Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 7

Chapter 73,577 wordsPublic domain

»Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt,« versetzte nachdenkend der Senator: »Ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten in die katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergötzt, ... ich kann nicht läugnen, daß...«

Justinens Stimme störte die Herren. Das Mädchen trat ein, und berichtete dem Vater, -- sich vor dem Fremden sittsam verbeugend -- über eine nicht besonders bedeutende Angelegenheit der Wirthschaft. Der Doctor betrachtete während dessen sowohl den Senator, als seine Tochter mit der größten Aufmerksamkeit. Als Justine wieder hinausgegangen war, sagte Leupold mit fast bewegter Stimme: »Wahrlich, Herr Senator! Wüßte ich nicht durch meinen Pflegesohn, daß Ihre Tochter sich Justine nennt, ich würde darauf schwören, sie müsse Clara heißen.«

Der Senator richtete schnell und fragend die Augen auf den Doctor.

»Clara?« fragte er: »Wie kommen Sie zu diesem Namen?«

»Clara war, wie _Justine_.«

»Welche Clara?«

»Clara Münzner.«

»Mein Gott! Sie wissen...?«

»Ja, mein Freund.«

»Woher? -- Herr, Sie reißen eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt doppelt schmerzlich mein Gefühl verletzt.«

»Das soll sie nicht. Eines Engels Gedächtniß bringt Segen.«

»Ja, sie war ein Engel!... ein Engel, wie ihn diese Welt nicht verdient.«

»Der Engel ist in seine Heimath gegangen.«

»Barmherziger! versteh ich Sie?«

»Clara ist todt.«

»Todt?... todt?... Und ich lebe noch; ... _wie_ lebe ich?...«

»Bis an ihr Ende hat sie in Ihnen gelebt, wenn gleich Länder und ein Jahrzehend sie von Ihnen trennten. Jetzt wird sie, sollte es Noth thun, für Sie beten bei dem unsterblichen Vater!« --

»Oh!« seufzte Müssinger, und lehnte sich mit vor das Gesicht gehaltenen Händen zurück. Dann fragte er jedoch lebhaft: »Erklären Sie mir, räthselhafter Mann! wie können _Sie_ von dem unterrichtet sein, was außer mir...«

»Ich bin Clarens Bruder!« flüsterte der Doctor dem Senator in das Ohr...

»Xaver?«

»Derselbe, mein Freund. Ich höre, daß man uns wieder unterbricht. Ihr Zimmer, dem Drang der Geschäfte Preis gegeben, ist nicht geeignet, daß wir uns darinnen der wohlthätigen Erinnerung ungestört hingeben könnten. Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, so besuchen Sie mich. Ich wohne eng, aber niedlich und einsam, in der Rahmgasse. Das Haus ist zum Apfel geschildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doctor Leupold. Sie werden mir willkommen sein.«

Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte sich der Doctor gelassen und fremdthuend gegen den unbeweglich hinstarrenden Senator, und ging.

Langsam und sinnend durchstrich er die Stadt, und machte geflissentlich einen Umweg nach seiner Wohnung, um seinen Gedanken nachhängen zu können. Hie und da nickten ihm aus Hütten oder wohlanständigen Bürgerhäusern freundlich grüßende Gesichter zu. In einem armseligen Gäßchen schlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem sie sich vorher überall umgesehen, geheimnißvoll an ihn, und küßte seine Hand. Er reichte ihr dagegen eine kleine Münze, und ermahnte sie für die Ruhe eines Sünders zu beten. Hierauf schlug er sich rechts durch ein Paar Durchgänge nach der Rahmgasse, und stieg im bezeichneten Hause in sein Quartier hinauf. -- Eine sauber angekleidete Magd öffnete ihm ehrfurchtsvoll die Gitterthüre an der Treppe. James, der in der Wohnstube schreibend saß, richtete sich grüßend auf, und brachte dienstfertig dem Pflegevater den Steifrock herbei, gegen den der Doctor eilig den unbequemen Schlafrock vertauschte. Er nahm seinen Platz im Lehnstuhle am Fenster, das, auf einen Garten aussehend, selbst einen Garten vorstellte, geschmückt mit würzigen Blumenstöcken. In der Stube sah es so reinlich, so friedlich und traulich aus; sie stellte ein reizendes Stillleben dar. Der Boden, sauber wie ein Spiegel; die Geräthschaften blank und rein. Ordnung überall; keine Falten in den Teppichen der Tische, kein Stäubchen auf dem grünen Vorhange, der eine kleine Büchersammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von der weißen Decke schwebend; eine tickende Schwarzwälderuhr an der Wand; viele summende Mücken auf dem Blumenflor am Fenster. Das Schweigen wurde lange nur durch der Thierchen Geschwätz, den Perpendikelschlag, und die knarrende Feder des jungen Engländers unterbrochen, der sich gleich wieder an seine Arbeit gesetzt hatte. Der Doctor saß mit gefalteten Händen, rückwärts gelehntem Kopf und geschlossenen Augen in seinem Lehnstuhle. Seine Lippen trugen das Lächeln einer freundlichen Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorüber schwebte, und er schwieg wie ein Träumender, bis er einen leisen Hauch an seiner Wange fühlte, und forschend die Augen aufschlug. Schon dämmerte es. James stand bei ihm, und hatte sich über sein Gesicht gebeugt.

»Ich wollte mich überzeugen, ob Sie schliefen, mein Vater,« sprach der Jüngling. »Meine Arbeit ist vollendet; die Feierstunde da. Sie sind aber heute nicht so munter und gesprächig, wie wohl sonst. Darf Ihr Pflegesohn nach der Ursache fragen?«

»Die Ursache, mein Sohn, ist nur eine kleine Geschichte aus der Zeit, da ich dein Alter hatte;« antwortete der Doctor, freundlich ihm zunickend; »setze dich zu mir, und höre sie, wenn du willst. Ich sage dir aber im Voraus, daß die Geschichte so kurz und einfach und natürlich ist, wie nur eine in der Welt. Den Jüngling befriedigt freilich nur ein Labyrinth von Abenteuern. Dem greisen Manne jedoch schließt gerade die klarste Begebenheit einen Zaubertempel auf. Versetze dich mit mir nach Augsburg, wo du zwar niemals warst, von dem du aber manches gelesen. In jener alten, weit berühmten Stadt ist eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen Thore. Durch diesen leicht zu übersehenden Winkel soll, heißt die Sage, der Teufel den Doctor Luther in's Freie geführt haben, da demselben große Gefahr drohte, und alle anderen Ausgänge von Feinden besetzt waren. Obgleich nun diese Geschichte durchaus Fabel und unhaltbar, so führt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab! -- In diesem Dahinab nun stand unter andern kleinen Häusern ein von einem Gärtchen umgebenes; reputirlich anzuschauen, und die Wohnung eines braven Mannes. Der Fleiß desselben hatte das Haus gebaut, und die Heiligen, -- buchstäblich zu verstehen, -- hülfreich dazu gethan. Der Fleißige war nämlich Kupferstecher, und hat -- durchaus dem Fach sich hingebend, -- viele hundert Heiligenbilder gestochen und geätzt, die zu damaliger Zeit in großen Ladungen über die Berge nach Italien gingen. Der Künstler war fromm und still, wie seine Bilder, arbeitete unverdrossen von früh bis spät, und seine einzige Erholung außer dem Hause war am Sonnabend ein Ruhe-Stündchen auf der Schießstatt, bei einem Krug Bier und freundlichem Geschwätze. Den Sonntag nahm die Kirche und -- bei schönem Wetter -- ein Spaziergang mit dem Weibe nach dem Ablaß oder nach Göggingen hinweg. Diese Lebensordnung machte auch, daß es im Hause fein und ordentlich aussah, und der Friede doppelt mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Künstler schenkte. Der Bube hieß Xaver, die Tochter Clara. Der Erste, zugleich der Aeltere, sollte anfangs Kupferstecher werden, wie der Vater; die Zweite ein braves Weib, wie die Mutter. Es ergab sich indessen bald, daß Xaver, um schwacher Augen willen, der Kupferstecherkunst nicht gewachsen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einst aus dem Jungen werden möchte, schickte ihn der Vater in die Schulen, damit er etwas Tüchtiges lerne. Clara wuchs arbeitend und blühend auf, besuchte kein anderes Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, daß an jener Stätte ein sehnsüchtiger Jünglingsblick die verborgene Blume ausgespäht hatte. Die Eltern ahnten's um so weniger. Der Bruder allein, der oft, um zu studiren, im Gärtchen sich befand, merkte das Erste von der Sache. Eine Bastion der Festungswerke, die gerade, -- senkrecht fast, -- in die Höhe stieg, und die Ansicht über die Häuser des Dahinab frei gab -- bildete die Schlußwand des Gartens. Auf dem Rand dieser Bastion stand einmal um die Mittagszeit ein blutjunger Mann, und sah immer so steif und unverrückt in den Garten hinab, daß dem studirenden Xaver, -- als dieser, durch die Blätter der Laube schielend, zum zweiten oder dritten Male das Unwesen wahrnahm, -- bang um den Verstand des jungen Menschen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, daß die Schildwache auf der Bastion eigentlich der Schwester gelte. Denn so oft diese, blühend und frisch wie eine Rose, um die Mittagsstunde aus dem Hause hüpfte, den Bruder zu Tisch zu rufen, -- so oft zog _der_ auf der Schanze ein Fernrohr aus der Tasche, und richtete es so scharf und fest auf das Mädchen, als ein Constabler nur mit seinem Geschütz thun kann. Der Bruder hütete sich wohl, der unbefangenen Schwester das Geringste von seinen Beobachtungen, -- die er eine ganze Woche hindurch fortsetzte, mitzutheilen. Endlich eines Vormittags, aus dem Collegium kommend, wandelt ihn die Lust an, der Sache auf den Grund nachzuspüren. Er steigt auf die Bastion, und findet den Bewußten bereits am Posten. Er schlägt ihn auf die Schulter, und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu spioniren, mein Freund? -- Der Andere erröthet, antwortet aber vornehm: Das geht _Ihn_ nichts an, mein Freund. -- Er ist ein Narr! sagt ihm hierauf Xaver, und der Andere antwortet mit einem »unverschämten Menschen.« Für einen Studenten von neunzehn Jahren ist das zu viel. Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrücklichen Beleidigung. Der Andere greift nach seinem Degen. Xaver bedeutet ihm, er selbst dürfe als angehender Theolog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter in's Haus gehen, sich einen Degen holen, und sicherlich binnen wenig Minuten auf die Schanze zurückkehren, um die Sache auszumachen. »Was hat Er in jenem Hause zu thun?« fragt der Andere verwundert. -- Es ist das meiner Eltern; entgegnete Xaver. -- Und das Mädchen? -- Meine Schwester. -- Nun lacht der Mensch ausgelassen, steckt die Klinge ein, fällt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir müssen Kameradschaft trinken. -- Wie so? -- Ich bin in deine Schwester verliebt, mein Junge; fährt der Andere fort: ich sterbe, wenn ich nicht wenigstens bald zu ihr sagen kann: Wie befinden Sie sich, Jungfer? Du mußt mich bei deinen Eltern einführen, als einen Mitstudenten, als einen Freund aus dem Gasthause, -- als was du willst. -- Nun erzählte der heftige närrische Mensch weiter, und es kam heraus, daß er Kaufmannsdiener sei, vor wenigen Wochen erst die Lehre verlassen habe, und in einer der ersten Handlungen Augsburgs conditionirte. Ein Zufall hatte ihm meine Schwester gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgänge gehalten und Gottesdienst gefeiert, zum Besten und Frommen der unglücklichen Rheinländer und Pfälzer, die unter dem Mordschwerdt des Königs von Frankreich bluteten. Bei einer dieser Processionen war der Kaufmannsdiener an Clara's Seite gekommen, und sie hatte ihm schnell gefallen, obwohl sein Mund keine Sylbe mit ihr gesprochen. -- Xaver, der in dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus einer entfernten Stadt erkannte, dem derselbe gefiel, ließ sich endlich bereden, gab den sonderbaren Gesellen für einen Bekannten aus, und brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach, nun beginnt eine schöne Zeit; sie umfaßt beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb; Clara theilte seine Gefühle. Xaver sah eine schöne Zukunft für die Schwester leuchten. Die Mutter betete zu diesem Endzweck im Stillen. Harmlos flossen die Tage, von Vertrauen, von Freundschaft und Liebe getragen, dahin! In dem engen Häuschen, in dem kleinen Garten waren alle glücklich. Aber -- der Friede, das Glück hat seine Grenzen, und somit endigte auch dieses.«

Der Doctor sammelte sich hier, wehmüthig werdend, und sprach nach einer langen Stille, gefaßt und trocken weiter: »Der junge Mensch hatte nicht redlich an der Familie gehandelt. In dem Augenblick, als alle, -- Clara selbst -- im Stillen auf eine baldige Erklärung und Werbung hofften, verließ er Augsburg, heimlich, schnell, um in die Heimath zurückzukehren. Ein Brief belehrte uns, daß er als Protestant, -- er hatte sich für einen der Unsern ausgegeben -- nicht daran denken könne, aus der Neigung seiner Jugend Ernst zu machen, und mit blutendem Herzen sich von der Stelle losreißen müsse, die ihm theuer und lieb geworden, wie das Vaterhaus. -- Wir weinten; Clara verzweifelte fast. Die Jahre beruhigten zwar ihr Herz, aber -- an dem Entfernten treu und eigen hängend, blieb sie Jungfrau, legte als fromme Wärterin die Eltern in's Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdem _er_ sie verlassen, -- mit seinem Namen auf den Lippen. Hiermit, mein Sohn, endigt sich die Geschichte, deren erster Theil noch jetzt meine Seele mit angenehmen Bildern füllt. Du hast meine Eltern, meine Schwester und mich kennen gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Claren verloren, und heute -- bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ich _ihn_ wieder, der sie verließ, der vielleicht ihr Leben abkürzte; finde ihn wieder, unglücklich, darniedergedrückt von _schweren_, schweren Aengsten, wie ich fürchte; ein armer, elender Mensch, im Schooße des Ueberflusses der eiteln Welt!«

»Errathe ich?« fragte James ungestüm: »Der Senator?«

Der Doctor nickte mit dem Haupte. -- »Beinahe,« sagte er, »hätte mich die Schwachheit überrascht, ein Wohlbehagen zu empfinden, als ich ihn so erbarmenswürdig vor mir stehen sah, und jetzt erst bestimmt in's Reine kam, daß _er_ jener Walter sei, den ich -- seltsam fürwahr -- beinahe vergessen hatte. Kein Zug der Jugend mehr in seinem Gesichte; keine Zufriedenheit in seinem Hause; keine Ruhe in seiner Brust. Die Vergeltung hat an dir gearbeitet! wollte ich sagen; doch Gott hielt meine Zunge im Zaume. Clara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe zu ihm als Vermächtniß hinterlassen, und ich muß ihn oder die Seinen glücklich machen, wenn ich's vermag; schon darum, weil ihn _Clara_ geliebt, weil ihn _Clara_ gesegnet hat! --«

»O ein heiliges Gefühl, ein heiliges Erbe ist die Liebe!« versetzte James mit einer wehmüthigen Innigkeit. Der Doctor ergriff ihn fest bei der Hand, und redete: »Mein Sohn, hüte dich vor Sophismen, wie sie nur gar zu gerne die Leidenschaft gebiert, wenn sie sich in Fesseln spürt. Denke deines Versprechens, der Zusage, die du mir gegeben. Du gehörst nicht mehr dir selbst an, du gehörst nicht _mir_. Und wäre dies Alles nicht, so sollte meine Erzählung dir bewiesen haben, daß Ungleichheit des Glaubens Verderben bringt.« -- James schwieg mit bitterem Gefühle. -- »Ich sehe, daß es Zeit ist, deine Besuche in des Senators Hause abzukürzen,« fuhr der Doctor sorglich fort: »die letzte Aufgabe vollende noch. Vielleicht begründest du dadurch das Heil einer Person, die du _liebst_, wie ich fürchten muß.« -- »Und gelänge es mir,« fragte James, Muth fassend: »dürfte ich alsdann hoffen, mein Vater?«

»Dein Schicksal hängt nicht von mir ab,« antwortete der Doctor: »wäre dieses aber auch, -- Sohn! hätten wir uns in dir getäuscht...? Laß mich das nicht ahnen!«

»O, welch' ein Schicksal ist mir bereitet worden?« seufzte der junge Mann: »Zu welchem Gewerbe, -- mir widerstrebend, meinen Sinn empörend, wurde ich bestimmt! und zum Dank dafür verbietet man mir grausam, zu fühlen wie ein Mensch!«

»Dafür rasest du wie ein Thor,« unterbrach ihn der Doctor heftig: »zur Strafe wirst du deine bisherigen Andachtsübungen verdoppeln, bis ich es anders bestimme! --« Milder fuhr er, und plötzlich besonnen fort: »Was wäre dein Schicksal unter den dänischen Dragonern gewesen, du Verblendeter? Du schlägst die Hand, die dir wohl that. Dein Gewerbe empört dich? Das heißt: Deine Pflicht gefällt dir nicht. Glaube mir: Oft ist auch _mir_ die Meinige zuwider, aber ich erfülle sie dennoch ohne Murren, weil ich überzeugt bin, daß zu einem vollkommenen Bau der geringste Dienst vonnöthen ist, wie der edelste. Die Leute, die im finstern Schacht den Keller wölben, haben durch ihre lichtscheue Arbeit mehr gethan, als der Meister, der das leichte Prunkgetäfel anschlägt, und den Blumenstrauß stecken auf den fertigen Bau kann vollends jeder Lehrjunge. Bescheide dich also dankbar vor dem Höchsten, zu dessen größerer Ehre wir handeln, und bemeistre flüchtige Aufwallungen der Jugend, die immer nur eitel sind, und denen im vorliegenden Falle ohnehin nicht _entgegengekommen_ wird.«

Dieses letzte Argument entschied. James fühlte wohl, was _er_ empfand, aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft geblieben. Er schwieg daher halb unterwürfig, halb gekränkt, und waffnete sich mit starrer Kälte, als er am folgenden Tage des Senators Haus betreten mußte. »Wo will Er hin?« schnauzte ihn mit unerträglicher Grobheit der verdrießliche Nothhaft an, der ihm just entgegen kam.

»Zur Jungfer Justine.« -- »Die Jungfer hat Kopfschmerzen. Komm Er ein Andermal.« -- James wollte, nachdem er mit leichtem Achselzucken den Ungeschliffenen gemessen, still davon gehen, als sich Justinens Stimme von oben vernehmen ließ: »Kommt nur herauf, werther Monsieur; für Euch bin ich zu Hause, nur für den Neidhammel nicht, der Euch =sans façon= belügt, wie ein Schelm!« -- James stutzte erfreut. Von Zorn brennend, und mit einem: »Verdammter Naseweis!« lief Nothhaft in das Comptoir.

»Laßt Euch meine Sprache nicht befremden,« sagte Justine ohne Umstände in Gegenwart der Mutter zu dem jungen Engländer: »Wir Deutsche haben -- wie wir denn in allem derb sind -- ein derbes Sprichwort, das man wohl sonst nur in Pöbels Mund hört, das aber stets wohl angebracht ist, wenn man _vom_ Pöbel redet: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! -- Ich zweifle nicht, daß in Eurer Sprache sich ebenfalls ein ähnlicher Spruch vorfinden werde. Der Bursche, der Euch belog, ist der Klotz, der sich sogar einmal unterstanden hat, sich in mich zu verlieben. Ich bitte Euch! damals noch ein Kind von fünfzehn Jahren, sollte ich an dem blatternarbigten Ungeschickt eine Freude finden! Ich habe ihm das Zärtlichthun abgewöhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit tausend Tücken und Nücken, die mir, -- wider seinen Willen, -- Spaß machen, weil ich sie gewöhnlich vereitle. Seit der letzten Horcherei hat er auch auf Euch seinen hohen Zorn geworfen. Fürchtet Euch aber nicht, Monsieur: Ihr steht unter meinem Schutze.«

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mademoiselle,« antwortete James lächelnd: »Doch wüßte ich schon selbst mir den Ueberlästigen vom Halse zu schaffen, wenn er mir ernstlich zur Last fallen wollte.«

»Das meine ich auch,« ließ sich die Senatorin breit und förmlich vernehmen; »Er hat starke Knochen, Monsieur, und mag sich durchhelfen. Für dich, Justine, schickt es sich indessen ganz und gar nicht, einem jungen Mann solche Promessen zu geben. Die Chapeaus sind doch -- so Gott will, -- dafür in der Welt, _uns_ zu beschützen, und es ziemen sich folglich solche cavaliere Redensarten keineswegs für eine schon verlobte Tochter. Ich werde also...«

»Uebergenug, beste Mama,« fiel Justine kurz abfertigend ein; »Sie verstehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monsieur, beginnt die Lehrstunde!« -- James gehorchte, doch Justinens Geist war keineswegs bei der Grammatik. Ungeduldig zählte ihr Auge die Minuten auf der Wanduhr, und sie machte Schicht, sobald die Glocke schlug. Ein Vorwand wurde bald gefunden, den Lehrer zu begleiten, und schnell raunte sie ihm zu: »Wie ist's, Herr? habt Ihr der armen Französin das Geschenk gebracht? Lindert es ihr Elend? Was ist ferner zu thun?« -- James erwiderte verlegen: »Ich bringe Ihnen der Unglücklichen heißen Dank, Ihre reichliche Gabe hat sie in Ueberfluß versetzt, und zu ihrem Glücke fehlt nur noch Eines: _Sie_, freundliche Geberin, von Angesicht zu sehen; Ihnen mündlich danken zu können!« --

»Rathet der guten Frau ab,« versetzte Justine ängstlich; »sie soll ja nicht hierher kommen. Der Vater, -- er ist ohnehin mürrisch -- würde es nicht gerne sehen. Die Mutter gibt in ihrem Leben kein Almosen, und ich hätte nur Verdruß, wenn es herauskäme, daß ich mein Taschengeld...«

Sie stockte, besann sich einen Augenblick und setzte dann hinzu: »Die arme Frau soll sich deshalb nicht so grämen. Ich wünsche selbst, sie zu sehen, mich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen, aber Ihr begreift, es geht nicht an, daß sie komme. Ja, -- wenn ich ein Mittel wüßte, ... ich würde mich gerne selbst einmal zu ihr schleichen ... ich helfe gar zu gern; ... aber ... ich weiß nicht...«

»Das Mittel wäre leicht,« entgegnete James, etwas zögernd: »Vertrauen Sie sich mir an; ich führe Sie; in einer Stunde sind wir hin- und zurückgegangen.«

Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an: »Ich halte Euch für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch zu gehen. Aber wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wissen.«

»So bleiben uns die frühen Morgenstunden,« meinte James, und der Vorschlag gefiel Justinen. »Schön!« rief sie, »das paßt. Mutter schläft fest bis um neun Uhr. Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kümmert sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straßen noch ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, so wird mir das artige Abenteuer Freude machen.«

James versicherte seine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohlthäterin einer Bedrängten geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt, zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermüthigen Vater den freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach Außen hin, und diese Idee erquickte ihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als zu der Einklammerung in alltägliche Hausverhältnisse. Justine war so gut und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestüm geberdete. Sie hätte gewünscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schätze der Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armuth zu vertheilen. Sie konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschöpf ihrer Milde zu sehen, dessen Noth mit eigenen Ohren zu vernehmen, ihm Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige That. Mit Ungeduld erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager. Ein Blick durch's Fenster belehrte sie, daß das schönste Wetter ihre heimliche Wanderung begünstige; schnell war sie in ein unscheinbares Gewand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Thüre ihrer Schlafkammer leise, leise geöffnet. Ein Geräusch hielt sie auf der Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator behutsam die Thüre _seines_ Gemachs, und trat, wie auf den Zehen, heraus; völlig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener unglücklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihre Vaters? Schnell gefaßt trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu versäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen.