Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 4

Chapter 43,645 wordsPublic domain

»Seht aber doch, wie schön ich Alles hier eingerichtet habe!« rief sie, sich dreimal gegen den Spiegel verbeugend, und lustig in die Hände klatschend: »Ich wette darauf, die Königin Ulricke hat keine schönere Wohnung.« --

»Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben,« entgegnete James scherzend, »brächte mich beinahe auf die Vermuthung, diese Zimmer seien für Ihren Verlobten eingerichtet.«

»Ach Gott, nein!« versetzte Justine, indem Sie die Hände in spaßhafter Klage zusammenschlug; »Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um so geschwinde seinen Besuch abstatten zu können. Vor der Hand wird nur ein alter steifer Holländer, der Herr van den Höcken hier sein Quartier nehmen. Der beste Freund meines Vaters: sie haben sich aber in ihrem Leben noch nicht gesehen. Der liebenswürdigste Mann: wir wissen aber noch nicht das Geringste davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht an, und lobt meinen Geschmack. In _diesem_ Zustande seht Ihr es nicht mehr wieder!«

»Wie so?«

»Herr van den Höcken wird schon alle meine Bemühungen zu Schanden machen. Diese weißen Vorhänge wird der Rauch seiner Pfeife schwärzen, all' diese Ordnung seine plumpe Hand zerstören. Ach, die Männer sind ja nur dazu vorhanden, der Weiber zierliche Schöpfung zu verunglimpfen.«

»Wie kommen _Sie_ jetzt zu der Sentenz?«

»Das Medaillon an jenem Vorhang, den Ihr, Monsieur befestigt habt, bringt mich zu der Beschwerde. Es steht schief und baufällig. Schade dennoch um das arme Bild.«

»Warum befehlen Sie nicht?« fragte James lebhaft, sprang abermals auf den Tisch, und richtete das vergoldete Prunkstück nach der Regel auf. Justine verneigte sich steif. »Monsieur!« sagte sie, »ich bin mit Euch zufrieden. Wie kömmt's, daß Ihr jetzt lebendiger werdet?«

»Ich _strebe_ nach Ihrer Zufriedenheit, Mademoiselle,« entgegnete James verbindlich. -- »Das gefällt mir,« sprach Justine ernsthaft wie eine Königin. »Ihr möget aber wissen, daß ich nicht genügsam in meinen Forderungen bin.«

»Und doch würde ich eine _jede_ erfüllen!« versicherte James nicht minder ernsthaft. »Jede?« fragte Justine noch ernsthafter: »Besinnt Euch, Monsieur. Ich lasse nicht mit mir scherzen.«

»Auch scherze ich nicht,« schloß James fest und bestimmt.

»So wolltet Ihr also auch, wenn ich es verlange, den einfältigen Lauscher über die Treppe werfen, der schon seit einer Minute den Kopf in die Thüre steckt, und nicht ahnt, daß ich im Spiegel seine Ohren sehe?«

James sah sich verwundert um, und gewahrte Nothhafts Kopf, ein albernes ertapptes Fuchsgesicht, aus dessen Munde stammelnd die Worte kamen: »Mit Permiß, hochgeehrte Jungfer! Ich suche nur Ihren Herrn Vater!«

»Mit Permiß,« antwortete Justine verächtlich: »Er ist ein erbärmlicher Pinsel, dem mein Herr Vater für seine Horcherei den Kopf zurecht setzen soll. Führ' Er sich ab, und such' Er anderswo.«

Nothhaft verschwand mit leisen Verwünschungen. Justine lachte herzlich, theils über den Diener, theils über James, der, wie aus einem Himmel gefallen, vor ihr stand.

»Sagen Sie, wunderliche Fee!« sprach er: »Wie soll ich Sie nennen? Sie wechseln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkohren zu sein, Ihnen einen wichtigen Dienst leisten, Ihren Beifall erwerben zu können, und plötzlich löst sich Alles in einen Scherz auf.«

»Gesteht es nur, Monsieur!« erwiderte hierauf Justine: »Ihr seid eitel. Ich bin es aber nicht weniger. Ihr könntet ein Franzose sein. Mein Ernst ist jedoch nicht _immer_ Scherz.«

Die Gutmüthigkeit, die sich in Justinens Rede kund gab, machte dem Jüngling Muth, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Müssinger's Dazwischenkunft setzte seiner Neugier unübersteigliche Schranken.

Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit: »Ist alles fertig, Justine? Alles hergerichtet und geordnet?« Auf die Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten: »Brav, schön, meine Tochter. Zur besten Zeit, mein Kind. Er ist angekommen. Van den Höcken ist da. Der Kellerbursche aus dem römischen Kaiser hat mir's so eben gesteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im Gasthause lassen. Ich gehe selbst zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen, wie sich's gebührt? Fällt die Perücke gut? Sitzen die Strümpfe und Kniebänder? Hängt der Degen recht, wie er soll? Wie findest du den Busenstreif?«

»Schön und wohlanständig wie alles Uebrige, lieber Vater,« antwortete Justine, ein feines Lächeln kaum bemeisternd: »Sie sind jedoch in einer Unruhe befangen, die mir auffällt. Sie haben ja nicht vor den Kaiser zu treten, sondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger ist, als Sie selbst, und obendrein Ihr Handelsfreund!«

»Ach ja!« versetzte der Senator mit ängstlichem Athemzuge: »ach ja! das ist er, aber die Schicklichkeit, die Mores, ... und dann meine Pflicht, ... und worauf es ankömmt! Liebe Justine, erhebe deine Seele zum Gebet! ... Deine Mutter ist Eis, ... du aber mein Kind halte den Daumen für mich! hörst du? bringe mir Glück! freilich darfst du nicht wissen, ... aber ... wie gesagt ... Adieu!«

Schon war er jenseits der Schwelle. Die Herzensangst, die unverkennbar aus ihm sprach, machte Justine sehr nachdenklich. Sie stützte sich auf den Tisch, und blickte sinnend auf die Straße. Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens drehte sie sich kopfschüttelnd um, um zu gehen.

»Wie? Ihr seid noch da, Monsieur White?« fragte sie, wie erstaunt den jungen Mann zu sehen, der sie mit verschränkten Armen und theilnehmend betrachtete. »Könnt Ihr mir nicht sagen, was der Auftritt so eben bedeutete?« setzte sie gezwungen lächelnd hinzu.

»Die Mächte, die uns leiten, warnen oft den Glücklichen, daß er sich auf Unheil gefaßt mache,« entgegnete schonend und vorbereitend der Jüngling. »So?« fragte Justine wieder mit durchdringendem Blicke: »Euch steht's jedoch schlecht an, den Unglückspropheten allein hier spielen zu wollen. Was berechtigt euch dazu? gewiß nur meine Nachsicht, die Euch zu solcher mißbrauchten Vertraulichkeit den Muth giebt. -- Außer der Lehrstunde bin ich nicht für Euch zu Hause.«

James Gefühl wallte über. »Nach Befehl,« entgegnete er kaum hörbar, »hätte ich geahnt, daß Sie auf Ihre Frage nur ein stummes Achselzucken wünschen, und nicht ein freundlich offen Wort, so hätte ich mir die Beleidigung, Ihnen die Reue erspart.«

Er entfernte sich schnell. Schon war Justine im Begriff, bereits von dem innern Vorwurfe gequält, ihn zurückzurufen; schon hob sich ihr Fuß, ihm nachzueilen, aber Stimme und Bewegung bezwang sie im stolzen Selbstgefühle. »Ein unerträglicher Mensch!« eiferte sie vor sich hin: »Was er sich erlaubt! Ist das nicht der Ton, den ein Vater gegen seine Tochter annimmt? Gelte ich ihm denn nicht für _voll_? Bin ich denn ein Kind, das sich Alles gefallen lassen muß?« Ein schneller Blick in den Spiegel belehrte sie zur Genüge, daß sie kein Kind mehr war, sondern eine Jungfrau in der schönsten Blüthe des Alters. Wohlgefällig ordnete sie die Spitzen, die ihren Busen zart und schwach verhüllten, die Schärpe um das enge pralle Mieder, die Falte ihres seidenen Gewandes, und ging einigemal vor dem Spiegel auf und ab. »Wahrlich!« sprach sie alsdann mit verklärtem Angesichte: »Herr Birsher wird nicht die häßlichste Braut aus Europa entführen. Wenn er nur auch recht hübsch ist, und wohlgewachsen, und prächtig und sauber im Aeußern! Wie werden sich die Jungfern ärgern und die Frauen, wenn ich in aller Herrlichkeit mit ihm abziehe! Wie werde ich dagegen jubeln, wenn ich aus diesem Hause scheide, wo mich die Mutter nicht liebt, nicht haßt und nur für ihre Kammerjungfer ansieht, wo der Vater von Tag zu Tag wunderlicher wird. Wahrhaftig, noch einmal ein Auftritt wie der vorige, und mir würde bange um seinen Verstand!«

So eben ließen sich Stimmen in der Hausflur vernehmen, und gewichtige Schritte kamen über die Treppe herauf. Erschreckt flog Justine aus dem Zimmer, und bewillkommte sehr verlegen einen sehr dicken schweren Mann, der an der Hand des Senators, in Reisekleider gehüllt, emporkeuchte. Ein Lastträger folgte mit einem gewichtigen Koffer auf der Schulter. Das ganze Comptoirpersonale lauschte unten mit vorgestreckten Hälsen.

»Der sehr achtbare Herr und Freund van den Höcken aus Amsterdam,« sprach der Vater geschäftig zu Justine, und zupfte sie, einen sehr tiefen Knix zu machen. Der Holländer versuchte seinerseits eine Verbeugung, sah Justine starr aber freundlich an, blinzelte mit den kleinen Augen. »Ein hübsches Kind, die Jungfer Tochter,« sagte er noch halb athemlos: »ein recht hübsches Kind, eine lockende Eva! es ist charmant, Ew. Edeln, daß ich dem römischen Kaiser Valet gesagt habe, um hier in die Arme einer griechischen Helena zu sinken.«

»Ei, der Himmel bewahre mich in Gnaden!« platzte Justine heraus, und floh vor den ausgestreckten Armen des Fremdlings nach der Mutter Zimmer. Van den Höcken lachte ungemessen, und wehrte dem Senator ab, der Justinen nacheilen wollte.

»Lassen Ew. Edeln das wilde Jüngferlein immerhin springen und laufen,« sagte er fortlachend, »der Wein muß brausen, das Bier schäumen. Am Ende gibt es noch den solidesten Trank. Ich bin der Jungfer schon recht zugethan, und denke, _sie_ soll mir es auch werden. Alte Hagestolze wie ich, haben das Geheimniß endlich weg, wie man das Frauenzimmer kirre macht. Für's Erste jedoch,« setzte er hinzu, »weisen Sie mir mein Zimmer an, und entschuldigen Sie mich bei Ihrer lieben Frau. Zum Thee komme ich herüber. Meine müden Beine müssen bis dahin ausrasten.«

Der Senator stieß dienstfertig die Thüre auf, und van den Höcken betrachtete mit Wohlgefallen sein Quartier. »Ew. Edeln haben mich wie einen Cogreßambassadeur logirt,« schmunzelte er, »Item, unsere persönliche Bekanntschaft hebt vollkommen gut an; wünsche nur, daß auch in =saeteris= alles gut ablaufe, mein bester Herr.«

Der Senator wollte den Augenblick benutzen. Er stellte sich daher vor den im Lehnstuhle ruhenden Gast, und begann zu erzählen von dem Buchhalter, der nicht zugegen, von dessen oberflächlichem Brief, von der Freude, die er empfinde, den Handelsfreund zu bewirthen, von den bösen Zeiten und den Wagnissen eines Spekulanten, und besonders von der Nothwendigkeit, sich als Christen gegenseitig zu unterstützen, und zu schonen. Als er jedoch bis zu diesem Punkte gekommen war, faltete der Gast seine Stirne mächtig, bewegte mißbilligend den Kopf, und entgegnete ziemlich unfreundlich: »Geschätzter Herr Senator! Dergleichen Betrachtungen schicken sich wenig in der ersten Bewillkommnungsstunde. Was jedoch die Spekulanten betrifft, und die christliche Moral, so sollen Erstere nicht weiter fliegen wollen, als die Federn reichen, und Letztere nicht begehren, daß Einer, um dem Andern durch die Finger zu sehen, sich selber ruinire. Sie werden mich begreifen, obgleich ich nicht das beste Deutsch rede. Im Holländischen könnte ich mich freilich besser ausdrücken. Uebrigens lassen wir dergleichen Erörterungen auf morgen. Meine Maxime ist: zuerst ruhen, dann arbeiten. Morgen nach dem Frühstück von Geschäften. Meine Wechsel sind in aller Ordnung. Halten Sie nur das Ihrige in Bereitschaft.«

Der Senator war wie von kaltem Wasser übergossen. -- »Ew. Edeln vergessen,« stotterte er, »daß meines Buchhalters Abwesenheit......«

»Doch keinen Aufschub macht?« unterbrach ihn van den Höcken, herzlich lachend. »Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, weiß die Zahltermine auch ohne den Buchführer. Respekttage habe ich in Hülle und Fülle gelassen, und aufhalten kann ich mich nicht länger als zwei Tage. Also haben Ew. Edeln die Güte, sich nicht länger zu sträuben. Ich weiß es; große Summen gehen schwer vom Herzen; mir selbst nicht minder; allein was sein muß......, nun, Sie sind ja ein Ehrenmann, und somit heute kein Wort mehr hievon.«

Müssinger empfahl sich mit verstecktem Mißvergnügen, und ging bis zur Dämmerung heftig auf dem Altan des Hauses hin und her, um sich die gehörige Fassung zuzuwenden, deren er, seinem Gaste gegenüber, bedurfte. Plötzlich blieb er stehen, und sagte vor sich hin: »Bin ich denn nicht ein blödsinniger Mensch, daß ich noch hoffe, und kann diese Hoffnung mit nichts in der Welt rechtfertigen? Was soll mir eine leere gespenstige Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnäckigen Manne gesagt, was er morgen dennoch erfahren muß? daß es weit ärger mit mir steht, als selbst mein Buchhalter ihm gesagt, dessen vergebliche Bemühungen er nur für die Flausen eines Mannes, der nicht zahlen _will_, zu halten scheint. Ich muß mich demüthigen vor ihm, wie nicht vor einem Kaiser, und nur von seiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein saurer Schritt, -- der sauerste meines Lebens! ist er aber vergebens, auch mein Letzter, so wahr mir Gott gnädig ist. Vor des Holländers Augen zerschmettre ich mir den Kopf!«

Von diesem Gedanken erfüllt, stieg er hinab in sein Cabinet, lud mit der Entschlossenheit der abgestumpften Verzweiflung seine großen Reisepistolen, und legte sie, unfern von seinem Drehstuhle, in ein verstecktes Fach des Schreibtisches. Hierauf schloß er sorgfältig zu, gab den Comptoirbedienten für den _ganzen_ folgenden Tag -- einen Sonntag -- freien Urlaub, und verfügte sich in die Wohnstube, wo er seine Frau, ihre Freundinnen, Justine und van den Höcken schon beisammen fand. Der Thee wurde nach holländischer Sitte herumgereicht. Der Gast setzte sein größtes Vergnügen darein, sich von der Tochter bedienen zu lassen, und durch mehrere Scherze, wie sie alte Herren seines Schlags sich oft zu erlauben pflegen, die Röthe der Jungfräulichkeit auf ihre Wangen zu jagen.

»Das wäre ein Mädchen,« sagte er unter Andern, »das wieder Leben in mein verödetes Hauswesen bringen könnte, wenn ich einen Sohn hätte, oder wenn die Jungfer mich selbst zum Manne nehmen wollte. Unsre steifen Amsterdamer Puppen müßten sich verstecken vor der muntern Frau van den Höcken. Wahrhaftig, Ew. Edeln: -- seh' ich die Jungfer an, so wird mir's wohl begreiflich, wie sie _ihre_ Tochter sein kann; aber die bequeme Madam dort im Kanape würde nicht jeder für _ihre_ Mutter halten.«

»Hm!« dehnte die Senatorin etwas empfindlich, »Ew. Edeln und meine Wenigkeit stellten dafür ein passenderes Paar vor.«

»Wahrhaftig!« lachte van den Höcken ausgelassen. »Sie haben recht, meine Werthgeschätzte, und ich würde auch des Schicksals Wink nicht unbeachtet lassen, hätte es dem Himmel gefallen, sie in ledigem Stande vor meine Augen und Gemüth zu führen. Wie die Sachen aber jetzo stehen, werde ich mich schon an die Jungfer Tochter halten müssen.«

»Bitte sehr!« lächelte Justine schnippisch, und zog ihre Hand aus der Rechten des Holländers. Die geneigte Mama setzte indessen phlegmatisch bei: »Inkommodire sich der Herr nicht. Meine Tochter ist versprochen, sie wird eine Birsher in New-York.«

»Oho!« entgegnete van den Höcken. »Mit dem Birsher nehm ich's auch noch auf. Bin ich nicht so jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der Vater, und der Weg nach Amsterdam ist um ein gutes Stück näher, als der nach Amerika.«

»Danke gar sehr, lieber Herr!« spöttelte Justine. -- Die Mutter nickte ihr den völligsten Beifall zu. Der Vater ließ sich vertraulich neben dem Holländer nieder, und sagte, als die Frauen sich wieder alle um die Theekanne und Butterschnitten drängten, so süß als möglich: »Ew. Edeln haben eine unvergleichliche Gabe, zu scherzen. Ein Anderer hätte glauben können, Sie hätten in der That ein Auge auf unser Kind.«

»Das habe ich auch,« bekräftigte van den Höcken. »Ich bin der schnippischen Jungfer seelengut, und möchte sie für mein Leben gern in _meinem_ Bauerchen haben.« --

»Ha!« versetzte der Senator, vor dessen Seele allerlei Hoffnungen und Plane wieder aufdämmerten: »Wir waren ja bisher, ohne uns zu kennen, so gute Freunde, achtbarer Herr...«

Er stockte, _ein_ Auge sah verlegen auf den zitternden Busenstreif, das Andere auf den Holländer, der, seine Pfeife kaltblütig anbrennend, langsam zu ihm sagte: »Nun? und weiter? Drücken Ew. Edeln ab! Nun?«

»Ich meinte nur,« fuhr der Senator, seine Schmiegsamkeit mit ungeduldiger Ruhe behauptend, fort, -- »daß ich Ihnen nicht leicht ein Ansuchen fehl gehen lassen möchte, wenn dessen Erfüllung in meiner Macht stände.«

»Versteh ich Sie?« fragte van den Höcken heimlicher: »Vielleicht auch nicht das Ansuchen um die Jungfer Tochter?« --

»Ihr Scharfsinn, werther Herr, ...« begann der Senator. --

»Bitte! keine Complimente!« fiel der Holländer ein. »Der Birsher steht aber im Wege. Wie könnte man _den_ wegschaffen?«

»I nun,« flüsterte Müssinger, »man müßte sehen, wie sich etwa die Gelegenheit darböte...«

»Ein ehrliches Mannswort zu brechen?« sagte van den Höcken ernst, und mit Vorwurf: »ein kaufmännisches Versprechen ist heilig wie ein Eid. Es muß gehalten werden, wenn auch eine Gelegenheit sich darböte ... lieber Mann, und ein noch zehnmal reicherer Freier als van den Höcken von Amsterdam, der Ihnen nur um der lieblichen Tochter willen den niedrigen Charakterzug vergibt --«

»Mein werther Herr,« wollte der Senator auffahren. Der Gast hielt ihn jedoch im Zaume, indem er ihm zuflüsterte: »Machen Sie doch Ihren Schritt nicht vor Ihrer Familie und den Fremden offenbar. Schämen Sie sich im Stillen vor mir allein, und wundern Sie sich nicht, wenn ein ehrlicher Mann zögert, Ihnen Credit zu geben, da Ihre feierlichen Zusagen Ihnen feil geworden sind.«

Den Rücken des Senators überlief es wie mit tausend Nadelspitzen. Kurz und trotzig, um den Herrn von Amsterdam seine Beschämung nicht sehen zu lassen, wendete er sich von ihm, und vergaß die Pflichten des Hausherrn. Van den Höcken übersah ihm den Ingrimm, und mischte sich in ein Gesellschaftsspiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier entfaltete er bald eine Fröhlichkeit, die man ihm nicht angesehen hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mißfiel, und eine Gutmüthigkeit, die ihm Justinens Herz geneigter machte. Er zog es auffallend vor, sich mit dem muntern Mädchen zu unterhalten, gab sich viele Mühe, es an sich zu fesseln. Der Senator sah mit schwankenden Hoffnungen und vieler Reue dieser feinen Bewerbung zu, bis die zehnte Stunde schlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gast nach seinem Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu lassen. Verbindlich und gefällig wünschte van den Höcken allerseits gute Nacht, und begehrte scherzend von Justinen den Verlobungskuß. Die Jungfer verweigerte sich lachend. Van den Höcken hatte sich's vorgenommen, die süße Frucht nicht unberührt zu lassen. -- »Will Sie mich nicht qua Bräutigam küssen, spröde Jungfer,« sagte er lachend, »so erlaube Sie mir doch wenigstens, Sie =qua= Papa zu küssen. Ich könnte es ja doch sein, denke ich; he? --«

»Gute Nacht, Herr Vater!« antwortete dem Scherze nachgebend und munter das lustige Mädchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Kuß. Van den Höcken zauderte nicht, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen, und verließ, glänzend und strahlend von Vergnügen das Zimmer. Der Herr vom Hause, von widrigen Gefühlen bewegt, ging, den vergoldeten Armleuchter in der Hand, zum Gastzimmer hinaus. Beide Männer schwiegen ernsthaft. Der Senator öffnete mit eignen Händen die grünen Damastvorhänge des Alkovens, schloß die Fenster, zeigte stumm auf alle Bequemlichkeiten der Wohnung, und wollte sich mit einem trocknen: »Schlafen Ew. Edeln wohl!« abführen. Van den Höcken redete ihn darauf an.

»Wollen wir denn im Groll scheiden, werther Herr und Gastfreund?« sagte er: »Lassen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung gesagt, und Sie haben bereut; somit gut. Wollen Sie bedenken, daß Feindseligkeit nichts taugt. Sie haben mich selber in Ihr Haus geladen, und vertrauensvoll hab ich's angenommen. Sein Sie auch freundlich in dem gastfreundlichen Hause. Bei Gott, ich bin es auch wieder.«

Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns nicht ausschlagen, aber gefangen geben mochte sich sein Stolz auch nicht. Steif verbeugte er sich daher und erwiderte: »Ew. Edeln wollen scherzen. Ich habe Alles vergessen, und bitte um dieselbe Vergünstigung. Wann befehlen Sie morgen geweckt zu werden?«

»Ich incommodire nicht,« versetzte van den Höcken, ziemlich unbefriedigt von des Senators Rede: »mein übergesegneter Körperumfang weckt mich frühzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wünsche ich mit dem Frühstück bedacht zu werden, damit wir um Neun an unser Geschäft gehen können.«

»Sehr wohl,« entgegnete Müssinger eiskalt; »Alles soll geschehen, wie Sie es anordnen. Gute Nacht!« --

Van den Höcken legte sich zu Bette: aber der Senator fand in seiner Stube keine Ruhe. Einmal sogar verließ er dieselbe, das Licht in der Hand, und schlich in leisen Pantoffeln bis zu der Schlafkammer seiner Tochter. Schon hatte er den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, aber scheu trat er wieder zurück, suchte er wieder seine Stube. -- Warum das Mädchen in das Geheimniß ziehen? sagte er mißbilligend zu sich selbst: Wird nicht ihr Eigensinn oder ihre Angst mich verderben? Es ist nicht gut, wenn der Vater die Rettung seiner Habe in schwache Kinderhände legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle mißlingt der Plan. In welchem Lichte stünde ich vor dem holländischen Herrn! Könnte er's dann nicht mit Händen greifen, daß ich ihn nur in's Haus gelockt, um ihn zu kirren; daß ich auf gewisse Art der Kuppler meiner Tochter...? Pfui, Müssinger. Diese Blöße wäre unverzeihlicher, als die, welche deine Schwäche und deine fürchterliche Bedrängniß gaben. Fasse Muth, unglücklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus, wie du es dir vorgenommen. Ist der Holländer, seiner Pünktlichkeit und Hartnäckigkeit zum Trotz, ein Mann von Gefühl, wie ich beinahe nach seinen Reden vor dem Schlafengehen glauben möchte, so wird ihn die treue Schilderung meiner Lage rühren; wo nicht ... in Gottes Namen!

Mit einem schweren Seufzer löschte der Senator sein Licht, und gab sich einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlafstörungen und Grübeln Erschöpften endlich gegen Morgen umfing. Van den Höcken hatte schon einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, seiner Sinne nicht klar bewußter Mann, ließ er sich von dem eintretenden Bedienten die Haare ordnen, zog sich nicht allzu sorgfältig an, und begab sich unter dem ersten Geläute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatorin stand schon, geschmückt und mit Putz trotz einer Markgräfin überladen, in der Mitte des Zimmers. Justine trat mit Blumensträußen und Gesangbüchern versehen, ebenfalls im Staate von =Cros de Tours=, herein. Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schläfrigkeit in Ton und Wesen, ihren Mann einen trägen Langschläfer, der sein Frühstück allein, oder mit seinem galanten Freunde aus Holland verzehren könne. Justinens Scharfblick errieth jedoch weit gelehriger, daß in dem Vater immer noch das ungewöhnliche Treiben wühle, das sie schon in den verflossenen Tagen bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grußes wohlthuend angeregt, wurde der Senator milder, und sagte fast liebevoll zu seiner Ehefrau: »Liebe Jacobine! Ich muß dich heute freilich allein in die Kirche gehen lassen, weil mich ein Geschäft zu Hause hält. Aber gerade deshalb bete _du_ für mich, und denke meiner einmal im Guten gegen den Schöpfer.« -- »Faselt er nicht schon wieder?« fragte die Senatorin, spöttisch zu Justine gewendet: »Bete ein Jeder für sich, und erhalte der Herr jedem den Verstand. Wenn ich den Doctor in der Kirche sehen sollte, will ich nicht versäumen, ihn zu dir zu schicken. Ein Aderlaß ist dir wahrlich nöthig, denn richtig scheint mir's seit einiger Zeit nicht mehr in deinem Kopfe zu sein.«

Der Senator hob, statt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und wendete sich von dem Weibe. -- »Ich will mich nicht erzürnen,« sagte er mit gewaltsam unterdrücktem Unmuth: »es möchte vielleicht gut sein, daß wir gerade _jetzt_ nicht im Hader scheiden. Darum gehe recht geschwinde, Jacobine, und leb' wohl!«