Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 9
»Ich danke Ihnen, würdiger Herr, für die Wohlthat, die Sie mir zu erzeigen bereit sind. Allein, -- obgleich mein Herz sich nach der himmlischen Speise sehnt, und ich nicht läugnen mag, daß es noch empört ist von der starren Härte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem kindlichen Vertrauen entgegen kam, -- so muß ich doch nicht minder bekennen, daß die in der Jugend eingesogenen Grundsätze und Lehren mir zu verbieten scheinen, von Ihrer barmherzigen Freundschaft Gebrauch zu machen. Ich bin nie ein Kopfhänger gewesen, -- leide nur seit einiger Zeit an den schweren Scrupeln meines Gewissens, -- ich darf nur von der mildesten aller Religionen Milderung meines Zustandes erwarten, -- aber -- das ist die Macht des Vorurtheils, wenn Sie es so nennen wollen, daß ich in meiner Angst nicht weiß, ob ich in Ihren Vorschlag eingehen darf, wenn ich gleich sonst an jeder Tröstung verzweifle.«
»Herr Senator!« lautete des Doctors ruhige und alsobald folgende Antwort: »Sie gebrauchen das rechte, das wahre Wort. Vorurtheil! so heißt die schwere Kette, die das Herz an die Erde bindet, während es sich umsonst bestrebt, sich zu Gott zu erheben. In der heidnischen Fabel von dem Vogel Phönix finden Sie den Zustand einer muthigen Seele angegeben, die, über Zeit und irdische Hinfälligkeit hinaus verlangend, sich durch ein heilig Feuer reinigt, um mit Gott vermählt zu werden. Die Heiden verstanden selbst die Fabel nicht, die sie dichteten, aber dem wahren Christen muß sie verständlich sein. Er verbrenne in der Anschauung des Höchsten den vom alten Adam umsponnenen Körper, und mit ihm alles Irdische, damit er in Gott verjüngt werde. Er lasse sich nicht von weltliche und irrthümlichen Fesseln halten, um das Wahre zu finden. Er verschmähe nicht die herrlichste Frucht, weil ihm etwa von Kindheit auf aberwitzige Leute gesagt haben, sie sei ungesund.«
»Indessen,«, fuhr der Doctor fort, nachdem er einen Augenblick inne gehalten: »indessen rottet man das Vorurtheil, für welches der arme, irrende Mensch nicht kann, nicht mit Gewalt aus. Die zarten Blumen verlangen von ihrem fürsichtigen Gärtner eine kluge, treue und sanfte Pflege. Welche Milde entwickelt daher unsere Kirche, die, allen Lästerungen zum Trotze, dennoch die weißeste, sanfteste -- und freudigste Gärtnerin im Paradiese des Herrn ist? Sie spricht also zu Ihnen, mein werther Freund und Beichtsohn: Es ist nicht zu läugnen, daß gebieterische Umstände das Abweichen von der gewohnten und vorgeschriebenen Regel entschuldigen. So gilt zu Zeiten das mündliche Testament eines vom gerichtlichen Testiren abgehaltenen Sterbenden; -- so gilt die Nothtaufe des Vaters, der Wehmutter, und im dringenden Fall tauft Wein oder Sand wie das reinigende heilige Wasser. -- Soll ich noch von den Begräbnißgebräuchen reden, die der Capitän eines Schiffes, in Ermangelung eines Geistlichen an den verschiedenen Matrosen verrichten darf? oder von der Absolution, die im Augenblicke der Schlacht der Soldat seinem Nebenmanne ertheilen darf, als komme sie aus Priesters Munde? Es wäre überflüssig, mich weiter darüber zu verbreiten. Ihre Seele liegt in Extremis, Herr Senator, und ob ein katholischer Priester oder ein Prädikant ihr beisteht, -- gleichviel! wenn sie nur gesundet!«
»Wahr, ehrwürdiger Herr!« versetzte Müssinger: »jedoch...«
Der Doctor unterbrach ihn alsobald: »Mit wie viel größerem Rechte aber bietet Ihnen _meine_ Kirche ihre tröstende Hand! Sie dringt sich Ihnen nicht auf, sie bettelt auch nicht um ihre Genehmigung zu Ihrem Heil! Sie will Sie nicht erst überreden, sich zu ihr zu wenden; sie macht alte Rechte auf Sie geltend. Wahrlich, mein Herr Senator, was auch Ihre Partei sagen mag: Die katholische Kirche ist Ihre Mutterkirche. _Sie_ haben ihren Schooß verlassen; aber die Mutter hat _Sie_ nicht aufgegeben, Sie sind, indem Sie zu den Gebräuchen der katholischen, der Allgemeinen Kirche zurückkehren, kein Proselyt für diese Letzte, kein Abtrünniger von Ihrer Sekte; -- Sie sind ganz einfach nur dem verirrten Kinde zu vergleichen, das wieder ins Vaterhaus zurückkommt, und sich an die gewohnte Stelle am Tische setzt. Die römische Kirche ist Ihr Haus, auf welches sich Ihre Ansprüche nicht verjähren, so wie sich hinwiederum das Recht derselben auf Sie nicht verjährt; ob es anerkannt werde, oder nicht. Darum begehen Sie nicht nur keine Sünde, sondern Sie üben eine Tugend, wenn Sie dem Zuge Ihres Herzens ohne Zweifelmuth folgen, da es Ihnen selbst sagt, daß ich wahr geredet habe.«
»Ihre Worte rühren und ergreifen mich,« erwiderte der Senator, »verlangen Sie aber nicht, daß mein so befangener geängstigter Geist sich davon überzeugen lasse. Ich bin keiner der Frommen in meiner Kirche, aber wenn es darauf ankömmt, die dem Knaben eingepflanzte Lehre zu vertauschen, so rasch, so unüberlegt...«
»Verlange ich denn dieses?« fragte der Doctor sehr sanft, »Hat denn der Mensch seinen freien Willen umsonst? Ist denn die Kirche neidisch auf den Pflegling, der einer irrthümlichen Idee nachjagt? Keineswegs. Dem Vater ist es Freude genug, wenn der Sohn einmal wieder nach Hause kommt, unbekümmert, ob ihn der nächste Augenblick wieder von dannen reiße. Weil die Mutter nur um Seinetwillen das Kind liebt, füllt sie dem Scheidenden die Reisetasche mit köstlicher Speise und mit Ruhe die Brust. Mag es dann wieder fremdem Zuge folgen; sie liebt es nicht minder zärtlich.«
»Sie meinen also, daß der Seelentrost, den Sie mir verheißen, von mir genossen werden kann, ohne daß ich aus der Glaubensbahn treten müßte, die ich bisher beschritt?«
»Nichts faßlicher, als dieses. Soll ich von Ihnen einen Eid verlangen, der Sie um nichts näher dem Vater bringt, dem Sie doch einmal angehören? Werde ich von Ihnen erst ein Glaubensbekenntniß fordern, das von dem Verlangen Ihrer Seele schon ausgesprochen wurde? Ohne es zu wissen, waren Sie schon wieder der Unsrige geworden, -- und ist, mein werther Beichtsohn, in Ihrem Sünden-Bekenntnisse und der daraus entspringenden Vergebung, der erneuerte Bund mit der wahren Kirche erst aufgegangen, so ist Alles geschehen, was Sie im Grunde bedürfen. Sie sind im Innern wieder geworden, wozu Sie Gott erschuf, und das genügt uns. Von Ihrem Gutdünken, und der Forderung Ihrer Seele allein wird es abhängen, ob Sie nicht in der Befolgung aller Gebräuche unsrer Kirche eine größere Beruhigung finden möchten. Die Weisheit Gottes und seines Stellvertreters auf Erden ermächtigt uns, in den Fällen, deren Gewicht unsre Nachsicht verlangt, den Rücktretenden, den heimkehrenden Söhnen und Töchtern, jede öffentliche Aussprechung dieser Handlung zu erlassen, damit die Vereinigung mit der allgeliebten Mutter, dem Vater und dem Sohne, und dem Geiste, nicht durch weltliche Rücksichten und Bedenklichkeiten aufgehalten oder gar verhindert werde. Doch dieses berührt Sie vor der Hand nicht, mein werther Beichtsohn, den ich als einen Gast freundlich zum Tische des Allbarmherzigen lade. Machen Sie sich demnach keine weitere Gemüthsbewegung; sammeln Sie Ihre Gedanken, und beginnen Sie, im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, die ungeschmückte schlichte Schilderung des Kummers, der Sie bedrängt, und der Sünden, von denen Wir Alle nicht rein sind, in meinen Schooß niederzulegen.« --
James hörte, wie hierauf der Senator mehreremale heftig auf und ab ging, wie er sich alsdann mit einem tief aus der Brust geholten: »Ach! in Gottesnamen denn!« neben dem Doktor niederließ, -- wie er mit gedämpfter Stimme begann, demselben sein Herz zu eröffnen. Ein unbehagliches Gefühl, mit dem Gedanken verbunden, daß es edler und gewissenhafter sein würde, nicht länger den Horcher abzugeben, -- die Scheu endlich, ein Beichtgeheimniß zu erlauschen, vermochte den Jüngling, ohne Geräusch vom Lager zu entweichen, und sich an das Fenster zurückzuziehen, das in den Garten eine friedlich reizende Aussicht gewährte. Er verlor sich in den Träumen seines Verstandes, in den Bewegungen seines Herzens, und sein wachendes Auge theilte sich mit dem Letztern in das Geschäft: eine Täuschung zu geben, die dem Hellsehen ähnlicher ist, als dem gewöhnlichen Spiele aufgeregter Einbildungskraft. Die Bohnenlaube des Gartens gestaltete sich zu dem Hause des Senators, und darinnen waltete ein liebliches, wohlbekanntes Bild, das, einem Zauberwerke gleich, den Beschauer durch unendliche Anmuth fesselte, durch unendliche Seltsamkeit abstieß. Dem jungen Engländer kam es vor, als sei es ihm vergönnt, in das Innere Justinens einen scharfen Blick zu werfen; als sei er auf dem Punkte, dieses holde und quälende Räthsel zu entziffern. Justinens Blicke sprachen Empfindung für den Freund, Liebe für den Liebenden aus, und vergebens schien der trotzige Mund es zu leugnen, das fremde Wort es zu verneinen. James sah sein Bild in ihrem Herzen leben, während ihre Hand es muthwillig von sich warf. Warum wehrst du dich gegen das Gefühl, das uns verbinden möchte? fragte seine Zunge stille vor sich hin: Siehst du denn nicht, daß ich dennoch im Grunde deiner werth bin? daß mein Herz nicht böse, meine Seele ohne Falsch ist? Betrübe dich doch nicht um meiner Handlungen willen! Verachte mich doch nicht um ihretwillen! Sie sind mir ja von einem harten Loose aufgegeben: noch bin ich zu schwach, den Bann zu zerreißen, der mich zu einem Maskenspiele zwingt, das ich Muth haben möchte, zu verabscheuen, und zu endigen! Ich kann ja nur durch deine Liebe zum Manne werden, nur in dir meine Stütze finden, so wie du in mir, denn verwaist stehen wir beide: Du, einsam im Vaterhause zwischen den lebendigen Eltern, -- ich, in der Fremde, zwischen dem Schaffot, das meinen Vater, und dem öden Grabe, das meine Mutter verschlang! Wenn ich dich rufe, damit du mich zu kühner That begeisterst, -- wirst du mich nicht hören? Wenn ich meine Arme nach dir ausstrecke, um dich an mein Herz zu ziehen, -- wirst du dich ewig sträuben? -- Das Bild der Geliebten entzog sich den Armen des Jünglings nicht; es beugte sich aus den spiegelhellen Fenstern, -- heller, klarer als diese; seine Brust pochte vor Entzücken, seine Hand zitterte vor Wonne, und doch blieben der Sehnende und die Gewährende getrennt. Ein dunkles Feld schob sich zwischen Beide. Ein Thurm schoß auf aus der Tiefe, und trug Justinens Gestalt bis zu den Wolken, daß der Zurückbleibende bald ihre Züge nicht mehr unterscheiden konnte. Statt ihres glänzenden Auges blinkte ein vergoldeter Thurmknopf auf die Wasserwüste hernieder, die auf ihren unstäten Wellen den Jüngling fortzureißen schien. Wie vorhin die Laube zum Hause, so wurde nun die hochstrebende Tanne zum Maste, von welchem schwarze Wimpel flatterten. Je frischer der Wind über des Gartens Blumenbeete strich, und deren Häupter bewegte, je drohender schienen die Wasser zu schwellen, und James ängstigte sich, von Heimweh und Sehnsucht gemartert, auf der reißenden Fahrt. Wohl klärte sich der betäubende Schwindel wieder in ein helles Bewußtsein auf; -- wohl warf an den Ufern eines reizenden Landes die Hoffnung den Anker aus, und es rastete der fluthenschneidende Kiel ... wohl winkte aus dem Myrthengebüsch am Strande, aus den Palmenwipfeln der Höhen ein reizendes Weib, verführerisch in ihrer Anmuth und in fremder Tracht und Sitte..., James konnte nicht weilen im herrlichen Gebäude, durfte nicht rasten, wie das verlassene Schiff. Justine schwebte ja über den blauen Bergen des Horizonts; ihre versagende Geberde, ihr strenges Lebewohl, riß ihn ja dahin wie mit Göttergewalt, -- bis unter den Blätterbehängen eines lautlosen Waldes ihre Huldgestalt verschwand, ihr abmahnender Ruf verhallte. James konnte ihr nicht mehr in das Innre jenes geheimnißvollen Waldes folgen, denn seine Sinne endigten, erschöpft von den übermenschlichen Hindernissen, die ihre eigene Laune gebar, das trügerische, peinliche und dennoch angenehme Spiel. Es war mit einem Schlage Alles um ihn her, wie zuvor; der Thurm zur kleinen Laube, der schwarzgewimpelte Mast zur düster belaubten Tanne geworden. Das wogende Meer hatte sich wieder in ein Blumenfeld, die myrthenbekränzte Küste in des Nachbars wohlgeschmückte Orangerie verwandelt; der blaue Gebirgsrücken in das hohe Schieferdach der Paulskirche; der schweigende Wald in die Pappelspitzen des zu St. Paul gehörenden Friedhofs. Das Schauspiel war vorüber, und den Gedanken des Jünglings wurde sogar verwehrt, ihm einen grübelnden Epilog zu halten, denn die Herren im Nebenzimmer, die wieder angefangen hatte, laut zu sprechen, erregten des fast unwillkürlich Lauschenden Aufmerksamkeit.
»Sie können von der Sünde, die Sie sich zuzurechnen haben, nur in Ihres Gewissens Buße und im Gebete Befreiung finden,« hob der Doctor ernst und mit bewegter Stimme an: »Gott und die Barmherzigkeit sind Eins: ich darf Ihnen im Namen des Allbarmherzigen Vergebung zusichern, und muß jetzo doppelt beklagen, daß Ihre Eltern Sie den Gebräuchen der wahren Kirche entfremdet haben; ein Irrthum, woran Sie unschuldig sind; der aber nichts desto weniger störend auf Ihren Seelenzustand in vorliegendem Falle einwirken muß.«
»Wie das, mein würdiger Vater?« fragte der Senator mit zerknirschter und erschöpfter Stimme.
»Hätten Sie den Muth, den Willen, mein Sohn,« -- begann der Doctor wieder, -- »mehr als ein Gast am Tische Ihres Vaters, in den Armen Ihrer Mutter zu sein, -- würden Sie aufhören, die heiligen Glaubenslehren wegzuweisen, die allein unsere Glückseligkeit ausmachen, -- in einem Augenblicke würde Ihr Herz beruhigt, glücklich sein. Ich würde Sie _los_ sprechen; das Vergangene gänzlich ungeschehen machen. Vermittelst einer kleinen Buße, die den Armen zu Gute käme, und einiger geistlichen Betrachtungen könnte ich jedweden Fehler von Ihrem Haupte nehmen, während ich jetzo nur als Freund Sie auf des Ewigen Liebe zu verweisen habe. Ihre Prediger, mein Lieber, sind gut und böse, wie die Welt; aber die Besten unter ihnen, die Gelehrtesten, wie die Spitzfindigsten, die Tugendhaftesten, wie die Klügsten, ermangeln des Stempels, der ihrem Thun die Weihe aufdrücken könnte. Gewandtheit in der Rede und in der Dialektik ist nicht die Gelehrsamkeit vor Gott, dem das Opfer lieber ist, als ein wohlgesetzter Sermon. Ihre Prediger, Herr Senator, sind nicht Priester, und gleichwie ihr Gewand sich dem Weltlichen nähert, so ist leider ihr Geschäft nur ein Weltliches. _Uns_ ist vom Heiland die Macht vertraut, zu lösen. Darum sprechen wir mit voller Zuversicht die zuversichtigen Glaubensbrüder los, während Ihre Geistlichkeit, indem sie dem Gewissen des Pönitenten und einem oberflächlichen sorglosen Vertrauen auf den Höchsten alles Sündenwesen anheimstellt, an jedem Beichttage eine Sünde mehr auf das Haupt derjenigen ladet, die ihr glauben.«
»Sie sprechen hart ab, würdiger Herr.«
»Nicht so hart, als man über uns das Verdammungsurtheil fällt. Gott duldet aber diese Schmähungen seiner Kirche, damit ihr Sieg einst glänzender werde. Seine Langmuth kennt nur die weitesten Grenzen. Hin und wieder warnt sie scharf, aber der taube Irrende überhört den Ruf der Warnung. Ein Beispiel, mein Lieber: Es sind kaum sechs Monden verflossen, seit an einem Vorbereitungs- und Beichttage in der Johanniskirche, plötzlich, wie aus heiterem Himmel kommend, ein Blitzstrahl in die Emporkirche schlug, die Orgel beschädigte, das in Marmor gehauene Evangelienbuch über dem Altare zertrümmerte, und durch ein offenstehendes Fenster in's Freie fuhr. Sehen Sie hierin einen Fingerzeig des Ewigen, der in seinem Gewitter warnte, und dennoch nicht strafte, da kein Mensch beschädigt wurde, und der Organist mit einer leichten Betäubung davon kam.
Der Tag, an welchem dieser merkwürdige Vorfall Statt hatte, das kecke Sinnbild, das der Blitz zertrümmerte, Alles erregte die gerechten Bedenklichkeiten der Menge, die immer mehr bereit ist, Gottes Willen zu erkennen, als ihren Führern lieb ist. Ihre Geistlichen verkündigten freilich von den Kanzeln, daß man den Schöpfer beleidigen würde, wollte man in der reinen Zufälligkeit jener _Naturerscheinung_ den Ausdruck seines Zorns erkennen. Was soll man jedoch von den gelehrten Männern denken, die am folgenden Tage vielleicht mit aller Wärme den Satz vertheidigen, daß kein Sperling von dem Dache, kein Haar von unserem Haupte fällt, ohne den Willen des Allmächtigen? -- Den schlechten Vogel auf dem Dache also, das dünne Haar auf unserem Scheitel vermag er zu halten, aber nicht das Gewitter, auf dem er daherfährt? nicht den Blitzstrahl, seinen fürchterlichen Macht- und Zornboten?«
»Ich sehe Sie in Gedanken vertieft,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sich der Senator ganz ruhig verhielt: »Lassen Sie uns abbrechen. Die Gnade des Herrn arbeitet an Ihrer Wiedergeburt. Folgen Sie Ihr. Jeder Mensch ist zur Gnade reif, wenn er nur will, und die Wege zur Besserung einschlägt. Jeder Sünder oder Irrende, der das Heil _sucht_, hat Theil an demselben, weil Christus es für Alle durch sein Blut erworben hat, und man muß gerade nur Jansenist sein, um diesen Trost läugnen zu wollen. Gehen Sie hin: ich bin überzeugt, daß Sie nach den acht Tagen Bedenkzeit, die ich Ihnen hiermit erlaube, freudig zu mir zurückkehren werden, um das Kleid der Unschuld völlig anzuziehen.«
Der Senator seufzte wieder schwer, und setzte zögernd hinzu: »Was die Summen betrifft, würdiger Herr, welche den Betrag der Wechsel ausmachten ... mich peinigt der Betrug des Augenblicks. Ich könnte freilich, -- Dank sei es jenem blinden Glückszufall, -- dem Erben die Summen abtragen, allein schon zirkuliren sie im Handel. Mein gesunkener Credit bedurfte starken Aufschwungs, -- jetzt kann ich das Geld nicht wohl ermangeln. In einigen Jahren allenfalls, ... der Himmel behüte mich, es gänzlich abläugnen zu wollen ... aber ... wie gesagt..«
»Ich weiß bereits,« versetzte der Doctor: »ich glaube, daß Sie vor der Hand die fraglichen Summen gar wohl behalten dürfen. Wären Sie unsers Glaubens, ich würde unumwunden sagen: Behalten Sie das Geld, mein Sohn. Ihr redlicher Wille, es einst wieder zurückzuzahlen, genügt der Moral vollkommen, da -- Erstens -- Sie sich durch die einstweilige Verwendung der Summen aus der bedenklichsten Lage retten, und Selbsterhaltung die erste Pflicht ist; da -- Zweitens -- der jetzige Creditor in seinem Reichthume des Geldes nicht bedarf. Bei Ihnen ist =periculum=; die Gelder, einst mit Interessen zurückgegeben, werden ihm doppelt erwünscht kommen. Sollte hingegen zu jener Frist er selbst nicht mehr leben, und keine Familie hinterlassen, so befreien Sie, der Kirche eine Stiftung von dem Gelde machend, Ihr Gewissen völlig. Wären etwa Hinterbliebene vorhanden, so genügen Sie den Anforderungen der Moral, wenn Sie unter diese und die Kirche den Betrag gleich vertheilen: denn, da die Erben persönlich kein Unrecht erlitten, so entschädigt sie hinlänglich die Hälfte, während die andere, zu milden Stiftungen verwendet, am zweckmäßigsten die Rechnung mit dem Verstorbenen ausgleicht.«
»Sie sind ein wackerer, kluger Mann,« versicherte der Senator mit leichterem Herzen: »Ich fühle Vertrauen zu Ihnen, wie zu keinem Menschen auf der Welt. Sie beruhigen meine Seele durch einige Worte mehr, als alle unsere Geistliche durch ihre strengen Forderungen und schwülstigen Reden. Ihre Sittenlehre paßt in die Welt, wie sie ist. Sie verstehen die Bedürfnisse eines Hausvaters und Geschäftsmannes zu beachten. Wenn nur die Gestalt des armen Birsher von mir weichen wollte!«
»Die Absolution ist der beste Exorcism gegen die Gespenster des Gewissens. Nur die Lossprechung wälzt den Fels, den verschuldeten, von Ihrer Brust. Sie wissen den Weg zur Gnade. Wählen Sie in Zeiten.«
»Wenn mich nur die Furcht vor Sünde nicht abhielte, meine Sündhaftigkeit zu heilen!« sagte der Senator ängstlich: »Ich armer Mensch!«
»Wir halten häufig für Sünde und Verbrechen, was eine gleichgültige Handlung ist. Menschensatzung ist immer voll von Fehlern, und das Lutherthum ist eine solche. Der heilige Petrus konnte _uns_ wohl Worte vom Himmel bringen, er vernahm sie aus dem Munde seines himmlischen Meisters. Der Augustinermönch von Wittenberg konnte Ihnen nur Weltliches lehren. _Wir_ öffneten ihm die Arme, _er_ stieß uns verstockt zurück. Wer handelte hier im Geiste des versöhnlichen Gottes? Ein Cardinalhut hätte den ehrgeizigen Mönch beschwichtigt und zahm gemacht; die demüthige Kutte behagte ihm nicht mehr. Am römischen Hofe nannte man es Verbrechen, den Widersacher durch heilige Würden kirren zu wollen. Er nannte es zu Worms ein Verbrechen, der milden Mutter reuig entgegen zu kommen. Was ist also Sünde, so lang die Welt es mit Recht und Unrecht zugleich hält? Würde man zu Hamburg Ihnen ein Verbrechen daraus machen, daß Sie in der Lotterie spielten, und das große Loos gewannen? Gewißlich nicht, während man Sie hier, würde es bekannt, aus dem Senate stoßen würde. -- Wird ein unbefangener Mensch Sie eines Verbrechens beschuldigen, weil Sie nun wissen, daß ich ein katholischer Geistlicher bin, und weil Sie nicht hingehen, um mich zu denunciren, damit man mich aus der Stadt bringe? Sicher: nein. Und doch würden Sie Ihrer Würde verlustig und in starke Geldbuße verfallen sein, erführe es die Stadt. Thun Sie Recht, bereuen Sie das Vergangene, damit Gott Ihnen vergebe. Werden Sie einer der Unsern, daß ich die Freude haben kann, Ihr Gewissen gänzlich zufrieden zu stellen. Dahin gehe Ihr Trachten. Besuchen Sie mich, wie Nikodemus den Herrn, im Stillen: Sie sollen immer in mir den verschwiegensten, den treuesten Freund finden.«
»Der Engel Clara spricht für Ihre Tugend und Ihre Liebe!« rief der Senator unter Thränen, die an des Doctors Brust zu fließen schienen.
»Um Clara's willen also, Herr Senator,« versetzte der Doctor eindringlich: »Muth! heilsamer Entschluß! Vertrauen zu mir und meinen Worten. Um Clara's willen, armer zweifelnder Mann!«
Nach einer kurzen Stille hörte der junge Engländer den Senator fortgehen. Der Doctor rief nach seinem Frühstück, sang seinem Lieblingsvogel eine Melodie vor, und als James die Tasse klirren hörte, glaubte er, es sei an der Zeit, dem Pflegvater sich vorzustellen.
Der Doctor hatte die Gewohnheit, sich zur Zeit des Frühstücks in sein Cabinet zurückzuziehen, um daselbst ungestört sein Brevier beten zu können. James fand ihn damit beschäftigt. Leupold legte das Buch indessen alsobald weg, und sagte heiter: »Guten Morgen, mein Sohn. Du findest mich erfreut, denn Gott will erlauben, daß ich wieder eine Seele zu dem Freudenreiche der alleinseligmachenden Mutter zurückführen darf. Wie hat sich deine Bemühung belohnt, James? Ich glaube, dich in der Kapelle gesehen zu haben.«
James berichtete mit Bedauern und Achselzucken. Der Doctor hörte aufmerksam zu. »Recht gut!« sagte er alsdann. »Ich finde keinen Grund zum Verdruß und zur Mißbilligung. Das Mädchen hat, wie du sagst, mit gespannter Neugierde die Messe abgewartet? folglich hat die heilige Handlung Eindruck auf dasselbe gemacht. Der Reiz des Mysteriösen vollendet die gegebene Richtung. Plaudern wird Justine nicht. Sie scheint fester und verschlossener zu sein, als Mädchen gemeinhin zu sein pflegen. -- Die Lainez soll hier ihr Meisterwerk machen. Seitdem sie hier ist, hat sie, den jungen Pahlens ausgenommen, keine Seele gewonnen. Die Frau ist noch zu jung, zu hübsch, zu eitel, um mit Vortheil wirken zu können. Sie wirft ihre Netze nach Männern aus, während sie die Frauen erobern sollte. Die Kunst, die sie besitzt, ihr Aeußeres zu formen, wie es die Nothwendigkeit erheischt, -- ihre Geschicklichkeit, den Protestantismus auszuhängen, um eben durch diese List für die gute Sache zu werben, -- diese lobenswerthen Eigenschaften sind mir wohl bekannt; aber ich wünschte dennoch, der Pater Superior hätte mir eine andere Mitarbeiterin, älter, gediegener, zuverlässiger, an die Seite gestellt. Eine solche würde auch dich, mein Sohn, mehr zu begeistern vermögen, als diese Lainez kann, von der du dich augenscheinlich abwendest.«
»O, mein Vater;« entgegnete James mißmuthig: »die heuchlerische Lainez, wie ich, wir spielen eine recht gehässige Parthie.«