch eine ganz leidliche Frau gewesen, wenn sie ein paar Zähne mehr und ein paar Falten im Gesicht weniger gehabt hätte. Junger Herr Studiosus, fing sie an und zwinkerte schlau mit den Augen, junger Herr Studiosus! -- Was wollt Ihr denn noch so spät, gute Alte? sagte Fedelint und bot der Alten den einzigen noch nicht zerbrochenen Stuhl an, nachdem er ein Dutzend Bücher weggeräumt hatte. -- Nicht sitzen, junger Herr, nicht sitzen! Mit mir müßt Ihr gehn, in den Wald hinaus, links an der Mühle vorbei; da liegt ein Schatz, hihihi! viel roth Gold! Sollt ihn haben, wenn Ihr mitkommt. -- Fedelint bedachte sich nicht lange. Das Geld war ihm dummer Weise schon seit vierzehn Tagen ausgegangen, und die Philister wollten nicht länger borgen. -- Wartet, alte Hexe, rief er, ich will nur meinen Schlafrock anziehn. Es sind böse Nebel zu Nacht. Damit schlupfte er in den großblumigen Schlafrock hinein, setzte die Mütze auf die braunen Locken, und folgte der Alten, die kichernd die Treppen hinabrutschte. Sie gingen zusammen durch die verzwicktesten Gäßchen, immer an den Häusern entlang, die im Schatten standen, und die Alte trippelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit voraus. Zum Kuckuk! rief Fedelint, lauft nicht so, Alte! Ich bin müde, habe vierundzwanzig Stunden im Carcer gesessen und nichts zu beißen gehabt, als erbärmliches Butterbrod. -- Hihihi! kicherte die Alte. -- Hört einmal, fing Fedelint wieder an, laßt mir auch das ewige Kichern; es wird einem ganz unheimlich dabei. -- O du liebe Zeit! sagte die Alte; Euch Herrn Studiosen ist auch gar nichts recht zu machen. Immer habt Ihr was zu befehlen und großzusprechen. -- Alte, ich kann die anzüglichen Redensarten nicht ausstehn! drohte Fedelint. Am besten ist's, wir reden kein Wort zusammen bis zum Schatze. -- Ja ja, der Schatz, der Schatz! murmelte die Alte halblaut und schmunzelte. Ist noch ein bischen weit hin. -- Sie waren zum Thore hinaus, und da fing gleich der stockfinstre Wald an. Nur ein schwacher Mondblitz fiel von Zeit zu Zeit auf den Weg, den sie einschlugen; aber die Alte mußte Augen haben, wie eine rechte Eule, denn sie stieß kein einzig Mal an einen Baum oder stolperte über eine Wurzel; vielmehr glaubte Fedelint zu bemerken, daß die Aeste und Sträucher scheu vor ihr ausbogen.
Am Ende ist's eine Hexe, dachte er bei sich. Es lief ihm ein bischen kalt über den Rücken. Dann aber dacht' er gleich: Was kann sie mir thun? An meinem Leben liegt mir nicht so viel; da würd' ich der Qual um Funzifudelchen auf einmal los. Aber wenn sie mich gar heirathete! Solche alte Schachteln denken gewöhnlich, sie sind immer noch viel zu gut für so ein junges Blut. Ach, was schiert's mich! Wenn sie's zu arg macht, kann ich ja doch immer noch Nein sagen. -- Sie gingen neben einem blanken Bach vorbei, in den der Mond gar hell und silbern hineinsah. Da hörte Fedelint, wie die Alte ein Lied vor sich sang, gerade als wüßte sie, was er gedacht hatte:
Und bild' dir keine Narrheit ein! Du bist mir viel zu jung; Hast kaum drei Haar' unterm Näschen dein, Das ist mir nicht genung.
Und wenn ich einen heirathen thu', Muß sein ein Reiter zu Roß, Noch 'mal so breit und lang wie du, Sein Bart dreier Ellen groß.
Sein Rößlein saus't in Windeslauf, Sein Bart der deckt mich zu; Ich sitz' vor ihm am Sattelknauf, Und hinterm Ofen du!
Eben wollte Fedelint anfangen, der Alten den Text zu lesen über solch ein ehrenrühriges Lied, da machte der Weg eine Schwenkung und sie standen vor einer schaurigen Schlucht, in die der Bach schäumend sich hinabwarf und ein gewaltiges schwarzes Mühlenrad trieb. Die Mühle lag in dunkeln Umrissen dahinter, an den Berg angelehnt, drüber gelagert großmächtige Eichen und Edeltannen, die die Hütte wie mit Adlersflügeln zu decken und zu bewachen schienen. Junger Herr Studiosus, flüsterte die Alte freundlich grinsend und faßte ihn mit der spindeldürren Hand am Arm, da den Steg hinab, da geht's zum Schatze. Fedelint folgte zögernd und hatte sich nur in Acht zu nehmen, daß sein Schlafrock nicht alle Augenblicke an den spitzen Felszacken hangen blieb. Ein morscher Baumstamm lag über dem Bach, der unter ihren Füßen krachte, und die Wellen murmelten: kullerkuller, hüt' dich! hüt' dich, Studentchen! gluck! gluck! Aber Fedelint war ganz gutes Muths, denn er dachte an Funzifudelchen.
Sie waren schon hart an der Mühle, doch konnte Fedelint die alte wohlbekannte Hütte nicht wiedererkennen; auch der Grund, in dem sie lag, schien ihm verändert, wilder und schauerlicher, und die Berge, die sonst ein gut Stück von einander entfernt waren, rückten ganz nahe zusammen und drohten einander mit den überhangenden Kuppen, wie riesige Stiere, die einander die Hörner weisen. Anstatt der verfallnen Hütte aber, in der nur der alte Müller wohnte, stand eine verwilderte Burg, ganz in Trümmern, die zerrissene Arme gegen den Nachthimmel streckte, und zwischen den Fensterlücken, wo das Nachtgevögel kreischend aus- und einflog, drängten sich die Mondstrahlen und zitterten über die Schlinggewächse, die aus allen Ritzen vorbrachen. Ein einziges Erkerchen war wohlerhalten und schien bewohnt. »Seht Ihr, Herr Studiosus? da wo das Licht blinkt, zwischen den weißen Hängen, da ist der Schatz verborgen.« Wie die Alte das sagte, fing eine Guitarre leise an zu klimpern und eine holdselige Stimme sang dazu. Fedelint horchte mit verhaltenem Athem auf folgende Worte:
Fedelint! Fedelint! Die Nacht ist lang; Da wird so bang Deinem treuen Kind!
Alt Eule schreit, Des Windes Saus Geht rings ums Haus; Was bist so weit?
Komm, komm geschwind! Mein Herz und Sinn Zu dir steht hin, Fedelint! Fedelint!
Wollt Ihr sie verschmachten lassen, junger Herr? flüsterte die Alte. Ruft ihr zu, daß Ihr kommen wollt. -- Ich weiß nicht, Alte, sagte Fedelint, mir sitzt was im Hals, ich kann nicht rufen; laßt mich hineinschaun. -- Kommt, erwiederte die Alte, ich will Euch huckepack zum Erkerfensterchen tragen. -- Damit hatte sie den leichten Studenten schon auf den Rücken genommen und war mit ihm nach dem Fenster getrippelt. Der Wind stieß die Vorhänge fort, daß das Licht drinnen flackerte und der Schlafrock Fedelints der Alten weit über den Rücken wehte. Den aber kümmerte es nicht; mit den Händen klammerte er sich ans Fenstersims und schaute hinein. Da lag ein wunderschönes Mädchen mit tiefschwarzem Haar im Großvaterstuhl, die Guitarre in den schwellenden weißen Armen, und die weißen Finger glitten eben wieder über die Saiten, als Fedelint den Kopf zum Fenster hineinsteckte. Da schlug sie die langen Wimpern zu ihm auf, sah ihn mit wehmüthiger Sehnsucht an und sang:
Fedelint! Fedelint! Mußt fest dich klammern An meiner Kammern Fensterlein fest, Auf daß dich läßt Hangen der Wind, der Wind!
Doch mußt vorher Verschwör'n, vergessen Die kleine Prinzessen; Darfst sonst nicht ein Zur Liebsten dein, Küssen sie nimmer, nimmermehr!
Hihihi! kicherte die Alte unten und schob den Schlafrock weg, daß der auf ihrem Rücken besser hören möchte, seid doch klug, Herr Studiosus! was soll Euch das blinde, verwunschene Ding? -- Darauf wurde es stille; nur der Mühlbach rauschte gewaltig auf. Fedelint packte ein eisiger Schrecken am Schopf; das schöne Mädchen stand auf vom Großvaterstuhl, ging lächelnd und winkend auf ihn zu, und wollt' ihm die Hand reichen, um ihm hineinzuhelfen. Plötzlich trat ihm Funzifudelchens Bild vor die Seele, wie sie so hold und blumenhaft im Bettchen lag und war so lieb und gut und wäre so gern erlös't worden, und er faßte sich ein Herz und schrie: In die Hölle, ihr Hexenpack, jung und alt! -- Da that das schöne Mädchen einen gewaltigen Schrei, die Alte kreischte laut auf, schleuderte den armen Fedelint hoch in die Luft, und wie er wieder zu sich und auf die Erde kam, war Alles verschwunden. Er stand hart an der Thür der wohlbekannten Mühlenhütte; es war wieder der alte freundliche Grund, und der Mühlbach trieb ruhig das Rad, daß der Schaum im Mond glitzerte.
Fedelint rieb sich an der Stirn; es war ihm, als hätte er geträumt; und doch war Alles so lebendig gewesen, er meinte noch immer das heisere Kichern der Alten zu hören. Leise klinkte er die Thür auf und trat hinein. Innen hörte er zwei Leute schnarchen; das Mondlicht, das durchs Fenster schien, ließ ihn den Müller und seinen Mühljungen erkennen, die lagen auf dem Stroh und Jeder hatte einen mächtigen Mühlstein als Kissen unterm Kopf. Behutsam machte sich Fedelint fort und zog die Thür leise hinter sich zu. -- Bin ich denn nicht bei Sinnen, oder ist's das Fasten im Carcer, das mich so schwach gemacht hat? murmelte er vor sich hin, als er weiter ging. Der morsche Balken war verschwunden; dafür ging er über den alten festen Steg und hielt sich am Geländer fest, weil ihm schwindelte vor all seinen Gedanken. Muß machen, daß ich nach Haus komme, sagte er; die alte Schneiderin (das war nämlich seine Wirthin) soll mir einen rechtschaffnen Fliederthee kochen, damit ich das Fieber los werde. -- So ging er die dunkeln Waldwege nach der Stadt zurück. Ein leiser Regenschauer machte ihn frösteln; doch wurde er ganz lustig und sang alte, schöne Studentenlieder, und dachte an Funzifudelchen. Der Regen hörte allmählich auf, und die Wolken flogen fort, die den Mond verhüllt hatten. An einem heimlichen Plätzchen machte er einen Augenblick Halt; da glänzte der Mond gar zu schön und die Wellen liefen lustig murmelnd vorüber. Ein Weidenbaum hing quer über den Bach, daß der Stamm eine ordentliche Brücke bildete. Ei, da muß sich's schön sitzen lassen! dachte Fedelint, schwang sich behend auf den Stamm, und ließ Füße und Schlafrock herunterhangen, daß die Wellen ihm die Sohlen seiner Stiefel benetzten; aber der Schlafrock bekam einen wundervollen nassen Saum. Wie er so saß, kam ihm wieder ein Lied in den Sinn, und er sang:
Wie bin ich nun in kühler Nacht Im Wald herumgestrichen! Die Bäume, noch von Regen schwer, Die wogten tropfend hin und her; Hätt' nicht mein Herz gebrannt so sehr, Nach Haus wär' ich gewichen.
Die lohe Glut kein Regen mag, Kein Thau zu kühlen taugen. Der rothe Blitz entflammt' sie nicht, Der jäh die schwarzen Eichen bricht; Das that der Liebsten Angesicht Mit den zwei lichten Augen.
Ach Gott! dachte er und hielt ein, da hab' ich wahrhaftig eine Lüge gesungen! Es ist doch ein Jammer, wenn man eine Liebste hat, die verwunschen ist und die Augen nicht aufschlagen darf; darauf ist kein einziges altes Lied eingerichtet. -- Er saß so eine Weile und sann; dann sang er weiter:
Es geht ein Wehen durch den Wald, Die Windsbraut hör' ich singen. Sie singt von einem Buhlen gut, Und bis sie dem in Armen ruht, Muß sie noch weit in bangem Muth Sich durch die Lande schwingen.
Der Sang der klingt so schauerlich, Der klingt so wild, so trübe. Das heiße Sehnen ist erwacht; Mein Schatz, zu tausend gute Nacht! Es kommt der Tag, eh du's gedacht, Der eint getreue Liebe.
Viertes Kapitel.
Wie Fedelint durch ein Unglück ein Glück macht.
Eben war Fedelint im Begriff, seinen kühlen Sitz zu verlassen, und dachte daran, wie er doch so ein leichtsinniger Mensch sei, und nun müsse er sich eine doppelte Portion Fliederthee bei der alten Schneiderin bestellen; da rauschte es nicht gar weit von ihm in den Wellen, daß er neugierig in die Höhe sah. An einer breiteren Stelle des Wildbachs war's, da ging eine ordentliche Bucht ins Ufer hinein, rings von dichtem Busch bekränzt, daß man nicht wohl anders hinsehn konnte, als von der Stelle, wo Fedelint saß. Da mußte das Wasser gar tief sein, denn es war blau und still und kein Kiesel schimmerte vom Grunde. Ein blondes Weib tauchte aus der Tiefe auf, die langen Haare von Vergißmeinnicht und Wasserlilien gekrönt, ein griechisches langes Gewand umgeworfen, weiß und silberglänzig. Sie setzte sich, Fedelint abgewandt, auf einen der großen mit Moos überwachsenen Granitblöcke, die der Bach im Frühling mit sich hinabreißt, und begann ihre gelös'ten Haare in einen Wellenscheitel zu ordnen, wie es Fedelint bei den alten Marmorbildern der Göttinnen gesehn hatte; dabei sang sie folgendes Lied:
Dein Herzlein mild, Du liebes Bild, Das ist noch nicht erglommen, Und drinnen ruht Verträumte Glut, Wird bald zu Tage kommen.
Es hat die Nacht Einen Thau gebracht Den Knospen all im Walde, Und Morgens drauf Da blüht's zuhauf Und duftet durch die Halde.
Die Liebe sacht Hat über Nacht Dir Thau ins Herz gegossen, Und Morgens dann, Man sieht dir's an, Das Knösplein ist erschlossen.