Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 16

Chapter 163,615 wordsPublic domain

»=Bene dixisti=, Pater Münzner. Eitel und verliebt. Die Französin sieht überall hervor, und ihr Mann hat nicht so viel an ihr verloren. Es hat ihr indessen eine Zeitlang mit Proselyten recht geglückt. Sie ist sehr fromm und möchte die ganze Welt in's Paradies bringen. Eine lustige, schnackische Frauensperson im Uebrigen; nimmt nichts übel, und hat dem Pater Provinzial, der sie mir empfohlen, viele trübe Grillen verscherzt. Sie weiß allerlei von Sr. Hochwürden zu erzählen, und hält sich damit oben, so daß ihr =Sub manu= eine ewige Versorgung aus der zu ähnlichen Zwecken bestimmten Kasse versprochen wurde. Hierin wurde aber eine kluge =Reservatio mentalis= beliebt. Ködert sie nicht mehr, so steckt man sie in ein Kloster, und damit gut. Die Schwestern mögen sie dann füttern. Also _hier_ hat sie wenig genützt?«

»Das Wichtigere hat sie vor kurzer Zeit übernommen: die Bekehrung der Tochter jenes Senators. Aber ein unseliger Zufall reißt hier alle Hoffnung ab.«

»Wie so?«

Der Doctor erzählte von der Ankunft des Verlobten, der seinen Heirathsantrag erneuernd, im Begriff stehe, das Mädchen unwiderruflich in ein protestantisches Land zu führen.

»=Pessime!=« rief der Superior: »das darf nicht geschehen. Das Mädchen, als einzige Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens muß der Kirche zugewendet, und von dem Anglikanen abgezogen werden. Wir hätten =pro Studio et labore= nichts als das leere Nachsehen? Nein, lieber Pater Münzner! lassen Sie uns in die Fußstapfen unserer würdigen Vorgänger treten, die auch nicht vom Heller des Armen ihre Collegia und Prozeßhäuser erbaut haben.«

»Wie wollen Sie aber vorbauen, Pater Superior? Ich mißbillige die Sache, weil es mich schmerzt, ein unschuldiges Schäflein auf ewig von der Heerde, der es sich näherte, getrennt zu sehen, -- aber ich begreife nicht, wie....«

»Sie begreifen nicht? Sind Sie nicht der Beichtvater des Senators? Pressen Sie sein Gewissen in die Schrauben ihrer gerühmten Dialektik. Einem gewandten Beichtvater ist nichts unmöglich. =Experienta docet=. Während Sie sein Herz mit den Sturmblöcken einer zerschmetternden Rhetorik belagern, ihm sein Kind im Feuer der Verdammniß zeigen, -- mag die Lainez von der andern Seite dem Mädchen kräftig, schlagend zusetzen. Ich habe schon Meisterstücke in dergleichen Angelegenheiten, -- =Caeteris paribus=, -- verrichten gesehen, selbst verrichtet.«

»Der Glaube ist in dem Senator nicht sonderlich stark genug, um...«

»=Res indifferens!= So greifen Sie seine schwachen Seiten an. =Cum auxilio divino= muß Alles gehen. Die Lainez soll nicht saumselig sein! =periculum in mora=! Das Mädchen wird allerdings auch seine schwachen Seiten haben. Die Weiber sind gebrechlich. Ist unsere liebe Tochter in Hoffnung nicht etwa verliebt? Da könnte Ihr Pflegesohn benützt werden.«

»O weh! Steh uns der Himmel bei. _Er_ ist in das Mädchen verliebt. Justine zeigt aber keine Spur von Empfänglichkeit. --«

»Ein kalter Frosch? Desto besser. Sie muß in's Kloster; unserer Gesellschaft alles zuwenden, bis auf ein Pflichttheil für die Schwestern. Sie sagen, man schätze den Senator auf dreimal hunderttausend Thaler? Und diese Summe sollte uns entgehen? =Minime=, Pater Münzner. Alles zur größern Ehre Gottes!«

»Sie legen mir da ein hartes Probestück auf,« versetzte der Doctor seufzend: »um des Eigennutzes willen....! ja, wenn es einzig die Sorgfalt für des Mädchens Seelenheil gälte! --«

»Bilden Sie sich das ein, Pater Münzner. Ich erlaube es Ihnen. -- Aber, lassen Sie ja den goldgefiederten Vogel nicht aus. Und, -- beharrt das Mädchen auf Widerspenstigkeit, so muß es möglich gemacht werden, daß sie der Vater enterbt. Es _muß_ möglich gemacht werden, Pater Münzner! Verstehen Sie mich wohl?«

»Ich verstehe;« antwortete der Doctor niedergebeugt.

»Nie sind die Zeiten schwieriger gewesen, als jetzt;« fuhr der Superior ruhig fort: »die langen Kriegsjahre haben das flammende Verlangen der Gläubigen, der Kirche wohl zu thun, gedämpft. Der Handel hat durch Kapereien gelitten. Viele fähige Studenten werden auf Kosten der Gesellschaft erhalten, gebildet, versendet. Man muß zu allen Hülfsmitteln greifen, um die überschwenglichen Kosten unserer Arbeiten zu decken. Die dreimal hunderttausend Thaler dürfen nicht nach Amerika! Der Wiklefit soll abziehen, oder -- wenn Alles nichts hilft ... nun, wir werden sehen. Ich verpflichte Sie, Pater Missionär, Morgen alsobald Ihre Bemühungen, mir zu gehorsamen, anzutreten. Thun Sie die ersten Schläge, während ich mit dem verschmitzten Tormerpick Abrechnung halte. Wenn Ihrem Scharfsinn, was ich Ihnen andeutete, gelingt, -- und es _muß_ gelingen, -- so sein Sie der vortrefflichsten Note in meinem vierteljährigen Censurbericht an den General vergewissert.«

Der Doctor, wenn schon im Herzen tief verwundet, verbeugte sich, wie es der Gehorsam erforderte, und brachte eine qualvolle Nacht unter dem Kampfe seines Gewissens, und der Pflicht, die er beschworen, zu. -- James, der ihm am nächsten Morgen mit rothgeweinten Augen entgegentrat, zerriß seine Seele noch mehr.

»Mein Vater!« sagte ihm der junge Mann, auf dessen Zügen der Schmerz saß: »ich kann nicht in das Noviziat treten. Ich kann nicht, und sollte es mein Unglück sein!«

»Du mußt!« erwiderte ihm der Doctor streng, und drehte sich von ihm, daß er das Mitgefühl nicht in den Zügen des Pflegers lese.

»Ich muß nicht, mein Vater!« fuhr James mit kalter Entschlossenheit fort: »ich bin kein Leibeigener. Ich will Ihnen im Orden keine Schande machen. Ich tauge nicht dazu; ich verabscheue mich selbst, um der Winkelzüge, zu welchen ich mich brauchen ließ. Haben Sie Mitleid mit mir, Sie, mein zweiter Vater!«

»Der Pater Superior nimmt mir meine Pflichten gegen dich, sammt meinen Rechten auf deine Person ab;« erwiderte der Doctor, wie oben: »fasse und füge dich.« --

»Ich mich fassen? ich mich fügen?« rief James, wie außer sich: »Ich soll mich in Klosterfesseln schmieden...? ich, der die Fesseln dieses _Lebens_ nur mit Mühe trägt?«

»Mensch!« sagte der Doctor hierauf erschrocken, und sah dem Jüngling aufmerksam ins Auge: »Was sollen diese Worte bedeuten?«

»Meinen Ueberdruß an der Welt, Vater; meinen Ekel am Dasein. Ich bin zum Unglück geboren, wie die Meinigen zum elendesten Tode. Hier lächelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern der Wonne; ... ich fühlte Seligkeit!«

»Die Seligkeit eines Thoren! Die Verzuckung des heidnischen Bildhauers vor einem Marmorbilde!«

»Nein, mein Vater! ich war kein Thor; ich bin es nicht! Noch jetzt erhält mich der Gedanke, daß Galathee im Innern der kalten Brust Leben für mich empfindet! Aber -- wenn das Geschick befiehlt, -- wenn sich erwahrt, was die Lainez mir so eben vertraute, -- wenn Justine einem Andern angehören soll, -- dann höre ich auf, zu leben; bei Gott! ich höre auf, zu sein!«

»Wohlan!« entgegnete der Doctor bitter und verletzt: »so höre auf, wie tausend Narren deines Nebellandes, deren leeres Gehirn sich an der Leere ihres Lebens langweilt; höre auf, wie ein insolventer betrügerischer Schuldner, und überlasse mir, dem Getäuschten, die Last, deine Schulden an deine Ernährer zu bezahlen!«

»Mein Vater!« stammelte James, von Scham ergriffen: »Was sagen Sie? O, Sie haben Recht! Ich gehöre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und den Obern verschuldet! ich bin Ihr Sklave! O, so machen Sie mich zu Gelde! Verkaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und Thränen arbeiten muß, um das Jahr zu bezahlen, das mir Ihre Wohlthaten fristeten!«

»Undankbarer, roher Mensch!« sagte der Doctor unwillig: »So gehe hin und suche den Tod in eitlem Wahne. Du sollst mir nicht noch einmal vorwerfen, wie wenig ich für dich gethan.«

Der erschütterte Ton des Doctors machte den besten Eindruck. James stürzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf seine Hände. »Ich soll leben? ich _will_ leben!« schluchzte er; »aber wie wird es möglich sein, wenn Justine des Amerikaners Weib wird?«

Den Doctor traf's durch's Herz. Er blickte nach dem Gemache, in welchem der Despot seiner Handlungen noch schlief, erinnerte sich seines qualvollen Geschäfts, neigte sich zu James und -- um wenigstens _eine_ gute Frucht aus der hinterlistigen That zu gewinnen, die er vollbringen sollte: die Beruhigung einer verzweifelnden Seele -- sagte er ihm: »Justine wird nicht des Amerikaners Weib!«

Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu besuchen. Ein finsterer, wolkenumzogener Tag paßte vortrefflich zu seiner Gemüthsstimmung. Während des Gehens wollte er beten, -- aber dunkle Gedanken durchbrachen in Massen sein Gebet. In sich gekehrt, betrat er Müssingers Haus. -- »Sind der Herr Senator oben?« fragte er mit gesenktem Auge einen Menschen, der ihm entgegenkam. -- »Ja, Monsieur;« antwortete man ihm kurz und unhöflich. Der Doctor sah auf. Nothhaft war der grobe Bescheidgeber, und nicht wenig erstaunt, den Mann vor sich zu schauen, mit dem er vorgestern einen Handel hatte abschließen wollen. Auch der Doctor erinnerte sich seiner. »Sieh da, Monsieur!« sagte er: »finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehrter?« -- »Ich weiß nicht, was Sie wollen!« schnauzte ihn der Andere überrascht, verlegen, und unerkannt zu sein wünschend, an: »Ich kenne Sie nicht, Monsieur!«

_Er_ zum Hause hinaus; der Doctor die Treppe hinan. Des Senators Gesicht trug alle Spuren einer mühselig durchwachten Nacht, und kaum verzog sich seine Lippe zu einem matten Willkommslächeln, als der Beichtiger eintrat.

»Sie finden mich schwach und krank,« sagte Müssinger, wieder in die Kissen seines Ruhebetts zurücksinkend; »doch ist mir Ihre Gegenwart von hohem Werthe. Ein stürmisch rollendes Geschick hat mich, so zu sagen, an Sie gebunden, während alle Wesen, welche die Natur mit mir verband, von mir abfallen zu wollen scheinen, und selbst übernatürliche sich in mein Verhängniß mischen. Eine Frage, hochwürdiger Herr: glauben Sie, daß zwischen Sterblichen und abgeschiedenen Geistern von Sterblichen ein Rapport eintreten kann?«

Der Doctor stutzte. »Die Philosophie unserer Religion, und häufige, von Zweiflern vergebens bestrittene Erfahrungen weisen mich an, Ihre Frage zu bejahen.«

Der Senator seufzte tief, und stützte das wankende Haupt in die kraftlose Hand. »Hören Sie an,« erwiderte er alsdann: »was mir in den Spätabendstunden des gestrigen Tages begegnet ist. Von den mancherlei Gemüthsbewegungen, die mich erschüttert hatten, wie von quälenden Mißverständnissen in meiner Häuslichkeit ermüdet, war ich in meine Stube gegangen, um zu ruhen und einen erquickenden Schlaf zu thun. Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Fürsorge verdanke, die Lampe brannte dunkel; aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich, den flackernden Docht zu putzen, -- da schaue ich zufällig nach der Thüre, und diese steht halb offen, -- und zeigt mir eine Gestalt, die mich erbeben macht, die leichenhafte Gestalt des seligen Birsher in seinem weiten weißen Ueberrocke, den er zuletzt trug, -- mit hohlen, starrenden Augen. Ich will rufen, -- die Kehle ist mir zugeschnürt. Die Erscheinung öffnet dagegen den schaurigen Mund, und ich vernehme die dumpfen Worte: Du hast mich umgebracht, und willst auch die Tochter tödten? -- Nicht nach Amerika! Wehe sonst! -- Wie Todtenglocken sausten die Töne in mein Ohr, und im Nu verflimmerte das Gespenst vor meinen angstvollen Blicken. Sein Abschied löste die Bande meiner Zunge. Außer mir stürzte ich in einem Sessel um, rief nach Hülfe; Justine kam, Leute kamen. Die Erscheinung ist von einigen gesehen worden, und spurlos verschwunden. Ich befinde mich im gräßlichsten Seelensturm. Rathen _Sie_, reichen Sie mir den Anker des Heils!«

Der Doctor combinirte, still vor sich hinschauend, des Senators Aussage mit dem Behaupten der Lainez, und betrachtete diesen Zwischenfall als einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen Zwecks.

»Eine seltsame Begebenheit!« sagte er bedächtig und ernst: »der innigsten Prüfung werth. Es scheint, als ob in der Zukunft Unheil brüte, ... als ob der Geist des Abgeschiedenen, der Ihre Tochter lieb gewonnen hatte, dieselbe zu retten, seinen Wohnort verlassen, ein nothwendiger, warnender Helfer!«

Der Senator nickte stumm mit dem Kopfe. »Was würden Sie an meiner Statt thun, ehrwürdiger Mann?« fragte er.

Der Doctor zuckte die Achseln. »Fragen Sie lieber,« sprach er, »was ich _vor_ jener bedeutungsvollen Erscheinung gethan haben würde. Ich hätte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Diese Leute sind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Besseres bringen. Nennen Sie dieses Vorurtheil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die sich ewig Widerpart halten, so verflicht das Schicksal öfters gewisse Menschen in gegenseitige Feindseligkeit, ohne daß sie es ahnen. Wenn wir annehmen, daß mancher Tag, manche Stunde wichtiger ist, als die übrigen,-warum nicht auch ein Menschenloos vor dem andern? Ich hätte Justinen dem jungen Manne nicht versprochen, nicht dieses Einschreiten einer unbekannten Macht herbeigerufen!«

»Ich war so heiter geworden,« versetzte der Senator, »ich sah eine furchtbare Wildniß, die mich entsetzt hatte, plötzlich geebnet. Sie wissen es: wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den gefürchteten Gast gerüstet. Statt des Zürnenden, Argwöhnischen erschien jedoch ein Friedensengel, ein Johannes an milder Güte und Vertrauen. Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern ... ich mochte es nicht,« setzte Müssinger stockend bei, »um oben den Schatten des Vaters zu versöhnen.«

»Unglücklicher!« sagte der Doctor mißbilligend: »Kaum in den Schooß der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohlthaten? War nicht schon jede Sünde von Ihnen gewichen durch meine Absolution? Bedurften Sie noch eines Sühngedankens, der an heidnischen Irrthum gränzt? Mehr noch, Herr Senator: dieser Vorsatz ist ein Verbrechen gegen die liebende Allmutter unserer gottseligen Herde. Sie werfen durch die Verbindung mit dem Protestanten Ihre Tochter in den Pfuhl der Verdammniß, statt sich Ihrer väterlichen Gewalt zu bedienen, sanft und ernst die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!«

»Mein Vater! das kann ich nicht,« entgegnete Müssinger entschlossen: »ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle seinen Weg unter der Obhut des allbarmherzigen Vaters. Ist es dessen Wille, so wird meine Tochter selig werden -- so wird sie zum wahren Hirten gelangen; so Gott will, ohne, wie ich, von einem grausamen Zusammentreffen aller Schrecknisse zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich...«

Er schwieg plötzlich. Der Doctor ergänzte mit strafendem Blicke, »den ich jetzt schon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus. Ihre Verhältnisse haben sich ja so gestaltet, daß, was Sie gethan, ganz unnöthig war. Sie bedurften der Lossprechung nicht, weil der Sohn des Todten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rathes nicht, weil er Ihnen sogar die Gelder schenkte, vor deren Rückzahlung Ihre Oekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewissen schauderte. Sie bedurften meiner Hülfe gegen den Feind nicht, weil sich dieser selbst in Ihre Hände lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wünschten ihn ungeschehen zu machen; beinahe wünschte ich es auch, weil Sie meine Theilnahme und mein Vertrauen auf eine unwürdige Weise mißbraucht haben.«

»Hochwürdiger Herr...«

»Ich gehe von Ihnen; wohl! Bedenken Sie jedoch, daß, indem ich auf immer von Ihnen scheide, mein Segens- und Lösespruch zu nichte wird. -- Sie werden in Ihre Irrthümer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewissensqualen zurückfallen; eine Beute der mahnenden Geisterwelt werden, Ihre Tochter mit Ihnen in's Verderben reißen, und, statt einst mit Clara vereint, himmlische Wonne zu genießen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr Ohr taub geblieben, -- weil Sie die irdischen Stimmen und die Stimmen von Jenseits nicht gehört!«

»Ach! welch' ein Abgrund von Trostlosigkeit und Furcht!« klagte der Senator, den Doctor, der zu gehen Miene machte, zurückhaltend: »Verlassen Sie mich nicht! rathen Sie mir; helfen Sie mir! Mich verläßt der Verstand und Gott, wenn Sie von mir scheiden!«

»Wo bleibt Ihre Entschlossenheit, Herr Senator? Ihr unbiegsamer Charakter?«

»Ich bin nicht mehr Müssinger,« versetzte der Senator tiefgebeugt; »ich kenne mich selbst nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, wo möglich, alles zurücknehmen; aber ... der Betrag jener Wechsel, ... wird Georg denselben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?«

»Sind denn die Wechsel nicht in Ihren Händen? Ich bevollmächtige Sie, zu beschwören, daß Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. -- Sie leisten den Eid mit dem stillschweigenden Sinnesvorbehalt, daß Sie die Nothausflucht auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen bereits angegeben, und Alles ist in völliger Richtigkeit; Ihr Heil bewahrt.«

Der Senator stand entschlossen aber unzufrieden auf, und entließ mit den Zeichen einer völligen Sinnesänderung den Doctor, an welchem Justine hastig und kalt grüßend vorüber zum Vater ging.

»Verhüten Sie doch Unheil, bester Vater,« sagte sie schnell und mit Thränen des Unmuths in den Augen: »Erklären Sie sich gegen die Mutter. Sie räumt ihre kostbarsten Sachen zusammen, -- sie verschließt ihre Schränke, -- sie will heute Abend das Haus verlassen. Welch' eine Schande für uns, wenn das geschieht! Reden Sie mit ihr, und ein grausames Mißverständniß wird sich heben!«

Des Senators bleiches Gesicht verwandelte sich in ein zornrothes. Erschrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Justine zuredend und ermahnend folgte, dem Gemach seines Weibes zu. Jacobine war gerade beschäftigt, aus Schubfächern und Commoden ihre Kleider, ihre Wäsche zu nehmen, und die ungeheuern Schränke damit anzufüllen, die sie, voll von ihrer Aussteuer einst in's Haus gebracht. Sie zuckte etwas zusammen, als sie den Senator wahrnahm, ließ sich jedoch nicht stören, drehte ihm den Rücken, und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter fort.

Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten: »Jacobine! Was machst Du da?« antwortete sie endlich, der Anrede überdrüssig, kurz und verächtlich:

»Du siehst's.«

»Du packst ein?«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich gehe fort; heute noch.«

»Jacobine! von deinem Ehemanne? aus deinem Hause? von deinem Kinde?«

»Ist Justine ein brav Mädchen, so geht sie mit. Wo nicht, desto schlimmer für sie.«

»Lieblose! Blödsinnige!« donnerte Müssinger, kaum seiner mächtig: »Wiegelst du wieder mein Kind gegen mich auf? Was that ich dir, Besessene? Rede endlich!«

Die Senatorin schwieg in galligem Stumpfsinn. Justine, den bebenden Vater betrachtend, und Alles fürchtend, lief auf die Mutter zu, fasste deren Hände, und bat weich und flehend: »So reden Sie doch, Mutter. Beendigen Sie doch diesen gräulichen Zwist. Justine bittet Sie herzlich darum!«

Die Senatorin schob sie heftig von sich, und trieb ihre Geschäfte weiter. Justine folgte ihr ins andere Zimmer, versuchte noch ein Bittwort, und da auch dieses nicht fruchtete, stellte sie sich der ausweichenden Mutter in den Weg, und sagte mit geschärftem Nachdruck: »Sie werden jetzo dem Aergerniß im Hause auf eine oder die andere Weise ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, so wahr ich Justine heiße. Sollen die Dienstleute noch mehr des schändlichen Geredes unter die Leute bringen? Soll mein -- der Unschuldigen Wohl unter Ihrer übeln Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines Herrn Vaters nach, so nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!«

»Unglückskind!« zürnte Jacobine: »hätte ich dich nicht geboren!«

»O du Rabenmutter!« rief der Senator, der ihnen gefolgt war, und nun voll Wuth auf Jacobine zuging: »Bist du denn werth, daß dich die Sonne bescheint?« Seine Hand suchte und fand das spanische Rohr am Kamin. Justine hielt ihn mit aller Kraft zurück. Die Senatorin jedoch, ohne die drohende Bewegung zu fürchten, stellte sich ihm trotzig entgegen, und rief herausfordernd: »Nun, so komm' an! Schlage mich todt, wie den alten Birsher, dessen Gespenst schauderlich im Hause herumgeht, und mit dir, dem Schuldigen, alle Unschuldigen quält, daß sie unmöglich ausdauern können!«

Wie Bildsäulen standen der Senator vor dem Donnerworte seines Weibes, -- Justine vor dem Erschrecken des Vaters. Er hatte die entsetzliche Entwicklung nicht geahnt. Justine _hatte_ sie geahnt, -- aber nicht das Verstummen des Beschuldigten, den ihr Gemüth bisher frei gesprochen. Mit Mühe gewann Müssinger seine Sinne wieder und die Sprache. »Lasse mich mit diesem Weibe, deiner Mutter, allein!« sagte er mit erlöschender Stimme, blaß wie der Tod und winkte dem Mädchen zu gehen.

»O du mein Herrgott!« kreischte das Weib: »Er will mich mißhandeln!«

»Bleibe, tolles Weib!« entgegnete der Senator, und zog sie mit solcher Gewalt in einen Sessel nieder, daß sie plötzlich verstummte, sich nicht mehr regte.

Justine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen Scene aus, die sich unter ihren Augen entsponnen hatte. In der Wohnstube kam ihr Georg Birsher entgegen: freundlich, offen, ruhig wie gestern.

»Ich sehe Sie gerne, liebe und gute Miß,« sagte er: »Ihr Anblick ist mir ein Trost vor dem traurigen Geschäfte, das mich erwartet. Die Commissarien des Gerichts werden erscheinen, und mir den Nachlaß des Vaters übergeben. Schenken Sie mir zuvor das Köstlichere: Ihre Gewogenheit.«

»Ich habe nichts gegen Sie, Monsieur,« versetzte Justine, verlegen an der Schürze zupfend: »Was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer Jungfer, wie ich bin, liegen?«

»Viel; weil aus der der Gewogenheit herzlichere Freundschaft werden kann. Sehen Sie, Miß: Als mein Vater sagte: Georg! du wirst heirathen, und das Mädchen nehmen, das ich dir bestimme: ein deutsches wirthliches Mädchen, das mein Correspondent sehr lobt an Eigenschaften und Vermögen! -- Da dachte ich bei mir selbst: In Gottesnamen! Der Vater wills; aber ich kann's schon erwarten. -- Als ich Europa betrat, und hörte, daß mein Vater gestorben, dachte ich: Sein Verlobungswort lebt zwar noch. Wird es mir jedoch zurückgegeben, ist mirs gleichviel. -- Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge sah, und tief in Ihr Herz; -- da wurde es anders. Seitdem denke ich: es würde ein Unglück für mich sein, wenn ein solches Capital mir entginge. Ohne Umschweife denn, meine werthe Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, suche eine ehrliche Frau, und wünsche Sie an dieser Stelle. Was antworten Sie hierauf?«

Justine sah auf die Spitzen ihres Aermels, dann fest und sicher in Georgs festes und sicheres Auge, und sprach ohne Umstände: »Was mein Herr Vater will, ist mir, einer gehorsamen Tochter recht. Ich kann Sie, glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn sie es wünschen; als Ihr Weib und Ihre treueste Freundin.«

Birsher verbeugte sich sehr erfreut, und versetzte: »Wollten Sie mir nicht erlauben, holdselige Braut, einen Kuß auf Ihre Wange drücken, und Ihnen ein Pfand dieser Stunde verehren zu dürfen?«

Justine nickte freundlich, und duldete den verschämten Kuß. Georg zog hierauf einen schlichten goldenen Reif vom Finger, steckte ihn an ihre Hand, und sprach:

»Amerikanisches Gold, ächt und klar wie amerikanische Treue! Der Brautschmuck von brasilianischen Steinen, den mein Vater Ihnen zugedacht, und den ich Ihnen bald überreichen werde dürfen, ist zwar zehnmal schöner als dieser Ring. Ich bilde mir jedoch ein, daß der Ring mehr Werth für Sie haben werde, weil er von _mir_ kömmt, und nicht vom freiwerbendem Vater eines willenlosen Sohnes.«

»Sie charmiren mich durch das artige Präsent!« versicherte Justine lächelnd, und entfernte sich mit dreimaliger Verbeugung, weil die Commisarien sich hören ließen. Im Begriff, dem Vater diese Nachricht zu bringen, begegnete sie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er schien gefaßt. Die Senatorin saß, wie die klaffende Thüre sehen ließ, mit gefalteten Händen, stumpf brütend und niedergeschlagen auf einem Stuhle. Justine wünschte dem Vater schüchtern Glück, zur Beruhigung der Mutter.