Part 5
Zu Tod erschrocken, riß Modei dem Bruder den Schuh aus der Hand, betrachtete ihn, griff nach dem andern, verglich die Sohlen, drehte das aschfarbene Gesicht gegen den Burschen hin und ließ die Schuhe zu Boden fallen.
Blasi war so verblüfft wie ein Kind vor dem ersten Gewitter. »Was hast denn auf amal?« Langsam erhob er sich.
Die Hände der Sennerin zitterten, während sie die rauchende Speise aus der Pfanne auf den Teller schöpfte. »Blasi?« Ihre Stimme war tonlos. »Hast schon amal ebbes von eim Wildschützen ghört, den d' Jager den Neunnägel heißen?«
Er guckte mißmutig drein. Dann lachte er. »Ah, geh, was redst denn jetzt da!« Hastig griff er nach seinem Schuhwerk, ging zur Bank und schleuderte die Pantoffel von den Füßen. »Soll's am End gar _ich_ sein? Weil zufällig meine Sohlen mit neun Nägel bschlagen sind?« Er schlüpfte flink in die Schuhe. »Dös macht der Schuster oft a so!«
»Ja, freilich, so a Schuster macht's allweil wieder, wie er's gwöhnt is.« Modei stellte den Teller mit dem Schmarren auf die Bank. »Recht gut wird er heut net graten sein.«
»Macht nix!« Blasi lachte. »Im Hunger schmeckt eim bald ebbes.«
»Schwester!« schrillte die Stimme des Alten. »Hörst, was er sagt? Da mußt a bißl drüber nachdenken!«
Zerbrochen an allen Gliedern, fiel Modei auf die Herdmauer hin. »Wie mir jetzt ums Herz is, kann ich net sagen.«
»Und herzeigen tut er sich wie der Beste!« höhnte Lenzl. »Einer, der gfallen muß! Was Weibsleut heißt, _alle_ kann er haben.«
»Alle?« Unter gierigem Schlingen lachte Blasi. »Ah na!« Er zwinkerte zu dem Mädel hinüber. »Du bist mir die einzig. Du bist mein Glück und mei' Freud!«
»Und den ganzen Sommer bist dreimal dagwesen. Warum? Jetzt weiß ich's, Blasi! Weil dir mei' Hütten bei deine heimlichen Weg kommod zum Rasten is. Und 's ander geht drein. Zum Zeitvertreib. Und weil dir im Hunger bald ebbes schmeckt. Gelt, ja?«
»Is ja net wahr!« Er warf einen Bissen im Mund herum. »Sakra, a bißl _gar_ schiech is er anbrennt. Da muß man 's Maul zruckziehn von die Zähn. Sonst kunnt's rußige Busserln geben.« Hurtig löffelte er weiter.
Immer ins Feuer starrend, redete sie eintönig vor sich hin: »Wann ich mir denk: wie gwesen bist! Amal! Vor ich mich rumplauschen hab lassen. Und wann ich mir fürsag: wie d' _jetzt_ bist!« Ein wehes Lachen.
»Allweil kann man net schmeicheln!« tröstete er mit vollem Mund. »Sei zfrieden, bist mein lieber Schatz! Und der Tuifi soll mich holen, wenn ich's net ehrlich mein' --«
»Anlügen tut er dich!« fuhr es schrillend aus dem Herdwinkel heraus. »Anlügen, daß blau wirst! Falsch is er bis in d' Seel eini!« Das Gesicht des Weißhaarigen erstarrte, und seine Augen wurden glasig. »Gradso wie der, so hat der Grubertoni allweil dreingschaut!« Jäh sich aufstreckend, hob er die zuckenden Hände mit den krallig gespreizten Fingern gegen die berußte Decke hinauf. »Höia! Tanzboden? Wo bleibst denn? Rührst dich noch allweil net?«
»Du! Stad bist!« Blasi stieß den Teller fort. »Oder ich spring amal um mit dir, daß drandenkst deiner Lebtag!«
»Zu! Nur zu!« Immer höher gellte die Stimme des Alten, den die Herdflamme mit roten Feuerlinien umzeichnete. »Für dich gibt's auch noch an Tanzboden, der dich derschlagt! Wie's den andern derschlagen hat. Allweil macht unser Herrgott sauber. Der Erdboden schamt sich deintwegen eh schon fünfazwanzg Jahr lang.«
»Sakerment und --« Den Fluch zwischen den Zähnen zerknirschend, sprang Blasi auf den Kreischenden zu. Der Alte machte einen Sprung gegen die Mitte der Stube. Da drückten ihn die Fäuste des Burschen zu Boden. »Blasi!« schrie Modei. »Den Bruder laß aus!« Ein wilder Wehschrei, und unter Fäusten weg sprang Lenzl zur Türe, riß sie auf und huschte kichernd hinaus in die Nacht.
Blasi stierte seine Hand an, von der Blut auf den Boden tröpfelte. »Da schau her! Bissen hat er mich.«
»Wart, ich hol dir a Tüchl!«
»Ah was! Dös braucht's net. Bleib da! Weil der ander draußen is, muß ich ebbes reden mit dir.« Er leckte mit der Zunge über die Wunde und wischte seine Hand an der Hose sauber. »So a Verruckter is wie a Kind. Dös beißt eini, wo's ebbes derwischt.«
»So? Meinst?« Modei ließ sich auf die Herdmauer hinfallen. »Hat dich unser Kindl schon amal bissen?«
Mit großen Augen sah er sie an. Was sie da gesagt hatte, ging ihm über den Verstand. »Wie? Was?« Er lachte dumm. »Hat dich ebba der Lenzl schon angsteckt mit der Narretei?«
»No also, red! Verzähl a bißl ebbes -- vom Kindl!«
»Was soll ich denn da verzählen?« In Unbehagen rührte er die Schultern und leckte wieder an der roten Hand. »A Wochen a drei oder viere hab ich's nimmer gsehen. Der Zufall hat's halt amal so bracht.«
Modei hob den Kopf und suchte seine Augen. »Zufall? So? Und bist mit ihm beinander im gleichen Ort!«
»Aber geh, du Narrenhaferl!« Blasi rückte an Modeis Seite und legte den Arm um ihre Schultern. »Jetzt laß amal gscheid mit dir reden!«
»Alles will ich mir sagen lassen. Aber dös --«
»No schau, wann ich allweil nach'm Kindl umfragen tät, da _müßten_ doch d' Leut amal draufkommen, daß ich an Grund hab dazu.« Er fand einen Ton voll biederer Herzlichkeit. »Wie gern ich dich hab, dös weißt doch, gelt?«
Sie sagte zögernd: »Allweil muß ich dir wieder glauben.«
»So, schau«, meinte er mit vergnügtem Lachen, »nacher is doch eh alles gut.«
»Lang hast braucht, am Anfang, bis mir den Glauben eingredt hast. Aber nacher is er wie Eisen gwesen in mir.«
»Du bist halt eine! Söllene gibt's net viel.«
»Und wie ich mit'm Kindl gangen bin, und du hast mir fürgredt, was für an Verdruß mit deim Vatern kriegen tätst --«
Er verdrehte die Augen. »Ui jöises! Der raucht kein' guten.«
»Schau, da hab ich dir auch wieder glaubt. Und hab kein' Vater angeben und hab gschwiegen bis zur heutigen Stund. Und wie unser Büberl da war, und wie mir gsagt hast, du kannst mir nix geben fürs Kindl, weil dein Vater jeden Kreuzer weiß, den d' hast --«
»Du, dös is einer! D' Hosensäck untersucht er mir alle Täg.«
»Da hab ich mich plagt und gschunden und hab verdient für uns alle.«
»Wahr is!« Er nickte anerkennend. »Da kann man nix sagen. Die Beste bist! Von alle! Und dös wirst derleben, daß ich mich dankbar aufweisen tu -- amal.«
»Dank? Für was denn an Dank? Aber schau, was d' jetzt wieder sagst --« Nach kurzem Schweigen fragte sie in Qual: »Blasi? Tust denn dein Kindl gar net a bißl mögen?«
»No freilich, Schatzl!« Er wurde zärtlicher als je. »Aber schau, du hast halt für söllene Sachen den richtigen Verstand net. Wie leicht kunnt ich mich da verraten. Was da für a Suppen aussikäm! Derschlagen tät mich der Vater. Schau, da heißt's halt abwarten in Geduld, bis _unser_ Zeit kommt. Stad sein! Mäuserlstad! Und allweil a bisserl schlau! Wie schlaucher, so besser.« Hurtig zog er seine Joppe von der Herdstange herunter. »Drum hab ich mir denkt, du kunntst a bißl mithelfen und kunntst mir ebbes z'lieb tun. Magst?«
»Gern, Blasi!« sagte sie in Freude. »Fürs Kindl tu ich alles.«
»Gelt ja! Fürs Kindl!« Er lachte. »Und a bißl für mich -- daß ich mich net allweil vor'm Vater fürchten muß.« Aus der Brusttasche seiner Joppe zog er einen Bleistift hervor und ein zusammengefaltetes Blatt Papier. »Da hab ich ebbes Schriftlichs mitbracht -- jesses, jetzt is dös Luderspapierl auch ganz naß worden!« Er schlug das Blatt auseinander und strich es auf seinen Knien glatt. »Macht nix, lesen kann man's schon noch! Und gelt, Schatzl, dös tust mir z'lieb und tust dich da unterschreiben. Ich hab dir an gspitzten Bleistift mitbracht.«
»Ja, komm, dös haben wir gleich.« Modei nahm das Blatt und begann zu lesen: »Erklärung. Ich Endesunterzeichnete --«
Er lachte: »Geh weiter, dös brauchst dir gar net anschaun, bloß unterschreiben mußt.« Dazu ein Kuß auf Modeis Wange.
Sie wehrte ihn lächelnd von sich ab. »Na, na, der Mensch muß allweil wissen, was er unterschreibt.« Sie las mit halblauter Stimme: »Ich Endesunterzeichnete erkläre, daß der Bauerssohn Blasius Huisen mit meinem Kind, genannt Franzerl, gar nix zum schaffen hat, indem er der Vater nicht ist und auch nix zum zahlen hat.« Die Hände, die das Blatt hielten, fielen ihr wie gelähmt in den Schoß. Stumm, mit ratlosen Augen sah sie ins Leere. Dann nickte sie vor sich hin. Wieder hob sie das Blatt vor die Augen. Beim Flackerschein des Kienlichtes tanzten die Buchstaben durch ihre Tränen. »Der Vater nicht ist -- und auch nix zum zahlen hat.«
»Weißt, Herzerl, dös letzte, vom Zahlen, dös steht bloß a so da. Zum bedeuten hat dös nix. Drum geh, sei gscheid und tu mir den Gfallen!« Blasi schob ihr sanft den Bleistift zwischen die Finger. »Schau, ich tu dir alles z'lieb, was d' willst. Aber gelt, dös Papierl unterschreibst mir! Ja?« Er atmete schwül und fuhr sich mit den Händen durch die schwarzkrausen Haare. So erwartungsvoll hing sein Blick an dem Gesicht des Mädels, daß er übersah, wie der Fensterladen sich um einen handbreiten Spalt öffnete, durch den ein funkelndes Aug in die Stube spähte.
Modei hob das entstellte Gesicht. »Blasi? Du willst heireten? Gelt? An andre!«
»Kreuz Teufel --« Das Blut schoß ihm in die Stirn, und wütend trommelte er mit den Fingern auf die Knie. »No ja, meintwegen -- amal muß ich's allweil sagen!« Er schlüpfte in seine Joppe. »A bißl nässelen tut s' noch allweil. In Gottsnamen, muß ich's halt derleiden.«
Modei stand auf und wischte mit der Schürze über das Blatt, als wären Tränen draufgefallen. Sie wollte zur Bank hinüber. Von einer Schwäche befallen, klammerte sie sich an eine Kreistersäule.
»Was is denn?« fragte Blasi verdutzt.
»Nix! -- An mein Kind hab ich denkt.«
»Allweil kommst mit söllene Wörtln, die gar net herpassen.« Blasi trat auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Jetzt sei a bißl gscheid und nimm's net gar a so schiech!« Modei, zusammenschauernd, zog die Schulter von seiner Hand weg. »Es muß amal sein«, sprach Blasi weiter, »mein Vater hat's ausgmacht. Ich kann net anders. Fürs Kind sorg ich schon. Auf Ehr und Seligkeit! Wann mir der Vater amal übergeben hat, bin ich der Herr. Da kann der Alte sagen, was er mag. Aber jetzt _hat_ er halt den Leitstrang noch allweil in der Hand. Und _ich_ muß ducken. Dös kannst doch net verlangen, daß ich mich mit Vater und Mutter verfeind.«
»Da hast recht, dös wär z'viel verlangt.« Sie ging zum Herd und stieß ein paar Scheite ins Feuer. Die Flamme prasselte und wuchs.
»No also, schau! Da kannst mir jetzt grad amal dei' Lieb beweisen. Gelt, bist gscheid und unterschreibst? Und tust mir noch den letzten Gfallen.«
»Den letzten, ja!« Das sagte sie ruhig. Dann legte sie das Blatt auf die Randsteine des Herdes, netzte an den Lippen die Bleistiftspitze an und setzte zum Schreiben an.
»Schwester! Tu's net!« klang durch das Fenster die Stimme ihres Bruders.
Wütend ballte Blasi die Fäuste. »Allweil _der_ wieder!«
Modei wandte das Gesicht zum Fenster, strich mit dem Arm das Haar aus der Stirne, senkte den Kopf und schrieb mit fester Hand unter die letzte Zeile ihren Namen: Maria Meier. Tief atmend, richtete sie sich auf und reichte dem Burschen das Blatt und den Bleistift. »Da! Nimm!«
Hastig griff Blasi zu. Die Freude glänzte in seinen Augen, als er das Blatt sorgsam zusammenfaltete und in die Joppentasche steckte. »Vergelts Gott, Schatzl! Du bist halt die Richtige! Du bist die einzig, die mir gfallt. Und wann ich jetzt auch die ander haben muß --« Lachend umschlang er sie. »Zwischen uns zwei kann's allweil so bleiben, wie's war!«
Da stieß ihn Modei mit den Fäusten vor die Brust, daß er taumelte. »Pfui Teufel!« Aller Zorn und Ekel, den sie fühlte, war im Klang dieser beiden Worte. Dann konnte sie ruhig sagen: »Zwei lange Jahr hast braucht, bis ich dich mögen hab. Und mit zwei kurze Wort hast es fertigbracht, daß d' mir zwider bist bis in d' Seel eini!« Ihre Stimme wurde hart. »Schau, daß d' aussikommst! Mir graust!«
Blasi lachte. »So, so? No, mir kann's recht sein! Da brauch ich mir grad kein' Fürwurf machen.« Er setzte den Hut auf, griff nach Bergstock und Rucksack, und als er auf der Schwelle stand, rief er spöttisch über die Schulter. »Pfüe Gott, du! An andersmal!« Pfeifend ging er davon.
Und Lenzl erschien in der Tür. »Schwester? Hörst es? Pfüe Gott sagt er.«
Unbeweglich stand Modei am Herd und sah in die Flamme. »Gott? -- Gott? -- Allweil sagen s': Gott! 's erste und 's letzte Wörtl: _Grüß_ Gott! Und: _Pfüe_ Gott! Und zwischendrei und hintnach is alles a Grausen.« Sie lachte leis. »Ob unser Herrgott weiß, was für schauderhafte Sachen sein heiliger Nam bei die Menschenleut einrahmen muß?« Auf die Herdmauer hinfallend, griff sie nach einem Scheit, mit dem sie die glühenden Kohlen aus der Asche schob und gegen die klein gewordene Flamme hinhäufelte.
Von der Schwelle schrie Lenzl in die Nacht hinaus: »Gelt, du! Vergiß dein' versteckten Hinterlader net!«
Undeutlich antwortete Blasis Stimme: »Wart, du Täpp! Wir zwei wachsen noch zamm.«
»Du und ich? Ah na! Wann der Tuifi dich amal beim Gnack derwischt, hat er kei' Zeit mehr für an andern. Da hat er Arbeit gnug mit dir allein!«
Draußen ein fideler Juhschrei und ein vergnügtes Gedudel, das sich entfernte.
In der Hütte begann das niedergebrannte Kienlicht müd zu flackern.
Lenzl ging auf die Schwester zu, beugte sich zu ihr hinunter und sagte mit einem plumpen Versuch, zu scherzen: »Um so ein' mußt dich net kränken. Den schlechten Nußkern speit einer aus und sucht sich an süßen. Sei froh, daß d' a Witib bist! Jetzt nimmst dir an andern.«
Sie schob ihn mit dem Ellbogen von sich. »Geh schlafen! Jeds Wörtl is mir wie a Nadel im Ohr.«
Lenzl schlurfte zum Kreister hinüber. Auf halbem Wege blieb er stehen. »Hab gmeint, ich müßt a bißl Spaßetteln machen. Jetzt merk ich: dös war ebbes Gscheids. Is einer gwöhnt ans Zwieschichtige, so derleidt er's in der Einschicht nimmer. Da kunntst ebba dursten müssen an Seel und Blut. Wann 's Viecherl Hunger hat, muß 's Viecherl Futter kriegen. Bloß _ich_ kann 's Hungerleiden. Ich muß warten, allweil warten --«
In der Nachtferne ein dumpfes Rollen und Gerassel.
Das Gesicht des Weißhaarigen erstarrte. »Hörst es?« Seine Stimme war schrill und knabenhaft dünn. »Du? Hörst es?«
Ohne aufzublicken, sagte Modei: »Steiner sind gangen in der Wand.«
»Hörst es? Der Tanzboden rumpelt. Der lauft ihm nach. Dem kommt er net aus.« Ein grelles Lachen. »Hörst es? Alle hat's derschlagen. Den Grubertoni! Und 's Lisei -- mein Lisei --« Mit einem Kichern, das sich wie ein Kinderweinen anhörte, kletterte Lenzl über die Scheiterbeige zum Kreister hinauf und wühlte sich ins Heu.
Die Kienfackel erlosch.
Modei hob den Kopf, sah verloren in den rötlichen Zwieschein der Sennstube, ließ das Holzscheit fallen und preßte das Gesicht in die Hände.
Das Grau der ersten Dämmerung lag noch über den Bergen, als Benno am anderen Morgen von Friedl geweckt wurde. Rasch war er auf den Beinen und schüttelte das Heu von sich. Am Brunnen wusch er Gesicht und Hände.
Friedl war ihm vorausgegangen und fand an Modeis Hüttenstube die Tür schon offen. Als er mit freundlichem Gruß in den Kaser trat, sah er Lenzl und seine Schwester am Herd sitzen, auf dem schon ein Feuer flackerte.
»Was is denn, Modei? Hast du's mit der Arbeit so nötig, daß du schon vor'm Tag auf die Füß bist?«
In Lenzls Augen hatte es wie Freude geblitzt, als er den Jäger eintreten sah. Er wollte aufspringen. Ein Blick der Schwester hielt ihn am Herde fest. Sie ging auf Friedl zu und reichte ihm die Hand. »Ich bin net schlafen gangen. Seit a paar Tag is a Stückl Vieh net gut. Heut in der Nacht war's schlecht mit ihm. Drum hab ich mich heut net niederlegen können.«
Friedl erschrak. Modei hatte nie viel Farbe gehabt; jetzt schien auch der letzte Tropfen Blut aus ihren Wangen verschwunden zu sein. Dazu lag die Müdigkeit einer in Schmerzen durchwachten Nacht in ihren bleichen Zügen. Einen Blick nur brauchte Friedl auf ihr abgehärmtes Gesicht zu werfen, um zu wissen, daß Modei, wenn auch keine Lüge, doch auch die Wahrheit nicht gesagt hatte. Was war geschehen? Es legte sich ihm bei dieser Frage wie eine eiserne Klammer um das Herz. Wußte er doch allzu gut, wer gestern noch gekommen war!
Modei hatte keine Ahnung, daß der Jäger ihr gehütetes Geheimnis kannte. Was Friedl nicht durch eigene Beobachtung erkundet hatte, erfuhr er aus dem für ihn immer mitteilsamen Mund des Alten, der ihn bei allen Sorgen um die Schwester zum Vertrauten gewählt hatte, gerade ihn, der am allerwenigsten dazu paßte. Wie hatten Zorn und Eifersucht im Herzen des Jägers oft getobt bei allem, was er da hören mußte! Seine tiefe, treue Neigung hatte immer wieder die Oberhand gewonnen über jedes erbitterte Gefühl.
Dieses Treue und Heiße lag auch jetzt in seinem Blick. Es war gut, daß Benno in die Hüttenstube trat. Sonst hätte Friedl wohl kaum die Frage zurückgehalten, die sich aus seinem gepreßten Herzen herausdrängte.
Während Benno sich auf die Bank setzte, nahm Friedl seinen Platz auf dem Herdrand neben Lenzl. Modei ging ab und zu, um zu holen, was sie für Benno brauchte. Während sie still am Herd stand, um das Sieden des Wassers abzuwarten, plauderten Friedl und Lenzl von allerlei Dingen: ob wohl am Tage, der schön zu werden versprach, das gute Wetter anhalten würde -- daß ein baldiger Regen not täte, weil das Quellwasser zu versiegen begänne -- und von anderem mehr.
Dann trank Benno seinen Kaffee, lobte ihn redlich und machte Modei um ihrer Kochkunst willen Komplimente; schließlich bat er noch um ein Glas Wasser. Kaum war Modei zur Türe draußen, als Friedl schon einen stummen, bang fragenden Blick auf Lenzl warf. Der Alte flüsterte in Friedls Ohr: »Am Abend wart ich beim Heustadl auf dich.«
Ein paar Minuten später machte Benno sich mit dem Jäger auf den Weg. Als Friedl der Sennerin die Hand reichte, klang seine Stimme so warm und herzlich, daß das Mädel betroffen zu ihm aufsah.
Eine gute Stunde hatten die beiden Jäger zu steigen, bis sie den Grat des Berges erreichten. Droben machten sie Rast, um der aufgehenden Sonne zuzuschauen, wie sie erst mit zarten Farben die langgezogenen Wolken säumte und dann mit leuchtendem Rot die felsigen Höhen übergoß. Dort unten auf weiter Alm lagen Punkls und Modeis Hütten, und in ferner Tiefe das kleine Tal von Fall, über dem noch die Nebel und Schatten des frühen Morgens schwebten.
Friedl nahm sein Fernrohr aus dem Rucksack und richtete das Glas auf eine der Hütten da drunten. Er sah die Sennerin -- sie saß auf der Steinbank vor der Tür, hielt die Hände hinter dem Nacken verschlungen und lehnte den Kopf an die Hüttenwand, regungslos aufblickend zum lichten Morgenhimmel.
Benno mußte zum Aufbruch mahnen. Der Jagdeifer zuckte ihm in allen Gliedern.
Während die beiden über den Grat hinaufstiegen, der die Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol bildet, war Friedl wortkarg und zerstreut. Sonst, wenn Benno mit ihm ausgezogen, hatte Friedl ihn auf alles Sehenswerte aufmerksam gemacht, hatte ihm jede Wildfährte, jeden Wechsel und jeden Steig gezeigt. Heute war er schweigsam. Freilich verlor sich seine Zerstreutheit ein wenig, als sie in Wildnähe kamen; gesprächiger wurde er nicht, eher noch stiller; aber das war jetzt jene vorsichtige Stille des Jägers, die das Geräusch eines rollenden Kiesels scheut, das Knarren der Schuhe und das Klirren des Bergstockes.
Mühsam waren sie den steilen Pfad zur Höhe des Stierjoches emporgeklettert. Von hier aus bis hinüber zum Torjoch zieht sich das Luderergewänd, dessen zerrissener Gurt gegen Fall in nackten steilen Felsen abfällt. Diese Wände sind im heißen Sommer ein Lieblingsaufenthalt der Gemsen, die vor der brennenden Sonnenhitze Kühlung finden auf den Schneeresten in den schattigen Klüften.
Langsam pirschten die beiden den Grat entlang, lautlos auf- und niedersteigend über seine Buckeln und Risse. Manchmal legten sie sich an gedeckten Stellen nieder auf die Erde und spähten über die Wände hinunter in die Gräben und Felslöcher. Da sahen sie bald ein größeres Rudel, bald wieder einzelne Gemsen auf den Sandreisen und Latschenhängen äsen. Wenn Friedl einen Bock erkannte, lagen sie auf langer Paß, ob sich das Wild nicht den Wänden und auf Schußweite nähern würde. Diese Hoffnung wurde immer getäuscht; es war noch früh am Tag, die Sonne brannte nicht allzu heiß, und so ästen die Gemsen zwischen den Latschen oder taten sich auf freiem Gehäng zur Ruhe nieder.
Benno begann verdrießlich zu werden, aber Friedl vertröstete ihn auf den heißeren Mittag.
Stunde um Stunde hatten sie mit Passen und Pirschen verbracht, als Friedl, der über eine Felswand hinuntergeblickt hatte, hastig zurückfuhr, sich auf die Erde warf und Benno zuwinkte, ein gleiches zu tun. Vorsichtig schoben sie den Kopf bis zu den Augen über die Felskante hinaus. »Sehen S' ihn, Herr Dokter?« flüsterte Friedl. Benno nickte; gleich auf den ersten Blick hatte er den Gemsbock erspäht, der am Fuß der Wand auf einem schmutzigen Schneefleck ruhte. Hastig griff Benno nach seiner Büchse; Friedl flüsterte: »Nur langsam! Lassen S' Ihnen Zeit und verschnaufen S' z'erst a bißl!« Bennos Gesicht glühte vor Erregung, als er an seiner Büchsflinte den Hahn des Kugellaufes spannte. »Schauen S' ihn nur recht schön sauber zamm«, mahnte Friedl, »am Platz muß er liegenbleiben. Wir haben kein' Hund net bei uns.«
Da krachte der Schuß. Das Wild sprang auf, und in wilder Flucht ging's dahin, ein Stück die Wand entlang, dann hinunter über Geröll und Latschen.
»Auweh, Herr Dokter! Den haben S' aber sauber gfehlt!« brummte Friedl.
Benno schüttelte den Kopf. »Das ist nicht möglich! Der Bock ist getroffen, gut getroffen!«
»Wann Sie's glauben! Steigen wir halt abi zum Schußplatz, damit S' Ihnen überzeugen können.«
Wäre Friedl allein gewesen, er wäre gleich an Ort und Stelle hinuntergestiegen; Bennos Mut und Gewandtheit wollte er ohne Zwang nicht auf die Probe stellen. Sie schritten den Grat entlang einer Stelle zu, wo der Abstieg weniger mühsam und gefährlich war.
Als sie den Schneefleck erreichten, auf dem der Bock gelegen, untersuchte Friedl auf das genaueste die Lagerstatt und die Fährte, konnte aber weder ein abgeschossenes Haar entdecken noch eine Spur von Schweiß. »Schauen S' selber, Herr Dokter! Nix is!« brummte er. »Jetzt schamen S' Ihnen aber! Der is daglegen -- mit'm Hut hätt man ihn umwerfen können!«
Benno wollte nicht glauben, daß er einen so schlechten Schuß getan. Ärgerlich glitt sein Blick über Schnee und Geröll, und langsam stieg er am Fuß der Felswand den Weg entlang, den der Bock auf seiner Flucht genommen hatte. Plötzlich neigte er sich gegen einen vorspringenden Felsen und stieß einen Juhschrei aus. »Friedl! Da ist Schweiß! Ein Tropfen! Ganz frisch!«
Flink sprang der Jäger herbei und sah in halber Mannshöhe vom Boden einen roten Tropfen am Felsen hängen. »Was dös für a Schuß is, dös kann ich bei Gott net begreifen! Wann's a Streifschuß auf der Seiten wär, hätten wir am Schnee ebbes finden müssen. Also müssen S' ihn am Kreuz troffen haben. Sonst kunnt auch der Schweißtropfen net so weit in der Höh sein. Aber nacher wär der Bock am Platz blieben, oder ich hätt sehen müssen, daß ihm ebbes fehlt. Freilich, so a Bock hat oft a Leben, zaacher als a Katz. Sakra, sakra! Wie sollen wir jetzt den Bock finden?«
Da klang eine lachende Stimme über die Felswand herunter: »Friedl, was machst denn da?« Ein braunes, bärtiges Gesicht neigte sich über den Absturz heraus.
»Jeh, Anderl! Grüß dich Gott! Wie kommst denn du daher?« rief Friedl hinauf.
»Den Schuß hab ich ghört und bin drauf zugangen. Es kunnt ja sein, daß wer andrer gschossen hätt.«
»Wer ist das?« fragte Benno.
»A Jagdgehilf von der Hinterriß, der Anderl!« erwiderte Friedl. Dann rief er in die Höhe: »Hast dein' Hund bei dir?«
»Ja!«
»Dös is gscheid! Da kannst uns an Gamsbock suchen helfen. A paar hundert Schritt weiter vorn is a guter Abstieg.«