Der Jäger von Fall

Part 8

Chapter 83,987 wordsPublic domain

»Gwiß, Friedl! Du bist allweil gleich gut aufglegt und unterhaltsam. So bist gegen alle Leut. Aber es kommt mir so für, als wärst du's gegen mich noch a bißl mehr wie zu die andern. Bist a guter Mensch!«

»Gut?« Er lächelte. »Ich weiß schon, d' Leut sagen so: a guter Mensch -- und da meinen s': a Rindvieh.«

»Geh! Na!«

»Aber glaub mir's, Madl: 's richtige Gutsein is grad so a schwere Arbet wie d' Nahterei. Oft schon in der Nacht bin ich gsessen mit brennheiße Augen. Und hab gstritten mit'm Unmutsteufel in mir. Gut sein _müssen_, weil man net anders kann, dös is a Gwicht, an unkommods. Aber gut sein mögen und 's Gutsein derzwingen, dös macht eim 's Leben besser.« Friedl stellte die Nähschachtel, die zwischen ihm und Modei stand, auf die andere Seite und rückte näher. »Wann ich gut bin, weiß ich allweil, warum.«

Ein kurzes Schweigen.

»Friedl?«

»Was?«

»Bist gut zu mir? Und weißt, warum?«

»Ja. Weil d' es verdienst. Und weil ich mir denk, du kunnst a bißl Freundschäftlichkeit grad jetzt gut brauchen.«

Das Mädel hob die Augen. »Brauchen?« Das hatte strengen, fast erregten Klang. »Warum?«

Friedl hätte viel darum gegeben, wenn er das unvorsichtige Wort wieder ungesprochen hätte machen können. Verlegen sah er in Modeis Augen. »No ja --«

»Du?« Ihre Stimme zitterte. »Du weißt was?«

»Alles!«

»Von wem?«

»Augen hab ich ja selber. Und --«

»Der Lenzl? Gelt?« In Zorn war Modei aufgesprungen. Wortlos kramte sie ihr Nähzeug zusammen. Als sie sah, daß ihr Friedl den Weg zur Tür vertrat, schob sie das Kistchen wieder auf die Bank, setzte sich und nähte schweigend weiter.

»Deswegen mußt dich net alterieren!« sagte Friedl und stellte die Schachtel fort. »Ich mein' dir's gut! Und bei mir is a heimlichs Wörtl aufghoben. Da brauchst dich net fürchten.«

»Fürchten?« Sie unterbrach die Arbeit nicht. »Ah na! 's Fürchten hab ich verlernt. Glauben und Fürchten is allweil an Einzigs. Verliert man 's Strumpfbandl, nacher rutscht der Strumpf halt auch. Die letzten Wochen haben fest grissen an mir. Den ganzen Tag so allein! Und alles allweil einiwürgen! Vielleicht is's grad gut für mich, daß d' alles weißt. Da hab ich doch wen, mit dem ich reden kann.« Die Stimme erlosch ihr. Sie drehte das Gesicht auf die Seite, wollte einfädeln und fragte mit erwürgtem Laut: »Wo is denn d' Schachtel schon wieder!«

Friedl machte einen flinken Griff. »Is schon da!«

Sie zog den Faden von der Spule und krümmte sich plötzlich tief hinunter, von lautlosem Schluchzen geschüttelt.

»Mar' und Joseph!« Erschrocken rüttelte Friedl sie an der Schulter, rückte näher, stieß die Schachtel fort und umschlang das Mädel. »Jesses, geh, so schaam dich doch a bißl! Hör auf, hör auf, ich kann's net vertragen. Wann ich wem gut bin, kann ich's net anschaun, daß er leiden muß!« Er versuchte sie aufzurichten. »Komm, laß dich a bißl trucken legen!« Schwer schnaufend, zerrte er sein Taschentuch heraus, trocknete ihre Wangen und fuhr sich auch flink über die eigenen Augen. »Geh, sei gscheid und nimm a bißl Verstand an! Schau, jetzt is halt amal alles a so, und da muß man sich einischicken wie der Fuchs in sein' Bau.«

»Freilich, ja!« Mit zitternden Händen begann sie die Arbeit wieder.

»Weißt, mit allem muß man fertig werden. Wann der Mensch net a bißl nachgeben kunnt, müßt er Tag und Nacht a Sauwut aufs Leben haben. Fest anschauen muß man halt die harten Sachen. Und hat man gsehen, wie s' sind, nacher muß man sagen: In Gotts Namen, wie's is, so muß man's haben.« Nachdenklich schwieg der Jäger eine Weile. »Freilich, wann's einer so nimmt, da tut er gar oft ebbes, was ander Leut für an Unsinn halten. Aber z'erst muß ich mit _mir_ zfrieden sein. Nacher kann's gehn, wie's mag. Drum schau, tu dich net kränken! A Madl wie _du_! Und einer wie _der_? Na! Der is gar net wert, daß d' a Tröpfl Wasser fallen laßt um seintwegen.«

»Wegen _dem_, meinst?« Sie schüttelte den Kopf. »Wegen _dem_ lauft mir 's Brünndl nimmer über. In _den_ hab ich einigschaut. Aber um mich allein geht's net her. 's Kindl halt!« Modei beugte sich über die Arbeit. »So an arms Häuterl!«

»Arm? Und hat a Mutter wie du!«

»A Mutter is viel. Aber net alles. Tag und Nacht muß ich drüber nachdenken. So a Kindl! Und hat kei' Schuld. Und is net gfragt worden, wie man's eini gschutzt hat in d' Welt. Und muß leiden drunter. So an Ungrechtigkeit sollt unser Herrgott net zulassen.«

Sinnend guckte Friedl hinauf zum glühenden Abendhimmel. »Den da droben, den hab ich schon oft ebbes gfragt. Aber gsagt hat er mir nie was. So a _ganz_ Gscheider is allweil a Stader. Weil er ihm denkt: wann ich ebbes sag, versteht mich ja doch keiner, da halt ich lieber 's Maul! Aber weißt, bei der Stang is er allweil. Da brauchst ums Kindl kei' Sorg net haben. So a Käferl so a liebaugets! Dös findt schon sein Dach, paß auf! Und a Madl wie du, gsund, sauber, fleißig, wirtschäftlich -- wirst schon bald wieder an andern Schatz finden!«

»An andern?« Sie lachte müd. »Wie der Anfang war, weiß ich. Was nachkommt, sagen d' Leut, is allweil minder.«

Friedl schnaufte schwül. »Mußt halt a bißl gnügsam sein! Und mußt --«

»Laß gut sein!« Ihr Nähzeug zusammenraffend, erhob sie sich.

»Aber Madl?« fragte er verdutzt. »Was is denn?«

»D' Nahterei heb ich auf. 's Licht wird a bißl schwach. Und wann mir du d' Schachtel allweil verräumst!« Sie ging zur Tür und trat in die Hütte.

In Friedls Augen brannte die Sorge. Hatte er zuviel gesprochen? Hatte sie aus seinen Worten erraten, _welches_ Dach und _welchen_ anderen er meinte? Und warum ging sie so schnell davon? War es Verlegenheit? Oder eine verblümte Warnung vor dem Weitersprechen? »Herrgott, Herrgott, wann ich nur wüßt, wie ich dran bin!« Und nun fortmüssen, für vierzehn Tage, und die Ungewißheit immer mit sich herumschleppen auf Schritt und Tritt, bei Rast und Arbeit, bei Tag und Traum!

Da klang mit flüsterndem Laut sein Name aus den Latschenbüschen, die neben der Hütte standen und im Abendwind ihre Nadelfahnen bewegten. Der Jäger wandte sich rasch und sah im Grün zwei funkelnde Augen. »Lenzl? Du? Was willst denn?«

»Kurasch, sag ich dir! Schenier dich net! Sag's ihr grad aussi!«

»Kurasch?« Ein bedrückter Atemzug. »Du hast leicht reden! Haushoch über a Wand abispringen? Da hätt ich Kurasch gnug. Aber da --«

Modei trat aus der Hütte, und Lenzl verschwand. Mit zwei blühenden Nelkenstöcken auf den Armen ging das Mädel zu der Scheiterbeuge neben der Hüttentür.

Beklommen fragte der Jäger: »Was machst denn da?«

»Meine Nagerln stell ich in d' Nacht aussi. So a feine Nacht is gut für alles, was blüht.«

In Friedls Augen glänzte was Frohes auf. »Modei! Da hast a gescheidts Wörtl gsagt.« Er machte ein paar flinke Schritte zu ihr hin, als wäre die erschütterte Hoffnung in ihm wieder fest und gläubig geworden. Zum Reden kam er nicht, weil vom Steig herauf zwei Stimmen sich hören ließen. Verdrossen murrte Friedl vor sich hin: »Wer kommt denn heut noch da auffi? Daß d' Leut aber allweil kommen, wann man s' net brauchen kann.« Nun erkannte er die lachende Mannsstimme. »Dös is ja der Hies! Was will denn _der_ da heroben? Heut schon!«

Im gleichen Augenblick tauchte der Jagdgehilf über die Steigstufen herauf und guckte fidel in die Tiefe hinunter. Da drunten quiekste die Stimme der noch unsichtbaren Punkl: »Geh, wart a bißl, Hieserl, wart a bißl!«

»Du narrete Urschl!« kreischte Hies über den Steig hinunter. »Ich bin ja kein Dokter net. Ich kann dir net helfen.« Als er sich kichernd wandte, sah er den Jäger, der auf ihn zukam. »Ah, da bist ja! Grüß dich, Friedl! Und gleich kannst heimgehn.«

»Gar so pressieren tut's mir _net_! Wie kommst denn heut noch da auffi?«

»Bloß deintwegen. Weil morgen dein Dienst da heroben aus is, hab ich dir sagen wollen, du sollst heut oder morgen in aller Fruh heim und sollst dich net am End woanders verhalten. Morgen hat der Herr Dokter für uns Jager a kleins Scheibenschießen verarranschiert. Da därfst net fehlen. Eigens hat mich der Herr Dokter auffigschickt. Ich hab dich z'erst in der Jagdhütten suchen wollen, aber die Punkl hat mir gsagt, daß bei der Modei bist.« Er dämpfte die Stimme zu leisem Geflüster: »Hast von der Sennerin ebbes erfahren können? Ob selbigsmal einer bei ihr in der Hütten gwesen is?«

Friedl schüttelte stumm den Kopf. Dabei fuhr ihm das Blut ins Gesicht.

»Wie schaut's denn aus im Revier?«

»Net schlecht.«

»Hast den Neunnägel noch amal gspürt?«

Es dauerte eine Weile, ehe Friedl mit kaum hörbarem Laut erwiderte: »Seit vierzehn Täg nimmer.«

»Kann sein, daß er _mir_ übern Weg läuft!« knirschte der andere zwischen den Zähnen heraus. »Da gnad ihm unser Herrgott!«

»Hies --« Rasch faßte Friedl den Arm des Kameraden und warf einen Sorgenblick zu Modei hinüber.

»Was?«

»Hieserl, Hieserl«, pfiff es atemlos aus der Steigtiefe herauf, »wo bist denn? Tu doch warten auf mich!«

Mit einer lustigen Grimasse kicherte Hies: »Dö Alte! Mar' und Joseph! So hab ich meiner Lebtag noch net glacht.«

»Was hast denn mit ihr?«

»Haben? Naaaa Brüderl!« Hies konnte kaum reden vor Lachen. »Gsund -- gsund soll ich s' machen! Ich! Und als medazinischen Taglohn hat s' mir a Nachtmahl versprochen -- derspringen müßt ich, wann ich alles fraß.«

Schnaufend kletterte Punkl über die Steigstufen herauf. »Da is er, da is er ja, Gott sei Lob und Dank!« Sie grinste in aller Hoffnungsfreudigkeit ihrer leidenden Jungfernseele. »Komm, Hieserl, komm! Jetzt steigen wir gleich auffi mitanand zu meiner Hütten. _Gleich_ zünd ich 's Fuierl an. Und aufkochen tu ich für dich -- so gut sollst es noch nie net ghabt haben.«

»Pressiert's denn gar a so?«

»_Was_ hast gsagt?«

»Ob _heut_ noch gsund werden mußt? Kannst net warten bis übermorgen?«

»_Was_ hast gsagt?« Das Mißtrauen der Schwerhörigen funkelte in Punkls Augen. »Tust mich ebba für an Narren halten? Bist auch so a falscher Jager?«

»Öha, Alte«, mahnte Friedl, »net auf d' Jager schimpfen!«

Punkl drehte sich flink. »_Was_ hat er gsagt?«

»Wann die noch lang so fragt«, lachte Hies, »da muß ich heut ohne Nachtmahl abschieben von der Alm.«

Unter wachsendem Ärger forschte die Alte: »_Was_ hat er gsagt?«

Friedl schraubte die Stimme: »Daß ihm vor Hunger der Magen schreit.«

»Waaas sagen d' Leut?« Wütend schnappte Punkl nach Luft. »D' Leut sollen sagen, was s' mögen. Mei' Gsundheit is a kostbars Gut. Wann ich sterben müßt, da machen mich d' Leut nimmer lebendig. Naaa!« Mit hohem Fistelton begann sie zu heulen. »Iiiiiii --« Die Schürze vor die Augen hebend, klagte sie gegen die Hütte hinüber: »Ich sag dir's, Modei, iiiijaaa, ganz recht hast ghabt! Und schau, deswegen bist gsund blieben. Aber -- aber iiiiii --« Der Strom ihrer Schmerzen ergoß sich in die blaue Schürze.

»Geh«, sagte Modei, halb erheitert und halb unwillig, »tuts doch dös gute alte Weiberl net so plagen!«

»Wann's allweil falsch versteht!« lachte Hies. »Zu der kannst Herrgott und Cherubim sagen -- dö versteht allweil Mannsbild und Kindstauf.«

Punkl hob den gekränkten Zwiebelkopf aus der Schürze: »Waaaas hast gsagt?«

»Daß dir der Friedl a Ruh lassen soll!« brüllte Hies der Alten ins Ohr. »Sonst hat er's mit mir z' tun. Dich mag ich, weißt!«

In Punkls verheulten Augen ging die Sonne der Freude auf und glänzte. »Bist a braver Mensch, du! Zu dir hab ich a Zutrauen. Komm, Hieserl, komm!« Sie umklammerte seinen Arm. »Jetzt koch ich dir auf! An Äpfelschmarren und Dopfenknödel!« Energisch zerrte sie den Lachenden gegen den Brunnen hin. »Heut sollst es gut haben.«

Unter grotesken Tanzbewegungen schnackelte Hies mit den Fingern und sang in den leuchtenden Abend hinaus:

»Geht's auffi in Himi, Geht's abi in d' Höll, Es is mir alls einding, Und sei's, wie dr wöll!

Und holt mich der Tuifi, Und sied ich und brenn, Sei' Großmutter kocht mir An Äpfelschmarrenn!«

Auch Modei mußte lachen.

»A lustiger Zipfel!« sagte Friedl. »Allweil einer von die Sonnseitigen!«

»Ja«, nickte Modei, »und die Gstanzeln, dö schüttelt er grad so aussi aus'm Ärmel.«

Hies wandte sich. »Da hast recht! Paß auf, bei deiner Hochzet sing ich, daß d' Fenster scheppern!«

Wie von jäher Müdigkeit befallen, ließ Modei sich auf die Steintreppe hinsinken und sah ins Leere. »Bei meiner Hochzet!«

»No ja, warum denn net?« scherzte Friedl in Sorge, während er sich auf eine der tieferen Stufen setzte. »Du wirst doch amal deine Hochzetgäst net 's Gstanzelsingen verbieten?«

»Ich? Und heireten? -- Bei mir is ausgheiret. Ich hab kein' Glauben nimmer an d' Mannsbilder.«

»Madl, da übertreibst wieder a bißl. Hast ja bloß an einzigen ausprobiert. Wann's den Sonntag verregnet hat, kann d' Woch noch allweil sechs schöne Täg haben.«

»Geh, du Narr, du guter!« Modeis Brauen zogen sich hart zusammen. »Soll ich ebba ein' um den andern durchkosten, bis ich den richtigen derwisch, in dem d' Sonn scheint? Laß mir mei Ruh, sagt der Veri. In mein' Kittel hat 's Leben an Triangel einigrissen, der nimmer zum flicken is, net mit der besten Nahterei. Wer kauft, will ebbes kriegen, was ganz is. Es mag schon _mich_ keiner nimmer.«

Friedl wurde bleich bis in die Lippen, und ohne Besinnen fuhr's ihm heraus: »_Ich_ nimm dich gleich.«

»Du?« Modei hob das Gesicht. Dann lachte sie kurz und gezwungen.

»Was is jetzt da zum lachen?« fragte er mit zerdrückter Stimme. »So a ganz Sonnscheiniger bin ich freilich net. Ich bin halt einer, wie s' im Dutzend ausfallen. Aber an Antrag is allweil an Antrag. Da wirst wohl a Wörtl reden müssen.«

In die dämmernde Weite blickend, schüttelte sie stumm den Kopf.

Er mußte sich räuspern, als wäre ihm eine Mücke in den Hals geflogen. Dann suchte er mühsam einen scherzenden Ton. »Ah na! Ah na! Gar so übers Knie reißen wir's net ab. A bißl anschaun kann man's allweil. Oder net?«

Noch immer schwieg sie.

Es hatte zu dämmern begonnen, und das letzte rötliche Zwielicht glänzte schon hinüber in den weißen Mondschein, der die Gratkanten der grauen Felswände in ein silbernes Zackenwerk verwandelte. Der Wind fuhr schärfer über das Almgehäng herunter, man hörte den Strahl des Brunnens plätschern, und die schwarz gewordenen Wedel der Latschen griffen wunderlich durcheinander wie plumpe Hände, die etwas zu haschen suchen, was sich nicht fangen läßt.

Scheu guckte Friedl zu Modei hinauf. Er konnte ihre Augen nimmer sehen, das Dunkel des Abends vertiefte noch den Schatten der gesenkten Wimpern. Hart Atem holend, nahm der Jäger den Hut herunter und kämmte mit schwerer Hand das Haar in die Stirn. »Wie a Prinzessin wirst es freilich net haben bei mir. Aber schlecht auch net. Mein Häusl hat Platz für uns Sechse.«

»Sechse? Wie zählst denn da?«

»No ja -- du, dein Büberl, mei' Mutter, dein Bruder, unser Kuh und ich. Und d' Mutter hat ebbes gspart. Da legen wir uns a zweits Stückl Vieh zu. Un an noblen Ghalt hab ich auch. Dreihundert zwanzg Gulden. Und in fünf, sechs Jahr bin ich Forstwart. Geh, Madl, bsinn dich a bißl!« Mahnend drückte er den Ellbogen an ihr Knie. »Schau, da brauchst dich nimmer plagen für fremde Leut, hast dein Heimatl, hast dein Büberl bei dir und kannst amal a richtigs Mannsbild aus ihm machen. Und wann ebbes nachkommt --« Er lachte unbehilflich. »Dö kleine Waar wird sich schon vertragen mitanand.«

Sie beugte das Gesicht zwischen die Hände und preßte die Ohren zu. »Hör auf! Hör auf!«

Er rückte eine Stufe höher und zog ihr die Arme herunter. »Geh, komm, laß reden mit dir! A bißl gut bist mir eh schon. Und 's ander macht sich von selber. Und wann wir uns haben, und ich komm am Abend vom Berg heim, und du stehst unter der Haustür und lachst mich an --«

Ruhig befreite sie ihre Hände. »Laß gut sein! Tu mich net plagen! Mach mir 's Na-Sagen net gar so schwer. Und nimm Verstand an, Bub! Um deintwegen. Du verdienst a Bessere, als ich eine bin.«

»Jetzt bist aber stad!« fuhr Friedl zornig auf. »Was ich gern hab, laß ich net beleidigen.« Er rückte wieder eine Stufe höher, an Modeis Seite. »So sollt a verstandsams Weiberleut net daherreden! Eine, wie _du_ bist? Was _du_ für eine bist, dös weiß ich schon. Die Beste von _alle_ bist mir. Dös is mir d' Hauptsach. Und --« Was er weiter noch sagen wollte, schien ihm schwer zu fallen. »Wann ebba an dös andre denkst -- daß bei der Hochzet 's Kranzl nimmer tragen därfst? Ui jöises! Da reden wir net davon. Dös! No ja, dazughören sollt's freilich. Aber für an richtigen Menschen muß d' Lieb noch ebbes anders sein. Und wann einer a Witib heiret? Is ebba dös net an ehrenvolle Sach? Und da kriegt er den Guglhupf auch net frisch vom Bäcken. Man muß net allweil so verdrahte Ansprüche machen im Leben.«

»Na, Friedl! Na, na, na! Es is kein Glück dabei.« Sie schüttelte heftig den Kopf und rückte von ihm weg.

»Nix da! Erst _recht_ is eins dabei. Komm her! Jetzt reden wir alles aus bis aufs letzte Schnürl!« Er haschte ihre Hand. »Heut hab ich amal den richtigen Schritt, und jetzt laß ich nimmer aus.«

»Es hat kein' Verstand! Laß gut sein!« sagte sie gequält, während sie ihm ihre Hand zu entwinden suchte. »Jetzt bist halt a bißl verliebt --«

»A bißl? Oho? Mein Gernhaben is net von gestern. Du selber kannst gar net zruckdenken an dö Zeit, wo ich dich schon mögen hab. Selbigsmal in der Nacht, wie s' dich von der Brandstatt weg in unser Stuben tragen haben -- wie noch a kleins Kindl warst und ich noch a Büberl -- selbigsmal is mir's in d' Seel einigfallen. Und nimmer hat's auslassen --«

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Dös bildst dir halt jetzt so ein. A guter Mensch bist. Da schaust halt alles mit schöne Augen an. Und d' Welt is dir kugelrund, wie der Lenzl sagt. Aber hint her wirst dir mit'm Ellbogen 's Mäusl aussistoßen am schiechen Kasten. Der Ehstand bringt Sorgen, und Sorgen verdrießen den besten Sinn. Da kommt an unguts Stündl, und es fahrt dir an ungrechts Wörtl übers Züngl aussi -- a Fürwurf wegen dem, was gwesen is -- und so a Wörtl kunnt ich net vertragen. Und a Graben is da. Und alles, was Glück heißt, liegt drunt in der Tief. Und keiner holt's nimmer auffi.« Sie erhob sich. »Na Friedl!«

»Wie, wart noch a bißl!« Er haschte sie bei einer Rockfalte und sprach erregt an ihr hinauf: »An Fürwurf hören? Du? Von mir? Dein Büberl mag ich, als ob's mein eigens wär. Und du? Geh, schau, ich kann mir's doch denken, wie's gschehen is, daß der Guglhupf a Zwibeben einbüßt hat. Ich bin doch auch kein Frischbachener nimmer. Was jung is, muß Purzelbäum machen. Oder man hätt mit zwanzg Jahr schon an krankhaften Zustand und 's Alter im Blut. Der Mensch ist kein Heiliger. Seit der Adam 's erstmal einibissen hat in' süßen Apfel, hat's ihm a jeder nachmachen müssen. Hörst, Madl! Müssen, sag ich -- net: _mögen_. 's Blut is a Knechtl, dös an fremden Herrn hat.« Ein paar Sekunden schwieg er, wie in Erwartung einer Antwort. »Madl? Glaubst mir noch allweil net?«

Sie hob das Gesicht. Es war bleich im Licht des Mondes, der über die östlichen Berge heraufgeschwommen war. Wie eine goldfunkelnde Scheibe hing er im Leeren und warf den Schatten der beiden Menschen lang und dunkel über die Steine.

Ohne ein Wort zu finden, zog Modei die Rockfalte aus der Faust des Jägers und ging zur Hüttentür.

Erschrocken sprang er auf, verstellte ihr den Weg und streckte die Hand. »Geh, schau -- wie d' bist, so bist mir recht, und so mag ich dich. Schlag ein! A feins Pratzl hab ich freilich net. Aber Verlaß is drauf. Schlag ein!«

»Ich hab aufs Glück kein' Glauben nimmer!« sagte sie mit Überwindung. »Und daß ich dich bloß als Versorgung anschau, da bist mir z' gut dazu.« Sie wandte sich. »Reden wir nimmer davon.« Den Arm vor die Stirn pressend, trat sie auf den Schwellbalken der Sennstube und wurde grau im schwarzen Geviert der Hüttentür.

Nach kurzem Schweigen murrte Friedl vor sich hin: »Da bin ich schön abgfahren!« Seine Zähne knirschten. »Himmelherrgottsakra --« Er griff nach Gewehr und Bergstock und wollte gehen. Da fiel ihm Bürschl ein -- der Hund lag wohl wieder in der Hütte auf dem Lager, das ihm Modei mit alten Futtersäcken neben dem Herd zurechtgemacht hatte. Friedl pfiff, und da kam der Hund wie ein Pfeil aus der Tür gefahren, schüttelte die Ohren und bellte gegen den Mondschein. »Komm, Bürschl! Jetzt können wir heimtappen.« Die Schritte des Jägers klapperten auf den Steinstufen.

Modei wandte das Gesicht. »Ohne Gruß willst fort? Bist mir jetzt harb?«

Es riß ihn herum. Dann trat er rasch zu ihr hin. »Madl? Is dir ebbes dran glegen, daß ich dir gut bleib?«

Sie sagte zögernd: »Als Kamerad -- no freilich, ja.«

»Nacher mußt mir an Gfallen tun.«

»Außer dem andern -- alles, was d' willst.« Dabei reichte sie ihm die Hand.

»So gib dein Büberl zu meiner Mutter ins Haus.«

Es dauerte lang, bis sie sagen konnte: »In Gotts Namen!«

Friedl lachte wie ein Berauschter. »Ja? Handschlag! Und gnagelt und gsiegelt! Und morgen in aller Fruh, da renn ich abi nach Lenggries und hol mir's Kindl auffi nach Fall. Und recht schön grüßen tu ich's von dir. Gelt, ja? Und wie wär's denn? Kunntst mir ja gleich a Bußl fürs Kindl mitgeben?« Er umschlang sie.

Erschrocken wehrte sich das Mädel, konnte sich befreien und sprang in die Sennstube. »Ah na! Wer eh schon an Rausch hat, dem därf man nimmer einschenken.«

Wie eine schwarz und weiß gesprenkelte Säule stand Lenzl im Mondschein. Er lachte leis. »Gut hast anpackt, Friedl! Aber z' fruh hast auslassen.«

»Macht nix! Morgen is auch wieder a Tag. Und wo 's Kindl is, muß d' Mutter nach. Der Doktermartl tät sagen: dös is a Naturgsetz.« Mit einem klingenden Jauchzer sprang der Jäger zum Steig hinüber. Und der tollende Schweißhund bellte, daß von den silbernen Felsen ein vielfaches Echo kam.

Lenzl stand unbeweglich in dem weißen Licht und raunte wie ein Träumender vor sich hin: »Jetzt glaub ich, daß ich gsunden tu. 's Glück zieht alles in d' Höh. So viel licht und lustig is mir's im Hirnkastl!« Mit leisem Lachen ging er zum Steig hinüber und spähte in das Licht- und Schattengewirr der Tiefe.

Da drunten, wo sich der Pfad im Mondschein wie ein weißer Silberstreif durch den dunklen Rasen hinzog, klirrten die flinken Schuhe und der Bergstock des Jägers.

Es war eine weite Strecke bis hinunter ins Tal; nie noch war sie dem Jäger so kurz geworden wie heut. Aus der Erfüllung seiner Bitte lachte ihn die Hoffnung an mit freundlichem Gesicht, und frohe Gedanken wanderten mit ihm den stillen Weg.

Als Friedl das Tal erreichte, sah er die Fenster des Wirtshauses hell erleuchtet. Er hörte Gesang, Musik und Lachen. Von der Straße guckte er durch ein Fenster in die Stube. Da saß eine muntere Gesellschaft um einen langen Tisch versammelt: der Förster mit seiner Frau, die Jagdgehilfen, Benno Harlander und der neu nach Fall versetzte, schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner mit seinem ratzenkahlen Dampfnudelkopf, der jeden Einfall, den er hatte, mit flinker Sprudelzunge mehrmals wiederholte, wie nach dem mephistophelischen Rezept: »Du mußt es dreimal sagen!« Vater Riesch hielt die Geige an das Kinn gedrückt, sein Ältester klimperte auf einer Gitarre, sein schmuckes Töchterchen, das »Wirtsannerl«, hobelte auf einer Mundharmonika, und der lachende Hies, der dem Gesundheitsverlangen der leidenden Punkl unmedizinisch entronnen war, hatte die Zither vor sich stehen und ließ die Saiten schnurren. Da drinnen feierten sie den Vorabend des Scheibenschießens.

Bürschl, der von seinem früheren Herrn her alle Wirtshäuser weitum im Lande kannte, wollte der offenen Tür zulaufen. Friedl rief ihn zurück. Er hatte keine Lust, den fidelen Rummel mitzumachen. Sonst war ihm lustige Gesellschaft immer willkommen. Heut trieb es ihn heim -- weil er noch ein Wort mit der Mutter zu reden hatte. Als er die Haustür öffnete, tat er einen schwülen Atemzug. In der Stube, durch deren Fenster nur noch dünn ein Strahl des Mondes fiel, stellte Friedl den Bergstock in eine Ecke, hängte Rucksack und Gewehr an das Zapfenbrett, schob die Schuhe unter den Ofen und richtete mit einem alten Wettermantel dem Hund eine Liegestatt. Dann ging er zur Kammertür und öffnete sie um einen schmalen Spalt. »Mutter, schlafst schon?«