Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 28

Chapter 283,557 wordsPublic domain

Justine, deren Pferd von einem höflichen Abiponer geleitet wurde, vergaß Leiden und Gefahr in dem neuen Anblick. Ines sah mit Herzklopfen die Gebräuche ihres Volkes wieder, und die Erinnerung einer recht frühen Zeit wurden völlig in ihr lebendig, und mit der Erinnerung kamen auch die schweren Worte der Abiponer häufiger in ihren Kopf, geläufiger auf ihre Zunge. Ein Abiponer-Sklave, der einige Jahre zu Santa Dominica gearbeitet und gelitten, hatte damals die Landsmännin gekannt, und mit ihr die heimathliche Sprache geredet, und dem nun längst verstorbenen Manne verdankte Ines nun die bedeutende Hülfe, sich gegen ihre Landsleute verständlich zu machen, und ihrer Freundin Justine, die nicht einmal spanisch redete, nützlich werden zu können. Wie gerne hätte sie dann und wann die Spitze des Trosses verlassen, um nach den lieben Gefangenen zu sehen, nach dem Vater Luis, dessen Leben sie auch erbeten, nach dem jungen Manne, an dem sie so innig Theil nahm, nach dem fremden Geistlichen, ihr ehrwürdig, weil er des Jünglings Pflegevater gewesen. Auch Justine, -- obschon das Herz in dauerndem Groll von Münzner und James gewendet, -- sah -- unfähig ein schönes Mitgefühl zu unterdrücken, -- häufig nach der Gegend hin, wo die letzten Staubwolken aufflogen. Die Leute, die ihren Groll verdienten, waren seit der Schreckensnacht gewissermaßen ihre versöhnten Freunde geworden. Nur von _ihren_ Lippen, mitten unter Hunderten von tobenden Barbaren, konnte sie ja die Töne hören, die ihr Ohr verstand; die Töne der Muttersprache, die unter solchen Umständen den Gemeinsten im Glauben des Vornehmsten adeln. Aber -- es war nicht möglich, von den Obern der Schaar sich zu trennen. Der Führer, ein alter Cazik von einnehmenden Zügen und kühnem Blicke, ritt zwischen den Mädchen, und ließ sie nicht aus den Augen. Neugierig und verwundert betrachtete er von Zeit zu Zeit Justine, und ihr edles, bleiches Gesicht flößte ihm, wie seinen Leuten, sichtlich Ehrfurcht ein. Nachdenkender betrachtete er Ines, und, wie selten auch seine Geberden zu Justine sprachen, -- so häufig redete sein Mund zu Ines.

»Du armes Kind ohne Vater!« sagt er mitleidig zu dem Mädchen; »dort dämmern die Spitzen unserer Dächer. Vergiß alles Leid. Du wirst viele Mütter und Schwestern finden, und ein Jeder von uns ist dein und der Fremden Freund, weil du sie liebst.«

»Ihr werdet doch den Uebrigen kein Leid zufügen?« fragte Ines forschend dagegen.

»Der Capitän, mein Bruder, hat darüber zu entscheiden, und die weise Pilagoterigenat!« erwiderte der Cazik achselzuckend; »je mehr ich aber dich ansehe, Kind, je bewegter wird mein Herz. Ich habe nie eine Tochter gehabt, sonst müßtest du die Meinige sein.«

Das Lager des Stamms wurde sichtbar und deutlicher. Leichte Rohrdächer auf schlanken Pfählen ragten in die Luft. Einige zerfetzte, irgendwo den Spaniern abgenommene Zelte brüsteten sich, von fliegenden Wimpeln umgeben, in der Mitte der regellos zerstreuten Hütten. Ein Graben schloß das Lager ein, aber diesseits des Grabens weideten die Pferde des Volks, und der erste Laut, den die Ankömmlinge vernahmen, war die Glocke der Madrina[5]. Einige Augenblicke später ertönte ein gellender Ruf aus vielen Weiberkehlen. Aus dem hohen Grase stiegen Pferde auf. Auf ihrem Rücken hingen die abiponischen Weiber: Mädchen und Frauen. Die Ersteren trugen den aus der Ferne gesehenen Männern Schläuche mit Chika, die Zweiten die Säuglinge an der Brust entgegen. Ihr Jubel war grenzenlos, und scheuchte die Hundebanden in's Weite, die außerhalb des Lagers an den Ueberbleibseln der geschlachteten Ochsen und Schafe nagten. Gestreckten Laufs kamen die Weiber heran, -- schöne Gestalten, den wohlgebauten Männern nicht nachstehend, freundlichen Angesichts, mit rabenschwarzen Haaren. Das Wiedersehen hatte alles Feuer des Süden. Ein lustiges Getümmel mischte sich in den kriegerischen Zug. Die Lanzen und Bogen wurden den Männern abgenommen, der Meth ihnen kredenzt, und nach dem ersten Sturme des Willkommens reihte sich die Schaar der Weiber um Ines und Justine. Die blendende Farbe der Letztern, ihr fremdartiger Anzug; die Entschlossenheit, mit der sie zu Pferde saß; ihre Freundlichkeit, trotz der Lage einer Gefangenen, erregte Theilnahme. Die Weiber berührten ihre Hände, ihr Gesicht; zogen ihre seidenen Haare durch die Finger; erstaunten über ihre Augenbraunen und Wimpern, welche von den Abiponern vertilgt werden; verwunderten sich, daß sie kein eingeätztes Kreuz auf der Stirne trug, noch eingegrabene Figuren auf den Armen und Füßen, wie die Abiponerinnen, sagten ihr tausend Schmeichelworte, von welchen die arme Deutsche nichts begriff, und führten sie, sammt der lebhaft begrüßten Ines, die nicht genug erklären konnte, nach dem Zelte der Capitana, während der ganze Kriegertroß sich's in der wandernden Heimath bequem machte, die Weiber mit Geschenken vergnügte, das Gepäck ablud, und die Pferde in die Weide jagte. Die Capitana saß unter dem Eingange des Zeltes, und auf ihrem Schooße ruhte ein vor wenigen Tagen geborner Sohn. Die Mädchen klopften mit Zweigen an die Wand des Zelts, und riefen: »Heil bringe dem Sohne die Fremde, die wir ihm zuführen!« -- Die Frau des vornehmsten Caziken, dieselbe, die unter dem Eingange saß, ein nicht mehr junges, aber rüstiges Weib, stand auf, ging Justinen entgegen, und hielt eine lange Anrede. Ines antwortete der Begrüßung. Nun schlugen plötzlich alle Umgebenden verwundert in die Hände, und riefen: »Bei unsern Vorfahren! ist diese nicht die Tochter unserer Mutter? Der Gejenk der Savannen hat noch nie zwei Eier gelegt, die sich ähnlicher gewesen wären!« -- Die Capitana schrie auf, und fiel in Ines Arme. -- »Ach!« sagte sie weinend: »bist du's denn, arme, verlorne Misinga? die ich, auf der Flucht vor den bösen Waldreitern, entschlafen auf dem Pferde, aus den Armen verlor? Hat dich das Raubthier nicht verzehrt? Hat dich der Spanier nicht mißhandelt? Bist du's denn gewiß und keine Zauberin, die eine Mutter täuscht?«

Ines erkannte der Mutter Stimme wieder. Sie durfte, sie wollte nicht mehr zweifeln. Die Weiber schlugen jauchzend die Trommeln, und die Capitana riß mit dem Rufe: »komme zum Vater!« die Tochter und Justine ihr nach in's Zelt. Hier lag der Capitan, der Sitte des Volks gemäß, auf einer Matte, in Decken eingewickelt, und hielt in strengem Fasten die Wochentage seiner Frau. Allenthalben, wie eine Wöchnerin, vor Zug und Sonnenstrahl geschützt, und mit Bedeckung überflüssig versehen, horchte er gerade in seiner trübseligen Lage, während Freunde um sein Lager saßen und schmausten, auf das Mährchen, das ihm ein häßliches Weib erzählte, welches, abenteuerlich mit Federn und Zweigen geschmückt, neben seiner Matte auf der Erde saß. Kaum vermochte die Nachricht von dem glücklich errungenen Siege, und dem Wiederfinden seiner Tochter ihn zu bewegen, die Stellung, worin er sich befand, einigermaßen zu verlassen. Er streckte der weinenden Ines die Hände entgegen, und rief ihr Willkomm zu. Einige junge Leute, die mit im Streifzuge gewesen waren, begrüßten und umarmten Ines als ihre Schwester. Die Capitana war außer sich vor Freuden, und endlich priesen alle vereint sowohl das Schicksal, das ihnen dieses Vergnügen gemacht, als die mildthätigen Menschen, die für Misinga Sorge getragen. -- Ines benutzte diesen Zeitpunkt, und sagte: »Vater! Mutter! Brüder! diese Menschen sind von Euch gefangen. Löst ihre Bande, und erfüllt für mich die Pflicht der Dankbarkeit!«

»Sie sollen meine Gäste sein, wenn Pilagoterigenat es erlaubt,« sagte der Cazike, nach dem häßlichen Weibe sehend.

Dieses, die Zauberin und Wahrsagerin der Horde, verdrehte überlegend die Augen, klopfte mit seltsamen Geberden auf die Trommel von Otternhaut, die ihr zur Seite stand, und antwortete mit singendem Tone: »Balichu[6] will mehr als geschlachtete Pferde! er will Hirnhäute der Feinde, sonst wird nimmer der Großvater genesen.«

Mit diesen Worten kam plötzlich allgemeine Betrübniß über die Weiber: sie warfen sich zur Erde, zerschlugen sich die Brust, zerrauften das Haar.

»Der Großvater[7] ist krank, und läßt sich nicht am Himmel sehen,« erläuterte der Cazike seiner Tochter sehr niedergeschlagen; »Balichu will ihn umbringen. Noch nie ist er so lange ausgeblieben. Es muß geschehen, was Pilagoterigenat befiehlt.«

»Misinga's Wohlthäter müssen am Leben bleiben!« rief ein Bruder des Mädchens: »wir haben Quaranier gefangen. _Sie_ mögen fallen!«

»Mordet doch keine Menschen!« bat Ines mit ängstlicher Rührung: »das bringt Euch nimmer Segen!«

Die Gefangenen wurden in das Zelt gebracht. Die Zauberin sah nach dem dämmernden Himmel und sagte: »Steh' auf, Capitan, deine Zeit ist vorüber. Dein Kind hat nichts mehr zu befahren. Iß und trink, und wähle mit deinen Freunden Balichu's Opfer!«

Eilfertig folgte der Cazike dem Befehl, ließ Speise und Trank herbeischaffen, und setzte sich mit seinen Freunden, den Anführern, unter den Eingang des Zeltes zum Schmause und Gericht. Der ehrwürdige Luis eröffnete den Trupp der Gefangenen, erschöpft aber muthig. Münzner folgte ihm, standhaft, emporgerichtet: auf Alles gefaßt. James, der Dritte, warf einen Blick in Justinens Auge, das Versöhnung und Angst ausdrückte, und dieses Auge gab ihm Muth. Einige Indianer, gebunden und niedergebeugt, machten den Beschluß. Ines flog an Luis Hals, streckte ihre Arme über James und seinen Pfleger aus, und rief: »Diese sind mein! diese dürfen nicht sterben, sondern beim Vater bitten für uns!« Pilagoterigenat, von dem Ehrfurcht gebietenden Aussehen der Priester gerührt, nickte mit dem Kopfe, und die Bande der Geschützten wurden gelöst; sie setzten sich zum Mahle des Capitans nieder, der ihre Stirne berührte, ihnen zu essen reichte, und somit ihre Freiheit heiligte. Ines führte Justine mit schmeichelnder Geberde in den Kreis der Mädchen, die, wie die Frauen, abgesondert standen. Alle Blicke richteten sich nach den, zum Opfer bezeichneten Quaraniern, und des edeln Luis Mund bewegte sich, um eine Fürbitte für die Armen einzulegen. Der Abiponersprache mächtig, so wie diese Wilden mit dem Spanischen etwas vertraut, durfte er hoffen, angehört zu werden. Die Quaranier hingegen, die geschmeidigen Leute, ihr Schicksal voraussehend, versuchten das letzte Mittel, eilten auf die blutdürstige Zauberin zu, warfen sich ihr zu Füßen, gaben ihr hundert Schmeichelnamen, -- nannten sie den blühenden Vollmond, und bettelten bei ihr um das Leben. Die Eitelkeit der alten Frau wurde rege. Die Flehenden waren hübsche, junge Leute, die sich ihrer Fürbitte anvertrauten. Sie nickte bald, bald schüttelte sie nachdenklich das Haupt, und an ihren Bewegungen hing der Caziken Auge. Nun rührte das Weib abermals die Trommel, starrte vor sich hin, renkte und krümmte sich, murmelte viele unverständliche Worte, und sang dann wie in Verzückung: »Hört, Capitane! Hört, Abiponer! ihr schnellen Reiter in den Haiden! Ihr schnellen Feinde der Straußenbrüder![8] Hört, was Pilagoterigenat Euch verkündet! Ihr seid menschlich und liebevoll im Streite; Ihr macht Eure Gefangenen zu Euren Brüdern![9] Ihr fraßet sie nie, wie die bluttriefenden Chiriguaner! Ihr werdet auch _diese_ hier, ob sie gleich schlechte, weichliche Quaranier sind, nicht schinden, aber Balichu hat Hunger, der gestillt werden muß, damit er den Großvater wieder loslasse. Ihr seid glücklich im Siege, der Meth ist gerathen, die Pferde sind gesund, und Ihr lebet lange, weil Ihr gerecht seid! Eure Sünde hält den Großvater nicht in Schweiß und Mattigkeit gefesselt. Eine fremde Sünde muß es also thun; und diese Sünde liegt in dem Fremden, den Bitalighuru vor wenigen Sonnen in's Lager brachte. Ihr erquickt, ihr Menschlichen, in ihm des Großvaters Tod. Ich koche ihm keinen Trank mehr. Ich röste ihm nicht mehr die Algarova. Betrachtet sein Stöhnen, sein Seufzen, seinen Schreck vor dem Schatten der Wolken! wie er zitterte, als neulich das Gewitter daher fuhr! wie er bebte und die Hände rang! Er ist ein Verbrecher, und sein Tod -- das ist Pilagoterigenats letztes Wort -- besänftigt allein unsern Feind.«

Mit lautem Geschrei wurde der Hexenmeisterin Vortrag aufgenommen, und viele junge Leute stürmten fort nach der abgelegenen Hütte, die den Unglücklichen, so kaltblütig zum Tode Verurtheilten beherbergte. »Jesus, was wird das geben!« sagte der Pfarrer von Dominica zu dem Pater Xaver: »Hat mein Auge nicht schon der Gräuel genug gesehen?«

Münzner seufzte still vor sich hin. James forschte nach Erläuterung der seltsamen Bewegung um ihn her. Justine blickte neugierig und beunruhigt nach der Ferne, woher der Lärm der Rückkehrenden sich vernehmen ließ. Ein armer, leidender Mensch wurde auf einer Stierhaut herbeigetragen. Zwei Jünglinge mit Skalpirmessern tanzten vor ihm her. Neugierig erhob sich Alles, den zum Tode Bestimmten zu sehen, der vor dem Capitan niedergelegt wurde. Die Schwarzkünstlerin, begierig, endlich ihren Willen erfüllt, Blut fließen zu sehen, geberdete sich rasend, auf den Verdammten zeigend, und schreiend: »_Der_ ist's! _der_ ist's! herunter mit seinen Haaren! Aus dem Leibe sein Herz!«

Die Weiber heulten laut auf. Die Männer sangen ein Todtenlied. Die Opferer näherten sich mit seltsamen pathetischen Geberden dem Schlachtopfer: Luis und Xaver knieten, zugedrückten Auges, betend hinter dem stehenden Volke. Ines umklammerte zitternd Justine. Diese jedoch stürzte mit einem hellauf jammernden Schrei auf den Gegenstand des Bedauerns und der Wuth hin, umfaßte ihn krampfhaft, und kreischte, daß die weite Ebene hallte: »Um Gottes Barmherzigkeit und Gnade willen! Menschen! haltet ein! das ist mein Vater!«

Eine allgemeine Verwirrung entsteht nun. Das Beginnen der stummen Fremden erregt Staunen. Die Priester blicken auf, erkennen den Senator, der, abgehärmt wie der Tod, kümmerlich in eine Decke gehüllt, ohnmächtig an dem Busen der verzweifelten Tochter hängt; James sieht die Mordmesser über Justinen's Haupte schweben. Des geliebten Mädchens Gefahr reißt ihn über die Schranken jeder Bedenklichkeit: »Justine!« ruft er, und setzt in den Kreis, stößt die Mordlustigen von dem Mädchen zurück, trotzt jeder Mißhandlung. Die aufhetzende Zauberin wüthet ihm gegenüber, Schaum vor dem Munde, und Zittern in allen Gelenken. »Fort mit der tollen Fremden!« brüllte sie: »das Böse sitzt in ihr. Fort mit ihr, wenn Euer Leben und der Großvater Euch lieb sind!«

Es giebt unter der Menge Gemüther, die dem Aberglauben unbedingt gehorchen. Diese werfen James zu Boden, und schleppen ihn zur Seite. Ines, ihre geliebte Senora zu retten, umfaßt Justine mit voller Gewalt, und die übrigen Weiber, ohne auf ihr Zettergeschrei zu hören, zerren sie von dem Vater hinweg. Der Aermste ist aber noch nicht dem Feinde Preis gegeben, denn, stark wie ein Löwe, und stolz wie dieser, umschlingt den Betäubten der Pater Xaver. Ein Sieg verdienender Heldenmuth blitzt aus seinem Auge, zwanzig Jahre scheinen von seinem Scheitel entflohen zu sein. »Müssinger!« ruft er dem sich Ermannenden in's Ohr: »Du lebst noch! _noch_ sehe ich, der Reuige, dich wieder! Vergieb, wie ich bereue. Mein Blut für dich, oder _mit_ dem deinen!«

Lächelnd sieht er gen Himmel: aus dem dämmernden Azur scheint die Marterkrone auf sein Haupt hernieder zu schweben. »Clara!« sagt er mit leiser himmlischer Sehnsucht: »Ich bringe ihn dir! wir kommen zusammen! hilf uns empor!«

Während James wüthet, Justine laut jammert, die Zauberin rast, und die Haufen, um das fest umschlungene Paar versammelt, unschlüssig auf das Schauspiel sehen, redet Pater Luis mit Donnerkraft zu den Caziken, und schildert ihnen die Schändlichkeit des Mords, die Unzulässigkeit ihres Wahns, die Lügen ihrer Prophetin. Sie horchen aufmerksam zu, aber betrübt klingen stets die Worte wieder: »der Großvater stirbt: Vater! sollen wir ihn sterben lassen!«

»Gott ist Euer Vater!« predigt mit jugendlichem Feuer der Greis: »jene Sterne sind nicht Eure Ahnen, sondern ein Werk seiner mächtigen Hand! Seinen Gesetzen folgen sie, und treten aus den Wolken, wann Er, unser einziger, heiliger Gott, es will; _nicht_, wann Ihr einen Menschen schlachtet. Noch mehr, meine Freunde! _ein_ Gedanke fliegt aus meiner Seele zum Himmel auf, ein _Einziger_, -- _eine_ Bitte, und dort leuchtet schon das Siebengestirn!«

Den Zeitpunkt der Wiederkehr des Sternbilds geschickt benützend, deutet der Jesuit gen Himmel, wo es in seiner Pracht hervorgetreten war. Aller Augen folgten dem Fingerzeig; alle Mienen belebten sich mit Freude und Lust. Ein helles Gejauchze erschüttert den Plan. »Großvater!« rufen Männer, Weiber und Kinder, springend, tanzend und in die Hände klatschend: »Bist du endlich wieder zu uns Verlassenen zurückgekehrt? Bist du nicht mehr böse auf uns? wie danken wir dir, lieber Vorfahr! sei gegrüßt!«

Und Feinde umarmen sich, und für die Gefangenen fließt Meth und Chika in vollen Strömen, und an Mord wird nicht mehr gedacht, noch an die Zauberin, die sich beschämt entfernte; Justine liegt ungehindert in des Vaters Armen, James in denen des Pflegers, die Caziken zu den Füßen des Priesters, dessen Wort und Gottesverheißung so schnell in Erfüllung gegangen. Im Nu ist ein anderer Geist lebendig geworden, die Trauer ist gewichen, und das Siegesmahl und das Fest des Siebengestirns verschmelzen in _eine_ Feier. Jeder liefert seinen Beitrag hiezu. Der Platz vor des Capitans Zelte wimmelt von frohen Menschen. Lebensmittel und Getränke kommen im Ueberflusse herbei. Trommeln und Pfeifen blasen zum Tanz, und rufen die Mädchen, die ihren Reihen bilden. Nach der seltsamen Musik einer mit Steinen gefüllten Kürbisflasche, tanzt in wüsten Stellungen die Schwarzkünstlerin, die sich wieder eingefunden. Gruppen von jungen Leuten ringen und springen; andere singen Kampfgesänge; die Weiber, auf ihren Matten abgesondert, stimmen mit ein, und auf den Häuten des Yagurate, oder des Stiers, gelagert, trinken die Männer aus Hirnschädeln erschlagener Feinde oder getreuer Hunde, oder aus großen Stierhörnern den berauschenden Meth, die gährende Chika; hören dem Pfarrer von Dominika zu, preisen den Gott der Spanier, und beschließen im Rausche, zum Dank Christen zu werden. »Wir haben deine Kinder getödtet,« sagen sie dem Pater treuherzig, »weil wir Euch für unsre Feinde hielten, und nach Beute lüstern waren; aber -- _wir_ selbst wollen von nun an dich Vater nennen, und deinen Caziken gehorchen, und dem, den du Gott nennst, denn er ist ein starker Geist, und, wahrlich, des Fremden Blut hätte es nicht allein gethan!«

James und Münzner hatten sich indessen, Arm in Arm verschlungen, aus dem Gewühle entfernt, und gingen, erzählend und dankend und zufrieden, längs dem Graben hin. Sie kamen an ein schmales Rohrzelt, wohin Ines den Senator mit Justine hatte bringen lassen, damit sie ungestört seien. Auf dem Tummelplatze des freudigen Schmauses brannten hundert Fackeln, hier leuchtete nur der milde Sternenschimmer. Der kranke Vater schlief. Justine saß zu seinen Füßen, und ihr Herz war leidend und selig froh zugleich. Ines hatte sich herbeigeschlichen, und die Mädchen kauerten einander gegenüber, und drückten sich nur die Hände, und streichelten sich nur die Wange, und bedurften der Sprache nicht im Geringsten. Das Abendlicht war so helle, daß Justine ohne Mühe den Doctor und seinen Begleiter erkennen mochte, als sie in das Zelt traten. Sie stand schnell auf, streckte ihnen die Hände entgegen, und sagte, voll von dem ruhigen Schmerze, gegen den die Bosheit selbst keine Waffen hat: »was wollt Ihr hier, Herr Doctor? was Ihr, Monsieur White? O, kehret um, ich bitte Euch. Dort liegt mein Vater -- vielleicht in seinem letzten Schlummer! laßt ihn, wenigstens im Tode, seiner Tochter. Ihr habt den Wein seines Lebens vergeudet, laßt mir die Neige.«

Sie setzte sich stumm zu des Kranken Seite nieder, und die Männer flohen vor ihrer Rede. Sie gingen weiter. James mit Thränen im Blicke, Münzner mit Feuerqual in der Brust. -- »Kaum wieder neu belebt durch das Leben meines Freundes,« sagte der Doctor schwermüthig, »so verstößt mich auch schon wieder der Tochter allzugerechter Vorwurf aus dem wiedergewonnenen Paradiese. Wie sehr bin ich der Vergebung bedürftig! auch der deinen, mein Sohn! Ich habe falsch geglaubt, falsch gehofft, falsch gehandelt! Gutes wollen, und Uebel thun, -- welch' verlornes Leben!«

»Wir wollen zusammen gehen!« erwiderte James. »Zusammen und vereint dulden, wenn diese wilden Räuber uns nicht vereint noch tödten! hören Sie, wie ihre Stimmen jubeln? vernehmen Sie den trunknen Gesang? welche Schrecken, welche nie erhörte Lage umgiebt uns? ist es nicht ein Traum, daß ich auf der Parana schiffte, in Dominica sie wiederfand? daß wir nur durch ein Wunder dem Brande, dem Tode entgingen, daß wir hier in den Savannen athmen, und unter diesem Himmelsstriche den Senator wiedergefunden haben? Rütteln Sie mich, mein Vater, daß ich erwache; denn sicher wohnen wir noch in der Rahmgasse, und Alles ist nur Täuschung, eines schweren Schlummers Werk.«

»Wäre es doch also!« versetzte Münzner. »Leider leben wir in der rauhsten Wirklichkeit. Dieser Himmel ist der Südamerika's, dort ragen die Zelte und Rohrdächer der Abiponer; in der Ferne heult der Tiger, und der Kaiman weint nach einem Raube. Alles ist wirklich um uns her, und Gottes Allmacht ist auch hier mit uns, so wahr als dort ganz in der Ferne von den Höhen ein Feuermeer zu wallen scheint.«

»Wahrlich!« sagte James, hinsehend; »welch neue Erscheinung! ist nicht alles wunderbar in diesem zauberischen Lande? brennt dort ein vom Winde bewegter Wald? Oder fließt ein glühender Lavastrom um den Saum der Savanne?«

Mit raschen Schritten eilten sie dem Feste zu. Die Indianer hatten die Erscheinung ebenfalls bemerkt, und standen, sie still betrachtend. Das Feuer, wandelnd, abwärts steigend, verschwand bald, bald kam es wieder hervor; endlich wogte es tief unter, daß nur der Schein am Firmamente es bemerkbar machte.

»Das ist nicht Wald, nicht Erdfeuer!« sagte ein Abiponer, dessen Augen, im Dunkel sogar, Falkenschärfe hatten; »das sind wandelnde Holzbrände! ein Feind, der uns das Gras abbrennen will, ist, der dort kömmt.«

Die Abiponer geriethen in stürmische Bewegung. Die Männer pfiffen den Pferden, die Weiber den Hunden, Kinder und Heerden, Alte und Kranke, Waffen und Vorräthe wurden auf einen Haufen geschleppt, alle Fackeln ausgelöscht; tiefe Stille geboten, und lauschend drückten die vordersten Wachen des Volks das Ohr an die Erde. -- Diese Kinder der Natur, mit den geschärftesten Sinnen, hören aus weiter Ferne das Schnauben von Thieren, die aus dem stillen Lager im Grase gejagt schienen, Gemurmel und Getöse von Menschen.

»Beruhigt euch,« sagte Pater Luis zu seinen beiden Gastfreunden, dem Doctor und James, »ich weiß, was sich uns naht. Ich hoffe darauf mit Zuversicht. Jene Berge sind Brasiliens Vormauern. Der Indianer, von welchem ich Ihnen sprach, mein Vater, war unter den Gefangenen der verwichenen Nacht, war mit mir auf's selbe Pferd gebunden, wußte seine Bande zu lösen. Gott schütze dich, Vater, sagte er, leise vom Pferde unter den Troß des Viehs gleitend, ich bringe dir Hülfe. Dort hinter den Bergen liegt der gute Jesus in den Wildnissen, und ich bin dort wie ein Pfeil, wenn mich kein Abiponer erschießt. -- Im Grase kriechend verlor er sich aus den Augen, und gewiß -- ganz gewiß ist jenes Lichtmeer ein Bote seiner Hülfe. Unsere Fackeln zeigten den von den Bergen Steigenden die Richtung nach unserm Aufenthalt, und sie kommen jetzt sicher, um uns zu befreien.«