Part 6
»Ah was!« klang es von droben. »Ich steig gleich da übers Wandl abi! Komm her, Bürschl!« Das braune Gesicht dort oben verschwand. Dann kam die ganze Gestalt des Jägers an einem Felseinschnitt des Grates zum Vorschein. Erst warf er seinen Bergstock herab, der unten mit der Spitze tief in den Sand fuhr. Nun betrat er selbst den steilen Weg. Die Büchse über dem Rücken, und Brust und Wange eng angedrückt an die Felswand, so klomm er langsam herunter, mit den Füßen immer vorsichtig voraustastend nach einer Steinecke oder einer Wandschrunde; aus seinem Rucksack guckte dabei der weiß und schwarz gesprenkelte Kopf seines Hundes heraus, der den Hals reckte und unruhig in die Tiefe blinzelte.
Als Anderl unten anlangte, schüttelte er Bennos und Friedls Hand und zog den Bergstock aus dem Sande. »Geh, sei so gut und nimm mir den Bürschl aus'm Rucksack!« Friedl faßte den Hund an der Nackenhaut und zog ihn lachend an die Luft. »Is dir a bißl grausig z'mut worden, Bürscherl?« Er setzte den Hund auf die Erde und klopfte ihm schmeichelnd den Rücken; es war ein schönes, zierliches Tier; freudig winselnd, sprang es an Friedl hinauf und schmiegte den Kopf an seinen Schenkel; man sah es dem Hunde an, wie wohl ihm die Liebkosung tat. »Du, dein Bürschl hat's aber gern, wann einer gut mit ihm is! Mir scheint, der kriegt bei dir mehr Schläg als z'essen!«
»Da kannst recht haben! Mit Jagdhund und Weiberleut is auf d' Läng kein Auskommen, wann s' einer net durchhaut alle Täg.«
»Geh, mich dauert er, der arme Kerl! Schau, da hätt er an mir an bessern Herrn!«
»Kannst ihn gleich haben, wann d' ihn magst! Vierzg Markln, und der Handel is fertig.«
»Gilt schon!« rief Friedl und streckte dem Jäger die Hand hin.
»Und ich zahle die vierzig Mark«, fiel Benno ein, »wenn er den Bock findet. Kann er was, der Hund?«
Beleidigt fuhr Anderl auf. »A meiniger Hund? Ob der ebbes kann? Der versteht mehr von der Jagerei als wir alle drei mitanand. Da können S' an zweiten suchen, Herr! Aber wissen S', ich bin so a vergrimmts Luder, ich muß mich mit dem Hund schon ärgern, wann er nach einer Fliegen schnappt. Drum is besser, ich gib ihn weg. Ich tät ihn noch amal in der Wut derschlagen. Da wär doch schad drum.«
»Gelt, Bürscherl, wir zwei kennen uns schon!« schmeichelte Friedl, während er dem Hund die Leine um den Hals legte. Längst hatte Bürschl der Gemsfährte zugewindet, und als ihn Friedl an die Felswand führte, senkte der Hund die Nase, zog die Leine straff und spürte über das Geröll hin. Benno und Anderl stiegen hinter Friedl her, und je weiter sie die Fährte den Berg hinunter verfolgten, um so häufiger und stärker wurden die Schweißspuren, um so hitziger wurde der Hund. Endlich hielten sie vor einem wirr verwachsenen Latschendickicht, das ein weiteres Vordringen der Jäger unmöglich machte. Friedl ordnete an, daß Anderl zur Felswand zurücksteigen, Benno aber den bequemeren Weg einschlagen, das Dickicht von unten umgehen und sich dort auf einer Lichtung aufstellen sollte, die er ihm genau bezeichnete. Es dauerte eine geraume Weile, bis Friedl den Pfiff hörte, der ihm Bennos Eintreffen auf seinem Platz anzeigte. Fiebernd und winselnd hatte Bürschl an der Leine gezogen, und als er nun gelöst wurde, sprang er mit langen Sätzen in das Dickicht. Kaum eine Minute war verflossen, als der Hund schon Laut gab; dann polterten Steine, Äste knackten, ein paarmal sah Friedl den Kopf des Gemsbockes im Sprung über die schwankenden Zweige herauftauchen; dazwischen klang das helle Geläut des Hundes; jetzt krachte drunten, wo Benno stand, ein Schuß, und über die Felswand rollte das Echo her. Nun war alles still. Dann hörte Friedl das Läuten des Hundes weit da drüben, wo unter hohen Fichten die weißen Holzwände der neuen Jagdhütte herüberblinkten.
»Zum Teufel noch amal!« Friedl sprang, die Büchse in der Hand, hinunter zu Benno. »Was is denn, Herr Dokter?«
»Da vorn ist der Bock heraus!« Benno deutete mit dem Bergstock die Richtung an. »Gefehlt hab ich ihn nicht, doch muß ich in der Flucht zu kurz geschossen haben.«
Friedl legte die hohle Hand hinter das Ohr und lauschte. »Der Hund gibt Standlaut. Herr Dokter, den Bock kriegen wir! Drunt am Wasser steht er. Da muß er arg krank sein. Flink, Herr Dokter!«
»Aber der Anderl?«
»Der findt uns schon!« Friedl warf die Büchse über die Schulter und sprang der Richtung zu, aus der von Zeit zu Zeit der Standlaut des Hundes klang. Und Benno folgte.
Als sie die Jagdhütte erreichten, standen sie wieder still und horchten. »Drunt am Steig muß er sein! Dort hör ich den Hund!« sagte Friedl, und ihm voraus sprang Benno über die Stufen hinunter, die von der Hütte zum Steige führten. Je näher er dem lautgebenden Hunde kam, um so hastiger rannte er den schmalen Pfad entlang. Nun bog er um eine Felsecke, und da bannte die Überraschung seinen Fuß.
Zu einem dumpfen Winkel zusammenlaufend, stiegen da zwei Felswände in Stufen und Platten hoch hinauf; überall wucherte ein gelbgrünes Moos, das dickbuschig in allen Winkeln saß, wie ein glatter Teppich die Flächen überzog oder in langen Fäden niederhing über Vorsprünge und Kanten; aus allen Fugen und Rissen quoll ein milchweißes Wasser, tropfte in zahllosen Perlen über Stein und Moos, von Platte zu Platte, und sammelte sich zu kleinen Bächen, die plätschernd und sprühend von Stufe zu Stufe sprangen und sich zu einem kleinen Fall vereinigten, von dem aus ein leichter Nebel wieder aufwärts stäubte gegen die Wände. Dunkle Latschenbüsche und saftgrüne Almrosensträucher umrahmten dieses Bild, überleuchtet von der Nachmittagssonne, die einen feinen Farbenbogen durch die aufsteigenden Wassernebel spannte und die fallenden Tropfen funkeln, glühen und blitzen machte wie Diamanten. Dazu noch diese seltsame Staffage: auf einer der untern Stufen Bürschl, am ganzen Leibe naß und glatt wie eine Wassermaus, mit den Vorderfüßen gegen die Wand gestellt, aufbellend zu dem Gemsbock, der hoch über ihm mit enggestellten Läufen auf einer vorspringenden Felsplatte stand und mit starren Lichtern auf den kläffenden Hund herunteräugte.
Es war ein Bild, das auch den glühendsten Jagdeifer beschwichtigen konnte. Doch als der Bock eine Bewegung machte, wie um einen Fluchtweg auszuspähen, riß Benno flink die Büchse in Anschlag. Da faßte ihn Friedl am Arm: »Net schießen, Herr Dokter, es braucht's nimmer.«
Noch hatte der Jäger nicht ausgesprochen, als der Bock da droben schwer und müde den Hals neigte; jetzt brachen ihm die Läufe ein, und er stürzte über die Felsplatten herunter, bis vor Bennos Füße.
»Da haben S' ihn!« lachte Friedl und rückte den Hut. Dann pfiff er dem Hund, strich ihm mit der Hand das Wasser vom Leib und tätschelte ihm unter schmeichelndem Lob die fiebernden Flanken. Freudig erregt und mit heißem Jägerstolz betrachtete Benno das erbeutete Wild und dachte sich dabei in seiner Studierstube schon die Stelle aus, die er nach seiner Rückkehr in die Stadt mit dem schönen schwarzen Krickl des Bockes schmücken wollte.
Friedl verschränkte dem Bock die Läufe und schwang ihn auf den Rücken. »Feist is er!« Dann stieg er mit Benno zur Jagdhütte hinauf. Es war das ein aus Baumstämmen erbautes Häuschen, das den diensttuenden Jägern bei Nacht und Unwetter Herberge bot; das Innere war in zwei Räume geteilt, von denen der eine als Küche, der andere als Schlafstube diente.
Als die beiden zur Hütte kamen, legten sie Jagdzeug und Joppe ab, und während sich Benno vor der Hütte behaglich auf eine Holzbank streckte, schickte sich Friedl an, den Bock aufzubrechen. Da fand er auch Bennos erste Kugel, die zwischen den Schultern eingedrungen und im Brustknochen steckengeblieben war. Er hatte seine rote Arbeit noch nicht vollendet, als Anderl eintraf, der nun gerechtermaßen den seltsamen Schuß, die »Güte« des Bockes und seine schönen Krickeln bestaunte. Friedl hängte das ausgeweidete Wild an einen Holznagel der Hüttenwand und schürte in der Herdstube ein Feuer an. Anderl holte Wasser von einer nahen Quelle, und bald schmorte und brodelte es in zwei eisernen Pfannen: die Leber des erlegten Wildes für die Jäger, die Lunge für den Hund. Während Friedl gewissenhaft das werdende Mahl überwachte, saß Anderl auf einer Herdecke und rauchte aus seiner kurzen Porzellanpfeife einen Tabak von zweifelhaftem Wohlgeruch. Dabei erzählte er von seinen Jagderlebnissen in der Hinterriß, erzählte, daß ein paar Fälle von Wildseuche vorgekommen wären, daß man den Jagdherrn für einige Wochen erwarte, und daß Pater Philippus, der Seelsorger von Hinterriß, einen neuen Kräuterschnaps erfunden hätte, der ganz vorzüglich munde, besonders nüchtern genommen des Morgens, mittags vor und nach dem Essen, und abends beim Schlafengehen. »Und wachst in der Nacht a bißl auf, da schmeckt er am besten. So a Schnapserl! Wer's net kennt, der weiß net, was dös is! Ich sag dir's, Friedl, es wär der Müh wert, daß d' bald amal hinter kämst in d' Riß, um dir vom Pater Philippus so a Glasl einschenken z'lassen!«
»Ich lauf doch wegen eim Glasl Schnaps net bis in d' Hinterriß. Da möcht der Förstner a schöns Gsicht machen, wann ich um Urlaub zum schnapsen einkäm.«
»So such dir an andern Fürwand! Vielleicht gehst deim verehrten Freund und Spezi auf d' Hochzeit?«
»Hochzeit? Wer macht denn Hochzeit?«
»Weißt denn du nix davon, daß der Huisenblasi in sechs Wochen dem Grenzbauern von Hinterriß sein Madl heiret, die Margaret?«
Friedl erschrak. Er dachte an Modei und an alles Leid, das diese Nachricht ausschütten mußte über ihr Leben. Er sah sie wieder, wie sie am Morgen vor ihm gestanden, bleich und stumm. Nun wußte er zu deuten, was am verwichenen Abend in Modeis Hütte geschehen war. Er sprang vom Herd auf. Ihm war, als müßte er hinausstürmen zur Tür, hinüber zu der einsamen Hütte.
Anderl guckte verdutzt an ihm hinauf. »Bub, was hast denn auf amal?«
Schweigend ließ sich Friedl auf die Herdbank nieder und hob den Hund zu sich herauf, der aufmerksam die beiden Töpfe beäugt hatte, aus denen der Dampf sich emporkräuselte zur Hüttendecke. Friedl streichelte dem Hund die glänzende Stirn, und als Bürschl unter dem Behagen dieser Liebkosung sich an ihm hinaufreckte, drückte der Jäger sein Gesicht an den Kopf des Tieres.
Anderl lachte. »Du wirst den Hund bald verzogen haben! Aber über den Huisenblasi, scheint's, is net gut reden mit dir? Hast schon recht! Wenn man auch in der letzten Zeit nix mehr ghört hat -- lassen hat er 's Wildern deswegen doch net. Da könnts ös in Fall enk gratalieren zu seiner Hochzeit. D' Margaretl is a Scharfe. Dö hat Haar auf die Zähn und wird ihm 's Wildern schon austreiben.«
Friedl nickte, ließ den Hund zu Boden springen und rief Benno zur Mahlzeit in die Hütte.
Während die drei den bescheidenen Jägerschmaus hielten, erging sich Benno in lustigen Vermutungen, ob der bedauernswerte Gemsbock sich am Morgen wohl gedacht hätte, daß er noch vor dem Abend mit Leber und Nieren den Heißhunger seiner Mörder stillen müßte.
Bei Friedl war es freilich nicht weit her mit dem Heißhunger. Dafür ließen es sich Benno und Anderl um so besser schmecken.
Sie kamen dann überein, daß Anderl Benno auf dem Heimweg begleiten und den erlegten Bock nach Fall hinuntertragen sollte, weil Friedl, wie er vorgab, seinen Aufsichtsposten nicht verlassen durfte. Für Anderl machte es keinen Unterschied, ob er über die Berge oder durch das Tal nach Hause wanderte. Er ging um so lieber auf den Vorschlag ein, als dabei ein gutes Trinkgeld für ihn herausschaute und er sich überdies wegen der vierzig Mark für den Hund nicht auf ein späteres Zusammentreffen mit Benno vertrösten mußte. Vergnügt lud er den schweren Bock auf seinen Rücken. Friedl sperrte die Hüttentür ab und folgte den beiden. Wo vom talwärts führenden Pfad der Steig zu Modeis Hütte abzweigte, bot er ihnen die Hand zum Abschied. Dann schritten Anderl und Benno weiter. Friedl blieb zurück und lockte mit schmeichelnden Worten den Hund. Bürschl drehte den Kopf, schüttelte die Ohren und surrte, als Anderl an einer Biegung des Weges verschwand, in langen Sätzen den Steig hinunter.
»Bürschl! Bürschl! Da komm her!« lockte Friedl. Der Hund wollte nicht hören. Anderl scheuchte ihn mit Steinwürfen zurück. Bürschl war nicht zur Umkehr zu bewegen. Auch als ihm Anderl unter einem zornigen Fluch mit dem Bergstock einen derben Hieb versetzte, sprang er winselnd nur ein bißchen auf die Seite und wäre seinem groben Herrn wieder nachgelaufen, wenn ihn Friedl nicht gefangen und an die Leine gelegt hätte, um den Zerrenden mit sich fortzuführen.
»Hundsviecher und Weiberleut, da kehr ich d' Hand net um.« So hörte Friedl noch die Stimme Anderls von einer Serpentine des Steiges heraufklingen. »Schmeichelst ihnen und tust ihnen alles z'lieb, da haben s' den Kopf voller Mucken und sind allweil dabei beim Ausgrasen. Dem, der s' plagt und schlagt, dem hängen s' an wie Kletten, und grad Arbeit hast, wann so ebbes Unkommods abschütteln willst.«
Beim Klang dieser Worte regte sich in Friedl ein Gefühl der Bitterkeit. »Da muß man net grad a Weiberleut oder a Hundsviech sein. Was Treu heißt, scheint mir, is allweil ebbes Unkommods für die andern.« Er beugte sich zu dem winselnden Hund hinunter und streichelte ihm den Rücken, auf dem die gesträubten Haare noch die Stelle des empfangenen Schlages kennzeichneten. Tief atmend richtete er sich auf und stieg, die sinkende Sonne hinter dem Rücken, mit raschen Schritten der Richtung von Modeis Heustadel zu, wo ihn Lenzl schon seit Stunden ungeduldig erwartete.
Als die Sterne funkelten und der Nachtwind rauschend von den Felswänden hinunterfuhr ins finstere Tal, suchte Friedl mit kochendem Blut den Heimweg zur Jägerhütte. Schlaflos warf er sich die ganze Nacht auf seinem Heubett herum, tobenden Zorn in jedem Gedanken. Daß Blasi der von allen Jägern gehaßte und gesuchte Neunnägel wäre, daran hatte er nie im Traum gedacht. Nun er es wußte, und alles andre dazu, vermeinte er kaum den Morgen erwarten zu können, um hinauszuziehen in den Bergwald und jeden frischen Fußtritt auf der Erde zu prüfen. Keiner ehrlichen Jägerkugel hielt er diesen Menschen wert! Fangen wollte er ihn, greifen und fesseln, wie man den Dieb fesselt, der zur Nacht in die Stille der Häuser bricht. Stoß für Stoß wollte er ihn vor sich hertreiben, den ganzen Weg bis zur Schwelle des Landgerichtes zu Tölz, auf offener Straße mitten durch Lenggries hindurch, um ihn der verdienten Schande preiszugeben.
Es dauerte lang, bis in Kopf und Seele des Jägers der erste Wutsturm sich ausgetobt hatte. Als er ruhiger wurde, kam gleich der Gedanke: Da muß man helfen! Modeis Bild, ihr Kummer, ihr zerbrochenes Leben stieg vor seinen Augen auf. Und wie er sich auch wehrte dagegen, er konnte es nicht hindern, daß neben dem Willen zur Hilfe auch Träume von kommendem Glück sich rührten in seinem Herzen. Wohl sprach er sich in der finsteren Nacht mit lauten Worten vor, wie grundschlecht das wäre: bei allem Gram des armen Mädels an seine eigene Liebe, an sein eigenes Herz zu denken. Aber die heißen Wünsche, die er seit Jahren mit Gewalt in sich unterdrückt hatte -- nur seiner Mutter gegenüber war ihm in einer schwachen, dürstenden Stunde das verschlossene Herz aufgesprungen -- flammten nun gegen seinen Willen auf, wie ein von der Luft abgesperrtes Feuer im leisesten Windhauch auflodert, nachdem es mit halberstickter Glut die Pfosten und Balken dörrte. Da sah er sich schon zu Hause sitzen, in der kleinen, gemütlichen Stube, an der Seite des geliebten Weibes, erfreut und erheitert durch das drollige Lachen des Kindes. -- Das Kind! -- Da fiel dem Jäger seine Mutter ein, die nach einem schweren, an Sorge und Mühsal reichen Leben streng über solche Dinge urteilte -- und die Worte kamen ihm in den Sinn, die ihm die alte Frau zum Abschied auf der Türbrücke ins Ohr gesprochen hatte.
Und war es denn nicht das Kind des Verhaßten? Nein, nein! _Ihr_ Kind war es, ihr Kind allein! Das waren die gleichen dunklen, tiefen Augen, das war die Farbe ihres Haars, das war das gleiche Grübchen im Kinn, und aus dem Lallen des Kindes hörte er immer die linde Stimme der Mutter. Nur ein paarmal hatte er das kleine liebe Ding gesehen und trug es schon in seinem Herzen wie sein eigen Fleisch und Blut. Nur die Leute, die Leute -- und --
Aber war er selbst denn ohne Sünde, frei von jeder Schuld gegen Gott und Menschen? Er dachte an die Kirche und sah sich im Beichtstuhl auf den Knien liegen. Immer und alles hatte ihm der Pfarrer verziehen, dieser unfreundliche Herr, der die Jäger nicht leiden konnte, weil sie ihm kein Wildbret zum Präsent machten, wie es die Raubschützen taten. Und er, er sollte nicht vergessen und nicht verzeihen können, nicht einmal dieser Einzigen, an der sein Leben hing?
Dann wieder überlief ihn kalt der Gedanke, wozu er das alles dachte und hoffte? Wie sollte denn _sie_ ihm gut werden können, da sie ihn schon verworfen hatte durch die Wahl eines anderen, freilich ohne zu wissen, was er in seinem Herzen für sie empfand. Und _jetzt_ sollte sie ihm gut werden, jetzt, wo die Tränen um den andern noch auf ihren Wangen brannten? Gerade jetzt sollte sie Liebe empfinden können, da Liebe sie so grausam getäuscht und verraten hatte?
Es hielt ihn nicht länger auf dem schwülen Heubett. Er sprang auf und trat ins Freie. Die Kühle der Nacht tat ihm wohl, und er setzte sich draußen auf die Holzbank, um so den Morgen heranzuwachen. Über ihm blinkten die Sterne, in der schwarzen Runde rauschten die Bäume, und drunten auf dem Jagdsteig sang das Geplätscher des kleinen Wasserfalles. Ruhelos stritten in der Seele des Jägers die springenden Gedanken. Aber hell und laut in aller kämpfenden Qual sprach immer wieder die Stimme seiner Hoffnung.
Als nach Stunden die Sterne erloschen waren und über den Felshang die ersten falben Lichter niederflossen, erhob sich Friedl. Eine bleierne Müdigkeit lag in seinen Gliedern. So matt und zerbrochen hatte er sich noch nie gefühlt, wenn er von der ersten Dämmerung bis in die sinkende Nacht umhergeklettert war in den unwegsamsten Steinwänden, oder wenn er den schwersten Hirsch auf dem Rücken hinuntergetragen hatte nach Fall, um das Liefergeld zu verdienen. Langsam ging er den Steig hinunter bis zum Bach; dort legte er die Kleider ab und stellte sich unter den klatschenden Wasserfall, dessen Kälte ihn erfrischte und die Kraft seiner Knochen wieder aufrüttelte.
In die Jagdhütte zurückgekehrt, brachte er Schlafstube und Küche in Ordnung; dann zog er aus, mit dem Hund an der Leine. Als er bei hellem Morgen die Lärchkoglalm erreichte, trat er in eine der Hütten und ließ sich eine Schüssel mit frischer Milch reichen. Halb trank er sie leer und stellte den Rest für Bürschl auf die Erde. Und weiter!
Still war es im Bergwald. Unter den Bäumen lag noch der Frühschatten, der Tau noch auf den moosigen Steinen.
Wie Balsam auf brennende Wunden, so legte sich die Bergwaldstille auf Friedls heiß erregtes Gemüt. Und als er nach diesem langen, einsamen Tag unter Modeis Türe trat und dem blassen Mädel zum Grüßgott die Hand reichte, waren die Bangnisse der verflossenen Nacht von seiner Stirn gewischt. Sein Auge blickte freundlich, sein Mund konnte lächeln.
Tag um Tag verging. Und Abend um Abend kam Friedl zur Grottenhütte und brachte entweder einen Strauß frischer Blumen oder einen absonderlichen Wurzelauswuchs zum Schmuck der Hüttenwand, oder sonst ein Ding, wie es die Aufmerksamkeit ihn suchen, der Zufall des Weges ihn finden ließ. Immer war er der gleiche, der gleich Freundliche. Nie kam ein Wort über seine Lippen, das Modei nur leis an die Vergangenheit erinnern oder in ihr die Ahnung hätte wecken können, daß Friedl um alles wußte. Heiter plauschend saß er am Herd und guckte zu, wie Modei still und ruhig ihre Arbeit tat, oder er lauschte den verworrenen Geschichten ihres Bruders, für den der Tag immer erst begann, wenn Friedl des Abends in die Hütte trat. War alles getan, was das Tagwerk der Sennerin erfordert, so saßen die drei oft stundenlang noch beisammen vor der Hüttentür. Da nahm dann Friedl Modeis Zither auf die Knie und sang von seinen kleinen Liedern eines, oder Modei spielte selbst einen Ländler, und Friedl plauderte dazu von der Zeit, da sie als Kinder auf den Straßen und Wiesen von Lenggries noch »Blindekuh« und »Fangemanndl« gespielt hatten. Er dachte auch daran, wie Modei in die Schule kam, während er schon in der letzten Klasse saß, und wie er sie oft vor den groben Späßen der anderen Schulbuben in Schutz genommen hatte. Davon aber schwatzte er nicht, er lächelte nur still vor sich hin, wenn ihm das einfiel.
Diese wandellose Freundlichkeit des Jägers blieb auf Modei nicht ohne Wirkung. Stille Ruhe legte sich auf ihr Herz und Denken; von Tag zu Tag milderte sich die strenge Falte zwischen ihren Brauen; und gerne lächelte sie zu einer von Friedls lustigen Geschichten. Stark, entschlossen und besonnen, wie ihr Schicksal sie gebildet hatte, war sie in einem einzigen Schmerz mit allem Vergangenen und mit allen Klagen fertig geworden und dachte jetzt nur noch an eine Zukunft notwendiger, unermüdlicher Arbeit. Freilich lag das Gefühl der Einsamkeit wie ein drückender Stein auf ihrem Leben. Lenzl war über seine Jahre gealtert, zuzeiten recht griesgrämlich und für die Schwester mehr ein Gegenstand der Sorge als ein stützender Kamerad. Und das Kind, dem nun ihr ungeteiltes Herz gehörte und für das ihre Hände rastlos arbeiteten, war weit von ihr, war fern ihrer Zärtlichkeit und ihrem Liebesbedürfnis.
Da empfand sie die freundliche Art und Weise Friedls wie einen starken und warmen Trost. Wenn er sich bei Anbruch der Nacht von der Bank erhob und dem Lenzl für den nächsten Abend das Wiederkommen versprach, hörte sie das gerne mit an. Und wenn er ging, und sie sah ihm nach, dann schlichen ihr unwillkürlich vergleichende Gedanken durch den Kopf. Aber das erregte in ihr auch wieder den Ekel über das Vergangene und den Unmut über alles in ihr selbst, was solch ein Vergangenes erlaubt und ermöglicht hatte. Und wenn sie zur Ruhe ging, lag sie oft lange Stunden noch schlaflos in ihrem Kreister und dachte zurück an alles Geschehene: wie sie als junges Mädel, fast noch als Kind, auf die Alm heraufgezogen, wie sie sich so unglücklich, so von Gott und Menschen verlassen gefühlt hatte, und wie Blasi eines Abends, nach einem schweren Unwetter, zum erstenmal in ihre Hütte getreten war und bei ihrem Anblick gestutzt und gelächelt hatte. Nicht der schmucke Bursch mit den blitzenden Augen, nicht seine zärtliche Werbung, nicht seine kosenden Liebesworte hatten sie zu der unseligen Neigung beredet. Ihre Verführer waren die Einsamkeit und die Liebessehnsucht ihres jungen Herzens gewesen. Und lange schon, bevor sie Blasis wahre Natur in ihrer üblen Häßlichkeit erkannte, hatte sie in Schmerz die Torheit des eigenen Herzens erkennen müssen. Hätte nur Friedl mit seinem wohlmeinenden Rat ihr in jener einsamen Zeit zur Seite gestanden! Dann wär' es nicht so gekommen, alles wäre anders -- und besser! Es war Modei seltsam zumut, als sie sich über diesem Gedanken ertappte; aber auch bei klarem Bewußtsein konnte sie ihm nicht unrecht geben. War Friedl nicht auch jetzt ihr guter Berater, wenn auch nur bei den kleinen Sorgen ihres Almhaushaltes? Und das wußte sie: wenn sie jemals in ernster Sorge was zu fragen hätte, dann würde Friedl nur raten zu ihrem Besten.
So zehrte sie von seinem freundlichen Entgegenkommen, auch wenn er ihr ferne war. Und wenn sie selbst nicht an ihn dachte, plauderte Lenzl von ihm, immer wieder, mit einer Wärme und Anhänglichkeit, die Modei oft lächeln machte.
Kam der Abend und jammerte Lenzl, daß Friedl heute »so endslang« ausbliebe, dann stellte sich Modei wohl unter die Hüttentür und blickte wartend hinunter nach dem Steig.
Wieder einmal ging es auf den Abend zu. Modei hatte ihre Arbeit früher als gewöhnlich beendet, und eben trug sie, vom Brunnen kommend, eine Butte mit Trinkwasser zur Hüttentür, als drunten auf dem Almsteig langsame, schwere Tritte klangen. Sie hielt inne und horchte. Friedl war das nicht, sie kannte seinen Schritt.