Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 5

Chapter 53,325 wordsPublic domain

»Der Mann wird sich noch durch seine Galle umbringen!« versetzte die Senatorin gleichgültig, füllte sich den Mund mit getrockneten Feigen, und rauschte in ihrem weiten Stoffkleide vornehm zur Thüre hinaus. Justine blieb hinter ihr zurück, kam auf den Vater zu, und sagte mitleidig: »Sprechen Sie lieber Vater, ob ich bei Ihnen bleiben soll? Sie scheinen mir in der That krank zu sein.« -- »Geh', mein Kind,« entgegnete Müssinger: »du erzürnst deine Mutter.« -- »Ich fürchte ihren Zorn nicht,« versicherte Justine gleichmüthig; allein da der Senator darauf bestand, zu bleiben, um seinen Geschäften zu genügen, folgte sie, wiewohl besorgt, der Mutter in die Kirche. Die Glocken schlugen ringsum die neunte Stunde, und Müssinger klopfte an van den Höcken's Thüre. Der Gast, erhitzt von der Pein einer fast schlaflosen Nacht, empfing ihn nicht in der besten Laune, und schien geneigt zu sein, das unangenehme Geschäft zu verschieben. Der Senator jedoch, dem es wie ein Fels auf der Brust lag, der um jeden Preis der Qual fernerer Ungewißheit enthoben sein wollte, drang, wiewohl bescheiden, dennoch so bestimmt auf der Arbeit Beginnen, daß van den Höcken endlich mit den Worten: »Sieh, wie sich das machte! Gestern so säumig, heute ohne Rast und Weile!« den Rock überwarf, seine Brieftasche aus dem wohlverschlossenen Koffer nahm, und dem Hausherrn nach der Schreibstube folgte.

»Der Tag ist recht günstig,« sagte er, da sie durch das leere Comptoir nach dem Cabinette schritten: »die Diener sind vermuthlich alle im Gottesdienste. Da läßt sich das Geschäft rund abmachen, und bei den Zahlungen liebe ich sonderlich keine Zeugen.«

»Ich auch nicht,« entgegnete der Senator zähneklappernd; zog den Laden des Hoffensters auf, und bot dem Fremden einen Stuhl. Van den Höcken machte sich mit dem Schlosse des Portefeuille zu schaffen; Müssinger blätterte mit zitternder Hand in dem Hauptbuche. Nachdem endlich der Holländer eine ziemliche Partie von Wechseln geordnet, und die Brieftasche wieder zugemacht hatte, sah er mit fragenden Blicken auf den unruhigen Schuldner. Der Letztere bemerkte es, und sagte mit kaum hörbarer Stimme: »Es wird Alles bald abgethan sein, werther Herr. Hier -- sehen Sie im Buche, was ich Ihnen soll; und in meiner Cassa, was ich habe!«

Er stieß mit dem Fuße den Deckel der Geldkiste auf; sie war beinahe leer. -- Van den Höckens Gesicht verfinsterte sich ungemein. »Was soll das, Herr?« fragte er scharf. -- »Ich bin jetzt schon ein vornehm thuender Bettler,« versetzte Müssinger: »Gewährt mir Ihr Mitleid nicht Jahresfrist, so stehe ich auch am Pranger.« -- »Sie haben es durch Ihre unmäßige Spekulationswuth verschuldet,« fuhr van den Höcken mit strengem Verweise fort: »Ihre Firma schien nur solid, und war eine Seifenblase, um Andere sichere Creditoren zu täuschen.« --

»Herr!« sprach der Senator mit mühsamer Fassung und Unterwürfigkeit: »Sein Sie nicht ungerecht; Ihre Menschlichkeit, ... mein Unglück...!«

»Pah!« eiferte der Gläubiger: »jeder Verschwender schützt Unglück vor, und appellirt an weiche Herzen. Ein Kaufmann muß ein steinhartes Herz besitzen, soll er nicht selbst zu Grunde gehen. Und wer steht mir denn am Ende dafür, daß diese ganze Wehklage nicht eine bloße Komödie sei, und in einen fraudulösen Bankerott ausgehen werde, weil sich gerade die _Gelegenheit_ darbietet...«

»Herr! nehmen Sie den Schimpf zurück!« fuhr ihm der Senator wüthend in die Rede.

»Was da!« brummte van den Höcken wild entgegen: »Dero gestrige Proposition darf wohl auf den Gedanken führen; und kurz und gut: die leere Geldkiste befriedigt mich nicht. Hier in meiner Hand sind Ihre Wechsel. Sehen Sie dieselben an, und lernen Sie mich kennen! Ich bin nicht umsonst den weiten Weg hierher gereist; ich will nicht vergebens...«

»Wohlan,« unterbrach ihn der verzweifelnde Schuldner: »Da doch nichts Ihr Menschengefühl erregen kann! Wohlan! Sie sollen Ihren Willen haben. Diese Wechsel kenne ich, und Sie sollen nicht umsonst sich bemüht haben. Sehen sollen Sie, wie ich meine Rechnung schließe!«

Mit der einen Hand stieß er die Wechselpapiere von sich, die ihm van den Höcken vorhielt, mit der andern zog er eine von den Pistolen aus dem Fache des Schreibtisches.

Bei dieser unverhofften drohenden Bewegung entsetzte sich van den Höcken zum Tode. »Herr! Sie wollen doch nicht...« lallte er, vom Stuhle auffahrend.

* * * * *

Nothhaft, der Comptorist, hatte die Kirche umgangen, seine Zeit in einer versteckten Spielstube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluste, nach Hause zurück, um seine letzten Thaler zu sich zu stecken, und auf's Neue sein Glück zu versuchen. Zweimal hatte er schon an der verschlossenen Hausthüre geklingelt, niemand ihm aufgethan. Die haushütende Magd hielt am Dachfenster des Hintergebäudes eine gewichtige Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhause. Der Knecht war auswärts zu seinem Schätzchen geschlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener die Ungeduld auf den Nägeln, und, als nehme er sich vor, Sturm zu läuten, zog er kräftig und unausgesetzt an der volltönenden Schelle. Sein Bemühen ermangelte nicht des gewünschten Erfolges. Schritte kamen, das Schloß ging langsam und zögernd auf.

»Taubes, ungeschicktes Murmelthier!« grollte der Eintretende, erschrack aber über die Maßen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, sondern den Prinzipal selbst vor sich sah, der das Amt eines Pförtners verrichtet hatte. Seine Unbesonnenheit verwünschend, und den Jähzorn des Senators aus Erfahrung fürchtend, bückte er sich verlegen, und stotterte eine Entschuldigung her, die nicht schlechter hätte ausfallen können.

Wunderbarer Weise genügte sie gerade heute dem wenig duldsamen Prinzipal. »Schon gut, mein lieber Nothhaft,« versetzte er mit leiser Stimme: »Er meint es nicht böse. Darum,« -- hier schloß er die Thüre wieder sorgfältig, -- »darum ist mir's auch lieb, daß _Er_ gerade heimkömmt. Ist etwa die Kirche schon zu Ende?« fragte er hastig nach. --

Nothhaft war innerlich erschrocken ob der Todtenblässe, die auf des Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raschen Unsicherheit in seiner leisen Rede; er erwiderte daher kleinlaut: »Nein, hochgeehrter Herr, ich konnte aber vor Uebelsein nicht in der Kirche ausdauern. Deshalb ... so eben schlug es zehn Uhr.« -- »Zehn Uhr erst?« fragte der Senator wieder mit schleppendem Tone: »wie die Zeit schleicht! ich dachte, es müsse Mittag vorüber sein. Komm' Er mit in's Comptoir.«

»Soll ich nicht die Fensterladen öffnen?« sagte Nothhaft, als sie in der finstren Stube standen. -- »Nicht doch,« erwiderte Müssinger hastig, »drinnen ist es schon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht, noch Grauen?«

»Ich habe Beides nie gekannt,« betheuerte Nothhaft, sehr aufmerksam werdend.

»Desto besser!« setzte der Senator bei: »so wird Er doch Rath wissen. Mich hat es stark angegriffen.« -- »Was denn Herr Senator?« -- »Rede Er nicht laut. Es hat sich vor einer halben Stunde, -- es kann vielleicht auch eine Stunde sein, -- ein Unglück im Hause begeben.«

»Ein Unglück? hier im Hause?«

»Ja doch; nur leise gesprochen. Dort im Kabinett...« Der Senator drückte, das Gesicht wegwendend, die Thüre auf.

»Im Kabinett?« fragte Nothhaft, dem es kalt über den Körper fuhr, ohne sich zu regen. »Was ist dort?«

»Der Holländer ...« stammelte Müssinger, -- »es war plötzlich aus mit ihm.«

»Mit dem Holländer?«

»Er ist in meinen Armen ... gestorben, glaube ich. Geh Er hinein, und sehe Er nach, ob Er's auch so findet, oder ob vielleicht...«

Nothhaft war schon im Kabinette. Van den Höcken lag leblos an der Erde, mit entstelltem Gesichte, und in Unordnung gebrachter Kleidung. Kein Athem war an ihm zu erhorchen, kein Pulsschlag zu finden. Der Diener fühlte des Körpers Eiseskälte, und hielt sich nicht lange bei demselben auf. Einen Falkenblick warf er durch das Gemach, und kam eilends wieder zu dem Herrn zurück. Dieser saß, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und das Haupt gesenkt, im Winkel der dunklen Schreibstube. »Nun?« war sein einziges Fragewort.

Nothhaft zuckte die Achseln. »Hin ist hin;« sagte er, »er hört den Kuckuck nicht mehr schreien. Wie kam denn Alles so plötzlich, Herr Senator?«

Müssinger zog einen tiefen Seufzer aus der Brust. »Wir rechneten zusammen;« -- flüsterte er scheu: »wir hatten eben Alles geschlossen, da überkam es ihn plötzlich, -- er sank -- auf meinen Knieen wurde es mit ihm alle.« --

»So?« entgegnete Nothhaft mit seltsam gezogenem Tone: »Ein Glück nur, daß es _nach_ dem Rechnungsabschluß traf.« -- »Was meint Er?« fuhr der Senator schnell, wie aus einem Traume, in die Höhe: »was ist jetzt bei der Sache zu thun?« -- »Der Herr Prinzipal scherzen wohl mit mir;« versetzte der Diener: »die Gerichte müssen gerufen, des Verblichenen Effekten versiegelt werden: das ist ja klar.« -- »Die Gerichte?« fragte Müssinger, wie von Schauder überlaufen, und sehr zerstreut: »ach ja, ... wahr ist's; das ist zu thun, ... und Siegel, meint Er, müssen auch?...«

»Herr Senator,« entgegnete Nothhaft spitzig: »Sie sind ja selbst beim Rathe; müssen das besser verstehen, als ich einfältiger Schreiber.« -- »Er hat Recht, mein Sohn, sehr Recht;« sprach der Kaufherr alsdann, wie sich besinnend: »Und wann wäre es wohl nöthig, ... glaubt Er?« ... -- »So schnell als möglich:« fiel Nothhaft ein: »Verzögerung könnte zu Unannehmlichkeiten Anlaß geben.« -- »Leider! leider!« stimmte der Senator ein: »Darum laufe Er, guter Nothhaft, und sei Er diskret gegen Jedermann, damit es sich so glatt und stille abmachen lasse, als nur möglich.«

»Sehr wohl, Herr Senator;« antwortete Nothhaft, bereitwillig nach dem Hute greifend: »wollten Sie indessen einen Rath nicht verschmähen? Schaffen Sie die Pistole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.«

Der Senator fuhr zusammen. »Eine Pistole?« stotterte er: »es muß ein Zufall dieselbe ... laßt doch sehen!«

Sich an den Diener haltend ging er nach dem Cabinete, wendete aber alsobald der Stelle, wo der Holländer lag, den Rücken, und stierte auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienstwillig und eifrig aufhob. -- »Wir wollen sie zu der andern legen,« sagte derselbe leise und hastig; »sie könnte übeln Effekt machen, und wenn Sie's erlauben, bringe ich auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es läßt gerade, als ob sich drei Finger hinein verwickelt hätten, um sie zusammenzuschnüren.«

Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den Höcken die besagte Aenderung vornahm, den Rücken fortwährend zu.

»Ich wollte ihm die Binde öffnen,« sagte er halblaut: »aber es ist möglich, daß ich in der Alteration sie fester zuzog...«

»Ja, ja,« stimmte Nothhaft, sein Geschäft vollendend ein: »es geschieht wohl öfters, daß die Hand ungeschickter ist, als der Kopf. So. Das wäre gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier mitzunehmen, Herr Prinzipal, so nehmen Sie es jetzt. Es wird schicklich sein, daß die Herren von Gericht das Cabinet verschlossen finden.«

Der Senator wurde wieder regsam, und begann, ohne eine Sylbe zu sprechen, aber mit einer beunruhigenden Hast, auf seinem Schreibtische Papiere und Bücher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerthen Zerstreuung, die ihn fesselte, dasjenige zu finden, was er zu suchen schien. Nothhaft trat hinter ihn, und sein Auge fiel auf ein Packet von Wechselbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte, während seine Rechte sie immer wieder verschob. Der Diener ergriff sie. »Sie suchen wohl diese Papiere mit Ihrer Unterschrift?« fragte er dringend. »Da! da! Herr -- sechs -- sieben -- neun Tratten auf sie selbst, von van den Höcken in Cours gesetzt und endossirt.« -- »Endossirt?« fragte der Senator, heftig nach den Briefen haschend. »Endossirt auf die Ordre des Georg Birsher zu New-York!« fuhr Nothhaft fort, indem er sie überlieferte: »und -- wahrhaftig quittiert von demselben.«

»Birsher?« fragte der Senator, betäubt auf die Blätter schauend. Nothhaft lächelte betäubend: »Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Daß Sie bezahlt haben, beweisen ja schon die Wechsel in Ihrer Hand,.... das ="Quitta"= hätte wegbleiben können. Die Dinte ist gar zu frisch. Lägen vielleicht noch andere Dokumente in der Brieftasche, die ich bei dem Holländer wahrnahm?«

»Was geht mich van den Höcken's Portefeuille an?« fuhr Müssinger stutzig werdend auf. Nothhaft machte einen entschuldigenden Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der Senator seinen Worten, schloß das Kabinet, ohne sich _einmal_ umzusehen, und ging, an Nothhaft's Arme, zu seiner Stube, wo er sich, an allen Gliedern zitternd, zu Bette legte. Wie ein guter Geist erschien ihm die aus der Kirche zurückkehrende Justine, die, von des Vaters Unpäßlichkeit hörend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte und wollte nicht reden, sondern versuchte nur in einzelnen Lauten sein Kind zu beruhigen. Justine erschöpfte sich in Muthmaßungen über des Rathsherrn Zustand, bis die Schelle des Hauses wieder sehr stark geläutet, und vieles Geräusch hörbar wurde. Die Thüre des Zimmers sprang auf, und Frau Müssinger, weiß wie die Wand, und schwerfällig, wie noch nie, schwankte in's Zimmer. -- »Was ist das?« kreischte sie, ohne des Kranken zu achten: »Das Haus wimmelt von Gerichtspersonen und Schergen! Ach, das Unglück! Der Holländer soll sich erhängt haben, höre ich! Ach, welch eine Schande! Gieb die Schlüssel her, du gottvergessener Mann, der mir durch seine sauberen Freunde so viel Schrecken verursacht!«

»Justine wird öffnen,« versetzte der Senator unter Fieberschauern, indem er dem Mädchen die Schlüssel reichte: »Stecke diese Wechsel zu dir,« flüsterte er demselben zu; »bewahre sie sorgfältig!« -- Justine schob, nicht minder blaß vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte sich eilends. Die Mutter dagegen blieb zurück, um den Mann ferner zu quälen. -- »Welch ein abscheulicher Spektakel!« ächzte sie, in den Lehnstuhl am Bette sinkend: »In diesem Hause halte ich's nicht mehr aus. Der Holländer wird umgehen, in seinem weißen Mantel, ein schreckhaftes Gespenst! O Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Was ich erleben muß! Pfui, abscheulich! Die Steuercommissärin hatte Recht, obgleich schon _Sie_ mich in der Kirche zum Entsetzen gebracht hat. _Sie_ hat gestern gesehen, was wir alle nicht sahen. Wir saßen Abends zu Dreizehn am Tische, und Einer von den Dreizehn muß binnen Jahresfrist sterben! Wie mich das schon alterirte! Man sieht aber: Wahr ist's! der Holländer hat bereits die Welt gesegnet.«

»Und ich werde es noch heute,« seufzte der Senator, »wenn du nicht nachlässest mit deinem abscheulichen Gekreische, Jacobine!«

»Und dennoch wirst du mich dulden müssen, bis Justine kömmt,« antwortete sie phlegmatisch: »Ich gehe ohne Begleitung nicht über den Gang.«

Nothhaft trat ein, und ging rasch auf den Senator zu. »Alles besorgt, Herr Prinzipal,« rief er wichtig und vertraulich: »Die Herren sind schon unten, lassen ihre Condolenz vermelden, und soeben den Verstorbenen über die Treppe nach seinem Zimmer bringen.«

»Gott stehe uns bei!« jammerte die Senatorin mit der ausgelassenen Betrübniß stumpffühlender Leute, während Müssinger sein Gesicht in dem Kissen verbarg: »Warum ließest du den Landläufer nicht im römischen Kaiser, da es ihm ohnehin nicht beliebte, in seiner Heimath zu sterben? Wie würde sich jetzt die hoffärtige Wirthsfrau gebärden, die sich trägt wie unsereins, hochmüthig thut, wie der Großmogul, und sich erst heute in einem ganz neuen Stoffkleide brüstete, daß es der ganzen Kirche zum Aergerniß gereichte! Statt dessen haben _wir_ nun die Schande! Geh' Er, Nothhaft, sorge Er wenigstens dafür, daß der Mensch nicht von den Amtsknechten heraufgetragen werde. Ich bin des Todes, wenn der Scherge in das Stockwerk kommt, das ich bewohne.«

»Sorgen Sie nicht, wertheste Frau Prinzipalin,« versetzte Nothhaft: »Der Herr sind ja verblichen, wie schon viele tausend Christenmenschen, und die Ehre schneidet der Tod nicht ab. Die Herren werden ein Inventarium dressiren, und die Habseligkeiten des van den Höcken unter Siegel verwahren, bis die Erben auszumitteln. Auch habe ich für nöthig erachtet, Herr Senator, einen Postboten nach Steinstadt abzuordnen, damit der Buchhalter hereinkomme, sintemalen Dero Leibesumstände denselben nicht erlauben werden, an der Spitze der Geschäfte zu bleiben.«

»Warum nicht?« fragte der Senator mühsam, aber aufbrausend: »Der Unglücksfall hat mich sehr angegriffen, aber bis zur Krankheit ist noch ein weiter Sprung. Ein Magnesia-Pülverchen bringt wieder alles in's Geleis.«

»Mit Gottes Hülfe!« sagte Justine, die so eben, nicht wenig erschüttert, hereinkam, und dem Senator die Comptoirschlüssel übergab. Sie holte das Medikament aus der kleinen Hausapotheke, reichte es dem Vater, und fuhr fort: »Ich will gleich nach dem Doctor Widerlein schicken, -- was bis jetzt vergessen wurde, -- damit Sie wieder von dem Schrecken zu recht kommen.«

»Ich bin nicht krank,« behauptete der Senator, sich ärgerlich aufrichtend: »kein solch Geschwätze! Ich werde allen meinen Arbeiten vorstehen, wie bisher! --«

»Der Briefträger brachte so eben diese beiden Schreiben,« unterbrach ihn der süßliche Berndt, der mit den Briefen in der Hand hereinschlich.

»Geb' Er her,« befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern sich zu entfernen. Sie gehorchten; gähnend und schmollend schloß sich Frau Jacobine, die Langeweile des Krankendienstes fürchtend, an die Subalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der Senator gab aber der Tochter die Briefe, und sagte leise zu ihr: »Nimm, mein Kind; mir schwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch viel, sich vor dem Comptoirgesindel rüstiger zu stellen, als man ist. Dir verberge ich mich nicht. Lies du mir daher vor, und unterstütze meine Schwäche.«

Bereitwillig erbrach Justine das erste Schreiben. »Von Amsterdam!« sagte sie, und der Senator zuckte hoch auf. »Hochedelgeborner Herr!« fuhr sie lesend fort: »Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach abgethaner fataler Differenz mit denen Verschreibungen Ew. Edeln in Wechselform, anzuzeigen, daß wieder bereit bin, auf Garantie des werthen Freundes, der sich jetzo bei Denselben befindet, in Allewege Credit obwalten zu lassen. -- Wir Kaufleute stehen ja in Gotteshand, und können wanken. Wohl _dem_ jedoch, der einen Bürgen und Stützen findet, wie den aller Orten geachteten Herrn Birsher von New-York.«

»Was soll das?« fuhr der Senator auf, da Justine verwundert inne hielt: »Der Teufel verstehe, was der Schreiber will. Sieh nach der Unterschrift.«

Justine that es, stutzte, wischte sich die Augen, und sagte endlich leise: »Ich weiß nicht.... aber doch stehts da; -- van den Höcken heißt die Unterschrift.«

»Van den Höcken!« schrie der Senator: »Sind wir beide toll?«

»Das Datum ist vier Tage alt,« versetzte Justine mit schwankender zweifelhafter Stimme.

»O mein Kopf, mein Kopf!« jammerte Müssinger, die Stirne mit beiden Händen haltend: »ich werde närrisch, rasend! Laß den Brief sehen! Gott sei mir gnädig! es ist Höckens Schrift...! O du mein lieber starker Gott und Herr!« -- Er weinte fast in der fürchterlichen Wallung seines heftigen Gemüths. -- »Dieser Brief!« stöhnte er, -- »und jene Wechsel, das Endossement, das Acquit, -- ich erinnere mich erst jetzt, -- von Birsher's Hand...! o mein armes Gehirn!« --

»Mein Vater! was haben Sie, was ist?« fragte Justine schluchzend in der höchsten Angst. Der Senator riß ihr statt der Antwort den andern Brief aus der Hand. »Gib!« stammelte er außer sich: »Gib! vielleicht macht mich dies Papier vollends wahnsinnig!« Er riß es, trotz Justinens Widerstreben, auf, überflog es mit dem starrenden Blick,.... ein krampfhaftes schreckliches Lachen erschütterte seine Brust, und mit den trostlosen Worten: »Auch das noch! Einen Tag früher, und -- ich elender, elender Mensch!« sank er ohnmächtig aufs Lager zurück.

Schaudernd raffte Justine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldet darinnen ein Hamburger Correspondent ein großes Glück. Die Hamburger Lotterie war gezogen worden, und das große Loos auf den Senator gefallen.

Zweiter Abschnitt.

Verdacht. -- Der Pastor der Johanniskirche. -- Sein Nachfolger bei dem Senator. -- Der Doctor in seinem Hause. -- Die Kupferstecher-Familie. -- Justinens geheimer Ausgang. -- Die Messe. -- Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. -- Die Beichte. -- Des Doctors Tagewerk. -- Geschichte eines Schauspielers. -- Der unerwartete Fremde. --

Es bestätigte sich durch den von Amsterdam eingelaufenen Brief, der den Commissarien des Gerichts schuldigerweise vorgelegt wurde, daß der in des Senators Hause verschiedene Fremde nicht van den Höcken gewesen; aus dem Inventarium dagegen, welches über den an Creditbriefen, Empfehlungsschreiben, kostbarem Leibgeräthe und beträchtlichen Pretiosen reich ausgestatteten Nachlaß des Verstorbenen aufgerichtet wurde, schien nicht undeutlich hervorzugehen, daß Herrn Birsher den Aeltern von New-York selbst das Unglück betroffen. Vor Allem rechtfertigte diese Muthmaßung ein reicher Frauenschmuck, der sich vorfand, in ein artiges Etui gepackt, auf welchem mit Goldschrift die Worte standen: »Meiner vielgeliebten künftigen Schwiegertochter und Freundin, Justine Müssinger, zum Hochzeitsgeschenke.« --

Der Anblick dieses Schmucks, den ein galanter Commissarius der Verlobten vorwies, regte in derselben erst deutlich die Beziehung an, in welche sie zu dem Dahingegangenen hatte treten sollen. Seine letzten Worte vergegenwärtigten sich ihr wieder aufs Neue, und ihr Gemüth ergriff eine stille Wehmuth, wie sie noch nie empfunden. Sie wäre selbst krank geworden, wenn die Umstände eine längere Pflege an des Vaters Bette erheischt hätten. Der Senator genas indessen wie durch ein Wunder, plötzlich am Tage der Bestattung seines Gastes. Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte sich seine starke Natur gearbeitet, aber der fliehende Feind rächte sich demungeachtet. Die Paar Tage streiften die Schärfe und klare Bestimmtheit seines cholerischen Temperaments von ihm. Haltung und Gang, Gesichtsfarbe und Rede, -- Alles war anders geworden; aus dem heftigen, gerade durchgehenden Manne ein scheuer schwermüthiger Mensch, der seiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und lärmte, aber dafür gern innerhalb seiner vier Wände für sich allein brütete und glossirte.