Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 22
Endlich wurde sie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuercommissärin und viele Freundinnen. »Da haben wir's ja!« sagte die Erste triumphirend. »Da hören Sie's selbst, meine Lieben! den Holländer umgebracht, ... wahrscheinlich nicht minder dessen Sohn, der seit gestern verschwunden ist...! Lotterie gespielt ... katholisch geworden! und mit alle dem that der schlechte Mann als wie ein Tugendspiegel! Aber mein Mann soll auf der Stelle zum Bürgermeister, und dann wollen wir sehen, ob noch Recht im Lande ist!«
Während dessen schritt, von einem angsterregenden Menschengedränge umgeben, von Justine unterstützt, der todtenähnliche Müssinger durch die Kirche und über die Gassen. Es regnete entsetzlich. »Warum gehst du nicht zu der Mutter?« fragte er die Tochter leise und ohne die Augen zu ihr aufzuheben. »Ich bleibe bei Ihnen,« erwiderte sie sanft: »ich kenne die Mutter nicht mehr. Ich habe im Stillen geahnt, was Ihre Vernichtung mir bestätigt! Ach, ich habe nicht falsch gesehen,.. der Doctor!.. Aber ich liebe Sie jetzt _mehr_, um Ihres Unglücks willen, und begehre nicht, von Ihnen mich zu trennen.« -- »O mein armes, einziges, liebes Kind!« sprach der Senator unter Wehmuthswellen, und schauderte sichtbar zusammen, weil eine Menge Volks vor seinem Hause sichtbar wurde, und die Hellebarden und rothen Röcke der Rathshatschiere von der Thüre daher blinkten. -- »Ich werde in Arrest gebracht!« seufzte der Beängstigte. Justine erschrack; ihre Thränen fielen auf seine Hand. Der Senator erhielt im Gedränge einen Stoß auf die Brust; er sah zur Seite und erblickte sein schweres Portefeuille, das ihm eine hülfreiche Hand in den Busen schob. »Einen Gruß von den Herren!« sagte der blasse Litzach zu ihm, der sich wieder niederduckte: »Sie sollen das bewahren und fliehen. Die Bücher sind verbrannt und zerrissen. Ernst hat Sie verrathen, fliehen Sie nach Amsterdam, der Doctor erwartet Sie.«
Die Worte waren wie im Fluge gesprochen worden, und der dem Senator unbekannte Bote verschwand. Der Senator verbarg mechanisch das Taschenbuch, das seine Wechsel und Obligationen enthielt, ohne darüber nachzudenken, wie es wohl aus dem verschlossenen Hause in die Hände jenes Menschen gekommen. Zwei Senatoren, Commissarien des Bürgermeisteramts, die in ihren schwarzen Kleidern und weißen Perücken ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdächtigen Collegen zu, die Thüre schnell aufzumachen. Müssinger gehorchte; Commissarien, Hatschiere, Volk drangen in das Haus. Justine wurde von des Vaters Arm gerissen, und flüchtete in das obere Stockwerk, dessen Treppe von den Hatschieren besetzt wurde. »Ihre Papiere!« hieß es unterdessen zu dem Senator. -- Er bückte sich, die Thüre seines Cabinets zu öffnen. Sie war schon offen. Man trat ein. Der Pult war gewaltsam geöffnet ... von den Büchern der Jesuiten, die darinnen verwahrt gewesen, sah der Senator, selber staunend, keine Spur. Unglücklicherweise jedoch fand ein Spürhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und Xaver. Als ein Beweis des Gesuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen. »Unwürdiger Mann!« sagte ein Senator zu dem verstummenden Müssinger; »die Schlüssel zu der Kasse, damit sie für's Erste in Beschlag genommen werde!« »Oeffnen Sie die geheimsten Fächer des Bureau's!« sagte der Zweite; »man hat Sie mit Seelenverkäufern umgehen gesehen; nach der Aussage Ihrer eigenen Comptoirbedienten Nothhaft und Berndt. Wo ist die Correspondenz über diesen schändlichen Trafik?« --
Müssinger läugnete und verwies auf seine Handelsscripturen.
»Wer seinen Gott verläugnen kann, lügt auch vor Menschen!« sagte Einer der Commissarien: »wie kömmt es aber, daß Ihr Pult bereits geöffnet, gewaltsam geöffnet ist?« --
Müssinger bezeigte seine Unwissenheit.
Indessen kamen zwei Personen herbei, die viel Verwirrung in den Auftritt brachten. Der Erste, ein Schwager der Senatorin, zu dem die bösartige Frau sich geflüchtet und welcher erschien, um deren Eingebrachtes zu reklamieren; der Zweite, der Comptoirdiener Berndt, den Neugierde und Schrecken zu kommen vermocht hatten. Der Schwager der Senatorin mischte sich mit vielem Lärm und aufgeblasenem Benehmen in die Geschäfte der Commissarien, und diese hielten es für gut, den Diener Berndt verhaften zu lassen, weil gegen ihn der Verdacht obwalte, auf vorläufigen Befehl seines Principals aus der Kirche entwichen zu sein, und das Pult gesprengt zu haben, um die schwersten Indicien, sowohl des Katholicismus, als des Lottospiels, als der Seelenverkäuferei, aus dem Wege zu räumen. Während nun der unschuldige Comptorist deprecirte, und die Hatschiere Gewalt brauchen mußten, den jungen Mann, der seiner philadelphischen Sanftmuth gänzlich vergaß, festzuhalten, -- während der Senatorin Verwandter seinerseits schrie und die Commissarien übertäubte, die Zuschauer sich um diese Scene drängten, stießen, und kleine Debatten unter sich selbst hielten, erwischte Jemand den Senator Müssinger beim Kleide, und zog ihn mit kecker Faust in das Gedränge, durch das Gedränge, und Niemand bemerkte es im Tumult. James war der Kühne. »Kommen Sie!« flüsterte er dem Staunenden dringend zu, riß ihn durch den Ausgang, unfern von der bewachten Treppe vorbei in den Hof, nach der Hinterthüre, klinkte sie auf, und nun stracks mit dem Geretteten fort durch das öde Gäßchen.
»Wohin, wohin, mein Freund?« fragte Müssinger athemlos.
»Still! kein Wort!« versetzte der Jüngling, und lief, so schnell der Senator selbst konnte, nach einer Querstraße, wo er in ein Haus schlüpfte, das ein Werbschild über der Thüre trug. Er hieß den Begleiter folgen, und trat mit ihm rasch in die niedrige Stube, wo einige Reiter, in bunten Uniformen, saßen und tranken.
»Kameraden!« rief James, als wie begeistert: »Ihr seid Katholiken! Es gilt hier, einen Katholischen zu retten! Einen Helm, einen Reitermantel, ein Pferd für den Verfolgten! Zwei von Euch zur Bedeckung, die ihn geleitet, bis zum Weichbilde geleitet, und nehmt dafür mich hin, mit Leib und Seele! Ich begehre kein Handgeld als den Liebesdienst!«
»Was thut Ihr, mein Freund?« fragte Müssinger verweisend, sank aber erschöpft auf eine Bank. Ein Reiter bot ihm Wein. Die Andern überlegten; endlich, einig geworden, daß ein hübscher Bursche hier zu werben stehe, und wohlfeil, so wie nie, sagte der Wachtmeister: »Meinetwegen, Monsieur. Geb Er mir die Hand, und trink' Er aufs Wohlsein unsers Herrn!« -- James stieß eiligst an. -- »Pressirt's mit dem armen Mann?« fragte der Unteroffizier weiter. James bestätigte es dringend, erzählte, er habe gehört, man wolle die Thore schließen, um sich der heimlichen Gemeinde desto gewisser zu versichern. Der Unteroffizier lachte der ungeschickten Maßregel. »Unsrer Uniform stehen, so Gott will, alle Thore offen!« sagte er, trotzig den Bart streichend: »schafft nur für den Herrn Stiefel, Mantel und Helm herbei, ihr Bursche. Mit ihm auf's Pferd dann, in Gottes Namen! scharfen Trab! ich bleibe indessen bei dem jungen Rekruten da!«
Während Einer ging, die Monturstücke herbeizuschaffen, und der Andere, die Gäule aufzuzäumen, umarmte Müssinger kraftlos schwankend den Jüngling. »Nehmt die Hälfte meines Geldes!« sagte er, die Brieftasche hinreichend. James stieß sie mit glänzendem Auge von sich. »Ich will schon meinen Lohn fordern, wann es Zeit sein wird!« antwortete er, half dann dem willenlosen Senator seine Verwandlung vollenden, drückte ihm an Statt der Perücke den Helm auf den Kopf, und empfahl ihm, das bartlose Kinn tief in den Radmantel zu stecken. Indem er ihn unterstützte, um ihn zum Pferd zu geleiten, rief Müssinger, wie aus einem Traume auffahrend: »Justine! Meine Tochter! Sie bleibt zurück; und hat doch geschworen, sich nie von mir zu trennen! Edelmüthiger Mensch! wollt Ihr die Krone auf Eure That setzen, und die Angst meiner Tochter endigen? Mein Buchhalter soll sich ihrer annehmen,..... er soll sie mir nachführen..... nach Amsterdam, zu van den Höcken, wo ich ihrer sehnsuchtsvoll warte!«
»Es soll geschehen, Ew. Edeln,« versicherte James: »ich werde sie aufsuchen; -- will's Gott! auch sie retten, Ihnen nachsenden. Gott geleite Sie....«
»Armer Mensch!« klagte Müssinger: »wie lasse ich dich zurück? Du hast deine Freiheit, dein Leben um meinetwillen verkauft. Schreibe, melde mir, ob Geld dich wieder befreien kann, und ich....«
»Possen!« rief der Wachtmeister ärgerlich dazwischen: »war er ein Paar Wochen zu Pferde, so begehrt er's nicht mehr anders. Aber zu Pferde, Herr, zu Pferde, müssen auch Sie, damit meine Bursche um Mittag zurück sein können. Der Trompeter bläst. Steigen Sie auf, und machen Sie meinem Gaul keine Schande. Er geht auf's Wort.«
Indessen hatte James dem Senator zugeflüstert: »Ich brauche kein Geld, lieber Herr, und indem Sie mir das trauliche »Du« gaben, haben Sie die Hälfte Ihrer Schuld abgetragen. Leben Sie wohl! Gott mit Ihnen!«
Der Senator wurde auf's Pferd gehoben, und trabte majestätisch zwischen den Reitern durch Stadt und Thor, welches die Stadtsoldaten gefällig und gehorsam vor dem gefürchteten Feldzeichen aufrissen.
Justine wußte von all' diesen Begebenheiten nicht das Geringste. Einer schüchternen Unentschlossenheit hingegeben, hatte sie in ihrem Zimmer sich verborgen, um sich zu fassen. Der scandalöse Auftritt in der Kirche, die Verhaftung ihres Vaters, die Ungewißheit ihrer zukünftigen Lage, bestürmten zugleich ihre Sinne, daß sie auf einen Augenblick die Selbstständigkeit ihres Charakters vergaß. Die Stimme ihres Vetters, der endlich sich vernehmen ließ, -- der die Treppen heranstieg, um die Effekten seiner Schwägerin in Beschlag zu nehmen, der von Verschließung aller Gemächer redete, der rauh und ungeschliffen sich bei allen Domestiken nach seiner Verwandten Justine erkundigte, um sie in sein Haus, zu ihrer Mutter zu führen, -- diese Stimme raffte Justinens Muth zusammen. Dem eigenwilligen Mädchen erschien plötzlich nichts auf Erden schrecklicher, als unter die Vormundschaft dieses Menschen treten zu sollen, den es längst gehaßt hatte; unter die Leitung einer Mutter, die es von ganzem Herzen mißachten mußte. Justine zauderte nun nicht mehr; sie hoffte nicht ferner auf eine Eingebung von Oben: ihr Entschluß war plötzlich gefaßt. Ihr Vater im Kerker? Welcher andere Ort wäre wohl ihre Stelle gewesen? Ihr Vater verbannt? Welche Pflicht erschien ihr theurer, als die, den Urheber ihrer Tage zu begleiten? Sie ließ, in ihre Stube eingeriegelt, den im Hause herumstöbernden Schwager ihrer Mutter seinem überlästigen Geschäfte obliegen. Sie packte während dessen ihr erspartes Geld, ihre Kleinodien zusammen; sie erwartete mit Herzklopfen den Augenblick, in welchem die Wege zur Flucht rein sein würden; er kam. Sie entschlüpfte; sie eilte die Treppe hinunter. Nirgends mehr eine Wache; das Comptoir verschlossen, und den Vater auf dem Bürgergewahrsam aufzusuchen ihre Aufgabe.
Das Gewitter des Morgens sendete noch immer fürchterliche Regengüsse, Ihrer nicht achtend, trat Justine aus dem Hause. Eine Frau stürzt ihr entgegen; die Lainez. »Wohl mir, daß ich Sie finde!« sagt diese athemlos: »Sie glauben mich im Unrecht. Aber Sie sollen sich vom Gegentheil überführen. Ich habe den Moment erspäht, Sie zu retten. Kommen Sie mit mir, wenn Sie nicht nach Ihrer Mutter verlangen!«
»Ich verlange auch nicht nach Ihnen!« antwortet Justine, und will sich von der Französin losmachen: »lassen Sie mich! mein Vater ist im Gefängniß! ich will -- ich muß zu ihm!«
»Zu ihm? Sie wissen aber nicht?...«
»Was, Madame?«
»Ihr Vater ist entwischt; Niemand weiß, wohin!«
»Entflohen? Gott sei gelobt! Adieu, Madame, ich folge ihm!«
»Wie? ohne Spur? ohne Nachricht?«
»Der Herr wird mich erhören. Meine Angst wird ihn finden! Lassen Sie mich!«
»Sie machen sich unglücklich! Der Senator hat ohne Zweifel die Stadt verlassen!«
»Gleichviel! Ich suche ihn auch nicht in dieser Stadt!«
»Sie sind aber hier eingesperrt. Alle Thore sind geschlossen; Niemand wird ohne die strengste Untersuchung hinaus gelassen. Man kennt Sie! man wacht sorgfältig über die Angehörigen des Senators. Man wird Sie zu Ihrer Mutter bringen!«
Diese Nachricht lähmte Justinens Kräfte. Mit einem tiefen »Ach!« griff die Wankende nach der Hand der Französin, die mit ihr indessen an die Ecke der Straße gekommen war, und dringend weiter redete: »Aufschub ist's, den Sie gewinnen müssen! Lassen Sie die ersten Tage der Unruhe vorübergehen! Sie werden ohne Zweifel Nachricht von dem Vater erhalten! Rauben Sie sich jedoch nicht die nöthige Freiheit, ihm alsdann folgen zu können. Vertrauen Sie sich mir. Auch ich bin verfolgt, fürchte ich; auch _mich_ verdächtigt mein Aufenthalt im Johanniterhofe, obgleich meine Seele rein an jenen Umtrieben ist, rein wie ein Sonnenstrahl. Ich weiß einen Ort, der uns Beide verbirgt, der uns für's Erste den nöthigen Schutz verleiht. Folgen Sie mir. Sie werden daselbst sichrer sein, als unter den Augen Ihrer Mutter, die vielleicht Schuld an dem ganzen Unheile trägt, das Ihren Vater betroffen hat.«
»Lieber in den Tod als zu dem despotischen Onkel, -- als zu der Mutter, deren Vorwürfe mich umbringen würden!« rief Justine; »ich will noch einmal an Ihre Aufrichtigkeit glauben. Bringen Sie mich von hier!«
»So eilen Sie!« ermahnte die Lainez, und führte Justine schnell mit sich von dannen; weit vom Vaterhause, auf dem Paulsplatz, wo sie sehr durchnäßt ankamen, allein doch unbeachtet. Rasch schritten die Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem Pförtchen des Thurms. Die wenigen Minuten, deren der Thürmer bedurfte, um herabzukommen und aufzuthun, wurden den Harrenden zu Ewigkeiten. Endlich ... Schlüsselklang ... das Pförtchen geht auf. Pahlens empfängt verwundert, freudig erschreckt, die Einstürmenden. »Gott grüße Sie, Herr Pahlens!« ruft die Lainez in Eile; »oben ein Näheres!« und mit flüchtigem Fuße eilen die Frauen über die hölzernen Stiegen; an Glocken und Uhr vorüber, über die finstern Wendeltreppen, durch die finstern Gangschluchten, und an den hohen Luken vorbei, die eine schwindelerregende Gruft vor dem Aufsteigenden eröffnen; und nimmer ruhen und nimmer rasten sie, bis der letzte Treppenabsatz erklimmt, und die Plate-Forme des Thurms erreicht ist, wo der heftig ziehende Luftstrom sie zwingt, in des Thürmers Stübchen einzutreten, Platz zu nehmen, Odem zu schöpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die Absicht ihres Kommens zu erklären. Die Französin faßt sich hierin, so wie in Allem kurz.
»Sie wissen, Monsieur, was in der Stadt vorging,« sagt sie mit vertraulichem Tone zu dem Thürmer; »wir sind ebenfalls das Opfer jener traurigen Ereignisse. Wir fordern von Ihnen Schutz und sichern Aufenthalt für wenige Tage, und erwarten von Ihrer Galanterie die Erfüllung unsers Begehrens!«
Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr über Pahlens Gesicht; vergnügt rieb er sich die Hände, und versetzte: »Sie kommen zur besten Stunde, meine Damen. Mein Gehülfe wurde gestern in das Landkrankenhaus gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl allein behelfen, und der Magistrat wird mir die Schonung seiner Kassa danken. Ueber diesem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet sich das schönste Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daselbst wohnen, ungestört sein, und nur die Vorsicht beobachten müssen, sich nicht sehen zu lassen, wenn sich Neugierige oder Leute, die hier oben Geschäfte haben, auf dem Thurme einfinden.«
Justine, von dem albern galanten Wesen des Thürmers unangenehm berührt, drang darauf, das gerühmte Kuppel-Zimmer auf der Stelle zu beziehen. Ihrem Wunsche wurde also willfahrt, das Frauenpaar in sein Asyl eingeführt, das in der That eine gewisse Eleganz darbot, und eine vielversprechende Fernsicht; heute freilich von Regenschleiern verhüllt. Pahlens, nachdem er sich in seinen besten Putz geworfen, trug seinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beschränkte Speisekammer des Junggesellen vermochte, und lud seine Gäste ein, seine Gaben nicht zu verschmähen. Die Lainez ließ sich nicht nöthigen. Justine versagte, setzte sich an's Fenster, sah hinaus in die grauen Wolkenmassen, und weinte und seufzte, und machte Pläne.
Pahlens, nachdem er vergeblich versucht, der Jungfer, die sein Herz erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging verdrüßlich davon, die Stunde zu schlagen; ließ die Frauen allein.
»Wohin sind wir gerathen?« fragte Justine heftig: »wie sind Sie _hier_ bekannt geworden, Madame? Von der Discretion eines geckenhaften Menschen abzuhängen, der mich durch seine Zudringlichkeiten ärgern könnte, machte ihn nicht seine Albernheit lächerlich! Warum habe ich mich von Ihnen beschwatzen lassen?«
»Wissen Sie einen Ort, an dem man uns weniger vermuthet? an dem wir unbemerkter sind?« fragte die Lainez einsilbig dagegen, und setzte bei: »ich kenne den Herrn dieses lustigen Hauses zwar nur oberflächlich, aber getraue mir, für die redliche Reinheit seiner Gesinnung zu bürgen. Fürchten Sie keine Beleidigung Ihrer Würde, keine Verletzung des Anstands. Was Sie auch von mir halten mögen ... ich bin eine Freundin und Bewahrerin strenger Sitte, und Niemand wird mehr als ich von einer Unbescheidenheit verletzt. Schlafen Sie deshalb ruhig. Morgen leuchtet uns vielleicht ein günstigerer Himmel. Vielleicht sind wir so glücklich, etwas Näheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck ist dann erreicht.«
Dieser Zuversicht sich überlassend, fügte sich Justine in die seltsame ungewohnte Lage. Der Abend kam, und verging bei einsamer Kerze, und bei'm Lautenspiel des Thürmers, der sich's nicht nehmen ließ, die Frauenzimmer zu unterhalten, bis die Zehner-Glocke geläutet werden mußte. Pahlens Fürsorge hatte den Damen auf den Ruhebettchen des Belvedere ein erträgliches Lager bereitet. Er wünschte ihnen gute Nacht, und empfahl ihnen das Licht zu löschen, damit der Wächter, der nach zehn Uhr auf dem Thurme einzutreffen habe, nicht Unrath merke.
Justine verriegelte die Thüre. Die Lainez löschte die Kerze. Die beiden schönen Flüchtlinge versuchten, ohne ein Wort ferner zu wechseln, zu entschlummern. Justinens Augen floh jedoch der Schlaf; ihrer Begleiterin ging's nicht besser, denn Justine, ganz stille ruhend, hörte plötzlich, wie sich die Lainez leise aufrichtete, und in französischer Sprache, -- in der Meinung, ihre Gefährtin schlafe, -- zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelskönigin, an die heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die göttliche Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zustand zu endigen, in dem sich gegenwärtig die Bittende befinde; ihr es möglich zu machen, den lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Gläubigen zurückzukehren. Sie fügte hinzu, die Jungfrau möchte diese Gnade auch auf ihre Gefährtin ausdehnen, die um ihrer Eigenschaften willen, zu dem besten Glücke würdig und berufen sei. Sie möchte ein Wunder ihrer Huld thun, um das Seelenheil der Protestantin zu retten, sie auf die Bahn, die ihr Vater betreten, zu führen, ihr alle Sünden zu erlassen, sie frei und glücklich zu machen! Wenn die göttliche Fürsprecherin alles dieses Verlangte thue, so verspreche ihr die Beterin eine neuntägige Bußübung, ein vierzehntägiges Fasten und eine Votivtafel dem wunderthätigen Bilde zu Montserrat. Hierauf begab sich die Lainez wieder zur Ruhe, und entschlief bald in vollkommener Friedseligkeit.