Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 15
Justine besann sich eine Weile, ernst und in sich versunken. »Wenn ich nun zweierlei verlangte?« fragte sie mit klarerem Auge.
»Begehre.«
»Daß Sie für's Erste die Mutter ganz ihren Gedanken überlassen, Friede mit ihr halten, und meine Heirath beschleunigen wollen?«
»Zugestanden. Böses Mädchen! Du eilst, mein Haus zu verlassen und deinen verwaisten Vater!«
»Sie ahnen nicht, wie schmerzlich dieses Scheiden mir sein wird; aber Mama wünscht Herrn Birsher so schnell als möglich aus der Stadt zu entfernen.«
»Wie so? Weshalb denn, zum Donner?«
Justine überging diese Frage mit Schweigen. »Für's Zweite,« fuhr sie fort: »geben Sie mir die Erlaubniß, Sie zu warnen. Monsieur White hat sich falsch gegen mich bewiesen; und ich fürchte, sein Pflegevater meint es auch nicht ehrlich mit Ihnen.«
»Der Doctor?« Dem Senator schlug das Gewissen.
»Wenn ich meinen Augen -- einer gewissen Erinnerung trauen darf, so ist der Doctor nicht, was er zu scheinen vielleicht Ursache hat.«
»Unglückliche!« -- fuhr Müssinger auf. Justine unterbrach ihn:
»Ich will meinen Scharfblick nicht über den Ihrigen stellen. Ich überlasse es Ihnen, auf der Hut zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß ich mich getäuscht. Die Wahrheit muß sich jedoch bald auf diese oder die andere Weise enthüllen.«
»Du treibst Gauklerkünste,« sagte der Senator verlegen lächelnd: »Und auf's Wort und deine vielleicht grundlose Ahnung hin, soll ich dir in einer Sache folgen, deren Bewandtniß mir völlig unbekannt ist?«
»Der Tag, an dem ich mit Herrn Birsher abreise, wird Ihnen meine Vermuthung enthüllen. Ich fühle mich jetzt nicht aufgelegt, durch eine Unbesonnenheit einem Andern, oder Ihnen selbst Unrecht zu thun. Ich habe Ihre Klugheit gewarnt. Angeberin kann und will ich nicht sein.«
Sie verließ heiterer, erleichterter den Vater. Die Dämmerung war schon eingebrochen. Die Thüre ihrer Mutter war verriegelt. Das Dienstmädchen berichtete, die Frau Senatorin hätte Thee begehrt, und hierauf das Zimmer verschlossen, um ruhig zu schlafen. Die alte Marthe wache an ihrem Lager.
»O welch' eine Zerstörung alles häuslichen Friedens!« seufzte Justine, da sie an dem offenen Eßzimmer vorüber ging, das, verödet, vom blassen Mondlicht erhellt, die gemüthlichen Abendgäste nicht aufwies, die sich vor Zeiten wohl öfters darinnen einfanden. Justinens Schritte wurden schneller, als sie an der verschlossenen Thüre des Zimmers hinschlüpfte, welches der verstorbene Birsher eine Nacht hindurch bewohnt hatte. Mit beengtem Athem betrat sie ihr eignes Zimmer. Die Lainez saß darinnen, lesend, und erhob sich bei Justinens Ankunft.
»Sie blieben recht lange, meine Verehrte,« sagte die Französin mit einem freundlichen Vorwurfe im blühenden Gesichte. »Die Pflicht allein, mein Amt in Ihre Hände niederzulegen, stärkte mich mit Geduld. Hier, meine Beste, ist all das kostbare Silberwerk, das man in der Verwirrung auf der Tafel gelassen -- eine Beute für jeden kecken Dieb. Zählen Sie die Stücke, Mademoiselle. Ferner empfangen Sie die Schlüssel zu Speisekammer und Keller, die Sie mir anvertrauten, und entbinden Sie mich meiner Verantwortlichkeit.«
Justine küßte die Hülfreiche dankbar auf die Wange, erstaunte aber, als diese nach dem Mäntelchen und den Handschuhen griff. »Wollen Sie nicht bei mir bleiben?« fragte Justine verwundert: »ich bat Sie ja, mit unserm Hause verlieb zu nehmen.«
»Ach, diese Güte! meine beste Jungfer, darf ich sie annehmen? Besinnen Sie sich wohl. Welche Figur würde ich in Ihrem Hause darstellen, worein ich so unvermuthet, unvorhergesehen kam? Das Staunen Ihres Vaters, der gar nicht ermuthigende kalte Empfang Ihrer Mutter, das Glotzen der Domestiken ... Ach der Spott dieser Letzteren, bei Allem, was ich anordnete, -- und ich verstehe doch, ein anständiges Haus zu verwalten, -- er schnitt mir in's Herz. Seht doch die Französin! hieß es rings um mich, und ich hatte Mühe, meinen Verdruß zu verbeißen; ein Unglücklicher ist ja doppelt reizbar! Erlauben Sie daher, daß ich Ihr freundliches Anerbieten ausschlagen darf.«
»Ei mit nichten,« versetzte Justine sehr erbittert: »Sie erzählen mir da von Schändlichkeiten, denen ich ein schnelles Ende machen werde. Verzeihen Sie, liebe Frau, unserm dummen Mägdevolk vom Lande, dem Alles lächerlich vorkommt, das nur ein wenig aus dem Geleise schreitet, welches diese Gänse Tag für Tag auszutreten gewohnt sind. Morgen sollen Sie schon ernsthafter sein -- ich stehe ihnen dafür. Sie kennen mich, und wissen, wie man mit mir verfährt, wenn ich ungnädig bin. Ich verstehe die Mittel, solch' unbescheidenes Gesindel zur Ordnung zu bringen. -- Nein, Madame, Sie müssen bleiben; meine Ehre steht auf dem Spiele: denn, was ich mir einmal vorgenommen, muß ich durchsetzen, ... und wenn...! lächeln Sie nicht; man nennt mich allgemein die tolle Justine, und manchmal hat man Recht.«
»Welche kindliche Naivität!« rief die Lainez, und streichelte Justinens Hände: »eine Königin, so schön, so liebenswürdig, so lebhaft wie Sie auf Frankreichs Throne, und meine Landsleute würden Sie vergöttern!«
Justine sah plötzlich mit großen und sehr unmuthigen Augen in die Höhe. »Warum nicht gar?« sagte sie kurz abbrechend: »welche Schmeichelei. Sie können Ihr Vaterland nicht verläugnen, Madame Lainez!«
Die Französin war betreten, dann erwiderte sie mit dem schmachtenden Augen-Aufschlag, den sie vollkommen in der Gewalt hatte: »Verzeihen Sie Mademoiselle. Entschuldigen Sie die fade Uebertreibung, womit sich mein Mund versündigte, mit der herzlichen Anhänglichkeit, die ich für Sie hege, und die etwas Besseres sagen wollte.«
Justine bereute schon das harte Wort, und glaubte um so leichter dem Bittworte. »Das lasse ich mir gefallen,« sagte sie, der Lainez versöhnt die Hand reichend: »lernen sie immerhin in Deutschland, das Ihr zweites Vaterland werden soll, sich deutscher aussprechen.«
Sie zog die Wittwe vertraulich neben sich auf einen Stuhl, und fuhr fort: »Hören Sie, wie ich mir Alles, was Sie betrifft, klar und baar ausgesponnen habe. Sie bleiben vor der Hand bei mir, -- unter dem Schutze Ihrer Königin,« setzte sie lächelnd bei. »Aber leider kann dieser unmittelbare Schutz nicht lange dauern, da mein eigenes Schicksal eine rasche Wendung nehmen, -- mich für immer von hier entfernen wird. Daher -- nebenbei gesagt, darf Ihnen vor Vater und Mutter nicht bange sein; ich heiße Justine und stehe für Alles, -- daher lasse ich an einem der nächsten Sonntage unsre Karosse einspannen, und bringe Sie, meine gute Frau, nach einem Städtchen in der Nachbarschaft, wo eine alte Base meines Vaters lebt; -- etwas taub, etwas stumpf, aber wohlhabend, gottesfürchtig, und mir mit uneigennütziger Liebe ergeben, ob sie gleich eine veraltete Jungfer ist. In ihrem Hause erhalten Sie Kost und Wohnung, und besuchen fleißig den Pfarrer der wallonischen Gemeinde in jener Stadt, wenden sich von der aufgedrungenen Religion zu der Angebornen, und treten, da hoffentlich Ihr Wille ernstlich ist, öffentlich in den Schoos Ihrer Gemeinde zurück. Sind Sie so weit gekommen, so bedürfen Sie meiner Unterstützung nicht mehr. Ihre Verwandten zu Berlin werden Sie alsdann mit offenen Armen aufnehmen; -- mir bleibt das Bewußtsein einer rechtschaffenen Bemühung, und Ihnen -- so Gott will -- ein freundliches Andenken an ein unbedeutendes Mädchen, das man böse nennt, das sich aber schmeichelt, von Herzen gut zu sein.«
Die Lainez umarmte das zauberische Geschöpf mit Thränen in den Augen. »Ich bin Ihrer Wohlthaten nicht würdig,« -- sagte sie, das Gesicht an Justinens Busen verbergend: -- »wo werde ich jemals ein Gemüth wie das Ihrige wiederfinden?«
Justine hielt ihr den Mund zu. »Wo werde ich jemals -- --?« -- parodirte sie, aber aus dem Scherze wurde Ernst. Sie ließ den Kopf sinken, und wiederholte langsam: »Wo werde _ich_ jemals finden, was mir Glück bringt? Ach meine Liebe, ich habe heute ein recht traurig Gemüth, und meine Seele ist müde, wie mein Körper. Ich will gehen, und den Vater fragen, ob er noch etwas wünscht. Dann wollen wir zu Bette. In jenem Cabinete habe ich Ihr Lager aufzuschlagen befohlen.«
»Heute noch nicht,« -- bat die Lainez: »ich habe zu Hause noch Einiges zusammen zu räumen und zu packen. Morgen, wenn Sie's erlauben, will ich Ihrem Anerbieten nachkommen.«
»Ich werde Ihnen keinen Zwang auferlegen,« -- sagte Justine, wie wohl etwas verdrüßlich: -- »morgen also. Aber es ist schon nahe an neun Uhr. So spät wollen Sie durch die Straßen gehen?«
»Die Wittwe eines tapfern Soldaten fürchtet sich nicht.«
»Ei, wenn auch. Christine soll mit der Laterne vorausgehen. Aber -- Morgen, nicht wahr? so bald als möglich? Ich sehne mich nach Ihrer Gesellschaft. Ich bedarf jetzt der Aufheiterung. Sie werden nicht zaudern, oder gar Ihr Wort zurücknehmen. Die Franzosen, sagt man, halten die Parole nicht zum Allerbesten. Geben Sie mir ein Pfand, daß Sie gewiß kommen.«
»Ein Pfand, sonderbares, eigensinniges Mädchen? Ich würde Ihnen mein Herz schenken, wenn es möglich wäre. Nehmen Sie jedoch, was meinem Herzen zunächst ruht.«
Die Lainez zog ein Medaillon, das an einem schwarzen Sammetbande um ihren Hals hing, hervor, nahm es ab, und überlieferte es lächelnd der mißtrauischen Gläubigerin.
»Sieh doch!« rief Justine, als sie das Medaillon empfing, und es von allen Seiten betrachtete; »welche schön gearbeitete Bilder! Erklären Sie mir, liebe Frau! Wer ist dieses herrliche Weib im Purpurmantel, mit der blitzenden Krone auf dem Haupte, und dem noch strahlenderen Scheine um dasselbe?«
»Es ist die fromme und selige Kaiserin Pulcheria, meine Patronin,« versetzte die Lainez: -- »ihre Schönheit war das Wunder ihrer Zeit; und ihre Tugend war ihren Reizen gleich, und die dankbare Erinnerung der Nachwelt versetzte sie unter die Heiligen!«
»Welche Anmuth! welche Lieblichkeit!« fuhr Justine fort: »ja, wer so schön wäre! Diese Strahlen...«
»Sind der Heiligschein, mit welchem die römische Kirche das Haupt der Gepriesenen umgibt. Die Bilder dieser Heiligen schmücken heiter und lebendig die Gotteshäuser, und es läßt recht angenehm, wenn Weihrauchwolken sie umnebeln, Kerzen davor flammen, Blumenbüsche um sie blühen und das Volk sich vor den Geehrten fromm verneigt.«
»Mit andern Worten: die Götzen anbetet. Ich weiß, unser Pastor hat schon oft dieses Thun in seinen Streitpredigten berührt, und einen heidnischen Gräuel genannt.«
»Vielleicht ging er darinnen zu weit. Die Katholiken haben in diesen Bildern nur das _Andenken_ frommer Tugendfürsten zu verehren: nicht das Holz, nicht den Stein.«
»So? Dann lasse ich mir's gefallen. Ich finde die Sitte sogar hübsch. Man stellt ja auch Bildsäulen berühmter Männer in Städten auf. Wir haben z. B. hier auf dem Rathhause das Reiterbild eines Bürgermeisters aus der alten Zeit, der einst mit Opferung seines Lebens die Vaterstadt von Schimpf und Untergang gerettet hat. Das Bild steht wohl schön anzuschauen an der großen Treppe, aber die Leute gehen kalt vorüber, und beachten's nicht. Stünde es in einer Kirche, würde es besser geehrt.«
Sie wendete das Medaillon um, stutzte etwas, und fragte kleinlaut: »Das ist ein Mann? nicht wahr? Der Maler hätte ihm allenfalls einen Mantel um die Schultern werfen können.«
»Der Zweck wäre gefehlt gewesen; die Pfeile seines Märthyrthums müssen dem Gläubigen sichtbar sein. Man nennt den schönen Jüngling den heiligen Sebastian.«
Justine sah das Bild noch einmal flüchtig erröthend an, legte es dann still auf den Tisch, warf ein Tuch darüber, und wünschte der scheidenden Lainez eine ziemlich einsylbige Gute Nacht!
Indem die Wittwe aus Justinens Thüre trat, vernahm man in dem schräg gegenüber liegenden Zimmer des Senators ein starkes Geräusch, und Müssingers halberstickte Stimme, welche nach Leuten rief. »Mein Gott! was ist da wieder vorgefallen?« sagte Justine, auf das Gemach zueilend, und winkte der Lainez und der Magd, die derselben mit der Laterne vorausgehen sollte, sich zu entfernen, ohne weiter dem Geräusch nachzuforschen. Die Französin, der es in dem Hause unheimlich vorkam, trieb selbst die gaffende Magd zur Eile an. Sie erreichten Beide, ohne sich umzusehen, die Treppe, und stiegen schnell hinab. Doch unten am Geländer stand unbeweglich und lautlos eine breite weiße Gestalt, welche drohend den Arm gegen die Kommenden erhob, und alsdann im Dunkel niederzutauchen schien. Die erschrockene Lainez und die erschrockenere Magd stießen einen Schrei des Entsetzens aus. Die Letztere ließ die Laterne fallen, welche zusammenklirrte und erlosch. Das Dienstmädchen rannte schreiend über die Treppe zurück; die Lainez aber, welche im Mondstrahl, der durch ein vergittertes Fenster fiel, die Hausthüre wahrnahm, eilte schaudernd auf dieselbe zu, fand sie zu ihrer größten Freude nur angelehnt, riß sie auf und entfloh. Scheu zurückblickend, glaubte sie die grausende Erscheinung wieder auf der Schwelle des Hauses zu erblicken, auftauchend wie ein weißer Blitz, verschwindend wie dieser, und von Gespensterfurcht bedrängt, flüchtete sie auf's Gerathewohl in die Gassen. Allenthalben waren diese leer; von ferne her hörte man die Schnarre eines Nachtwächters, -- endlich den geschwinden Schritt eines Kommenden; ... eine Handlaterne näherte sich, -- ihr blendender Schein führte die Flüchtige gerade auf den Mann los, der sie trug... Der Doctor war's. »Ei, Madame! woher um diese Stunde? auf welchem Wege finde ich Euch?« Die zitternde Lainez bat um seine Hülfe, indem sie mit ein Paar Worten ihre Angst schilderte.
Der Doctor, lächelnd bald, bald ernst und zweifelnd den Kopf schüttelnd, erbot sich, sie nach Hause zu führen. »Um Gotteswillen, nein!« bat die Lainez dringend; »in dem alten Gebäude allein ... von aller Welt geschieden ... würde mich heut nach diesem Auftritte die Angst umbringen. Ich schwöre darauf, daß mir mein Mann erschienen ist. Seine weiße Uniform ... sein drohendes Gesicht ... meine Sünden ... Hochwürdiger! nur unter Ihrem Schutze kann ich meine Seele beruhigen.«
»Bedenkt meinen Stand, liebe Frau,« versetzte Leupold beschwichtigend; »Eure Phantasie ist erhitzt; Ihr bedürft der Sorgfalt; ... was kann ich jedoch für Euch thun? Doch, wenn Ihr's wünscht, will ich meine Wirthin bewegen, Euch diese Nacht zu beherbergen.«
»Gleichviel!« rief die Lainez; »nur bringen Sie mich unter Menschen, oder ich sterbe an dem Schreck!«
Der Doctor winkte ihr, nebenher zu gehen, und förderte, dann und wann sie unterstützend, seinen Weg. »Ich kehre soeben von einem Kranken zurück,« sagte er, »den ich seit Abends Einbruch mit geistlichem Troste und endlich mit dem Leibe des Herrn erquickte.« Er zeigte auf die Saffiantasche, die er, unter seinem Oberrocke verborgen, auf der Brust trug, und in welcher er die Hostie insgeheim zu überbringen pflegte. »Ein Glück, daß Ihr gerade _mir_ begegnen mußtet. Meine fromme Hausmeisterin wird ein Uebriges thun, und morgen sollt Ihr mir mit gesammelten Kräften den Hergang der ganz absonderlichen Erscheinung mittheilen.«
Die Eigenthümerin des Quartiers, welches der Doctor bewohnte, eine eifrige Anhängerin der im Verborgenen waltenden Kirche, welche wußte, daß sie in der Lainez eine Verbreiterin dieser Kirche vor sich hatte, machte nicht die mindesten Umstände, in des Doctors Begehren zu willigen, und dieser Letztere, Mitleid mit der Niedergeschlagenheit der Französin fühlend, lud sie ein, auf seinem Zimmer, -- bis die Wirthin ihr Lager bereitet haben würde, -- eine Tasse Kräuterthee zu genießen, den er selbst auf's Beste zu bereiten versprach. Die Lainez nahm mit Dank den Antrag des Mannes an, der, aus Theilnahme für sie, die strenge Grenze, die sein Anstands- und Schicklichkeits-Gefühl zwischen ihm und der Mitarbeiterin gezogen hatte, in etwas erweitern wollte. Als sie jedoch an des Doctors Hand dessen Wohnzimmer betrat, wurde ihr Auge von einem Besucher überrascht, der in dem Großvaterstuhl am Fenster saß, und kaum merklich mit dem Kopfe nickte, als James den Doctor mit seiner Begleiterin einließ.
»Gelobt sei Jesus Christus!« sprach der Fremde, und der Doctor, im höchsten Grade überrascht, erwiderte mit kaum hörbarer Stimme, sich tief verneigend: »In Ewigkeit. Der Herr segne Ihren Eingang, Pater Superior. Ihr Besuch ist eine unerwartete Freude.«
Der Superior, ein hagrer Mann mit ganz blassem Gesichte, aus welchem ein Paar dunkle Augen sprühten, lüftete ein wenig das Käppchen, das seinen Scheitel bedeckte. »Ich bin vor gar nicht langer Zeit angekommen,« sagte er, -- »bin herzlich müde, und habe mir die Freiheit genommen, bei Ihnen, mein Vater, meine Schlafstelle zu suchen, indem ich hier unbemerkt und sichrer zu sein glaube, als in dem verstecktesten Gasthofe. Es thut mir indessen leid, wenn ich hier stören sollte.«
Er warf einen zweideutigen Blick auf die Lainez. Der Doctor errieth dessen Sinn, und sagte empfindlich: »Ich hoffe, Ew. Hochwürden bewiesen zu haben, daß mein sittliches Betragen kein Mißtrauen verdient. Der Zufall nur...«
Mehr als seine Worte beruhigte die Französin selbst den argwöhnischen Geistlichen. Sie ging demüthig auf ihn zu, küßte seine Hand, bat um seinen Segen, und erbot sich, alsbald das Zimmer zu verlassen. Der Superior schenkte ihr einen günstigen Blick, klopfte ihre Wange. »Lasse Sie's nur gut sein,« sprach er mit dem empfindlichen Uebergewicht, welches häufig von Priestern, den ihnen ganz ergebenen Weibern gegenüber, fühlbar gemacht wird: »ich kenne Sie ja, und hoffe in Ihr kein unwürdiges Rüstzeug vorgeschlagen zu haben. Vater Münzner wird mir Alles genügend erklären. Sie kann sich indessen wegbegeben, denn wir haben hier noch allerlei zu bereden, das nicht für Sie ist.«
Noch ein gnädiger Schlag auf die Wange, und die Lainez, feuerroth und betreten, war entlassen. James sperrte das äußere Gitter, und wollte den Herren eine gute Nacht wünschen. Der Superior verhinderte dieses; sprechend: »Verbleibe Er immer noch ein Weilchen, junger Mensch. =Ab initio= wird von Ihm die Rede sein.«
James bückte sich, und stumm stand er neben seinem Pflegevater vor dem Superior, der gemächlich seinen Platz fort und fort behauptete.
»Ich habe den =Juvenem= allhier examiniert,« hob der Bequeme an, zu dem Doctor gewendet: »habe denselben doch noch nicht weit vorgerückt gefunden. Er scheint seine Studia oberflächlich betrieben zu haben, und -- was am übelsten -- das ernste und äußerst wichtige Ziel seiner künftigen Bestimmung nicht genug in's Auge zu fassen. Die Petulanz, so ich in seinem Wesen und seinen =expressionibus= wahrnehme, wird in seinen gegenwärtigen Beschäftigungen nur wachsen können. Es ist daher unumgänglich nothwendig, daß er unter die Disciplin des Novizialmeisters genommen werde.«
James erröthete erbebend; der Doctor verneigte sich stumm. »Ich werde ihm vorläufig die =exercitia Spiritualia= unsers heiligen Ordensstifters und Regulators in die Hände geben,« fuhr der Superior fort, »und Er mag sich bereit halten, mir in das für Ihn bestimmte Collegium zu folgen, sobald meine Geschäfte in hiesiger Gegend beendigt sein werden. Ich habe mit dem Pater Rector schon die nöthige Rücksprache genommen, wie es Ihr letzter Brief, Pater Münzner, verlangt hat. =Quod erat demonstrandum.=«
James küßte des Superiors Hand, und ging niedergeschlagen nach seiner Kammer. Der Doctor blickte ihm mitleidig nach, und sagte nach einer Pause leise und demüthig zu dem Superior: »Es kömmt mir beinahe vor, ehrwürdiger Herr, als ob ich mich in den Anlagen des jungen Mannes getäuscht hätte. Seine Geisteskräfte sind wohl scharf, allein noch schärfer ist der Trieb seines Herzens. Er begehrt, er verlangt wie ein kräftiger sinnlicher Jüngling. Er zeigt dann und wann Widerspruchsgeist, Grübelei ... es wird schwer halten, seine Vernunft in die wohlthätigen -- Ketten des Glaubens zu legen, und ich würde mir's zum ewigen Vorwurf machen, -- gestaltete sich aus diesem -- in die Welt berufenen Jüngling ein schlechter Priester.«
Der Superior sah den Doctor hoch und mißbilligend an: »Sie reden jetzt ganz anders, mein Vater, als Sie vor kurzer Zeit geschrieben. Welche unzeitige kränkelnde Philanthropie! Wären auch Sie von der Lüstelei, von dem empfindelnden Wahnsinn des Jahrhunderts ergriffen worden? Haben nicht auch _wir_ begehrt und verlangt, und sind _wir_ deshalb schlechte Priester geworden? Die Disciplin bändigt den Widerspruch; die rastlose Thätigkeit der Novizen steuert der Grübelsucht. Vernunft? -- Glauben? -- Sie sind nicht klar über die Grundsätze unsrer Institutionen, ob Sie gleich Prozeß und Gelübde gethan haben. Fähige Geister gewinnen, -- dieselben nach ihrer Richtung beschäftigen, -- das ist unsere Aufgabe, und deren Erfüllung sichert das Gedeihen unserer Gesellschaft. -- Der nützliche Schwärmer, der ein begeisterter Apostel werden will, glaube. Der rein Vernünftige, geeignet, die politischen Zwecke unsers Daseins zu erreichen, gehorche, wo er nicht _glauben_ kann. Und dieses Gehorsams Triebfeder ist sein Vortheil, -- das Interesse, das man ihm an seinem auferlegten Streben beizubringen hat. Und nach den geschickten Combinationen unsers herrlichen Staats ist der Vortheil des Einzelnen der Vortheil des Ganzen. Darum _herrschen_ wir, darum _siegen_ wir; darum beneidet man uns. Glauben Sie mir: Ihr Pflegling wird noch gut werden, und reichliche Zinsen tragen, für das Geld, das wir an seine Bildung verschwendet haben, und noch verschwenden werden. Nun zur wichtigern Sache, Pater Missionär. Ich habe Ihre Bücher durchblättert. Unser Commerz über hiesigen Platz rentirt sich nicht besonders. Ob die Pariser uns Schaden bringen? oder ob die Schiffscapitäne, die unsere Frachten besorgen, Betrüger sind? Ist das Erstere, so müssen wir die Augen zudrücken. Das Zweite kann nur an Ort und Stelle erforscht werden. Ich erwarte darüber Befehle von dem Pater Provinzial. Ein geschickter Ordensmann hat zugleich mit meiner Eingabe ein Projekt eingesendet, das, wird es angenommen, dem Handelsfond unserer Gesellschaft unbegränzten Vortheil bringen wird. Es wird darinnen vorgeschlagen, den Sklavenhandel für Brasilien unter billigern Bedingungen zu übernehmen, als ihn bisher unsere unverschämten Schiffsmeister nebenbei getrieben haben.«
»Den Sklavenhandel?« fragte der Doctor erschrocken.
»Ja,« versetzte der Superior gleichgültig: »der Trafik mit denen schwarzen Negern bringt immense Dividenten.«
»Aber die Menschlichkeit, Pater Superior?« fragte der Doctor schaudernd weiter.
Der Jesuit lächelte vornehm. »Floskeln, lieber Pater Münzner. Diese Schwarzen sind eine untergeordnete Race; an schmutzigen Heiden, wie sie sind, ist nichts verloren. Ueberdies ist ihr Sklavenleben reicher an Genüssen, als ihre Freiheit.«
»Das Naturrecht, Pater Superior...«
»Sie sind Doctor =juris utriusque=;« sagte dieser gähnend: »man hört es Ihnen an. =Satis= über diesen Punkt. Der Verfasser jenes Projekts wird belobt werden, und es noch weit bringen. Wie weit ist's aber mit der heiligen Christenverbesserung gediehen?«
Der Doctor berichtete in Kürze; legte die Liste der kleinen Gemeinde vor; ihre Beiträge zum Kirchendienst; die Berechnung des Ueberschusses. Der Superior durchging die Liste schmunzelnd und zählend. »Viele Leute,« sagte er hierauf: »aber nichts Besonders. Die meisten =ex infima plebe=.«
»Unser Herr Jesus Christus fand unter dieser Classe seine ersten Jünger.«
»Hm! ja. Sehr viele Weibspersonen finde ich hier aufgezeichnet; zum Theil wohl aus den bessern Ständen. Nun ja; das sind die Lämmlein, die zum Paradiese locken. Aber ... aber ... ich vermisse denn doch die Männer von Gewicht. Ein paar Kaufleute, ... ein Recheneiverwalter ... ein quiescirter Fünfzehner, ... heilige Maria! was will das im Ganzen heißen? Den Beschluß der Reihe macht doch endlich ein Senator. Wer ist der Mann? Derselbe, von dem Sie schon ein Wörtlein fallen ließen?«
»Derselbe, Pater Superior.«
»Hat seine Bekehrung sich so schnell gemacht? Gelobt sei der Herr. Dürfen wir von ihm hoffen?«
»Vieles. Er ist durch ein besonderes Verhängniß ganz der Unsrige geworden.«
»=Favente Deo.= Recht. Wie hat sich die Lainez gemacht?«
»Sie hat Einiges gethan; doch Unwichtiges. Das Weib ist zu eitel, leichtsinnig und verliebt.«