Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 6

Chapter 63,585 wordsPublic domain

Dieses Benehmen, das schon am Begräbnißtage deutlich hervortrat, ermangelte nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu erregen. Die plötzliche Schreckensbegebenheit hatte Aufsehen gemacht; die vorangehenden Ereignisse, wie der Ort, die Stunde und alle Einzelnheiten des Sterbefalls, waren geschickt, zu allerlei Verarbeitung zu dienen. Ein entehrendes Gerücht hatte sich plötzlich auf tausend Zungen verbreitet, und selbst im Senate seinen Sitz gefaßt. Die Mehrzahl des Rathes jedoch, -- eifersüchtig auf dessen Vorrechte, und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder desselben, -- bemühte sich, jede Ahnung, jede Vermuthung niederzuschlagen, die der bürgerlichen Existenz des Collegen Müssinger hätte schädlich werden können; und jede Angabe, und jede noch so leise Hindeutung auf obige Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrückt, während der Gegenstand dieser Anklagen durch sein auffallend verändertes Betragen, dem bloßen Verdacht einen Dolch nach dem Andern in die Hände gab. Die wenigen Besucher mieden das Haus des Senators; er erschien am nächsten Sonntage mit seiner Familie in der Kirche: nach seinem Betstübchen starrte die gaffende Menge, aber aus seiner Nähe entfernten sich alle diejenigen, die sonst während des Gottesdienstes gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatten. Frau Jacobine merkte es nicht, Dank ihrer Stumpfsinnigkeit; Justine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine Ahnung von dem gräßlichen Verdacht; aber dem Senator, der dieses wohl verstand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer verschlossener. Zwischen ihm und der Mutter fielen die Worte immer seltener; Justine litt unter den Folgen dieser übeln Verstimmung, und ihr einziger Trost wurde jetzt, da sie -- ihr unbegreiflich -- keine ihrer Freundinnen mehr bei sich sah, oder zu Hause fand, die englische Lehrstunde, zu der sich James wieder, nach den drei Tagen, eingefunden hatte. Mit keiner Sylbe der vorangegangenen Mißhelligkeit gedenkend, suchte Justine durch ein sittlich mildes Betragen ihre Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unversöhnlich. Es stellte sich ein gewisses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten her. Justine benutzte den ersten Augenblick, in welchem sie ungestört waren, es zu befestigen. Ernst und nachdenkend saß sie dem vortragenden Lehrer gegenüber, und sagte, indem sie ihn bat, das Buch wegzulegen: »Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenseitig wundern, wie wir so plötzlich für einander passend geworden sind. Ich habe Eurer Prophetenkunst schreiendes Unrecht angethan, und muß dieselbe leider jetzo anerkennen. Der Abend jenes Samstags war der letzte glückliche in unserm Hause. Heiterkeit und geräuschvolles Leben sind daraus entschwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von außen her unser Unglück uns recht fühlbar zu machen suchte.«

»Dem Unglücklichen ist Mißgunst näher, als der Trost;« meinte James. »Ich selbst habe, als Flüchtling, diese Erfahrung oft genug gemacht. Indessen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der Sturm zernichtet nicht immer; er entwickelt auch Blüthen.«

»In unserm Hause?« fragte Justine ungläubig: »O nein, mein guter Herr. Die Mutter, -- Ihr kennt sie. Der Vater ist heute noch einmal so finster und verdrossen geworden. Uns wurde durch einen Amsterdamer Brief die Gewißheit, daß Herr Birsher in unserm Hause verblichen.«

»Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen?« --

»Er wollte uns kennen lernen, selber unerkannt. Ein Scherz, der, sich unbewußt, den Trauermantel auf den Schultern trug.« --

»Der Mensch sei auf sein Ende gefaßt, jederzeit,« entgegnete James! »Genug indessen von dem traurigen Gegenstande. Fröhlichkeit steht Ihnen besser, als Betrübniß; und die Braut hat ja den Bräutigam nicht verloren!«

»Ich verbitte mir die Anspielung,« sagte Justine lebhaft: »Herrn Birsher's Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle Heirathsgedanken, stünde ich am Sarge meines Vaters. -- Mein guter Vater!« setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmuth versinkend, die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohl thut.

»Erheitern Sie sich!« erwähnte James, sich zu ihr beugend. »Hören Sie mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig hinzufließen, wie ein geräuschloser Strom in seinem Bette. Was wäre wohl zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach ist ja ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm nicht mehr ein fremder ist. Ich nehme mir daher den Muth, Ihrem Tiefsinn eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrängten Frau Ihr Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.«

»Nicht so viel Worte, Monsieur,« sprach das Mädchen, bereitwillig, der neuen Wendung des Gesprächs zu folgen: »Man überredet mich selten, wenn nicht schon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so leichtsinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer ist die Frau?«

»Eines französischen Offiziers Wittwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei Denain. Villars empfahl die unglückliche Frau der königlichen Gnade, aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte sie sogar, als sie es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimath durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glück wieder zu leuchten. Eine sächsische Herrschaft, rückkehrend aus den Bädern zu Aix schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach Dresden zu nehmen. Von allen Hülfsmitteln entblößt schlug Madame de Laynez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer heftigen Krankheit befallen, mußte sie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter hinterließen ihr eine dürftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los. Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben. Das Mitleid gefühlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber ihre völlige Genesung geht langsam von Statten. Mangel drückt sie, und es bleibt ihr nichts übrig, als auf's Neue sich an die Theilnahme wahrer Christen zu wenden.«

James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefüllte Börse in seiner Hand. -- »Kein Wort!« gebot sie, da er sprechen wollte: »nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es mir gelingt, den Vater in günstiger Stunde für die Bedrängte zu gewinnen.« --

Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die sich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der herrlichen Seele aus Justinens Zügen gesprochen, und, selig überrascht von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden sehnsüchtig nach.

»Welch ein Mädchen!« seufzte er: »und ich -- täglich fühle ich mein Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle, die mir so gefährlich wird.«

Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten im Hause war viel Geräusch. Geldsäcke wurden gewogen, Thaler klangen; die Diener gingen geschäftig hin und her; Nothhaft stieß im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht, als der Engländer sich befremdet nach ihm umsah. -- »_Der_ muß mir auch aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte!« murmelte der Diener, dem Engländer nachsehend, zwischen den Zähnen. Berndt, der eben in's Haus getreten war, hörte die Rede. »Warum so giftig, lieber Bruder?« fragte er lächelnd: »giftig und freigebig obendrein? Du wirfst mit Tausenden um dich? Glück zu!« -- »Ist's ein Wunder?« sagte Nothhaft hierauf: »Baar Geld macht Muth. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. Laß uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lüderliche Schmeißfliegen damit todt schlagen.«

»Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder,« versetzte Berndt achselzuckend, »aber ich sehe, daß deine Prophezeihung nicht falscher hätte sein können. Statt des Bankerotts strömt der Segen Gottes in das Haus.«

»Erbschaft! unverdientes Glück!« versicherte Nothhaft leise: »Wer weiß, ob ich so Unrecht hatte;.... doch -- Stille! --« Er schlug sich bedeutend auf den Mund. »Wer weiß auch« -- fügte er hinzu, wichtig und geheim -- »wem's die Firma verdankt, daß sie noch mit Ehren steht?«

»Wichtigkeitskrämer!« lächelte Berndt ungläubig: »Du spreizest dich so absonderlich, daß -- wer nicht wüßte, welch' ein Windbeutel du bist, -- glauben sollte, du errathest auf's Haar, was unser Herr denkt und beschließt. Glück auf, zu dem Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle mich zu Gnaden!«

»Ei, des breitmäuligen Augenverdrehers!« schalt Nothhaft verächtlich: »wir wollen sehen, _wer_ am Ende hier im Sattel bleibt. Du bist ein Esel, sonst hättest du schon gemerkt, daß meine Aktien um 200 Prozent besser stehen, als ehedem.«

»Gott sei mir vor dem Prahler gnädig,« sagte Berndt, den Kopf schüttelnd: »der Prinzipal redet mit dir so wenig, als mit mir, und die Jungfer macht dir immer ein verdrüßlich Gesicht.«

»Soll bald ein freundlicheres machen,« versicherte Nothhaft hochmüthig.

»So?« fragte Berndt, dessen Neid allgemein rege wurde: »Du mein Jesulein! darf man schon Glück wünschen, Herr Hochzeiter?«

»Narren sagen oft die Wahrheit;« erwiderte Nothhaft, noch patziger als zuvor, und Berndt versetzte giftiger: »Gratulire also, Herr Associé und Schwiegersohn. Wird bald heißen: Müssinger und Compagnie? Charmant. Nun begreife ich erst, warum ich den Pastor Lammer zum Herrn habe bitten müssen. Das Aufgebot wird gewiß bereits bestellt? Nun, viel Succeß und geneigte Protektion, werthester Herr College! Vergessen Sie Dero getreusten Diener nicht im Glücke!«

»O du miserabler, kothiger Adam!« spottete Nothhaft. Der Buchhalter klopfte aber an's Comptoirfenster, und rief: »Soll ich euch Stühle hinaussetzen zu bequemerer Conversation, ihr Lungerer? Herein, hier giebt's zu thun, ihr, des lieben Herrgotts Müssiggänger!«

Berndt schwenzelte, der Amtspflicht getreu, schnell in die Schreibstube, Nothhaft zögerte stätig. Indessen trat bereits der Pastor der Johanniskirche im Amtsrock in das Haus. -- »Der Herr Senator oben?« fragte er vornehm und schleppend. Nothhaft bejahte freundlichst, und schlich mit einem bedeutenden: »Aha!« an sein Pult.

Der Senator empfing den Pastor an der Thüre seines Zimmers, und bewillkommte ihn so freundlich, als ein im Gemüth Verletzter nur vermag. Der Geistliche nahm dieses Entgegenkommen als eine ihm gebührende Huldigung an, und antwortete darauf ohne sichtbare Herablassung.

»Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator,« sagte er, »zu erfahren, zu welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner geistlichen Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigsten zu schaffen gemacht. Mein Amt legt mir indessen die Pflicht auf, einem Jeden Gehör zu schenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Sünder. Das Erste sind Sie nicht; das Zweite?.. will ich nicht beschwören. Was befehlen Sie?«

»Sündig sind alle Menschen vor Gott und seiner Kirche;« entgegnete der Senator melancholisch und achselzuckend: »Die Frömmigkeit ist dagegen nur ein Gnadengeschenk. Ich habe Sie, würdiger Herr, für jetzt ersuchen wollen, der Spender einer Gabe zu sein, die ich der Armuth bestimme. Vertheilen Sie nach Ihrem Gutdünken diese Summen unter diejenigen Bedürftigen, die Ihnen der Unterstützung am würdigsten scheinen.«

Der Pastor wog die ansehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von Behagen flog über sein düstres Gesicht. Im nächsten Augenblicke war es jedoch wieder Stein, wie zuvor. »In Gottes Namen,« sprach er, und ließ das Geld in die weite Tasche seines Priesterrockes gleiten: »Der Armuth sei dies Scherflein gesegnet. Ew. Hochedlen Freigebigkeit kömmt mir unerwartet.«

»Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbschaft bedacht,« antwortete der Senator seufzend: »ich opfere einen kleinen Theil derselben auf den Tisch der Dürftigen. Sie mögen für einen Unglücklichen beten.«

Der Prediger faßte den Handelsherrn scharf in's Auge. »Für einen Sünder?« fragte er betonend, und da keine Antwort erfolgte, fuhr er gemessen und drohend fort: »Der Unglückliche, von Gott gewichene, betrüge sich nur nicht. Geld und Gut ist eine schöne Sache, insoferne man damit Christum speist; aber eitel Schlacken vor dem großen Richter der Welt, will man damit eine Missethat abkaufen. Die Buße ist unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Brust des Verirrten erfüllt; unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbüchsen wärfe.«

Der Senator sah den Pastor erstaunt und erbleichend an, bedachte sich einen Augenblick, und erwiderte alsdann mit niedergeschlagenen Augen: »Ich begreife Ew. Ehrwürden nicht. Man kann unglücklich sein, ohne gesündigt zu haben. Der Sünder selbst jedoch kehrt sich freudig zur Reue, wenn man ihm nur _glauben_ will; wenn er nur das Vertrauen haben darf, daß ihm einst vergeben werde.«

»Einst? einst?« versetzte der Pastor mit überlegendem Blick gen Himmel: »Ja, einst vielleicht; denn Gottes Barmherzigkeit ist ein tiefer Brunnen. Das entscheidet sich indessen -- nach meiner Meinung -- erst am letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nämlich dafür, daß kein Mensch auf Erden, selbst nicht ein ordinirter, sich anmaßen dürfe, die Sünden eines Anderen hinwegzunehmen, -- sobald sie unter die Schweren gehören. Nur der Herr prüft Herzen und Nieren. Das Gewand der wahren Reue ist ein feines Kleid, aber es muß das Leben hindurch getragen, in's Grab genommen, und dem Herrn am jüngsten Gerichte untadelhaft vorgewiesen werden. Dann mag allerdings seine unendliche Milde vergeben.«

»Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen,« erwiderte der Senator schwerbekümmert, und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl nieder: »Ihre Kollegen --«

»Sprechen vielleicht anders,« fiel der Geistliche ein: »ich betheure aber, daß sie im Irrthume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge sind zum Theil junge Leute, denen der philosophische Kram unserer Zeit den Kopf verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von seinen Grundsätzen, die er seit fünfzig Jahren gelehrt hat. Er läßt kein Schäflein seiner Heerde davon abgehen, so lange er noch ein rüstiger Hirt ist. Er ist Keiner von den Sanften und Süßen, die nur schmeicheln, wo sie packen, -- nur einlullen, wo sie donnern sollten. Trost dem Unglücklichen, denn er ist zu seinem Heil! Krieg dem Sünder, denn er ist wieder zu seinem Heil. Unablässig, bis an seinen Tod, schneide ich ihm das wilde Fleisch aus der Wunde, daß sie frisch blutend vor Gottes Thron komme, und ich dann sagen darf: Sieh, Herr, dein unwürdiger Knecht hat dir nicht in's Amt gegriffen. Er hat nicht gepfuscht, da, wo _Du_ nur heilen kannst; aber er bringt dir den Kranken, dürstend nach der Genesung, wie in der Stunde, da ihm zuerst sein Uebel unerträglich wurde!«

Eine heftige Unruhe bemeisterte sich Müssingers, und sein von Schwermuth in Fesseln geschlagener Jähzorn rüttelte gewaltsam an seinen Banden. »Ich weiß nicht,« sagte der Senator, mit Mühe an sich haltend: »wie Sie dazu kommen, Herr Pastor, mir Ihr System so schonungslos darzulegen. Ich kann diejenigen blos bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von Ihnen Trost und Erlassung begehren, und wünsche Ew. Ehrwürden recht wohl und lange zu leben!« --

Der Pastor bückte sich, und versetzte spitzig: »Alles, wie Gott will, Ew. Hochedeln. Der alte Lammer stirbt gern, wenn seine Uhr abgelaufen ist. Der Herr schenke Allen einen sanften Tod. Meine Worte bereue ich jedoch nicht, denn ich glaubte sie _hier_ vonnöthen. Uebrigens hat unsere Unterredung sicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide hofften, Herr Senator, nicht wahr? _Ich_ bin nicht böse deshalb, und wünsche kein Vertrauen, das ich nicht mit der sündlichen Willfährigkeit vergelten könnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der Kirche steht Ihnen frei. Werde mit seinem Gewissen fertig, wer da kann. =Sapienti sat=, Herr Senator, und: Gott bess're Sie!«

»Was ist das? Was sagen Sie da?« fuhr der Senator auf. Lammer zog aber bereits die Thüre hinter sich zu. Müssinger schritt im Zimmer auf und nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme: Die blöden Augen dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen errathen zu haben, ... o gewiß!... und der Mensch kann so unbarmherzig sein!... und der Mann ist _Protestant_? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berühren, wird Eis oder Thräne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in der _Woche_ die Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und Vorbereitungsstunde versäumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben, und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kasten geliefert, -- der harte Mensch würde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben, da ihm sonst _Worte_ weit wohlfeiler sind, als der Heller, den der Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die Alles gethan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplärre des Lieds vorüber! -- Warum? setzte er fragend und gemäßigter bei: Warum? Ach! drückt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, daß ich in der Angst meiner Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Muth, und ich fürchte...

Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast erschreckt eilte er an die Thüre, öffnete, und sah, sehr überrascht, den Doctor Leupold draußen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Möglichkeit gedacht, ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung, und führte ihn bei sich ein. Der Doctor entschuldigte sich tausendmal um der Störung willen, die er vielleicht verursache, und ließ im freundlichsten Tone das Wort fallen, daß sein Besuch wohl eben so gut hätte unterbleiben können.

»Mein Herr Doctor,« sagte der Senator hierauf verbindlich: »die Besuche werther Freunde, denen wir Dank schuldig sind, sollten _nie_ unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon längst hätte thun sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir die Muße, Ihre Wohnung aufzusuchen.«

»Unnöthig,« versicherte der Doctor: »ich dachte nicht daran, Sie an einen sehr erläßlichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus hatte einen anderen Zweck; ... allein -- und ich darf sagen -- mit Vergnügen sehe ich, daß er wohl vereitelt ist.«

»Ein Zweck?... vereitelt?...« fragte Müssinger. »Wie so? erklären Sie sich.«

»Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit,« sagte Leupold hierauf zögernd: »indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens nicht zu schämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian und Brasilien. Das Haus Minhaô ist solid, die Summen sind nicht unbedeutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf eine gewisse Zeit zum Genuß gegen äußerst billige Preise anzubieten. Allein, -- wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der Ueberfluß Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine wohlgemeinte Hülfe überflüssig.«

Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hände des Doctors, schüttelte sie, und sprach: »Mein Herr, Sie bereiten mir den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob, ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber -- glauben Sie mir, -- demungeachtet habe ich's _doppelt_ empfangen.«

»Und somit keine Sylbe mehr davon,« setzte der Doctor ruhig hinzu: »Sie preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte Ihnen Ihre Theilname beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich Ihre Geschäfte etablirt haben.«

Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe und entgegnete: »Ja, mein Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wärmsten Dank der Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wünschte kennen zu lernen.«

»Das ist Ihnen -- _hier_ -- unmöglich,« sagte der Doctor: »lassen Sie uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas Anderem reden. Wie gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben; allein -- Sie selbst -- Herr Senator, -- scheinen sich nicht im Geringsten zu freuen.«

»Einem Manne gegenüber,« entgegnete Müssinger, »der sich mir als verschwiegener und hülfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lüge sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen Reichthums hebt, ist mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer Mann. Mein Gemüth ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach Genesung.«

»Und Religion, -- die sicherste Trösterin?« fragte der Doctor mitleidig.

»O, lassen Sie das!« erwiderte der Senator still ergrimmt: »Die Religion ist entartet in ihren Dienern. Weiß Gott, -- Herr! wir haben uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, -- aber -- ob ich nicht vielleicht Ursache hätte, jetzt dem Flußbette näher zu stehen, als damals?«

»Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten,« erwiderte der Doctor kalt und ernsthaft: »Sie verdienen hier und jenseits das traurigste Loos, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sie _einmal_ schon gerettet.«

»Sie wissen nicht...!« entschlüpfte dem leidenschaftlichen Senator: »Es giebt noch drückendere Schmerzen, als _die_ des Mangels und der Schaam. Die Stimme des Innern...«

»Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen,« unterbrach ihn der Doctor sanft aber fest: »Um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache; freilich. -- So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Sünder unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, das _er_ vielleicht in der nächsten Minute bereut, an diesem Unglück verkümmern, rettungslos daran verzweifeln, während sein frisches Leben noch viel des _Guten_ schaffen könnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung, und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches schuldlose Menschenleben auf.«

»Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?« fragte der Senator scheu. -- »Er ist's!« bekräftigte der Doctor. -- »Von der Kirche, einer freundlichen Mutter?« -- »Sie ist's.«

Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor sagte aber nun mit gemessenem Tone: »Unsere Ansichten weichen ab, wie ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche bekenne, als Sie.« -- Dem Senator starb die weitere Frage im Munde, da der Doctor ganz ruhig fortfuhr: »Ich bin Katholik. Von _meiner_ Kirche hab' ich gesprochen: und -- wahrlich -- sie erfüllt ihre Mutterpflichten tüchtiger als Eine.« --

Müssinger bückte sich verlegen. Der Doctor sprach unbefangen weiter: »Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröstet, kein Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöset. Alle ihre Gebräuche deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf die der Versöhnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu welchem Endzweck?« fügte er, sich besinnend bei: »Sie mein verehrter Herr, haben nie die apostolische Lehre näher prüfen gelernt, da die Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Cultus und die Ausbreitung unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewiß ist es Ihnen auch völlig gleichgültig, wie ein Katholik von seinem Glauben denkt.«