Der Jäger von Fall

Part 7

Chapter 73,941 wordsPublic domain

Aus der Tiefe tauchte die Gestalt eines älteren Mannes herauf; sein Gewand zeigte eine seltsame Mischung städtischer und bäurischer Tracht: eine lange, blau und grün karierte Hose, die Lodenjoppe und die schweren Bergschuhe, auf dem Kopf eine alte Ulanenmütze mit großem Lederschild, hinter dem Rücken der Bergsack, in der rechten Hand ein Hakenstock von spanischem Rohr, und eine große blaue Brille auf der gebogenen Nase, die über struppigem Bartgewuschel glänzte wie ein nackter, im Abendschein erglühender Fels über dunklem Latschengestrüpp.

»Grüß dich Gott, Modei!«

»Jeh, der Doktermartl! Was suchst denn du heut noch bei mir daheroben?«

»Laß mich nur grad a bißl verschnaufen, nacher wird sich alles finden!« Mit blauem Taschentuch den Schweiß von der Glatze trocknend, kam der Doktermartl auf die Hütte zu und trat hinter Modei in die Stube.

Doktermartl? Vor langen Jahren, als er zu Dillingen bei den Ulanen gedient hatte, war er Gehilfe des Regimentsveterinärs gewesen. In die Heimat zurückgekehrt, versuchte er das in solcher Stellung errungene Wissen an den Pferden und Hunden von Lenggries und an den Kühen der umliegenden Almen. Er »dokterte«. Und diesen, frei von ihm, ohne Wissen und Zustimmung der Behörde gewählten und ausgeübten Beruf vereinigte der Volksmund mit seinem Vornamen zu dem Ehrentitel: Doktermartl.

Auf allen Almen zwischen Lenggries und Hinterriß war er bekannt und wenn auch kein ungern gesehener, doch ein ungern gerufener Gast. Auch auf der Grottenalm hatte er in den letzten vierzehn Tagen des öfteren vorgesprochen, um nach Modeis kranker Kuh zu sehen. Deshalb konnte er heut nicht kommen; die Patientin war schon wieder gesund, und eben klang der Ton ihrer Halsglocke von der Höhe her, während Lenzl die kleine Herde der Milchkühe einsammelte in den Stall.

Martl erzählte der Sennerin, er käme von der Lärchkoglalm herüber, wo es mit ein paar Kühen wieder recht schlecht stünde, und da möchte er im Vorbeispringen nur ein paar Minuten in Modeis Hütte rasten.

Dem Mädel erschien es wunderlich, daß man, um ein paar Minuten zu ruhen, einen Umweg von einer Stunde macht. Dazu kam noch, daß der Doktermartl ein bißchen konfus von fernliegenden Dingen zu schwatzen begann, das Gespräch wieder stocken ließ, verlegen wurde und von was anderem zu reden anhub. Modei trat vor den Alten hin und fragte kurzweg: »Martl, du willst was? Plag dich net lang mit Ausreden und sag's grad aussi!«

»No also, ja, der Blasi schickt mich.«

Nicht eine Miene zuckte in dem Gesicht des Mädels. »Und?«

»Ja, gfragt is gleich, aber gsagt is so ebbes net so gschwind. Schau, du mußt es ihm net verübeln, daß er mich in dö Sach hat einischauen lassen! Gwiß wahr, von mir erfahrt kein Sterbensmensch a Wörtl.«

»Meintwegen brauchst du 's Reden net verhalten. Aber ich mein', der Blasi müßt dir von eh a guts Wörtl geben haben, daß d' über _ihn_ nix rumredst.«

Martl zuckte schmunzelnd die Achseln. »Kann leicht sein auch. Also, gestern hab ich ihn drunt in Lenggries auf der Post troffen. Da hab ich ihm so ganz zufällig verzählt, daß ich heut auf d' Lärchkoglalm auffi müßt, ja, und da hat er gmeint, ich kunnt am Heimweg wohl dös Katzensprüngl daher machen, um an dich a verschwiegene Botschaft --« Martl stockte, weil Lenzl in die Stube trat.

»Kannst unscheniert weiterreden«, sagte Modei, »vor meim Bruder hab ich nix Heimlichs.«

»Mir kann's recht sein!« meinte der Doktermartl. »No und da hat mir halt nacher der Blasi d' Hauptsach a bißl ausananderdeutscht. Du sollst net glauben, laßt er dir sagen, daß er auf sei' Schuldigkeit vergessen tät. Weil's halt amal sein muß, schau, da hat er gmeint, es wär doch besser, wann man in Fried und Güt ausanander käm. Du hast mit'm Kindl Sorgen und Kösten gnug, und da wär's net mehr als billig von ihm, hat er gsagt, daß er dich entschädigen tät, weißt, und da hat er selber so an zweihundert Markln denkt.«

»So? Dös laßt er uns sagen? Der Lump!« schrie Lenzl in galligem Zorn. »Was d' Schwester tut, dös weiß ich net. Aber von mir kannst dem saubern Herrn sagen, daß ich mir ganz gut denken kann, woher ihn sein Gwissen druckt. Er war wohl schon beim Avakaten, der ihm gsagt hat, daß derselbig Wisch, den d' Modei unterschrieben hat, niemals a grichtliche Gültigkeit haben kann. Und da kannst ihm ausrichten von mir --«

»Sei stad, Lenzl!« unterbrach ihn die Schwester. Die Hände an der Schürze trocknend, ging sie auf den Doktermartl zu und sagte ruhig: »Ich kann mir gar net denken, wie der Blasi dazu kommt, an mich so a Botschaft ausrichten z' lassen. Er hat's ja schwarz auf weiß, daß er zu meim Kindl in keiner Verwandtschaft steht. Und ich setz den Fall, es wär anders, so hab ich's selber schon lang vergessen. Wann's auch grad kei' Ewigkeit her is, daß ich mich mit'm Vergessen abgib -- du als Dokter weißt ja selber am besten, daß gwisse Medizinen a bißl arg schnell wirken. Im übrigen kannst ihm sagen, daß ich kein Geld net brauch. Und _wann_ ich eins brauchet, käm der Blasi lang nach'm letzten, von dem ich eins haben möcht. So, jetzt wären wir mit der Botschaft fertig. Jetzt kannst mir wieder verzählen, wie's mit'm Vieh am Lärchkogel steht. Dös interessiert mich.«

Verdutzt guckte Martl in das ernste Gesicht des Mädels, ratlos, was er da erwidern sollte. Nach dem, was Blasi ihm mitgeteilt hatte, war er auf eine andere Wirkung seiner Botschaft gefaßt gewesen. Den ganzen Weg über hatte er sich auf sanfte und kluge Trostworte besonnen, um sie bei einem heftigen und tränenreichen Auftritt lindernd zu verabreichen. Und nun! Schweigend saß er da, rückte verlegen die Brille und war herzlich froh, als Stimmen, die sich draußen näherten, ihm Veranlassung gaben, ins Freie zu treten. Lenzl folgte ihm, während Modei unter der Türe stehenblieb.

Über den höheren Berghang kam die alte Punkl heruntergestiegen, mit Monika, ihrer Hüttennachbarin, einem drallen, runden Mädel, das lustig jodelte, wenn auch manchmal ein bißchen falsch. Lenzl schnitt dazu eine wehleidige Grimasse und schalt über den Hang hinauf: »Du! Hörst net auf, da droben! Dös fahrt eim ja wie a Stricknadel in d' Ohrwascheln eini!«

»Geh, sei net so grantig!« antwortete die gutgedrechselte Sennerin. »Mich freut halt 's Leben. Da muß ich allweil dudeln.«

»Dös glaub ich, daß d' heut gaggerst wie a Henn, wann s' glegt hat. Meinst, ich hab's net gesehen, wer heut in der Fruh aus deiner Hütten aussigschloffen is?«

Das Mädel lachte. »Verschaut hast dich!«

»Ja, lach nur, du!« Lenzl wurde ernst. »Und wart drei Vierteljahr! Da fallt dir in dei' süße Musi a Tröpfl Essig eini.«

»Meintwegen! Jetzt bin ich noch allweil bei der Süßigkeit.« Das Bein hebend, schrie Monika einen vergnügten Jauchzer in den schönen Abend hinaus.

Lenzl schüttelte den Kopf. »Da is eine wie die ander. Es wird halt so sein müssen. Sonst tät der Nachwuchs auslassen.« Gleich einem Betrunkenen kreischte er ins Leere: »Du, Lisei, weißt es schon --« Verstummend griff er wie ein Erwachender mit der Hand nach seiner Stirn und murmelte: »Jetzt glaub ich bald selber, daß ich a Narr bin.«

Bei der Stalltür sah der Doktermartl die gesund gewordene Blässin grasen. »No also«, rief er über die Schulter zur Modei hinüber, »gelt, ich hab dir's gsagt: dö macht sich wieder! Am Inkreisch hat's ihr halt a bißl gfehlt. Dö hat beim Grasen ebbes Scharfs derwischt. So ebbes vertragt a jeder Magen net. Es is mit'm meinigen grad so. Auf den muß ich aufpassen wie auf a kleins Kind. Bei der zehnten, zwölften Maß Bier macht er schon allweil Mannderln wie a derschrockener Kiniglhaas. Jaaa, Madl, wann sich die Blässin wieder amal überfrißt und a bißl schwermütig dreinschaut, nacher gibst ihr mein Trankl wieder und redst recht lustig mit ihr. Bei allem, was eim weh tut, Mensch oder Viech, hat a fidels Gemüt a segensreiche Vereinflussung. Der Traurige stirbt allweil früher als wie der Lustige. Dös is a Naturgsetz.« Er schnupfte.

Mit den Gedanken bei anderen Dingen, sagte Modei: »Weil mir nur grad dös Stückl Vieh wieder gsund is.«

»Nur nie verzagen!« Martl hobelte mit dem blauen Taschentuch über die Nase hin und her. »Und allweil auf Gott vertrauen!«

»Freilich, ja! Und selber gut aufpassen.«

»Da kommt er am weitesten, der Mensch. Unser Herr Pfarr is voller Gottvertrauen. Aber wann er Hunger hat, verlaßt er sich lieber auf sei' Köchin.«

Müd lachend trat Modei in die Sennstube.

Hinter der Hütte droben, wo der Almbrunnen war, hatten Punkl und Monika ihre Wasserbutten niedergestellt. Da überholte sie ein knochiger Graukopf, dessen gedunsenes, von blauen Äderchen durchzogenes Gesicht die Diagnose auf chronischen Suff ermöglichte, ohne daß man medizinische Kenntnisse zu haben brauchte. Es war der alte Veri, der emeritierte Lenggrieser Nachtwächter, der in Monikas Hütte als Hüter eingestanden war. Auf dem Rücken trug er eine Kraxe, die mit dem Almgewinn der Woche beladen war. Der Alte mußte an den zwei Weibsleuten beim Brunnen vorüber. Dabei ging es anscheinend ganz friedlich zu. Dennoch hörte man die Punkl kreischen: »Jesses, jesses, hörst net auf! Ich schrei, wann net aufhörst!«

»Laß mir lieber _du_ mei' Ruh!« schimpfte Veri mit rauhem Bierbaß und wackelte über den Steig zur Hütte herunter.

»He, Mannderl, was is denn?« rief ihm der Doktermartl entgegen. »Du wirst doch net auf die alte Punkl an Husarenangriff gmacht haben?«

»Ah!« Ein Schwur empörter Verneinung lag in diesem kurzen Laut.

»Der is froh«, meinte Lenzl, »wann die Punkl ihm nix tut. Gelt, Veri?«

»Laß mir mei' Ruh!« knurrte der Alte und klapperte gegen den tieferen Steig hinüber.

»Mußt abtragen?« fragte Martl. »Oder reißt dich der Zug deines Hörzens wieder ins Wirtshaus abi?«

»Ah!« Das klang wie ein hundertfaches Nein in einem einzigen Wort.

»Troffen hast es!« nickte Lenzl. »Dem sein Schutzpatron is der heilige Fasselianus, der auf'm Nabelfleck a Spundloch hat.«

»Laß mir mei' Ruh, du!« gähnte Veri und tauchte über die Steigstufen hinunter.

»Soll er halt saufen!« philosophierte Martl. »Ebbes muß der Mensch allweil haben, was ihn freut. Dös is a Naturgsetz. 's Kinderglachter hört auf und d' Liebsnarretei fangt an. Hinter die süßen Seufzer kommt 's Schwitzen bei der Arbet. D' Arbet macht Durst, und so verfallst auf'n Suff. 's Leben is allweil an Übergangl. Und allzeit brauchst a Weibsbild dazu. 's Wiegenkitterl zieht dir d' Mutter aus, 's Hochzeiterhemmed spinnt dir dein Bräutl, und ins kalte Leichenfrackl hilft dir an alts Weib eini. Ohne Hilf kommt der Mensch net aus, und für a Mannsbild is d' Vielweiberei a Naturgsetz.«

Vom Almbrunnen klang die Stimme der Monika: »Je, Doktermartl, _du_ bist da!«

»Geh, komm abi, du runde Erfindung Gottes! Nach deine Küh hab ich mich schon umgschaut auf der Weid. Jetzt mußt mir noch sagen, wie's _dir_ geht.«

»Net schlecht!« Das Mädel hopste über den buckligen Rasen herunter, wandte sich, höhlte die Hände um den Mund und rief zum Brunnen hinauf: »Höi! Punkl! Komm abi!«

Die Alte droben guckte. »_Was_ hast gsagt?«

»Abi sollst kommen!« grillte Monika im höchsten Diskant. »Der Martl is da.«

»Jessas, ja, gleich, bloß d' Händ muß ich mir waschen.«

Lenzl gab den Ratschlag: »Da soll s' ihr Gsicht auch gleich mitspülen, daß man 's Häutl wieder amal sieht.«

»Bei mir macht s' deswegen doch kei' Eroberung!« lachte der Doktermartl.

»Im Alter täts ös zwei grad zammpassen.«

»Was? Ich bin noch in die besten Jahr. Aber die Punkl is schon älter als wie der luthrische Glauben.«

»Du, da hast sparsam grechnet!« kicherte Monika. »Die is schon älter, als Gott allmächtig is. Bei der Punkl wird d' Nasen schon grau.«

Jetzt kam die Alte. »So, da bin ich. Grad freuen tut's mich, daß da bist, Martl! Hab dich schon lang ebbes fragen wollen. Für an Menschen wirst wohl auch an Rat haben, wann auch bloß fürs Vieh gut bist.«

»Da bin ich grad der richtige für dich. No also, wo fehlt's denn? Mußt mir halt von deim Leiden a Bild machen.«

»Na, naaa --« Errötend schüttelte Punkl den grauen Zwiebelkopf. »Auf Ehr und Seligkeit, bei mir is kein Mannsbild gwesen.«

Martl brüllte ihr ins Ohr: »Wo's fehlt, hab ich gfragt.«

»Ah so? Ja, schau, mir is allweil so viel entrisch, net recht und net schlecht, ich weiß net, wie. Drucken und stechen tut's mich, allweil tut's a so wumseln in mir, und überall hab ich Kopfweh.«

»Was?« Martl machte eine allesumfassende Handbewegung. »Überall?«

»Jaaa, grad da hab ich's am allerärgsten.«

»Teifi, Teifi, Teifi! Bei dir findt halt 's Kopfweh kein' Kopf net, weißt, und verschlagt sich nach alle Windrichtungen.« Der Almhippokrates zeigte ein ernstes Gesicht. »Dös is a bedenklicher Kasus.«

»Ah naa, Kaas hab ich heut kein' gessen. Rahmnockerln hab ich mir gmacht.«

»Mar' und Joseph! Rahmnockerln? In _dem_ Zustand!« Martl schüttelte sorgenvoll das Haupt. »O du arme Seel! Da wirst sterben müssen.«

Während die zwei anderen lachten, rundeten sich die Augen der Alten in wachsender Angst: »Herr jöises, jöises, jöises!«

Mit dem Kinn in der Hand, studierte Martl das Aussehen der Patientin und brüllte: »Wie! Streck amal dein Züngl aussi!«

Punkl tat es.

»Lang gnug wär's!«

»_Was_ hast gsagt?« Nach dieser flinken Frage puffte die Alte gleich den krebsroten Lecker wieder heraus.

»Dein Pratzl tu her! Daß ich den Geblütschlag visatieren kann.«

»O heilige Maaarja!« klagte Punkl. »Was meinst denn, daß mir fehlt?«

Er schrie ihr ins Ohr: »Jetzt drah dich um a bißl!«

Die Patientin begann obstinat zu werden. »Na, na, na, dös tu ich net. Hint aussi fehlt mir gar nix. Da bin ich gsund.«

»Umdrahn, sag ich! Der Dokter muß _alls_ beaugenscheinigen.« Martl wirbelte die Alte energisch herum und legte das Ohr an ihren Rücken, tief unten, wo er schon anfängt, anders zu heißen. Und während die Alte sich in steigendem Schreck bekreuzigte, staunte der Medikus: »Herrgottsakra, da drin rumpelt's wie in der Kaffeemühl!« Kopfschüttelnd richtete er sich auf. »Da kenn ich mich noch allweil net aus. Wärst a Kuh, so wüßt ich schon lang, wie ich dran bin mit dir. Aber 's Menschliche hat seine Hakerln. Tu mir amal dein' Zustand a noch bißl diffanieren!«

»Mein, es tut mich halt gar nix freuen!« trenzte die Alte wie ein Kind, das nah am Weinen ist. »Bald tut's mich frieren, bald muß ich schwitzen. Und allweil betrüben mich so gspaßige Traurigkeiten. Allweil tu ich ebbes mängeln und weiß net, was. Und so viel harte Nächt schickt mir der liebe Gott! Ich sag dir's, Martl: oft liegt's mir wie a paar Zentner auf der Magengrub. Und allweil muß ich von die Mannsbilder träumen.«

»Ah sooooo?« Weil die zwei andern lachten, zürnte der weise Mann: »Dös is fein gar nix zum Lustigsein! Dös is a _gfahrlicher_ Zustand!«

»Jöises, jöises, jöises!« Unter Tränen streckte Punkl die Zunge wieder heraus.

Da sagte Lenzl mit wunderlich schrillen Lauten: »Ich kunnt dir schon sagen, was dir fehlt! Hungerleiden is hart. Bloß ich kann's. Die andern sterben dran.« Seine Augen irrten, während er mit der Hand die Stirne rieb. »Was hab ich denn sagen wollen?« Er sah die Alte an und konnte lachen.

»Ös zwei! Gehts a bißl auf d' Seiten!« befahl der Doktermartl. »Jetzt muß ich mit der Punkl medazinisch reden.«

»Ui jegerl!« Kichernd zog Monika den Lenzl zum Stall hinüber. Und Punkl fragte in Angst: »Was is denn? Was is denn? Is dös ebbes Ansteckets? Oder muß ich ebba schon _bald_ sterben?«

Martl wollte reden, blieb stumm und besann sich.

»Malefiz noch amal, wie mach ich denn jetzt dös?«

»_Was_ hast gsagt?«

Er brüllte der Alten ins Ohr: »Mit dir laßt sich 's Medazinische schwer verhandeln. Weil man schreien muß, daß d' Leut alles hören.«

»Muß ich sterben?« wimmerte Punkl. »Muß ich sterben?«

Ohne ihre Klage zu beachten, rief Martl zum Stall hinüber: »Ös zwei! Halts enk d' Ohrwascheln a bißl zu!« Gleich steckten die beiden ihre Zeigefinger als Stöpsel in die Ohren.

»Martele, liebs Martele, so sag mir doch um Gotts willen: muß ich sterben?«

»Ah na! Du kannst hundert Jahr alt werden. Aber plagen wird's dich noch bis an dein tugendhäftiges Lebensende. Dös is a Naturgsetz.«

Um der hundert Jahre willen wagte die Alte ein bißchen aufzuatmen. »Was hab ich denn nacher für a Leiden?«

Mit Löwenstimme verkündete der Isartaler Äskulap: »D' Altjungfernkrankheit hast! Da hat sich 's verhaltene Geblüt auf d' Nerviatur gschlagen. Und dös wumselt und rumpelt a so in dir. Naturgsetz! Da kannst nix machen. D' Unschuld is ebbes Schöns. Aber wann s' gar z' lang dauert, hat s' ihre Mucken. Da säuerlt s' in eim Menschen wie 's Bier im überständigen Faßl!«

»Gelt, ja? Gelt, ja?« pflichtete Punkl in heißem Eifer bei. »Oft schon hab ich mir denkt: ich hätte net so fest bleiben sollen vor a zwanzg a dreißg Jahr. Jetzt hab ich den Schaden. Jöises, jöises! Aber da wird man ja doch um Gotts willen noch helfen können?«

»Bei _dir_?« Nach kurzer Betrachtung der Patientin erklärte Martl entschieden und im reinsten Hochdeutsch: »_Nein!_« Dann rief er zum Stall hinüber: »So, ös zwei, kommts wieder her da!«

Nachdenklich kraute Punkl sich hinter den Ohren und murmelte vor sich hin: »Da muß ich mich a bißl umschaun -- daß ich mei' Gsundheit wieder find.«

»Grüß Gott beinander!« klang die Stimme Friedls, der über den Hang des Steiges herauftauchte. Ihm voraus lief Bürschl, der winselnd in der Hüttenstube verschwand.

Von allen wurde Friedl begrüßt. »Schau, schau«, sagte Monika, als sie ihm die Hand reichte, »bist schon wieder da? Seit vierzehn Täg is ja der Modei ihr Hütten 's reine Pirschhäusl! Da geht der Jager aus und ein wie der Pfarr in der Sakristei.«

»Sei net neidisch!« fiel der Doktermartl ein. »Du wirst auch dein' trosthaften Kapuziner haben!«

Lachend versetzte ihm das Mädel einen Puff und ging zum Brunnen.

Der Jäger stieg zur Hüttentür hinauf. Als er an Lenzl vorbeikam, fragte er leis: »Wie geht's ihr denn?«

»Gut!« flüsterte Lenzl, während Friedl Gewehr und Bergstock neben der Tür an die Hüttenwand lehnte. »Modei, geh, komm aussi, es is wer da!«

»Ja«, klang die Stimme der Sennerin aus der Hütte, »der Bürschl hat sein' Herrn schon bei mir angmeldt.« Modei trat unter die Tür und reichte dem Jäger die Hand. »Grüß dich Gott! Wie geht's dir denn?«

Friedl lachte mit heißem Gesicht. »Gut geht's mir, jetzt schon gar!«

»Bist gestern auf d' Nacht gut heimkommen?«

»Gwiß auch noch! Wirst dich doch net gsorgt haben um mich?«

»Mein, weil's gar so finster war, wie d' fort bist. Aber jetzt mußt mich schon a paar Minuten verentschuldigen, bis ich drin vollends zammgräumt hab. Schau, hast ja derweil Gsellschaft da.« Modei nickte ihm lächelnd zu und kehrte in die Hütte zurück.

»Laß dich net aufhalten!« rief ihr Friedl nach. »Z'erst d' Arbeit und nacher 's Vergnügen, sagt der Herr Pfarr, wann er von der Kirch ins Wirtshaus geht.« Er trat zu den andern.

»Soooo!« sagte eben der Doktermartl nach einer ausgiebigen Prise seines Schnupftabaks. »Jetzt hab ich klare Augen für'n Heimweg.«

»Aber! Martl! Du wirst doch net gehn, grad weil ich komm?«

»Ah na! Mit dir bin ich allweil gern beinand, du Seelenräuber!« Freundlich betrachtete Martl den Jäger. »Aber es tut schon bald zwielichtln, der Heimweg is weit, und müd bin ich. Der Diskurs mit die vielen Rindviecher hat a geistige Abspannung bei mir veranlaßt. Ja, mein Lieber! 's Doktern! Dös is an aufreibende Arbet. D' Viecher mach ich gsund, und ich selber geh drauf dabei. No also, pfüe Gott mitanand!«

Da erwachte die alte Punkl aus ihrer kummervollen Gedankenarbeit. Sie schien einen hoffnungsreichen Einfall zu haben. »Hö! Martl! Wart noch a bißl! Zu dir hab ich a Zutrauen.«

»Mar' und Joseph!« In drolligem Entsetzen flüchtete Martl über den Steig hinunter. »Bloß _jetzt_ kein Naturgsetz!«

»Jöises, jöises, so laß dir doch a bißl Zeit. Ich muß dich medazinisch noch ebbes fragen.« Die Alte zappelte unter hoffnungsfreudigem Grinsen hinter dem Verschwundenen her. Und vom Brunnen rief lustig die Monika herunter: »Du, Viechdokter! Jetzt brauchst an guten Schutzengel. Sonst passiert dir ebbes!«

Verwundert fragte Friedl: »Was hat denn die Alte?«

Lenzl zuckte die Achseln. »Gsund möcht s' halt sein.«

»Was hat s' denn für a Krankheit?«

»Die gleiche wie du. Bloß a bißl anders.«

»Geh, du Narr du!« Der Jäger lachte. »Ich? Und krank? Ah na! Gsund bin ich allweil.«

»Grad von der Gsundheit kommen die ärgsten Leiden.«

»Aber Lenzl! _Hat's_ dich heut schon wieder?«

Leis lachte der Alte. »Wie gscheider einer wird, um so leichter glauben die andern, daß er a Narr is.« Er spähte zur Hüttentür hinüber. »Lus auf, ich weiß dir was Neus.« Unter hetzendem Geflüster erzählte er von der Botschaft, die Blasi durch den Doktermartl hatte ausrichten lassen.

In Erregung lauschte Friedl und hörte mit Freude, wie Modei den Botengänger abgefertigt hatte. Zögernd fragte er: »Hat d' Schwester gweint?«

»Net an einzigs Zahrl!« In Lenzls Augen brannte eine wilde Freude. »Es macht sich, Friedl, es macht sich! Und alle miteinander halten wir Stuhlfest, du und d' Schwester, und ich und 's Lisei. Und Balken spreißen wir eini untern Tanzboden. Und nachher --« Sein verstörter Blick suchte im Leeren. »Was hab ich denn sagen wollen? Steh ich schon lang bei dir vor der Hütten da? Es kommt mir so für, als tät's hundert Jahr her sein, derzeit wir gredt haben mitanand!« Den Kopf schüttelnd, ging er davon und murmelte: »Gspaßig, was unserm Herrgott für Sachen einfallen!« Müd, wie ein an allen Gliedern Zerbrochener, stieg er gegen den Berghang hinauf, über den schon die ersten Schatten des Abends fielen.

Modei trat aus der Tür. Sie hatte die Arbeitsschürze abgelegt und eine weiße umgebunden; über dem Mieder trug sie eine kurze, offene Jacke. In der einen Hand hielt sie einen blauen Leinenrock, in der anderen ein altes Zigarrenkistchen, das angefüllt war mit allerlei Nähzeug.

»Was is denn?« fragte der Jäger. »Willst dich gar noch zur Nahterei hocken? Siehst ja fast nix mehr.«

»A halbs Stündl tut's es schon noch. Untertags hab ich kei' Zeit.« Modei setzte sich auf die Steinbank, nahm den blauen Rock übers Knie, stellte das Kistchen neben sich und unterzog einen langen, klaffenden Riß einer aufmerksamen Betrachtung. »Und ich möcht mei' Sach allweil sauber beinand haben. Geh, setz dich her da! D' Nahterei macht sich leichter, wann man a bißl plauscht dazu. Heut mußt dich auch net so tummeln mit'm Fortgehn, heut hast an guten Heimweg, der Himmel is klar, und der Mond wird da sein, vor's Nacht is.«

»Ich geh heut gar nimmer ummi in d' Jagdhütten«, sagte Friedl, während er sich neben Modei auf die Bank niederließ.

»Wo gehst denn nacher hin?«

»Heim, nach Fall abi.«

»Morgen kommst aber wieder auffi?«

»Na! Von morgen an hab ich d' Aufsicht im Rauchenberg, und an andrer Jagdghilf, wahrscheinlich der Hies, kommt auf vierzehn Täg in den Bezirk da.«

Modei hob das Gesicht. »Geh! Kommst nacher du vierzehn Täg lang gar nimmer da her?«

»Der Dienst halt! Was kannst da machen!«

Modei beugte sich seufzend über ihre Arbeit; achtsam schnitt sie mit einer plumpen Schere aus dem Rock an der Stelle des Risses ein großes Viereck heraus und säbelte ein ebenso geformtes, etwas größeres Stück aus einer alten, löcherigen Schürze, die schon öfters zu ähnlichen Reparaturen Stoff hatte hergeben müssen. Während sie das Leinenstück mit Stecknadeln über die Lücke des Rockes heftete, sprach sie vor sich hin: »Es is mir gar net recht, daß ich dich solang nimmer sehen soll. Ich hab mich ganz gwöhnt dran, daß d' jeden Abend da bist.«

Dem Jäger fing das Herz zu hämmern an, und auf seinen Lippen lagen hundert Fragen; mit Gewalt zwang er sie zurück und hielt schweigend den Blick auf die emsigen Finger gerichtet, die in die Nadel den blauen Faden zogen, einen Knopf an das Ende flochten und dann eifrig zu sticheln begannen. So guckte er lange zu. Dann sagte er: »D' Nahterei muß a schwere Sach sein!«

»Können muß man's halt.«

»Freilich, ja. Wann ich a Nadel einfadeln will, brauch ich allweil a halbe Stund dazu. So a Nadel, so a feine, is a Ludersteuferl!« Weil Modei ein bißchen lachte, rückte er mutig näher. »Wann ich jetzt vierzehn Täg nimmer komm, tut's dir auch wirklich a bißl ahnd nach mir?«