Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 24
Der Abend flammte purpurroth am Horizonte, den ein Kranz von schwarz aufsteigenden Wetterwolken einfaßte. Die Ebene lag von schwüler Hitze überbrütet. In dem Missionsorte Santa Dominica läutete die Glocke, und auf dem Platze vor der Kirche versammelten sich, von der Arbeit im Feld und Haus gehend, die Bewohner der Mission; Männer, Weiber und Kinder in buntem Gedränge, aber mit anständigem Schweigen. Ein großer Kreis wurde geschlossen, und andächtig falteten sich alle Hände, als das Thor des Missionshofes aufging, und der Pfarrer hervortrat, begleitet von einigen Negern, die schwere Karren, mit zerlegtem Fleische gefüllt, heranzogen, und von stämmigen indianischen Mägden, die in langen schwankenden Körben an Lianenstauden große Vorräthe von Mais und Thee herbeitrugen. Der Pfarrer, eine gesunde, obgleich siebzigjährige Gestalt, begab sich würdevoll in die Mitte seiner Pfarrkinder und sagte: »So ist denn wieder mit Gottes, des Ewigen, Hülfe ein mühevoller Tag der Arbeit und des Fleißes zurückgelegt. Der wackere Mann, Euer Corregidor, meine Kinder, hat mir den erfreulichsten Bericht über Euer Streben abgestattet; und neben dir, du guter Juan Bosco,« -- der genannte Indianer bückte sich geschmeichelt und demüthig -- »der unsere große Caamiripflanzung so vortrefflich zu bewässern unternommen hat, habe ich alle Uebrigen zu loben, mit Ausnahme eines Einzigen, dessen ich leider mit verdientem Tadel gedenken muß.«
Die Leute sahen sich ernsthaft und verwundert an; aber ohne den Aufruf abzuwarten, trat Einer aus dem Volke, ein rüstiger junger Mann hervor, und kniete mit betrübter Miene nieder, indem er ausrief: »Ach, Vater Luis! vergebt doch ja, und auch der gute Vater über dem Himmel vergebe mir! Ich habe gesündigt; ich habe im Zorne meine Nachbarin, die gute Cordula, verwünscht, und Unkraut in ihren Acker geflucht. Ich bekenne meinen Fehltritt und will ihn nie wieder thun!«
»Recht, Francisco,« versetzte der Pfarrer; »du hast die Liebe des Nächsten und Gottes Langmuth und Fürsicht beleidigt, ein schweres Vergehen. Laß sehen, ob Cordula die Pflichten einer wahren Christin besser versteht. Tritt hervor, du beleidigte Nachbarin des reuigen Francisco, und sage, was, nach deinem Wunsche, dem Beleidiger geschehen soll?«
Cordula hatte Thränen im Auge und antwortete, ohne sich zu besinnen: »Thut ihm nichts zu Leide, lieber Vater. Ich vergebe ihm von Herzen!«
Der Pfarrer sah sich vergnügt im Kreise um, nickte der Rednerin Beifall, berührte dann das Haupt des Reuigen und sagte sehr sanft: »Hast du's gehört, Francisco? So geh denn um Ihretwillen straflos hin in deine Hütte, faste heute, und schäme dich, damit du morgen ein anderer Mensch seist!« Der Getadelte küßte inbrünstig des Pfarrers Hand, und entfernte sich mit gebeugtem Haupte und zufriedenem Herzen.
»Seht Ihr?« fuhr der Geistliche freudig zu dem lauschenden Volke fort: »seht Ihr, wie viel es werth ist, daß Ihr den wahren Gott und Heiland erkennen lerntet? Was ehedem unter Euch nur die Schleuder oder der rachsüchtige Pfeil entschied, schlichtet nun ein Wort des Friedens. So kommt denn heran, Ihr Fleißigen, Ihr Milden, Ihr Müden! Esset von dem Brode, das der Herr unter Euern Händen wachsen läßt; von dem nährenden Fleische, und trinket den Trank der Gesundheit, damit Ihr den Herrn noch lange preiset und lobet!«
Nun setzte sich die Menge in Bewegung, schritt in Doppelpaaren an dem Pfarrer vorüber, empfing aus der Wage seiner Begleiter, Familie für Familie, Fleisch, Mais und die ersehnte Unze Thee; dann sprach der Geistliche den Segen; das Volk antwortete mit einem melodischen Kirchenliede, und zerstreute sich in seine stillen Hütten, um das Mahl zu bereiten, und auf der bequemen Ochsenhaut die Mühen des Tages und das herannahende Gewitter zu vergessen.
Der Pfarrer beschäftigte sich noch eine Weile damit, dem Regidor und dem Alkalden der Mission die Arbeiten und Verhaltungsregeln für den nächsten Tag aufzugeben, und zog sich sodann in den Hof seines Hauses zurück. Das mannigfaltige Federvieh, das diesen Hof belebte, hatte sich vor dem in der Ferne brausenden Gewitter in die Ställe geflüchtet. Der zahme Straußvogel des Pfarrhauses allein ging stolz und aufgerichteten Hauptes mit gewöhnlicher Gravität auf dem zierlich gestampften Platze umher, und lüftete die Flügel dem streichenden Luftzuge entgegen. Der Pater streichelte seine wehenden Federn, und sagte lachend zu ihm: »Du mein guter Freund und Haustrabant! kannst du mir nicht verrathen, wo dein Spielgefährte ist, der heute so undankbar mein Haus verließ?«
Der Vogel schien altklug die langen Augenbraunen in die Höhe zu ziehen; da erklang von Ferne ein silberner Glöckchenton. Ein leichter Trab, dem ein schwererer folgte, kam jenseits der Rohrwand, die den Hof umgab, heran. Ein schlanker Rehkopf sah über die Wand: die Thüre in derselben sprang unter der Pfote des Thieres auf; es trabte freudig hindurch, mit schellenden Halsbandglocken, und kauerte sich zu des Pfarrers Füßen, als ob es seines Ungehorsams wegen Vergebung betteln wollte. Der Pater, angenehm überrascht, bückte sich, den schmalen, graurothen Hals zu streicheln, als auch ein Pferd mit einer hübschen Reiterin durch's Thor stürmte. »Ines! Ines!« rief der Pfarrer, gutmüthig verweisend und mit dem Finger drohend. Ines sprang jedoch, leicht wie eine Feder, von dem Pferde, und jagte es mit einem Schlage ihrer Gerte wieder in's Freie zurück. Lauf, du wilder Negro! -- rief sie, ein wenig athemlos, indem sie die Thüre zuwarf, und mit dem hölzernen Riegel verschloß: »du hast deine Schuldigkeit gethan. Suche den Weg nach deiner Weide, ehe der Blitz kömmt!« Dann näherte sie sich etwas schüchtern dem Geistlichen, senkte den Kopf und fragte freundlich: »Habe ich dir Angst gemacht, lieber Vater? Ich mußte dir ja den Liebling wieder bringen. Das leichtsinnige Thier, verspielt und possenhaft wie es ist, hatte sich gewiß schäckernd von der Rinderheerde entfernt und in den Wald verlaufen. Es dauerte lange, bis das faule Reh, im Schatten rastend, meinen Ruf und ich seine Schellen vernahm. Ich meinte fast, ein Tiger hätte sich seiner bemächtigt. Doch endlich, die Jungfrau sei gelobt, kann ich dir's wiederbringen, Vater Luis!«
»Und gehst von Hause, ohne zu sagen wohin?« versetzte der Pfarrer gekränkt: »und setzest dich selbst, in Waldschluchten dringend, dem Tiger, durch stille Wasser reitend, dem Krokodil aus, du böses, unbesonnenes Kind? Glaubst du vielleicht, ich sei dem Rehe in höherem Grade gut, als dir? Habe ich dich nicht von zarten Kindesbeinen an gepflegt und gewartet? habe ich dich nicht getauft, und somit zum zweiten Male und edler geboren, als deine Mutter es gethan?«
Ines ergriff schmeichelnd des Pfarrers Hand und küßte sie. Er dankte ihr nun für den Liebesdienst und fügte bei: »Ich habe verziehen! Sieh' zu, wie du mit dem grämlichen Strutto, dem Dragonervogel fertig wirst, der heute die neckende Spielgefährtin sehr verdrüßlich vermißte.«
Ines klopfte schäckernd die Brust des großen Vogels und sagte hierauf: »Ich will's einbringen, guter Bursche. Schlüpfe indessen nur in die Scheuer. Die Wolken kommen wild und schwarz über die Parana her, und die fernen Berge hängen voll Nebel. Fort, Gejenk!«[1]
Der Strauß trabte ruhig nach der Scheune, die hinter ihm verriegelt wurde. Das Reh folgte dem Herrn in die Hausflur. Ines zog die Laden an den Fenstern zu, und sagte indessen, bedächtig innehaltend: »Wenn nur der Fremde noch ankömmt, bevor das Wetter losbricht. Es wird einen fürchterlichen Sturm geben.«
»Welcher Fremde, Ines?«
Das Mädchen lächelte verlegen. »Es scheint mir kaum ein Spanier zu sein,« sagte es alsdann, und seine bräunliche Wange röthete sich merklich; »er spricht nicht so gut spanisch wie wir. Ich begegnete ihm draußen an den Tabaksfeldern; ich holte ihn nämlich ein, im Heimkehren begriffen. Der arme junge Mann saß traurig bei seinem Pferde, das im Niederstürzen sich den Fuß verstaucht hatte. Freilich war der Herr unklug genug, daß er nicht, wie unsere Leute, einige Pferde auffing oder mit sich nahm; indessen hatte ich doch Mitleid, und wahrlich -- hätte ich nicht dem schnellen Reh zu folgen gehabt, mein eigen Pferd hätte ich dem jungen hübschen Herrn abgetreten. Er fragte, ob er nach Santa Dominica komme, wenn er weiter ginge, und ich bejahte es, und wies ihn an die Ochsenfänger, die sich in weiter Ferne und im Staube sehen ließen. Sie werden ihn wohl auf ein Pferd genommen haben, und mit ihm auf dem Wege sein. Eilen sie jedoch nicht, so ist der Sturm viel schneller als sie.«
Ein dunkelrother Strahl, der aus den Wolken fuhr, und von einem grellen Wetterschlage begleitet wurde, bekräftigte die Furcht der Indianerin. Aber zu gleicher Zeit ließ sich aus der Ferne, vom Eingang der Mission kommend, das Geschrei und Getümmel der heimkehrenden Horde vernehmen, die in den Savannen gewesen war, um Ochsen zu fangen, zu schlachten, zu häuten.
»Sie kommen!« rief Ines, zufrieden gestellt, und ging nach der Hausthüre, durch die Ritze zu lauschen.
»Hätte ich doch beinahe meines Gastes vergessen!« sagte inzwischen der Pfarrer zu sich selbst, mit einem ungeheuchelten Vorwurfe: »wie zerstreut doch das Alter macht! absonderlich, wenn man sich eines wiedergefundenen Kindes, und dessen Geschwätzes erfreut!« Er trat an die kleine Stiege und rief hinan: »Pater Xaver! Pater Xaver! nicht zu Hause?«
Keine Antwort. Der Pfarrer warf geschäftig seinen Regenmantel über, stülpte den Rohrhut mit den beiden wasserdichten Krempen auf, und schritt, so schnell es anging, nach dem kleinen Gärtchen vor, das zwischen Hof und Ackerfeld gelegen, den Hintertheil des Gebäudes begränzte. Unter dem Stamme einer mächtigen Algarova[2] ruhte der Gesuchte; vor sich hinstarrend in die Sturm brauende Luft; horchend auf das Wellenschlagen der unfern strömenden Parana, versunken in den Anblick der zum Schrecken sich rüstenden Natur, ohne vor ihr zu zittern; fühllosen Körpers, unbewußten Geistes. -- Die Stimme des Pfarrers rief ihn zum klaren Bewußtsein zurück. Er sah sich um und fragte: »Was wollen Sie, mein Freund?«
»Was wollen denn Sie beginnen? frage ich;« versetzte Luis. »Der Wind beugt schon um und um die Palmen nieder, und Sie wollen ihm trotzen? Kommen Sie in's Haus. Beunruhigen Sie mich nicht.«
Der Gedankenvolle stand mechanisch auf. »Ich gehorche,« sagte er, »ob es mir gleich lieber wäre, von dem Wetterwinde in die Haide, wo der Tiger streift, oder in die Wellen des Stroms getragen zu werden.«
»Welche Reden für einen Christen und einen Geistlichen!« verwies ihm Pater Luis sanft und ernst: »lassen Sie Ihren Beichtvater dergleichen nicht zum zweitenmale hören!«
»Ich redete ehedem, wie Sie, mein Vater!« antwortete der Gast, »aber seit acht Tagen hat sich so Vieles anders gemacht...«
»Gottes Schickung!« tröstete der Pfarrer; »halten Sie darauf, Pater Xaver, und kommen Sie herein. Ihre Miethreiter kommen zurück, und nach ihrem Geschrei zu urtheilen, muß der Fang beträchtlich gewesen sein: wir wollen die Häute im Magazine unterbringen.«
Die Aussicht auf das Geschäft war dem trüben Gaste willkommen. Die Pforten des Lagerhauses, dieser Vorrathskammer für die ganze Niederlassung, wurden aufgeriegelt. Die heimkommenden Indianer sprengten in bunter Reihe heran, warfen ihre Ladung von Fellen zum Boden nieder, und rannten von dannen, dem Gewitter zu entkommen. Auf so unordentliche Weise war die Beute bald niedergelegt, und Pater Xaver stand berechnend zusammen mit dem Anführer der Expedition in die Savannen, als noch ein Nachzüglertrupp von Reitern kam, deren Pferde schwer bepackt waren, und von welchen einer zweimännisch auf dem Gaule saß. Die wilden Jäger warfen sich erst unter Dach und Fach von den Thieren, denn draußen fiel der Regen dicht; und der Hintermann des Doppelreiters stürzte mit Jubelgeschrei an Xavers Brust. Dieser konnte sich des Andrangs nicht erwehren; doch eben so wenig den in einen verstellenden Indiermantel von Palmblätterzeug Gewickelten alsobald erkennen; bis dieser den Mantel fallen ließ, die Haare aus dem Gesichte strich, und dem Ueberraschten den Ausruf entpreßte: »James! James! wie kömmst _du_ hieher? Welch' ein Gottesengel führt dich in meine Verbannung?«
James weinte einen Strom von Thränen an des Pflegevaters Halse, und konnte nicht sprechen, nur schluchzen, nur seufzen, nur hellauf weinen, bis Pater Luis beide bei den Händen ergriff, und nach dem Innern des Hauses führte. -- »Euer Gefühl ist für die Neugierde der Stierschlächter zu gut!« sprach er; »weint und sprecht Euch _hier_ aus, meine Freunde, denn die Einsamkeit ist sowohl für die, die da klagen, als für die, die sich im Herzen freuen!«
Er verließ, bescheiden und schweigend, die eng Umarmten. Sie vergaßen des brüllenden Donners, des tobenden Regens, des bebenden Hauses, das unter Sturmesgewalt zu weichen drohte. Münzner konnte sich am Gesichte seines Pflegesohns nicht satt sehen, und tausendmal wiederholte er die einfachen Worte: »Du hier, mein Sohn! Du hier, guter James!« ehe es ihm einmal einfiel, nach der Art und Weise, wie Alles sich zugetragen, zu fragen. Endlich geschah es doch. --
James erwiderte: »Da Sie geschieden waren, konnte ich dem Superior nicht folgen. Ich _konnte_ es nicht. Ich rettete jedoch den Senator.«
»Ich weiß, mein Sohn. Die That war brav und würdig. Aber, was du ihr geopfert, ... das zerriß mein Herz, da ich's erfuhr!«
»Gott führt uns auf allen Wegen,« versetzte James; »nur auf diese Weise konnte mir's gelingen, Justine aus Angst und Gefahr zu erretten.«
»Du hast's gethan?« fragte Münzner überrascht; »das ist mehr, als ich gehofft. Ich glaubte sie unter Protestanten auf ewig und auf immer verloren!«
»Nicht doch, mein Vater!« fuhr James fort, und erzählte von Justinens Abenteuern auf dem Thurme, von ihrem zufälligen Wiederfinden, von dem Entschlusse, sie von der Gefahr, die ihr die Lainez und der Thürmer bereiteten, zu befreien. »Ich liebte das Mädchen,« sagte er mit schwärmerischem und wehmüthigem Feuer; »ich glaubte damals, von Justine geliebt zu sein. Mit welchem Auge konnte ich ihre Lage ansehen? sie in des Superiors Händen? sie in einem Kloster? während ich in meiner Unbesonnenheit den Augenblick schon nahe träumte, wo ich als geachteter Offizier um ihre Hand würde werben können? ich trug erst seit zwei Tagen die Uniform des Gemeinen; meine Einbildungskraft war Jahrzehende vorausgeeilt, und ich wollte lieber die _freie_ Justine fern von mir, in einem andern Welttheile wissen, als auf ewig gefesselt in meiner Nähe. Ich ging an's Werk. Ich sann. Aber, die Möglichkeit? ich hatte nicht Freunde, nicht Bekannte. Die Uniform schützte mich nur, daß man nicht in mir die rechte Hand des Doctors Leupold entdeckte, über dessen wahren Beruf man auf's Reine gekommen war. Ich durfte mich nirgends bloß geben. Ich hatte kein Geld, den Hebel aller Dinge. Je zuversichtlicher ich an meinen Plan gegangen war, je niedergeschlagener wurde ich, da endlich die Unzulänglichkeit meiner Kräfte sich mir nicht verhehlen konnte. Indessen hatte ich mein Wort gegeben, und mehr als das Wort fesselte mich die Leidenschaft. Ich gerieth auf den abenteuerlichsten Gedanken. Der Werbcapitän war am vorigen Tage angekommen; ein Franzose, leicht und gefällig im Benehmen; ein feiner Mann, der unter den Neuangeworbenen gerade _mich_ zu seinem Bedienten wählte, weil er in mir eine bessere Bildung entdeckte, -- weil ich ihm gefiel. Ich weiß nicht, wie es kam, -- aber ... ich glaubte in dem Betragen des Mannes eine gewisse Ritterlichkeit zu verspüren; ich faßte mir ein Herz; ich sprach mit ihm ungefähr so, wie in Balladen und Romanen der dienstfertige Zwerg zum Paladin redet, den er zur Rettung einer im Thurme des Riesen gefangenen Dame aufzufordern gedenkt. Zum Glück fand auch der Capitän die Sache artig und seltsam genug. Ein niedliches Mädchen befreien, dessen Rettung ich ganz _seiner_ Macht und Großmuth anheimstellte, -- das reizte ihn. Er ahnte nicht den Zusammenhang, den mein Herz mit der Geschichte hatte. Er sah vielleicht ein galantes Abenteuer in der Ferne. Mir alles gleichviel, weil er nur zusagte. Litzach brachte die Botschaft auf den Thurm. Wir warteten um die zehnte Stunde der Nacht unfern des Thurms, mit Wagen und Pferd. Ein ärgerliches Zwischenspiel hätte uns beinahe alles verdorben. Das Unglück will, daß in derselben Nacht ein Ohrenbläser dem Bürgermeister die Anzeige macht, daß auch Pahlens zu der entlarvten Sekte gehört. Es wird Wache abgeschickt, den Thürmer einzuziehen und nachzusuchen, ob er nicht Freunde auf dem Thurme verborgen. Das Unglück will, daß Justine, ihrer List und dem günstigen Augenblicke vertrauend, vom Thurme herniedersteigend, beinahe in die Hände der Wächter fällt. Ihr guter Geist bedeckt sie indessen schützend mit seinen Flügeln, wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, sich oben zu verbergen, und der oberflächlichen Nachsuchung der Soldaten zu entgehen. -- Pahlens wird fortgeschleppt; der sogenannte Zehnerwächter bleibt an seiner Statt im Thurme; verschließt alles sorgfältig, steigt in die Höhe, und indem sein Laternchen immer schwächer durch die Fenster des Thurmes strahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unsere schöne Schutzbefohlene zu retten. Es war indessen anders beschlossen. Die Lainez, in ihrem Versteck beinahe verzweifelnd, sich allein und verlassen sehend, von der Morgenröthe ihr Verderben fürchtend, faßt einen kecken Entschluß, der Französin würdig. Behutsam wagte sie sich in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Thürmers. Der Wächter, das Branntweinglas vor sich, wendet halb trunken und nickend der Thüre seinen Rücken, und spielt mit dem Hunde. Der Schlüssel des Thurmes liegt auf dem Tische. Auf dem Trompetergänglein an der Plateforme steht das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten schwebt die Lainez durch die halb offene Zimmerthüre. Der Hund knurrt; sein Herr giebt ihm Schläge, denkt aber nicht daran, sich umzusehen. In einem Augenblicke nimmt die muthige Frau den Schlüssel leise weg, entflieht so stille, als sie kann, ergreift die Laterne, und eilt wie ein Wirbelwind über die Treppen. Auf der Hälfte des Weges schreckt sie ein Geräusch. Unterdrückte Seufzer -- leise Klagen dringen aus dem Gange zur Glockenstube an ihr Ohr. -- Entschlossen stößt sie die Thüre auf. Justine richtet sich eben hinter derselben aus einer Ohnmacht auf. Lainez fühlt das heftigste Mitleid für die Geisterbleiche. Ohne Rath, ohne Hülfe, ohne Aufsicht, nur dem Augenblicke und dem Triebe nach Freiheit gehorchend, unterstützt sie die Ermattete, führt sie schnell hinab ... die Thüre klingt ... öffnet sich ... Justine stürzt ins Freie, die Lainez folgt, sperrt wieder vorsichtig die Pforte, und der Wagen rollt, da wir weiße Gewänder durch die Finsterniß sahen, geschwinde herbei. -- »Das sind _zwei_ Damen?« flüstert mir der Capitän zu; ich hatte aber nur Augen für Justine, die sich, wie ein Kind, vertraulich auf meine Schulter stützte, als ich sie in den Wagen hob. Die Lainez, unwissend und über diese Vorbereitungen verwundert, folgte nicht minder. Der Capitän bedeckte die schönen Flüchtigen mit seinem weichen Mantel, befahl dem Reiter auf dem Bocke, scharf zu fahren, und behielt mich neben sich auf dem Rücksitze. -- »Du begleitest mich zur ersten Station,« sagte er: »von dort kehrst du mit dem Wagen zurück, und ich bringe die Damen noch eine Strecke weiter, erwarte dich mit meinem Pferde. Ich werde dir Nachricht hinterlassen.« -- Nun fühlte ich erst die Schwere der Subordination. Es galt aber Justine, und ich schwieg geduldig. Ohne Aufenthalt gelangten wir unterm Schutze des Capitäns durch das Thor, und fuhren stracklich weg. Die Damen schliefen oder stellten sich schlafend. Wir sprachen nur abgerissene Worte. Noch war der Tag nicht angebrochen, als wir hielten. Ein elendes Wirthshaus nahm uns auf. Hier sollte gefrühstückt werden. Hier löste sich Alles. Die Lampe des Wirths beleuchtete unsere Züge. -- »Alle Donner!« rief der Capitän: »ist das nicht Madame Lainez? wie kommen Sie hierher, meine Schöne?« -- die Lainez glaubte, in die Erde sinken zu müssen. -- »Das Abenteuer nimmt eine üble Wendung,« sagte der Capitän hierauf halb lachend, halb bitter zu mir: »die Eine (Justine), die mir gefällt, wird von dir mit verliebten und argwöhnischen Blicken gehütet, und die Andere ... bei'm heiligen Georg! 's ist meine Frau!«
Die Lainez weinte heiße Thränen. Justine staunte; ich nicht minder.
»Ei, Madame!« fuhr der Capitän fort; »wie erging es Ihnen, seit wir uns trennten? und erinnerten Sie sich nicht, daß wir uns heilig zusagten, uns nie wieder zu sehen? Ich gestehe, daß nur der Zufall diese Rencontre herbeigeführt, aber es ist doch ein verdrüßlicher Zufall. Mußte mich ein Duell aus Frankreich verjagen, und unter meinem Cadetnamen in fremden Diensten nach Deutschland führen, damit ich Sie, meine Charmante, wiederfände? Genug, keinen Augenblick mehr mit Ihnen!« -- Er sprang empor, -- ich hielt ihn auf. Was soll aus den Frauen werden? fragte ich für Justine besorgt. -- Sollen wir sie ohne Schutz, ohne Führer hier auf der Straße nach Amsterdam lassen? Vollenden Sie Ihr Werk, Herr Capitän, wie ein ächter Edelmann. -- Eben deshalb! antwortete er frivol. Ich habe mein heiligstes Wort verpfändet, nie mehr mit dieser Dame, die einst die Meinige war, zusammen zu weilen; nicht eine Stunde, nicht eine Viertelstunde, und ein Edelmann hält sein Wort. Darum, -- wenn Mademoiselle sich mir nicht allein anvertrauen, und das intriguante Weib hier ihrem guten Glücke überlassen will, so lasse ich die Parthie unbeendigt. -- Justine weigerte sich nun auf's Heftigste, die Lainez zu verlassen, die _sie_ in ihrer Ohnmacht nicht verlassen hatte; weigerte sich, mit dem Capitän die Reise fortzusetzen. --