Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 23

Chapter 233,484 wordsPublic domain

Justine, welche aufmerksam gelauscht hatte, machte ihre besondern Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Mißtrauen gegen die Französin zunehmen mußte, in der sie nun eine eifrige Katholikin, und -- wie sie im Verlauf des letzten Tages geahnt hatte -- ein Werkzeug ihrer beabsichtigten Bekehrung empfand, nahm auf der andern Seite wieder ihr Vertrauen zu der Person zu. Die Lainez hatte ja in ihrem Gebet die Protestantin mehr noch den himmlischen Mächten empfohlen, als sich selbst; sie hatte für Justinens Erleuchtung und Rettung gebetet, sie hatte dafür ein Gelübde geleistet! Justine dankte ihr im innersten Herzen für die Beweise einer liebevollen Theilnahme, und vergab ihr allen Unglimpf. Justine beneidete sogar die Französin um ihr Vertrauen, um ihr gläubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf die Augen der Beterin goß, erzeugt von der Zuversicht, daß das Gebet erhört, das Gelübde vergolten werden müsse. Justinens Auge blieb wach und munter ihr Ohr. Sie sah die Streiflichter der Wächterlaterne, die um das Thurmzimmergebäude die Runde machte; sie hörte Pahlens und des ablösenden Wächters Stimme, das heisere Gebelle des Wachthundes, die von Stunde zu Stunde gegebenen Posaunenstöße in die weithallende Luft, das erschütternde Ausheben der großen Uhr, die Donnerschläge der allzunahen Stundenglocken. Unwillkürlich dachte sie an die Mährchen ihrer Amme, an das Traumgesicht, das Georg Birsher erzählt hatte. Sie blickte sorglich nach der Gegend der Thüre, ob nicht etwa des alten Amerikaners wahrhaftiger Geist hereinschreiten werde. Aber quälender wurde ihre Angst, marternder ihre Schlaflosigkeit erinnerte sie sich der verflossenen Tage, des Glücksruins ihres Vaters, seiner Verblendung, seiner Flucht, des Verschwindens ihres Verlobten. Eine traurige Zukunft rollte sich vor ihrer Einbildungskraft auf, und sie hätte sich aus den Fenstern des Thurms in das Wolkenmeer geworfen, wenn es möglich gewesen wäre, auf demselben überzuschiffen nach der Weltgegend, in welcher sich ihr Vater befand. Dem Andenken des, gewiß auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur eine vorübergehende Klage: des Vaters Bild erfüllte es ganz. Seine Führerin, seine Begleiterin in dem Labyrinthe seines Unglücks zu werden, schien ihr Beruf zu sein, und sie sehnte den Tag herbei, der ihr vielleicht Kunde zu geben bestimmt war. Der Tag kam herauf, herrlich und prächtig, wie sein Vorgänger häßlich und stürmisch gewesen war. Justine badete ihre glühende Wange in dem kühl strömenden Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels hatten sich zerstreut, waren am Horizonte niedergesunken. Durch die durchbrochenen gothischen Geländer der Plate-Forme schimmerte das tiefe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel strahlte ein feines durchsichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem Gefieder strichen neckend oder majestätisch vorüber. Der Storch klapperte fröhlich in seinem Neste; mit ihm um die Wette gurrten die Ringeltauben des Thürmers. Eine köstliche Aussicht hatte sich durch die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt, nur in der weitesten Ferne von Gebirgsumrissen begränzt, prangte in der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbstes. Städtchen mit glänzenden Thurmknöpfen, Kirchdörfer mit luftigen Ziegeldächern, zwischendurch belebte Landstraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder silberne Ströme, oder abgelesene Felder und frisch umgewühlte Aecker, über deren Furchen wunderliche Herbstseidenfäden ihren weichen, eisgleichen Spiegel gezogen hatten -- entzückten das Auge. Die ansehnliche Stadt, von grünen Bastionen, alterthümlichen Warten und dem Strome umzogen, bildete gleichsam den Korb, aus welchem man in's Weite sah. Justine hatte diesen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie hernieder gesehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte, auf die Giebel der Häuser, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie suchte, sie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer Freuden; sie suchte und fand den altergrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und des Unglücks ihres Vaters; sie suchte nicht das Gasthaus, das ihren Bräutigam beherbergt hatte, damit ihr Schmerz nicht erwache; sie suchte aber die Straßen, die von den Thoren in alle Weltgegenden ausgingen; sie versuchte zu errathen, welche ihr Vater wohl eingeschlagen haben mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Häusermasse athme, deren Bewohner sich gegen ihn und seine Schwachheit verschworen hatten. Sie lief, ohne sich des »Warum?« bewußt zu sein, nach der Thüre, sie öffnete dieselbe unschlüssig, und hörte plötzlich vom Fuße der schmalen Treppe, die in's untere Gemach führte, leise Flüsterworte, eine Unterredung, die sie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die schon seit einiger Zeit das Gemach verlassen hatte, sprachen zusammen, heimlich und vertraulich -- von Justinen.

»Sie können sich leicht denken,« sagte der Thürmer: »wie mich's allarmirt hat, als ich's vernahm. Es ist doch Schade um die magnifique Jungfer. =Parole d'honneur!= die Mama und der Vormund wollen sie, sobald sie ausfindig gemacht worden, in die Kostschule sperren lassen, weil sie dergestalt an ihrem Vater hängt. Es wird behauptet, sie sei, wie _er_ katholisch geworden, und dieser Schmutz müsse abgekratzt werden.«

»Nichts weniger als das,« versetzte die Lainez: »indessen müssen Sie, Monsieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mädchen auf die Seele gebunden. Ich muß Wort halten, damit auch mir einst Wort gehalten werde.«

»Ich will wohl behülflich sein,« sprach Pahlens wichtig: »aber um den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wissen, meine Beste, wie mich der blinde Cupido selbst =aveugle= gemacht hat. Ich bin =amoroso= dergestalt, daß ich mit Thränen meine Speisen salze, und täglich und nächtlicherweise von =Morpheo= verlassen werde. Wenn mir die ehrwürdigen =Patres= die Holdselige zur ehelichen Hausfrau geloben wollten, ... auf das Vermögen thäte ich Verzicht, und baute irgendwo mein stilles =Arcadia= an. Könnte ich alsdann in irgend einem Dome Organist werden, so sollten die dankbarsten Liebesgötter meine Register handhaben.«

»Sie sind eigennützig, Monsieur Pahlens,« entgegnete die Lainez empfindlich.

»Ich opfere auch Alles auf, bis auf die Braut, die ich =adorire=,« sagte der Geck: »wenn es herauskömmt, daß auch ich den Staub des Lutherwesens abgeschüttelt, so würde ich's nicht läugnen, und folglich meinen Bündel schnüren müssen, und von denen =Musis= erwarten, wo ich wieder meinen Unterhalt fände. Nicht wahr? Wäre hingegen Jungfer Justine meine Verlobte.... =vraiment!= noch heute sagte ich auf, zöge morgen ab, und erhielte alsbald meinen Abschied, weil sich Zehne für Einen um meinen Dienst bewerben.«

»Das Mädchen will seinen freien Willen haben, Monsieur Pahlens.«

»Recht, beste Madame. Sie soll meine Devotion erkennen lernen, und wenn sie meine liebeslustigen Sentiments erfährt, wird sie nicht unempfindlich bleiben. Die Zeiten sind anders. Der Papa davon gelaufen ... die Mama, die sie einsperren will; auf der andern Seite dagegen der niedliche Pahlens, ein Virtuose auf vielen musikalischen Instrumenten und heftig verliebt;.... ich bin gar nicht bange zu reussiren, wenn Sie mir Ihren Beistand nicht versagen, und ein acht Tage hier oben verweilen.«

»Warum nicht gar? Sie müssen uns so schnell als möglich wegbringen. Man gibt vor, ihr Vater habe sie beschieden ... wohin? das ist gleichviel. Sie geht in die Falle. Wir bringen sie in den Bereich des Superiors, und das Zureden desselben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das Uebrige thun. Wir Weiber sind schwach, Monsieur, und weichen gerne der Schmeichelei, wenn uns die Stütze eines Vaters fehlt.«

»Wenn Sie meinen.....« fügte Pahlens hinzu, und das Gespräch verstummte.

Justine zog sich, empört und erschreckt von dem, was sie vernommen, zurück. Sie mochte überlegen, wie sie wollte, sie war gefangen und gebunden. Dort, wenn ihre Hartnäckigkeit einen freien Abzug von dem Thurme erzwang, die schimpfliche Einsperrung in die Kostschule, worinnen ungehorsame Töchter oder leichtsinnige Weiber oft Jahrelang ihrer Lossprechung entgegenharrten; und dann die Autorität eines steifen unfreundlichen Familienraths, endlich der Spott, die ehrenrührigen Gerüchte der müßigen Stadtschwätzer. -- Hier eine begünstigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der Zwang einer lügenhaften Verstellung, die Gewalt eines intriganten Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den sie nicht kannte, nicht begriff, und der entscheiden sollte, ob sie den Thürmer zu heirathen hätte, oder nicht! sie sah sich schon im Netz heimtückischer Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft schmeichelnd zuflüsterte: sie möchte sich der Verstellung unterziehen, zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorspiegeln werde, und auf der Reise eine Gelegenheit suchen, von ihren falschen Freunden loszukommen, -- so sträubte sich doch dagegen sowohl ihr gerader Charakter, als auch die so natürliche mädchenhafte Schüchternheit. Wer wußte, ob sich jene Gelegenheit fände? ob man sie nicht bereits in einen katholischen Zwinger gebracht, ehe sie an ein Entrinnen denken konnte? wer gab ihr auch zunächst die Versicherung, daß sie den Vater finden würde, sie, ein hülfloses unerfahrenes Mädchen ohne Schutz? ja, wenn Georg an ihrer Seite gewesen wäre! auf ihn, den besonnenen und entschlossenen Mann hätte sie jede Hoffnung gesetzt! aber ... allein?

Sie verlor sich in trostlosen Betrachtungen. Die Lainez verließ sie darinnen, um, wie sie vorgab, einen schnellen Gang durch die Stadt zu machen, um zu erfahren, was sich Neues zugetragen. Justine würdigte sie kaum eines Abschiedgrußes, und verschloß vor dem Thürmer, der gern den Anfang seiner Bewerbungen gemacht hätte, die Thüre.

Wie sie nun da saß, und überlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen konnte, hörte sie auf der Gallerie schwere klingende Tritte nahen. Ein Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenster des Belvedere.

Zwei Männer in Uniform erstiegen die Plate-Forme, und der Voranschreitende, mit leuchtenden Achselbändern und einer vielfarbigen Schärpe geziert, von dessen Kasket eine breite Feder wehte, belobte alsobald die wunderschöne Rundsicht, deren man von dem hohen Standpunkte genoß. Pahlens, die Mütze in der Hand, trat zu ihm, und beeilte sich, dem Besuchenden dienstfertig die verschiedenen Theile des großen Rundbildes zu erklären, nannte ihm die Hauptgebäude der Stadt, die umliegenden Dörfer, und ließ sich eines Breitern in die Erläuterung der bestehenden Wächter- und Feuerordnung ein. Der Offizier hörte freundlich zu, sendete Fragen auf Fragen, und schien mit seiner Expedition auf den Paulsthurm sehr zufrieden. Sein Begleiter indessen, in derselben Uniform, doch ohne Silber und Schärpe und Feder und Achselquaste, ein gemeiner Reiter und dienender Gefährte des Offiziers, nahm keinen Antheil an dem Gespräche, und wanderte einsam um die Gallerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengesetzte Seite zu stehen kam. Da legte er beide Ellenbogen auf das Geländer, stützte sich auf diese, und bückte sich nachdenkend hinunter. Justine war dem Menschen gefolgt. Er hatte -- so fremd seine Kleidung war, -- so viel Bekanntes in seiner Haltung; ... neugierig lauschte sie, verwendete kein Auge von ihm, und ... als er einmal das Kasket abnahm, um sich den Schweiß abzutrocknen, als ein jugendlich melancholisches Gesicht darunter zum Vorschein kam -- da bewegte sich Justinens Herz in unentschlossener Freude. Der Soldat war James, seine absichtslose Unbefangenheit ein Bürge, daß er hier nicht auf hinterlistigen Wegen wandle; daß er nicht, mit der Lainez einverstanden, gekommen war, um Justine mit eigner Hand noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das sie bereits umgab. Vergessen waren alle Beweggründe, die einst Justinens Unmuth gegen ihn gereizt hatten; sein soldatisches Kleid, für Weiberherzen stets ein Vertrauen erregendes, zeugte von einer gänzlichen Veränderung seiner Lage, sein Gesicht von bekümmertem Ernste. Justine fühlte sich hingezogen zu dem Jüngling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geschätzter Freund gewesen. Da der Vater geflohen, da Georg verschwunden -- wo hätte sie eine Seele finden können, ihr verwandter, angehörender als dieser junge Mann? er oder Keiner war dazu gemacht, sie den treulosen Händen, worin sie sich befand, zu entreißen, und ein innerer Zug bestimmte sie zur Zuversicht auf ihn.

Ohne sich ihrer klar bewußt zu sein, hatten diese Gedanken den Sieg in ihrem Verstande, in ihrem Herzen errungen. Leise, aber dennoch nicht ohne Geräusch, hatte sie das Fenster aufgezogen. James sah sich um: Ueberraschung, Freude, Entzücken zogen auf seinem Gesichte die fröhlichen Wimpel auf. Justine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm, behutsam zu sein. Er legte beide Hände auf die Brust, sah sie voll Liebe an, und erwartete ihr Begehren.

»Ich bin gefangen,« lispelte Justine englisch, »wenn Ihr, Herr, kein Verschworner der Lainez seid, befreit mich; doch behutsam.«

James, der bei dem Namen der Französin eine Bewegung des Abscheus nicht hatte unterdrücken können, antwortete rasch und ohne zu überlegen: »Mit Gottes Hülfe, Miß.«

»Mein Vater?« fuhr zaudernd und ahnend Justine fort, »meine Zukunft? erfuhrt Ihr Nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?«

Die Sporen des Offiziers erklangen, des Thürmers gellende Stimme erscholl; James winkte der holden Bittenden, sich zurückzuziehen. Sie stellte sich hinter den offenen Fensterflügel, den Engländer im Auge behaltend, der sich wieder an das Geländer lehnte, den Blick gleichgültig gegen Pahlens Taubenschlag kehrte, und nach selbsterfundener Melodie ein Liedchen sang, das -- nicht künstlich in Strophen und Reim geschnitten -- in seiner Nationalsprache dem Mädchen zu wissen that, was ihm noth war: daß der Senator gerettet, daß er sie nach Amsterdam beschieden, daß James, ihre Spur verlierend, beinahe in Verzweiflung gerathen; daß er die Lainez hasse, Justinens Schicksal bedaure, und Alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rückkehr zum Vater aufbieten werde. Die Thore der Stadt seien wieder offen, und Justine würde noch am Nachmittage Nachricht erhalten.

Justinens Busen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem improvisirten Liede ein Ende. »Brav,« sagte er in ziemlich schlechtem Deutsch; »ich sehe doch, daß Seine Melancholie ein Ziel hat. Wenn der Gesang auf die Zunge hüpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter ist.« James bückte sich, und wußte, auf geschickte Weise das Kasket in Stirn und Auge drückend, dem umherfaselnden Pahlens sein Gesicht auf's Beste zu verbergen. Nach einigen Worten empfahl sich der Offizier, und James folgte ihm dienstpflichtig. Der Schlüssel tragende Thürmer geleitete sie hinab.

Wie schnell hüpfte nun Justine aus ihrem engen Zimmer! wie freudig tanzte sie auf der Gallerie umher! wie verächtlich sah sie auf die düstere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach Westen, wohin der väterliche Ruf sie beschied. Sie fürchtete keine Tücke von James! sie rechnete auf das Uebergewicht, das sie über die Handlungen des Jünglings stets behauptet ... und nur nach Freiheit, nach Vereinigung mit dem geliebten -- unglücklichen Vater, lechzte, alle Bedenklichkeit vergessend, ihre Brust.

Und als Pahlens zurückkam, mit abgeschmackter Schmeichelei ihr näher trat, und den erbärmlichsten Witz, die traurigste Galanterie an sie verschwendete, -- als später auch die Lainez erschien, und ihr in einer wohl gesetzten Lüge erzählte: ihr Vater warte ihrer zu Steinstadt mit dem größten Verlangen, und Pahlens werde sich ein Vergnügen daraus machen, sie hinzubringen, -- da lächelte sie kindlich unbefangen; die List sprach nicht aus ihren Augen, die krause Stirn verrieth keinen Ernst, keine prüfende Ueberlegung. Sie schien die Vertrauende zu sein, die Einwilligende, die Zufriedene. Die Verbündeten glaubten ihr Spiel gewonnen, und nie war es so trostlos verloren.

Am Nachmittage führte der von Justinens Nachgiebigkeit bezauberte Pahlens selbst einen Balsamhändler auf den Thurm, dessen verschmitzte Augen wie Blitze aus dem bleichen Gesichte strahlten.

»Der Kerl ist ein Fremder; es hat keine Gefahr!« sagte Pahlens zu den Frauen, die sich sträubten, auf der Gallerie zu erscheinen, um die Galanterien auszuwählen, die ihnen der verliebte Thürmer zu kaufen willens war. --

»Mein Gott! ist das nicht Monsieur Litzach?« fragte die Lainez nach einem Blicke auf den Händler. Dieser bejahte achselzuckend, und freute sich, die Madame hier zu finden.

»Einer der Unsrigen!« flüsterte die Französin dem erstaunten Pahlens zu; »was macht Ihr aber mit diesem Kram?« fragte sie weiter.

»Ei nun, Madame,« antwortete der Schauspieler lächelnd; »da es mit der Komödie nicht fort wollte, und meiner Wohlthäter Waizen auch nicht ferner blühte, gab ich mich einem Parfümeur als Hausirer hin; will sehen, ob das Geschäft Weib und Kind ernährt! -- Die _Herren_ werden mich ja für die Zukunft nicht im Stiche lassen,« setzte er bedeutend hinzu.

»Seid meiner Fürsorge gewiß, wenn Ihr diskret seid!« sagte die Lainez mit Beziehung und warnend.

»Ich weiß, was ich meinen Glaubensfreunden schuldig bin,« entgegnete der Hausirer, der die Lainez verstand; und in dem Augenblicke, als die Letztere sich zu Pahlens wendete, um ihm zu betheuern, er könne diesem Menschen vertrauen, hatte auch schon Justine ein Blättchen Papier in der zitternden Hand. Sie dankte dem listigen Ueberbringer mit einem Blicke, und trat bald hinter einen Vorsprung des Thurms, um die Post zu lesen. James schrieb:

»Sein Sie um 10 Uhr Abends an der Pforte des Thurms. Ich mußte meinen Capitän in's Geheimniß ziehen. Er läßt Sie in seinem Wagen fortbringen, weil er ein braver, ritterlicher Mann ist. Es quält mich, daß meine Pflicht mich hier zurückhält. Sie sollen indessen -- so Gott will -- ein Mehreres von mir erfahren.«

Das Billet flog zerrissen über das Geländer. Nachdem Pahlens seine Geschenke gemacht, -- nachdem Litzach hinweggegangen, setzte sich Justine in ein Winkelchen, ging mit sich zu Rathe. »Was in aller Welt hat Herrn White zum Soldaten gemacht?« fragte sie sich; »und darf ich mich wohl der Diskretion des Capitäns anvertrauen?« -- Ihre Herzhaftigkeit überwand den Zweifel; sie fühlte sich über Furcht erhaben, und suchte nur nach Mitteln, dem verschlossenen Thurme, den Pahlens stets selber öffnete, um die bestimmte Zeit zu entkommen.

Endlich gelangte sie mit dem Plane auf's Reine. Sie wollte gegen die zehnte Stunde, mit welcher der ablösende Wächter im Thurme einzutreffen pflegte, ihr Lager verlassen, die Treppen hinabschlüpfen, und hinter einer Säule am Eingange den Thürmer erwarten, wenn er kommen werde, dem Wächter zu öffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den schmächtigen Pahlens zurückstoßen, und an dem Wächter vorbei durch die offene Thüre entspringen. Pahlens Vortheil, dachte sie, würde ihn bewegen, keinen Lärm zu machen, und der Retter nicht weit vom Thurme ihrer warten. --

Von ihren Hoffnungen ermuthigt, hörte sie mit vieler Geduld die Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Thürmers an, womit diese, ihr zu gefallen, den Abend tödteten, und suchte frühzeitig das Lager auf. Die Lainez löschte die Lampe aus, und entschlief bald an Justinens Seite. Diese Letztere versäumte keinen Augenblick. Sie war angekleidet geblieben; sie hatte das Päckchen, das ihren Schmuck und ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kissen verborgen; dieses und die Schuhe in der Hand, entriegelte sie so leise als möglich die Thüre, fühlte sich das steile Treppchen hinab. -- Die Stiege knarrte; Justine erschrak: zum Glücke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnstuhl seines Zimmerchens hingestreckt, auf der Laute, und kämpfte mit dem Schlafe. Justine bemerkte dies, durch das Thürfensterchen schauend, und dankte dem Strahle des durchschimmernden Lichts, der ihr die ersten Stufen der Wendeltreppe zeigte. Muthig betrat sie den dunkeln Weg, vorsichtig den Strick anfassend, der als Geländer diente. Endlich kam sie in den Bereich der Glockenstube, wo die Wendelsteige aufhörte, und die breiten hölzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle schlug durch die riesengroßen Fenster. Das Uhrwerk webte und regte sich mit wunderlichem Geräusch neben der Fliehenden. Sie enteilte der schauerlichen, in abgemessenem Takte pickenden und schnarrenden Nachbarschaft. Ein schützender Geist führte sie die geländerlosen Stiegen, dicht am Rande einer rabendunkeln Tiefe hinab. Ungeziefer raschelte über ihren Pfad, hüpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete sie bis in die unterste Halle, wo sie hochathmend stille stand, hinter die Säule, die sie erfaßte, schlüpfte, und mit hoffender Seele wartete; -- denn schon glaubte sie, den herannahenden Wächter zu hören, -- doch -- das war nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere -- immer näher kommend....; »sind's die Retter?« fragte sie sich mit gespannter Aufmerksamkeit....

Und plötzlich wurde es sehr laut vor der Thüre: viele Stimmen; Flinten-Gerassel; rohe Reden; Spott, Gelächter, starker Schellenlärm; der vielstimmige Ruf nach der Höhe endlich: »im Namen des Magistrats!« Laternenglanz fiel durch das Schlüsselloch. Justine schreckte auf. »Das sind Verfolger!« klagte ihre ahnende Seele: ... »sie kommen, dich zu fangen! deine Freiheit soll verloren gehen! Oeffnet die Thüre, so geräthst du mitten in die Feinde!«

Sie wendet sich entsetzt zum Rückwege. Sie eilt die Treppe hinan. -- Neue auflodernde Angst. Von oben naht sich Schlüsselgerassel, Lampenschein ... Pahlens unzufriedenes Schelten! -- Dem verhaßten Menschen, den Verfolgern zu entgehen ... Wo das Mittel? Ihre Hand tappt nach der Seite der Uhrstube, neben welcher sie wieder ist. Sie findet eine angelehnte Thüre; drückt sie auf; stürzt hinein ... klammert sich bebend an zwei dicke Pfosten fest, neben welchen durch man zum Uhrwerk geht. -- Sie läßt Pahlens vorüber gehen, hört ihn die Thüre öffnen, hört, wie man ihn gewaltsam ergreift, festnimmt, zwingt, den bewaffneten Troß hinauf zu führen, während unten sorgfältig die Thüre wieder verschlossen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kömmt zurück. In seiner Mitte jammert der arretirte Pahlens. -- »Verdammter heimlicher Katholik!« ruft eine Stimme: »du sollst schon reden lernen!« und fort tobt die Schaar, und verläßt den Thurm.

Die Pforte fällt zu; Schlüssel drehen sich im Schloß; schwere Tritte kommen die Treppen herauf. Der neue Wächter gewinnt die Höhe. Seine Tritte verhallen, seiner Lampe Schimmer vergeht; Alles wird still -- todtenstill, und trostlos erräth Justine, daß sie ganz verlassen geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen...; kein rettender Zuruf von Außen. Unter der Last ihrer Angst wanken ihre Kniee, schwindelt ihr das Haupt. Da fängt das Uhrwerk an zu rasseln wie Gewitterlärm, Walzen und Räder knarren, pfeifen und rauschen, und die furchtbar große Glocke schlägt an, als ob jeder Streich Justinens Leben zu vernichten hätte. Die Erschütterte sinkt unter den donnernden Schlägen, die nicht endigen wollen, zusammen. Ihr Bewußtsein schwindet. --

Dritter Theil.

Erster Abschnitt.

1721.

Der Abend in Santa Dominica. -- Luis und Ines. -- Der Fremde. -- Seine Erzählung. -- Seine Erinnerungen. -- Des indianischen Kindes erstes Abenteuer. -- Der Morgen in der Colonie. -- Die fremden Schiffe. -- Wiedersehen. -- Die Jäger aus den Savannen. -- Consultador und Rector. -- Justinens Loos. -- Der Vorschlag des Pfarrers. -- Die Nacht. -- Der Ueberfall. -- Die Savannen. -- Das Lager der Abiponer. -- Capitän und Capitana. -- Das Opfer. -- Fest des Siebengestirns. -- Hülfe aus der Ferne. --