Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts
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Der Jesuit.
Charakter-Gemälde aus dem Ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts
von
C. Spindler.
Amerikanische Stereotyp-Ausgabe.
Philadelphia. Verlag von F. W. Thomas. 1855.
Printed by T. K. & P. G. Collins
Der Jesuit.
Erster Theil.
Erster Abschnitt.
1720.
Des Senators Familienleben. -- Sein Comptoir und dessen Diener. -- James. -- Fortuna's Launen. -- Der Geschäftsfreund aus Holland. -- Das Gespräch unter den Kastanienbäumen. -- Der verhängnißvolle Besuch.
Schön ist es, über eine Schwelle zu schreiten, jenseits welcher der Fleiß und die geschäftige Betriebsamkeit ihren Thron erbaut haben, sobald man sieht, daß all das ewige Treiben das Wohlsein des Lebens begründen soll, und nicht blos einen glatten Gypsmarmor um die trockne, dürre Säule von Holz. Der Hausvater ist ein ehrwürdiger, geliebter Mann, wendet er seiner unermüdlichen Thätigkeit Zinsen dazu an, daß die Seinen sich fröhlich daheim finden in dem traulichen Hause; -- daß er selbst, -- der Schöpfer des Wohlstandes -- behaglich ruhe in seinem Eigenthume. Die heitere Wohnung wird ein Paradies für den Besitzer, ein Ort des Friedens den Freunden, den Bedrängten ein Asyl. Keucht aber im Erdgeschosse die besoldete Mühe im eisernen Dienstjoche, während im obern Stockwerke die Langeweile, die Verdrossenheit, auf einsamen Polstern, hinter kaltem Stein und vornehmen Goldwänden gähnt, -- dann, Wanderer, meide die stolze Pforte, wenn auch noch so einladend das »Salve« von ihrer Schwelle spricht. In dem Steinhaufen gebietet kein fühlendes Gemüth, und vor dem starren Reichthum floh die Zufriedenheit! -- Wer im Jahre 1720 gelebt, und das Innere des Hauses gesehen hätte, welches der Senator Müssinger in der deutschen Reichs- und Handelsstadt, die der Aufzeichner dieser Begebenheiten meint, aber nicht nennt, dazumal bewohnte, müßte dem einleitenden Spruche Beifall geben. Das stattliche Gebäude war von Uranbeginn zum Denkmale des Hochmuths bestimmt gewesen. Ein Spekulant, der in den ersten Jahren des spanischen Erbfolgekriegs durch Lieferungen für die alliirten Heere ungeheure Summen gewonnen hatte, legte das Fundament zu dem pallastähnlichen Hause. Die Vollendung desselben sollte er nicht sehen. Mancher Schurkereien überwiesen, sollte ihm, kurze Zeit nach der Schlacht bei Hochstädt, der Prozeß gemacht werden: er entging der Schande jedoch durch einen kühnen Pistolenschuß. Die leere, unausgebaute Prachtwohnung des verunglückten Lieferanten kaufte bald der vom Glücke begünstigte Senator Müssinger. Der unternehmende Handelsherr, der mit Ost- und Westindien verkehrte, fand sich zu enge in dem kleinen Vaterhause, zog über in das Neue, Große; und Fortuna, die bereitwillig in dem bescheidenen Spezereikrame des Kaufmanns Platz genommen hatte, siedelte mit in das neue, geräumige Comptoir. Müssingers Firma war die Erste auf dem Markte, und florirte weit und breit im Aus- wie im Inlande; trieb Jahr für Jahr die schönsten Blüthen und Früchte. Die Mehrzahl seiner Mitbürger beneidete den glücklichen Senator; sie bewies aber durch diesen Neid -- entweder ihre Unbekanntschaft mit Müssingers anderweitigen Verhältnissen, -- oder einen Gelddurst, der Alles schnöde übersieht, was das Herz berührt, und nicht allein den Courszettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geschäft auch Blüthen, -- der Hausvater sammelte keine aus seinem Familienleben. Seine Frau, seit achtzehn Jahren mit ihm vermählt, hatte ihm viele Geldsäcke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts gethan, die vom Berechnungsgeist der Väter verbundenen Ehegatten im Gemüthe zu vereinen. Unfriede herrschte gerade nicht; -- der Friede aber, der versöhnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein lebendiger Mann, an den Fünfzigen stehend, cholerischen Temperaments, dem beim geringsten Anlaß zu heiß unter der Stirn, die Halsbinde zu enge wurde, stellte das schneidendste Widerspiel seiner Ehefrau dar, die mit beleidigendem Uebermuth, welcher seine Quelle in fehlerhafter Erziehung gefunden, eine Kälte und Trägheit vereinigte, wie sie sonst nur im höchsten Norden, oder im sengendsten Süden vorkommen mag. Frau Jacobine, im Ueberflusse aufgehätschelt, kannte nicht Sorge, nicht Mühe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau. Kam der Tag, so verlebte sie ihn, und er mußte eben so prunkend einhertreten, wie seine Vorgänger; Geld in Hülle und Fülle für jedes, auch noch so eingebildete Bedürfniß spenden, reichen Schmaus für Lippe und Gaumen, und eine lange Plaudersitzung im Kreise der geschwätzigsten Muhmen.
Während dessen schaffte und plackte der Senator, bald wie der ärmste Knecht, bald wie der härteste Frohn, im Bezirk seines Handelsgetriebes, und gönnte sich kaum vor sprudelnder Thätigkeit und muthwillig gehäufter Arbeits- und Spekulationslast, die nöthigen Ruhestunden. Doch feierte er diese wenigen nicht im Schoße der Seinen. Weder beim Frühstück, wo man den braunen westindischen Trank aus japanischen Gefäßen schlürfte, und dabei so steif saß, wie die blassen Figuren auf diesen Tassen, -- noch beim Mittagsmahl, wo die leckerste Kost entweder mit gieriger Hast, oder mit vitellischer Trägheit verschlungen wurde, war ihm froh zu Sinne. Bald verdrüßlich keifend mit dem verdrüßlich langweiligen Weibe, bald seine überseeischen Hoffnungen und Handelsoperationen nicht loslassend in stummer Grübelei, floh ihn die Heiterkeit innerhalb seiner Mauern; und auswärts, -- auf einem Collegium, wo er wieder von nichts, als von Geschäften reden hörte, eine Pfeife Tabak rauchte, um sich zu betäuben, in der Karte spielte, um sich zu zerstreuen -- verträumte er seine Abende. -- Nicht Er, nicht sein Weib, das mit schnödem Geschwätze, oder abgeschmackter Frömmelei den verlangweilten Tag beschloß, ahnten die Quelle von Genuß und Freudigkeit, die ihnen in der Tochter, dem einzigen Sprößling dieser übelpassenden Ehe, aufgehen hätte können. Die Natur hatte in diesem lieblichen Geschöpfe die glücklichste Verschmelzung widerstrebender Gemüthsrichtung zu Stande gebracht. Des Vaters Heftigkeit herrschte zwar vor, allein mäßigende Ruhe stellte bald das Gleichgewicht wieder her. Das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und Willen; es war ja das einzige Kind, und nicht beschränkt von den Eltern. Allein, der Leidenschaftlichkeit, dem heftigen Zorn sogar, folgte schnell die Besinnung, die Theilnahme, die zarte Reue, die gefühlvollste Vergeltung. Der Liebreiz des so wunderlich herangebildeten Mädchens war in diesen Versöhnungsmomenten so groß, daß Freundinnen und Gesinde gern den Sturm auflodernder Hitze ertrugen, um doppelt in der Milde zu schwelgen, die unmittelbar darauf das Engelherz der Zürnenden bethätigte. Der Vater war nicht so; -- denn, that ihm die jache Härte manchmal selber weh, so verschloß er, seinem Stolze nichts zu vergeben, das Gefühl in sich. Die Mutter glich eben so wenig ihrem Kinde; sie _liebte_ zwar Niemanden auf der weiten Erde, aber sie _haßte_ aus Gewohnheit; sie verachtete mit jener stumpfen Stätigkeit, an der sich, hat sie einmal ein Ziel des Widerwillens ersehen, vergebens Belehrung, Erfahrung und Pflichtgebot verschwendet. Justine, ein siebzehnjähriges Mädchen, früh entfaltet in Gestalt und Verstand, fühlte wohl dunkel und unbehaglich, daß sie zwischen den getrennten Eltern ihren eigenen Weg wandle. Die Jugend aber, jene herrliche Zeit, in welcher man nur sich selbst, wenn gleich oft allzuviel, vertraut, ungeduldig in's Freie, in die Zukunft blickt, sie setzt sich über das Peinliche in naher Umgebung hinweg; schafft sich ihre eigne Welt, und flieht die Mürrischen, um sich an Freundliche zu schließen. So kam es, daß Justine bald wie ein fremder Gast im Vaterhause wohnte, und größtentheils nur in dem Zirkel ihrer Jugendgefährtinnen lebte. Seit der Confirmation war es jedoch ein bischen anders mit Justinen geworden. Nie hatte sie noch ihren Vater so bewegt gesehen, als in dem Augenblicke, wo sie, von der heiligen Handlung kommend, in seinem Schreibstübchen vor ihm auf die Kniee sank, ihn bittend, seinen Segen mit dem des Himmels zu vereinen. Des Senators Stimme hatte gewankt, als er den Segen aussprach; an's Herz hatte er die Tochter gedrückt, und, wie mit einem leisen Vorwurf gegen sich selbst, hinzugesetzt: Glaube nur um Gotteswillen, mein Kind, daß ich dich liebe, herzlich, wie es einem christlichen Vater zusteht. Aber ich muß an mich halten mit dieser Zuneigung, sonst bricht mir das Herz vollends, wenn du aus dem Hause gehst, nimmer wiederkehrst, und ich dann in ganz Europa keinen Menschen mehr weiß, der mir näher am Herzen liegt, als der kalte Tressenrock. Du bist alt genug, Justine, um zu wissen, daß eine Heirath die Bestimmung eines jeden Mädchens ist, folglich auch die deine. -- Du bist bereits verlobt: zu New-York in Amerika wohnt dein Bräutigam, der junge Kaufmann Birsher, und, wie mir sein Vater neulich schrieb, werden wohl nicht anderthalb Jahre vorübergehen, so kommt der designirte Schwiegersohn selbst, um dich abzuholen. Dein Bestreben gehe also jetzt vornehmlich dahin, der englischen Sprache mächtig zu werden, zu welchem Endzweck ich für eine Lehrerin sorgen will.
Justine verließ den Vater mit sichtlichem Behagen. Ausgezeichnet vor all ihren Gespielinnen nach Amerika zu ziehen, in das junge Land, das sich europäische Imagination damals nur als ein Paradies, unerschöpflich in Genuß und Reichthum, vorstellte; ... als Frau, an der Seite eines jungen Crösus, dahin zu ziehen, das schmeichelte der jugendlichen Eitelkeit gar sehr. Des Vaters Erklärung hatte vollendet, was die Confirmation begonnen; das Mädchen war rasch zur Jungfrau, zur Braut geworden. Justine zog sich nun auch wähliger von dem Haufen ihrer Freundinnen zurück, verkehrte nur mit den Wenigen, die, gleich ihr, nicht fern vom Hochzeitfeste zu stehen vermeinten, und beschäftigte sich mehr als sonst, in Einsamkeit und Stille, mit Arbeit und wißbegierigem Forschen. Mit der englischen Sprache allein wollte es bei dem fleißigen Mädchen nicht so fort. Die Zisch- und Gaumenlaute waren der Schülerin zuwider, und eine Lehrerin nach der andern wich dem Ungestüm Justinens, die auf Jener Nachlässigkeit den eignen Fehler schob. Die Zahl der, mit dem englischen Idiom vertrauten Frauen war in jener Stadt nicht groß; daher hatte Justine bald die Reihe durchgemacht. Die männlichen Lehrer ließen keinen bessern Erfolg hoffen. Der Eine derselben, ein grämlicher Alter, mit wunderlichen Launen, hatte schon nach der zweiten Lehrstunde all seine Autorität eingebüßt; den zweiten, einen allbekannten Wüstling, noch in rüstigen Jahren, trug der Vater billig Bedenken, bei der Tochter einzuführen. Der Zufall schlug sich in's Mittel. An einem Tage saurer Geschäfte handthierte und ordnete der Senator in eigner Person an dem Krahnenhause der Stadt. Beträchtliche Waarensendungen in Ballen und Kisten waren für ihn angekommen; nicht minder beträchtliche Ladungen wollte er dem dienstfertigen Flusse anvertrauen. Seine rüstigsten Handelsdiener, zwei junge und gewandte Leute aus guter Familie zur Seite, ging er am Ufer auf und nieder, befahl hier den ausladenden Bootsknechten, dort den herbeischaffenden Kärrnern. Der eine Diener, Berndt, revidirte, die Frachtbriefe und Geleitzettel in Händen; der andere Diener, Nothhaft, machte Zeichen und Zahlen auf die Frachtstücke; um und um bewegten sich rührige, geschäftige Leute, und _ein_ Treiben beseelte die Vielen am Ufer, vom Centnerschleppenden Lastträger bis zu dem kleinen Buben herab, der die Theerpfanne hielt. Ein einziger lehnte unbeschäftigt, mit verschränkten Armen an dem Krahnengebäude. Der Einzige mußte unter dem Getümmel dem Senator auffallen, als dieser gerade ihm vorüberkam. Der eifrige Mann blieb unwillkürlich vor dem jungen Menschen stehen, dessen Kleidung, obgleich nicht allzuwohl erhalten, auf einen Lehrling oder Diener der Kaufmannsgilde schließen ließ. -- He, junger Mensch! redete der Senator ihn an: he! warum so müßig? Die Sonnenstrahlen machen nicht satt; wohl aber eine Schüssel, die man im Schweiße seines Angesichts verdient hat. Trägheit in der Jugend macht alte Spitalleute. Hat Er hier nichts weiter zu schaffen, so geh' Er wieder hinter Sein Pult, statt Maulaffen feil zu haben, und stehle Er Seinem Prinzipal nicht das Brod ab, das Er ißt! --
Nicht die Flamme, die der gerechte Tadel auf dem Angesichte des Gescholtenen entzündet, sondern die Röthe eines unschuldig gekränkten Gefühls stieg auf die Stirne des Fremden, der in ausländisch betontem Deutsch nicht mit der Antwort säumte. -- »Seht zuvor, mit wem Ihr sprecht, Herr!« sagte er etwas bitter: »Niemand würde lieber arbeiten, denn ich, wenn mir nur Jemand Arbeit gäbe.« -- Kann's hier daran fehlen? fragte Müssinger verwundert. -- »Ich bin ein Fremder.« -- Woher? -- »Ein Engländer. Mein Name ist James White. Mein Vater war Baronet und Tory. Sein Schicksal wollte, daß sein Wappen, die blutige Hand von Ulster, sich an ihm erwahre. Für den Prätendenten bewaffnete er seine Faust. Georgs Henker schlug sie ihm ab, und hierauf das Haupt. Vor fünfthalb Jahren floh meine Mutter mit mir nach Deutschland herüber. Seit einem Jahre hat sie hier ihr Grab gefunden. Sie starb, bevor der Mangel zu uns trat. Ihr Hinscheiden raffte aber alle Hülfsmittel weg. Die Armuth trieb mich in's Werbhaus; die Barmherzigkeit eines alten Mannes, der mir wohl will, rettete mich vom Soldatenstande. Aber noch lebe ich von seinen Wohlthaten, und ich schäme mich dessen.« Das ist recht; Wohlthaten erzeigen, ist wacker, aber edler, sie nicht zu mißbrauchen. Versteht Ihr etwas vom Handel, junger Herr? -- »Nein; ich sollte Theologie studiren; verstehe Latein, Rhetorik, Philosophie, ein bischen Spanisch, und aus dem Grunde meine Muttersprache.« -- So? Verdorbner Theolog also? Doch Protestant, will ich hoffen? --
Der junge Mann bückte sich schweigend.
»Könnt und wollt Ihr Unterricht im Englischen geben?« fragte Müssinger weiter. -- »Ich kann's, und schäme mich dessen nicht.«
»Kommt mit. Versuchts mit meiner Tochter. Freie Station, wie meine Comptoirdiener, die Wohnung ausgenommen, und ein billiges Salär nach Euern Fähigkeiten verspreche ich Euch. Beliebt's?« -- »Gern; doch muß ich's meinem Versorger melden.« -- Gut; wer ist der Mann? -- »Ein Doctor der Rechte, heißt Leupold, ist von Herkunft ein Fremder, lebt zu seinem Vergnügen seit anderthalb Jahren ungefähr in hiesiger Stadt, und beschäftigt sich ausschließlich mit seinen Studien.« -- Ein Bücherwurm und Rechtsverdreher also? murmelte der Senator zwischen den Zähnen: Bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Mögt indessen sein Gutachten einholen, junger Herr. Er wird wohl nichts dagegen haben, denn ich bin der Senator Müssinger! --
Der stolze Kaufmann ging von dem unglücklichen jungen Baronet weg, und vergaß denselben im Gewühl seiner Geschäfte bald darauf. Der finstere und einsilbige Buchhalter trat ihm in der großen Schreibstube mit einem Paket Briefe entgegen, die er alsobald, wie gewohnt, erbrach und durchlas. Er begleitete jedoch diese alltägliche Verrichtung mit so vielen heftigen Bewegungen und schlecht unterdrückten Zornworten, daß die Comptoirgehülfen aufmerksam wurden, und manchen neugierigen Blick durch die Gitterrahmen in das Cabinet des Prinzipals sandten. Endlich, nachdem der ganze Briefpack durchflogen, stürmte der Senator wie ein Pfeil vom Sessel auf, warf Schubladen und Schlösser zu, und tobte durch die Nebenthür in das Innere des Hauses. »Der himmlische Vater erbarme sich!« seufzte Berndt mit andächtigem Blicke und Händefalten, denn er gehörte zur philadelphischen Gesellschaft: »was wird es heute wieder in dem Hause geben?« -- Der andere Diener, Nothhaft, ein ziemlich lockrer Geselle, lachte indessen wie ein Schelm vor sich hin, und summte die Worte eines damals beliebten Liedes:
Nach dem Brunnen geht der Krug Oft genug; Und am End' bekömmt er doch Welch ein Loch!
St! zischte der Buchhalter, hinter dem Hauptbuche aufstehend, zu dem Vorlauten hinüber, und Berndt stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen. Der arge Mensch fuhr aber kichernd, wiewohl noch leiser, fort:
Christ! sitz steif, denn der Protest Setzt Dich fest; Und dann heißt's mit Schand und Spott Bankerott!
Will Er wohl schweigen? schalt der Buchhalter auffahrend: Was sollen diese Schelmenverse in einer ehrsamen Handelsstube? Pfui des leichtfertigen Dieners, der seine eigne saubere Firma gern für eine schmutzige ausgeben möchte. Noch einen solchen Ausdruck, und Er ist um Dienst und Lohn, und für ein schlecht Testimonium will ich dann schon sorgen. Ueberhaupt mag Er sichs gesagt sein lassen, daß ich hinfüro Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren gekommen ist, nicht also dulden werde. Alle Abende spielt und bankettirt Er, und am Sonntag kömmt Er nicht aus der Kaffeeschenke, der Billardstecken nicht aus Seiner Hand. Wo das beste Rostocker Bier zu finden ist, das weiß Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die spanischen Dublonen stehen. Sein Nebengehülfe ist allzustill; Er ist allzutoll. Ein Karthäuser wird ein schlechter Kaufmann; ein Bruder Lüderlich aber noch ein schlechterer. Gott steh' Ihm im Commerz bei, wenn Er es einmal zum eignen Herrn bringt. -- Das wird er auch; versetzte Nothhaft trocken, ohne sich zu erzürnen: Der Kaufmann muß wagen und wetten, und dazu bin ich gemacht, wie unser Herr, der sich aus der Saffranbude zum ersten Kaufmann allhier verstiegen hat. Sorgen Sie nicht für mich, Herr Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich besser, als daß er mich um eines zwecklosen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nachmittag beim Billard zubringe, fortschicken sollte. --
Der Buchhalter schwieg verdrüßlich; theils weil ihn des Dieners Verstockung empörte, theils, weil der Senator wieder in sein Cabinet zurückkam, und ihn eilends zu sich hinein beschied. Hierauf wurde die Thüre geschlossen, die Schieber vor die Gitter gestoßen, und die beiden Comptoristen waren von den Vorgesetzten geschieden, wie die Lehrlinge, die im Vorzimmer schafften und bosselten, von ihnen selbst geschieden waren. -- Sie sitzen im geheimen Rath! flüsterte Nothhaft seinem Nachbar zu: Der Perückennarr, der Buchhalter, mag aber schwatzen und difteln, wie er will. Unsere Contanti stehen schlecht, abscheulich schlecht. Ich habe schon neulich einmal einen Blick in des Herrn Correspondenzlade geworfen, die zufällig offen stand...... -- O pfui! Du neugieriger Saaldiener! fiel Berndt ein. Nothhaft sprach aber wie oben weiter: »Du Hans! Was kann ich denn für mein scharfes Auge? Genug; wir sollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil wir nicht können. Unsere Aktien in Indien stehen schlecht. Mit der vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es scheint, unsinnig viel Geld verschleudert und verloren. Assekuranten unserer eigenen Schiffe sind bankerott geworden; viel Unglück auf einmal! und dann das Leben in diesem Hause! ein wahres Heidideldum!« -- »Ja wohl,« bekräftigte Berndt seufzend, »ein heidnisches Scandalum. Herz, was begehrst du? Keine Wirthschaft, keine Gottesfurcht! Wir müssen nach dem Gemüse gleich vom Tische aufstehen, und Braten, Gänselebern und indianische Vogelnester kommen hinterdrein. Also, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu wanken? Danke für gegebenes Aviso. Ich will gleich auf anderweitige Versorgung denken.« -- »Unter der Hand, Bester,« setzte Nothhaft bei: »nicht vor der Zeit gebrochen. Hübsch alles abgewartet; für einen klugen Diener gibt's in Bankerottchen gute Ernten.« -- »Der Eintritt des Unheils möge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle gesegnet ist!« betete Berndt mit zerknirschter Miene: »das Schlampampen ohne Condition ist mir und dem lieben Gott zuwider, und kostet nur Geld, statt einzubringen.« -- »Betbruder und Scharrer!« schalt Nothhaft. »Jammre nicht. Der Geist Gottes wird ja nicht ermangeln, dir Alles im Voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine Anwartschaft auf das tausendjährige Reich, aber im Herzen bin ich froh, wenn die Umstände mich zwingen, ein Haus zu verlassen, in dem mich nur der gute Lohn zurück hält. 'S ist eine Galeere, dies Comtoir.« -- »Bete und arbeite! sagt die heilige Schrift,« sprach Berndt hierauf demüthig, »ich weiß mich einer Zeit zu erinnern, in welcher dir gar wohl in dieser Schreibstube war, und noch wohler an dem Tische des Prinzipals. Du hattest damals noch große Dinge im Kopfe, und scheutest dich nicht, deine sündhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber seit sie dir den Spaß verdorben, ...« -- »Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,« entgegnete Nothhaft: »die hochmüthige Person! wie sie sich spreizte in ihrem Stolz! Und mein Vater ist doch eben so gut in seinem Städtchen ein Rathsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr Geld, als ihr Vater besaß, da er noch die Rosinen Pfundweis, und das Baumöl pr. Kännchen verkaufte. Ich hätte sie geheirathet. Parbleu! Das hätte ich gethan; aber sie trug die Nase verzweifelt hoch! Stand ich in der Kirche und stierte hinauf zum Betstübchen, so zog sie gewiß das Fenster vor, oder versteckte sich hinter's Gesangbuch. Zweimal paßte ich's ab, und präsentirte ihr, an Kirchendieners Statt, den Predigttext und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein frostiges: »Inkommodir' Er sich nicht, Mosje!« zum Dank. So schlag der Donner hinein!«
Berndt hielt bei der Verwünschung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indessen schadenfroh fort: »Na, Gott gesegn' ihr die baldige Abkühlung! Hochmuth kommt vor dem Fall. Prosit, Justinchen. Die Puppe hat dem Papa und der Mama gesagt: mein Gesicht sei ihr fatal, und darum mußte ich am Tische den Platz verändern, damit sie sich nicht an meinem vis à vis den Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spieß umkehren. Wo sie weint, will ich lachen!«
Berndt stieß ihn abermals in die Seite, denn Senator und Buchhalter kamen aus dem Kabinet, mit entschlossenen Gesichtern, und ein Lehrling wurde gleich hinweg gesandt, Eilpferde für den Geschäftsführer zu bestellen; Eilpferde nach Amsterdam. Der Prinzipal händigte dem dienstfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverschlossenes Portefeuille ein, nahm von ihm Abschied, und ging, da die Mittagsglocke im Hause läutete, mit seinem Comptoristen zu Tische.
Die gewöhnlichen Bürgergerichte waren verzehrt, die Diener durch einen Wink von der bisher schweigsamen Tafel entlassen und eine kostbare Gallertschüssel aus welcher der Duft des Zimmts, und herrlichen Bordeauxweins stieg, wurde, nebst den Platten des Nachtisches, aufgesetzt. Die Frau Senatorin wendete sich leckerhaft vergnügt zu der reizenden Speise; Justine schnitzte kichernd ein Eichhörnchen aus einem Mandelkerne; der Hausherr sah trüb vor sich hin, klopfte mit dem Messer an die silbernen Gefäße und brach endlich das Stillschweigen mit einer Einleitung, auf die er lange studirt haben mochte.
»Was meint Ihr wohl,« begann er mit erzwungenem Scherze, -- »was meint Ihr, wenn auf einmal all' dieses Silber und Porzellan zur Decke hinausflöge, und eitel irdene Teller auf dem Tische zurückblieben mit nothdürftiger Kost?«
Die Senatorin zuckte verächtlich die Achseln ob dem mißlungenen Spaße. Justine rief lachend: »'s wäre ein hübscher Herrenstreich. Papa würde alsdann tief in den Geldkasten greifen müssen, um dem Schaden abzuhelfen.«
»Und wenn nun auch diese Geldkiste leer geworden wäre?« fragte Müssinger weiter.
»Narrethei!« versetzte die Frau, ruhig essend: »was sollen diese Fragen?«