Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 27
»Hören Sie mich an. Die Berge, die wir von hier aus sehen, verketten sich mit den Alpgebirgen Brasiliens. Diese Höhen, dem Namen nach dem Scepter Portugals unterworfen, sind ihrem Beherrscher beinahe völlig unbekannt geblieben. Einzelne Wachtposten, die man so weit herausrückte, sind kaum vemögend, gegen die Schaaren unabhängiger Eingeborner ihre Existenz zu behaupten. Thäler und Berge von erstaunlichem Umfange haben noch nie einen Portugiesen gesehen. In einem dieser Thäler, umringt von Urwaldungen und von gähen Abstürzen, versteckt wie das Paradies, das noch kein Weltumsegler wieder aufgefunden, lebt, jung und kräftig, ein kleiner Staat, der unsern Flüchtlingen und Ihnen vor der Hand völlige Sicherheit gewähren würde. Unsre Obern, wie die Regierungen von Spanien und Portugal, halten, trotz ihrem Scharfsinn und ihren Nachforschungen, das Dasein dieses kleinen Staates für eine Fabel, für eine müßige Volkssage. Dennoch existirt diese Pflanzschule eines reinen Christenthums, und die Republik: »der gute Jesus in den Wildnissen« ist kein Mährchen einer träumerischen Amme. Ein Vetter meines Hauses, der in dem Regimente Arragon Capitän gewesen, der in der Folge, über Zurücksetzungen verdrießlich geworden, zu Cordova das Kleid des heiligen Franziskus genommen, mußte, um eines schweren Handels willen, den er mit unsrer Gesellschaft hatte, flüchtig werden, und zog sich in jene Wildnisse zurück, wo er eine aufblühende Gemeinde fand, an deren Spitze er jetzo als Vater, als Priester, als Feldherr und König steht. Es ist beinahe ein Jahrzehend verflossen, seit ich die letzte Kunde von ihm empfing, aber der riesenhafte Körperbau des Mannes verbürgt mir die Dauer seines Lebens. Ich sende Euch, meine Freunde, an ihn. Er hat mich einst wie seinen Vater geliebt, und wird mir ein freundliches Andenken bewahrt haben. Dem Genügsamen wird eine Wildniß bequem, und die Gelegenheit nicht fehlen, Euch in den Norden unseres Continents zu schaffen, wo Englands Scepter schützt, und Penn's Colonie jeden Glaubens-Bruder willig aufnimmt. Oder in Portugals Cabinet reifen günstigere Ansichten für die Freiheit der Confessionen, zugleich mit gehässigern gegen unsere Gesellschaft, deren wachsende Macht bald den Neid der bis jetzo glücklich geblendeten Regenten beunruhigen dürfte. Auf jeden Fall: weit von Jupiter sein, schützt vor dem Blitze! Beherzigen Sie das, mein Freund. Der Indianer, der vor zehn Jahren, nach dem guten Jesus in den Wildnissen verschlagen, mir davon Meldung zurückgebracht, lebt noch, und sein Gedächtniß wie seine Sinne sind rüstig und frisch. Geprüfte Leute in nicht geringer Anzahl sollen Euch geleiten, und Euch zum Frieden führen, den man in dieser sturmbewegten Welt und Zeit nur in der Einsamkeit der Troglodyten finden mag.«
»Mann! ich staune vor den kühnen Schöpfungen Ihres jugendlichen Geistes! was Sie sagen, gleicht einem poetischen Traume!«
»Sind denn diese Landschaften nicht Gebilde der kräftigsten Poesie? noch sträubt sich ihre Ueppigkeit gegen die Ketten unsers Verstandes; noch ist dieser Boden frisch. Europa ist ein ausgebrannter Vulkan; hier sprudelt noch Urkraft, und auf dem ungewöhnlichen Schauplatze kann noch Ungewöhnliches gedacht und gethan werden. Gedenken Sie meines Vorschlags. Ich will jetzt an meine Kinder die Lebensmittel austheilen, die sie heute verdient haben, und die Kähne unsrer Herren mit Vorräthen versorgen, daß sie morgen ungehindert nach der nächsten Doctrine abreisen können.«
Münzner überlegte lange und schwer. Er seufzte ängstlich auf: »warum kam mir die Erkenntniß nicht früher? warum erst jetzt plötzlich nach dem Verschwinden, nach dem Tode des Senators? welche Zukunft von Leiden? und dennoch, wie so heiter gegen die Vergangenheit! fünfzig Jahre, die ich in stolz ruhigem Scheinbewußtsein verlebte, weisen mir nur ihr nacktes trauriges Gerippe. Keine Blüthe in irgend einer Furche, worein ich ein gutes Saatkorn zu legen glaubte! elend war meine Saat! O, so vollende sie sich denn an mir, dem Schöpfer so vielen Unglücks! O, so geißle mich die Pflicht, in deren Dienste ich Herrliches zu vollbringen glaubte, indem ich nur Böses schuf. Losgerissen von der Welt, will ich mich _hier_ zur Sühne geben, damit jenseits mein Loos milder werde! die Gesetze meines Standes haben mir die Ruhe genommen, so mögen sie auch meine Tage hinnehmen. James, der junge in's Leben tretende Mann, gehe hin in Gottes Namen. Vielleicht bringt ihm die Wüste Gewinn; vielleicht segnet in der Wüste der Himmel seine Liebe! ich will keinen Theil an seinem Schicksal haben, damit ihm nicht einst geschehe, wie mir. Ich gehe aber, wohin mich Beruf und Gehorsam ruft: zur ungerechten -- ach! zur gerechtesten Buße!«
Ines trat zu dem Bekümmerten, zu dem Entschlossenen. Sie brachte Erfrischungen, und sah traurig aus.
Münzner fragte nach der Ursache ihrer Niedergeschlagenheit.
»Euer Sohn dauert mich,« sagte das Mädchen unbefangen, »und mit der jungen Sennora habe ich viel Mitleid. Warum sperrt man sie ein? Euer Sohn brütet stille vor sich hin. Die Sennora weint, zürnt, und denkt mit finstern Augen nach. Mit Euerm Sohne könnte ich reden, aber das geht nicht wohl an. Die Sennora verstehe ich nicht. Wenn ich jedoch zu ihren Füßen sitze und sie wehmütig anschaue, so ist's als ob sie wüßte, was in mir vorgeht, denn sie umarmt mich dann und herzt mich, als ob sie meine Schwester wäre. Sie ist so gut, und muß, wenn sie auch eine Ketzerin ist, in den Himmel zum Vater kommen; nicht wahr, Don Xaver? Pater Luis hat mir versprochen, daß ich auch meine Mutter im Himmel finden sollte, ob sie gleich nicht getauft sei. Die Sennora wird ja auch darinnen nicht fehlen.«
Das plaudernde Kind wartete vergebens auf eine Antwort. Münzner sah düster mit übergeschlagenen Armen vor sich hin. Ines blickte verlegen nach dem Fenster.
»Soll ich das Gitter schließen, Vater Xaver?« fragte sie schüchtern; »der Abend kommt, die Fliegen finden sich ein, und -- seht doch, wie es plötzlich dunkelt ... wie es Nacht wird...!«
Sie lief zum Fenster, sah zum Himmel, und schlug mit einem Schrei die Flügel zu. »Ach! bei unsrer lieben Frau vom Rosenkranze,« rief sie erschrocken; »seht doch, mein Vater, welche ungeheure Menge von Aorkani[4] durch die Luft zieht und sie verfinstert! der Zug macht ein schwarzes Dach über die ganze Mission! Ach, wie das schauerlich durch die Wolken fliegt! das bedeutet ein Unglück, ein schweres Unglück, mein Vater!«
»Aberglaube!« sagte Münzner verdrüßlich.
»Mit Eurer Erlaubniß,« versetzte Ines; »es hat seine Richtigkeit, was ich sage, nur glauben es unsere Leute hier nicht, weil sie vom quaranischen Volke sind, und ich ein Abiponerkind bin. Sie lachen der Heuschrecken, wir fürchten sie aber, und immer ist etwas Schweres geschehen, wo diese Unholde vorüberzogen. Wenn nur _uns_ die heilige Jungfrau gnädig bewahrt. Ich bringe ihr alle Sonntage einen frischen Strauß im Namen der Gemeinde. Die fremden, schwarzen Herren mögen sehen, wie _sie_ fertig werden.«
»Ei!« sagte Münzner verweisend; »Ines, ist das Christenliebe?«
Ines schämte sich. Sie entgegnete schüchtern: »Ihr habt Recht, Vater Xaver. Ich habe gefehlt. Sagt es dem Vater Luis nicht. Er wird es schon in der Beichte hören. Aber mir kömmt immer vor, die beiden Herren von Cordova seien nur in Euer ehrwürdiges Kleid verkleidet. Vater Luis und Ihr, -- Ihr seid ganz anders, und ich möchte lieber Zeit Lebens bei Euch allein bleiben, als nur eine Stunde lang bei dem hagern Herrn von Assumcion, der mich immer so seltsam ansieht, wie der ehemalige Vikar, oder besser: wie die Schlange in der Savanne.«
Die Glocke der Kirche läutete. Ines mußte zur Theevertheilung. Dieses Geschäft wurde, wie alltäglich, abgethan. Während Consultador und Rector mit Pater Luis und Xaver das frugale Abendmahl einnahmen, trug Ines auch den armen Gefangenen ihre Speisevorräthe zu. James und Justine bewohnten zwei getrennte Räume im Lagerhause. Des Alkade Sohn, der Wächter des jungen Engländers, brachte die Speisen in seines Gefangenen Gemach. Justinens Wächter ließ die freundliche Ines gern zu der trauernden Sennora. Justine saß an dem Gitter der Fensterluke, und sah dem Glanzspiele einiger Leuchtkäfer zu, die auf den schlanken Stauden hingen. Sie erschrak ein wenig, als Ines Finger ihre Schulter berührten; aber der Ausdruck der Freude folgte dem Schrecken. Hastig zog sie das liebe Mädchen an sich, weigerte sich, von den Speisen und dem würzigen Tranke zu genießen, und gab der Indianerin durch Geberden zu erkennen, daß sie eine Bitte an dieselbe richten wolle. Sie zeigte alsdann auf die Matte in der Ecke, auf den großen leeren Raum um sich her, und versuchte der Ines begreiflich zu machen, daß sie sich allein zu bleiben nicht getraue, und es gerne sehen würde, wenn das dienstfertige Mädchen die Nacht bei ihr zubringen wolle. Ines verstand Justine alsobald, und zeigte sich eben so schnell bereit, ihrem Wunsche zu entsprechen. Der Wächter mit der Lampe wurde hinweggesendet, die Thüre wieder mit den hölzernen Riegeln von außen verschlossen; tiefe Ruhe und tiefes Dunkel kehrten in dem Gebäude ein. Auch von außen wurde Alles ganz still. Drei Zeichen mit der Glocke gaben den Befehl allenthalben die Lichter auszulöschen, und die Straße im Dorfe wurde nur noch in dem Augenblicke belebt, als der Pfarrer nebst mehreren, mit Harzfackeln versehenen indianischen Knechten seine Gäste von Cordova und Assumcion nach ihren Schiffen führte, wo sie die Nacht zuzubringen begehrten. Pater Luis kehrte mit seinen Begleitern nach Hause zurück, und schloß sein Hofthor. Die Herren auf den Schiffen streckten sich unter dem leichten Zeltverdeck derselben auf ihre Matten. Die Schiffer, ein jeder an seinem Ruderplatze, duckten sich nieder, hüllten die Köpfe in ihre Mäntel und schliefen ein. Unter Akazien am Ankerplatze schnarchten die müden Payquas. Ein Neger hielt auf dem Vordertheile eines Kahns, bei glimmender Laterne, Wache, mit seiner Vogelflinte spielend. Noch mehr beschäftigte ihn jedoch die Chicaflasche und er entschlief gleich den Uebrigen. Grabesruhe auf dem dumpfmurmelnden Flusse, an seinem Strande, in dem Missionsorte. Der umgehende Wächter in demselben hatte sich vor einem unbedeutenden Regenschauer in seine Hütte zurückgezogen. Auf der Gasse athmete keine Menschenseele.
Da kam von Süden her ein fernes, leises Getrappel. Es schwieg in kleiner Entfernung vom Dorfe. Einige Hunde knurrten, schwiegen jedoch ebenfalls plötzlich, und mehrere leicht gleitende Schatten kamen über Zaun, Graben und Gehäge in den Ort herein; mit Blitzesschnelle hin und wiederfahrend, schauend, horchend, verschwindend, wie sie gekommen waren. Geräusch von leise webenden Sägen, Knarren von aufgehenden Gatterthüren, und über den breiten Fahrweg, weit sich aber alsdann über den frischen Rasen zu beiden Seiten desselben verbreitend, zog still und geräuschlos eine Schaar von Reitern in das Dorf. Stumme schnaubende Hunde ihnen zur Seite, lange Speere in ihren Händen; versteckte Fackeln mitten im Zuge. Halt auf dem Platze, kurzes unverständliches Gemurmel unter den Nachtgästen, plötzlich hochblinkende Feuerbrände, entsetzliches Geheul und kriegerischer Ruf.
Dieser Schrei, die Losung des Entsetzens, dringt wie der Donner des Himmels in die friedlichen Hütten der Quaranier. Schlaftrunken springen die Männer an die Thüren und Fenster. Zum zweitenmale tönt der gräßliche Schrei, und, mit dem Tone zugleich, fliegen brennende Pfeile in die Stroh- und Binsendächer der Cabanen.
»Die Abiponer! 's ist ihr Kriegsruf!« antwortete der Weiber Wehlaut, und wüthend greifen die Männer nach der Axt. Die Glocke klingt gellend vom Thurme. Der nachlässige Wächter erinnerte sich zu spät seiner versäumten Pflicht. Indessen weht aber schon der Brand in der Luft, würgt schon der Feind am Boden. Ein wehmüthig Schauspiel! wilde Reiter, nackt auf den Pferden hängend, von abenteuerlichem Kopfputz gräßlicher gestaltet, bestrichen mit grellen, Blut und Tod kündenden Farben rasen hin und her durch die Gassen, schmettern mit ihrer fürchterlichen Schleuder alles zu Boden, was an ihnen vorüberrennt, werfen ihre langen Speere nach der keuchenden Menschenbrust, und Brände in die Gluth, damit die Flammen noch höher aufflackern, die betrübende Scene würdig zu beleuchten!
Eine Horde wilder Räuber hatte das Lagerhaus erstürmt, sich der Waffen und Mundvorräthe bemächtigt. Die Quaranier konnten ihnen nirgends die Spitze bieten, nirgends ihrer Raublust ein Ziel setzen; kaum dem Morde entgehen. Denn in engem Kreise hielt um den Missionsort eine furchtbare Linie von Reitern mit drohendem Speere, und nur die Verzweiflung selbst schlug sich durch. Mit den Bolas bewaffnet, die jeder Bauer an sein Pferd hängt, wenn er über Land reitet, warfen die Entschlossensten der Quaranier einen Trupp von Pferden darnieder, öffneten ihren Freunden und Verwandten einen Paß. Die dem Strande zunächst wohnenden Leute flüchteten sich nach den vor Anker liegenden Schiffen. Die Herren derselben, von dem Mordgetöse aufgeschreckt, befahlen, die Seile zu kappen. In die Strandfluth des Flusses stürzte sich die hülfsbedürftige Menge; Kinder und Greise auf den Schultern der Eltern, der Söhne; sie jammerten nach Hülfe, nach Aufnahme, kaum die Köpfe aus den Fluthen hebend. Umsonst; die Väter auf den Kähnen, nur ihre eigene Rettung vor Augen, fürchteten der Schiffe Ueberfüllung, wiesen die Flüchtlinge mit harten Worten zurück, ließen die Fahrzeuge stromabwärts treiben. Aber Noth kennt kein Gebot; aber die Abiponer waren im Rücken der Flüchtlinge. Die riesenhaften Payaquas, die das Ruder in Händen, -- obwohl blinde Heiden, gewissenhafter den Rückzug ihrer Herren vertheidigten, als diese das Wohl ihrer christlichen Mitbrüder sich zu Herzen nahmen, -- fielen todt hin unter der Uebermacht. Schon netzen die Wellen der Parana die Füße der Abiponerpferde; schon stürzen sich diese wilden Krieger blutbegierig bis zum Kinn in den Strom... Gewaltsam halten die Flüchtlinge von Dominica die Schiffe auf, schwingen sich gewaltsam hinein, und die Väter müssen geschehen lassen, daß wider ihren Willen das treue Holz der Algarova auch die schlechten Indianer dem Mordstahle entführt.
Welch ein Graus, wendet man den Blick von jenen Geretteten nach dem brennenden Pfarrhause. Vergebens stürmt die Glocke der Kirche. Sie vermag nicht dem lang gedehnten Brande in den hölzernen Gebäuden und Rohrwänden zu wehren. Sie vermag nicht, die treuen Diener zu erwecken, die für ihren Vater auf der Schwelle seines Hauses das Leben hingegeben haben. Sie haben sich umsonst geopfert. Der Raub drang dennoch hinein. In dem sonst lebendigen Hofe regt sich nur noch der von Flammenangst und Todeskampf gepeinigte Strauß, der von zwei Pfeilen durchbohrt, mit den ungelenken Flügeln flatternd, einen Ausweg sucht, und -- blind vor Schreck -- nicht findet. Ferne tönen die Silberglocken des Rehs; es sucht seinen Herrn; doch dieser fällt so eben, -- mit dem Alcade dem Lagerhause zueilend -- in die Hände des barbarischen Feindes, während auf den Stufen der Kirche Pater Xaver von einigen Abiponern gebunden wird, die in ihm den Padre des Orts zu fangen glauben. -- Aus den Fensteröffnungen des Lagerhauses, das ebenfalls schon brennt, dringt nebst dichten Rauchwolken der Wehruf ängstlicher Weiber. Zwei Krieger, furchtbar anzuschauen in den ungeheuern Federkronen, die ihre Eitelkeit dem Straußvogel der Savannen sammt der Haut abstreifte, stürmen hinein, dem Rufen entgegen. Krachende Thüren stürzen von oben auf sie hernieder. Ein Mann mit zwei Weibern, außer sich, mit versengten Haaren, stößt auf die Wilden, die ihn mit Löwenkraft aufhalten, packen und sammt seinen Begleiterinnen in's Freie schleppen.
Hier lodern Fackeln und Brandglut. Hier halten die Caziken auf ihren dampfenden Gäulen, und unter ihren rothen goldverzierten Kopfbinden hervor rinnt der Schweiß der Ermattung auf die Brust der Starken. Der Anblick schöner Frauen reizt der rauhen Obern Lust. Ein Streit droht zwischen Rettern und Befehlshabern zu entspringen, da wirft sich das jüngste der Weibern zu Füßen des Obersten, und ruft ihm zu: »Siehst du denn nicht, daß ich deines Volkes bin? Gnade deshalb und Schutz für mich und dieses Weib, das meine Schwester geworden ist!«
Verwunderung spricht aus den Blicken der Zuhörer; jedoch überwältigt von dem süßen Klang der vaterländischen Zunge, klatschen sie lebhaft in die Hände, und rufen: »wahrlich! sie ist ein Kind unsers Großvaters, und sie mit ihrer Schwester soll heilig sein und frei!«
Justine und Ines wurden auf weiße Pferde gehoben, und folgten dem Zuge der Führer, die sich den Jammer besahen, den sie angerichtet.
James wurde in der Kirche mit einigen andern lebendig Gefangenen, unter welchen sich sein Pflegevater befand, zusammengebunden. Nicht die Schmerzen der Brandwunden, die er, im Begriff, Justine zu retten, davongetragen, nicht die Ungewißheit seiner traurigen Lage zerriß ihm Herz und Gehirn. Seines zweiten Vaters, Justinens Verhängniß war seine Plage, war sein Kummer. -- Er weinte Thränen des Mitleids und ohnmächtiger Wuth auf die Hände, die gebundenen Hände seines ehemaligen Versorgers. Dieser stand vor ihm, -- aufgerichteter als je -- in seinen Leiden, wie ein verklärtes Menschenbild. »Wenn eine Folter meine Seele preßt, so ist es die Angst um dich, um Justine,« -- sagte der Muthiggewordene. »Mein Schicksal beunruhige dich nicht. Glaube mir, in diesem Drange des Unglücks wird mein vom Zweifel und von der Sünde gespaltenes Herz wieder _eins_. Es klammert sich wieder an _eine_ Hoffnung an: an die auf unsern Heiland. Nun ist der Augenblick gekommen, in welchem ein verlornes halbes Jahrhundert vielleicht durch die Märtyrkrone, die so vielen meiner Brüder zu Theil geworden, Bedeutung gewinnt. Diese Krone ist die schönste, denn sie ist eine versöhnende!«
James schwieg niedergeschlagen, theils von der Würde des Redners ergriffen, der in seinen Banden so frei war, theils von der Nichtigkeit aller Trostgründe überzeugt, in einer Stunde, deren nächste Minute allen Ueberwundenen den Tod bringen konnte; -- gewisser, als der nächste Mond ihre Freiheit. Münzner blieb aber ruhig, und betete still für sich aus vollem Herzen.
Inzwischen war die Nacht aus geworden, und der Morgen trat aus der Dämmerung. Wie die Sterne erbleichten, so erbleichte auch der Brand von Santa Dominica. Die von dem Sonnenauge beschämten Flammen krochen gebändigter in das stürzende und verkohlte Sparrenwerk zurück, aber die schwarzen rauchenden Stätten zeugten von ihrer Wuth, und der Anblick der Leichen in den Gassen und Räumen der Mission von der bösen, bösen Nacht. Die Hüter der Gefangenen bedeuteten diese, sich auf den Weg zu machen. Auf dem Platze klang die Pfeife und die dumpfe kleine Trommel, zum Aufbruche mahnend. Die Gefangenen wurden mit Lianen auf Maulthiere gebunden, und deren Zügel von Reitern geleitet. Der Abzug der Abiponer Horde war siegreich und lärmend.
Jeder Krieger, beritten, und noch einige Pferde zum Wechseln neben sich führend, hatte sich mit Beute aller Art beladen. Die leichtesten Schwärme hüteten die Seiten des Zugs, in dessen Mitte die blöckenden Schafheerden, die gleichmüthigen, aber vor Hunger brüllenden Ochsen in unübersehbarer Zahl gingen. Schaaren von Hunden hielten diese lebendige Beute zusammen; und ihr Geheul und Gebell bildete, vermischt mit dem Getöse der plaudernden, lachenden und singenden Wilden, einen seltsamen Einklang. Ueber erstochene Pferde und Menschen ging der Zug hinweg, wie über den weichen Rasen, an den Häusertrümmern vorüber, und südwärts durch niedergetretene Tabaks- und Cacao-Pflanzungen. Die Gegend, die gestern noch in allem Reize des Wohlstands und der Herrlichkeit geblüht hatte, lag nun zerstört vor den Augen der Fortziehenden. Der rückwärts Blickende sah mit Wehmuth die Rauchsäulen aus den Trümmern Dominica's emporsteigen, und die hohen Palmen ihre Blätter über dem höllischen Schauspiele senken. So weit das Auge auf der Parana reichte, war kein Schiff mehr zu sehen.
Die gewandten Abiponer stellten sich hin und wieder aufrecht auf die trabenden Rosse, und wendeten ihr Falkenauge im Rennen nach allen Seiten hin. Auf dem Flusse konnte nichts mehr wahrgenommen werden, und so lenkte denn der Trupp der Anführer, der weit vor dem ganzen Zuge hinritt, landeinwärts. Noch einige Zeit ging es vortrefflich durch Baumwälder und schattige, frisch grünende Sumpfebenen. Bald änderte sich jedoch die Landschaft. Immer mehr und mehr wichen plötzlich die Wälder zurück. Der hohe Baum schrumpfte zum niedern Busch, der Busch zum dürftigen Gestrüpp ein, und endlich verkroch sich auch dieses in einen nackten einförmigen Boden, der kaum hin und wieder Sandstriche bot, aber nirgends einen Stein. Auf dieser Fläche angelangt, die in der Spätmorgenhitze den Gefangenen unerträglich schien, fing der Abiponer erst an aufzuleben. Die unbeschlagnen, leicht gezäumten Pferde flogen nur dahin. Lebhaft schwangen die Reiter ihre hölzernen Speere, und die kleine Jagd begann. Nach allen Seiten streiften die Hunde aus, um Kaninchen aufzustöbern. Der Abiponer, ohne seinen Weg zu unterbrechen, stellt sich auf sein Roß, spannt den Bogen, zielt und fehlt fast nie das von den Hunden herbeigetriebene Ziel.
Aber mitten in dieser Beschäftigung wird von den Vorderreitern ein langer grüner Saum gesehen, der längs dem Boden hinzieht, und das Meer zu sein scheint, oder ein viele, viele Meilen lang gedehnter Strom. Sie werfen ihre Federbüsche in die Luft, und ihr jubelndes Geschrei, das sich den andern schnell mittheilt, verkündigt die Nähe einer ihnen angenehmen Gegend. Die Pferde werden heftiger angetrieben. Gleichviel, ob einer der Reiter stürzt. Er verläßt das zu Grund gerichtete Thier, um sich auf ein anderes zu schwingen. Immer näher kömmt der grüne Saum; höher bald, bald niederer scheinend.
»Die Savanne!« ruft Abiponer und Quaranier aus; jener freudig, dieser niedergeschlagen, weil sich dort sein Schicksal entscheiden soll.
Man betritt endlich den Rand dieser ungeheuren Grasebene, auf welcher kein Baum steht, und kein Fels und kein wirthliches Dorf: nur etwa die leichte Hütte des wilden wandernden Jägers. Ein riesiger Strauß steht, wie der Wächter der grünen Wüste an ihrem Saume, und gafft neugierig nach den Kommenden. Ein gewandter Schütze sprengt auf ihn an. Zu spät denkt das verfolgte Wild an die Flucht. Schon wendet es sich, spreitet die Flügel aus, um mit ihrer Hülfe, schneller als das Pferd, das Weite zu suchen, -- da zerschmettert ein Pfeilschuß ihm das Beingelenk!... er stürzt, wird eine Beute des Siegers, der ihm die Federn entreißt, mit denselben den Sattel seines Pferdes schmückt, und lachend mit den Freunden in die Ebene einsprengt.
Welch' ein reges Leben in diesen Flächen, von unglaublich hohem Grase bewachsen! Flüchtige Hirsche durchstreifen, wie ungewisse Schatten, kaum durch ihre Geweihe kenntlich, die Ferne. Tausende von wiehernden Pferden fliegen rechts durch die Halmen. Nicht geringere Geschwader von Stieren setzen links durch das Grasmeer und lagern sich brüllend in demselben, das ihnen Schatten vor dem glühenden Sonnenbrand gewährt. Und der wilde Abiponer, dessen Pferd bis zum Sattel in den Halmen schwimmt, ereilt das flüchtige Roß, und zähmt es durch die einfache Schlinge; er fällt den wildern Stier an, zerrt ihn mit der Schleife zu Boden, tödtet ihn mit einem Streich, und nicht Nothwehr, nicht Hunger rechtfertigt die tollkühne That: nur der leichtsinnige Muthwille, der, überlegener Kraft bewußt, und ihr vertrauend, spielend die Gefahr reizt, hat sie ersonnen, und begonnen und vollendet.
Wenn nun die armen Gefangenen im Rücken des Zuges jene Aeußerungen ungebeugter Kraft wenig beachteten, so waren sie doch den Freiern, mit solchen Scenen Unbekannten, oder derselben Entwöhnten, ein besseres Schauspiel.