Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 32

Chapter 323,599 wordsPublic domain

Franzisco, ihren Aussagen nicht mißtrauend, begnügte sich, sie zu fragen, ob sie portugiesische Truppen gesehen, und -- auf ihre desfallsige Verneinung -- sie unter einige Aufsicht zu stellen. Von dem unglücklichen Fürsten der Wildniß weggehend, begegneten die Fremden dem Master Georg. Befremdet blieb dieser, den Ersten ansichtig werdend, stehen. Auch Jenem fiel des Amerikaners Antlitz auf. »Georg Birsher!« rief er plötzlich. -- »Harry! Harry Haverly,« entgegnete der Andere nicht minder freudig, und sie schüttelten sich treuherzig die Hände.

»Du _hier_?« fragte Harry englisch und mit beflügelten Worten; »wir glaubten dich vom Hay verschlungen!«

»Ach, Bruder!« entgegnete Georg, »wie steht's zu New-York?«

»In Hülle und Fülle. Ich verließ es erst vor einigen Monden. Dein Compagnon führt, unerschütterlich deiner Rückkehr vertrauend, die Geschäfte fort, und das Glück hat seine Bemühungen tausendfach belohnt.«

»Aber du, mein Freund?«

»Verrathe mich nicht an diese Menschen. Gieb vor, daß du mich in Irland kennen lerntest. Klugheit! reinen Mund! ein andermal mehr.«

Die Wächter der vorgeblichen Irländer nöthigten sie, weiter zu gehen, und führten sie an einen abgelegenen, von den übrigen getrennten Platz.

Fernandez hatte von Ferne ihr Zusammentreffen mit Georg angesehen, und sprach zu seinem Oheim: »die fremden Leute haben unserer Colonie Unheil gebracht. Alle sind mir als Portugals oder Spaniens Spione verdächtig. Wollen wir abwarten, daß sie uns, -- den Feinden so nahe -- vollends verderben? Standrecht über sie. Wir wollen nicht ungerächt mindestens untergehen.«

»Junger Mann! wohin verleitet dich dein Zorn?« fragte der Alte verweisend. »Soll ich den letzten Schimmer meiner Patriarchen-Gewalt mit einem Verbrechen besudeln? Laß uns lieber die Nachtzeit benutzen, um auf spanisches Gebiet zu flüchten. Santa Dominica nimmt uns unter verändertem Namen auf, und wir dürfen daselbst auf Ruhe hoffen.«

»O unglücklicher Ausgang schöner Plane!« seufzte Fernandez. -- »Das Unglück soll uns jedoch in jenen fremden Gästen nicht weiter begleiten. Wir lassen sie zurück. Schuldig, werden sie bei unsern Feinden Schutz und Hülfe, -- unschuldig, Gottes bessern Beistand finden.«

Der Greis, von Fernandez Argwohn ergriffen, willigte in dessen Wunsch, und ließ die Anstalten zum nächtlichen Aufbruch in geheimster Stille vornehmen. Georg kehrte indessen nach der Höhle zurück, woinnen Müssinger und seine Tochter seiner mit peinlicher Ungeduld warteten. James stieß auf ihn. In der Dämmerung bemerkte Georg, daß der Jüngling seine portugiesische Uniform angelegt hatte.

»Wohin in diesem Aufzuge?« fragte Birsher staunend; »wollt Ihr Euch von den Unsern erschießen machen?«

»Verzeiht, Herr, daß ich Euer Kleid nahm,« entgegnete James ein wenig heftig, -- »aber mir brennts auf der Seele, daß Doctor Münzner ein Verräther sein soll. Ich will trotz Tod und Teufel hinüber, um zu erfahren, ob Fernandez wahr sprach, -- ob er log.«

»Wie, Sir White? unter die Feinde?«

»Dies Kleid schützt mich, und die Nacht. Und gälte es mein Leben, ich muß mich überzeugen, ob mein Pflegevater der Bösewicht ist, wofür man ihn ausgeben möchte. Lebt wohl, Mr. George. Ich bringe gute Botschaft, oder keine mehr in diesem Leben. Grüßt dann Justine von mir ... sagt ihr.... doch nein! sagt ihr nichts,.... und seid glücklich!«

»James! reißt Euch das Feuer der Leidenschaft von hier? was habt Ihr vor?«

Georg hatte gut ihm nachrufen; schon war er im steigenden Dunkel verschwunden. Auf geheimen, Thymian duftenden Pfaden kletterte James zum Ausgang der Schlucht hinab, und kroch, leise wie eine Schlange, an dem Hinterhalt der Negerpartei vorüber. Unfern an einem niederrauschenden Bache stand der Vorposten der Feinde, die es nicht wagen mochten, ohne Verstärkung in die Schlucht einzudringen. Rings an den Höhen brannten ihre Wachtfeuer. Mitten im Thale loderte ein Haus in vollen Flammen: Franzisco's bescheidene Wohnung. Die meisten Soldaten des Pikets waren dem Brande zugekehrt, und James glitt durch Stauden und hohes Gras an dem Zelte vorbei, ohne bemerkt zu werden. Neben dem Bache sich haltend, und in tiefes Dunkel verschleiert, näherte er sich den Hütten. Vor ihren Thüren standen die zurückgebliebenen Einwohner, mit Schmerz und Händeringen auf die Trümmer ihres bisherigen bescheidenen Glückes sehend. Um den Betplatz war die größte Menge versammelt, und viele Soldaten standen, theils bewaffnet, theils in bequemer Ruhe, umher. Der Pater Assistent, begleitet von dem Brigadier und den Pionniers, führte hier ein merkwürdig Schauspiel auf. »Nieder mit dem Bilde, das hier die Heiden unserm Heiland zu Hohn und Spott errichtet haben!« rief er mit wilder Begeisterung, in seiner Hand selbst ein Beil schwingend; »nieder mit dem Götzenbilde eines wahnsinnigen Opferdienstes! der elende Franziskaner hat euch, ihr Verblendeten, nur vorgespiegelt, daß diese Riesengestalt euern Erlöser vorstelle; er hat aber den Teufel hinein gebannt, wie die heidnischen Mexikaner in den gräßlichen Huitulopochtuli! -- Vergebung der Sünden dem, der mit thätiger Hand hier angreift, wie ich! Nieder mit dem Zauberblendwerk des verruchten Bettelmönchs!«

Er führte den ersten Streich nach dem Bilde des Erhabenen, dessen Jünger er sich doch prahlend selbst nannte, und zwanzig Fäuste wütheten wie der Blitz gegen die ehrwürdige Gestalt. Sie sank zerstückt in den Rasen. Ihre Trümmer flogen in das wilde Feuer des angezündeten Hauses, das der schadenfrohe Soldat mit allem erdenklichen Muthwillen, sammt dem Garten, verwüstete, weil seine Hoffnung, Schätze darinnen zu finden, vereitelt worden war. An stillen Tugenden war das Thal reich gewesen, an Gold und Edelsteinen ärmer als das Grab. -- James, obgleich von dem empörenden Auftritte, den er mit angesehen, unwillig erregt, wie von dem rohen Geheul, womit die Soldaten, um das Feuer tanzend, das unsinnige Fest beschlossen, fühlte eine wohlthuende Empfindung in seiner, von der Unschuld seines Pflegers überzeugten Brust. »Ich wußte es ja wohl!« sagte er zu sich selbst. »Irren mochte er in seinem Leben, ein Schurke war er nie; und in der Tugend Frieden schied seine Seele, wenn ihn auch ein Raubthier, ferne von unsrer Hülfe, zerfleischte!«

Mit zufriedenem Herzen machte er sich auf den Rückweg, unfähig, dem Soldatentumulte länger zuzusehen. Seine Eile erregte indessen Verdacht.

»Warum läuft der Kamerad?« fragten sich zwei vorüberstreifende Portugiesen, und: »Halt!« rief eine Patrouille dem Eiligen zu. Der Corporal hielt ihm die Pike vor. »Wo ist dein Quartier? dein Posten?«

»Dort beim Piket, ihr Leute!«

»Bist unbewaffnet, Patron, und ein Ausländer?« -- »Welche Fragen!« -- »Halt da! das Feldgeschrei!« -- »Die Jungfrau und alle Heiligen,« antwortete James auf gut Glück. -- »Gefehlt! halt! Du bist ein maskirter Bursche, ein Spion! halt ein!«

Man ergriff den Entdeckten. In seiner Bestürzung kam eine englische Verwünschung über seine Lippen. »Heda!« rief ein alter Soldat, der einst auf einem englischen Schiffe gefangen gelegen, »das ist englisch, meine Freunde, die Ketzersprache! Bindet den unchristlichen Jungen!« -- »Aber, meine Brüder...!« -- »Der Satanas ist dein Bruder!« fuhr ihn der Corporal an, »ich bin aber entweder verrückt, oder du bist der Deserteur, dessen Steckbrief uns auf dem Marsche hieher mitgetheilt wurde.«

»Sennor Corporal!«

»Aha, nun wird er höflich. Beim heiligen Täufer! Seht selbst, Kameraden! Groß, schlank; dunkle Haare, ernsthafter und kecker Blick, ohne Schnauzbart, ein Engländer! Er ist's, wir haben die achttausend Rees verdient, die auf seinen Fang gesetzt sind!«

»Wie?« fragte James, über Georgs drohende Zukunft erschrocken, nachdem der Jubel der geldhungrigen Soldaten sich gelegt hatte. »Ihr sucht den Engländer? Ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt?«

»Ja, beim heiligen Jakob!« hieß die Antwort. »Wir hätten nicht nachgelassen, dich zu suchen, Ausreißer, damit ein Beispiel gegeben werde.«

»Mein Gott!« seufzte James für sich, »Georg in dieser Nähe, in solcher Gefahr? und Justinens Verzweiflung!... Freunde!« setzte er schnell und entschlossen hinzu, »das Schicksal und die Reue überliefert mich euren Händen. Was wird mit mir geschehen?« »Ei, die Excellenz wird dich zu deinem Regiment schicken. Bereite dich indessen zum Letzten. Hättest du blos der Fahne und dem König den Eid gebrochen, kämst du mit Prügeln davon, aber du hast deinen Fähndrich geschlagen, und das kostet dir das Leben!« James schauderte. »So macht es denn kurz,« sagte er kalt und resignirt, »führt mich zu eurem Commandeur! ich bin derjenige, den ihr sucht!«

Vergnügt und lärmend brachten ihn die Soldaten nach dem Quartiere des Brigadiers. Mitten in der Nacht brachte ein aus den Banden entsprungener Neger die Nachricht von des Jünglings Geschick, und wie er sich darein ergeben, in Franzisco's Lager. »Wohl bekomm's dem Ueberläufer!« sagte Fernandez trocken, und kümmerte sich weiter nicht darum, mit wichtigeren Angelegenheiten beschäftigt. Einen bei weitem tiefern Eindruck machte die Kunde der Begebenheit auf Georg, auf den Senator; einen unbeschreiblich bittern auf Justine. »James!« rief sie, mit dem ihr eigenthümlichen Scharfsinn errathend, _wie_ alles so gekommen, »wißt ihr denn, meine Lieben, daß er sich für unser Wohl hingegeben? O wie diese That ihn so glänzend aus dem zweideutigen Nebel seiner Vergangenheit hervorhebt! Wie wohlthuend diese Kunde in ihrer Bangigkeit zu meinem Herzen spricht!« »Wäre es möglich?« sagte der Senator, während Georg nachsinnend und betrübt vor sich hinstarrte, »wäre er dazu berufen, sich immer für die zu opfern, die seinem Herzen weh thaten? die seinen liebsten Hoffnungen ein Hinderniß waren? _er_ dazu bestimmt, Georg von einer drohenden Gefahr zu retten?«

»Gewiß! gewiß!« versetzte Justine mit leuchtendem Auge, »zweifeln Sie nicht, mein Vater, sonst läugnen Sie den Edelmuth in der Menschenbrust! Die wildeste Gefahr droht uns. Wenn morgen der Feind dieses Thal erstürmt, wenn sie Georg gefangen hätten, auf welchen ihre Blicke gerichtet waren? Jetzt glauben sie ihr Opfer zu halten. Jetzt ist ihre Aufmerksamkeit beruhigt. Jetzt können wir hoffen, während der muthige James hingeht, um für den dankbarsten Freund in das Gefängniß zu treten.«

»Sagen Sie: den Todesplatz!« rief Georg mit heftiger Bewegung in ihre Rede, »Gefängniß büßt nicht das Vergehen gegen den knechtischen Gehorsam, das ich verübte. Darauf steht der Tod!«

Justine wurde fast ohnmächtig. Krampfhaft packte sie Georgs, des Vaters Hände. »Der Tod?« stammelte sie: »Entsetzlich! Gräßlicher als ich je gefürchtet! Den Tod? Herr Georg! Für Uns soll er sterben? Nein! das dürfen wir nicht zugeben! Vom Arrest hätte ihn Fürsprache, einst vielleicht unser Geld, endlich gewiß die Zeit befreit.... aber den Tod leiden? Nein! nein! guter James! es müßte kein Tropfen warmen Bluts in unsern Adern rinnen, wenn wir hier noch zögern könnten! Kommen Sie, Vater! kommen Sie, Herr Birsher!«

»Wie? wohin?« fragten Beide staunend. Das muthige Mädchen fuhr aufgeregter fort: »Hinüber in's portugiesische Lager, zu den Füßen des Commandanten! ihm alles zu entdecken, bei ihm um des armen Mannes Freiheit zu betteln! Doch nein,« setzte sie bei, »ihr Männer versteht die Sprache der Bitte nicht; ihr seid nicht thätig, nicht stark in eurer trägen Betrübniß. Das Unglück rührt euch nicht, wie es das Weib ergreift! -- Bleibt! _ich_ will gehen! allein! unbeschützt, unbewacht! Es müßte kein Gott über uns leben, wenn ich nicht zum Befehlshaber dränge! Ich kann freilich nicht wimmern, nicht weinen, nicht schmeicheln; ich habe es nie gelernt; aber der Wahrheit wird der Commandant nicht widerstehen, und der Portugiese wird die Ritterlichkeit gegen Damen nicht verlernt haben!«

»Tochter!« rief Müssinger, sie zurückhaltend. »Was wollen Sie beginnen?« ermahnte Georg. »In tiefer Nacht? des Wegs unkundig? Durch unsre und des Feindes argwöhnische Posten? Der Tod lauert auf Sie. Sie betrüben uns durch diesen Entschluß zum Sterben!« Justine warf einen sehr ernsten Blick auf ihn, und entgegnete: »Monsieur, ich verstehe Sie nicht, ich werde an Ihrem Herzen irre. Wissen Sie nicht mehr, daß James meinen Vater gerettet? daß er mich über Land und Meer geführt hat? mich, Ihre Braut? _er_, der mich liebte? auf dessen Liebe ich jetzt erst stolz werde? Zu diesem Allen mögen Sie wissen, daß ich ihm herzlich gut war, daß ich ihn jetzt doppelt ehre, nachdem so Vieles ausgeglichen, nachdem er diese Heldenthat begonnen! Und Sie, der starke, besonnene Mann, Sie, den ich vorzog aus Ueberzeugung, Sie können mir verwehren....?«

»_Weil_ ich besonnen bin,« fiel Georg gekränkt und heftig ein, »wenn Sie gleich an meinem ehrlichen Herzen zweifeln sollten!«

»Justine!« bat der Senator mit all' der Lebendigkeit, die ihm sonst zu Gebote gestanden, »wenn du die Worte des Freundes nicht hörst, so vernimm die des Vaters. Was Georg Birsher nicht sagt, muß _ich_ sagen. Deine heftige Begeisterung führt dich und uns in's Verderben! Geh hin! verrathe durch deine vergebliche und unbesonnene Fürbitte deinen besten Freund, deinen Bräutigam. Weihe _ihn_ dem Tode, weil er an dir hing, und nicht weiter vor seinen Widersachern floh. James Unschuld muß an den Tag kommen. Sein Regiment wird ihn nicht erkennen, seine Täuschung entdecken: die Menschlichkeit des Statthalters ihn mit leichter Strafe belegen. Alles wird dann gut, und des Jünglings Bewußtsein versüßt ihm tausendfach die Haft. Du willst das gefährliche Spiel umkehren. Um den wenig bedrohten Freund zu retten, schleppst du den biedern Georg in's Grab; Georg, den du achtest und ehrst, -- Georg -- dessen Weib du werden sollst, -- Georg, den du liebst, innig liebst, -- wenn sich auch dein Gefühl hinter die Maske der gleichgültigen Förmlichkeit flüchtet.«

Justine stand wie eine Bildsäule, mit niedergeschlagenen Augen. »Nicht so hart!« bat Georg den Vater. Müssinger fuhr jedoch, wie oben, fort: »Ich weiß, daß ich dein Herz verwunde; aber es ist von Erz, und muß stark berührt werden, soll die Glocke wohlthätigen Klang geben. Sieh, Justine, welchen Jammer du mir bereitest. Ich habe Alles verloren: Habe, bürgerliche Ehre, mein eigenes Bewußtsein. Alles gut zu machen, habe ich nur _Dich_. Von der Heimath, dem lieblosen Weibe und meinen Gütern geschieden, ist mein einzig Glück noch in der Hoffnung auf deinen Ehebund gegründet. Willst du durch den raschen, unüberlegten Schritt uns Alle verderben? dich zur Beute des Soldaten, -- _ihn_« auf Georg deutend, -- »zum Schlachtopfer, und mich zum verwaisten Greis machen?«

Die heftige Rede erschütterte die Tiefen in Justinens Brust. Eine Fluth von Thränen schoß aus ihrem Auge, sie warf sich an des Senators Brust, und schluchzte: »Vergeben Sie, grausamer Vater, ich hatte das nicht bedacht! ich bin ja nicht böse; um Gotteswillen; wie möchte ich, ohne zu schaudern, daran denken, den Herrn hier zu opfern, der mir so -- werth, so achtbar ist? Glauben Sie das von mir?« setzte sie fragend, und zu Birsher gewendet, bei, und mitten durch den Schmerz ihres Antlitzes zuckte ein anmuthiges Lächeln, das Georgs trüben Ernst besiegte, daß er ihre Hand ergriff, und sagte: »Bewahre mich der Allmächtige, daß ich solches von meiner Braut glauben könnte. Diese Stunde hat von der Vortrefflichkeit Ihres Herzens ein neues Zeugniß gegeben, und für James bin ich unbesorgt, denn aus den Wolken hat der Herr Ihren -- den heiligsten -- Schmerz gesehen. Des jungen White Angedenken folge Ihnen unverkümmert in meine Heimath! Fern sei es von mir, es zu verwischen, meines Retters Gedächtniß, und wenn wir zur Heimath gelangen, und wenn Gold seine Fesseln brechen kann: mein ganzes Vermögen sei nicht zu viel, die Riegel seines Kerkers aufzuschließen: mein Haus nicht zu klein, den Vertriebenen auf ewig aufzunehmen!«

»Nicht also, Herr Birsher,« sagte Justine gemäßigt; »es sei uns eine Freude, in der Ferne sein Glück zu begründen; doch in unserer Familie weile er nicht. Ich würde Sie und mein eigen Gefühl beleidigen, wollte ich, indem ich dieses sage, einer eingebildeten, unmöglichen Schwäche mißtrauen. Ich bin eisern fest und eisern treu, mein Herr! aber James würde unglücklich, und -- Sie werden sehen, -- ich müßte seinen Charakter nie gekannt haben, -- oder er schlägt unsern Antrag rund aus dem Felde, ginge es ihm noch so schlimm.«

»Es ist beinahe sonderbar,« versetzte Müssinger mit leichtem Lächeln, »daß wir hier so ernsthaft bereden, wie wir das Glück eines Menschen machen wollen; und uns selbst umschließt ja noch die Wüste, uns selbst blüht nicht die Hoffnung, jemals in den sichern Port von New-York zu gelangen, .... wir selbst sind eher dem Schicksale unterworfen, unter der Portugiesen Säbel zu fallen, als jemals frei zu werden! Der gute, arme Münzner ist uns wahrscheinlich auf dem Wege zum Himmel vorangegangen, und uns fehlt noch die Heimath!«

»Ach, das süße Vaterland!« seufzte Georg in seinem vaterländischen Idiome.

»Gesegnet sei es!« antwortete ihm eine Mannsstimme in denselben Lauten. Georg erkannte beim Schimmer der Laterne den Landsmann und Schulfreund, Harry Haverly. Dessen Gefährten traten vorsichtig und leise auch herbei.

»Gott sei gedankt, daß ich Euch hier finde,« fuhr Harry fort, »das weissagt uns ein gutes Glück, das wir nicht gehofft.«

»Was soll die räthselhafte Rede?« fragte Georg entgegen. »So wißt Ihr denn nicht,« sagte Harry, »daß seit länger als einer halben Stunde der alte Bettelmönch mit seiner ganzen Schaar in aller Stille abgezogen? Vor einigen Minuten kam, nachdem sich unsere Wache verloren, ein Neger, der uns die Kunde brachte, unsere Bande löste, und sich eiligst davon machte. Wir gingen auf's Gerathewohl umher, berathend, was wohl anzufangen sei, als ich das englische Wort hörte, das mein Herz erbeben machte. Wie kommt es jedoch, daß Ihr nicht zu den Abgezogenen gehört?«

»Man hat uns mit Vorbedacht zurückgelassen!« entgegnete Georg nach einigem Ueberlegen: »in's Himmels Namen denn! Wer bis hierher half, wird auch weiter helfen.«

»So ist denn das Unglück noch nicht müde, uns zu verfolgen!« brach der Senator mit Unwillen aus. Justine beruhigte ihn durch ihren Muth. »Mein lieber Vater!« sagte sie: »folgten wir denn bisher dem Glücke? Welches war unser Loos im Gefolge jenes alten Priesters? Flucht und Verfolgung; wie _vor_ dem Einfall der Portugiesen ein Zwang, der dem freien Herzen widersteht. Wir sind uns jetzt selbst überlassen. Bessern konnten wir nicht anvertraut werden; mit uns wird der Herr sein! Vater! Herr Birsher! fassen Sie einen Entschluß, wie er sich auch gestalte; vergessen Sie in mir das zärtere Weib. Ich werde Alles unternehmen, weil es gilt, meinen schwachen Vater zu unterstützen.«

»Der Entschluß sollte nicht schwer fallen,« meinte Harry Haverly: »wir vier bieten unsre Hände zur schnellsten Flucht, wenn Sie es nicht vorzögen, nach dem portugiesischen Lager zu gehen, oder den Einmarsch der Soldaten in dieses Thal zu erwarten, der sich nach Tagesanbruch nicht verzögern dürfte. Es steigen Raketen aus dem benachbarten Thale auf, ohne Zweifel ein Zeichen für nachrückende Truppen.« »Nein! nicht zu den Portugiesen!« riefen Justine und der Senator mit besorgten Blicken auf den gefährdeten Georg.

»So folgen Sie uns,« entgegnete Harry Haverly: »Wir haben triftige Gründe, die Bekanntschaft jener Herren zu fürchten. Unsere Papiere und unsere Sendung sind nicht die richtigsten. Wir sind die Agenten einer Handels-Compagnie, die sich gebildet, um die spanischen und portugiesischen Besitzungen, die so sorgfältig vor uns geheim gehalten werden, zu erforschen, und zu erwahren, wie hoch sich im Besonderen der Reichthum an Metallen und edeln Steinen belaufen möge. Wir sind Alle von New-York, und kehren dahin zurück, weil wir hier die Grenzen _unserer_ Mission berührten. Ist es Ihnen gefällig, meine Freunde, unserem Trupp sich anzuschließen, so verbürge ich eine gute, fast bequeme Reise an den Strand. Die größere Zahl macht größern Muth, und einem Landsmann sammt seinen Freunden zu helfen, ist unsere Pflicht.«

»Ihr seid falsche und unrichtige Gesellen,« sagte hierauf Birsher mit gerunzelter Stirne: »mit Spähern und Paß-Fabrikanten, und in Katholiken vermummten Protestanten habe ich nicht gerne zu thun: ich mag's Euch nicht verhehlen. Da jedoch Gottes Hand uns so sichtlich hier zusammenfügte, mag's geschehen, wie du meinst.«

»Eine große Ehre, wackerer Georg!« erwiderte Harry Haverly lachend. »Du warst von jeher ein steif und altklug gehender Bursche. Du siehst jedoch, daß dein gerader Gang dich nicht um ein Haar breit weiter brachte, als uns die Schlangenlinie. Wir sind dem Sittenprediger nicht böse, und denken, er werde zu besserer Einsicht kommen.«

»Wollen wir uns auf den Weg machen, so denke ich, wir thun es alsobald!« rief Müssinger ungeduldig: »Auf, meine jüngern Freunde! wenn mein altes Herz nach Freiheit dürstet, -- wo bleibt Eure Sehnsucht?«

Alle erklärten sich bereit. »Werden Sie nicht zu schwach sein, allein zu gehen, mein Vater?« fragte Justine. »Stützen Sie sich auf meinen Arm, Ich ermüde nicht unter dieser Last.«

»Lasse mich!« antwortete Müssinger. »Ich fühle mich stark; Glieder, Herz und Gewissen frei und leicht. Sollte ich dennoch ermatten, -- ein Blick auf meine beherzte Tochter würde mich schnell erkräftigen.«

Von den Streiflichtern des nahenden Morgens geführt, betraten die Wanderer die Pfade, auf welchen die New-Yorker Diamantenspione hergekommen waren. Haverly wußte mit ziemlicher Bestimmtheit den Weg zurück zu finden: Die Schwierigkeiten häuften sich nach und nach. Mühen und Bedürfnisse wurden fühlbar. Alles jedoch überwand der menschliche Muth im Verein mit der gütigen Natur. Hatte ein steiniger Absturz die Füße der Wanderer gelähmt, und ihre Geduld erschöpft -- flugs breitete sich ein herrlicher Wiesenteppich aus, sie zu versöhnen. Hatte glühende Sonne ihren Scheitel versengt, schnell erstanden vor ihnen duftende, hallende Schatten des Waldes. Quälte sie Hunger, die nächsten Büsche gaben wohlschmeckende Früchte; peinigte sie der Durst, -- der nächste Fels gab einen Waldstrom, einen silbernen Quell. Sie flohen die Nähe wilder Menschenhorden, -- das wilde Thier ging ihnen aus dem Wege, und von Tag zu Tag wuchs ihr Vertrauen, und ihre -- selbst des verwundeten, von Justinen's Hand gepflegten Georgs -- Kraft. Da stiegen sie endlich hernieder aus den Gebirgen in die Thäler, in das trauliche Dorf, in die stille Pflanzerwohnung, wo neben dem Fleiß, der Genügsamkeit und der Frömmigkeit, auch die Gastfreundschaft zu Tische sitzt, und als sie an die erste Kirche kamen, wurden ihre Gefühle noch milder und erhebender. Die Protestanten standen entblößten Haupts, mit andächtigen Mienen, vor dem Tempel der feindlichen Religionspartei, die Gegenwart des Allmächtigen, dem sie zu danken hatten, in diesen Räumen, wie in ihren eigenen Kirchen, ahnend. Der Senator betrat allein das kleine Gotteshaus, warf sich nieder vor dem schlechten Bilde des Altars: er war, wie das Kirchlein, der heiligen Clara geweiht. Hier betete er zu dem Ewigen mit Worten, hier in Gedanken und Gefühlen zu der Clara, die er auf Erden gekannt, die er in dem Himmel verehrte. Hier gewann er neues Vertrauen auf eine leitende Vorsehung; _hier_ nahm er Abschied von dem Cultus, dem er nur kurze Zeit, im Verborgenen, angehört. Denn ihm bedünkte, als ob Clara's Stimme aus den Wolken riefe: »Dein Unglück begann, seit du falsch gegen mich gewesen. Du hast gebüßt, und der Glaube, den du damals leichtsinnig gelogen, hat dir die Buße recht schwer gemacht. Ermuthige dich jedoch, tritt aus dem Kreise, der dich nur wie ein Zauber umschließen konnte. In meiner seligen Wohnung ist nur _eine_ Wahrheit. Getrost! wir werden uns wiederfinden.«

Aus der Kirche getreten, warf sich Müssinger an der Tochter, des Eidams Brust, und sagte heftig, aber gerührt: »Nehmt mich jetzt hin, meine Kinder. Ich bin jetzo wieder ganz der Eurige geworden. Nehmt den Bettler hin, und macht mich wieder reich im Abglanz Eurer Liebe!«