Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 21
»Unsern Tischnachbar im Schwan,« entgegnete der Doctor. Der Capitän lachte hell auf. »Den stummen Oelgötzen?« fragte er: »der mich so unverschämt anlaufen ließ? Hoho, den kenne ich, und werde ihn wohl von dem dürren Magister unterscheiden. Brav! ich habe dem naseweisen Flegel eine volle Lage zu geben! ich hab's ihm geschworen. Gut so! ein Pechpflaster auf den Mund, Strick um Arm und Beine! wie der Teufel nach dem Kanal gefahren; die Nacht durch gerudert, mit Tagesanbruch an der Küste.... binnen zwei Tagen im Schiffe! herrlich! die Moorländer sind wenig und nur von lockerem Gesindel bevölkert! ich bringe den Passagier glücklich durch, oder fülle ihm den Kopf mit Blei, wenn er mich durch ein unanständiges Spektakel in Gefahr setzen wollte. Gott behüte Ew. Ehrwürden! sollen von mir hören!«
Der ungeschlachte Mensch ging wiehernd weg, aß im Schwan noch so tüchtig, als ob er sich auf ein Heldenwerk vorzubereiten hätte, ließ unter seine Matrosen viel Branntwein austheilen, und bestieg mit ihnen jubelnd den verdeckten Korbwagen, der ihn zum Damme, von da zum Kanal bringen sollte. Dem Kutscher wurde noch tüchtig mit Rum zugetrunken und bei'm Abfahren schwenkte der Capitän in frechem Uebermuthe den Hut gegen den Amerikaner, der oben aus dem Fenster sah, und brüllte ein: »Auf Wiedersehen!« Georg zog sich, ergrimmt über den widrigen Seemann, vom Fenster zurück, warf sich auf das Kanapee, stützte den Kopf eine Weile in die Hand, sprang dann wieder auf, legte mit erhabener Würde die Hände auf seine Brust, und sagte, mit einem freien Athemzuge, zu sich selbst: »Bist doch eine wackere Seele, Georg, und hast einen schweren aber um so rühmlicheren Sieg erfochten! Ach du mein lieber, lieber Vater! Siehst du nicht aus den Wolken, und freust dich meines Entschlusses? Ist gleich mein Auge zu schwach, dich zu erschauen, so ist doch gewiß der himmlische Friede, der in mein Herz einzieht, dein Werk! Ja! Vergebung ist eine süßere Rache für dich, als das Blut des Elenden, der denn doch sein Leben ferner nur wie eine Pestbeule mit sich umherschleppen kann!«
Er warf einen Blick auf die Speisen, die unangerührt auf dem Tische standen, auf die Seitenthür. Er ging hastig auf dieselbe los, öffnete sie mit dem Schlüssel, und sagte ernst: »Komm' Er heraus, Monsieur!«
Eine blasse, ängstliche Figur kam gebückt hervor: Nothhaft, wie ein armer Sünder.
»Setze Er sich, und esse Er!« fuhr der Amerikaner fort: »vergesse Er seine Schrecken. Ich habe mich besonnen, und halte dafür, es sei besser, die ganze Anklage zu unterlassen.«
»Ach, wenn Sie das im Ernste wollten,« -- stammelte Nothhaft -- »ich würde neu aufleben.«
»Lerne Er, Mensch« sprach Birsher weiter, »daß es nichts Gemeines mit solchen Anschuldigungen auf sich hat. Er hat mir auf die Bibel zugeschworen, daß Alles, was Er mir heute entdeckt, reine Wahrheit sei; ich will es glauben; nicht um Seinetwillen, denn der erbärmliche Spuck in des Senators Hause verdächtigt ihn, aber um des seltsamen Benehmens des Senators willen; um der Voraussetzung willen, daß ein Mensch, der nur _einen_ redlichen Blutstropfen in sich verspürt, nicht auf eine Lüge hin seinen Nächsten in's Grab und in Schande stürzen werde. Er hatte nicht darauf gerechnet, daß mir es einfallen könnte, die Anklage öffentlich zu machen; Er hat mich beschworen, es zu unterlassen: das ist ein guter Zug von Ihm; Er hat mir gestanden, daß Er nur, um mich von der Ehe mit Justine abzuhalten, mir die Eröffnung gemacht, die aber demungeachtet eine völlig wahre sei. Er hat sich endlich gutwillig in jenes Zimmer verfügt, wo ich Ihn inne zu halten für gut befand, damit es mir bei der Klage nicht an dem Gewährsmanne fehlen möchte. Bedenke Er aber selbst, wohin meine Klage führen würde: zu Seiner eigenen Haft, zu Seiner eigenen Schmach, als Hehler der begangenen Blutthat. Der Senator würde eines schimpflichen Todes sterben, seine Familie würde zu Grunde gehen, mein Schmerz wieder tausendfach erneut, meines Vaters Gebeine in ihrem Grabe gestört werden; und zu welchem Endzweck? Würde diese Genugthuung mein Herz befriedigen, den geliebten Todten wieder in's Leben rufen? Und die Unglücklichen, die -- ihren schuldigen Gatten und Vater beweinend -- mir, dem unglücklichen Verfolger fluchen würden!... ach, welch' eine Zukunft! Darum will ich lieber schweigen, wie das Grab über dem Todten, und verlange dasselbe von Ihm: schwöre er mir's abermals auf die Bibel, und dann gehe Er hin, von wannen er gekommen, so wie ich nach der Heimath zurückkehren will: vergessend -- und rein von Fluch!«
Nothhaft vernahm mit innigem Wohlgefallen Birshers Worte. Er hätte tausend Eide geschworen, nur um den Folgen eines Schritts zu entgehen, den er weniger aus unverbesserlicher Bosheit, als, von frechem Trotze und Eifersucht bewegt, gethan hatte. Er entlief mit Riesenschritten dem Gasthause und suchte den Weg nach seinem Städtchen. Birsher war mit seinen Entschlüssen zufrieden, und überlegte gerade, wie er dem Senator, wenn derselbe sich nicht bereits auf der Flucht befände, seinen edelmüthigen Vorsatz kund zu geben hätte -- wie er von Justine Abschied nehmen sollte, als der Magister aus Faldern zu ihm trat.
»Was wollen Sie, Magister?« fragte Georg hastig und verdrüßlich, gestört zu werden.
»Der Ueberbringer des Dankes sein, welchen Ihnen zwei redliche getröstete Herzen zollen,« antwortete der Magister freundlich und zutraulich.
»_Zwei_ getröstete Herzen? -- Schon gut!«
»Und der Bitte zugleich, diesen Dank aus dem Munde der Getrösteten selbst hören zu wollen.«
»Ihr Zögling soll zu mir kommen. Ich will ihn kennen lernen.«
»Und Justine, die sich sehnt, Ihnen ein dankbares Wort zu sagen.«
»Welche Zumuthung? Will sie sehen, wie mich die Entsagung kleidet?«
»Und Justine, die sich vor Ihnen rechtfertigen möchte?«
»Falschheit, sich rechtfertigen? Ich mag sie nicht beschämen!«
»Und Justine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur Ihrem theilnehmenden Herzen vertraut werden kann; das auf das Glück Ihres Lebens den größten Einfluß haben wird?«
»Magister! Sie schlagen die rechte Saite an. Justine soll einen Mann in mir finden, den Liebeskummer nicht niederbeugt; einen Mann, der das Gute nicht halb thut. Ich bedarf dieser Prüfung, um mich zu einer edeln That würdig zu stärken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mädchen ebenfalls eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen dürfte. Wo, wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rücktritt so sehr beglückte?«
»Wenn Sie mir folgen wollten?... ich führe Sie.«
»Recht; geschwinde mein Freund! Sie noch einmal zu sehen -- sie zu beruhigen, und dann schnell wiederzukehren, um meine Abreise anzuordnen. --«
Georg ging mit dem Magister weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden gingen vorüber, der Abend war da. Der Gast im Schwan blieb aus. Die Wirthin, die den jungen, stillen Mann wohlwollend in's Auge gefaßt hatte, wurde unruhig. Mit einbrechender Nacht sendete sie in des Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu lassen. Er war dort nicht gesehen worden. Der Senator schickte den Kellner mit dem kühlen Bescheide zurück; ging dann auf seine Stube, heimlich seinem Gott zu danken, und den Zettel wieder durchzulesen, den ihm um die zweite Stunde des Nachmittags der Doctor geschickt hatte, mit den lakonischen Worten: »Fassen Sie Muth, Gebeugter! Wir verlassen Sie nicht. So eben ist _er_ fort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe lassen!«
Der Senator küßte, seiner Angst entledigt, den kurzen Brief; trat dann zu seiner Familie und sagte: »Mein armes Bräutchen Justine! Dein Verlobter scheint auf Abwege gekommen zu sein. Wir wollen morgen, am Tage des Herrn sammt und sonders zur Johanniskirche wandeln, um den Segen Gottes anzuflehen, daß er den Handelsfreund wieder gesund zu uns zurückbringe!«
»Endlich wieder ein frommer Vorsatz,« erwiderte die Senatorin: »nur Schade, daß der _Bürgermeister_ dich heute zur Gottesfurcht bekehren mußte. Bei alle dem finde ich's ungezogen, daß Herr Birsher heute gänzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Französin, die sich auch seit dem Morgen nicht sehen ließ, den zu täppigen =Sans façon= nicht berückte!«
Justine schwieg; aber in ihre Augen traten unwillkürlich Thränen: unwillkürlich seufzte der Mund. »Ja, Vater,« sagte sie, als dieser am Abend freundlicher und ruhiger als seither Abschied von den Seinen nahm: »wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit Eintracht und Friede nicht von uns weiche!«
Am nächsten Morgen stand Pater Münzner sehr frühe auf, um sich zu dem Gottesdienste vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits sein Pflegesohn entgegen. Leidenschaftlich faßte ihn dieser bei der Hand, und rief: »Wohl mir, daß ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, sonst hätte ich Ihnen gestern schon gestanden, wie sehr ich's bereue, daß ich Sie verkannte! Ja, mein würdiger Pfleger! Sie wollen mein Glück; Sie wollen es, wenn Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafür!«
»Verstehe ich dich, Unbegreiflicher?« fragte Münzner staunend.
»Ihre Güte war mir unbegreiflich,« fuhr James heftig und entzückt fort: »aber die Wege der Vorsehung sind es ja auch, und dennoch gut und dennoch beglückend! Mögen Sie es doch wissen, daß ich Alles erfuhr, aus Birshers edelmüthigem Munde erfuhr!...«
»Birsher? um's Himmels willen! was weißt du?«
»Daß Sie mit ihm geredet, daß Sie sein Herz gerührt!.... daß Justine -- das herrlichste Glück! daß Justine mir gut ist, daß sie, die so schlau ihre Liebe zu verbergen wußte, mein Bild, -- vielleicht hat ihre liebe Hand es selbst entworfen -- mein Bild auf ihrer Brust trägt, -- daß der gefürchtete Bräutigam zurücktritt!...«
»Mensch! du fabelst!«
»Läugnen Sie nicht, mein Vater! Ist es denn ein Verbrechen, einen liebenden Jüngling zu beglücken? Ich bin verschwiegen! Ich sehe ein, daß Sie Gründe haben können, vor dem Superior, der mich in's Noviziat schleppen will, Ihr menschenfreundliches Bestreben zu verbergen, daß Sie nur Zeit gewinnen wollen!... Legen Sie jedoch uns gegenüber das Geheimniß ab, und hören Sie meinen Plan. Ich werde nicht Priester! Der Soldatenstand allein kann und wird mich Justinen näher bringen. Ich habe gestern des letzten Schwedenkönigs Leben gelesen -- es hat mich begeistert! Noch bin ich jung; noch wetterleuchtet es am Horizonte Europa's! Ich liebe, ich hoffe! das Glück muß mir zur Seite stehen!«
»Jesus Christus!« versetzte der Doctor blaß und betrübt: »Du lässest mich nicht zu Worte kommen, und dennoch muß ich dir mit blutendem Herzen betheuern...«
Rasche Schritte von Annähernden unterbrachen ihn. Der Superior mit allen Zeichen des Schreckens -- die Lainez, wie ein Schatten folgend -- eilten herbei.
»=Hannibal ante portas!=« rief der Erstere, der einen dicken Brief in der Hand trug: »Hochwürdiger Herr! Jetzt gilt's, zum Streit sich rüsten!«
»Wie so? wie das?« fragten der Doctor und James.
»Erzählen _Sie_, während ich dies Schreiben durchlaufe;« versetzte der Superior zitternd und bebend. Die Lainez sprach mit erlöschender Stimme:
»Wir sind verrathen; Alles kömmt an den Tag. Des Schreiner Ulrichs Frau ist in der Nacht krank geworden; der Mann hat unser Gebetbuch unter ihrem Kissen gefunden. Die Drohungen des Mannes, wie der Schmerz ihres Körpers haben Sie zugleich bedrängt; sie hat gebeichtet, daß sie katholisch geworden, -- daß eine stille Gemeinde bestehe, -- daß in dem Johanniterhofe...«
»Gott stehe uns bei!« riefen die Zuhörer.
»Vor einer halben Stunde...« fuhr die Lainez erschöpft fort, -- »läßt der Rottmeister, bei dem der Schreiner Alles angezeigt, den Hof umringen, -- das Thor aufsprengen, den Verwalter fest nehmen, Alles durchsuchen. An meiner Thüre vorüber dringen die Schergen in die Kapelle. Unsre heiligen Zierden fallen in ihre Hände. Man bemerkt mich nicht im Tumulte: ich entspringe, um hier das Unglück anzusagen!«
Litzach stürzte in den Garten. »O meine Herren! meine heiligen Väter! was wird daraus werden?« rief er: »ich erfahre so eben, von dem Dorfe kommend ... der Verwalter ist verhaftet, läugnet indessen noch fest; hat nichts gestanden; der Johanniterhof wird verschlossen gehalten, damit nichts vor der Zeit verlaute: vor dem Polizei-Aufsichter soll um neun Uhr erst Alles klar werden! Der Sigrist, der entsprang, sagte mirs, es Ihnen mitzutheilen!«
»Das Interdikt über die Bübin, die den Herrn verrieth!« zürnte der Superior: »das Etablissement, die Mission ... Alles geht zu Grunde! Schande kommt über uns! Lassen Sie uns Hand an die Rettung legen, Pater Münzner! Wir müssen fort, ehe der Lärm um sich greift.«
»Unsere Bücher liegen bei'm Senator;« tröstete der Doctor: »kein Mensch sucht sie dort. Die Translation war zweckmäßig.«
»Zweckmäßiger als Ihre Verwaltung, Pater Münzner!« entgegnete der Superior zornig: »solche Leute, wie die Schreinersfrau, an- und aufzunehmen...! plaudernde Gänse...!«
»Mein Vorgänger hat schon...« wollte sich Münzner entschuldigen. --
»Schweigen Sie!« befahl der Superior heftig: »Marsch, auf die Beine! ihr Uebrigen! Er, Litzach, tummle sich schnell um einen Wagen um. Vor dem Friederthore will ich einsteigen. Er, James, wird auf der Stelle alle Habseligkeiten des Paters compendiös zusammen packen. =Cito! citissime!=«
James eilte hinweg. Litzach rang die Hände; »ich bin der Unglücklichste!« seufzte er: »was wird aus mir, -- was aus meinen Kindern, und was aus meiner kranken Frau werden?«
»Was Gott will!« antwortete der Superior hart und rauh: »packe Er sich fort, und besorge Er den Wagen!« -- Litzach gehorchte, fast weinend. --
»Laufe Sie, Lainez!« sagte der Superior dringend zu dieser: »ein Weibsbild mengt sich ohne Gefahr unter Gaffer und Pöbel! Horche, laufe Sie. Wenn etwas Ungerades sich verspüren läßt, ... schnelle Post hieher!« --
Die Lainez eilte weg. »Pater Münzner!« fuhr der Superior fort: »unsers Bleibens ist in diesem Hause nicht. Der Doctor Leupold wird bald aufgesucht werden! Schändlicher Baalstreich! Wir flüchten uns einstweilen in des Senators Haus, wo man uns sicherlich nicht sucht.«
»Ich Unglücklicher!« rief Münzner, wie in Verzweiflung; »daß dieses Unglück unter meiner Verwaltung geschehen mußte! Welch ein Empfang wartet meiner in unserm Hause und beim Provinzial!«
»Erkennen Sie, ob ich Ihr Freund bin!« erwiderte der Superior, indem er ihm den Brief reichte, den er vorhin gelesen; »ich will Sie der Traufe entziehen, weil Sie mir ein wohlgefälliger Mitbruder gewesen. Der Provinzial trägt mir auf, ein tüchtiges Mitglied nach Assumption im Paraguay zu schicken, um den Handelsangelegenheiten vorzustehen. Ihre Mission allhier ist leider nun erledigt; verbergen Sie Ihre Scham in Amerika, bis der General Sie zur Rechenschaft rufen läßt. Es verfließen indessen Jahre, die Sache schlummert ein, und ein simpler Verweis tritt an die Stelle der harten Pönitenz.«
Der Doctor nahm mechanisch die Commission, ohne ein Wort zu erwidern. Der Superior sowohl, als die Hauswirthin, die ängstlich herbeikam, drangen in ihn, sich in Sicherheit zu setzen. Kaum, daß ihm die Zeit verblieb, seinen James zu umarmen. »Ich gehe nach Paraguay!« sagte er weinend zu ihm; »das Schicksal macht hier ein schnelles Ende mit uns. Wir sehen uns vielleicht nie wieder. Folge darum dem ehrwürdigen Pater Superior, der dein Glück will! Vergiß, armer Getäuschter, und zürne mir nicht!« --
Der Jüngling war von dem Augenblicke zu sehr erschüttert, um auf die Rede seines Pflegevaters merken zu können. Der Superior riß den Doctor unwillig mit sich fort, und ermahnte den jungen Engländer im Novizenmeisterton, seine Packarbeit zu fördern, die Effekten vor das Friederthor zu schaffen, und bei dem Wagen seiner zu warten, um mit ihm sich zu entfernen. Hierauf schlugen die geistlichen Herren, die Hüte tief in die Stirne gedrückt und herabgekrempt, den Weg nach Müssingers Wohnung ein. Ein heftig niederstürzender Regen begünstigte ihre schnelle Wanderung. Die Kirchenglocken riefen von allen Seiten die Gläubigen zum Gottesdienste, und leerten die Straßen. Ohne Aufenthalt waren die Väter an des Senators Thüre gekommen. Sie war verschlossen.
»Der Senator ist in der Kirche!« sagte der Superior, sich besinnend. »Wir erlaubten ihm ja gestern, als wir die Register brachten, das Possenspiel mitzumachen, um seinen Leumund wieder zu heben.«
»Ich habe glücklicher Weise den Schlüssel zu der Hinterthüre in der Tasche,« versetzte der Doctor; »er gab mir ihn, um unbemerkt zu kommen, wann ich wollte; es ist sonderbar, daß es heute zum ersten und letzten Male sein muß.«
Sie traten in das Gäßchen; der Schlüssel paßte, und die Herren stellten sich unter das Gewölbe des Hauses, um zu berathschlagen, ob der Senator zu erwarten, oder vielmehr rathsam sei, daß der Superior oder der Doctor zuerst sich auf die Flucht mache. --
Während dieses in seinem Hause vorging, saß der Senator, noch von Allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Betstübchen der Johanniskirche. Das Gebäude war gedrängt voll. Das schlechte Wetter hatte es ungewöhnlich angefüllt. Die Orgel schmetterte die Melodie des Liedes, und nachdem einige Verse desselben verklungen, betrat Pastor Lammer die Kanzel. Sein Gesicht war feurig, seine Augen sprühten und rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Senators haftete ein drohender staunender Blick, dem alle Augen der Anwesenden folgten. Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krause; er hustete; er öffnete den Mund, ... da fiel ein Donnerschlag ein, dessen Vorgänger unter dem geräuschvollen Orgelspiel nicht gehört worden waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen Fensterscheiben, die der Stromregen peitschte. Lammer sah, während ein Laut des Schreckens durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz erschienen, ... seine Mienen nahmen eine gewisse Begeisterung an, -- verächtlich schob er das Concept seiner Predigt, das vor ihm auf dem Kanzelrande lag, hinunter, und begann plötzlich aus dem Stegreife mit aller Kraft seiner Stimme:
»Du donnerst, Herr der Welten? Du starker zorniger Gott? ja, Barmherziger, entziehe mich heute der schweren Pflicht, deine Gebote zu erklären! Nimm selbst das Wort, damit gerade am heutigen verhängnißvollen Tage die Sünder zittern und ächzen, wenn du in deinem Zorne sagst: »Ich bin der alleinige starke Gott, und du sollst keine Götter haben neben mir!« Laß deine Gewitter rollen und den grauen Schleier vom Himmel nieder fallen, damit die Natur in Sack und Asche traure; schreibe einen außerordentlichen Bußtag aus für außerordentliche Sünden! denn sie haben dein erstes Gebot mit Füßen getreten! denn sie haben andere Götzen neben dir! denn sie haben dich geschändet, als wärst du nicht der starke eifrige Gott, sondern das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stück Koth! aber sie täuschen sich, denn _sie_ knieen vor den faulen Götzen! sie betrügen sich, denn _sie_ haben keine Bundeslade, vor welcher du den Staub küssen müßtest! sie haben sich belogen, denn ihnen ist die Hölle worden; meine Brüder! vernehmt, daß das Weib aus Babylon auferstanden war, daß es sich gelagert hatte an den Thoren dieser Stadt, und daß es gesprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und sündigt mit mir! -- O der Schande! o des Gräuels! o der verfluchten Ueppigkeit! sie sind nicht vorübergegangen an dem frechen Weibe! sie haben ihr Ohr nicht vor der Schlange verstopft! sie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine Freunde! ja, meine Brüder! das römische Pabstthum hat eine Winkelstube in unserer Stadt errichtet; es hat vielen Eurer Mitbürger das ewige Seelenheil gegen falschen Tand abgetauscht. Doch nicht alle Sündige waren verstockt; ihrer waren etliche, die Reue fühlten. Sie haben bekannt. Die Kapelle ist entdeckt, die Hülle ist von der abscheulichen Verschwörung der Finsterniß gefallen! sie sind entlarvt, und harren angstvoll der verwirkten Strafe!«
Eine Bewegung der Unruhe, des Abscheus, der Bestürzung, durchlief die Versammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortsetzung der Predigt. Der Senator konnte sich kaum vor Schrecken an der Brüstung des Betstübchens erhalten; die Senatorin starrte dumm und nicht begreifend auf den Prediger; Justine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater ängstlich im Auge. -- Der Prediger fuhr mit erhöhtem Kraftaufwande fort:
»O, wie zittern jetzo die Herzen der Sündigen! wie werden sie wünschen, gar nicht geboren zu sein! und dennoch selig noch diejenigen, die Schaam und Reue empfinden! seliger noch diejenigen, die ihre schweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Geständniß versöhnten! aber dreimal verworfen diejenigen, so in ihrem Irrthume, in dem Laster beharren! dreimal verworfen die gottlosen Priester aus Babel, die das Volk des Herrn verführt haben, und Unkraut gestreut unter den Waizen! -- Wie soll ich euch aber nennen, Gottesläugner! was soll ich euch prophezeihen, ihr Verstockte! die mit der Abtrünnigkeit noch Heuchelei verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Christenthums besuchen, und das falsche im Busen tragen? besser wäre es, ihr bliebet aus dem Hause Gottes, das ihr durch eure betrügerische Gegenwart verunreinigt! -- wie soll ich aber denjenigen nennen, der -- selbst ein Richter im Volke.... der -- selbst ein Erhalter der Gesetze -- das Volk verräth, indem er dessen Verführung begünstigt?... das Gesetz schändet, indem er thut, was es in seiner Weisheit verbietet...? den ehrwürdigen Senat, dem er angehört, brandmarkt durch seine entsetzlichen Frevel? ihn, der schamlos genug ist, sich allen Augen im Tempel des wahren Gottes Preis zu geben, sich heuchlerisch darinnen zu brüsten, nachdem er, geschweige anderer Unthaten, die erst an's Licht kommen werden und müssen, in dem teuflischen verbotenen Lotto sein Hab und Gut gewagt, und satanisches Handgeld damit gewonnen?... nachdem er ... ich spreche es mit Schaudern aus, meine Brüder, -- nachdem er katholisch geworden?«
Der von dem Feuer der tadelnswerthesten Heftigkeit ergriffene Geistliche deutete mit Blick und Finger auf den Senator unverholen hin, der, von Beschämung und Wuth gepeinigt, in den Schatten seiner Betloge zurücksank, nach welcher murmelnd und blasphemirend die Menge gaffte, auf die der wüthende Prediger noch einen Hagel von Verwünschungen niederrauschen ließ. Der Auftritt sollte noch gräulicher werden. Der Senator, an seinem Stuhle nierdergleitend, hatte unbewußt den Arm seiner Frau ergriffen. Diese, die endlich mit abergläubischem Entsetzen begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fühlte kaum die Hand ihres Mannes, als sie dieselbe lautschreiend zurückstieß, aufsprang, mit dem Gesangbuche nach dem Ohnmächtigen warf und kreischte: »Weg von mir, elendiger Mann! das fehlte noch, katholisch zu werden! Gott erbarme sich unser! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an deiner Seite!« --
Vergebens warf sich Justine ihr bittend in den Weg. Schluchzend, wüthend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drängte die Senatorin ihre Tochter von der Thüre. »Weg, Satanskind!« rief sie aus vollem Halse: »helft mir, ihr guten Christen! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr in das Haus der Abtrünnigen!«
Auf der Treppe von einem Schwarme von Betschwestern umringt, die fragten und schimpften, und bedauerten, ging das Kreischen des unvernünftigen Weibes in ein widerliches Heulen über, das der Menge Gemurre und des Predigers Stentorstimme gewältigte. »Ich unglückliches Weib!« schluchzte sie: »wer führt mich zu meinen Verwandten, damit ich sicher sei vor dem Teufel, an den man mich verheirathet hat? Ich habe zu Allem geschwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende hat im Lotto gespielt, hat den Holländer umgebracht, und nun erst ... katholisch zu werden...! ich armseliges Geschöpf!«