Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 18

Chapter 183,585 wordsPublic domain

Tormerpick führte sich mit verschiedenen Gemeinplätzen und oberflächlichen Bereitswilligkeits-Versicherungen ab. Der Superior sandte ihm noch einige Anmerkungen nach, und sagte alsdann zu dem Doctor: »Pater Münzner! ich bin nicht sehr mit Ihnen zufrieden. Sie sehen dem Schiffs- und Speditoren-Volk nicht genugsam auf die Finger. Sie schaden dadurch den Benefizdividenden unserer Gesellschaft; sind auch zu nachsichtig gegen mangelhafte Zahler, sind auch zu freigebig gegen Arme. Ihr Almosenbuch, das ich heute durchblätterte, strotzt von Ausgaben aus Ihrer Cassa. Das geht nicht. Almosengeben mit billigem Maaß und Ziel ist nützlich; es empfiehlt; es bindet. Die diesem Zwecke entsprechende Quelle muß jedoch aus den Taschen christlicher Wohlthäter in den Sack der Armuth geleitet werden; nicht aus dem Vorrathe der Gesellschaft, die nur verstattet, größere Summen herzuleihen, welche doppelten und dreifachen Zins zu tragen versprechen. Ich glaube, wir thun ohnehin schon genug an der Menschheit. Nebenbei, mein lieber Pater, verschwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwürdige. Was soll zum Beispiel die namhafte Unterstützung bedeuten, die Sie einem Comödianten zugewendet haben? In der That, -- wäre mir Ihr reiner Sittenwandel nicht bekannt, ich würde vermuthen, der Comödiant sei im Besitze eines hübschen Weibes.«

Der Doctor, seinen Verdruß bezwingend, erzählte sein Zusammentreffen mit Litzach. Der Superior beruhigte sich. »Ein Zögling der Gesellschaft?« sagte er alsdann: »das ist etwas Anderes. Das war ein Ehrenpunkt. Was soll aber mit dem liederlichen Subjecte werden? Es darf nicht faullenzen. Man muß ihm Beschäftigung geben. War er ein guter Akteur, so muß er in zwanzig Kleider passen. Ich werde darauf denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie sind einer großer Lauheit im Bekehrungsgeschäfte angeklagt worden. Sie wollen nur diejenigen, wie ich höre, in den Bund der Kirche aufnehmen, an welchen Ihr Gemüth einigen Antheil nimmt. Sie haben verschiedene Bekehrungen der Lainez getadelt, stehen sich überhaupt mit der artigen Wittib nicht zum Besten. Nehmen Sie sich in Acht. Die Lainez hat sich bitter beschwert. Sie wissen, was die Person bei dem Provinzial gilt; Sie stellen sich einer empfindlichen Demüthigung blos. Der Lainez darf Nichts geschehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White, der sie quasi verächtlich behandelt. Es ist freilich, in Betreff des Provinzials, gut, daß der junge Mensch sie nicht _liebt_, allein _hassen_ soll er sie eben so wenig. -- Kein Wort der Erwiderung, Pater Münzner. Wir sind völlig über obige Punkte aufgeklärt worden, und es sollte uns leid thun, Ihrer in unserem Berichte nach Rom ungünstig erwähnen zu müssen. Den Provinzial ... =hunc tu amice caveto!= wie der Heide sagt. =Satis= von obigem Gegenstande. Ein Weiteres. Wie steht es mit dem Senator?«

»Wohl;« versicherte der Doctor mit freierer Brust: »Die projektirte Heirath wird in sich selbst zerfallen. Ein seltsamer Gespensterglaube hat sich in's Mittel geschlagen, um --«

»Gleichviel;« schaltete der Superior ein: »jedes Mittel taugt. Für's Erste, natürlicher Weise, lehrt die Klugheit, alle Umstände so zufällig als möglich zu combiniren; hilft aber der Alltagsgang zu nichts, dann mögen spanische Fliegen angewendet werden. Ich habe der Lainez die Instruction gegeben, in dem Hause des Senators alle Minen anzuzünden, um das sonderbare Gänschen von Tochter zu stimmen. Ich habe, im Namen der Gesellschaft, eine wahre Passion auf ihr Vermögen.«

»Zu Ihrem Troste darf ich Ihnen also sagen,« -- versetzte der Doctor, über des Vorgesetzten heißhungrigen Geiz seufzend, »daß Justinens Vater mir sein Wort gegeben, daß der Amerikaner _nicht_ sein Schwiegersohn werden soll.«

»=Quod sufficit.= Indessen geht die Zeit hin, und die Lainez wird schon das Uebrige thun.«

Während Beide nun hingingen, völlig überzeugt, der Senator folge ihren Eingebungen unbedingt, fertigte dieser einen Brief nach Liebkirchen an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnißvoll vorzubereiten. Nothhaft schien von der Erde verschwunden, und das Schweigen über die Heirathssache wurde vortrefflich bewahrt. Die Senatorin, welche befürchtete, um der Geistergeschichte willen ausgelacht zu werden, sah ihre Muhmen nicht bei sich. Die Männer beobachteten das Geheimniß unverbrüchlich. Justinens Zunge, -- sie konnte wohl sonst verschweigen -- brach zuerst das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hause eingezogen war, auf ihrem Zimmer arbeitend, und über die Geisterhistorie lachend, sagte sie im Uebermuthe ihrer neu erwachenden Zufriedenheit: »Mit der Entlarvung des Spucks kam Alles wieder in's Geleise, und diese Wäsche, an welcher wir arbeiten, meine Beste, ist mein Brautzeug. Ich werde Herrn Birshers Frau. --«

Die Lainez erschrak; faßte sich, und erfuhr nach ein Paar gleichgültigen Fragen auch das Nähere aus dem Munde der Braut.

Zweiter Abschnitt.

Die Unglücksprophetin. -- Das Bild in der Kapsel. -- Gewitter im Brautstande. -- Der Magister. -- Morgenbesuch bei der Braut. -- Trauliche und böse Stunde. -- Angst des Senators. -- Er und seine bösen Engel. -- Das schreckliche Billet. -- Todesschrecken; übereiltes Versprechen; listige Hülfe. -- Seelenverkauf. -- Birsher und Nothhaft. -- Hiobsposten. -- Die Predigt mit Donner und Blitz. -- Schande und Arrest. -- Wundergleiche Rettung. -- Die Lainez erscheint. -- Der Thurm von St. Paul. -- Hoffnung durch den Freund. -- Der Balsamhändler. -- Zehn Uhr.

Das Leben im Hause des Senators hatte sich anders und besser gestaltet. In den Familienvater war die Spannung und Kraft zurückgekehrt, die auf _einen_ bestimmten Zweck hin arbeitete: auf das Glück seines Kindes, auf seine eigene Beruhigung zugleich. -- Die Senatorin schien in die ehemalige Lebensweise zurückgetreten; apathisch wie vordem, allein der begonnenen Feindseligkeit gegen den Ehegatten entrathend. Justine war zufrieden. Sie begriff, daß Georg Birsher, wenn sie ihn auch nicht mit jener Leidenschaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens ist, nicht ermangeln würde, ihre billigen Ansprüche auf eheliches Glück zu erfüllen, und daß er geeignet sei, mit seinem besonnenen, ruhigen und klaren Wesen Hand in Hand mit ihr, der starken, nicht an Schwärmerei noch Idealen hängenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug noch Vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fühlte in ihrem Innern, daß sie sich als Opfer für irgend eine Ungerechtigkeit, die ihr Vater an dem alten Birsher begangen, hinzugeben habe; sie fühlte, daß der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegensah; er hatte von einer heiligen Schuld gesprochen, und sie war stolz darauf, die Zahlerin derselben zu sein. Die Besuche, die ihr Herr Georg Tag für Tag zweimal abstattete, machten sie immer mehr und mehr mit den edeln Eigenschaften bekannt, deren sich sein Herz rühmen konnte, und wenn gleich Schüchternheit und Convenienz ihr verboten, dem Verlobten die volle Achtung zu zeigen, die sein Benehmen ihr abzwang, so entschädigte sie sich dafür in ihren Gesprächen mit der Lainez, die gutmüthig und freundlich dem Lobe zuhörte, das die Braut dem Bräutigam spendete, und ihr eine Theilnahme zeigte, welche die Mutter nicht äußerte, weil sie dieselbe nicht empfand. Unbemerkt nahmen indessen die Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, obgleich die Verbindung mit dem Amerikaner höchlich billigend, stimmte allgemach das Lob des ungebundenen fessellosen Lebens an.

»Glauben Sie nicht,« sagte sie einst, da Justine sich mißbilligend dagegen ausgesprochen hatte, »daß ich den mindesten Zweifel wider den Beruf hege, den der gute Herr Birsher verspürt, Ihr Mann zu werden. Ich halte ihn für einen rechtschaffenen Mann; für denjenigen, der das Glück zu schätzen weiß, das ihm in Ihnen zu Theil wird. Aber, -- beste Mademoiselle, -- erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt lasse. Ich lebte in einer glücklichen Ehe, geliebt von einem jungen, schönen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den Händen getragen; aber dennoch fühlte ich oft recht schmerzlich den Verlust meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen, darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe thun; denn die Männer haben die Gesetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts mehr und nichts weniger als eine ledige Zugabe des Gatten, der sie mit seiner Ehre bekleidet; eine trügende Sonne, die ihre Strahlen von dem Gestirne, woran sie geknüpft ist, entlehnt, und untergehen muß, sobald der Herrscherstern verlischt, oder ... was nicht selten geschieht, -- eine abweichende Bahn zu beschreiben für gut findet. Unvermählt, gibt Jugend und Schönheit uns einen Rang, auf welchen oft Fürstinnen neidisch herniedersehen; verheirathet, legen wir den Scepter der Reize nieder, um die Sklavin eines -- wenn auch geliebten -- Herrn, unsrer Wirthschaft, unserer Kinder, unsers Rufs zu werden, und in Dunkelheit ein Leben zu enden, das oft so reizend, so vielversprechend begann.«

»Ei, gute Frau, welche Reden?« sagte Justine verwundert und empfindlich: »Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophezeihung soll aber an mir zu Schanden werden. Halten Sie mich für das schwache Geschöpf, das sich unterjochen lassen, oder Herrn Birsher für den Mann, der solche Erniedrigung begehren würde? Wenn, -- verzeihen Sie mir, -- der Capitän Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menschen mit Sack und Pack nach seinem Wort zu leiten, diese militärische Tyrannei in sein Hauswesen übertrug, -- so machen's die Herren vom Degen nicht anders. _Ich_ soll jedoch die Associée eines friedlichen Kaufmanns werden, die Gefährtin seines Glücks, nicht die Magd seiner Bequemlichkeit, und, wenn die Wagschale einer gewissen Herrschaft auf _eine_ Seite schwanken sollte, so müßte es die _meinige_ sein; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

Die Lainez lächelte, zuckte die Achseln. »Wir werden ja sehen!« sagte sie einsylbig. -- Justinen genügte dieses nicht.

»Sie sollen die Sache nicht unentschieden lassen,« sagte sie lebhaft: -- »Sie müssen sich _mir_ gefangen geben, oder mich gefangen nehmen. Mein Charakter ist leicht zu erkennen, zu ergründen. Glauben Sie etwa, er passe, trotz seiner Gewohnheit, Alles durchzusetzen, unter das Joch, dessen Sie erwähnten?« --

»Fürchten Sie sich vor einem härtern, unerträglichern,« entgegnete Lainez hastig: »Sie gehen mit der Unbefangenheit, -- ich möchte sagen, -- Unbesonnenheit einer zuversichtlichen Jugend einem Bunde entgegen, zu welchem, wie Sie es auch läugnen wollen, das Herz, die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines Mannes, der Ihnen nicht mißfällt, den Sie aber auch nicht lieben. Diese Leidenschaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr beschränktes, einförmiges Leben einst der Mann tritt, der Ihre Gefühle mit Siegergewalt an sich reißt; der es versteht, Sie, die Unbewachte, zu bezwingen. Hätten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hause errungen -- vor dem Fremdling müßten Sie dieselbe niederlegen!«

Justine sah, bis unter die Haare erröthend, die Lainez starr und verwundert an: verzog dann spöttisch den Mund, und erwiderte: »Sie sprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht. Sollten auch diese zu Ihren Erfahrungen gehören? Sorgen Sie nicht für mich: die _Ehre_ ist der Harnisch, der mich gegen den Versucher wappnen soll.« --

Die Wittwe verstand sehr wohl die rauhe Antwort; sie erhob sich schnell und gekränkt von ihrem Stuhle, schob die Arbeit von sich, und trat an's Fenster, Justinen stumm und beleidigt den Rücken kehrend.

Das Mädchen bemerkte, schnell bereuend, den Eindruck, den seine Worte gemacht. Es näherte sich -- den Vorwurf fühlend, einen unglücklichen Gast gekränkt zu haben, -- der Französin. Zaudernd überlegte Justine, wie sie wohl die Verletzte anzureden habe; -- da gewahrte sie, an dem Stuhle der Lainez niederblickend, ein Papier, das der Aufstehenden entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Wittwe, und sagte ihr freundlichernst: »Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht lange, was ich sagen will. Es that mir aber leid, Ihnen so unsanft geantwortet zu haben. Vergeben Sie, und nehmen Sie ihren Platz wieder, wie dieses Papier, das Sie verloren.«

»Sie sind ein heftiges, liebes Kind,« entgegnete die Lainez, und wendete die Augen voll Thränen der Reuigen zu: »Wer wollte Ihnen nicht vergeben?« Sie umarmte dabei Justine, und drückte, zum ersten Male, Küsse auf die Stirne, die Augen und den Mund des Mädchens, die wie Flammen brannten, und Flammen auf Justinens Antlitz riefen. Dann fuhr die Französin, ruhig werdend, zu der Errötheten fort: »es ist möglich, meine liebliche Freundin, daß ich mich, von Besorgniß für Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrücke bedient habe, die Sie auf den Argwohn führen konnten: es sei mir darum zu thun, Ihren Geist, Ihr Herz in Unruhe zu versetzen, und gewissermaßen den Versucher selbst zu spielen. Verbannen Sie dieses Mißtrauen! Glauben Sie an meine harmlose Zuneigung. Dieses Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, führt den Beweis für mich. Es ruht seit vorgestern in meiner Tasche, und ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe zu erschüttern. Jetzt aber, da der Zufall es in Ihre Hände gegeben, da ich nun weiß, wie fest Ihre Entschlüsse stehen, mögen Sie es eröffnen, und sich von meiner Diskretion überzeugen.«

Justine that neugierig und gespannt, wie ihr die Lainez hieß. Bekannte Schriftzüge. Sie las dieselben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge, verrätherischer vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift, bis sie zu Ende war. James, der aus Justinens Nähe verwiesene James schrieb:

»Wie auch immer Ihre Gesinnung, Madame, sich gegen mich entschieden, -- ich sende Ihnen diese Zeilen: Saatkörner, die auf ein wirthliches Feld fallen mögen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich höre, bei _Ihr_! Sie wohnen in dem Paradiese, aus dem mich leichte Schuld und eine allzustrenge Tugend verbannt hat! Sie athmen die Himmelsluft, und ich erstickenden Nebel, der mein Glück mit dem Trauerflor eines ewigen Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schooß der Seligkeit, dem Armen in dem Gefühle der Verzweiflung einen kühlenden Tropfen versagen, daß seine brennende Lippe sich labe? eine einzige Wohlthat, die Ihnen nur ein Wort der Fürsprache vor dem Throne der Gnade kostet? Madame, Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit einer Sylbe sagen, daß _Sie_ mir vergiebt!«

Justine legte das Blatt auf den Tisch, zog ihr Schnupftuch hervor, und ging schnell in das Cabinet. Nach einigen Augenblicken kehrte sie wieder; sie hatte geweint, aber die Thräne getrocknet; ihre Wange war blaß, aber ihr Gang sicher. Sie sagte zu der Lainez: »Nehmen Sie diesen Brief wieder zu sich; und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie hart und grausam handelten, indem Sie mir den Brief nicht mittheilten. Was besorgten Sie für mich? Meine Brust ist ruhig, völlig ruhig; ich versichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwärmers, der von seiner trügerischen Gelassenheit völlig Abschied genommen zu haben scheint, ... welche Marter hat er vielleicht in den Paar Tagen ausgestanden -- eine Antwort ersehnend, und keine erhaltend? Schreiben Sie ihm, gewissenhafte Frau. Sagen Sie ihm, daß ich versöhnlich bin: unter der Bedingung, daß er vernünftig sei, und ferner rechtschaffen handle. --«

»Sie sind ein Engel!« erwiderte die Lainez mit vielem Aufwand von Affekt: »ich wagte nicht, hier Fürsprecherin zu sein, und nun ... ja wahrlich: mein Brief wird Balsam für den Armen sein. Gut indessen, daß er, -- wie die Sachen abgeredet sind, -- nicht erfahren kann, daß, und wie bald schon Sie sich vermählen. Welch ein Sturm auf seine heftigen Gefühle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem sich bereits Alles begeben, wird er sie leichter tragen. Denn was einmal geschehen...«

»Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach sie Justine, die Augen starr auf die Arbeit geheftet: »Sie reden wieder in Räthseln.«

»Ei, Mademoiselle,« versicherte die Lainez lustig: »Ihr Scharfsinn und Ihre Weiblichkeit wären mir ein Räthsel, wenn Sie nicht errathen hätten, daß der junge Mann sterblich in Sie verliebt ist.«

»Madame Lainez!«

»Mademoiselle Müssinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich will lieber schweigen.«

»Was halten Sie von Monsieur White?« fragte Justine, nach einer langen Pause; »Sie kennen ihn, glaube ich, genauer.«

»Wie Elias seine Versorger in der Wüste. Er war mein Wohlthäter; kam und ging, je nachdem sein Pflegevater meiner Armuth gedachte.«

»Diesen Pflegevater,« nahm Justine schnell das Wort auf: »diesen Pflegevater -- Sie kennen ihn?«

»Ich habe ihn nie gesehen.«

»Er war neulich ein Gast meines Vaters; der Doctor mit der großen Perücke war's.«

»So? hätte ich das gewußt! Und der edle Mann, der doch meinen Namen hörte, verrieth sich gegen mich mit keine Sylbe....!«

»Das war sehr männlich und gut. Ich gäbe jedoch etwas darum, könnte ich von dem Doctor etwas Näheres erfahren.«

»Welche Theilnahme! Wenn Sie es wünschen, so soll Herr White uns morgen schon die nächste Auskunft geben.«

»Welch' ein Gedanke! Monsieur White wäre der Letzte, den ich zu diesem Zwecke auffordern würde.«

»Ihre Gründe?«

»Mein Geheimniß.«

»Ich bescheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereitwilligkeit des jungen Herrn zweifeln sollten, so bürge ich Ihnen, diesem Brief zufolge, dafür. Aus diesen Zeilen spricht viel Hingebung. Ich bin überzeugt -- Ihnen zu Gefallen -- würde er sich den Pfeilen einer amerikanischen Horde mit so vielem Muthe aussetzen, als der heilige Sebastian es that, um den Himmel zu gewinnen.«

»Welch' ein Gleichniß! Madame: Ihre Scherze sind stumpfe Pfeile.«

»Eine Braut findet Alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame, werde ich wohl meinen armen Sebastian und die wunderschöne verlassene Pulcheria nimmer zu sehen bekommen? Finden Sie Geschmack daran, meine Bilder zu behalten?«

»Warum nicht gar?« versetzte Justine ein bischen verlegen: »ich muß gestehen, daß ich das Medaillon gänzlich vergessen habe.«

»Geben Sie es mir zurück.«

Justine suchte verlegen in den Taschen. »Ich habe den Schlüssel zu meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.«

Die Lainez lächelte. »Recht, meine Liebe,« sagte sie: »bringen Sie nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen sagen, wo es sich befindet. Sie haben es zwischen Myrthen aufgestellt, und ihm ein liebliches Tempelchen hergerichtet; traulich, ungestört, denn Mama und Papa lieben die Blumen nicht sonderlich, und der Wärterin dieser Sommertöchter ist es unverwehrt, dort im sichern Versteck ihren stillen Gottesdienst zu halten.«

»Abscheulich!« rief Justine: »bin ich eine Götzendienerin? Auf der Stelle sollen Sie das Bild haben, das ich in der That an jenem Platze vergessen habe.« -- Sie eilte rasch davon, und brachte, etwas verdrießlich und gereizt das Medaillon.

»Hier, Madame, haben Sie Ihr Pfand zurück.«

Die Lainez nahm es gleichmüthig, und ging damit zu einem Kästchen, das ihre Papiere, und einige aus dem Sturme ihrer Verhältnisse gerettete Angedenken einer bessern Zeit enthielt, und öffnete es. Während sie ein Futteral hervorholte, in welches sie das Medaillon verschloß, und dasselbe in die Chatouille niederlegte, sagte sie scherzend: »Es ist gleichwohl besser gewesen, daß dieses Bild unter jenen Myrthensträuchern und nicht an Ihrem Busen vergessen wurde, Mademoiselle.«

»Wie so?«

»Hm! es soll eine Eigenschaft besitzen, die...«

»Und welche?«

»Die alle diejenigen, welche das Bild tragen, zwingt, katholisch zu werden, oder es zu bleiben.«

»Welche Posse!«

»In der Kapsel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Diese mag das Wunder wohl bewerkstelligen. Aber die Wirkung soll unläugbar sein. Darum wird es,« setzte die Lainez ernsthafter hinzu, »besser sein, wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halse trage. Es möchte sonst aus meiner Bekehrung zu Liebkirchen nichts werden.«

»Sie sprechen etwas leichtfertig von der Wohlthat, wozu ich Ihnen verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben, wovon Sie sprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieses Bild auf meiner Brust tragen, so lange Sie es begehren, ohne von dem thörichten Schwindel ergriffen zu werden, dessen Sie erwähnten.«

»Es käme auf die Probe an,« sagte die Lainez leichtsinnig: »hier ist das Bild;« sie nahm es aus dem Kästchen: sammt der geweihten Kapsel. »Getrauen Sie sich, das übermüthige Wort zu bewähren?«

»Geben Sie her!« erwiderte Justine eben so leichtsinnig und trotzig: »ich verspreche Ihnen sogar, nicht einmal die Kapsel zu öffnen, und die Wunderkraft der Reliquie, wie die Neugierde zumal zu besiegen: ein doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer überzeugen soll!«

»Recht so, meine kleine Heldin!« rief die Lainez, und hing dem Mädchen das Bild um den Hals. »So reizend sich nun wohl dieses rabenschwarze Sammetband auf dem prachtvollen Nacken ausnimmt,« setzte die Schmeichlerin scherzend hinzu, »so wollen wir das Medaillon sammt Band doch sorgfältig unter dem Schleiertuche des Mieders verstecken. Mama könnte neugierig und ungehalten werden -- erführe Sie den Scherz!«

Justine gab ihr Recht und ließ die Wittwe gewähren. Der bald darauf eintretende Bräutigam unterbrach das fernere Gespräch über obigen Gegenstand.

Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu stören, ging aus, und nach und nach versammelten sich der Senator und seine Frau in Justinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Französin, die Geschicklichkeit, mit welcher dieselbe die Spitzengarnitur angebracht; der Vater pries die stille Anspruchslosigkeit der neuen Hausgenossin; Georg schüttelte jedoch den Kopf und sagte: »Die Unglückliche, Heimatlose verdient mein Mitleid und meine Achtung. Mir ist es jedoch angenehmer, daß sie nach Berlin zieht, während ich und Justine nach Amerika ziehn. Französische Nachbarschaft thut weder der Deutschen noch dem Engländer in die Länge gut. Mich freut es indessen, bei dieser Gelegenheit die Herzensgüte meiner tugendsamen Braut kennen gelernt zu haben. Wer sich so freundlich einer Fremden, Hülfsbedürftigen anzuschließen versteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den Gatten stets lieben, die Kinder stets sorglich pflegen. Ich billige es auch sehr, daß Sie, Herr und Frau Senatorin, diesem Hang zum Wohlthun keinen Zwang entgegensetzten.«

»Sie ist das einz'ge Kind;« sagte der Senator lächelnd.

»Sie thut immer, was sie will;« fügte Jacobine langweilig hinzu: »wir sind es schon an ihr gewöhnt, und es wäre nicht mit ihr auszukommen gewesen, hätten wir nicht die Landstreicherin, von der Niemand das Geringste weiß, im Hause geduldet. Freilich hat die Syndikussin sie empfohlen, wie das Töchterchen sagt; aber ihr Köpfchen hatte der Empfehlung nicht bedurft.«

Die Senatorin schwieg, von der langen Rede erschöpft, und alle schwiegen mit ihr. Justine grollte über die ihr zugefügte Beschämung; der Senator über die geringe Lebensart seiner Frau; Georg überlegte, und sinnend ruhte sein Auge auf Justinen.

»Sind Sie so herrschsüchtig?« fragte er plötzlich, und legte seine Hand auf Justinens arbeitende Rechte: »spricht Ihre Mutter wahr?«

»Monsieur....« stammelte Justine, nach einer Antwort suchend.

»O gewiß,« fuhr Georg offenherzig fort: »gewiß scherzte Ihre Mutter nur. In diesen Augen, in diesem Gesicht, das nur Ruhe und Festigkeit ausdrückt, suche ich vergebens nach Trotz und Eigensinn. Nachgiebigkeit und Sanftmuth schmücken ja die Frau. Durch diese Eigenschaften regiert sie den Mann, und erhält ihre Reize.«

»Sie predigen frühzeitig, mein Herr!« versetzte Justine, ihn scharf von der Seite anblickend.

»Man verständigt sich nie früh genug;« sagte er hierauf ohne Heftigkeit: »es ist besser, sich zuvor zu kennen. Unser Brautstand ist kurz: wir können _ihm_ nicht vertrauen. Wir sind riskirende Kaufleute, schließen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Assekuranz. Sein Sie daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht sein. Ich biete _Ihnen_ keine Eisenketten. Wollen Sie _mich_ damit binden? Sagen Sie mir's, damit wir Beide unser Glück und unsere Freiheit retten.«