Der Jäger von Fall

Part 4

Chapter 44,017 wordsPublic domain

»In die ersten Jahr hat's mit'm Lenzl so ausgschaut, als ob's aus und gar wär mit seim bißl Verstand. Und wie ihm 's Köpfl halb wieder licht war, is dös ander Elend kommen. Sie wissen ja, wie d' Leut oft sind -- schlechter als schlecht oder dümmer als dumm. Die Burschen und Madln haben allweil ihren unguten Gspaß mit'm Lenzl trieben und haben ihn zum Narren ghalten. Am ärgsten hat's dem Rudhammer sein Madl mit ihm gmacht. Dö hat Lisei gheißen und war der Schatz vom Grubertoni. 's Madl is sauber gwesen, aber boshäftig wie drei Katzen. Sooft d' Lisei den Lenzl gsehen hat, hat s' ihre Dummheiten mit ihm trieben und hat ihm fürplauscht, wie arg er ihr gfallen tät. Und schön hat s' ihm tan, wie wann er richtig ihr Gspusi wär. Daß dem Lenzl dös gfallen hat, können S' Ihnen denken! So ebbes glaubt man leicht.«

Die ernsten Augen des Jägers glitten hinüber zu Modeis Hütte.

»Alls hat der Lenzl für Ernst gnommen und hat von der Lisei gredt und träumt bei Tag und Nacht. Die andern haben ihn aufzogen und gspöttelt. Und d' Lisei selber am allerärgsten. Unser Herrgott hat s' aber auch gstraft dafür. Amal, wie Kirta war und Musi beim Wirt, da is d' Lisei mit'm Grubertoni zum Tanz gangen. Dös hat er gmerkt, der Lenzl. Auf der Straßen vor'm Wirtshaus hat er s' gstellt. Da hat ihn d' Lisei an Narren gheißen, an verruckten Deppen, und hat ihm ins Gsicht gspieben. Und der Grubertoni hat ihn packt und hat den krankhaften Menschen so verdroschen, daß der Lenzl schier liegenblieben is am Platz. Wie für die andern zwei dö Lustbarkeit ausgfallen is, dös haben S' ja grad vom Lenzl selber ghört. Wort für Wort is alles wahr!«

»Armer Kerl! Schau, da drüben steht er!« flüsterte Benno und deutete nach einer Felsplatte, die frei hinausragte über den waldigen Hang. Regungslos stand der Alte da drüben. Im ziehenden Bergwind flatterten seine langen weißen Haare und die Fetzen des zerrissenen Ärmels.

Friedl blickte sinnend hinunter ins dunkel gewordene Tal und sagte langsam: »A bißl hart zum verstehn is so a Herrgottsstraf. A Menschenunsinn, dümmer als boshaft! Und deswegen gleich auf'm Tanzboden sechs junge Leut derschlagen und vier Unschuldige mit einireißen? Wann einer weiß, wie gut unser Herrgott is, möcht man gar net glauben, wie grob als er sein kann.«

»Der Herrgott?« Benno lächelte. »Ob man das nicht dem Maurer und Zimmermeister auf die Rechnung schreiben muß? Hoffentlich ist das Dach, unter dem ich jetzt schlafen will, besser gebaut als der gottssträfliche Tanzboden von Lenggries.«

Als Friedl vom Heustadl zurückkehrte, in dem er Benno untergebracht hatte, und wieder zu Modei in die Hütte trat, war's in der niederen Stube schon dunkel geworden. Das Mädel hatte die Bank ans Fenster gezogen, durch das die letzte Helle des Abends hereinfiel, und war damit beschäftigt, in einem Holzgeschirr die kleinen Flanelltücher zu waschen, die zum Läutern der frischgemolkenen Milch dienen.

»Bist noch allweil bei der Arbeit?« fragte Friedl. »Siehst ja nix mehr.«

»Grad tut's es noch.«

»Wann amal gstorben bist, ich glaub, da muß man deine fleißigen Händ extra totschlagen, damit s' endlich amal zur Ruh kommen.«

»Es is net so arg.«

»Dein Almbauer hat's neulich selber gsagt: wie er seim Herrgott net gnug danken kunnt, daß er dich zur Sennerin hat. Schaffen und arbeiten tätst für zwei.«

»Wird wohl so sein müssen, weil daheroben auch zwei vom Bauern seim Sach essen. Und wann auf der Alm net die richtig Freud zur Arbeit hast von Fruh bis auf d' Nacht, nacher bringt dich d' Langweil um.«

»Zeitweis spricht doch a Bauer oder an Almer zu. Oder a Bursch?«

Modei schüttelte den Kopf. »Ich kann schon gar nimmer denken, daß wer heroben gwesen is. Du halt! Und der Hies.«

In scheinbarer Ruhe guckte Friedl zum Fenster hinaus. »Grad heut, hätt ich gmeint, wär einer dagwesen. Drunt am Steig hab ich frische Trittspuren gmerkt. Hab mir halt denkt, es war dein Bauer.«

»Ah na! Bei mir is kei' Menschenseel net gwesen. Und ich will dir's frei raus sagen: froh bin ich, wann niemand auffikommt zu mir. Wann eins so dran is wie ich, muß man allweil ebbes hören, was eim weh tut.«

»So a schiechs Wörtl muß man halt abischlucken und nachher fest zuhalten, daß 's nimmer in d' Höh kann.«

Modei seufzte. »Du tust dir bei so was leichter, weil kei' stille Arbeit net hast, wo allweil sinnieren mußt, und wo so a harts Wörtl Zeit hat zum Drucken und Nachwurmen. Du steigst umanand im Wald, allbot siehst ebbes anders, und allweil ebbes Schöns, dös gar kein' schwarzen Gedanken aufkommen laßt. Ich sag's, a Jager hat a nobels Leben!«

»Ah ja -- wann d' Lumpen net wären!« Ein harter Zug senkte sich in die Stirn des Jägers. »Kei' Stündl bist sicher, daß dir net einer a Kügerl auffibrennt auf'n Buckel, so a Spitzbub, so a verfluchter!«

»Schimpfst halt, weil a Jager bist! A jeds Gschäft hat sein' neidischen Unverstand. Der Schmied schimpft auf'n Schlosser und der Pfarr auf die Luthrischen. Deswegen kann a Wildschütz a ganz an ehrenhafter Bursch sein, der halt 's Jagern net lassen kann, weil er d' Leidenschäftlichkeit im Blut hat. Und weil's ihm in die Finger juckt, wann er an Wald sieht und an Berg anschaut.«

Langsam hatte Friedl den Kopf gehoben und blickte forschend in Modeis erregtes Gesicht. »Du? Was für ein' meinst denn du?«

Jähe Röte flog über die Wangen des Mädels. »Kein' Bsondern. Ich hab mir's halt grad so denkt.«

»So? Aber ich sag dir: net wahr is, daß 's an söllenen Burschen gibt. So einer möcht weidgrecht jagern und net niederschießen, was Haar am Leib hat. Freilich, ich weiß, wie d' Leut oft reden. Daheim hab ich a Büchl, so a dumms. Da stehen söllene Gschichten drinn von die heiligen Wilderer. Und allweil is a schlechter Jager dabei, so einer, wie s' der Teufel braucht ins unterste Schubladl. Der miserablige Kerl von eim Jager schießt von hinterrucks den heiligen Wildschützen abi über d' Wand. Hunderttausend Fuß fallt er über d' Felsen in die grausige Tief und bleibt am Leben, bis ihn sein treus Daxhundl findt und auffitragt im Maul, gradhin vor d' Sennhütten von seim gottsfürchtigen Madl. Dö pflegt ihn nacher. Und wann er gsund is, macht ihn der König zum Förstner und gibt ihm a Gnadenzulag. Den Jager holt der Teufel. Ja, ja! So steht's drin. Derlebt hab ich's noch nie. D' Wahrheit is anders. Einer, der's im Blut hat, findt allweil sein' richtigen Posten als Jager. Aber da heißt's, eiserne Knochen haben. Wer kein Richtiger is, der plagt sich net gern. Und jede Wochen amal a Gamsgeiß stehlen, dös is allweil noch leichter, als sechs Tag lang in der Werkstatt schwitzen. Und gar so a nixnutziger Bauernbursch! Der wildert am Werktag, daß er am Sonntag mehr Geld hat zum Verspielen und Versaufen. Und gwildert, meint er, is allweil nobliger als gradweg gstohlen. So a Tropf, so an eiskalter!«

Modei war auf einen Stuhl gestiegen, um die Milchtücher zum Trocknen über die Herdstangen zu hängen. Eben wollte sie die Arme heben, ließ sie aber wieder sinken und wandte das Gesicht: »Du? Wen meinst denn _du_ jetzt?«

»Ein', den ich öfters spüren muß, als mir lieb is. Den wann ich amal derwisch, dem gnad unser Herrgott! So an Haderlumpen gibt's kein' zweiten nimmer. Ich und der ander Jagdgehilf, wir heißen ihn allweil den Neunnägel.«

Die Milchtücher hingen über den Stangen, und Modei trat vom Stuhl herunter. »A gspassiger Nam!«

»Der kommt von seiner Fährten. Jeder von seine Schuh is in der Mitten mit neun Nägel bschlagen. Wo dö Fährten hinführt, möcht's eim grausen! Alles bringt er um, jahrige Gamskitzeln, Rehgeißen, Hirschkälber. Und an neumodischen Hinterlader hat er, daß er sich beim Stehlen leichter tut. Fünf abgschossene Patronen hab ich schon gfunden.«

»Gelt, mit so eim Hinterlader schießt man gschwinder?« fragte Modei, während sie mit der abgebundenen Schürze die Wasserflecken von der Bank wischte.

»No freilich«, lachte Friedl, »weil man halt gschwinder laden kann! Jetzt hab ich mir auch so an Leffoschee kaufen müssen, daß ich als Jager net schlechter dran bin als wie der Lump.« Er nahm sein Gewehr vom Haken, hielt es dem Mädel hin und zog den Verschlußhebel auf, so daß der Lauf sich öffnete. »Schau, da mußt grad so a Druckerl machen. Nacher kannst die verschossene Patron aussiziehen und die ander dafür einischieben.«

Modei war näher getreten und beugte aufmerksam das Gesicht. Als Friedl den Lauf wieder einschnappen ließ, erschrak sie ein bißchen. »Geh, fuchtl net so umanand mit'm Gwehr! Wann ebbes passiert!«

»Ah na! Was _ich_ in der Hand hab, macht kein' Schaden. Da geht schon ehnder dein Millikübel los, als mir mei' Büchs!« Friedl ging zur Tür, um das Gewehr wieder an den Holznagel zu hängen. Da sprang der Lenzl in die Stube und tuschelte aufgeregt der Schwester was ins Ohr.

»Is wahr?« fuhr Modei auf. »Hast ihn du --« Sie verstummte, die Augen auf Friedl gerichtet, der neben der Tür stand. Lenzl flüsterte immer weiter. »Sei stad!« raunte ihm die Schwester zu und umklammerte mit zitternden Händen seinen Arm. Wär' es nicht so dunkel gewesen in der Hüttenstube, so hätte sie sehen müssen, wie bleich der Jäger geworden war. Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund, als er das Gewehr über die Schulter warf. Dann griff er nach dem Bergstock. Seine Stimme klang rauh: »Pfüe Gott, Sennerin!«

»Was is denn?« stammelte Modei. »Warum willst denn auf amal so gschwind davon?«

»Finster wird's!« klang Friedls Antwort von der Tür. »Ich hab noch an weiten Weg bis ins Pirschhäusl.«

Mühsam rang das Mädel nach einem Wort. »Gelt, gib fein acht -- kunntst leicht fehltreten bei der Finstern.«

Mit erzwungenem Lachen sagte der Jäger: »Da brauchst dich net sorgen! Ich schau fest hin auf'n Weg, kein' Blick nach rechts oder links -- verstehst?« Das war wunderlich betont. »Und somit gut Nacht!«

Modei brachte keinen Gruß heraus. Und plötzlich huschte Lenzl dem Jäger nach, drängte sich an seine Schulter und flüsterte: »Du! Ich kunnt dir an Wildschützen verraten!«

Forschend spähte Friedl in das Gesicht des Alten, der mit lauerndem Blick an seinen Augen hing. »Ich dank dir schön! Dös braucht's net.« Er drückte Lenzls Hand und schritt hinaus in die Nacht.

Noch waren Friedls Schritte nicht verklungen, als Modei in Zorn und Sorge auf ihren Bruder zusprang. »Lenzl? Was hast du dem Friedl gsagt?«

Unwillig riß der Alte seinen Arm aus Modeis Händen. Seine Stimme klang gereizt: »Was ich ihm gsagt hab? Daß er mir besser gfallt als der ander!« Er spähte hinaus in die Nacht. Es war schon zu dunkel, als daß er Friedls Gestalt noch hätte unterscheiden können. Die Tritte des Jägers klangen noch vom Steig herüber, wenn auch kaum vernehmbar. Als sie ganz verhallten, tat Lenzl einen kurzen Pfiff, trat zurück in die Stube und ging zum Herd, an Modei vorüber, die auf der Bank saß, mit den zitternden Händen im Schoß.

Auf dem Herd blies Lenzl die Asche von den Kohlen, legte kurze Späne über die glimmenden Reste und fächelte mit einem Rabenflügel Luft in die Glut. Knisternd züngelte ein Flämmchen auf, an dem der Alte eine Kienfackel entzündete. Als sie brannte, steckte er sie in den eisernen Ring, der neben dem Herd in der Holzwand befestigt war.

Eine Weile war Stille. Draußen ein leises Klirren. Modei sprang auf. In die Stube trat ein hochgewachsener, bildschöner Bursch und drehte auf der Schwelle lachend das Gesicht über die Schulter, um dem Jäger nachzuspähen. Nun sah er das Mädel an, mißtrauisch und dennoch heiter. »Lang hab ich stehn müssen da draußen, in der Finstern und in der Kält.«

»Heut? Und kalt?« sagte Modei tonlos.

»Schauern tut's mich wie an Hund, und müd bin ich wie a Mühlesel!« Er warf den Rucksack in den Winkel, Bergstock und Hut dazu, stieß mit dem Fuß die Tür ins Schloß, und während er zum Fenster ging und den Laden zuzog, lachte er: »Du hast freilich net Zeitlang ghabt. Was hast denn so Wichtigs verhandeln müssen mit dem jagerischen Windbeutel?«

Ein Zug von Zorn und Stolz legte sich über Modeis Stirn. Dennoch klang ihre Stimme ruhig. »Blasi? Meinst net, du hättst mir nach so langer Zeit an anders Grüßgott sagen müssen? Ich hätt mir denkt --«

»Ah, da schau!« wurde sie von Blasi unterbrochen. »Wie 's Maderl aufputzt is! Wo hast denn du den Buschen her? Leicht vom Jager? So was verbitt ich mir!« Er riß ihr die Blumen vom Mieder und schleuderte sie ins Herdfeuer. »So! Jetzt möcht ich ebbes z'essen haben. Und bald!«

»D' Hauptsach kommt bei dir allweil z'letzt!« höhnte Lenzl, der mit aufgezogenen Beinen auf dem Herd hockte.

In Modeis Augen hatte etwas aufgeleuchtet wie hoffende Freude. »Blasi? Tust eifern?« Wo Eifersucht brennt, ist immer noch Liebe.

Er hatte sich auf die Bank gesetzt und machte verdutzte Augen. »Ich? Und eifern? Geh, so ebbes Dumms!« Das Wort war lachend gesagt und wirkte doch wie ein Messerstoß. Das schien er zu merken, wollte ein Pflaster legen und gab seiner Stimme einen Klang von Zärtlichkeit. »Du bist du. Ich weiß doch, was ich hab an dir. Und wann ebbes mein ghört, bin ich noch allweil sicher gwesen, daß mir kein andrer net drantappt.«

Modei blieb stumm. Ihr Bruder, der mit einem Scheit in den Kohlen stocherte, sah zu ihr hinüber und sagte gallig: »Schwester! A bißl _gar_ viel tust dir gfallen lassen!«

»Du?« Blasi erhob sich. »Fangst schon wieder zum hetzen an?«

»Sei halt du der Gscheider!« sagte Modei mit erwürgtem Klang. »Vier Wochen lang hab ich dich nimmer gsehen. Und eini in d' Hütten, und gleich muß der Unfried wieder da sein!«

»Hätt er net angfangt, der! Und was muß er denn allweil den Jager einizügeln in d' Hütten?«

»Höi, höi!« kicherte Lenzl. »Wann net eifern tust, da kann's dir ja gleich sein, wer einikommt.«

»D' Hütten kann ich ihm net verbieten«, sagte Modei müd, »er kommt halt, und a Hüttentür is allweil offen.«

»No ja, meintwegen!« brummte Blasi. »Schau, daß ich ebbes z'essen krieg. Hungern tut mich, daß mir der Magen springt.«

Ein schrilles Lachen im Herdwinkel. »Gschwind, Schwester, tummel dich, der Herr Baron will's haben. Hungern tut ihn, da muß er essen. Dürsten tut ihn, da muß er trinken. A Fuierl mach auf, a warms! Und nacher spring eini ins Bett. So taugt's ihm. Alle vier Wochen amal!« Wieder das grelle Lachen. »Schwester! Du bist gnügsam!«

»Himmel Herrgott Sakrament noch amal --« Wütend sprang Blasi auf den Alten zu.

Modei lief ihm den Weg ab. »Blasi! Um Gotts willen!«

Er wurde ruhig. »Hast recht!« Und lachte. »Was willst denn von so eim Narren?«

Lenzls Augen funkelten. Er warf das Scheit auf die qualmenden Kohlen. »Narr? So? Narr? Für dich bin ich allweil noch gscheider, als dir lieb is.«

Modei, als sie den Burschen wehrend aus der Nähe des Bruders fortschob, fühlte, daß seine Kleider durchnäßt waren wie nach schwerem Regen. Erschrocken sagte sie: »Jesus, Bub, du bist ja tropfnaß am ganzen Leib! So zieh doch d' Joppen aus und d' Schuh! Und red a Wörtl! Es hat doch net gregnet. Wie kommst denn a so daher?«

Mißmutig zerrte Blasi die Joppe herunter und begann auf der Bank die Schuhriemen zu lösen. »No ja -- weil mich doch keiner net ausspionieren soll -- wann ich auffikomm zu dir.«

»Von mir aus kannst dich anschaun lassen vor jedem.« Sie stieg auf den Herd, um die nasse Joppe über die Stange zu hängen. »Dös wird nimmer offenbarer, als wie's eh schon is.«

»Freilich, ja! Bei dir is schon a bißl ebbes an d' Sonn kommen.« Blasi lachte über seinen Spaß. »Deswegen muß unsereiner allweil an Aug auf sein' Leumund haben. Da such ich mir gern an Weg aus, wo mir keiner begegnet. Heut hab ich mir denkt, ich steig durch 's Grottenbachklamml auffi.«

»A sichers Platzl!« höhnte der Alte im Herdwinkel. »Da därf kein Senn und kein Holzknecht einisteigen. Weil's der beste Gamsstand is. Gelt ja?«

Mit rascher Bewegung wandte Modei das blasse Gesicht.

Der Zorn brannte in Blasis Augen. Ohne zu antworten, streifte er die Schuhe von den Füßen. »Hast keine Schlorpen, Madl? Ich kann net barfuß laufen.«

»Da hast die meinigen!« Lenzl schleuderte die Pantoffel von seinen Füßen. »Du Prinz, du verzartelter!«

Noch immer schweigsam, Kummer und Sorge in den erweiterten Augen, stellte Modei hinter dem auflebenden Feuer die nassen Schuhe des Burschen zum Trocknen an die Wand. Sie wusch die Hände und begann den Teig zu einem Eierschmarren einzurühren.

In den klappernden Pantoffeln trat Blasi zum Herd und drehte sich vor dem Feuer hin und her, um trocken zu werden und sich zu wärmen. »No, und da bin ich halt so durchigstiegen durchs Klamml, wo 's Wasser vom Grottenbach haushoch abifallt.« Das erzählte er gemütlich und heiter. »Aber grad, wie ich ums Eck ummi will, da scheppert a Bergstecken. Weißt, der Hies war's, der ander Jagdghilf. Füß muß er haben wie an Olifant. Auf a halbe Stund weit hörst ihn schon allweil. Bis _der_ amal an heimlichen Schützen derwischt, da springt noch leichter a Floh auf'n Kirchturm auffi.« Ein munteres Lachen. »Ja, freilich, denk ich mir, du kommst mir lang schon z'spat! Und mach an Satz übern' Bach und stell mich eini untern Fall, daß 's Wasser wie a Dach über mich hergschossen is. Da drin is fein schön gwesen. Hinterm Wasser hat d' Welt ausgschaut wie a buckleter Regenbogen. A gute Stund bin ich so gstanden und hab allweil gschaut. Und bin auf und davon, wie d' Luft wieder sauber war.« Er lachte wieder. »Und jetzt bin ich da, hab an damischen Hunger und krieg nix z'essen.«

»Mußt halt Geduld haben an Schnaufer lang!« Modeis Stimme hatte einen fremden Klang. »Oder 's nächstemal mußt an Fürreiter schicken, daß der Schmarren schon fertig auf der Bank steht, wann den Fuß einistellst in d' Hütten.«

Verwundert sah Blasi auf und musterte das Mädel von oben bis unten, während er die Spitzen seines schwarzen Schnurrbarts drehte. Daß Modei ärgerlich wurde und diesem Ärger in Worten Luft machte, das war für ihn etwas Neues. Es erschien ihm so sonderbar, daß er nicht wußte, was er sagen sollte. Er behalf sich mit einem spöttischen Lächeln und folgte mit den Augen jeder Bewegung Modeis. Sie goß den Schmarrenteig in die eiserne Pfanne, in der das heiße Schmalz mit Gebrodel zischte.

Da klang es dünn aus dem Herdwinkel: »Du, Blasi? Hast ebba d' Joppen um dei' Büxen ummigwickelt? Oder hat ihr 's Wasser an Schaden bracht?«

Blasi fuhr auf. »Geht's dich was an, du verruckter Tuifi?« Er warf einen scheuen Blick auf Modei. »Für was soll ich denn a Büxen bei mir ghabt haben?« Seine Stimme bekam einen zärtlichen Schmeichelton. »Wann ich zu meim Schatzl auffisteig, da bring ich a warms Herzl mit. Sonst nix.«

»So?« spottete Lenzl. »Meinst, ich hätt's net gsehen, wie draußen dein' Stutzen versteckt hast hinter'm Scheiterhaufen?«

Modei trat auf den Burschen zu und fragte ernst:

»Blasi? Is dös wahr?«

»Ah was, woher denn!« Blasi lachte. »Täuscht hat er sich im Zwielicht. Auf Ehr und Seligkeit.«

»Ja, glaub's ihm wieder!« klang es schrill über die Herdflamme. »Glaub's ihm wieder! Wie d' ihm allweil glaubt hast!«

»Geh, laß ihn reden, Schatzl!« Kosend legte Blasi den Arm um das Mädel. »Schau lieber, daß dein Bub a Bröserl zum Schlucken kriegt, dös ihm Kraft macht. Geh, sei gscheid, und tu a bißl Pfeffer in' Schmarren eini! Pfeffer macht Blut!«

»Na, Blasi!« Ihre Stimme war schwer. »Mit so ebbes kommst mir heut net aus. Heut mußt mir d' Wahrheit sagen.«

Er rüttelte sie munter und scherzte: »Wie denn? Was denn? Warum denn? Duuuu, Weiberl, willst mir ebba heut a kleine Predigt halten? Mir scheint, an dir is a Kapuziner verloren gangen. Bloß der Bart hätt dir noch wachsen müssen. Jöises, jöises, und dreinschauen tust! Wie der Kaplan beim heiligen Grab! Ui jegerl! Da muß ich schon Reu und Leid machen.« Er faltete auf kindliche Art die Hände. »Heilige, gütige Jungfrau Maria, bitt für mich!«

»Höi, Schwester«, warnte Lenzl, »heut hat er ebbes Heimlichs auf der Muck! Weil er sich gar so schmalzfreundlich aufspielt. Heut treibt er's wie der Fuchs, der vor'm Hehndl seine lustigen Unschuldshupferln macht.«

Blasi wollte auffahren, bezwang sich und lachte gemütlich.

Schweigend sah ihn das Mädel an. Dann sagte sie unmutig über die Schulter: »Gib a Ruh, Lenzl! Es is schon wahr: allweil tust hetzen!«

Im Herdwinkel ein leises Kichern.

Blasi atmete erleichtert auf. »Gelt, Schatzl, wir zwei für uns allein, wir täten soviel gut mitanand auskommen. Aber allweil muß sich der ander zwischeneini schieben. Und da kriegt der gute Hamur allweil wieder an Riß.« Er ging zur Bank hinüber, gähnte melodisch und lümmelte sich nieder.

Eine Weile blieb Modei bei der Pfanne beschäftigt. Dann trat sie auf den Burschen zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Schau, Blasi«, ihre Stimme hatte warmen und herzlichen Klang, »daß diemal a bißl jagern gehst, dös weiß ich doch. Aber ich hab mir allweil denkt: wann's amal sein därf, daß d' mich heiretst, und wann ich dein Weib bin -- da wirst wohl a bißl hören auf mich, wann ich dir so ebbes ausreden muß in Güt --«

»Freilich, ja!« nickte er belustigt. »Ich folg dir amal, wie 's Vögerl der Vogelmutter!«

Sie mußte lächeln über dieses drollige Wort. »Versprich net z'viel! Ich bin schon zfrieden mit der Halbscheid.«

Ein kurzes Auflachen neben der qualmenden Pfanne. »Schwester! Allweil sagen d' Leut, daß d' Welt a runde Kugel is.«

Sie drehte verwundert das Gesicht. »Dös wird schon wahr sein.«

»Na, Schwester!« Galliger Zorn war in der Stimme des Alten. »D' Welt is a schiecher, ecketer Kasten. Aber für _deine_ Augen wird 's Eckete allweil kugelrund.«

Unwillig schalt sie zum Bruder hinüber: »Geh, fang net schon wieder an! Wie soll denn a Fried sein!« Sie schien nach einem Wort zu suchen und fand es nicht, ging seufzend auf das Herdfeuer zu und warf mit dem eisernen Löffel die dampfende Speise in der Pfanne durcheinander. Lächelnd und mit kleingemachten Augen sah Blasi dem Mädel zu. Und Lenzl im Herdwinkel hielt die Knie mit den Armen umklammert, guckte in die züngelnden Flammen und pfiff mit leisem Gezwitscher einen Ländler vor sich hin. Die Nagelschuhe, die zum Trocknen an der Herdmauer standen, begannen in der Hitze fein zu rauchen. Da sagte Modei: »Ich hätt kein Wörtl net gredt. 's Predigen magst net, dös weiß ich. Aber der Jager hat mir heut soviel Angst gmacht.«

Blasi wurde neugierig. »Was für einer?«

»Der Friedl.«

»Der? Ui jesses! Den fürcht ich bei der Nacht net, viel weniger am Tag. Bei dem wiegt 's Herz an Zentner und der Verstand a Quentl. So a Millisuppen von eim Mannsbild!«

»Gib acht, du«, spottete Lenzl, »daß dir d' Millisuppen net amal über d' Nasen tröpfelt!«

Das überhörte Blasi. Lustig fragte er: »No, was hat er denn gsagt, der Jager?«

»Gredt hat er von eim. Aber so einer, wie der is, _kannst_ doch du net sein! Dös kunnt ich net glauben.« Sie ging auf den Verdutzten zu und strich ihm mit der Hand übers Haar. »Gelt, es macht dir halt a Freud, daß dir diemal a Spielhahnfederl oder a Gamsbartl abiholst?«

»No ja, freilich, weiter is nix dran.«

»Aber schau, kunnst ja doch amal mit'm Jager überzwerch graten. Jesus, Jesus, ich kann mir gar net denken, was ich anfanget, wann's da an Unglück gäb.«

Immer heiterer wurde Blasi. »Ah was! Um _mich_ brauchst kei' Sorg net haben. Da käm's halt drauf an, wer den flinkern Finger hat. Den gschwindern hab _ich_. Allweil. Und überall.«

»Blasi!« stammelte Modei erbleichend. »Mar' und Joseph!«

Schnuppernd hob er die Nase und sagte sorgenvoll: »Du, mir scheint, der Schmarren brennt an.«

Wortlos nahm sie einen Teller aus der Schüsselrahme und ging zum Herd.

Lenzl kicherte und rief zu dem Burschen hinüber: »Du! Laß dir 's kostspielige Leder net verbrennen! Deine Schuh fangen zum dämpfen an.« Er griff nach einem der beiden Schuhe, die dunstend an der Mauer standen. »Aaaah! So ebbes von Schuhwerk! Wie a Fürst! Eiserne Greifer um und um! Daß er nur ja net ausrutscht! Und z'mittelst in der Sohlen hat er auch noch an Haufen Nägel drin!« Immer kichernd, zählte er mit tippendem Finger: »Eins, zwei, drei, viere, fünfe, sechse, siebne, achte, _neune_!« Die letzte Ziffer klang wie ein lustiger Schrei. Nun ein boshaftes Lachen. »Schwester? Merkst es bald, wie ecket dei' runde Welt is?«