Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Part 11

Chapter 113,668 wordsPublic domain

»Was soll ich Euch sagen, mein Sohn?« antwortete der Doctor: »Ich will die Erscheinung, die Ihr gehabt, nicht bezweifeln. Wunder sind allerdings möglich, und es wäre Frevel, sie zu läugnen. So wahr es ist, daß der göttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die göttliche Mutter dem preiswürdigen Loyola in Person erschienen, so läßt sich's gar wohl denken, daß die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum gesprochen; denn -- was Euch an der Heiligkeit jener Männer mangelt, das ersetzt Ihr durch gläubige Zuversicht, und kindlichen Gehorsam. Jedoch, gerade, weil ich an diese Erscheinung wahrhaft glaube, dächte ich, Ihr fordert durch eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nähern Fingerzeig zu geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne Plan hinauszugehen. Ein besserer Redner als ich, würde Euch sagen, daß Euer Loos kein böses ist; daß Ihr besser thätet, gerade auf Eurem einsamen Thurme sitzen zu bleiben, und Euere Seele, gleich der eines Einsiedlers, zum wahren Christenthum immer mehr zu erwecken und anzufeuern, als daß Ihr jetzo wie ein Irrwisch im Weltgetümmel umher fackelt. Er würde Euch sagen, daß Ihr jetzo, als ein, Gottlob zur Mutterkirche Bekehrter, auf Eurem Thurme ein wahres Sinnbild der siegenden Kirche vorstellt, wie sie, im Verborgenen triumphirend, oben sitzt, während zu ihren Füßen die Baaldiener orgeln, schreien und ihre Possen treiben. Ich sage Euch blos: Schweigt, betet, und erwartet mit Geduld, wie es der Himmel mit Euch zum Guten lenken wird. Was ist's aber mit der Neigung, von der Ihr spracht? Hat sie nicht die Tochter des Senators Müssinger zum Gegenstand?«

»Ach! Sie lesen in den Falten meines Herzens!« entgegnete der Geck; »Ich muß meine Schwachheit gestehen. Gehen Sie aber nicht strenge mit mir in's Gericht. Mein Herz ist so weich und empfänglich, als mein Mund blöde. Durch das Auge ist das Mädchen in meine Seele gedrungen. Geredet habe ich noch nicht mit ihr, und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht erlauben.«

»Das darf ich nicht,« entgegnete der Doctor; »Zu welchem Endzweck auch? Ihr seid arm, die Jungfer ist reich. Ihr Vater ist Senator; Ihr seid Thürmer. Das paßt nicht. Aber die Hauptsache ist, daß Ihr Katholik seid, daß sie Lutheranerin ist. Zwar arbeitet die Gnade des Höchsten, wie ich vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn überhaupt, Dank sei es der Fürbitte unserer hohen Patronin, unsere Gemeinde täglich im Stillen zunimmt, bis sie laut wird reden können. Aber man rechne nicht auf das, was noch nicht ist. Ich weiß nun zwar, daß ein Jünglingsherz ein weiblich Gemüthe sucht, an das es sich bindet, wie die Rebe an die Ulme. Die reine Verschwisterung tugendhafter Seelen mag und darf ich nicht hindern. Ihr dankt der würdigen und gottseligen Frau Lainez die Erleuchtung in Eurem frühern Irrthum. Weiht ihr Euer dankbar Gemüth, und vergeßt das Weib, das nicht für Euch auf der Welt ist.«

Pahlens verneigte sich, etwas unbefriedigt jedoch, und schied von dem Doctor, der sich zur Mailbahn begab. Auf und niederschreitend überlegte er sein heutiges Tagewerk, horchte verdrüßlich auf die Trommel, die von Zeit zu Zeit von der Komödienbude herüber schallte, auf das Geschrei des Lustigmachers, der vor der Thüre des Schauplatzes sein Publikum einlud; auf das Gejauchze der Gassenjungen, die den Possenreißer umschwärmten. Die Mailbahn, von Spazierengehenden angefüllt, wurde leer, weil die Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand sich der Doctor allein mit einem Frauenzimmer, das schon lange auf den Augenblick, mit ihm unter vier Augen zu reden, gewartet zu haben schien. Die Frau, in bürgerlichem Kleide, näherte sich ihm schüchtern, und sagte nach einem tiefen Knix: »Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwürden: Ihr eifriges Beichtkind.«

»Was will Sie? Ich kenne Sie. Nun?«

»Ich kann es mit meinem Mann nicht länger aushalten.«

»Wie so?«

»Er mißhandelt mich.«

»Warum?«

»Weil ich, eine Krankheit vorschützend, mich weigere zur Kirche zu gehen, und die Predigt zu hören, wie er's verlangt. Und dennoch fürchte ich mich vor der Sünde.«

»Ohne Noth. Ich spreche Sie los. Gehe Sie in die Kirche, damit der Schein bewahrt werde. Singe Sie mit, hört Sie aufmerksam der Predigt zu; aber bewahre Sie Ihr kaum genesenes Seelenheil mit geistlichen Stärkungsmitteln. So wird Ihr Mann beruhigt, und die Gemeinde schöpft nicht Verdacht.«

»Aber, Ew. Hochwürden: ich fürchte, das ist Heuchelei!«

»Um einen guten Zweck zu erfüllen, ist auch eine gewisse Heuchelei erlaubt. Beruhige Sie sich, gute Frau. Wie steht's mir Ihren Kindern? Spürt Sie in diesen keine Anlagen zum Heil?«

»Ach Gott, nein, Herr Doctor. Die Buben sind so roh, und die Tochter hat kaum die Confirmation überstanden.«

»So lasse Sie ab von ihnen. Keine voreilige Vertraulichkeit, damit die Kirche nicht in Gefahr komme. Sie muß wachsen, im Verborgenen, wie die Saat des Feldes. Uebergebe Sie die Kinder ihrem Schicksale. Gott wird die Seinigen schon herausfinden.«

»Aber mich jammert, daß sie verdammt sein sollen. Sie sind doch _meine_ Kinder, meine ehelichen Kinder.«

»Die Frage wäre erst noch aufzustellen. Ist Sie nicht katholisch? Ihr Mann Protestant? Abgesehen, daß solche paritätische Verbindungen an und für sich nichts taugen, so könnte man gerade _Ihre_ Ehe nicht gültig erklären. Sie wurde von keinem katholischen Priester eingesegnet.«

»Herr Doctor...!« stotterte die arme bestürzte Frau.

»Gräme Sie sich nicht. Ich will es so genau nicht nehmen. Aber lasse Sie die Kinder den eigenen Weg gehen, und erwarte Sie alles von der Zeit.«

Die Frau verneigte sich wieder demüthig, und entfernte sich. Der Doctor setzte sich auf eine Bank, lehnte sich an die dahinter stehende Linde, und schloß, wie er zu thun pflegte, nachdenkend die Augen. Der heutige Tag war jedoch ganz dazu gemacht, ihm die Unterhaltung der verschiedensten Art zu bereiten. Ein rasch daherkommender Mann nahm geräuschvoll neben ihm Platz.

Der Doctor erkannte, aufblickend, in dem Nachbar des Senators Comptoirdiener Nothhaft. Der Mensch, dem der Doctor als solcher unbekannt war, befand sich heute in gar aufgeregter Stimmung, und eine händelsüchtige, tückische Weinlaune sprach aus seinen Augen und seiner Haltung. Um ein Gespräch anzuknüpfen, das er zu wünschen den Anschein hatte, bot er dem Doctor eine Priese Tabak. Dieser versagte.

»Brauchen sich nicht zu geniren!« redete Nothhaft ziemlich barsch: »s'ist nichts Giftiges, nichts Schlafmachendes darunter.«

Der Doctor, um den Grobian nicht zu beleidigen, nahm eine Priese, ohne davon Gebrauch zu machen. Nothhaft besänftigte sich, und versetzte:

»Freue mich, Dero Bekanntschaft zu machen. Ew. Edeln sind ohne Zweifel fremd auf hiesigem Platze?«

»Nicht doch, mein Herr; und dennoch mögen Sie Recht haben.«

Nothhaft stierte ihn verlegen an, lächelte dann, und fuhr fort:

»Recht gut gesagt, mein Herr. Justissime! Optime! Das ist all' mein Latein! Wie finden Sie das? Wenn man indessen Geld hat, -- er klopfte auf die klingende Tasche, -- so braucht man die Schulfüchserei nicht. He?«

Der Doctor nickte.

»Um aber wieder auf den Tabak zu kommen, so ist eine prudente Vorsicht wohl vonnöthen. Da kommt oft ein Mensch daher, bietet Ihnen Tabak; Sie schnupfen, schlafen ein, und finden sich am andern Morgen entweder im Werbhaus, oder auf einem holländischen Transportschiffe. Nicht so, mein Herr?«

»Ich weiß das nicht.«

»Sie wissen das nicht? Parbleu! das ist zum Lachen. Nun, nun! Sie haben freilich nichts mehr zu riskiren. _Junge_ Seelen sind die besten. Na! wie gehen hier die Geschäfte?«

»Welche?«

»Sapperment! die Ihrigen. Wie läßt sich die Kaperei an? Ja, bei uns gibt's einen tüchtigen Menschenschlag, wie gemacht zum Matrosen und Soldaten. Wie viel Seelen haben Sie schon auf dem Korne? Na, Männchen! machen Sie _mir_ doch aus Ihrem Handel kein Geheimniß. Parbleu! ich bin auch schon in Amsterdam gewesen. Ich kenne die Vögel an den Federn. Thun Sie nicht so unschuldig. Unser Magistrat kann einen Puff vertragen, ist seelenfroh, wenn man _ihn_ ungeschoren läßt, drückt beide Augen zu. Damit Sie aber sehen, wie redlich meine Absicht ist, so bin ich bereit, Ihnen ein bedeutenderes Pfand meines Vertrauens zu geben.«

»Monsieur! Wofür halten Sie mich?«

»Ei, Liebster! wozu die Umstände? Für ein kluges Holländerchen, für ein pfiffiges Seelenverkäuferchen. Machen Sie mir doch nichts weiß. Ich hatte noch nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber wie ich Sie heute mit dem Capitän Tormerpick aus dem Schwanen treten sah, vertraulich, Arm in Arm, von Geschäften redend, -- ich war im Kaffeehause gegenüber, -- da hatte ich's auf der Stelle weg. Der Capitän hat den Ruf, mit Seelen zu handeln, und nach dem Sprüchlein: »Gleich und gleich...««

»Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr!«

»Noch mehr, mein werthester Geschäftsfreund. Ich will Ihnen Credit geben: ein Capital; solid und unverzinslich; im Gegentheil: ich will die Deposit-Interessen tragen.«

»Ich begreife Sie nicht.«

»Werden's alsobald. Sub dato Morgen oder Uebermorgen liefre ich Ihnen eine Seele: kerngesund, jung, von denselben Schultern und Fäusten; etwas naseweis zwar und ungezogen, allein in den Colonieen hat man vortreffliche Schulen aufgerichtet. Soll mich der Teufel holen, wenn die gute Seele nicht ihre 2000 spanische Taler werth ist, wie einen Albus. Nun, acceptiren Sie? Die Emballirkosten trage ich noch obenein aus meinem Beutel...«

»Erklären Sie sich deutlicher.«

»Parbleu! ich habe schon Alles gesagt. Als ich Sie da so allein und brütend sitzen sah, fuhr mir's gerade durch den Kopf. Mit einem Worte: ich weiß einen Burschen, den diverse Leute gern vom Halse haben möchten. Er hat Bärenkraft, und der Stock wird seinen harten Kopf schon zurechte bringen. Meinen Namen sollen Sie indessen gut behalten, aber ich garantire Ihnen meine Solvabilität. Ich bezahle die Fang- und Transportkosten bis an das Schiff. Schlagen Sie ein, und sagen Sie mir, wann die Promesse liquidirt werden soll.«

»Das ist noch sehr zu überlegen, mein Herr,« versetzte der Doctor lächelnd: »wenn Ihnen morgen noch eine Unterredung beliebt, so finden Sie sich um dieselbe Stunde hier ein. Für heute muß ich meiner Unterhaltung ein Ende machen, da, wie ich sehe, ein Freund, den ich hierher beschied, uns zu stören kommt.«

»Meinetwegen!« sagte Nothhaft, des Doctors Hand schüttelnd: »Auf Morgen also. Ew. Edeln, fehlen Sie nicht, ich werde auf dem Platze sein.«

Er ging, und Litzach, der schon vor einigen Minuten auf der Mailbahn erschienen war, kam. Der Doctor hatte Mühe, den Mann unter der übertrieben großen Perücke, dem pfirsichblüthfarbigen Sammetkleide mit Seidenstickerei verbrämt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Gesicht des Schauspielers paßte so wenig zu dem Staatsrocke, als die unscheinbaren Strümpfe, der zerknitterte Hut und die unmäßige Bandschleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing.

»Setzt Euch, mein Herr!« sagte der Doctor voll mitleidiger Höflichkeit: »Für's Erste: erzählt mir, wie es in Eurem Hause steht!«

»Meine Alte lebt noch,« antwortete Litzach: »der Doctor meint jetzo, sie werde am Leben bleiben, und Gott sei gepriesen dafür. Mitleidige Menschen haben meine Hütte mit ihren Wohlthaten erfüllt, und der Principal machte mir so eben das schmeichelhafte Compliment: ich hätte meine Lazzi noch nie so gut gemacht, als heute. Die Leute haben viel gelacht, und der extemporirte Spaß floß mir nur so vom Munde. Gottlob! ich darf hoffen, daß mich der Impresar behält.«

»Das Alles macht mir Freude,« versetzte der Doctor: »Ihr möget wissen, Monsieur, daß ich Euch schon lange kenne, wenn Ihr der Litzach seid, der auf der Jesuitenschule zu Augsburg studirte.«

»Der bin ich,« sagte Litzach seufzend: »und Sie, mein Herr?«

»Ich bin Münzner,« erwiderte der Doctor.

»Münzner?« wiederholte Litzach, wie sich besinnend, ergriff dann des Doctors Hände, sah ihm lange ins Gesicht, drückte dann einige Augenblicke, wie von Erinnerung verklärt, die Augen zu, öffnete sie wieder weit, und rief mit einem tiefen Athemzuge: »Weiß es Gott: das ist Xavers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das fröhliche Angedenken an Schul- und Jugendfreundschaft verdient? Wir haben uns »Du« genannt, mein lieber, alter Xaver! fürchte jedoch nicht, daß ich noch jetzt, wenn fremde Leute zugegen sind, das »Du« gebrauchen werde! du bist gewiß ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein armer, verachteter Comödiant. Aber, erlaube mir, dich wenigstens in der ersten Stunde des Wiedersehens mit dem vertraulichen Namen zu begrüßen. Erlaube, daß ich dich nur jetzo Bruder nennen darf; das wird mich erheben auf lange Zeit.«

»Rede, mein armer Litzach! Erzähle mir, was dir seit unserer Trennung begegnete.«

»Ich könnte hierauf antworten: Unglück, Unglück, Unglück! und Alles wäre gesagt; aber du willst, ich soll weitläufiger sein, und so will ich dir folgen, obschon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe, und auch, Dank meiner sparsamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglück. Ich hing die Wissenschaften an den Nagel, lebte in Hülle und Fülle, versuchte es im Kriege bei einer Freipartie, und kam endlich ganz herunter. Der Kasten war leer, der Kopf wüst geworden, und in meinen besten Jahren stand ich da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte: »Was willst du werden? Was anfangen? Was unternehmen?« Zu jener Zeit kam die Merseburgische Comödiantenbande nach dem Orte, der meinen letzten Heller verschlungen hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns im Collegium auch hin und wieder hatte Comödie spielen lassen. Wenn du dich erinnerst, so wirst du wissen, daß man mich um meines glatten Gesichts und meiner schwächlichen Gliedmaßen willen, vorzugsweise erwählt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith gespielt und die Herodia, und sogar einmal die Lalage in dem Schäferspiele: »Der treue Hirt,« womit der junge Professor der Rhetorik einst zu Augsburg so viel Aergerniß anrichtete. -- Ei! dachte ich bei mir; wenn die Väter der Gesellschaft Jesu das Comödienspiel bei ihren jungen Leuten einführten, warum soll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene Studenten und reducirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter nahm mich an, und eine recht fröhliche Wanderzeit begann für mich. Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurst, sondern die Amanten. Ich stellte vornehme Leute auf der Bühne vor, und trug mich auch nobel außer derselben, in Tressenröcken und sorgfältiger Wäsche. Hätte ich mich nur nicht verliebt!«

»Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet; Doch, daß mir diese Pein die Sinnen nie betrübet, Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt Schätz' ich aus Uebermuth nicht _eine_ meiner werth, Bis ich das Wunderbild beschauet, Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet.«

»Ich rede von meiner Frau, eines herrschaftlichen Beamten Tochter zu Halberstadt. Wie sehr empfand ich den Dichter, als ich sie sah:«

»Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerückt, Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zerstückt! Ich sah sie, und entbrannt'! sie fühlte neue Flammen! Kurz: ihr und mein Gemüth, die stimmten wohl zusammen!«

»Ich entführte die Liebste. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach, und, sobald meines Weibes Eltern in die Grube gesunken, fiel das Elend über uns her. Der lustige Name, den ich mir beigelegt, war ein schneidender Spott auf unsere traurige Lage. Katharine hatte nicht ein bischen Geschick zu der Comödie. Man _lachte_ sie aus, sobald sie sich nur zeigte: der Principal zankte, und ich antwortete gallebitter, und wir wurden von der Gesellschaft weggeschickt. Eine schwere Brustkrankheit warf mich nieder, und verschlang Alles, was wir hatten! Am Stabe schleichend, von Katharinen geführt, die unser erstes Kind auf dem Rücken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloster zu Kloster, von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen gutmüthigen Principal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib sollte für die Truppe waschen, _ich_ sollte agiren. Aber mit dem Amoroso war's vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr, und keine Kraft. Der Principal richtete mich zum Rüpel ab. Ach, Münzner! wie war mir zu Muthe, als ich zum ersten Male als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein Jüngstes im Sarge, meine Katharine, der Niederkunft gewärtig, auf dem Strohlager, und sie war allein, und nur Hunger und Mangel saßen an ihrer Seite, und ich mußte Possen reißen, und die bittern Thränen der Verzweiflung flossen aus meinen Augen über die geschminkte Narrenlarve in den Kienrußbart!«

Litzach wischte sich eine Zähre von der Wange, und fuhr gepreßten Herzens fort: »Ich machte den Lustigmacher schlecht. Die Zuschauer meinten, ich sei ein betrübter weinerlicher Narr; sie warfen mich mit verdorbenen Aepfeln, und der Principal zog mir die Jacke aus, und schickte mich fort. Als ich heimkam, brachte mir die Wehmutter einen Buben entgegen, den sie um Gotteswillen empfangen hatte, und _ich_ brachte der Mutter meine Kindes sechszehn Groschen -- und -- den Abschied.«

»Herr Gott!« seufzte der Doctor. Litzach fuhr fort: »Ja, mein lieber, alter Freund: wer nur als Zuschauer vor dem gemalten Vorhange der Comödie steht, weiß nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der Flimmer-Kleidung schlagen. Ist es gerade nicht Kummer, der die Brust der Maskenspieler zerreißt, so ist es der giftige Neid, so ist es die brütende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine fröhliche Welt suchte, und nur kümmerliche Lappen und eine trostlose Zukunft fand. Der Leichtsinn nur, dem Alles gleichgültig geworden, mag ruhig in diesem Getobe niedriger Leidenschaften schlafen; auf diesem wankenden Boden, den Prahlerei und Jammer beherrschen. Was uns Geschicklichkeit erwirbt, raubt uns auf der anderen Seite die Ungewißheit unserer Lage, und die Verachtung, die auf uns lastet. -- Ich überspringe nun manches Jahr des Unheils, und bemerke blos, daß ich in der Zeit einen Theil jenes Leichtsinns mir errang. Ich wurde stumpf, fühllos; ich lernte seltsame und lächerliche Grimassen machen und Capriolen schneiden, ob mir schon der Tod an der Kehle säße. Ich errang den Ruf eine guten Comödianten, eines possierlichen Burschen, ich fand ein besseres Brod. Ich hatte gespart: ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsstücke angeschafft, meine Katharine mit dem Nöthigsten versehen; ich hatte ein Bett gekauft, und beinahe schon die Summe zu einem Plüschrocke beisammen, der mich in den Stand gesetzt hätte, reputirlich unter die Leute zu geben, als Katharine in die langwierige Krankheit verfiel. Unser Wohlstand verging wie eine Seifenblase, und ein Dienst, den ich bei der Gesellschaft des sel. Velten antreten sollte, mußte ebenfalls aufgegeben werden. So kam ich hierher, so fandest du mich. Nach langen Jahren erregt dein Anblick, Münzner, wieder das erste lebhaft frohe Gefühl in meinem Herzen. Die Hoffnung, daß meine Katharine leben wird, und dein Wiederfinden, macht mich glücklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenstein in einem seiner Trauerstücke:

Je finsterer die Nacht, je heller ist das Licht: Je öfter man die Hand an spitz'ge Dörner sticht, Je mehr bekränzt man sich mit blutbemilchten Rosen: Je mehr die Mittagshitz uns sticht, je süßer tosen Die feuchten Abendlüft'; ist Wetter, Sturm und Well' Und Wolke trüb und schwarz, so dünkt uns noch so hell Und lustig Sonn' und Port. Die steinern harten Ketten, Die Felsenlast, die uns zu Boden schier getreten, Des Lebens steter Tod, der jeden Blick uns schreckt, Das dunkel-grause Loch, in das wir eingesteckt, Der Trauerrauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne, Die Nacht hat sich verstellt in eine lichte Sonne!«

Nach diesen pathetisch hergesagten Worten schüttelte der Schauspieler des Doctors Hand noch einmal herzlich, und ein warmer Tropfen fiel auf diese Hand.

»Du bist mit dem Weibe, das du _deines_ nennst, nicht copulirt?« fragte der Doctor.

»Die Ehen in unsrer Gilde,« erwiderte Litzach beschämt, »sind meistens wild, und leider ist's auch die meinige. Jedoch thut es mir und Katharinen sehr wehe, daß, unsern unablässigen Versuchen zum Trotz, sich noch kein Geistlicher unterstanden, unsern Bund zu segnen.«

»Ich will es thun;« erwiderte der Doctor: »aber, die Hand auf den Mund, mein Freund, und eine Bedingung zugesichert.«

»Ach, Ew. Hochwürden...« stammelte Litzach entzückt: »Ich will schweigen, wie das Grab, ... ich verstehe Sie wohl ... aber -- welche Bedingung?«

»Eure Kinder müssen katholisch sein. Vermuthlich sind sie lutherisch getauft, da Euer Weib es ist, wie ich glaube.«

»Ew. Hochwürden,« stammelte Litzach verlegen, »die armen Würmer sind noch gar nicht getauft. Die Kosten -- und dann die Scheu der meisten Geistlichen, ... wie gerne will ich...«

»Gut;« versetzte der Doctor: »ihnen soll geholfen werden. Ich will Euch zu mir berufen lassen, Freund; die Seelen müssen gerettet sein, und Eure Noth gemildert. Ich will mehr für Euch thun, wenn Ihr verschwiegen seid und bereitwillig, das zu erfüllen, was ich im vorkommenden Falle von Euch verlangen werde. Entsagt indessen der Hanswurstjacke: ich will Euch eine Empfehlung auf das nächste Dorf, Breitenbach, mitgeben. Kost, Lagerstätte und Geborgenheit werden Euch dort nicht entstehen. Dann will ich weiter sehen, was zu Eurem Besten gereichen möchte.«

»Ach, Engel Gottes!« rief Litzach: »wie soll ich danken...? Aber -- ich soll acht Tage vorher dem Principal aufkündigen, -- und dann ... bin ich in seiner Schuld. Mein Wochenlohn beträgt zwei Thaler und acht Groschen extra, was man gewöhnlich in der Kunstsprache Rekreation oder Biergeld zu nennen pflegt. Ich habe indessen einen Vorschuß von drei Thalern etlichen Groschen abzuzahlen, und...«

»Mein Jesus! welch' betrübte Rechnung!« seufzte der Doctor voll Mitgefühl, und reichte dem Schauspieler eine Hand voll Geldes: »Sagt dem filzigen Direktor auf: im Augenblicke, und zahlt ihm den Bettel von drei Thalern. So soll nicht gesagt sein, daß ein Zögling der Väter von der Gesellschaft Jesu länger in solcher Dienstbarkeit bestehe. Geht, mein Freund. Ich werde Euch rufen lassen. Erquickt Eure Kranken und Hungrigen, und danket dem Herrn!«

Litzach jauchzte: »Ja, mein Wohlthäter! Den Herrn und Sie werde ich preisen, -- dem Principal sein Geld und seine Kleider vor die Füße werfen, und voll Hoffnung erwarten, was Sie über mich beschließen. Von diesem Gelde kann ich mit den Meinen einen Monat lang durchkommen, und mein Glück ist gemacht!

Wir Menschen irren stets. Wo wir uns sicher trauen, Sinkt unser Schiff in Grund. Wenn man's verloren hält, Hat das Verhängniß oft das beste Glück bestellt!«

So rief er noch mit allem Aufwande seiner rhetorischen Kunst, und eilte mit geflügelten Schritten der Bude zu, aus welcher die befriedigten Zuschauer gerade nach Hause strömen. Der Doctor fand sich, da die größte Menge über die Mailbahn zog, in seinen Betrachtungen gestört, und wanderte, mit seinem Tagewerke wohl zufrieden, gegen seine Wohnung. James berichtete ihm: Der Senator Müssinger sei vor wenigen Minuten plötzlich bei dem Doctor eingetreten, habe sich eilig und zerstreut nach demselben erkundigt, und darauf mit zitternden Händen ein Billet geschrieben, das der junge Mann dem Doctor wohl unversiegelt zustellte.

Der Senator sagte darin mit bebend gezeichneten Schriftzügen: »Mein einziger mitfühlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht in =loco= zu finden. Kommen Sie eiligst, sobald Sie können, in meine Schreibstube. Wir werden ganz allein sein. Ich stehe am Rande einer Seelen-Crida; _Sie_ nur vermögen mir zu rathen. So eben erhalte ich den Aviso: der junge Birsher von New-York ist in Person hier angekommen!«

Zweiter Theil.

Erster Abschnitt.