Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 26

Chapter 263,576 wordsPublic domain

James führte sie, und versuchte, sie auf die Nachricht von der Abwesenheit des Senators vorzubereiten. Die lebhafte Jungfrau hörte indessen nicht auf seine Worte. Vergnügt, und mit strahlendem, Alles umfassendem Blick wendete sie sich im Gehen nach allen Seiten. Das mannigfache Grün der Cedern, der Palmen und Tamarinden, in welchem die gelben Dächer der Colonie lagen, ... bildete eine erquickende Aussicht. Der zarte Rasen des Ufers war ein sanfter Teppich, die Blüthen und Früchte an Hecken und Gelanden schmückten den Weg, und neugierig folgten die Weiber und Kinder, die noch nie an ihrem Wohnorte eine Europäerin gesehen, der lieblichen Gestalt. Justine war größer und voller geworden, ausgeprägter ihr Gesicht, schöner und feuriger ihr Auge, entschlossener ihre Haltung, ausdrucksvoller ihre Geberde; frei und zierlich ihr Gang, wie der der Lainez. Neugierig aber freundlich betrachtete sie das mitziehende Volk, grüßte, lachte mit den Kindern, sprach mit ihnen, erhielt aber von den Nichtverstehenden unverständliche Worte in den Kauf. Endlich war das Pfarrhaus erreicht, endlich stand Justine unter der Thüre desselben. Ihr Herz schlug ängstlich; ihr Mund öffnete sich, den Vater zu rufen. Pater Münzner erschien. Justinens Züge verdunkelten sich! -- »Sein Sie willkommen, geehrteste Tochter meines Freundes!« sagte Münzner, der diesen Eindruck wohl bemerkte, »ich wünschte Ihnen im ersten Augenblicke angenehmer zu sein.«

»Das ist nicht möglich, und auch nicht nöthig,« entgegnete Justine ernsthaft und entschieden: »Ihr Anblick, mein Herr! erinnert mich an zu Viel. Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier eine Freundin übergebe, die manches um Ihretwillen gelitten hat, und die ich den Verfolgern entriß, obgleich sie, wie Andere auch, ein falsches Spiel mit mir getrieben. Vergelten Sie mir den Dienst mit der einfachen Anweisung, wo ich meinen Vater zu suchen und zu finden habe.«

Münzner schwieg bedeutungsvoll, und James, die ängstlich werdende Tochter zu beruhigen, wollte statt des Pflegevaters das Wort nehmen. Der geräuschvolle Eintritt des Pfarrers mit seinen geistlichen Obern, des Volks, das neugierig ihnen nachdrängte, unterbrach ihn. Zwei Indianer von den Schützen, die so eben wieder heimgekommen waren, machten sich heftig Platz durch die Menge und näherten sich eilfertig dem Pfarrer. »Da! guter Vater Luis!« sagten sie mit getrübter Geberde: »da ist Alles, was wir von deinem Gastfreunde gefunden haben! In dem Lager eines wilden Jagurate[3], den wir erlegten, fanden wir die traurige Beute.« --

Pater Luis starrte die Boten staunend an. Münzner erbleichte heftig, wie auch James. Justine stieß einen gellenden Schrei aus, denn -- war ihr gleich die Sprache der Jäger fremd und unbekannt, -- sie kannte das Kleid ihres Vaters, das sie blutig und zerfetzt, zu den Füßen des Pfarrers niederlegten. -- Mit rollenden Augen schlug das Mädchen die Hände zusammen, und rief mit dem Tone der entsetzlichsten Furcht: »Was ist hier geschehen? was mit meinem armen Vater vorgefallen? Wer Mitleid mit mir hat, verhehle mir nichts. Wer Gefühl in der Brust trägt, verheimliche einer bangenden Tochter nicht das Aergste!«

Todtenstille im Kreise. Endlich faßte sich der Pfarrer, und sagte zu ihr in gebrochenem Deutsch: »Es ist besser, meine Tochter, daß der starke Christ die Zweifelschlange zertrete, denn die Wahrheit ist dem Himmel lieb und der Erde angenehm. Ihr Vater ist seit länger denn einer Woche abwesend. Er entfernte sich ohne unser Vorwissen, um in den unfernen Wäldern den Balsam zu suchen, der seine kranke Brust heilen sollte. Ein Indianer hat ihn begleitet. Keine Nachricht seitdem, bis auf diesen schrecklichen Fund, der uns nur zu deutlich macht, daß der Unglückliche eines wilden Thieres Beute geworden ist. Fassen Sie sich. Gottes Rath ist unerforschlich, aber weise.«

Justine sank kraftlos in die Arme der Lainez, deren Augen selbst heiße Thränen entfielen. Eine erschütternde Scene folgte. Luis unterhielt seine Ordensbrüder von der traurigen Geschichte; James stand seinem Pflegevater bei, der in trüber Wehmuth verging, und auf das Ergreifendste immer wiederholte: »Meine Schuld! meine Schuld! meine größeste Schuld!« Justinens Schmerz wurde brennend wie die Wunde an ihrem sehnenden, zerrissenen Herzen. Sie stieß die Lainez von sich, den tröstenden James, den Doctor, der seine Leiden mit den ihrigen vereinigen wollte. -- »Weg!« rief sie außer sich: »Ihr Alle weicht von mir! denn Ihr habt unser Aller Elend verschuldet! Ihr habt meines Vaters Glück, seine Ehre, sein Leben gemordet! Was soll mir Eure Theilnahme! -- Weg auch du!« fuhr sie zürnend und weinend fort, indem sie den ehrwürdigen Luis, der sich ihr näherte, zurückwies: »Du trägst das Kleid dieser Mörder, dieser Diebe an Gut, Leben und Ehre! Weg! Deine weißen Haare lügen, wie deine fromme Stirne! Gebt mir meinen Vater zurück! Ich habe tausend Meilen gemacht, um Verbannung und Unglück mit ihm zu theilen, und finde ihn im Rachen eines Ungeheuers wieder! Und dieses Ungeheuer ist gnädiger als Ihr, denn es hat ihn schnell hinweggerafft, während Ihr ihn langsam hingerichtet habt! Kann ich denn meinen Erinnerungen so wenig entfliehen, als dieser qualvollen Gegenwart?« --

Sie drängte mit erneuter Kraft die Lainez von sich; ihr Auge fiel auf Ines, die ängstlich, aber freundlich zu der Fremden flehend, vor ihr auf den Knieen lag, ihre Hände drückte, ihr tausend schöne Worte sagte, und die kühlende beruhigende Frucht der Quembe bot; dem Gaumen der Erhitzten ein willkommenes Labsal. Die kindlichen reinen Züge der Indianerin stimmten Justinens Bewegung in sanftere Wehmuth um; die Leidende gestattete es, daß einige Tropfen des kühlenden Saftes ihre Lippen benetzten, sie litt die Liebkosungen der Indianerin; sie drückte dieselbe an ihre Brust. »Ja!« rief sie schmerzlich: »Du, fremdes Geschöpf, du bist hier meine einzige Verwandte! Jene, die meines Welttheils Farbe und Sitten haben, sind meine geschworensten Feinde! Sie haben meinen Vater in den Staub getreten, sie werden mich nicht verschonen! Sie haben ihn getödtet, sie werden auch mich vergiften. Nur von deinen Händen will ich meine Speise nehmen! Nur du, mein Kind, meine Schwester, nur du sollst bei mir sein, bis mich mein Gott wieder aus diesem Mörderlande führt!« --

»Beruhigen Sie sich!« sagte der Rector von Assumcion, ein Franzose von Geburt, schmeichelnd und süß wie Honig: »die arme Wilde hier versteht nicht, was Sie ihr sagen. Ihr Widerwille gegen unsern Trost ist dagegen unbegreiflich. Verwünschen Sie nicht uns, nicht dieses Land, das Canaan für Sie genannt werden mag. Gott hat Ihnen viel genommen, allein, wie er es gegeben, kann er es auch wieder entziehen. Ihr Vater ist in seinem Schooße, denn er ist in seiner wahren Kirche Grundsätzen gestorben. Sie haben noch den Schritt in diese Kirche zu thun, und je schneller Sie ihn machen, je schneller wird der göttliche Trost bei Ihnen einkehren.«

»Monsieur!« rief Justine empört, und maß ihn mit zornigen Blicken. Der Rector ließ sich von dem Tone der Höflichkeit dadurch nicht abbringen. »Wie gut wäre es gewesen,« sagte er, »wenn Ihr würdiger Vater im Stande gewesen wäre, selbst, in eigener Person, seine Tochter dem Gotte darzubringen, dessen Gnade die letzten Jahre seines Lebens verherrlicht hat. Aber -- in seiner Ermangelung -- liegt mir, dem Vollstrecker des Testaments, das er vor seiner Abreise von Assumcion in meine Hände legte, ob, seine Pflichten gegen Sie und die Kirche zu erfüllen. Ein günstiges Zusammentreffen wird Sie schneller an's Ziel bringen. Pater Jose Aculcho, einer der würdigen Consultadoren des hochwürdigen Provincials zu Cordova, der hier steht, wird Sie unter seinem Schutze nach Cordova bringen, sobald unsere Umreise durch die ihm zugetheilten Doctrinen beendigt wurde. Im Kloster der Carmeliterinnen werden Sie Unterricht, theilnehmende Herzen und eine ewige sorgenlose Existenz finden, übereinstimmend mit den Bedürfnissen Ihrer Lage, und dem letzten Willen Ihres seligen Vaters!«

»Mein Gott!« rief Justine, die nun erst begriff, wo Alles hinaus wollte; »was sagen Sie? Sie getrauten sich, mich, ein freies Mädchen, das Ihnen nicht in Lehre, nicht in Pflichten unterworfen ist, mit Zwang zu einem Dasein zu führen, das ich verabscheue?«

»Ihr Vermögen, Ihres Vaters Erbe, liegt in unsern Händen, unbeschadet der Ansprüche, die wir noch dereinst auf Ihr europäisches Gut zu machen haben dürften,« lautete die trockene Antwort des Rectors.

Justine blickte fragend und durchbohrend den Doctor Münzner an. Dieser nickte mit dem Haupte und sagte niedergeschlagen: »So ist's, beste Jungfer. Ihr Vater verlobte der heiligen Gesellschaft schriftlich sein Vermögen, _Sie_ der katholischen Kirche und einem beschauenden Klosterleben!«

»O der Tücke, die ihn dazu gebracht!« versetzte Justine äußerst heftig; »Geldhunger war die Triebfeder Eurer Handlungen? So nehmt es denn hin, das elende Geld! Wo meines Vaters Leiche blieb, bleibe auch seine vergängliche Habe! Lassen Sie mich nur wieder von dannen ziehen um diesen Preis! Ich will nicht klagen, will nicht murren, will mein Brod vor den Thüren betteln! Nur hinaus aus diesem Lande, worinnen mich nicht einmal das Grab meines Vaters zurückhält! Hier sind noch einige Diamanten! Sie sollen von Werth sein! Nehmen Sie diese letzten Ueberreste einer Wohlhabenheit hin, die Ihre Brüder vernichteten. Lassen Sie mich jedoch zur Stunde fort! Hier lebt nicht mein Vater! nicht mein Glauben! Ich sterbe unter diesen Menschen!«

»Arme!« sprach Münzner trübe vor sich hin; »_aus_ des Löwen Höhle führen keine Fußtapfen.«

Der Rector lächelte über die Aufregung Justinens, und sprach mit dem Consultador spanisch. Dieser winkte mit der Gravität des Vorgesetzten dem Pfarrer, und sagte ihm: »Sie stehen mir dafür, daß die Person sich kein Leid anthut, und daß ich sie bei meiner Rückkehr wieder finde.«

Justine, von Thränen übermannt, und das Gesicht in ihre Hände verbergend, beachtete nichts um sich her. Die Lainez und die Indianerin sprachen zu ihr, wie zu einer Bildsäule. Münzner ging händeringend im Hintergrunde des Gemachs auf und nieder. James starrte düster vor sich hin, und der Pfarrer entfernte das Volk, bis auf die Obern der Colonie. Dann sagte er bescheiden aber fest zu dem Consultador:

»Mein Vater! ich erinnere Sie, daß mein Pfarrhaus kein Gefängniß ist. Noch viel weniger scheint mir die Jungfrau eine Verbrecherin.«

»Sie gehorchen!« war die kurze drohende Antwort; »ich nehme Alles bei dem Provinzial auf mich.«

»Bedenken Sie!« sagte Luis; »wenn der Generalcapitän erfährt...«

»Was da?« brausten Consultador und Rector auf. »Hier ist der heilige Ignacio Generalcapitän. Wo wären wir der Excellenz zu Buenos-Ayres unterworfen? Haben wir nicht unsere Verträge, unsere Rechte? Wo die Gesellschaft befiehlt und den Tribut bezahlt, muß Monarch und Statthalter schweigen.«

»Das nimmt kein gutes Ende!« sagte Luis: »ich protestire.«

»Mademoiselle Müssinger ist eine Fremde!« sprach James, der nur mühsam bisher an sich gehalten: »wie wollen Sie, meine Väter, verantworten, was Sie thun?«

»Wer spricht hier?« fragte der Rector drohend entgegen: »Mademoiselle ist durch den Tod ihres Vaters meine Mündel.«

»Sie wollen die erschlichene Gewalt mißbrauchen!« rief James erhitzt.

»Mein Sohn, bedenke, wo du bist!« mischte sich Münzner besorgt ein: »und Sie, meine Väter und Obern, vergeben Sie dem unbesonnenen jungen Manne, der ein schnelles Urtheil spricht.«

»Das soll ihm übel bekommen!« sagte der Rector aufgebracht: »Des Provincials Nachrichten aus Deutschland reden von dem widerspenstigen Engländer, der seine Pflicht umgehen möchte. Das Provinzialat wird _ihm hier_ sein Urtheil sprechen.«

»Unglücklicher!« seufzte Münzner, James Hand fassend: »siehst du? meine Ahnung!«

»Mein Urtheil!« fuhr James auf: »Was habe ich Ihnen, was dem Orden gethan?«

»Du hast viel gekostet, und unsere Erwartungen betrügen wollen,« antwortete der Consultador mit harter Stimme: »du hast schwere Buße verwirkt, und nur Nachgiebigkeit kann dir einen würdigern Platz in unsern Häusern erwerben.«

»Nimmermehr!« entgegnete James: »Dieses unschuldige Lamm soll geopfert werden, und ich nicht minder? Machen Sie mich zu Ihrem Sklaven, aber nicht zu ihrem Bruder!«

»Welche freche Sprache?« polterte der Rector.

»Sie soll ihm vergehen,« sagte der Consultador: »die Bußkammer zu Cordova soll ihn zahmer machen. Für's Erste, Bursche, verlässest du diese Doctrina nicht. Wie für die Sennora, haften mir Pfarrer und Regidor für dich.« James knirschte. Münzner trat besänftigend vor ihn, und sagte zu dem unwilligen Herrn von Cordova: »Schonen Sie ihn um seines Jähzorns willen! Es wird sich Alles legen. _Ich_ bürge, daß Sie ihn ruhiger hier wieder finden.«

»Wer bürgt uns denn für Sie, Pater Xaver?« fragte der Consultador höhnisch: »Ihr Schicksal habe ich in der Tasche. Ihr Provincial reklamirt Sie. Sie werden ungesäumt nach Europa zurückkehren, um sich vor ihm über den Ausschlag Ihrer Mission daselbst zu verantworten. Sie sind wichtiger Punkte angeklagt.«

Münzner stand wie niedergedonnert; dann hob er die Augen gen Himmel und sagte: »Wie du willst, Herr! -- Aber dich zurücklassen, _hier_ zurücklassen, mein James?« setzte er bei.

»Desto besser!« sprach der Rector bitter: »Euer Beispiel, Ihr Deutsche, verdirbt jeden guten Keim. Ihr bildet Raisonneurs, Grübler, und Grübelei führt zur Blasphemie.«

James wollte sich voll Wuth von dem Doctor losreißen, der ihn begütigend fest hielt. -- »Sie werden dich noch binden lassen!« sagte er auf Deutsch zu dem Jüngling, und im selben Augenblick befahl der Consultador dem Alcalden, Negerketten herbeizubringen, und sie dem Jüngling anzulegen. Pater Luis trat schnell vor, und entgegnete mit edlem Feuer: »Meine Obern vergeben! Diese Dinge sind aber unbekannt in meiner Mission. Wir haben nicht Ketten, nicht Peitschen; nicht einen Strick, um einen Menschen damit zu binden. Diese armen jungen Leute sind meine Gäste. Die Gastfreundschaft duldet keine Mißhandlung.«

»Gehorsam!« rief der Consultador.

»Euer Hochwürden vergeben,« sagte der edle Greis wie oben: »ich bin siebzig Jahre alt geworden, ohne etwas Schlechtes zu thun. Ich will nicht erst jetzt anfangen, selbst wenn Don Philipp, unser allergnädigster Herr, es so zu haben begehrte. Wir sind hier auf dem Lande, unter harmlosen Menschen. Hier ist's uns auch in der Ordenskleidung vergönnt, ein Mensch zu sein. Ich bin der Vater meiner Untergebenen; der Freund der Fremden; nicht ihr Stockmeister. Verlangen Sie das nicht, meine Obern.«

»Schwachkopf!« -- sagte der Rector verächtlich vor sich hin.

Der Consultador drohte dem Pfarrer ernsthaft mit dem Finger: »Sie machen sich eine böse Note, lieber Mann,« sprach er: »Ohnehin hat Ihr Vikar, der nach Cordova zurückkam, Ihrer nicht zum Besten gedacht.«

»Weil ich ihn fortschickte,« war Luis Antwort: »weil er in Kirche und Haus, bei Männern und Frauen Alles das that, was unser Heiland nicht gethan hat. Der ehrwürdige Pater Provincial wird aber auch mich hören, und nicht allein den tückischen Andalusier. So alt ich bin, scheue ich noch nicht, dem Recht zu Liebe, den weiten Weg nach Cordova.«

»Ihr werdet ruhig hier verbleiben!« erwiderte ihm mit imponirendem Tone der Consultador: »Die Disciplinargesetze unserer Gesellschaft sind Euch seit einem halben Jahrhunderte bekannt, und somit kein Wort weiter.« --

»Ich bin kein Rebell,« antwortete der verblüffte Pfarrer: »aber was Sie verlangen, ist nicht meines Amts.«

»Sie kommandiren Ihre Milizen als Oberst,« lachte der Consultador; »Sie verstehen es aber nicht, einen Menschen zur Haft bringen zu lassen! Sennor Corregidor! Sorgt Ihr, daß dieses Mädchen sowohl, als der junge Mensch getrennt in ein sicher verwahrtes Haus gebracht werden, bis zu meiner Rückkehr.«

»Ruhig! du machst dich unglücklich, und mich noch elender, als ich bin!« sprach Münzner begütigend zu dem auflodernden James, der mit den Worten: »auch Sie mein Vater?« die Hände sinken, Alles mit sich beginnen ließ.

Regidor und Alcade versuchten, den Befehlen des strengen Aculcho einige Milderung abzugewinnen, aber er faßte ihre schwächste Seite, indem er sagte: »Ihr seid excommunicirt, wenn Ihr länger widerstrebt! Der junge Mann ist ein unserm Hause Entsprungener, das Mädchen eine Ketzerin. Beide gehören vor unser Gericht, und der Generalcapitän zu Buenos-Ayres mit all' seinen Schergen hat ihr Schicksal nicht zu schlichten.«

Das Wort »Ketzerin« machte die guten Leute, die um Justine beschäftigt waren, zurücktreten. Auch Ines entfernte sich, schüchtern ein Kreuz schlagend. James lachte bitter, und folgte finster schweigend dem Alcaden, der ihn fortführte.

Der Regidor bedeutete Justinen, ihm ohne Widerrede zu folgen. Durch den Schleier ihrer Thränen emporsehend, fragte sie erschöpft: »wohin führt Ihr mich?« -- Da aber der Regidor ihr nicht antworten konnte, und keiner derjenigen, die ihre Frage verstanden, antworten wollte, so folgte sie ihrem Führer wie ein Lamm mit den Worten: »gleichviel, wohin es geht. Nur aus dem Bereiche dieser Menschen, deren Blicke mich vergiften!« --

»Sie, Pater Xaver,« sprach der Consultador, »geben mir Ihr Priesterwort, sich nur, um nach Cordova und von dannen nach Europa zu gehen, aus der Doctrine zu entfernen, und Ihrem Zögling auf keinerlei Weise zum Entweichen behülflich sein zu wollen!« --

Nach einigem Bedenken gab Münzner das Wort. »Das Erste mit Freuden,« sagte er: »ich hoffe, in einigen Tagen bereit zu sein, mit dem ersten Waarenkahn abzureisen. Das Zweite verspreche ich mit Leid; aber überzeugt, daß meine Hülfe meinen guten Sohn nur in größeres Unheil stürzen würde. Wenn übrigens die Bitte eines Mitbruders für Sie von einigem Gewicht wäre, so ersuchte ich Sie, die Tochter des verunglückten Müssinger gnädig und milde zu behandeln. Wir haben viel an ihrem Vater und Ihr verschuldet, meine Väter, was erst in der Folge klar werden dürfte. Mich, der ich das arme Werkzeug sein mußte, bald mit wohlwollendem, bald mit blutendem Herzen, ... mich ereilt jetzt das Schicksal; denn mein Loos in Europa wird ein hartes sein. Erschweren Sie es nicht, meine Freunde in Christo, durch die Leiden der unglücklichen Justine!«

Die fremden Jesuiten sprachen hierauf kein Wort, und nannten den Fortgehenden verächtlich einen Träumer, dessen Zukunft hart, aber nicht ungerecht sein könne. Zugleich wurde die Lainez, von deren bisherigem Wirken man, durch die, fast gleichzeitig mit ihr angekommenen Berichte, genau unterrichtet schien, aufgefordert, bei Justine ihr Heil zu versuchen, und nichts zu versäumen, um diese auf den Weg des Heils zu führen. --

»Zu lange, wie wir vernehmen, arbeitet Ihr schon an diesem Geschäft,« sagte der Rector geringschätzend: »ich möchte Euch rathen, das Brod der Gesellschaft nicht als eine unnütze Arbeiterin zu verzehren. Im Gegentheile, wenn's Euch gelingt, die Widerspenstige, ehe der Pater Consultador wieder kommt, zu bekehren, sollt Ihr nach Verdienst belohnt werden. Die gottesfürchtige Frau von Guébriant, die sich vor den Gräueln der Regentschaft nach St. Fé flüchtete, bedarf einer Kammerfrau und Vorleserin, und dieser einträgliche Posten soll Euch durch mein Fürwort nicht entgehen.«

Die Lainez, in ihrer Eitelkeit beleidigt, rümpfte, ebenfalls geringschätzend, die Nase, und antwortete: »ich danke Ihnen für den guten Willen, meine Väter; bin aber zu schwach, ihn zu verdienen. An dem Mädchen ist nicht das Mindeste zu ändern. Sie ist von einem Eigensinn, der Ihnen zu schaffen machen wird, und, da es nun einmal so ist, möchte ich rathen, sie lieber zu lassen, wie sie bisher war. Mein Streben ist, was sie betrifft, geendigt, und ich will die Freundschaft, die sie mir erzeigt, mit der sie mich gefesselt hat, nicht mit Leiden vergelten. Madame Guébriant wird eine andere Kammerfrau finden, und mich in Frieden nach Frankreich zurückkehren lassen, wo die Hitze nicht so unausstehlich, die Sprache angenehmer, und die Tracht weit anständiger ist.« --

»Das müßtet Ihr allerdings,« versetzte der Rector hochmüthig. »Wir gedenken nicht, unnütze Leute von zweifelhaftem Charakter in den Colonien zu füttern. Ihr werdet mit dem Deutschen Xaver abreisen, ein würdiges Paar träger Diener. Hebt Euch jetzo weg! Für eine gute Note wollen wir Sorge tragen!«

Die Lainez ging mit diesem Bescheid. »Hätte ich Vermögen,« sagte sie mit Bitterkeit zu dem Pater Münzner, dem sie Alles erzählte, »so würden mich die gescheuten Finanziers schon freundlich gebeten haben, da zu bleiben. Pfui der Schande! ich eine Magd der alten unerträglichen Frau v. Guébriant? Um solchen Preis sollte ich meine schönsten Jahre einem Bemühen hingegeben haben, das täglich meinen Charakter und meine Existenz gefährdete? Aber nur Geduld, mein würdiger Vater! Man mißhandelt auch Sie. Lassen Sie unsere Kräfte vereint wirken. Mein Provincial wird unsere Berichte getreulich nach Rom befördern. Die Menschen hier am Ende der Welt sollen erfahren, was es heißt, einer Frau von Stande unwürdig zu begegnen.«

»Madame Lainez,« antwortete der Doctor ruhig: »Laßt uns nicht Steine auf Andere werfen. Wir haben genug mit uns selbst zu thun. Wenn doch Ihr Geist ebenfalls die Erschütterung empfände, die der Meinige seit meiner Anwesenheit in diesem Lande empfindet! ich gehe nach Europa zurück, um elend zu werden, -- aber ich habe es nur zu sehr verdient.« --

Die Lainez entfernte sich achselzuckend, weil der Pfarrer eintrat.

»Nach Europa zurück?« sagte dieser vertraulich, nachdem er an Thüre und Fenstern gehorcht hatte; »das wird Ihr Ernst nicht sein, Pater Xaver. Sie rennen in Ihr Unglück. Unsere Brüder in der alten Welt sind Leute, wie die in der neuen: arglistig, neugierig, unversöhnlich. Sie haben -- vielleicht unverschuldet -- das Ansehen der Gesellschaft Preis gegeben, weil unter Ihrer Amtsführung jene Gemeinde, der Sie vorstanden, verrathen wurde; das vergiebt man Ihnen nicht. Der Superior hat Ihre Abwesenheit benützt, sich rein zu brennen. Das Ungewitter bricht nun gegen Sie allein, später, aber schrecklicher, los. Opfern Sie sich nicht ohne Noth einem wilden Parteihasse, der vielleicht Ihr rüstiges Leben zwischen vier Mauern begräbt.«

»Eine Strafe meiner Sünden,« erwiderte Münzner schwermüthig: »dann -- meine Pflicht. Gehorsam hieß mein Gelübde. Die Obern rufen, ich folge.« Luis schob sein Käppchen ungeduldig hin und her. -- »Die Gesellschaft,« sagte er schnell, -- »ist im Begriff, von einigen Gliedern derselben durch eine Ungerechtigkeit geschändet zu werden. Ich erfülle meine Pflicht gegen ihr Wohl auf bessere Art, wenn ich dieser Schande vorbaue. Ich bin ein alter, verbauerter Pfarrer, mein Bruder, aber eben weil ich alt bin, kann auch der liebe Gott rufen, wann er will, und ich will rein vor ihn treten. Ihr armer Pflegesohn, Ihres Freundes ärmere Tochter, sollen dem schmutzigen Eigennutze des Quinquevirats zu Cordova nicht geopfert werden. _Sie_ nicht den Mißgriffen Ihres Superiors. Lassen Sie die Väter abreisen. Meine Worte haben bei dem Regidor und dem Alcade, die ich erzogen, die _ich_ aus der Gemeinde gewählt habe, Gewicht und Einfluß. Ein Wink von mir, und sie lassen die widerrechtlich Verhafteten frei. Ich befördere dann ihre Flucht.«

»Sie, edler Mann, wollten sich der Rache der Oberen blosstellen?«

»In meiner entlegenen Doctrine, an den Gränzen des Gebiets barbarischer Völkerschaften, achte ich ihrer Drohungen für meine Person nicht. Sie sollen mich nicht wegführen aus dem Lande, wo ich wirkte, wo ich den Tag der Auferstehung erwarten will.«

»Gesetzt, Sie retten meinen Zögling und das arme Mädchen, dessen Schicksal auf meiner Seele brennt ... was soll aus ihnen werden? werden sie nicht, mitten in einem unermeßlichen Lande, aller Hülfsmittel beraubt, dennoch wieder in die Hände der Feinde fallen, oder elend zu Grunde gehen?«