Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 25
Pardieu! sagte endlich der leichtsinnige Franzose, dem es in seiner Gattin Nähe sehr bange und unfriedlich zu werden schien: so weiß ich kein Mittel, als Ihnen, meine Schöne, einen geliebtern Stellvertreter beizugesellen. Monsieur Leblanc« -- wendete sich mit scherzender Liebenswürdigkeit zu mir -- »Sie sind ein Galant homme, der in den groben Rock nicht paßt. Kraft der Gewalt, die ich in meinem Depot ausübe, schenke ich Ihnen die Freiheit, und werde Ihre Ranzion gegen meinen Fürsten bestreiten. Vollenden Sie dafür meine Ritterpflicht gegen Mademoiselle. Ihre Herzen stimmen überein, und mein Auge hatte mich nicht getäuscht. Führen Sie jedoch nicht minder Madame Lainez recht weit, in Regionen hinweg, wo sie recht glücklich sei; so unaussprechlich glücklich, daß es ihr nie wieder einfalle, heimzukehren, und ihren Gatten so empfindlich zu erschrecken. -- Meinen Dank, so wie dem Jammer, den die Lainez anhob, zu entweichen, warf er sich in den Wagen, und ließ mir eine Börse zur Fortsetzung der Reise zurück, die ich nur annahm, weil ich Justine von jedem Hülfsmittel entblößt, und den Senator zu Amsterdam glaubte. Dieser würde unfehlbar die Ehrenschuld sogleich getilgt haben! -- Aber ... nun weiter. -- Was übrig bleibt, ist wenig. -- Wir setzten die Reise mit Eilpferden fort. Justine verklärte sich in der Hoffnung, den geliebten Vater wieder zu umarmen. Die Lainez weinte in einer Stunde eine Sündfluth, trocknete sie in der andern; verwünschte in der dritten ihren Mann und seine Unverträglichkeit, lachte in der vierten herzlich über die unvermuthete Ueberraschung, und schwor endlich, leichtsinnig und vogelfrei gegeben, Justine nicht zu verlassen, bis der Senator gefunden sei. Justine hegte ein stilles Mißtrauen gegen mich, das mich bekränkte, denn nie war ich redlicher ergeben, als gerade jetzt. -- Wir gelangten nach Amsterdam. Nicht Sie, nicht der Senator waren mehr zugegen. Das Schiff des Tormerpick hatte Sie schon hinweggetragen. Van den Höcken gab mir den lakonischen Brief des Senators, in dem es nur hieß: zu Assumcion in Paraguay erwartet der Vater seine Tochter! Diese neun Worte belebten Justine mit dem erstaunlichen Muth, der sowohl die Lainez als mich dem Mädchen dienstbar und unbedingt gehorsam machte. Wir betrieben unsere Abreise. Wir bestiegen das Schiff, wir befuhren die Meere. Aber je klarer die See _unter_ uns, je heiterer über uns der Himmel wurde, je trüber wurde meine Seele. Der Amerikaner hat mich getäuscht; meine Leidenschaft hat mich getäuscht; alle Hoffnungen der Sehnsucht haben mich betrogen. Justine ... _liebt_ mich nicht. Sie trägt mein Bild nicht in ihrem Herzen, nicht an ihrem Halse. Mein Leben ist verloren. Ich habe mich dem edeln Geschöpfe unwürdig, falsch gezeigt; ich fühle es: sie kann mir nicht vergeben, kann mich nur dulden, nicht achten, nicht lieben. Nichts mehr davon: das sei todt und ab. Ich habe mich ausgeweint, stand ich in verschleierter Nacht auf dem Verdeck des Schiffs, wo mich die Wache duldete. Ich habe den flammenden Sternen mein Leid geklagt! ich habe es den ziehenden Wolken mitgegeben, und in mancher Nacht, wann der gespenstige Holländer auf seinem Nebelschiff durch die graupige Luft sauste, daß den abergläubischen Matrosen das Haar zu Berge stand, einen härtern Kampf gekämpft, als jenes Luftgespenst mit seinen weißen Wolken.
'S ist nun vorüber, und ich will Ihnen nur kurz erzählen, daß wir auf der Rhede zu Buenos-Ayres Anker warfen, daß wir den mächtigen Silber- und Paraguayfluß heraufschifften, und unfern von Dios Padre mit einigen Geistlichen und ihrem Gefolge zusammentrafen, die sich ebenfalls den Fluß herauf begaben. Der Eine von ihnen ist ein vornehmer Geistlicher Ihres Ordens aus Cordova; der Andere Rector des Collegiums zu Assumcion. Sie gesellten sich zu uns; ihre Ruderer sind zahlreicher als die unserigen, geschickter und gehorsamer. Sie erfuhren unsere Namen bald, und der Rector erzählte hierauf von Ihnen und dem Senator, daß Sie beide nach der Doctrina Santa Dominica abgegangen; Sie, um eine Handelslieferung zu bewerkstelligen; der Senator, um seine angegriffene Gesundheit wieder herzustellen. Diese Nachricht beunruhigte Justine, und verdoppelte ihre Begierde, schneller fortzukommen, den Vater eher zu sehen. Der Zufall will, daß die Väter Jesuiten ebenfalls hierher ihre Reise richten. Wir blieben daher auf der Parana auch beisammen, und ich flog auf einem raschen Pferde voraus, unsere Ankunft anzusagen, und den Senator vorzubereiten, damit die unvermuthete Freude seiner geschwächten Gesundheit nicht schade. Morgen, spätestens zu Mittage kommen die Freunde nach, um die Gastfreundschaft von Santa Dominica anzusprechen.« --
»Ich heiße sie im Voraus, und im Namen meines freundlichen Wirths, willkommen,« sagte Münzner mit niedergeschlagenen Augen und zögerndem Tone: »Nur Schade, daß gerade in diesem, so fröhlichen Augenblicke, der gute Senator nicht zugegen sein kann.«
»Nicht, mein Vater? Wo ist er?«
»Er hat einen Streifgang in das Land gemacht,« fuhr der Jesuit wie oben fort: »wir erwarten ihn bald zurück, und dann...«
»Einen Gang in das Land, mein Vater? ein kranker Mann? wie konnte er's wagen?...«
»Tief im Lande träufelt aus einem Baume, den sie Anguay nennen, ein köstlicher Balsam, der an der schwächsten Brust Wunder thun soll. Dieser Balsam muß zur jetzigen Jahreszeit gewonnen, und sogleich an Ort und Stelle gereinigt und gebraucht werden. Dies Heilmittel aufzusuchen, entfernte sich der Senator.«
»Und Sie begleiteten ihn nicht, mein Vater?.... Verhehlen Sie mir auch nichts? --«
»Ich belüge dich nicht,« erwiderte Münzner scharf und ungeduldig, sich von ihm wendend; dann trat er besänftigter zu dem Jüngling, reichte ihm die Hand, und sagte: »laß uns von etwas Anderem reden, von etwas Erfreulicherm; von deiner Ankunft, und immer wieder von deiner Ankunft. Sieh, hier zu Lande fließt das Blut selbst in den Adern alter Leute rascher, als drüben. Man braust leicht auf: man liebt aber wärmer, man freut sich lebendiger. Wirst du denn meine Freude vervollständigen? Wirst du _hier_ das Gelübde erfüllen, das dich in Europa anwiderte? Thu es hier! hier hast du die schönsten Werke der Gesellschaft vor Augen.«
»Muß denn diese Frage in der ersten Stunde meines Empfangs aus Ihrem Munde gehen?« fragte James sanft aber gekränkt.
»Ich schweige!« versetzte Münzner mit einem Seufzer: »Wohl dir jedoch, mein Sohn, wenn nur _mein_ Mund ferner diese Frage an dich richtet. Doch, sieh!« fügte er hinzu: »Die Luft ist wieder hell geworden. In diesen gelobten Ländern reinigt das wohlthätige Gewitter in kurzer Zeit den Luftkreis. Der Abend ist wieder still und herrlich, und gewürzig duften alle Blumen und Büsche um uns her. Werde auch du ruhig, mein Sohn. Ich gehe, unsern ehrwürdigen Wirth auf den Besuch vorzubereiten, der ihm werden soll. Wir erwarten dich in dem kühlen Vorplatze.«
Münzner entfernte sich. James lehnte sich an eine Fensterlucke, sah in den Hof. Der Empfang im Pfarrhause schien ihm räthselhaft; sein Wohlthäter um vieles verändert. Nicht die Züge allein, -- die in zehn Monden um so viel Jahre älter geworden waren -- was eine Folge der Himmelstrichsveränderung sein konnte,.... sein _Wesen_ war anders geworden. Nicht mehr jene ruhige Bestimmtheit, jenes klare Streben, jener einfache Gleichmuth, -- Eigenschaften, die ihn vor vielen ausgezeichnet hatten ... eine trübe Strenge, ein tiefsinniges Brüten lag auf Stirne und Schulter des Mannes, daß die Erstere sich faltete, wie im Kummer, -- daß die Letztere sich beugte, wie im Joch. James sah auf zu dem Himmel, der ein anderer und dennoch derselbe war, wie der, unter dem er geboren; er sah auf Häuser und Felder, die so ganz verschieden von den europäischen waren, und doch eben nicht anders als diese; und mitten unter diesen fremdartigen und doch bekannten Dingen und Gegenständen kam er sich so einsam, so fremd, so unbekannt vor; ... so verlassen! -- Schon flirrte die Dämmerung, früh einbrechend, um ihn. Ein schlankes Mädchen in der einfachen reizvollen Tracht jenes Landes schritt durch den Hof, nach dem Lusthäuschen im Garten, das, sich an den Johannisbrodbaum und die nachbarlichen Wachspalmen lehnend, aus engen, gegen Fliegenbesuch schützenden Gittern von Rohr erbaut, ein erquickendes Plätzchen in der Kühle gewährte. Der Tisch wurde darinnen zum Thee bereitet, und James, der lieblichen Gestalt folgend, die mit einer wohlverwahrten Glaslampe zuletzt nach der Laube ging, überraschte sie bei der Vollendung ihres Geschäfts.
»Ach, sieh doch!« sagte er, »meine schöne Helferin! Kennst du mich noch, mein Kind? Dein Wort gab mir Trost, als ich rathlos am Wege saß!...«
»Gott hilft immer!« versetzte das Mädchen, ihn mit kindlicher Ruhe betrachtend.
»Durch seine Engel!« fügte James seufzend hinzu, und setzte bei: »die herrliche Blüthe, die deine Brust schmückt, wie nennt man sie?«
»Die goldne Mondblüthe!« antwortete das Mädchen, und reichte sie ihm unbefangen hin: »wollt Ihr sie, Herr?«
James nahm die Blüthe zögernd. »Du giebst einen schönen Schmuck weg, mein Kind, der dich besser ziert, als selbst das glänzendgelbe Glaskorallenband um deinen Hals.«
»Das ist nicht Glas, Herr!« versetzte das Mädchen ernsthaft und unterrichtend: »das ist der Balsam, der aus einem Baume fließt, weit, weit von hier, den ich aber nicht zu nennen weiß.«
»Wolltest du mir wohl _deinen_ Namen sagen?« fragte James weiter.
»Warum nicht, Herr? Ich heiße Ines. So bin ich getauft, und Vater Luis hat mich selbst getauft, damit ich zum lieben Herrn im Himmel komme.«
»Du Unschuldige! Wie alt bist du, gute Ines?«
»Seit ich hier bin, hat die Algarova zwölf Mal geblüht, und im Walde erinnere ich mich, sie drei Mal in der Blume gesehen zu haben.«
»Im Walde, Kind?«
»Ich bin darin geboren, Herr, ein wildes Kind, von Wilden.«
»Ja, wild bist du, meine Ines. Wie du auf dem schnaubenden Pferde dahersprengtest, und an mir vorüberjagtest; ... mir bangte für dich.«
Ines lachte. »Seid ruhig,« sagte sie, »ich halte mich fest, und das Pferd, das eine Mähne trägt, wirft mich nicht ab. Meine Landsleute sind für's Pferd geboren.«
»Deine Landsleute?«
»Ja; die Abiponer, Herr! Der Vater setzte mich stets vorn auf seines Thieres Hals, und auch die Mutter saß zu Pferde. Ich entsinne mich dessen noch gar wohl. Wie ich von meinem Volke kam, ist mir viel dunkler geblieben. Ich schlief, Herr. Neben der Mutter schlief ich auf der Matte, und es war alles Nacht und dunkel um uns her, als wir uns niederlegten. Es waren viele Leute und viele Pferde, die um uns her im Kreise standen, und die Feuer ließ man ausgehen, weil die Sterne so herrlich am Himmel glitzerten. Das weiß ich noch gar gut; denn nimmer habe ich seither einen so großen, weitgespannten Himmel gesehen, wie dazumal. Wir schliefen also, und mit einem Male donnerte es, daß ich hell aufwachte. Ich sah recht Vieles um mich her: Feuer und Dampf; Blitze und Reiter. Die Mutter war auch zu Pferde, und ich hing an einem Sacke von Fellen an ihrem Sattel hernieder. Das Pferd rannte fort, und plötzlich ... wachte ich wieder auf, und sah nicht mehr das Pferd, und nicht mehr die Mutter, sondern ich lag in einem kleinen grünen Walde, wie in einem Korbe, und die feinen Spitzen des Waldes gingen hoch über mir, wie ein lichtes Dach, zusammen. Die Sonne schien sanft und gelb hindurch, und ein leichter Wind bewegte das Dach, daß es sich abwechselnd aufschloß, um mir in aller Höhe den blauen Himmel zu zeigen, bald sich wieder zuthat, mich in die grüne Einsamkeit zu versenken. Ich schrie, trotz meinem Behagen, denn die Mutter fehlte mir. Da raschelte es seitwärts neben mir, und durch die Halmen des Waldes streckte sich ein neugieriger beweglicher Kopf von einem wunderschönen Thiere, gefleckt, gestreift, in allen Farben glänzend, und ich wußte damals nicht, daß eine böse Schlange mich ansah, und streckte ihr spielend die Hände entgegen. Der Kopf zitterte, als ob er zaudernd witterte, immer näher, erreichte mich fast, und fuhr dann plötzlich zurück, mit einem pfeifenden Schrei. Ein großer Schlangenleib warf durch diese Bewegung eine seiner Windungen auf meinen Leib, riß sich indessen schnell und kräftig ins Grüne und verschwand wie ein Pfeil. Dafür kamen andere Gäste lärmend und brüllend einhergejagt, wie ein Sturm, und mit einem Male sah ich über die Spitzen des Waldes ein breites gehörntes Haupt herniederschauen. Ich glaubte die Heerde des Vaters in der Nähe, und schrie so laut, als der Stier brüllte, und -- nicht lange, -- so stand ein dichter Kreis von solchen Thieren um mich herum, und glotzte mich hülfloses Kind an, das sich an einer Staude emporrichtete, und furchtsam die unbeweglichen Thiere betrachtete. Da fand mich der Ochsenhirte von Rosario, hob mich auf, und brachte mich dem guten Pater Luis, der mein Vater wurde, weil Gott mir die Eltern genommen, damit ich sein _eigen_ Kind werden sollte. Die arme Mutter muß mich, vielleicht im Schlafe, vom Schooße verloren haben, denn der grüne Wald, von dem ich redete, war nur das hohe Gras der weiten Savanna, und ich wäre dahin gewesen, ohne Gottes Schutz!«
»Armes Mädchen! Mutterlose, arme Waise!«
»Ich bin nicht arm und nicht unglücklich, Herr! Ich habe ja in Don Luis einen Vater gefunden, und in der Kirche steht das Bild meiner _himmlischen_ Mutter, mit Gold und Seide geputzt. Ich bete zu ihm, ich rede mit ihm, und sie redet auch mit mir in meinen Träumen, oder wenn ich das Gesicht auf den Boden lege, und mir die Gedanken ausgehen lasse. Und die _heilige_ Mutter ist so gnädig, so liebevoll! Sie hat die arme dumme Ines verständig gemacht, ihr Heil zu begreifen; sie hat mich gekleidet, sie gibt mir Speise! Ach, Herr, ich bin nicht arm! Aber meine Mutter im Walde mag's sein, denn sie hat ihre Tochter nicht mehr, und auch keine im Himmel, mit der sie reden kann!«
James schwieg ergriffen, und die fromme Ines ging weg. Ihre Reden klangen in des Jünglings Ohren nach. Unwillkürlich verglich er die Indianerin mit Justine. Beide schön, beide entschlossen und thatkräftig; beide die Unschuld selbst, und dennoch so ganz verschieden! -- Der feine Thee schmeckte ihm nicht. Das Gespräch der Jesuiten, das in lateinischer Sprache vor sich ging, behagte ihm nicht. Frühzeitig suchte er seine Matte, frühzeitig verließ er sie wieder. Die zahlreichen Heerden brüllten an der Gasse vorüber. Leute mit Ackergeräthschaften drängten sich auf dem Platze. Ein Zeichen mit der Glocke der Kirche, und die Schreitenden hielten an deren Pforte. Sie wurde aufgethan; Lichter brannten, Weihrauch dampfte; der silberhaarige Luis begann die Messe. Anstand und Würde von seiner, Andacht von der Zuhörer Seite vereinigten sich, den gewünschten Zweck hervorzubringen. Die Indianer gingen still befriedigt an die Arbeiten des Feldes, um unverdrossen die Stunde zu erwarten, in welcher Gott selbst durch die Hand ihres Vaters ihnen Nahrung spenden würde. --
James wünschte dem aus der Kirche tretenden Pfarrer Glück zu der Ruhe und fleißigen Eintracht in seiner Colonie. Luis lächelte und sagte: »Das findest du in allen unsern Doctrinen, mein Sohn. Friede ist erste Bedingung des Glücks, und Friede halten wir.«
»Diese Leute besitzen jedoch nichts,« wendete der junge Mann ein: »Sie sind in jedem Stücke abhängig.«
»Zu ihrem Besten, Freund,« sagte Luis lebhaft: »eigenes Besitzthum war die Quelle der Habsucht, des Neides, des Diebstahls, des Mordes. Wir kennen diese Dinge kaum von Namen; niemals hat seit meiner Amtführung einer von hier angesiedelten Quaraniern etwas entwendet; niemals endigte sich ein Streit mit Blut. Diese wilden Stämme, durch Ueberredung und Scharfsinn dem Walde, den Bergen und der Flußräuberei entfremdet, müssen wie unmündige Kinder gehalten werden. Freilich wird einst die Zeit kommen, die auch hier die Mündigkeit befiehlt; ich erlebe sie aber nicht mehr.«
»Ihre Gesundheit, mein Vater, wird noch lange der Zeit trotzen.«
»Die Zeit, mein Sohn, ist der Tropfen, der den _Stein_ höhlt. Gott sei Lob indessen für die Kraft und den Frohsinn, die mich in meine Silberzeit begleitet haben. Weißt du jedoch, woher das kömmt? ich bin im Gemüthe ruhig gewesen mein Lebelang. Ich habe nie hoch hinaus gewollt, nie von Ehrgeiz und Würden geträumt. Ich wundere mich selbst, daß ich Pfarrer geworden bin; ich meinte, höchstens zum Vikar tauglich zu sein. Aber der Pater Provinzial zu Cordova meinte es anders, und Gott hat mir mit dem Amte auch leidlichen Verstand dazu gegeben. So lebe ich denn ruhig und zufrieden hin, ohne Sorge, ohne Plage. Mich kümmert's nicht, was die Herren zu Cordova treiben; ich bin seit vierzig Jahren Bauer geworden, und die Bauern um mich her haben gelernt, mich nicht nur Vater zu _nennen_. In dieser rohen aber guten Kinder Mitte will ich sterben, arm und geliebt: das ist Alles, was ich wünsche. Daher bin ich auch gesund und frisch; frischer als Euer Pflegevater, der um zwanzig Jahre Lebens jünger ist, denn ich. Er trägt Gram auf dem Herzen; ich kenne den Kummer nicht; er hat sein Haus noch nicht bestellt ... ich habe seit vierzig Jahren meine Lampe angezündet. Er ist ein armer Mann, weil er zu Viel weiß, weil er zu Viel zu thun gezwungen,.... weil.... doch ich vergesse, daß ich zu seinem besten Freunde rede, der Alles dieses besser wissen muß, als ein beschränkter Landgeistlicher aus dem Missionlande. Beiläufig nur so viel: deine Weigerung, endlich das Kleid zu nehmen, mein guter fremder Sohn, trägt viel zu Pater Xaver's Betrübniß bei.«
»Mein Vater...!«
»Stelle dich nicht verwundert,« unterbrach ihn der Pfarrer gutmüthig aber eindringlich: »höre mich an: du hast dich verpfändet; du mußt dich lösen; das ist Eins. Du mußt denjenigen lösen, der aus Menschenfreundlichkeit dein Bürge geworden ist; das ist das Zweite. Du mußt endlich der Welt und dem Herrn dienen; das ist das Dritte, Nothwendigste. Wären wir in Europa, mitten im Gewebe der großen Spinne, um Mückenjäger in ihrem Solde zu werden, -- so würde ich die Achseln zucken, meinen Weg gehen, und mich nicht nach dem umsehen, was du beginnst. Aber -- hier -- in dieser jungen, frischen Welt, wo die äußersten Enden des Gewebes eingreifen, wo sie leichter, feiner sind, hier ist's etwas Anderes. Hier, auf dem Lande, hier können wir nützen. Hier kann die Mannskraft handeln, ein volles frommes Herz glücklich sein. Laßt den Herren zu Assumcion und Cordova ihre Ränke und Regierungssorgen! Wendet Eure Bemühungen auf diese armen Indianer, und handelt nach dem Willen des ewigen Vaters! O, mein guter Jüngling! wenn ich dich hier umherführe, und dir die reinlichen Haushaltungen zeige, in denen man christlich lebt und fleißig ist; die zufriedenen Familien, die weder das nomadische Leben, noch das betäubende Chicagetränk mehr verwüstet; die Väter, die, statt auf dem Pfühl der Trägheit zu ruhen, und dem Weibe Alles aufzubürden, jetzt die Versorger der Ihrigen sein würden, wenn die Gesellschaft nicht für Alle sorgte; die Mütter, die nicht mehr ihre unschuldigen Kinder würgen, um wieder der Leidenschaft zu huldigen, oder sich eine Plage mehr vom Halse zu schaffen; die Kinder selbst endlich, die in Gottesfurcht und Elternliebe emporwachsen, ein sanftes, friedliches, lernbegieriges Geschlecht; -- du wirst unser Loos glücklich preisen, und dich schnell demselben Berufe weihen, und schnell das Kleid anlegen, in welchem meine Quaranier mich als ihren Vater verehren; in dem ich mich dann und wann, von der Herrlichkeit meiner Bestimmung übermannt, für einen Strahl der Gottheit halten möchte, wenn es die einem armen Pfarrer anständige Demuth nur zuließe. Sieh um dich! diese Kirche habe ich errichtet, alle diese Hütten habe ich erbaut. Es ist keiner unter vierzig Jahren im Dorfe, den ich nicht getauft, -- es liegt keiner in unserer Kirchhoferde, den ich nicht begraben hätte. Wie die Palmen, wie die Tamarinden meines Hofes habe ich sie Alle, die da leben, jung gesehen! Alles ist hier mit mir alt geworden, und für das Generalat in Rom tauschte ich nicht meine geringe Pfarrei, in der ich Melchisedechs Würde trage, und nicht umsonst trage, weil mir das Bewußtsein sagt: dein Leben war nicht faul, nicht vergebens!«
James sah noch horchend und lächelnd in des Greises hell leuchtende Augen, als vom Eingange der Mission sich viel Geräusch hören ließ, und der Alcade mit langen Schritten herbeikam. -- »Mein Vater!« sagte er zum Pfarrer: »Der Feldhüter bemerkt auf dem Strome schwere Kähne aufwärts kommen, mit vielen Leuten bemannt. Befehlt, was geschehen soll. Die Leute könnten räuberische Payaqua's oder spanische Abenteurer sein. Soll ich die Glocken läuten, Waffen austheilen? der Regidor ist auf den Aeckern, und ich habe nach ihm geschickt.«
»Das sind unsere Freunde!« rief James, und eilte ohne Aufenthalt dem Strome zu. Die müßigen haushütenden Frauen und Greise und Kinder, die längs dem Ufer hin wohnten, oder Wäsche hielten, oder in der Sonne lagen, versammelten sich am Landungsplatze. Starke Reihen von zahmen Stieren und Pferden zogen die ankommenden Schiffe an tüchtigen Fellriemen und Leinenstricken gegen die Fluthen, und vierzig Ruder peitschten im schnellsten Takt, den Lauf zu verdoppeln den herrlichen Strom. Mehrere riesenhafte Payaquas, bis zum Gürtel im Wasser stehend, mit brennend roth gefärbten Haaren und breiten Schultern, leiteten die aus dem violetten Holze der Algarova gefertigten langen Kähne sorglich an Felsstücken und Sandhügeln vorbei, dem Landungsplatze zu. Der Anblick dieser wilden Leute beunruhigte die am Ufer stehenden Quaranier, doch ein Blick nach den Kähnen selbst beschwichtigte ihre Furcht. Zwei angenehme weiße Frauengesichter sahen zwischen krausen Negerköpfen wie Lilien aus der Nacht hervor, und neben ihnen flatterten schwarze Mäntel der Gesellschaft Jesu; _hier_ willkommene Boten der Friedlichkeit. -- Längs dem Strande zur Mission kehrende guaranische Jägersleute, die den Tapir in den Sumpfwäldern verfolgt hatten, feuerten mit gellendem Geschrei, die Väter des Ordens zu empfangen, ihre Gewehre in die Luft ab. Lebhafte Neger antworteten mit den Pistolen und Vogelflinten, die sie an Bord hatten. Die Glocke in der Mission läutete. Von Feldern und Wiesen strömten alle Bewohner zusammen. Pater Luis, sammt Regidor und Alcalde und den ältesten Indianern, erwartete am Ufervorsprung die Ausschiffung der Fremden. Auf den starken Schultern der Payaquas schwebten die Damen über die Fluthen; nach ihnen wurden die geistlichen Herren herübergeschafft. Mit ruhiger Demuth empfing der Pfarrer die Vorgesetzten; mit fröhlichem Jubel James seine Begleiterinnen. Justine sah sich mit glänzenden Augen rund um, und rief: »Ein herrlicher Ort, Monsieur White! wo aber ist mein Vater? ist er so krank, daß ihn die Nachricht von der Ankunft seines Kindes nicht an den Strand zu führen vermag? zu ihm! zu ihm, mein Herr! ich kann nicht eine Viertelstunde länger leben, ohne ihn zu sehen!«