Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 17

Chapter 173,490 wordsPublic domain

Die Albernheit hält in ihrem Kopfe offne Bank; sagte der Senator eiskalt und verächtlich: Man muß sie verblüffen, da mit Raison nicht anzukommen ist. Ich habe ihr geschworen, daß ich sie als verrückt ins Irrenhaus bringen lasse, wenn sie noch _einen_ Schwank macht, wie gestern an dem tollen Teufelstage. Du stehst mir dafür, daß sie mittlerweile nicht aus dem Hause geht. Die Verläumder, die ihr solche Schandmücken in das Ohr gesetzt, will ich schon finden, schon züchtigen.

Justine freute sich der Ruhe ihres Vaters. Sie schien ihr ein Bürge seiner Schuldlosigkeit. Sie wollte seine Zufriedenheit erhöhen, und sagte: »Sie werden mich loben, Herr Vater. Justine ist gehorsam und eilig, Ihren Wünschen zu entsprechen. Monsieur Birsher kam vor einer Viertelstunde; er hat mit mir geredet; ich trage seinen Verlobungsring. Hier ist er, lieber Vater!«

Des Senators Gesicht verzog sich düster und unwillig. »Warum diese Eile?« brauste er auf: »Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ... Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!«

»Mein Vater...« fragte Justine scheu: »welche Aenderung? sagten Sie nicht gestern?...«

»_Heute_ ist nicht gestern, und gestern _war_ nicht heute!« versetzte Müssinger: »Der Ring muß zurück! Ich wills; ich befehle es dir!«

»Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!« -- sagte Justine von kränkender Beschämung gepeinigt: »was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht als wahnsinnig ausgeschrieen werden! besinnen Sie sich doch, mein Vater!«

»Ihr _seid_ wahnsinnig; du und deine Mutter!« antwortete ihr in der höchsten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commissarien seiner warteten.

Justine schlug staunend die Hände zusammen, fühlte sich an die Stirne, um sich zu überzeugen, daß sie in der That wache und alles Vorige gehört habe. --

»Ich soll nicht fort?« fragte sie sich schmerzhaft! »O nicht doch! fort nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einförmiger wäre, denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in dem sich alles Unheil vereint, um uns sammt und sonders nach und nach um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemüth und Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden mein tägliches Brod _verdienen_, als es unter solcher Seelenangst verzehren zu müssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flüchtigen...«

Sie hielt inne. »Ei, die Lainez!« fuhr sie fort; »wo bleibt die gute Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern könnte? Sollte sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden?...«

Sie zog langsam, zögernd und erröthend, das Medaillon der Lainez aus der Tasche, und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich befallen, aus dem Vorsälchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum einen Kreuzstock breit -- ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf welchem eine Anzahl von Blumenstöcken an Geländer und Wand hingereiht war; von freierer Luft heimgesucht, und durch ein schirmendes Dach vor Sonnenhitze und Regen beschützt. Dieser Blumenwinkel am äußersten Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnstube und Gesindzimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Thüre in Verbindung, in der eine drathvergitterte Glasscheibe angebracht, vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentöpfe, auf einem leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine nieder, und betrachtete, sich zu zerstreuen, und ihrem Vorwitze zu genügen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde indessen kaum ein Blick geschenkt; der schöne Sebastian fesselte ihre Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück geliefert, und der Beschauer wußte nicht, was er vorzüglich daran preisen sollte: die männliche Formenschönheit des Märtyrers, die zu den Sinnen sprach; oder die himmlische Verklärung, die sowohl in seinem Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte, ... oder den magischen geheimnißvollen Farbenzauber, der aus den Blumen hervorging, die aus den stürzenden Blutstropfen des Heiligen sproßten; oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der seine Goldstrahlen um das jugendlich schöne Haupt des Sterbenden legte, -- aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah, und der Heiland und ihre dienenden Engel!

Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke, und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie stellte es endlich, verschämt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufsprossenden Myrthe. Sie dachte sich den Altar hinzu, -- nicht den violettbehangenen der Johanniskirche, sondern den roth und weiß geschmückten aus der Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem ganzen Begriff, und -- siehe da! in blühende schmeichelnde Formen gestaltete sich vor dem Mädchen der römische verpönte Gottesdienst, und es dachte bei sich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln müßten doch schön sein, wie ihr Kirchendienst fröhlich; glänzend und begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und ideal. Da wurde der schweigend überlegenden und prüfenden Jungfrau plötzlich zu Muthe, als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage sie mit seiner ruhigen und männlichen Stimme: »Wozu das alles, liebe Miß? Ich fürchte: was Sie da treiben, sieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen Schauspieldienst, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem er flattere und wühle, und schaue und genieße wie die Biene; denn der Süden zeugt rasches Blut und glühende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute Miß, in der Bahn des Nordens, des gemüthreichen, lang und beständig Empfindenden, zufrieden mit _einem_ Gotte, mit _einem_ treuen Herzen. Und dieses Herz -- bin ich gleich nicht schön wie der pfeildurchbohrte Sebastian, -- nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir gefährlicher wäre, als der todte Heilige -- dieses _treue_ Herz finden Sie in mir!«

Justinens Phantasie hatte ihr eine eben so artige Täuschung vorgemacht, daß sie jetzt selbst verwundert aufsah, ob Birsher wirklich zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge sank zu Boden, aber ihr Ohr wurde von einem kreischenden Schrei erreicht, von der Stimme. »Das Gespenst!« flüsterte sie erschreckend, und hob mechanisch obgleich schaudernd den Vorhang von dem Thürfensterchen. Der Mutter Zimmer war offen; auf dem Sofa lag Jacobine, wie von Convulsionen durchschauert; über den Vorsaal nach der Ausgangsthüre schlurfte langsam eine weiße Gestalt. Vom Schrecken zu einer heldenmüthigen Entschlossenheit übergehend, sprang Justine aus ihrem Versteck, eilte der schnell sich fortbewegenden Gestalt, die diese Dazwischenkunft nicht vermuthet hatte, um so hastiger nach, faßte auf der Schwelle das fliegende weiße Gewand, und rief ihr wacker zu: »Halt! ergieb dich! du allzeit fertiges Gespenst!«

Dieses Letztere hielt nicht, sondern ließ den Oberrock in den Händen der tapfern Angreiferin; ein Mann entsprang dieser Hülle, ließ Perücke und andern Ballast, der ihm zu beliebiger Ausstopfung gedient hatte, feig im Stich, und floh, da von der großen Treppe sowohl der Senator, als mehrere Domestiken auf Jacobinens Geschrei herbeikamen, eine schmale Wendelstiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauses führte. Der Geist rannte hier dem zufällig herankommenden Berndt in die Hände.

»Halt! wer bist du, Deserteur?«

»Laß mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!«

»Was? Dort oben schreit man nach Hülfe? und was gilt's? ich habe hier den Dieb! Halte still, und komm' mit.«

»Kennst du mich denn nicht? Parbleu ... sei kein Kind!«

»Eben deshalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich dich kenne, komm' mit. Deine Zwischenträgerei hat mich um den Dienst gebracht; meine Unerbittlichkeit soll dich zu Schanden machen, du Baalssohn!«

So sanftmüthig auch Berndt diese Rede sagte, so derb packten seine Fäuste den Gegner, und trugen ihn beinahe in die Höhe. Justine, Senator und Gesinde empfingen den Ertappten, und führten ihn vor die Senatorin. Nachdem der Senator hierauf die Domestiken entfernt hatte, um ihnen nicht die Vapeurs seiner Frau und die Scham des entlarvten Geistes länger zum Schauspiel zu geben, sagte er zu Jacobine: »Sieh hier das übernatürliche Wesen, das seit gestern unser Haus umzuwälzen sich bemühte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einspruch in eine Hochzeit zu thun, die ihm mißfiel, und denke daran, daß deine Ungerechtigkeit gegen mich aus eben so nichtiger Quelle fließt.«

»Nothhaft!« rief die Senatorin, plötzlich ihre Krämpfe vergessend, und zornig aufspringend: »Nothhaft! Er niederträchtiger Bursche! Was bedeutet die schändliche Maskerade? Man hätte den Tod davon haben können! Am hellen Tage zu spuken! Den Amerikaner wieder aufleben zu lassen! Meinen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, daß Herr Senator Müssinger Ihn exemplarisch zur Rechenschaft wird ziehen lassen! Auf dem Rathhause, vor allen Richtern und Volk!«

»Ich hoffe, daß der Herr Senator das unterlassen werden,« entgegnete Nothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denselben. »Was in diesem Hause nur als ein unschuldiger Jokus passirte, könnte am geeigneten Orte zum Ernste werden! und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, muß ich mir eben so ernstlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Commis in Ihrem Hause; ich bin mein eigner Herr, und alle Tage fähig, einen Rathsherrn abzugeben, wie Ihr Herr Liebster.«

»Ach Gott! das Lästermaul!« seufzte die Senatorin weinerlich und aufhetzend: »Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er thut, als ob Er Fug und Recht gehabt hätte. Müssinger! wenn du das leidest....«

»Ein Wort, Herr Ex-Principal!« sagte Nothhaft unverschämt, und zog den Senator bei Seite: »wir wollen uns nicht über die Gründe verbreiten, die mich zu der Vermummung bestimmt haben. Ich thue Ihnen damit einen Gefallen, so wie ich den ganzen Plan zu _Ihrem_ Besten allein angelegt habe. Vor der Hand lasse ich Ihnen noch die Wahl, mich als Schwiegersohn anzunehmen, und den Amerikaner aus dem Hause zu weisen, oder versichert zu sein, daß meine schonende Freundschaft für Sie ein Ende erreichen wird.«

»Er ist ein schlechter Mensch!« polterte der Senator hitzig: »was werde ich auf seine elenden Drohungen geben? Packe Er sich aus meinem Hause! Ich habe Nichts mit Ihm gemein. Setze Er sich in seine Heimath hin, und rathe und verkaufe und spucke Er fort so viel als Er will. Ich warne Ihn, sich ferner hier betreten zu lassen. Ich würde sonst meine Anklage bei dem Polizeiaufsichter anbringen müssen, während ich jetzt noch den Scandal, den Er verursachte, mit Schweigen übergehen will.«

Nothhaft schnitt ein grimmig saures Gesicht. »Na!« sagte er trotzig: »ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum in's Kamin, Wünsche allerseits wohl zu leben. Und Sie, meine beste Jungfer! bittet Sie nicht ein wenig um Pardon für mich, da Sie mich doch eigentlich in die saubere Patsche versetzt hat?«

»Ich freue mich, Monsieur, Ihn ertappt zu haben, während sich Männer vor dem Popanz fürchteten,« versetzte Justine spöttisch: »ich bin nicht vergnügt, daß nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich schon längst von Ihm behauptete: daß Er eine bösartige Kröte ist, und damit Punktum.«

»Damit noch nicht Punktum!« erwiderte Nothhaft frech und ergrimmt: »ich werde die Ehre haben, so Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu lassen. Er aber, Mosje Berndt! Er wahre seine Ohren! Gott befohlen!«

»Du ruchloses Höllenkind!« rief Berndt dem Davoneilenden nach: »der leidige Gott sei bei uns muß wenigstens dein Großvater gewesen sein!«

Der Senator hatte indessen seine Partie genommen. Die alte Energie schien in den Mann zurückgekehrt zu sein. »Keine unnöthige Bethbruderei!« sagte er scharf, aber freundlich zu dem Augenverdreher: »wir müssen vor der Natter auf der Hut sein. Seh' Er nach, daß der Bengel seine Effekten noch in dieser Stunde aus dem Hause schaffe. Dann laufe Er, und zeige Er auf der Börse an, daß Nothhaft nicht mehr in meinen Diensten steht. Lasse Er merken, daß er mit Schimpf und Schande aus dem Hause kömmt. Aber von der Gespenstergeschichte kein Wort. Sonst bleibt's beim Quartalabschied. Unterdessen bedanke ich mich bei Ihm schönstens.«

Berndt eilte, vergnügt über seine gesicherte Existenz, den Befehlen des Principals zu genügen. Der Senator wendete sich zu Justine: »Dir, mein Mädchen, danke ich in's Besondere. Dein Muth hat uns die Augen geöffnet. Der Bursche wußte, mit wem er's zu thun hatte. Zu mir kam er in der melancholischen Nacht, -- meiner leichtgläubigen, schreckbaren Frau erschien er am Mittage, -- wahrscheinlich, weil das Gespenst am Abend nicht durch die verschlossene Thüre dringen konnte. Auf den Aberglauben der Dienstleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht wagen. Allein zu Justine kam er nicht. Er hat das Mädchen mit Recht gefürchtet. Mir bleibt jetzo noch Einiges zu thun. Meine Gegenwart ist im Hause entbehrlich. Ich war bei Eröffnung der Schränke. Man hat sich überzeugt, daß alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen, Justine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der schmalen Stickerei. Den Mantel, den Degen! Ich muß zum zweiten Bürgermeister gehen. Der Kerl von Nothhaft muß aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe er mir Stänkereien macht: ich fürchte, der Bursche hat tausend Kniffe im Kopfe. -- Ich werde auch dem Steuercommissär meinen Besuch machen. Ich werde ihn ernstlich wegen des Geschwätzes seiner Frau bedrohen. Beruhige dich, Jacobine! du sahst, daß der Geist des Verstorbenen ein Posse war. Du wirst einsehen, daß die Commissärin in dem, was sie dir auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lüge gesagt hat.«

»Das gebe Gott!« entgegnete die Senatorin phlegmatisch und die Hände in dem Schooß faltend: »ich reiße mich nicht gerne aus meiner Ruhe, und verlasse nicht mit Plaisir dieses Haus. Aber, wenn du in der That ein so schlechter Mensch wärst, wie die Leute sagen....«

»Schweig!« unterbrach sie der Senator finster, denn Justine kam mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Während Müssinger sich in den Interimsstaat der Rathsherren warf, kam auch Georg Birsher hinzu. »Ich komme, Ihnen für die Bewahrung meines Eigenthums zu danken,« sagte er zu dem Senator: »welche Gerüchte haben sich jedoch zu meinem Ohr gefunden? Meines Vaters Geist soll sich gezeigt, und sich endlich, von einer muthigen Amazone ergriffen, in einen Ladenschwengel verwandelt haben?«

»Dummes Zeug!« erwiderte der Senator verdrießlich: »das Domestikenvolk hat doch tausend Zungen. Beruhigen sich Ew. Edeln. Es war ein einfältiger Nebenbuhlerstreich.«

»So?« versetzte Birsher lächelnd: »die Bosheit scheiterte sicherlich an Ihrem Ringe, beste Jungfer Braut. Die Wilden meines Vaterlandes beschenken sich mit solchen Talismanen, und vielleicht ist dieser Ring ein solcher. Erlauben Sie, Verehrteste, daß ich Ihren Heldenmuth und Ihre Treue mit diesem Diamantschmucke belohne, der freilich schon Ihr Eigenthum ist. Die Rose von Edelsteinen, die ich ebenfalls in dieses Kästchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner allerwerthesten Schwiegermutter, als ein dürftiges Pfand meiner Ergebenheit zuzustellen.«

Er hielt dem Mädchen freundlich das geöffnete Etui hin, aus welchem ein Meer von Demantenglanz strahlte. Die Senatorin zwinkerte lüstern mit den Augen; Justine, ein weigerndes Compliment machend, las in dem Gesichte des Vaters, dessen Sinnesänderung sie beunruhigte. Der Senator bemerkte ihre Verlegenheit, und fuhr rasch und lebendig dazwischen: »angenommen meine Tochter!« sagte er freundlich und dringend: »alles geht wieder im rechten Gleise! Die Stimmen aus der Unterwelt haben gelogen, und im Uebrigen.... will ich schon fertig werden. Ew. Edeln werden also mein Schwiegersohn!«

Die Senatorin hatte sich der Diamanten bemächtigt, und bekräftigte des Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knix. Der Amerikaner umarmte den Senator, küßte der Senatorin beide Hände, der beruhigten Justine beide Wangen und die Stirne.

»Eine Bedingung indessen!« fuhr der Senator zwischen beide Verliebte tretend fort: »ich trage an Sie, bester Sohn und Handelsfreund, eine heilige Schuld ab, indem ich Ihnen meine Liebste gebe. Ich habe jedoch meine Gründe, warum ich die Heirath für's Erste ganz geheim gehalten, und endlich in Bälde und Stille gefeiert wissen will, damit nicht ferner eine Albernheit dazwischen komme. Mein Buchhalter und --« hier seufzte er -- »Doctor Leupold schweigen wie beeidigte Männer. Knall und Fall! heute über acht Tage die Copulation in Liebkirchen; und dann, mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott befohlen!«

»Wenn Justine mein wird,« sagte Georg, »so bedarf ich keines Gepränges, und so wenig ich mir's nehmen lassen werde, zu New-York mit einer hübschen Frau groß zu thun, so wenig dringe ich hier -- in der fremden Stadt -- auf diese Befriedigung meiner Eitelkeit. In vierzehn Tagen ungefähr geht ein holländisches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach Amerika unter Segel. Ich werde an van den Höcken schreiben, daß er dessen Cajüte für uns miethe. Bis dahin sind wir zu Amsterdam und reisefertig. Nicht wahr, Justine?«

Justine nickte stumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin Gesicht zeigte sich sogar ein flüchtiger Wehmuthsschatten des Gedankens an Justinens Scheiden. Dem Senator gingen die Augen über. Er drückte Allen hastig die Hände, und entfernte sich rasch, seinen Geschäften nachzugehen.

Das Herz wurde ihm leichter: er sah Nothhafts Koffer von den Packknechten nach dem Gasthause schaffen. Sein Herz wurde ihm schwerer: der Doctor begegnete ihm bald hierauf.

»Nun, mein verehrter Herr?« fragte der Jesuit zutraulich und forschend: »Ihr Gesicht trägt das Gepräge eines reuigern Sinns? Gewiß haben Sie Ihren Entschluß gefaßt, und sind mit Ihrem Gewissen auf's Reine gekommen.«

»Das bin ich, hochwürdiger Herr,« sagte der Senator hierauf muthig, und zu der Waffe des Doppelsinnes greifend: »ich werde in Bezug auf meine Tochter thun, was Recht ist.«

»Dafür segne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes!« erwiderte der Doctor mit Salbung, und verließ den ungeduldig Fortschreitenden. Während dieser zum Bürgermeister wanderte, um bei demselben gegen Nothhaft zu procediren, und hierauf den Steuercommissär aufsuchte, ihm zu sagen, daß dessen Weib sich unterstanden, gegen seine Ehefrau schändliche Injurien und Calumnien über ihn an den Tag zu legen, -- und dem Commissär zu drohen, im Wiederholungsfalle seine geschärfte Klage vor den Gerichten anzubringen, -- während dessen traf der Doctor Leupold sehr zufrieden mit Superior und dem Schiffscapitän auf der Mailbahn am Schwanenmarkte zusammen. Der Capitän war in seiner Uniform, der Superior als Quäcker gekleidet. Die Anhänger dieser Secte waren dazumal selten zu schauen, und von dem Volke sehr geehrt, weil die sonderbare Einfachheit des Aeußeren Vieles von dem Innern hoffen ließ. Der Lakonismus dieser Leute, die Gewohnheit derselben, den Hut auf dem Kopfe zu behalten, ihre schmucklose Kleidung und ihr schulmeisterlicher Gang sagten dem Superior als Larve vorzüglich zu, um darunter Tonsur und Priesterschaft zu verbergen. So zufrieden der Doctor zu den Herren trat, so unzufrieden waren diese gegenseitig, wie Leupold bemerkte. Der Superior blickte sehr vornehm und niederschmetternd vor sich hin. Der Capitän sah verdrüßlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem Sand stochernd, rief er den nahenden Doctor an, sagend: »Sehr recht, mein würdiger Herr, daß Sie kommen. Der sehr geehrte Herr und Freund zu meiner Seite hat mich auf's Korn genommen, und will mir den Spiegel sammt Mast und Korb und Raaen mit _einer_ Ladung zerschmettern. Helfen Sie mir auf. Bezeugen Sie, daß ich der ehrlichste niederländische Schiffscapitän bin, der jemals die See befuhr. Ist es wahr, daß ich schmutzige Procente von meiner Fracht nehme? Ist es wahr, daß ich Seelen-Verkäuferei und Negerspedition nebenbei betreibe, und somit meine Fracht an Qualität und Quantität in Gefahr setze und schmälere?«

»Ich habe keine Beweise dafür,« versetzte der Doctor: »die Correspondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr Tormerpick, und wenn der sehr ehrwürdige Herr an Eurer Seite dasselbe behauptet, so muß er wohl genauer unterrichtet sein!«

»Den Donner auch!« sagte Tormerpick mit galligem Ausdruck: »Es sollen mich hunderttausend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr ist; so wahr ich Jahn Tormerpick heiße und mein Vater, der wackerste Steuermann, von einem Hai gefressen wurde; Gott habe ihn selig. Wahr ist's, daß die Verläumdung am besten Rufe am eifrigsten nagt, und ich will gar nicht läugnen, daß darauf hin meiner Redlichkeit mancher unpassende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber stets zurückgewiesen habe? Bei allen Signalen: dort läuft just einer, der mir gestern Abends in der Schenke eine dito Eröffnung machte!«

Der Kapitän deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer über die Straße ging. Der Doctor lächelte, an seine Unterredung mit dem Menschen gedenkend. Der Capitän nahm's für ein ungläubiges Lächeln, und betheuerte seine Aussage mit einem seemännischen Kraftworte.

»Es waren ihrer zwei beisammen,« sagte er ausführlicher: »der Mensch dort -- wie er mir sagte: ein Ladenschwengel aus einem vornehmen Hause allhier; und ein Anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von seinem Principal weggejagt worden sein mußte, so abgerissen und liederlich sah er aus. Die Burschen tranken Bier und schwatzten von Hamburg, von dem Lotto, ... weiß Gott! wovon? Endlich schlief der Hamburger, der am Meisten geschrieen hatte, ein, und der Andere kam auf mich zu, und erzählte mir von einem jungen englischen Rindfleischesser, dessen er gern gerathen möchte, wenn ich demselben eine Kommißbrodpfarrei zu Batavia verschaffen wollte. Nun wissen Sie wohl, meine geehrten Herren, daß man für einen achtzehnjährigen englischen Burschen, der noch obendrein von guter Familie sein soll, einen ordentlichen Batzen Handgeld bekömmt, und daß mancher Capitän im Dienste unserer hochmögenden Herren eingeschlagen haben würde, -- wäre es nur aus Tück und Tort gegen die Hallunken von England, und weil sogar die Transportkosten bezahlt werden sollten; -- aber Capitän Tormerpick hat den Werber derb heimgeschickt, daß er nicht mehr anfragen soll!«

»Armer James!« dachte der Doctor bei sich, der nun den Zusammenhang begriff; dann setzte er laut bei: »ich möchte Euch wahrhaftig nicht rathen, Capitän, in den Handel einzugehen. Ich kenne den bezeichneten Jüngling und prophezeie Euch schlechte Folgen, wenn Ihr Euch an demselben vergreifen solltet.«

Der Capitän machte ein sehr langes und albernes Gesicht; der Superior setzte mit einem sehr finstern hinzu: »Ueberhaupt, Capitän, gebe ich Euch noch die Weisung in den Kauf, in Zukunft Eure Taxe, Zoll-Listen und Spesen billig einzurichten. Die Gesellschaft möchte ansonst leicht dazu bewogen werden, unter den holländischen Capitänen einen Stellvertreter für Euch zu erwählen. =Quod notandum!=«