Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 14

Chapter 143,609 wordsPublic domain

»Ich habe beschlossen, daß er in seinen Vorsätzen, in seinen Wünschen fortlebe,« entgegnete Birsher: »sein Wille ist mir ein schätzbareres Vermächtniß als seine beträchtlichen Güter. Ich bin weniger gekommen, um hier das mir zustehende Erbtheil zu holen, als um den hochachtbaren Herrn Senator zu fragen, ob er die Freundschaft, die er für meinen Vater hegte, auf mich fortpflanzen, und mich, wie der Selige gewünscht, zu seinem Schwiegersohne an- und aufnehmen will.«

»Herr Birsher,« stammelte der Senator, höchlich überrascht: »Ihr wackerer Sinn spricht sich so unerwartet aus, da...«

»Was der Vater beschloß, will ich gehorsam ausführen! -- Von seinen Händen hätte ich blindlings die nie gesehene, ungeliebte Braut empfangen. Was soll ich nun thun, da ich die liebliche Jungfer gesehen, da ich aus jedem Munde nur ihr Lob vernommen? Ich bin kein Freund von vielem Reden. Ja oder Nein, Herr Senator? obschon unter Männern von Wort ein »Nein« nicht wohl denkbar ist. Ueberlegen Sie nicht, grübeln Sie nicht. Der Brautschmuck ist in Ihrem Hause. Das Capital, das mein Vater, es schon verloren gebend, zu Emdes rettete, hat er verwendet, gewisse Verbindlichkeiten, die Ew. Edlen gegen van den Höcken hatten, aufzulösen; die quittirten Verschreibungen zu der Jungfer Nadelgeld bestimmt. Mein Vater hat Alles im Voraus geleistet und besorgt .... werden Sie nun nicht auch das Ihrige gegen mich thun?«

»Ich wills, ich werde es!« rief der Senator ausbrechend, weil ihm ein Felsenberg von der Brust fiel: »ich heiße Sie doppelt willkommen, als meinen lieben Sohn und Handelsfreund.«

Er und Birsher schüttelten sich treuherzig die Hände. Der Buchhalter, mit dem Glase an das des Doctors klingend, rief eine jubelndes »Gratulor, gratulor von Herzen!« Der Doctor stieß wohl an, neigte sich wohl glückwünschend, aber auf seiner Stirne saß nicht das zufriedene Einverständniß. Wie hätte sich jedoch die Falte auf des welterfahrenen Mannes Antlitz lange halten können?

Nun wurde der Senator lebendig. Die Spannung seines Gemüths schien wiedergekehrt zu sein, eine heftige Freude ihn zu beleben. Die silberne Schelle ertönte in seiner Hand. »Alicante!« rief er dem eintretenden Burschen zu: »vier Flaschen! Das Siegel mit den vier Thürmen! Frisch! Schnell! nicht gezaudert! die spanischen Kelchgläser mit den Lilien dazu! den Nachtisch herein! Justine soll kommen; sie soll kredenzen!«

Und so ging es fort in Feuer und Leben. Der Niersteiner, der gerade auf dem Tische kreiste, floß in ungeduldigen Bächen in die traulichen Römer. Gesundheit auf Gesundheit wurde getrunken. Unter den fröhlichen Bewegungen der Gäste erzitterten beständig die silbernen Glöckchen an dem prächtigen spiegelverzierten Aufsatze, der, einen chinesischen Tempel vorstellend, mitten auf der Tafel stand; aber das Funkeln dieser schillernden Spiegel und bewegten Perlen war todte Asche gegen Müssingers strahlendes Auge; das Schellengetön verklang unter der tönenden Sprache seiner erweiterten Brust.

Die Thüre ging auf. Einen silbernen Präsentirteller in der Hand, auf welchem sechs Kelche voll des köstlichen Alicante schimmerten, neben der geöffneten Flasche, die nun mit einer prachtvollen Blume verschlossen war; -- gefolgt von dem dienenden Burschen, der im Korbe die drei übrigen Flaschen nach sich schleppte, -- trat eine schöne Frau herein, in einfachem aber angenehmem Kleide, mit Wirthlichkeit kündender Florschürze angethan, und die zierlichen Hände von saubern Handschuhen bedeckt. Die Herren fuhren überrascht und grüßend auf. Der Senator blickte überraschter als die Uebrigen auf die ihm Unbekannte.

»Mademoiselle Justine ist nicht zu finden,« sagte die angenehme Wirthin, den Wein mit einem Anstande umherreichend, als bediene sie eines Königs Tisch. »Um die verehrten Herren nicht allzu lange warten zu lassen, mußte ich also selbst ... entschuldigen Sie gütigst.«

So eben trat Justine aus der Seitenthüre. Mit einem Blicke begriff sie die Verlegenheit der Helferin, die Ueberraschung des Senators, und sagte mit der freundlichsten Betonung, zu der ganzen Gesellschaft gewendet: »Madame de Lainez, die Wittwe eines im Felde gebliebenen königlich französischen Hauptmanns, meine sehr liebe Freundin, die sich heute erbitten ließ, meine häusliche Pflicht zu theilen und mir zu erleichtern.«

»Freut mich unendlich,« versetzte der Senator mit einem Bückling, und wies der Erröthenden den ledigen Stuhl Jacobinens an. Die Lainez wollte sich, stumm versagend, empfehlen. Justine hielt sie aber zurück, sagte ihr viele schmeichelhafte Worte und behauptete: durch eine plötzliche Unpäßlichkeit der Mutter würde sich die Tafel verwaist sehen, wenn nicht eine liebenswürdige Frau den Platz einnehme. -- Leise flüsterte sie indessen der Lainez zu: »Bleiben Sie um Gotteswillen, meine Beste, und unterhalten Sie die Herren. Ich finde noch kein Wort, das nicht meiner Seele wehe thäte.«

So fügte sich Madam Lainez endlich. »Bei Denain fiel Ihr Gemahl?« fragte nach einigen vorläufigen Erkundigungen der Senator: »er ist in einem rühmlichen Kampfe gefallen gegen ehrenhafte Feinde. Man muß gestehen, daß des Kaisers Truppen in den Niederlanden einen Schauplatz vielen Ruhms, und nur weniger Niederlagen gefunden haben. Meine Herren! der Prinz Eugen soll leben!«

»Ich bitte, unsern Marlborough nicht zu vergessen,« sprach Birsher in den Gläserklang: »das Heldenpaar hat sich zu Malplaquet unsterblich gemacht. Ich habe mich oft gesehnt, Flandern zu besuchen, wo so viele Tapfere gefochten. Ich will es thun, und bei dieser Gelegenheit nicht versäumen, das ehrenvolle Bette Ihres Gemahls zu betreten, Madame. Wissen Sie aber, daß Ihr Name weniger militärische Erinnerungen als vielmehr geistliche erweckt? Wenn ich nicht irre, so nannte sich der zweite Ordensgeneral der Jesuiten Lainez. Er war ein ausgezeichneter Mann; seine Feinde selbst müssen es eingestehen, denn seiner rastlosen Bemühung verdankt diese furchtbare Gesellschaft ihren raschen Aufschwung.«

Die Lainez schlug die Augen nieder und erwiderte: »mir ist von jenem Manne nichts bekannt. Auch hörte ich nie von meinem Manne, daß einst in seiner Familie...«

»Wünschen Sie sich Glück, Madame,« unterbrach sie der junge Birsher mit freundlicher Bestimmtheit: »so floß in seinen Adern auch kein Tropfen jenes herrschsüchtigen Alles verachtenden Uebermuths, der in den Jüngern des Loyola und des Lainez sich hervorthut.«

»Ja wohl! ja wohl!« äußerte der Buchhalter, besorgt den Kopf schüttelnd: »die Jesuiten! die Jesuiten! Wer diese Firma zuerst auf den Markt brachte...«

»Man macht, denke ich, die Leute gefährlicher als sie sind,« sagte der Doctor gutmüthig lächelnd: »was meinen Sie, Herr Senator? Unser hochgeehrter Tischgenosse hat sich, wie ich glaube, mehr mit der verrufenen Gesellschaft Jesu abgegeben, als bei einem Kaufmann bräuchlich ist...«

»Freilich,« sagte Birsher aufrichtig: »es ist ganz natürlich. Wir Leute zu New-York hören an jedem Sonntage den Prediger über den Papst und sein Reich den Bann aussprechen, und der Jesuiten, dieser Trabanten des Stuhls Petri, wird allerdings dabei auch nicht geschont. Ferner lesen wir historische Schriften. Und spräche nicht die Weltgeschichte zu uns, -- würde auch unser Prediger der Schildhalter des Papstthums nicht erwähnen, -- die Zeit würde es von selbst thun. Dieser gefährliche Orden ist unsers Standes Nebenbuhler, Herr Senator. In den katholischen Staaten sitzen Jesuiten am Ruder, und lenken die Zügel des Handels und der Gewerbe. In Westindien, in Südamerika vorzüglich haben sie ihre Commanditen. Ihre Habsucht trachtet alle Monopole, von welchen die Handelswelt niedergedrückt ist, in ein Einziges zusammen zu ziehen, und dieses Einzige selbst auszubeuten.«

»Ei, ei, Ew. Edeln gehen verzweifelt weit,« ermahnte der Senator lächelnd, und ungeduldig wegen des Doctors, der unruhiger wurde.

»Keineswegs,« fuhr jedoch ohne Bitterkeit und Animosität der Amerikaner fort: »ich gestehe ein, daß ich die Katholiken nicht liebe. Unser Mutterland hat viel durch sie gelitten. Ich liebe eben so wenig den Orden, den wir berührten. Allein Parteilichkeit leitet mich auch nicht, indem ich ihn verdamme. Die ledige Erfahrung spricht für mich. Was haben wir, was hat die ganze Welt von einer Stiftung zu erwarten, die den Fürstenmord begünstigt? von einem Orden, dessen Glieder, als Beichtväter der Könige, Zwietracht säen zwischen den Herrschern und ihren Völkern? Man weiß, wer in den letzten Zeiten die abscheuliche Mörderei in den Cevennen, wer den Widerruf des Toleranzedikts von Nantes verschuldet hat, der Tausende der besten Bürger mit ihren Familien der Heimath entfremdete. Wer dem Vaterlande in seinen Söhnen das Mark aussaugt, wer es in seinen Söhnen ermordet, begeht Hochverrath an der ganzen Natur und an ihrem Schöpfer. Vielleicht sind Sie nicht meiner Meinung, Madame, aber ich denke nicht anders.«

»Die Aufhebung des Edikts von Nantes machte mich mit meinen Eltern unglücklich,« erwiderte die Lainez mit feinem Doppelsinn.

»Eine Vertriebene also? eine Gemißhandelte?« fragte Birsher mit warmer Theilnahme; »nun wahrlich, so freut es mich, hier unter ehrlichen Protestanten zu sitzen, vor denen mein Herz reden kann, wie ihm zu Sinne ist. Ich hasse die Heuchelei, und diese Aufrichtigkeit ist nicht _meine_ Tugend, sondern Sitte in Amerika.«

»Eine schöne Sitte!« meinte der Buchhalter: »in Deutschland selbst verschwindet nach und nach die deutsche Treue und Offenheit. Wohl unsern Nachkommen, wenn sie wenigstens solche Qualitäten dann in Amerika wieder finden mögen!«

»Es ist Schade,« begann der Doctor mit einem spitzigen Lächeln: »daß Sie, hochzuverehrender Herr Birsher, nicht den Beruf in sich empfunden, ein Weltumsegler zu werden. Vor Ihren Ansichten und Ihrer seltenen Aufrichtigkeit hätten alle fremde Götzen weichen, alle anders Glaubende sich bekehren müssen.«

»Meine Reden sind zu harmlos, als daß sie vielleicht die feine Zurechtweisung verdienen,« erwiderte Birsher freundlich, aber ernst: »indessen muß ich mich rechtfertigen. Ich bin nicht unduldsam; ich verabscheue jeden Glaubenszwang. Wir Amerikaner denken in diesem Punkte freier, als man es in England darf. Mit Freuden würde ich's sehen und erleben, was mein Vater einst in einer halb prophetischen Stunde voraussagte: daß einstens allenthalben in Amerika jeder Glaube neben dem andern wohnen werde, friedlich, ungestört, wie in dem Schooße von Brüdern: wie Penn's Bruderstadt das Beispiel schon gegeben: wie bereits des Königs Duldungsakte dieses Beispiel unterstützt.«

»Diese Aeußerung wirft Ihre frühere um!« sagte der Doctor triumphirend. »Oder lieben Sie Ihre Mitmenschen alle, den katholischen Bruder ausgenommen?«

»Weil _ich_ sagte, daß ich den Katholiken nicht liebe, sagte ich damit, daß ich ihn hasse und verwerfe?« entgegnete Birsher, warm werdend: »ich werde ihn vielleicht nicht rufen, daß er neben mir sein Haus baue: das thut man nur lieben Freunden. Aber, wenn er aus eigenem Antrieb seine Hütte an die meinige lehnt, und zu mir spricht: Bruder, wir wollen versuchen, wie wir gute Nachbarn sein mögen! so werde ich ihm antworten: gern, Bruder, laß es uns versuchen. Und fügten wir uns Beide in Güte und nachbarlicher Geduld, so würde ich ihn am Ende wohl noch lieben, herzlich lieben lernen, und ihn nicht aus seinem Eigenthum jagen, und nicht von ihm begehren, daß er zu Gott bete wie ich. Allem Begehren, allem Uebertritte bin ich Feind. Bleibe Jeder auf der Seite, wohin ihn der Zufall, der ja auch unsere Geburt leitet, gestellt hat. Glaube Jeder, was er kann, und folge er den Gebräuchen seiner Lehre, damit die Schwachen kein Aergerniß nehmen, und die Schadenfrohen jenseits nicht triumphiren. Ich könnte dem Menschen nimmer trauen, der seine Religion verändert hat. Er hat den Rock seines Herrn weggeworfen, um keinen Herrn zu haben, und verdient kein Zutrauen, weil er sein Heiligstes verrieth.«

»Und nun genug, mein Herr, von solch abnormem Gespräche,« sagte der Doctor verbindlich: in der That aber erschreckt von dem bleichgewordenen, nachdenkenden Gesichte des Senators: »Ihre Grundsätze sind redlich gedacht; wohl leichter anzugreifen, als Sie glauben; aber wir befinden uns hier nicht vor einer Synode, sind Beide, -- ein Kaufmann, ein Jurist -- nicht berufen, solche Streitigkeiten durchzufechten. Die Damen zumal finden an unsern Reden nur Langeweile.«

»Nicht doch; wir hören gerne zu,« nahm Justine für sich und die Lainez, welche schwieg, das Wort: »eine Duldungspredigt aus Ihrem Munde, hochgeehrter Herr Birsher, müßte sich gut ausnehmen. Ich wünsche Ihnen den Sieg gegen den Herrn Doctor, obgleich derselbe schwere, uns unbekannte Waffen in den Streit führen möchte.«

»Wünschen Sie mir wirklich den Sieg, schöne Jungfrau?« fragte Birsher verbindlich, und Justinens Wangen wurden Gluthrosen vor seinem Blick: »o dann habe ich meine Sache schon gewonnen, und dem Herrn Senator bleibt nichts übrig, als seinen und meinen Wunsch Ihrer Entscheidung vorzulegen.«

Die Männer standen alle auf, und ergriffen die Gläser. Der Senator räusperte sich, um auf eine zierliche Weise seinen Spruch anzuheben, der der Tochter galt. Justine stand wie auf Nadeln, und wünschte eine Gelegenheit herbei, die Rede, deren Inhalt ihr Scharfsinn und ihre Eitelkeit ahnten, zu verhindern, zu unterbrechen. Siehe, da erhob sich auf dem Gange ein Getöse. Eine ferne Thüre flog auf, man hörte gellendes Geschrei.

»Um Gotteswillen! der Mutter Stimme!« rief Justine erschrocken und erfreut zugleich, aus der Angst zu kommen. Sie enteilte schnell durch die Thüre. Die Lainez folgte. Staunend blieben die Herren zurück. Der Senator, von Groll gegen das Betragen seiner Frau erfüllt, verweigerte es kalt, zum Beistand der Hülferufenden zu gehen. Bald brachte die Lainez die Nachricht, daß ein lebhafter Traum Frau Jacobine ihrer Sieste entrissen, und ihre Unruhe erregt. Man habe die wieder zur Besinnung Gekommene zu Bette gebracht, und Justine wollte sie nicht verlassen. Sein Beileid bezeugend, wie seine Erzählung verwünschend, die vielleicht Anlaß zu der Senatorin Zustand gegeben haben durfte, beurlaubte sich Georg Birsher, mit dem Versprechen, Morgen bei Eröffnung der versiegelten Habe seines Vaters gegenwärtig sein zu wollen. Dem Ceremoniell schicklicher Sitte zu Folge begleiteten ihn Buchhalter und Doctor nach seinem Gasthause, und ließen den Senator nachdenkend allein.

Der Drang, den Beweggrund so mancher unbegreiflichen Erscheinung in dem Benehmen seines Weibes zu erforschen, vermochte ihn, sich nach dem Schlafzimmer desselben zu begeben. Er trat leise in die dunkle Stube. Jacobine schien zu schlummern. Am Fuße ihres Bettes, den Kopf in beide Hände gestützt, saß Justine. Der Senator näherte sich der Kranken, ohne von Jemand bemerkt zu werden; er bückte sich lauschend über das Bette. Jacobine schlug die Augen auf, und fuhr mit dem Geschrei: »Alle gute Geister loben Gott den Herrn!« empor. Justine erwachte aus ihrem Nachdenken. »Der Vater, liebe Mutter!« -- sagte sie sanft zu derselben.

»Weg, weg aus meinen Augen!« lautete die gellende Antwort: -- »Weg! weg! willst du mich umbringen? weg, entsetzlicher Mann!«

Sie drehte den Kopf nach der Wandseite, und schwieg hochathmend. »Jacobine!« stammelte der von heftigem Zorn ergriffene Gatte, und faßte ihre Schulter: »Weib! was hast du vor? Was soll dies Alles?«

Er mochte aber der Worte, so viele es ihm beliebte, verschwenden; umsonst.

Die Senatorin beharrte wieder in dem dumpfen Unheilkündenden Schweigen.

»Nun so strafe dich Gott, lästerndes, nichtswürdiges Weib, daß du also mit mir verfährst!« brach er in jäher Wuth aus, und hob die Hand zu einer Mißhandlung. Justine verhinderte diese ängstlich, und bat mit Lippe und Auge den Vater, hinwegzugehen.

»Nun, so folge du mir; scheide von dieser Rabenmutter, die mein Leben zwecklos vergiftet!« sagte der Senator, zu sich selbst kommend, und ergriff ihre Hand. Justine zögerte. Die Senatorin erhob sich, bleich vor Aerger und Ungeduld. Sie drohte der Tochter mit dem Finger. Justine zog unschlüssig die Hand aus der des Vaters. Mit dem bittersten Gefühle der innern Empörung sagte dieser: »wie? auch du mein Kind, bist in dieses gräuliche unbegreifliche Complott gegen mein Herz verwickelt? Ich befehle dir, mir zu folgen; -- soll ich fremde Autorität anrufen, daß mir mein einziges Kind gehorsam bleibe?«

Mit erneuter Gewalt ergriff er Justinens Hand und zog sie nach der Thüre. Die Senatorin winkte der Gehenden, legte den Finger auf den Mund, und rief ihr dann nach: »Du bist die elendeste Creatur, Justine, wenn du meine Befehle vergissest!« Justine ging nun mit dem Vater auf dessen Zimmer. Wie eine arme Sünderin stand sie vor ihm; er ruhte auf einem Lehnstuhl von den Bewegungen seines Gemüths aus, und sammelte seine Gedanken; sah die Tochter unverwandt an, seufzte, schüttelte öfters mißmuthig das Haupt, und sagte endlich mit angegriffener Stimme:

»Gott weiß, Justine, daß ich mich immer bemüht habe, ein guter Hausvater zu sein; daß ich oft mit der äußersten Anstrengung meinen Jähzorn im Zaume gehalten habe, um Weib und Kind nicht weh zu thun, hatten sie gleich meinen Zorn verdient. Aber solch Betragen, wie es seit gestern Abend sich entwickelt, muß endlich ein Lamm in einen Wolf verkehren. Sieh, Justine, vor einer Stunde war ich noch so fröhlich! Es war mir Diverses wider Erwarten dergestalt nach Wunsch gegangen, -- es hatte sich so Manches, das ich befürchtete, anders und befriedigend gestaltet und gedreht, daß ich die Welt hätte umarmen mögen, und meinen liederlichsten Schuldner die Quittung geschrieben hätte. Da erhebt sich wieder auf's Neue dieser häusliche Sturm, dessen Ursprung mir ein Räthsel ist. Auch du, Justine, bist mir Eines. Am heutigen Morgen -- zu Anfang der Mittagstafel noch -- das fröhliche starke Mädchen, wie sonst, bist du plötzlich ein betrübtes, finsteres geworden. Läugne nicht; ich habe helle Augen, welche sahen, daß die deinigen verweint waren, als du beim Nachtisch wieder zu uns kamst, nachdem deine blödsinnige Mutter sich vor den Gästen zum bedauerlichen Spektakel gegeben hatte. Gezwungen, unbeholfen war deine Rede, und du zwangst dich, meinen Blicken zu entgehen. Jetzt bemerke ich wieder Thränen in deinen Wimpern. Sprich, Justine, woher diese Veränderung? Sei aufrichtig, mein Kind!«

Justine öffnete den Mund, aber dennoch schwieg sie kopfschüttelnd und mit gesenktem Blicke. Der Senator sprang ungeduldig auf, spielte mit seiner Tabaksdose, pfiff einige Töne des Marlborough-Lieds, und stellte sich mit hochgerötheter Stirne vor die Tochter. »Undankbares Geschöpf!« sagte er mit unterdrücktem Grimme: »Wirst du reden? Soll ich wie ein Bube um die Gnade eines Worts von dir betteln? Heraus mit der Wahrheit, verlarvte Person! Du weißt, was deine stätige Mutter im Schilde führt. Du hast auf den Grund ihres Steinherzens gesehen; du hast erfahren, was in ihrem vertrockneten Gehirne spukt; heraus damit, oder ... Gott strafe mich!...«

Er warf im Ausbruche der Wuth die porzellanene Tabatiere so stark zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang. Justine fuhr zusammen, faßte des Vaters rechte Hand so kräftig, als sie konnte, und sagte zu ihm, zwischen Thränen der Angst und einem plötzlichen Entschlusse schwankend: »Um's Himmelswillen! keinen Schlag, mein Vater! ich bin solcher Begegnung nicht gewohnt; Sie würden mich durch diese Entwürdigung umbringen. Ich kann die Zwischenträgerin nicht machen. Ein schimpflicher Zwang würde mich vollends nicht bewegen! Hüten Sie sich, Vater! daß Sie nicht noch mehr des Fluchs auf Ihr Haus laden!«

»Mehr des Fluchs!« versetzte der Senator, und ließ ohnmächtig die Hände sinken; »wahr gesprochen, meine Tochter; es lastet auf mir schon genug des Unsegens. Geh' hin!«

Vor dem Bekümmerten ließ sich das gerührte Mädchen auf die Knie nieder, und redete mit gefaßten und bewegten Worten zu ihm: »Ach, wenn Sie gut und ruhig sind, mein Vater, will ich Alles thun; nur nicht ausplaudern, was die Mutter mir errathen ließ; was meine Zunge aus Ehrfurcht und Angst nicht aussprechen will. Sie sollen aber wissen, was die Mutter zuletzt so gewaltig aufregte. Ob es eine Täuschung ihrer gereizten Sinne gewesen -- ob Wirklichkeit -- ich weiß es nicht. Doch sie behauptet, es habe sich langsam die Thüre ihrer Kammer geöffnet, und die Erscheinung des in unserm Hause verstorbenen Birsher auf der Schwelle stehend sich gezeigt, mit trüb wankendem Haupte und drohender Geberde. Die Gestalt sei einige Augenblicke sichtbar geblieben, bis sie unter der Mutter Schreckgeschrei verschwunden.«

»O des fratzenhaften Unsinns!« versetzte der Senator, obgleich sein eigen Gesicht länger und schmäler wurde: »Gaukelspiel eines verwirrten Weiberkopfes! Und daher die Mißhandlung, die mir von der Unverbesserlichen angethan wurde!«

»Was im Uebrigen die Mutter verbittert,« fuhr Justine seufzend fort, »ich will es nicht ergründen; ich will daran nicht glauben! ich müßte ja an der Tugend des Mannes verzweifeln, den ich als Vater bis hieher geehrt habe, und noch ferner von Herzen ehren will. Ich überlasse es Ihnen, den Zwist mit Sanftmuth zu beenden und die Eintracht wieder herbeizuführen, denn es ist nicht gut, wenn sich das Kind als Mittler zwischen die Eltern stellen muß.«

Der Senator trocknete sich kalten Schweiß von der Stirne. »So geh' hin,« sagte er ermattet. »Geh' hin, ich will nicht in dich dringen. Die Zeit mag lösen, was mir weibischer Eigensinn noch verhehlt.«

Justine wollte bekümmert weggehen.

Der Senator rief sie zurück. »Du bist meine Feindin geworden,« sagte er bitter und gekränkt; »ich verzweifle daran, deinen Starrkopf für ein Projekt zu gewinnen, in dem ich alberner Thor dein und mein Glück zu sehen vermeine. Ich hätte gewünscht, ich hatte es schon besprochen, meinem alten Vorhaben Kraft und Vollendung zu geben; -- dich mit Herrn Georg Birsher zu verheirathen, wie es schon beschlossen war. Aber ... nun wird wohl nichts daraus werden. Die abergläubische Mama wird dir's verbieten, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil ich eine _Hoffnung_ darauf gesetzt. Du wirst dich weigern, weil du dein Loos an Jacobine bindest. O, bewege nicht die Lippen, mir ein versagendes Nein zuzurufen. Ich lese es schon in deinem scheuen Auge. So sei es darum. Ich werde tragen, und du -- gehe hin!«

»Sie täuschen sich, bester Vater,« erwiderte Justine fest und bescheiden: »Ihr Wille ist _hier_ mein Gesetz; ich bin bereit, den Herrn zu heirathen, wenn Sie es befehlen.«

Der Senator betrachtete sie mit großen Augen, und ein lächelnder Schein spielte um den bitter geklemmten Mund. Er streichelte Justinens Gesicht mit wiederkehrender Zärtlichkeit. »Belügst du mich nicht, Mädchen? Oder hältst du mich nicht etwa hin, um im Augenblick, wo es darauf ankömmt, wahr zu sein, dein Wort zurückzunehmen?«

»Ich lüge nicht, lieber Herr Vater,« bekräftigte Justine mit offener Stirne; »ich will des Herrn Birsher Frau werden, wann Sie es haben wollen.«

»Und deiner Mutter unvermeidliche Einsprache?«

»Die Mutter ist damit einverstanden, lieber Vater.«

»Einverstanden?«

»Die hat mich sogar mit Thränen gebeten, den Antrag nicht zurückzuweisen, wenn er mir gemacht werden sollte; und ich darf Sie ersuchen, Herr Vater, daß Sie mit der Hochzeit eilen, wie es nur die Schicklichkeit verstattet.«

»Unverständliche Sybille! ich fasse dich nicht.«

»Mir ahnt, Herr Vater, als ob in diesem Bunde viel Besorgniß ihr Grab finden müßte,« erwiderte Justine mit Bedeutung: »wann Sie wollen, demnach, mein Vater.«

»Wie ist es dem ruhig verständigen Mann gelungen, in so kurzer Zeit dein gepanzertes Herz zu erobern? Er hat nicht einmal deiner Eitelkeit geschmeichelt.«

»Sie halten mich noch für ein Kind. Herr Birsher mißfällt mir nicht. Ich liebe ihn indessen eben so wenig. Ob sich die herzliche Zuneigung finden wird? -- ich weiß es nicht. Aber ich opfre mich gerne einer zweifelhaften Zukunft, um Sie und Ihr Haus zu beruhigen.«

»Beruhigen? Du beglückst mich, Gold-Justine. Ich fange an, vor dir Respekt zu haben. Verlange für die Freude, die du mir so unvermuthet machst, was du willst.«