Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 13
»Was ich versprochen, kann ich heute schon mit dem Segen Gottes beginnen,« -- schrieb sie in Eile an die Laynez: »Kommen Sie, gute Frau. Versuchen Sie es für's Erste auf ein Paar Tage, wie es Ihnen gefallen möchte bei Ihrer herzlichen Freundin Justine.«
Sie sendete diesen Zettel durch den dümmsten Packknecht ihres Vaters in den Johanniterhof an die Adresse, und verlor im Drang ihrer überhäuften Geschäfte bald die seltsamen Launen ihrer Mutter, -- sogar den eingeladenen merkwürdigen Gast aus den Gedanken.
Indessen hatte sich bereits ein anderer Geladener in des Senators Stube eingestellt. Müssinger erkannte selbst beinahe den Eintretenden nicht, so sehr veränderte diesen der schwerbetreßte Rock, die ansehnlich bauschende Halsbinde und die große weiß erglänzende Perücke.
»Im Namen des Herrn und Heilands!« sagte der Kommende -- Doctor Leupold -- mit leiser Stimme.
»Amen, und willkommen, hochwürdiger Herr!« antwortete der Senator ebenso, und ging dem Doctor entgegen, ihm die Hand zu küssen, eine Ehrenbezeugung, deren sich Leupold weigerte.
»Lassen Sie diese Förmlichkeit der Jugend und dem Volke, die in Respect gehalten werden müssen, mein werther Beicht- und Taufsohn,« sprach der Doctor. »Unser Verhältniß sei das eines Freundes zum Freunde. Ich finde Sie mit den Büchern beschäftigt, deren Studium ich Ihnen empfahl, und frage nicht, ob die heutige bedeutungsvolle Frühstunde Frucht getragen, oder nicht. Im Herzen des Frommen gedeiht stets die himmlische Speise, und der schnellste Entschluß belohnt sich am schnellsten. So wären wir denn nun _eins_ in Gott und seiner Kirche, bester Herr, und Sie haben ohne Zweifel die Gnade recht empfunden, die unser Heiland und Erlöser in Ihnen erweckte? Die Huld unsrer barmherzigen liebreichen Mutter-Kirche, die Ihnen erlaubt hat, alle Vorübungen, Prüfungen und Bräuchlichkeiten zu überspringen, um sich so schnell als möglich in ihre Arme zu werfen? Das Glück, das ich genoß, ich, eines der geringsten Rüstzeuge, die im Felde des Herrn zu seiner größern Ehre streiten, -- Ihr Führer zur Himmelsleiter sein zu dürfen, erfüllt mein Herz mit seligem Behagen. Und auch in Ihrem Herzen, mein Sohn, ist nunmehr Friede; nicht wahr?«
»Wenn Glaube an unbedingte Erlassung Friede ist, so genieße ich des Friedens,« antwortete Müssinger.
»Glaube ist allerdings der schützende Schild, und seine Wohlthat zögert nicht. Ich wette darauf, Herr Senator, Sie erwarten nun mit sicherem Fuße den Gast, vor dem Ihnen gestern noch gegraut.«
»Ihres Beistands versichert, ohne Zweifel.«
»Des Beistands des Herrn und seiner Schaaren, deren Engelfittich auch den _Gedanken_ der Sünde von Ihrem Bewußtsein scheuchte. Halten Sie sich an dem Bewußtsein Ihrer nunmehrigen Reinheit fest, und Sie werden nicht straucheln. Der Versucher naht wohl zuweilen dem Menschen; am häufigsten dem Gottgefälligen. Ich habe Ihnen den Lebenslauf unsers heiligen Ordensstifters und des herrlichen Heidenapostels Xaver in die Hände gegeben. Sie werden meinen Reden als Belege dienen. Aber -- je gefährlicher die Versuchung, je herrlicher der Sieg der Beständigkeit. Und auch das ist Versuchung, wenn dem Neubekehrten der Teufel ketzerischen Zweifelmuths ins Ohr raunt: bist du denn nun auf dem rechten Wege? Und auch das ist herrlicher Sieg, wenn der gottselige Jünger ihm antwortet: Ja, Satan! Trotz dir und deinen Schrecken! -- Sie verstehen mich. Ihre früheren Sünden _sind_ nicht mehr, denn das Blut unsers Herrn hat sie getilgt, und mein Priesterwort ist Ihnen dafür Bürge. Muth also, und ein klares Auge! Sie haben Gottes Gnade gewonnen; -- gewinnen Sie auch jetzo das Vertrauen des Ordens, der Ihnen Genesung brachte. Ein Thron ist schön, aber ein Coadjutor unser Gesellschaft selbst in weltlichen Dingen zu sein, ist ein weit schönerer Beruf.«
»Verlassen Sie sich auf mich, sobald Sie mir über die gefährlichste Brücke geholfen haben, in allen Dingen, die nicht mit meiner Bürger- und Vaterpflicht in Widerspruche stehen.«
»Verfängliche, aber unnöthige Klauseln!« lächelte der Doctor; »Vaterpflicht? Die Kirche ist ja selbst die liebendste Mutter. Bürgerpflicht? Ein relativer Begriff. Halbheit, mein Bester, führt nur zu Trostlosigkeit. Man muß, was man sein will, _ganz_ sein, und auf dem Wege der Religion kommen unsere Pflichten nie ins Gedränge, wenn man ohne des Vorurtheils Brille um sich schaut. Die Wahrheit ist immer nur _Eine_: das Recht ist stets nur _Eines_. Menschliche Satzungen fehlen; die göttliche Wahrheit nimmer. Sind Sie überzeugt, Ihrer Mitbürger Bestes zu wollen, so gehen Sie muthig zum Ziel. Wüthende Parteien und schielende Gesetze schelten gar zu oft Hochverrath, was man mit allen Bürgerkronen nicht aufwiegt, -- die Rettung des Vaterlandes. Ich behalte mir vor, Ihnen diese unerschütterlichen Grundsätze deutlicher auszuprägen, wenn sie zur Anwendung reifen sollten.«
»Zur Anwendung?« fragte der Senator gedehnt, denn sein Kopf ging im wirbelnden Kreise.
»So ists, mein Sohn,« erwiderte der Doctor ruhig; »die Gestirne wandeln ihre Bahn; folglich auch die Schicksale der Welten, der Völker, der Gemeinden, der einzelnen Menschen. Lassen Sie uns den Fall setzen, es wäre dem Himmel gefällig, in dieser Stadt die Anarchie des Lutherthums zu beendigen, die von dem unerforschlichen Rathschluß nur aus dem Grunde zugelassen worden ist, damit der erschlaffende Christussinn sich an dem Widerstande wetze und siegend wieder auflebe. Noch mehr: der Allmächtige hätte _Sie_ ausersehen, das Panier des wahren Glaubens, dem Sie freiwillig sich unterworfen, kühn und frei zu erheben. Würden Sie sich dessen weigern? Gott durch eine schimpfliche Feigheit beleidigen? Oder gestehen, daß Sie sich selbst belogen, als Sie sich dem Meßopfer zugewendet?«
»Wahrlich, ich erstaune ob Ihrer Rede,« sagte der Senator mit Angstschweiß auf der Stirne: »welch einen Kampfplatz thun Sie mir in diesen Worten auf?«
»Keinen gefährlichen; denn Gott würde mit dem Beharrlichen sein, und sein Engel den Satan stürzen. Beruhigen Sie sich indessen. Das Heldenbild eines solchen Kampfes lebt nur in der Einbildungskraft, nicht in der Zeit, die eine gemessene, mathematisch schleichende ist. Wir bekehren nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern mit dem kraftvollen Honig der überzeugenden Rede. Wir dringen uns nicht mehr den Völkern auf. Die Völker werden aber, vom geheimen Zuge ergriffen, alle zu unserm Tische treten. Die Wunder der grauen Judenzeit geschehen nicht mehr, sondern langsam, still webend, wie der Trieb der Natur, bereitet der Schöpfer seine Ereignisse vor; Mirakel, nicht kleiner als die der heiligen Bücher, aber mystischer als sie. Durch göttliche Schickung rüttelte sich der Wolf der Ketzerei los; aber mit dem Gifte erstand zugleich das Gegengift. Der Ursprung unserer Gesellschaft, ist er nicht ein Wunder? erzeugt im Staube, und herrlich fortblühend an der Brust der Könige? Zeigen Sie mir ein ähnliches Beispiel in der Geschichte aller Völker, und bezweifeln Sie den Fingerzeig des Herrn, der uns, seine Streiter erweckte; nicht zum blutdürstigen Morde, wie jene Dominikaner, die ihren Beruf, die Unseligen, verkannten; nicht zum faulen Bettel, wie jene schmutzigen Mönche des Franziskus von Assisi, welche ihre Sendung mit Füßen treten; sondern zu der schweren Arbeit, wie sie die Noth der Zeit erfordert. Warum wüthet man gegen uns? Weil man uns ungemessen fürchtet. Warum verläumdet man uns? Weil wir heller sehen, als alle Welt. Wie kömmt es aber, daß wir das können? Weil die hunderttausend Augen meiner Brüder nur ein Einziges sind, und ein scharfes; ihre hunderttausend Arme nur ein Einziger, und ein thätiger; beseelt von _einem_ Willen, von _einer_ Kraft. Ein Ziel ermißt unser Blick, nach dem _Einen_ greifen unsere Hände; nach dem _Einen_ schreitet unser Fuß: Ehre dem Herrn in der Höhe! Nachfolge dem Menschgewordenen Sohne und seinem Kreuze! Belehrung der Gläubigen, Zurechtweisung der Verirrten und der noch nicht im Geiste Gebornen! Aufrechthaltung der allein seligmachenden Kirche! Krieg auf Tod und Leben dem Satan der Zeit, welcher da ist _der_ der Unvernunft, _der_ der Hartnäckigkeit _der_ des Lasters! -- Hier nannte ich Ihnen in Kürze die Grundlagen unserer Bestimmung, die Zwecke unsers Daseins. Giebt es vortrefflichere auf Erden? Verdienen Sie nicht die größte Theilnahme, und den göttlichen Schutz, der ihnen so offenbar zu Theil geworden? Ueberall verbreitet, in jedem Welttheile angesiedelt, predigen wir die wahre, reine Religion. Wir haben ganze Völker dem Heile zugewendet; wir haben Halbthiere zu Menschen gemacht. Wir leiten das Gewissen der Fürsten; wir bewachen den Stuhl des Statthalters Jesu Christi. Unsere Schulen -- wer lobte sie nicht als die Vollkommensten! Unsere Zöglinge -- wer rühmte sie nicht als die Gelehrtesten? Meine Brüder -- wer hätte sich nicht an ihrer heitern Freundlichkeit, an ihrem milden Ernste, an ihrer Weisheit erquickt? Um jedoch ausgezeichnet und allumfassend wirken zu können, mußten wir umfassende Hilfsmittel wählen und schaffen: ein Band der Religion, der Wissenschaften, der Künste, der Gewerbe, des Handels um die Erde und die fernsten Meere legen. Für alle Bedürfnisse des Menschenwohls Sorge zu tragen, haben wir uns verbindlich gemacht; wir besitzen in unserm Ordensschooße alle Elemente dazu; die Mittel muß die Außenwelt geben, die uns freilich gern und oft zurückstoßen möchte, während sie uns danken sollte. Die kanonische Armuth der Kirche, die Kargheit der meisten Fürsten, versagt uns bedeutende Unterstützungen, und unsere Spekulation muß aushelfen; daher -- im Vertrauen -- unsere Colonien in fernen Welttheilen; daher Schiffe mit unserer Fracht auf dem Meere; daher das Bedürfniß, Stapel-, Lager- und Ausladungsplätze in allen Gegenden der Windrose zu besitzen. Ich komme jetzt ganz natürlich auf unser hiesiges Etablissement, das im Anbeginn einen solchen Lagerplatz ganz allein bezwecken sollte. Einige Vertraute waren nöthig; mein Vorgänger entdeckte jedoch viel Glauben, viel fromme Sehnsucht, und pflanzte die Reben des Herrn mit gutem Gedeihen an, so daß ich, sein unwürdiger Nachfolger, schon eine ansehnliche Zahl von Sprößlingen vorgefunden. Auch mit _mir_ war der Segen des Herrn und das Glück, das mich berief, _Ihnen_ zu dienen; dem alten bereuenden Freunde, dem nievergessenden Freunde Clara's. Ihr Einfluß, mein Sohn, wird, hoffe ich, viel Gefahr von unserer stillen Gemeinde abwenden, und ein guter Wächter für den Handelsvertrieb der Gesellschaft sein, die hingegen stets bereit sein will, ihre müßigen auf hiesigem Platze liegenden Capitalien in Ihre vertrauten Hände zu legen, und gegen billigen Zins zu lassen; so wie sie Ihnen auch bereits, -- gänzlich uneigennützig, und mit Ihren frommen Gesinnungen nicht bekannt -- die bewußten Wechsel auf Brasilien angeboten: so wie ein Freund dem andern zu dienen verpflichtet sein sollte.«
»Ihrem Orden meinen Dank;« sagte der Senator erheitert: »ich will zu vergelten suchen, wie ich kann. Treue Freunde thun heut zu Tage Noth. Sie haben mein Ohr bezaubert durch Ihren kurzen Bericht und Ueberblick Ihrer Wirkungskreise. Wahrlich! ein solcher Verein ist ein Wunder, ein noch nie gesehenes, nie erhörtes; und Sie, hochwürdiger Herr, müssen sich im Paradiese wähnen, wenn Sie stündlich sich erinnern, auch ein Glied an dieser großen edeln Brüderkette zu sein!«
Der Doctor sah bei dieser Wendung ernst und wehmüthig auf die stumpfen Spitzen seiner Schuhe, lehnte das Kinn auf den Rohrstock, und entgegnete nach einem verhaltenen Seufzer: »Je nun, Herr Senator! Jeder Beruf hat seine Last! und ich gehöre zu den Lastthieren unseres Ordensberufs. Herr Senator! um ein gläubig Gewissen, um ein ungeschwächtes Vertrauen auf die Unfehlbarkeit eines vorgesetzten Endzwecks ist's eine schöne Sache. Dieses Vertrauen auf Gott, meine Obern und meiner Pflicht wohlthätige Früchte ist mein Reichthum, mein Paradies. Die Pflichten selbst sind gar oft schwer, widern oft an; allein man tröstet sich mit der Fürsicht, die das Alles befiehlt und ordnet, und wissen muß, zu welchem guten Zweck Alles so befohlen und geordnet werden soll. Lichtpunkte in meinem Berufe und Treiben sind Vereinigungen, so erwünscht, so freundlich, wie die mit Ihnen im Namen der sanftesten Religion eingegangene. Clara betete für Ihr Glück! Clara's Freund feindlich mir gegenüber zu sehen, der Verdammniß verfallen, der Hoffnung bar, einst mit Claren, mit mir vereinigt zu werden!... Der Gedanke schmerzte mich tief, und indem ich Sie für unsere Lehre gewinnen durfte, gewann ich selbst einen Schatz tröstenden Bewußtseins!«
Der Senator war bewegt, da er in die bewegten Augen des Doctors sah, und auch die seinigen gaben Thränen, und in einer herzlichen Umarmung erkannten sich Priester und Neophyt als höhere Würdenträger der Menschheit; als verwandte Gemüther, als Freunde.
Der Senator sagte hierauf, indem er sich die Augen trocknete, und des Doctors Hand ergriff: »Was mir einfällt, mein würdiger Freund! Ihr Pflegesohn scheint Lust zu haben, ein Proselyt meiner Tochter zu werden, denn umgekehrt läßt sich bei des Mädchens Starrköpfigkeit die Sache nicht denken. Allein ... Sie begreifen ... und ersparen mir wohl fernere Erläuterung.«
»Allem ist schon vorgebaut;« unterbrach ihn der Doctor: »mir ist's nicht entgangen, und dem jungen Menschen ist bereits Ihr Haus untersagt. Ihn binden frühere Pflichten, und Zeit ist's, daß sein Schwärmen endige.«
»Welch ein Mann sind Sie!« rühmte der Senator, freudig des Doctors Hand schüttelnd: »solch' ein Scharfsinn -- solch' feine verhütende Moral lernt sich wahrlich nur in Ihren Collegien. Was sind dagegen unsere trockenen, dürren Gymnasien, wo man nur Buchstaben lernt, und nicht Menschenkenntniß? -- Was unsere Schreibstuben, in denen man den Charakter unserer Geschäftsfreunde, wie der Welt, nur nach den Zahlen taxirt, die sie in Gold oder Papieren aufzustapeln vermögen! Was Ihnen der klare Forscherblick schon verrathen, das mußte mir der Mund eines schleicherischen Handlungdieners...«
Die Schelle am Hause wurde gezogen: einmal, zweimal, dreimal, bescheiden, aber steigend, wie sich dazumal geladene Fremde anzumelden pflegten, während Hausfreunde nur zweimal läuteten und Hausgenossen das ganze mit _einem_ derben Riß an der Schelle abzuthun gewohnt waren. Der Senator erblaßte; das Wort erstarrte in seinem Munde, ein heftiges Zittern überkam ihn.
»Herr ... Birsher...!« stammelte er. Der Doctor rüttelte ihn zurecht, und sagte ihm tröstend und ermahnend: »Sie sind entsündigt. Im Namen der Dreieinigkeit! gehen Sie hin; trauen Sie auf meinen Beistand, und geben Sie nicht Anlaß zum Argwohn, noch Aergerniß!«
Ein nachfolgender Zug an der Comptoirschelle benachrichtigte den Hausherrn, daß der Fremde hereingelassen worden, -- daß der Besuch nicht dem _Kaufmann_ allein gelte. Seine Pflicht zu erfüllen, nahm sich Müssinger zusammen, und ging dem die Treppe Ersteigenden höflich entgegen. Der große junge in Schwarz gekleidete Mann mit dem wenig gefärbten ernsten Gesichte und den hellen geradausschauenden Augen hätte den Senator beinahe wieder aus der Fassung gebracht; was indessen der erste Anblick verderben zu wollen schien, brachten die ersten Worte des Fremden wieder ins Geleis. Der junge Mann streckte, ohne den Hut zu rücken, aber mit offenem Gesichte dem Wirthe die Hände entgegen, und sagte: »Ei, herzlich willkommen, Herr Senator. Freue mich, Sie endlich zu sehen. Vor Allem Entschuldigung, daß ich mich gestern, von der Reise ermüdet, durch den Kellner anmelden ließ. Hierauf verbindlichen Dank für die Einladung, und -- das Beste kömmt zuletzt -- meine herzlichste Erkenntlichkeit für die Bewirthung meines armen Vaters.«
Der Senator bückte sich äußerst verlegen, und öffnete die Thüre des Tafelzimmers. Ohne sich jedoch unterbrechen zu lassen, fuhr der junge Mann ruhig und behaglich fort: »Das Grab meines guten Vaters war das Erste, was ich hier besuchte. Meine Thräne ist darauf zurückgeblieben, und mein Segen nicht minder. Wir wollen uns jedoch, nach diesem Berichte, die Hände darauf geben, daß wir kein Wort mehr über sein Schicksal verlieren wollen. Sie übersehen gütigst die Farbe meiner Kleider, so wie ich selbst den eigenen Kummer übersehen will, um Ihnen nicht ein unerträglicher, unwillkommener Gast zu sein.« Der Senator sah den Doctor verwundert, aber mit erleichtertem Herzen an. Leupold studirte in dem Gesichte Birshers. Er erkannte seinen gestrigen Tischnachbar im Schwan. Dieselbe ruhige Unbefangenheit, die ihn im Gasthause ausgezeichnet hatte, verließ ihn auch heute nicht. Der ungewöhnliche Prunk, von welchem die Tafel strotzte, nöthigte ihm keinen Blick der Verwunderung ab, und, als sei er schon seit geraumer Frist ein Genosse dieser Tafelrunde, begrüßte er ohne förmliche Umschweife die geputzte Senatorin, die sich endlich einfand, und Justine, die im Kleide der Hausfrau erschien, um, der Küche entsagend, bei Tische das Ehrenamt zu verrichten. Nachdem Doctor Leupold von dem Senator den Seinigen und dem Fremden vorgestellt worden, begann das Mahl, dem heute im Uebrigen kein anderer Gast als der ernsthafte Buchhalter beiwohnte. Die Unterhaltung war anfänglich geschraubt. Der Senator bewachte mit ängstlichem Auge Herrn Birsher, die Senatorin saß mit stummem verzogenem Munde und niedergeschlagenen Augen, der Buchhalter schwieg nicht minder devot, und der Doctor allein führte mit dem New-Yorker ein unbedeutendes Gespräch. Justine beobachtete, und ihre Aufmerksamkeit, -- sobald es ihre Geschäfte erlaubten -- theilte sich zwischen Herrn Birsher und dem Doctor. Die Züge des Letztern hatten für sie etwas Bekanntes, mancher Anklang seiner Stimme war ihr ebenfalls nicht fremd, und dennoch hatte sie ihn im Cabinete des Vaters nur ein einzigmal -- beinahe _nicht_ gesehen, keine Sylbe aus seinem Munde gehört. Sie grübelte in der Erinnerung, gelangte jedoch zu keinem Ergebniß, weil ihr des Doctors Nachbar interessanter erschien. Wider Willen kehrte ihr Auge immer häufiger auf den jungen Amerikaner zurück, und sie mußte sich gestehen, daß ihre Phantasie an dem Manne eine Sünde begangen. Nicht die müde Behaglichkeit des Vaters, -- die entschlossene Ruhe eines mit sich selbst auf's Reine gekommenen Menschen, redete von dieser Stirne, aus diesen Blicken, die manchmal hell und fest den ihrigen begegneten, -- die ihr eine freundliche Bewunderung, verbunden mit einer beinahe ehrfurchtsvollen Scheu, einflößten. Sie horchte neugierig auf jedes seiner Worte; sie lächelte unwillkürlich und beifällig, als der Zurückhaltende endlich gesprächig wurde. -- Nach der dritten Speise schob Birsher mit einer leichten Verbeugung den Teller etwas zurück, und sagte: »der Hunger ist gestillt, und zum Vergnügen esse ich nicht. Ich erbitte mir daher die Vergünstigung, unangefochten und nachsichtsvoll beurtheilt, ein unthätiger Zeuge der fernern Mahlzeit sein zu dürfen.«
Die Senatorin, viel auf Tafelgenüsse haltend, und dieselben sogar in ihrem jetzigen gereizten Zustande nicht vernachlässigend, warf dem Redner einen mißbilligenden, verwunderten Blick zu. Birsher bemerkte denselben, fuhr aber, ruhig und verbindlich zu der Frau vom Hause gewendet, fort: »Ein Paar Worte, hochzuverehrende Gastfreundin, werden hinreichen, den Verdacht einer Unschicklichkeit von mir zu entfernen. Ich habe es wohl erfahren, daß man in Deutschland die freundschaftlichen Mahlzeiten hochschätzt und sie verlängert; daß man den Grundsatz hegt, dem willkommenen Gast könne nie zu viel angeboten werden, und er könne hinwieder nie zu viel genießen. Bei uns in Amerika ist die Lebensart viel einfacher, so wie unsere Wohnungen, unser Tafelgeräthe und unsere Kleidungen einfacher sind. Drei Gerichte, eine Flasche Bier oder Wein, ein herzliches Tischgespräch von einer halben Stunde, ein aufrichtiges Gebet zum Beschluß -- das sind die Bestandtheile unserer Sonntags- und Feier-Tafeln. Lassen Sie mich bei dieser Gewohnheit, die meine Landessitte mir einprägte, die mir immer wohl bekam. Ich will, da ich meinen Theil _von_ diesem überprächtigen Gastmahle nicht gehörig annehmen darf, meinen Antheil zu der Unterhaltung geben, und fange damit an, Ihnen unumwunden zu bekennen, weßwegen ich im Grunde hierher gekommen bin.«
Alle Anwesende neigten höflich das Haupt, und der Senator, um eine Erwiderung verlegen, sagte mit zweifelhaft schwankendem Tone: »Ew. Edeln kommen unsern Wünschen zuvor. Ich darf gestehen, ... daß ... so höchst angenehm mir auch Dero Ankunft erschienen, ich nicht begreife, wie es möglich wurde, Sie schon jetzt hier zu begrüßen. Meiner erprobten Berechnung gemäß könnte das schnellst segelnde Schiff kaum die Nachricht nach New-York gebracht haben, daß...«
»Ihre Berechnung täuscht nicht, Herr Senator,« antwortete Birsher: »das dänische Kauffahrteischiff Kiöbenhaven, das vom Texel abging, mit der Depesche des Herrn van den Höcken befrachtet, kann erst seit drei Wochen, fiel die Fahrt vollkommen günstig aus, zu New-York angekommen sein. Doch hatte ich nicht auf eine Nachricht aus Europa gewartet. Eine Ahnung -- man möchte sagen, wie mein schottischer Faktor zu sagen pflegt: ein zweites Gesicht hat mich über's Meer getrieben!«
»So?« fragte Doctor und Buchhalter. Des Senators Gesicht verlängerte sich. Die Frauen hingen mit ihren Blicken an dem Munde des Erzählers. Dieser bemerkte die gespannte Neugier, und sprach lächelnd weiter: »Erwarten Sie keine Gespenstergeschichte. Nichts Ungewöhnliches. Ein einfacher Traum ist's nur, der sich leicht erklärt, wenn man erfährt, daß Vater und ich uns unaussprechlich lieb gehabt. Um ein Capital zu retten, das in Ostfriesland unsicher stand, und um mir -- wovon nachher -- einen Schatz mitzubringen, unternahm der alte Herr die mühevolle Reise. Eine Art von Heimweh gesellte sich zu den obigen Motiven. Er hatte früher in Holland und Deutschland gelebt. Es war ihm in diesen Ländern wohl ergangen. Er wollte das Paradies seiner Jugend noch einmal sehen vor seinem Ende. Er hoffte, seine lästige Corpulenz auf der Seefahrt zu vermindern. Er bestand -- eigensinnig von jeher -- auf seinem Vorhaben, und segelte ab. Das Schiff hatte einen bedeutungsvollen Namen: Fare well! Mein Glück- und Segensruf hing sich an des Schiffes Wimpel, und -- setzte ich mich gleich stracks wieder vor die Bücher und die Correspondenz, so schaukelte sich doch meine Seele neben dem Vater auf dem fern hingleitenden Fare well! Diese Einbildung verwuchs, so zu sagen, mit mir, und gab sicherlich Anlaß zu dem Traume, der mir einst, geraume Zeit nach des Vaters Abfahrt, vorkam. Ich saß im Comptoir und schrieb. An die Thüre klopfte es. »Herein!« rief ich. Alles still. Nun stand ich auf und sah selbst nach. Vor der Thüre stand mein Vater: gekleidet, wie wohl sonst, aber blaß. Willkomm! sagte ich, und streckte die Hand aus. Er aber sprach: Beileibe, Freund Georg; ich bin ja gestorben, und muß in Europa bleiben. -- Ich fuhr auf, und das nächste Schiff nahm mich mit nach Holland. Van den Höcken sagte mir bei der Ankunft in Amsterdam nichts Neues. Ich war von der Wahrheit meiner Ahnung innig überzeugt.«
»Das ist eine entsetzliche Geschichte!« sagte die Senatorin, und erhob sich, von Gespensterfurcht ergriffen, vom Stuhle, um mit starren Augen und bebendem Kinn von hinnen zu wanken. Der Senator, der auf glühenden Kohlen gesessen, beeilte sich, der Frau seinen Arm zum Weggehen anzubieten. Mit einer Geberde schaudernden Abscheu's stieß ihn jedoch Frau Jacobine zurück, griff mit heftiger Gewalt nach Justinens Hand, und verließ, auf dieselbe gestützt, das Eßzimmer.
»Die Frau Senatorin scheint reizbarer zu sein, als ihre Constitution errathen läßt,« versetzte Birsher, etwas aus der Fassung gewichen; »ich habe dennoch nur Alltägliches erzählt, um einen Beitrag zur Seelenkunde zu geben.«
»Ein merkwürdiger Beitrag allerdings,« hob der Doctor an, um des Senators betretene Beschämung zu bemänteln; »die Geschichte zeugt von Ihrer außerordentlichen Liebe zu dem Vater, dessen Tugend ein späteres Lebensziel verdient hätte.«