Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
Part 12
Der Freier. -- Jacobinens Geheimniß. -- Das Senators Tröster. -- Georg Birsher. -- Tischgespräche. -- Häuslicher Sturm. -- Justinens Opfer. -- Abendunterhaltungen. -- St. Sebastian und die heilige Pulcheria. -- Das Gespenst. -- Der Superior. -- Seine Philosophie. -- Wuth der Leidenschaft. -- Qual der Schuld. -- Neues Ungewitter. -- Der Heilige unter den Myrthen. -- Die Geisterbannerin. -- Verlobung. -- Vorträge auf der Mailbahn. -- Plaudern zur Unzeit.
Nothhaft war schon seit den ersten Frühstunden im Hause des Senators herumgegangen, -- glänzend, strahlend, hoffärtig wie ein Pfau. Feiertäglich geputzt, vom Tressenhute bis zur schweren Silberschnalle am Korduanschuh mit dem leuchteten Absatze, hatte er mehrere Male an die Thüre des Principals geklopft, und murrend von der Verschlossenen Abschied genommen. So hielt er Schildwachtposten und Schildwachtgang durch's ganze Haus, getraute sich aus Respekt nicht den Fuß in der Senatorin Zimmer zu setzen, und hielt es unter seiner Würde, in die Schreibstube zu treten, durch deren Fensterchen Berndt den geputzten Wandler mit neugierig neidischen Augen betrachtete. Endlich, -- von mancher Priese Tabak gestärkt, und an dem Glauben haltend, daß Geduld Alles überwinde, besiegte der Commis, der nichts Geringes im Schilde führte, die schleichende Zeit und seinen Unmuth. Die Hausthüre ging auf; der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung empfing ihn Nothhaft an der obern Treppenstufe, und sein Herz lachte im Stillen, denn sein Benehmen schien zu wirken. Der hochfahrende Senator hatte völlig die Miene eines betretenen Kindes angenommen. Seine Stirne lag zwar glatt und freundlich, aber in den Augen saß eine gewisse unerklärliche Demuth, und seine Stimme war lammfromm und gemäßigt.
»Was verlangt Er, mein Sohn?« fragte der Senator, nachdem er den Commis in seine Stube gewinkt; und stolzer hielt Nothhaft sein Haupt, und nachlässiger spielte er mit dem Uhrbande.
»So geputzt?« fuhr Müssinger fort, mit niedergeschlagenen Augen den umherschweifenden des Dieners ausweichend: »Ich wette darauf, der junge Herr will mich besänftigen, daß ich nicht zürne, weil Er bereits zween Tage lang gefaullenzt hat? Danke Er Gott, Monsieur, daß ich nicht so strenge wie der Buchhalter bin, und mich überhaupt heute in einer Laune befinde, die mich nicht zum Zanken kommen läßt. Es sei Ihm Alles vergeben, aber continuire Er dafür in Seinem vorigen Fleiße.«
»Es hat sich hier Nichts zu vergeben, Herr Senator und geschätztester Principal,« antwortete Nothhaft ziemlich dreist und nachdrücklich; »die Ursache meiner Abwesenheit von Dero Comptoir wird mich, -- so hoffe ich, -- sehr genügend entschuldigen. Ich bin hier, um dieselbe gebührend vorzutragen, da Ew. Edeln Geschäfte gestern und vorgestern mir Solches unmöglich gemacht. Freilich sollte ich gebührenderweise schwarz wie ein Tintenfaß vor Ihnen stehen; allein, erstens hat der saumselige Schneider mich noch nicht mit Kleidern versorgt, -- und -- zweitens -- will sich's wohl ziemen, -- da eine fröhliche Botschaft an der traurigen hängt, daß ich ihrer im fröhlichen Kleide gedenke. Wissen Sie demnach, Hochzuverehrender, daß mein Herr Vater, -- bis dato Kaufmann und Rathsherr in meiner Geburtsstadt, am verwichenen Freitage im 70sten Jahre seines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Ich bin sein einziger Erbe in Haus und Gewölbe geworden, und -- wie mir schmeichelhafte Verwandte versichern, -- würde der Magistrat sich nicht lange sperren, mir auch den Rathsstuhl des Verewigten als vollgültiges wohlerworbenes Erbe zu überlassen.«
Der Senator war unwillkürlich vom Stuhle aufgestanden, hatte einen nebenstehenden Sessel herbeigezogen, und winkte lächelnd und verbindlich dem Commis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaft ließ sich nicht lange bitten, und indessen sprach Müssinger sehr freundschaftlich: »Sehen Sie, bester Herr Nothhaft; der Tod ist so eigentlich kein Unglück, sondern ein _Soll_, das früher oder später jeder Lebensnegoziant zu saldiren hat. Trösten Sie sich demnach über den herben Verlust, und genehmigen Sie den wärmsten Ausdruck meiner Theilnahme an Ihrem fernern Wohlergehen. Dieses wird nun freilich lediglich von Ihnen abhängen, denn Sie haben in meinem Geschäfte von der edeln Handels-Wissenschaft ohne Zweifel so Vieles profitirt, daß Sie ganz gut auf Dero eigenen Füßen werden stehen können. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer freundschaftlichen Anhänglichkeit vor, und bitte mir zu nächstem Sonntag die Ehre aus, Ihnen mit einem Löffel Suppe aufwarten zu dürfen, wie ein Handelsfreund dem Andern.«
Müssinger hätte hier gerne, nachdem er der Förmlichkeit ihr Recht gegeben, das Gespräch beendet, aber Nothhaft saß immer noch breit und lästig im Stuhle, nickte vornehm dankend mit dem Kopfe, und hob an, den Zweisprach weiter fortzuspinnen.
»Eben darum, geehrter Herr Senator,« -- sagte er -- »weil ich weiß, wie förderlich mir Ihre Freundschaft ist, und gewesen, so wie auch die Meinige =vice versa=, so unterstehe ich mich, an obige Trauer-Nachricht ein artiges Vergnügen zu knüpfen, indem ich auf ein Band hinweise, das unsre bisherige Freundschaft-Societät zu befestigen geschickt sein möchte. Mein seliger Herr Vater hat jeden Albus sechsmal umgewendet, ehe er ihn ausgab, und vermittelst dieses Grundsatzes einen ansehnlichen Kasten voll harter Thaler zusammengespart: ein Tuchgeschäft in vollem Gange, eine Wein-Fabrik, ein wohleingerichtetes Haus, Gartenland und Ackerfeld, Brunnen und Stall, Geschirr von Silber und Ringe von Gold. Alles dieses ist mein, und mir geht nichts ab, als ein Weib. Ich halte demnach, geziemend und gebührend, um Ew. Edeln Tochter an. Jungfer Justine ist zwar ein schwieriges, schnippiges Ding; aber ich mag sie doch wohl leiden, und hat man erst ein Dutzend Wochen im Ehestande zugebracht, so findet sich Alles hinterdrein.« --
Der Senator saß verstummt da, und lächelte vor sich hin; ob aus Spott oder aus Ueberraschung? Dann erwiderte er ziemlich treuherzig: »Lieber Herr Nothhaft! Sie thun mir unläugbar eine Ehre an, so wie Justinen. Aber, Bester! -- sollte es Ihnen denn unbekannt sein, daß meine Tochter noch immer versprochen ist? Bevor Herr Birsher junior nicht sein Wort und das meinige aufgegeben...«
»Täuschen Sie sich noch beständig mit dem Bräutigam aus New-York?« fragte Nothhaft achselzuckend; »geben Sie um Gotteswillen die Anwartschaft auf. Der junge Herr wird an Deutschland gedenken, und über kurz oder lang wohl die _Brautgeschenke_ wieder einfordern lassen, die sein armer Papa hieher bringen mußte; aber sicher nicht die _Braut_.«
»So?« -- fragte Müssinger etwas gereizt. »Woher wissen Sie das? Sind Ihre Briefe sicher?«
»Hm!« antwortete Nothhaft ruhig und bedeutend; »ich meine nur...; wenn ich der Sohn wäre -- ich könnte nimmer in das Haus heirathen, worinnen man meinen Vater ... begraben hätte.«
Des Senators Mundwinkel zuckten krampfig. »Man muß es darauf ankommen lassen,« sagte er trotzig.
»Lassen Sie's nicht ankommen,« fuhr Nothhaft fort: »verkennen Sie Ihren Vortheil nicht. Eine Verbindung mit mir ist Ihnen heilsamer, als eine Verwandtschaft mit dem Amerikaner. Ich habe zwar keine Million in Cassa; aber einen Mund, der schweigen kann, und einen milden Verstand, der mit dem Mantel der Liebe allzeit fertig und bereit steht, wenn gewisse Menschen-Irrthümer zur Sprache kommen wollen.«
»Wie so? Wie begreife ich, was Sie mir sagen?«
»Denken Sie an des alten Gastfreundes Sterbetag. Gedenken Sie des seltsamen Sterbefalls...«
»Und nun, Monsieur? Was will Er ... was wollen Sie damit sagen?«
»Der Pistolen auf der Diele, der verzettelten, gerade noch vor Thorschluß, möchte man sagen, quittirten Wechsel ... oder Verschreibungen...«
Der Senator wurde weiß wie die Wand, stand auf, schöpfte tief Athem, und sagte mit gepreßter Stimme: »Sie sind ein schauerlicher Patron, und verstehen's, solche unangenehme Todes-Auftritte recht täuschend zu schildern, daß man sich unwillkürlich fürchten möchte.«
»Herrlich!« rief Nothhaft, »um so schneller werden Sie mit der Heirath in Ordnung kommen. Schlagen Sie ein: Allianz! Respect dann vor Ihrer Firma!«
»Ei! den müssen Sie auch haben, junger Mensch!« fuhr der Senator auf: »haben ohne Allianz! Sie thun absonderlich vertraut mit mir; mehr als sich's schicken dürfte! Werden wohl berathen sein, wenn Sie dieses unterwegs lassen!«
Nothhaft sah den Aufblitzenden stutzig und verblüfft an. Die auflodernde Hitze reute indessen den Senator im Augenblicke. Er beruhigte sich gewaltsam, murrte ein finsteres: »Pfui!« gegen sich selbst gerichtet, in den Bart, und fuhr fort: »Verzeihen Sie mir den Ausfall. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht zu erzürnen; aber die Zunge läuft manchmal wie ein toller Deserteur davon. Mit Permiß! so wir uns alterirten, wollen wir wieder Freunde sein. Das Schätzbare Ihrer Werbung ist mir nicht entgangen; aber sagen Sie selbst: ist es möglich, Ihnen etwas, das geringste aufmunternd zuzusagen, da der junge Birsher selber hier eingetroffen ist?«
Nothhaft sprang überrascht vom Sessel. Er studirte lange an dem Ernste in des Senators Augen; dann sprach er hitzig, wie ein Pfeil schwirrt: »Wenn's in der That also ist, Herr Senator, so heißt's: Kurz resolvirt. Ueberlegen sie genau, wie's anzufangen sein möchte, damit der Herr von New-York nicht an's Ueberlegen komme. Parbleu! Ihr Jawort ist so gut als schon in meiner Tasche. Justinens wird sich dann schon finden. Apropos indessen, Ew. Edeln: dem ehrlichen Freiersmann kann es nicht angenehm vorkommen, wenn sich die Braut an ein fremdes, leider malhonnettes Volk hängen will. Jungfer Justine ist in der Education sehr vernachlässigt.«
»Monsieur Nothhaft!« sagte Müssinger erstaunt, und wieder böse werdend. --
»Na! ruhig im Gemüthe, Herr Senator! Ich hab's aus guter Quelle. Der englische melancholische Junker, der hier im Hause den Sprachmeister abgiebt -- der verdient's, daß Sie ihm böse, gram und giftig werden. Er hat Justine gekirrt; Parbleu! ich weiß es sehr genau. Morgen-Promenaden -- im Frühroth -- Berndt hat's mit angesehen, wie sie plauderten, wie sie Abschied nahmen. Solche Lustwandeleien im Morgenthau mögen vielleicht unter den grobhäutigen Engländern gäng und gäbe sein, aber der gute Ruf unsrer deutschen Töchter und Schwestern bekömmt leicht davon den Schnupfen.«
»Ich werde die Sache untersuchen,« erwiderte der Senator strenge; wendete sich aber von dem Freiwerber ab, damit er nicht die Röthe der Schaam auf seiner Stirne bemerke: »Verlassen Sie sich darauf: ist's wahr, -- soll's gewiß nicht mehr geschehen!«
»Dann bin ich um meiner Jungfer Braut willen bereits content!« äußerte Nothhaft, den Weg zum Abschiede suchend. Der Senator ermangelte nicht, dem Zuversichtlichen zu bemerken, daß seinem Ansuchen bei weitem noch kein _Amen_ gesprochen worden, aber unwillkürlich nahm seine Rede einen trügerischen Schein an, und Nothhaft -- wäre er auch nicht der alte dumm-dreiste und hochmüthige Geck gewesen, wie sonst, -- hatte Ursache, mit mancher Hoffnung von dannen zu gehen.
»Verzeihe mir der Himmel die Sünde, wie er mir heute bereits die schwereren vergab!« sagte der Senator leise vor sich hin, wie im Gebet; »ich konnte mir in der Verlegenheit des Augenblicks nicht anders helfen. Der freche Tölpel, der ein Endchen meiner Geheimnisse kennt, muß berücksichtigt werden, -- wenigstens, bis er die Stadt im Rücken, den Weg nach seiner Heimath unter der Sohle hat.« Er ging hin und her in der Stube, musterte seinen Schreibtisch, seine Bücher, -- zuckte auf wie vor dem Anblick einer Schlange, als er die bestaubte Hauspostille darunter gewahr wurde, schob sie mit unmuthiger Hand in einen klaffenden Wandschrank, und reinigte dann die Finger vom Staube. -- »Wie dieser Anblick mich plötzlich an die Jugend erinnert hat!« sagte er mit wehmüthigem Vorwurfe zu sich selbst; »dieses Buch, woraus ich meinen Eltern den Abendsegen lesen mußte, dessen Haupt-Predigt- und Erbauungsstellen ich auswendig gelernt hatte, trotz dem Vater-Unser... Dieses Buch, worein der Vater alle Begebenheiten unsers Hauses verzeichnete, wie eine Geschlechterchronik, -- dieses Buch soll mir von nun an ein Gräuel sein!« Er seufzte, drückte jedoch den Wandschrank entschlossen zu, und zog ein kleines Büchlein aus dem Busen, das er mit einer seltsamen Mischung von Neugierde, Zuversicht und Zweifel betrachtete. »Du sollst in Zukunft mein Hort sein?« fragte er flüsternd und setzte, darin blätternd, hinzu: »Ihr Heiligen Alle, deren Häupter aus diesen Bildern, mit Dornen und Blut bekränzt, schauen! nehmt Euch meiner an, daß ich nicht vergehe in muthlosem Schwanken! wahrt mir doch den Frieden, den ich kaum durch einen beispiellos raschen Entschluß gewonnen!« Sein Blick fiel auf den Rand eines Kupferstichs, und in dem Blicke ging es auf wie ein Freudenfeuer. »Münzner! Münzner! ist das nichts Claras Weltname? Und ist sie nicht der Engel, der heute mein Pathe gewesen? Und ich sollte friedlos bleiben, da sie für mich zu den Füßen des Heilands betet? Muth, mein Herz!« Die Glocke, die zum Frühstück rief, ertönte.
Der Senator versteckte das Gebetbuch, zog sein Gesicht in die gebieterischen Alltags-Falten, und begab sich zur Wohnstube. Der Kaffee dampfte von dem blaudamastenen Tafeltuche, das glänzende goldgeringelte Porzellan, berührt von dem schweren silbernen Geräthe, erklang hell; im Uebrigen blieb es stumm in dem kleinen Kreise. Die Senatorin, die kaum den Morgengruß des Mannes erwidert hatte, saß, zwar ihm zur Seite, aber dennoch halb von ihm gewendet, und genoß, die Tasse in der bequem ruhenden Hand haltend, das Frühstück und den Morgenstrahl, der durch's Fenster schlug, zugleich. Justine hütete mit besorgten Blicken bald den stillen Vater, bald die feindselige Mutter, und bestellte die Frühstücks-Angelegenheit; schenkte ein, bediente, nöthigte wie es der Brauch war. Berndt saß unfern, wie ein Lämmchen, unfähig, ein Wässerchen zu trüben, unterrichtete bald den Principal von den Arbeiten, die er heute schon gethan, bald schoß er lauernde Blicke nach dem Mädchen. Der ernste Buchhalter, gegen jede Kaffebedienung deprecirend, zum zwanzigsten Male behauptend, daß er bereits in aller Frühe seine Portion genossen, stand hinter dem Herrn, und producirte eine eingelaufene Missive nach der Andern, eine Reihe abzusendender, und eine Menge der Unterschrift bedürftiger Papiere.
Müssinger las und unterschrieb schweigend, sandte den Buchhalter hinunter, beschied Berndt in einer Stunde auf seine Stube, und fragte, nachdem auch dieser feuerroth hinweggegangen, mit ungewöhnlich sanftem Tone: »Wie nun, Jacobine, und du, mein Justinchen? Ist denn schon die Tafel für den zu erwartenden Gast geordnet?« -- Justine wollte die Mama antworten lassen, aber die Senatorin hatte dazu keine Lust. Mit einem tiefen Seufzer setzte sie die Tasse geräuschvoll hin, kehrte dem Senator völlig den Rücken, und starrte in's Blaue. -- »Ei, Jacobine...!« -- sagte Müssinger hierauf staunend und gereizt, -- näherte sich der Schmollenden, und wollte die Hand auf die Lehne des Stuhles legen, um sich vertraulich zu ihr herabzubücken; aber wie vor einem Scorpion fuhr die Senatorin empor, wischte schnell mit ihrem Schnupftuche die Stelle ihres Kleides ab, woran zufällig sein Finger gestreift hatte, und schritt trotzig und stumm in's Seitenzimmer. Die Thüre ging krachend hinter ihr zu. -- »Was bedeutet das?« -- fragte Müssinger, seine Jast kaum bezwingend. Justine erzählte schüchtern und verlegen, daß sich der Mutter Betragen seit ihrem Spaziergange von gestern nach dem Ritterhofe geändert habe; daß sie nichts über die Veranlassung zu diesem stummen Groll geäußert, und daß sie, Justine, von der Sache nicht das Geringste begreife. -- »Mit wem hat deine Mutter draußen gesprochen?« -- fragte der Vater mit krauser Stirne. Justine gestand, daß sie, in Scherz und Gelächter mit andern Personen ihres Alters und ihrer Bekanntschaft vertieft, es nicht bemerkt habe.
»Welche unselige Grille beherrscht das Weib nun wieder!« -- sagte der Senator empört, aber wie mitleidig die Achseln ziehend. -- »Ist denn wohl ein Hausvater in dieser Stadt, der unglücklicher wäre, als ich? Diese stumpfsinnige Xantippe, die mein Leben verbittert...«
Justine flog mit thränendem Auge an seinen Hals, und fragte: »Lieber Vater! Sind Sie denn auch mit _mir_ böse? Verdiene auch ich Ihren Unwillen?« --
Der Senator sah sie gerührt an, schob sie dann, plötzlich verfinstert, von sich, und antwortete: »Unter deinen Fehlern vermißte ich wenigstens bis heute die Heuchelei. _Nun_ tritt auch diese hervor. Ungerathene mit dem Unschuldsblick! Wohin hast du dich verirrt? Mit einem jungen Manne, der mein Vertrauen verräth, bist du am frühen Morgen auf den Gassen der Stadt gesehen worden. -- Bekenne! wohin führen diese Gänge? und seit wann?« --
Justine erbleichte ein wenig; allein sie war bald wieder gefaßt. »Berndt hat mich verläumdet,« -- sagte sie ruhig; -- »der Schleicher trat auf meinen Fersen in das Haus. Glauben Sie dem Menschen nicht. Verlangen Sie jedoch nicht, daß ich Ihnen mehr von dem Morgengange sage, als daß er nur ein einzig Mal -- Gestern -- statt gefunden, und daß ich die Hütte einer Armen aufgesucht. Um Alles Uebrige befragen Sie, wenn es Ihnen gefällt, den Monsieur White selbst.«
»Welch ein kühnes Vertrauen!« -- rief Müssinger. -- »Ich will glauben, daß noch die Sünde nicht mit Euch ging. Was soll aber daraus in Zukunft werden? Du wirst, hoffe ich, nicht den thörichten Gedanken hegen, den bettelarmen Baronet, -- obendrein zu einer Zeit, wo dich noch andere Bande fesseln, die vielleicht fester zu knüpfen, dein Verlobter kam...«
»Vollenden Sie nicht, Herr Vater,« versetzte Justine; »lernen Sie mich besser kennen. Ihre Besorgnisse sind grundlos. Da Herr Birsher hier angekommen, schickt sich's ohnehin nicht, daß ich den Besuch eines Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White heute schon entlassen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Ruf schonen wollen. Was Berndt betrifft....«
»Das ist meine Sorge!« ergänzte der Senator, und eilte auf seine Stube, wo sich Berndt demüthig und bald einfand.
»Er hat sich erlaubt,« fuhr ihn der Principal mit Strenge an, »meine Tochter durch böse Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer Armen galt. Verläumder und Züngler dulde ich nicht in meinem Hause. Er hat sich um einen andern Dienst umzusehen, und mit Ablauf des Quartals von meiner Schreibstube abzuziehen. =Bon Dies.=«
Stumm und niedergeschlagen entfernte sich Berndt, und murmelte zwischen den Zähnen: »Das kommt von Nothhaft, dem neidischen Bengel! Das gedenk' ich ihm!«
Der Geist der Verdrossenheit hatte sich auf Müssingers Dach gelagert. Ein dumpfes Mißbehagen bedrängte Alle, die darunter wohnten, Justine ausgenommen, die mit unbefangenem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft musterte. Freilich mischte sich auch in diese unbefangene Klarheit dann und wann ein wenig Unruh, wenn sie an den Verlobten dachte, der so plötzlich erschienen war; von dessen Wollen und Wünschen noch nichts verlautet hatte. »Wie wird er die Sache entscheiden?« fragte sie sich, »und will er mich noch heimführen, oder hat der Tod seines Vaters seinen vielleicht erzwungenen Vorsatz geändert? Aber: wie sieht wohl der junge Mann aus?« fragte sie sich noch weit öfter, und erbebte ein Bischen, dachte sie sich des alten Birshers Corpulenz, seine Perücke, seine Manieren, die sich vielleicht alle, wenn auch nach verjüngtem Maßstabe, in dem Sohne wiedergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn heirathen? -- war natürlich die letzte, die bedeutendste Frage, die Justine an ihren Verstand, an ihr Herz richtete. Der Verstand, der den Reichthum und das daraus entspringende heitere Leben zu schätzen wußte, sagte allerdings: Ja! aber das Herz? In diesem verborgensten Winkel tauchte von Zeit zu Zeit, einem spielenden Geist zu vergleichen, ein Bild auf, -- angenehm in seinen Zügen, unangenehm jedoch in seiner Bedeutung: James. -- Justine wurde nun sehr ernsthaft, sehr unruhig, und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieses Bild nach kräftigem Bedenken mit einem Male verschwand, und nimmer wieder kam. -- So halte ich dem besorgten Vater Wort, und meiner eigenen Würde! -- sagte sie gleich einer Siegerin, und ging, eines hellen Entschlusses voll, die Schlüssel des Hauses einzufordern, um das Gastmahl zu rüsten.
Frau Jacobine machte gar keine Schwierigkeit, auch heute die Wirthschaft dem Mädchen anzuvertrauen. »Du wälzest einen Stein von meinem Herzen!« -- sprach sie, die Schlüssel hinreichend, und wieder in die Kissen des Kanape's versinkend, in denen sie sich ausnahm, wie eine im Nachdenken Verlorne.
»Darf ich nicht wissen, was Sie beängstigt oder ärgert, liebste Mutter?« -- fragte Justine mit sanfter Theilnahme. Die Mutter schlug die Hände zusammen, und schüttelte den Kopf mit Heftigkeit. »Frage mich nicht, Justine!« -- sagte sie alsdann mit phlegmatischem Pathos: »Es wird die Zeit kommen, da sich Alles enthüllen wird. Armes Kind! und ich ... eine arme Mutter! Mir bleibt nichts übrig, als zu überlegen, wie wir beide einer großen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel schicken! Behalte indessen die Schlüssel dieses unseligen Hauses! In meinem Leben rühre ich sie nicht mehr an!«
Sie schwieg verstockt, und Justine fürchtete für den Verstand der Mutter.
»So werden Sie mir doch erlauben,« -- sprach sie, -- »eine Gehülfin zu erwählen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus- und eingehen wird, dürfte es viel zu thun geben, dem ich allein nicht gewachsen wäre.«
»Wie du willst. Gott segne den Herrn Birsher! Er hätte aber besser gethan, zu New York zu bleiben. Wen willst du jedoch dir zur Seite setzen?«
»Eine Freundin: Madame Laynez, eine Französin.« -- »Wer ist die Person? Ich kenne sie nicht.« -- »Die Frau Syndikus empfahl sie mir,« -- versetzte, um eine Antwort etwas verlegen, Justine. -- »So?« -- erwiderte Jacobine mit großen Augen; -- »meinethalben dann. Die Syndikussin empfiehlt sicher kein Gesindel; sonst möchte ich wohl gerathen haben, auf der Hut zu sein. Die Franzosen machen gerne lange Finger, und bei Gelegenheiten, wie die heutige...« -- »Lassen Sie mich walten, Mutter; und erheitern Sie sich. Dieser unbegreifliche Mißmuth würde den Gast verschüchtern und den Vater erzürnen.« »Den Vater?« -- rief die Mutter zusammenfahrend aus; -- »schweige von ihm. Ich will nichts von ihm wissen, nichts von ihm hören! Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen. Du wärest nie geboren worden!« -- »Mutter!« -- »Ich wollte, meine Augen müßten den fremden Gast nicht sehen. Aber -- nicht wahr, es wäre unschicklich, wenn ich bei Tische fehlte?« -- »Gewiß, liebe Mutter! Bedenken Sie selbst, -- die Frau vom Hause...«
»Mein Heiland, ja! Was muß man nicht thun, um der Schicklichkeit willen? Was muß man nicht verschweigen und verbeißen um der Schande willen! Ach, liebste Tochter, ich werde viel leiden an dieser Tafel! Jeder Bissen wird mir im Munde quellen. Ach Gott! verzeihe mir meine Sünden; womit hab' ich aber all' diese Noth verdient?«
»Ich fürchte mich bei Ihnen, Mutter!«
»Bei mir?« ächzte das Weib, das sich mit Gewalt in eine Aufregung versetzte, die sich lächerlich und peinlich zugleich ausnahm; »bei mir, du gottloses Kind? Und ich bin doch ein Lamm, wie Schnee so rein; und ich habe dich zur Welt geboren, und ich sinne und sinne seit gestern, daß mir der Kopf schwindelt, wie ich dich, meinen Herzensschatz, mit mir zugleich erretten kann. An _mir_ sollst du dich halten, und nur Gott fürchten in Demuth, und ... deinen Vater in Angst! Fürchte dich vor dem Vater, wie das unschuldige Lamm vor dem Wolf! Thue von heute an nie mehr, was er begehrt, denn er begehrt nur unser Verderben.«
Justine sah die Frau, die sich wie eine in Wahnsinn fallende zerängstigte, mit großen Augen, dann mit Mitleid, dann mit Geringschätzung an, drehte sich endlich kurz und gut um, und sah nach ihren Pflichten.