Part 14
»Dös hat angfangt am selbigen Abend, weißt, wo ich deintwegen so schauderhaft derschrecken hab müssen. Und wie mich der Blasi bei der Gurgel ghabt hat, daß ich gmeint hab, ich muß dersticken -- da hat mir allweil a schiechs Fuier vor die Augen bronnen. Und allweil hab ich a Stimm ghört -- a Stimm, wie d' Mutter ghabt hat, weißt -- und dö Stimm hat allweil gschrien: >D' Schwester mußt aussitragen, d' Schwester mußt aussitragen!<« Sich zurückbeugend, sah er sie an und lachte herzlich. »Wie dich ausgwachsen hast! _Heut_ kunnt ich dich _nimmer_ tragen.« Er wurde wieder ernst, und seine Augen suchten. »Jetzt mußt mir ebbes sagen, Schwester! Allweil is mir so a Wörtl im Verstand, und ich weiß net, wo ich hin muß damit --«
»Was für a Wörtl?«
»Hast mir net _du_ amal die letzten Täg her ebbes verzählt -- von eim Tanzboden?«
Mit erweiterten Augen sagte sie zögernd: »Freilich, ja -- da hab ich gredt davon.«
»Tanzboden? Tanzboden? Gar nimmer einfallen tut's mir. -- Wie war denn dös?«
»So gredt haben wir halt -- vom selbigen Unglück.«
»Unglück?« Lenzl furchte sinnend die Augenbrauen. »_Was_ für an Unglück?«
»Wie --« Die Stimme wollte ihr nicht gehorchen. »No ja, wie der Tanzboden einbrochen is!«
»Wart a bißl!« Er nickte eifrig. »Jetzt kriebelt mir im Hirnkastl ebbes in d' Höh. Du meinst den Tanzboden, der einbrochen is und a paar Leut derschlagen hat?«
Scheu stammelte Modei: »Den Grubertoni --«
»Jetzt haben wir's! Ja! Der arme Teufel! Jetzt fallt mir alles wieder ein. Und zwei Madln hat man wegtragen müssen. Net? Auf eine kann ich mich ganz gut bsinnen. So a kleine. Mit lustige Äugerln.« Er sah ins Leere, ernst, doch ruhig. »Ja, Schwester, so geht's! Junge, lustige Leut! Und laufen der süßen Freud nach. Und gahlings is d' Nacht da. Und alls hat an End.« Mit raschem Griff umklammerte er die Hand des Mädels. »Schwester! Solang er noch schnaufen därf, der Mensch, muß er sich anhalten an der lieben Freud -- 's kunnt allweil die letzte sein.«
Die Heilung des Bruders erkennend, sprang Modei auf und hob unter Weinen und Lachen die Arme. »Vergelts Gott! Jesus! Vergelts Gott! Tausendmal Vergelts Gott!«
»Schwester?« Verwundert guckte Lenzl an ihr hinauf. »Was hast denn?« Flink erhob er sich.
Erschüttert und in Freude klammerte sie den Arm um seinen Hals. »Dös mußt ja doch selber spüren --«
»Was?«
»Dein Verstand is wieder licht. Dös merk ich, Bruder -- dös muß ich doch merken --«
»Verstand? Und merken? Was?« In drolligem Mißtrauen sah er die Schwester an und begann zu lachen. »O du Schlaucherl! Spannst a bißl ebbes? Gelt, von die _ganz_ Dummen bin ich keiner. Und heut -- Schwester -- allweil glaub ich, heut bin ich einer von die _ganz_ Gscheiden gwesen. Und wie's mir eingfallen is in der Fruh, da hab ich a Freud ghabt -- ich kann dir's gar net sagen!« Wieder das muntere Lachen. »Ah, _der_ hat gschaut -- wie ich so gsprungen bin auf der Straßen. Und allweil: Jesus, Maria, Jesus, Maria! Und derschrocken is er -- aaah, dös is ihm gsund! Da schmeckt ihm nacher d' Freud um so besser.«
In Modei, als sie den Bruder so unverständlich reden hörte, erwachte die Sorge wieder. »Lenzl? _Was_ denn? _Was_ denn?«
»Öha, langsam!« scherzte er. »Net gar so pressieren! A bißl Geduld mußt allweil haben.« Schmunzelnd guckte Lenzl zum Steig hinüber. »Aber lang wird's nimmer dauern. Da kunnt ich wetten drauf.« Er sah die Schwester an und zwinkerte lustig mit den Augen. »A Mordstrumm Weg hab ich machen müssen. Und hungern tut mich. Seit der Fruh hab ich nimmer aufs Essen denkt. Hast net a Bröckl für mich?«
Halb noch ratlos, zwischen Sorge und Freude, sprang Modei über die Stufen hinauf. »Aber freilich, ja! Gleich koch ich dir ebbes auf. Und 's Allerbeste, was ich hab.« Sie raffte ein paar Scheite Brennholz zwischen die Hände und verschwand im Dunkel der Hüttentür.
Der Alte lachte. »Und an Trunk muß ich haben. An festen. Wie Fuier is mir der Durst im Hals.« Er ging zum Brunnen. »Da drunt im Faller Tal, da hat's a Hitz ghabt zum Verschmachten.« Er trank am Brunnenstrahl. Dann guckte er sinnend in den Wasserspiegel des Troges. »So ebbes Gspaßigs! Da schaut an alts und a lustigs Gsicht aus'm Wasser aussi. Mit weißgraue Haar und mit schieche Falten. Und wie ich 's letztmal einigschaut hab, da hab ich zwei junge, traurige Augen ghabt. -- Ah na! So kann's net sein! -- Bin _ich_ amal _jung_ gwesen? -- Es kommt mir so für, als wär ich schon alt auf d' Welt kommen? Und hätt a Ruh ghabt vor allem, was für junge Leut a Plag is.« Versunken in Gedanken, immer murmelnd, ging er zur Hütte, blieb stehen, sah zu den Stauden des Waldsaums hinüber und wurde unruhig.
Da drüben wand sich der Jäger Hies aus den Büschen heraus, mit Bergstock und Büchse, den Kopf gebeugt, immer zur Erde spähend. Von seiner munteren Art war nichts an ihm zu gewahren. Eine eiserne Härte war in seinem Gesicht, in jeder Bewegung, die er machte. Und immer näher kam er den Hüttenstufen.
Lenzl richtete sich auf und tat ein paar flinke Sprünge gegen den Jäger. »Hies!«
Der Jagdgehilf zuckte mit dem schwarzbärtigen Kopf in die Höhe. »Ah so, du bist da? Grüß dich Gott!«
In Erregung fragte Lenzl: »Was suchst denn da?«
»An Hirsch hab ich gspürt.«
»-- -- An Hirsch?«
»Ja. Und an ganz guten.« Der Jäger lächelte. »Wann ich den derwisch -- der freut mich.« Es blitzte in seinen Augen.
»Hast dich net ebba verschaut? D' Hirsch kommen so weit net abi. Bei der Hütten mögen s' net grasen. Den Leutgruch derleiden s' net.«
»D' Leut stinken halt.« Ein kurzes und hartes Lachen. »Den Hirsch, den spür ich. Dös redst mir net aus.« Der Jäger wandte sich gegen den Waldsaum, den Stauden zu, zwischen denen der Huisenblasi verschwunden war.
»Hies!« Flink, nach einem Sorgenblick zur Hüttentür, huschte Lenzl gegen den Jäger hin.
»Was willst?«
Der Alte flüsterte: »Hast vom Friedl ebbes ghört -- vom selbigen Sonntag, mein ich?«
Der Jäger lachte. »A bißl ebbes, ja!«
»Meinst, der Friedl hat an Unsinn gmacht?«
Es zuckte spöttisch um den schwarzbärtigen Mund. »A jeder macht's halt, wie er muß.«
»Und du? Wie tätst es denn du nacher machen?«
Die Gestalt des Jägers streckte sich. »Da müßt mir erst amal a gute Glegenheit dastehn auf hundert Gäng. Nacher kunnt ich dir's _gnau_ sagen -- wie's _ich_ mach.«
Da mahnte der Alte ernst: »Geh, Hies, sei gscheid! Ruh schaffen? No freilich, ja! Aber a Hirsch is a Hirsch, a Gams is a Gams -- und a Mensch bleibt allweil a Mensch.«
»So? Meinst? Aber diemal kommt's halt, daß man Viech und Mensch nimmer recht ausanandklauben kann. Und daß eim 's Viech no allweil besser gfallt als so a zweifüßige Kreatur.« Der Jäger schob sich zwischen die Stauden und tauchte um eine Felskante.
Lenzl streckte die Hände. »Jesus, Hies, so laß dir doch sagen --« Er wurde stumm. Und nach kurzem Schweigen raunte er in Erregung vor sich hin: »Meintwegen! Was geht's denn _mich_ an. Ich bin net der Weltregent. Wann's unser Herrgott anders haben will, soll er's halt anders machen. Er wird's halt einrichten, wie's ihm taugt. Auf sei' ewige Grechtigkeit kann man sich allweil ausreden.«
Von der Höhe, die hinaufstieg zu den anderen Hütten, klang in der Sonnenstille die kreischende Stimme der alten Punkl: »Monika! Monerl! Hast net an Grenzer gsehen?«
Dann die lachende Stimme des Mädels: »Was soll ich gsehen haben?«
»Ob net an --« Der Alten schien die Luft zu entrinnen. Dann pfiff sie im höchsten Diskant: »Herr jesses, so sag mir doch, hast net an Grenzer gsehen?«
»Was schreist denn a so? Ich hör ja ganz gut.«
Lenzl guckte und trat zur Hüttenecke. Ein paar Schritte hinter dem Almbrunnen standen die beiden Weibsleute beisammen, in der Sonne leuchtend wie goldene Figürchen.
»Weißt, a Grenzer«, schnatterte Punkl, »a Grenzer is bei mir in der Hütten gwesen. So a liebs Mannsbild! Ah, _der_ hat mir gfallen! Und _gleich_ hab ich ihm a fünf a sechs Flascherln Bier aus'm Keller auffigholt. Und derweil wir so gredt haben mitanand -- no ja, und diemal a bisserl medazinisch, weißt -- da hat er gahlings gmeint, ich soll ihm a frisch gmolchene Milli einiholen vom Stall. Was braucht er denn a frisch gmolchene Milli, hab ich mir denkt, wann er bei mir a Bier haben kann? Und alls, was er mag? Aber no, wann a Mannsbild, a liebs, ebbes haben will, da tut man's doch gleich. Gelt ja? Und wie ich mit der frisch gmolchenen Milli einikomm in d' Hütten, is mein Grenzer nimmer da! Is nimmer da! Und gar nimmer zum finden is er! Jesses, jesses, ich kann mir gleich gar nimmer denken, was da passiert sein muß! Geh, komm! Und hilf mir a bißl suchen!«
Die Monika lachte. »Is er ebba so zwirnsfadendünn, daß er hart zum derschauen is?«
»Ah na! Der hat a noblige Breiten.«
Erheitert wollte Lenzl zum Brunnen hinüber. Da hörte er hinter sich in den Stauden ein Gekoller von Steinen, ein Rumpeln und Rascheln.
Die fiskalische Mordwaffe über der Hemdbrust, unter dem linken Arm den Uniformrock und den Bergstecken, in der rechten Hand eine Bierflasche, rutschte der Grenzaufseher Niedergstöttner schwitzend und mit angstvollen Augen aus den Stauden heraus und flüsterte: »Stad sein, stad sein, stad sein! Verrat mich net, Mensch! Dös Weibsbild därf mich net finden, net finden, net finden!«
Im gleichen Augenblick gewahrte Punkl den Alten an der Hüttenecke und kreischte: »Höi! Du da drunten! Lenzerl! Hast net an Grenzer gsehen?«
Abwehrend fuchtelte Niedergstöttner mit der Bierflasche. »Verrat mich net! Um Gottschristi Barmherzigkeit willen! Verrat mich net! Dö hat mich -- hat mich -- hat mich für an Dokter ghalten, weißt! Ah na! Da dank ich schön!« Er zappelte sich aus den Stauden heraus, setzte die Flasche an den Mund, nahm einen Stärkungsschluck und hopste in der Sonne hurtig über das Almfeld, den tiefer stehenden Bäumen zu. Es war ein sehr auffallender Vorgang. Punkl konnte die springenden drei Zentner nicht übersehen. »Mar' und Joseph!« zeterte sie. »Da hupft er ja!« Der Sinn dieses flinken Ereignisses konnte ihr nicht verschlossen bleiben. »O jöises, jöises«, klagte sie, »fünf Flascherln hat er ausbichelt, 's sechste hat er noch mitgnommen -- -- und _so_ viel Zutrauen hab ich ghabt. Wann d' Mannsbilder söllene Feigling sind -- da gib ich's auf! Da muß ich krankhaft bleiben bis an mein gottseligs Absterben!«
Lachend trommelte Lenzl mit den Fäusten auf seine Schenkel. »O du verruckte Welt! Der Ernst und d' Narretei, und Tag und Nacht, a junge Freud und der letzte Schnaufer -- und alls geht Ellbogen an Ellbogen!« Wie ein lustiger Junge, der Freude am Springen hat, tollte der Alte zum Waldsaum und guckte kichernd dem hemdärmeligen Zollkürbis nach, der zwischen den schütter stehenden Bäumen flink hinunterkollerte ins sichere, unmedizinische Tal.
Da drunten war, wenn der Sonnenwind schärfer aufwärts zog, das Läuten einer großen Kuhschelle und das Gebimmel von zwei kleinen Glocken zu hören. »Mar' und Joseph!« murmelte Lenzl erschrocken. »Da is ja die Blässin drunt! Und a paar von die Kalbln! No also, jetzt hab ich's! So geht's, wann einer herlauft hinterm Glück, statt daß er sei' Schuldigkeit bei der Arbet tut!« Am Vormittag hatten die drei Stück Vieh, als sie unbehütet waren, den Almzaun durchbrochen und hatten sich verlocken lassen durch die saftigen Grasflächen, die vom Gehänge der Dürrachschlucht heraufschimmerten. »Dö muß ich auffitreiben! Und gleich! Da kunnt sich a Stückl derfallen!«
Seiner Mahlzeit vergessend, die auf ihn wartete, hetzte Lenzl durch den steilen Wald hinunter mit dem gellenden Hirtenschrei: »Kuh seeeh, Kuh seeeh, Kuh seeeh!«
In der goldschönen Nachmittagssonne qualmte der blaue Herdrauch durch das wettergraue Schindeldach der Grottenhütte. An den Türbalken, die schon beschattet waren von der Ausladung des Daches, spielte der rötliche Flackerschein des Feuers, über dem die Pfanne mit Lenzls Mahlzeit dampfte.
Kaum ein Laut war in der flimmernden Stille des Almfeldes. Der Brunnen plätscherte leis, manchmal bimmelte irgendwo eine Kälberschelle, und von Zeit zu Zeit klang aus dem tieferen Wald herauf das Hämmern eines Spechtes. Drunten in der Talsohle rauschten die fernen Dürrachfälle so sanft, daß es sich anhörte, wie wenn eine Hand über starre Seide gleitet.
Noch war der Himmel rein. Doch über den schattseitigen Waldgehängen begannen schon weißliche Flocken aus dem Blau herauszuwachsen, zarte Wolkenkinder, so fein wie Apfelblüten. Manche verschwanden wieder, andere erschienen und wuchsen zu luftigen Bällen, die sacht im Blau zu schwimmen begannen. Wenn zwei einander nahe kamen, schmiegten sie sich Seite an Seite, ließen nimmer voneinander und schmolzen in eins zusammen. Liebe und Sehnsucht auch da droben!
Nun ließ sich, erst ferne, dann immer näher, in gleichmäßigen Zwischenräumen von der doppelten Dauer eines Menschenschrittes, ein klirrendes Geräusch vernehmen, als käme über den Steig aus der Tiefe des Waldes einer langsam heraufgestiegen, der nicht auf _zwei_ genagelten Sohlen wanderte, nur auf einer.
Mit suchenden Augen tauchte Friedls Gesicht aus dem Steingewirr der Steigstufen. Es war ihm anzusehen, welch eine schwere Mühsal dieser Bergweg für ihn geworden. An seinem rechten Fuß hatte sich der Filzschuh in eine so unförmliche Sache verwandelt, daß man den Jäger -- wär' es Mitternacht und finster gewesen -- für den berühmten Hinkenden mit dem Pferdefuß hätte halten können. In der Sonne sah dieses Fußknappen eher drollig als unheimlich aus. Friedl, die Zähne übereinanderbeißend, gab sich auch alle Mühe, so fest und aufrecht wie möglich zu schreiten. In Unruh und Sorge spähten seine huschenden Augen. Als er den Rauch sah, der aus den Schindeln qualmte, dachte er: eine barmherzige Nachbarin ist da, die Monika oder die Punkl, um für die Kranke zu kochen. Erst tat er noch einen tiefen Atemzug und trocknete die Perlen seiner Plage vom erhitzten Gesicht. Dann ging er auf die Hüttenstufen zu.
Aus der Sennstube scholl eine klingende Stimme: »Geh, Bruder, komm eini! Dei' Mahlzeit is fertig.«
Dem Jäger war es anzumerken, daß ihm das Herz heraufschlug bis in den Hals. Dabei glänzten ihm die Augen in froher Erleichterung. »Dös Stimmerl is gar net krankhaft. Da kann's doch so weit net fehlen, Gott sei Lob und Dank!«
Nun wieder dieser gesunde Klang: »Wo bleibst denn, Lenzl? So komm doch eini!«
Erst jetzt fiel es dem Jäger auf, daß Modei mit dem Bruder redete, der in Lenggries beim Doktor war, um das »heilsame Trankl« zu holen. In Verwunderung weiteten sich Friedls Augen. »Dös kommt mir a bißl gspassig für --« Bevor er dieses Klarstellende zu Ende denken konnte, befiel ihn ein anderer Gedanke mit fürchterlichem Schreck: »O heilige Mutter, dös Madl weiß nimmer, was mit 'm Bruder is! Dös Madl fiebert!« Er machte ein paar Sprünge, bei denen er wieder die Zähne übereinanderbeißen mußte, kam bis zu den Hüttenstufen -- und im gleichen Augenblick trat Modei, ein bißchen blaß, sonst aber kerngesund, aus dem schwarzen Türschatten in die goldwarme Sonne heraus.
Was den beiden beim gegenseitigen Anblick über die Gesichter blitzte? War es Freude, Verblüffung, Schreck? Oder alles zugleich?
»Friedl!«
»Modei!«
Zwei Namen, zwei Stimmen, und doch nur ein einziger Laut aus gleichem Gefühl. Dann standen sie stumm, und jedes hing mit dürstendem Blick an den Augen des andern, bis die Verlegenheit sich störend dazwischenschob. Im Verlaufe dieses Schweigens schienen sich die Empfindungen der beiden ein bißchen nach verschiedener Richtung zu entwickeln. Während Modei ratlos das Geheimnis des deformierten Filzkübels betrachtete, regten sich Verblüffung und Mißtrauen im Jäger. Jener böse Sonntag, dem Bennos kluge Ratschläge den Giftzahn schon ausgebrochen hatten, wurde neuerdings bedrohlich, Friedl vergaß aller guten Vorsätze, und was nach diesem Purzelbaum in seinen taumelnden Sinnen noch übrigblieb, war eigentlich eine ganz vernünftige Sache, aber gerade _des_halb für Glück und Liebe verhängnisvoll: die Feststellung des Tatsächlichen, die übelschmeckende Witterung einer Unwahrheit. Ein bißchen rauhtönig brach der verdutzte Jäger das Schweigen: »Mit deiner gfahrlichen Krankheit kann's doch net _gar_ so gfahrlich ausschauen? Weil schon wieder so munter auf die Füß bist?«
»Krankheit?« fragte sie scheu. »Wieso? Was meinst denn da? Wie kommst denn drauf, daß ich krank sein soll?«
Er wurde heftig. »Is dös am End gar net wahr?«
Sein Ton und die Bitterkeit dieser Worte machten sie hilflos. »Mit 'm besten Willen, da weiß ich nix davon.«
»So so? Und da schreit man auf der sonnscheinigen Straßen: Jesus Maria, Jesus Maria!« Ein kurzes Lachen. »Mir scheint, da bin ich _wieder_ amal 's gutmütige Rindviech gwesen -- und kann wieder umkehren.« Friedl wandte sich rasch. »Pfüe Gott!«
Erschrocken die Hände streckend, jagte Modei über die Stufen herunter. »Mar' und Joseph!«
Friedl war blind und taub. Wesentlich verständiger benahm sich in diesem Augenblick der grausam mißhandelte Filzkübel, der sich als hilfreicher Freund erwies, indem er rutschte. Der Jäger machte eine gaukelnde Bewegung, brach auf der leidenden Seite halb ins Knie, verbiß den quälenden Schmerz und versuchte zu lachen.
»Hast dir weh tan?« stammelte das Mädel in Sorge. »Am Fuß?«
»Ich?« Dieses Fürwort erinnerte im Klang an das »Ah« des ehemaligen Nachtwächters von Lenggries. Dabei guckte Friedl halb über die Schulter, noch immer krampfhaft lachend. »Meine Füß derleiden schon a bißl ebbes.« Er wollte wandern. Das ging nicht. Mit blassen Lippen sagte er: »_Gleich_ marschier ich wieder. Aber a Recht zum Rasten hat der Mensch allweil, wann der Weg weit is. Und an kühlen Trunk muß ich haben -- mir is, als müßt mir einwendig alls verbrennen.« Er schleppte sich zum Brunnen hinüber. Modei blieb ratlos stehen und sah ihm nach, sah immer den knappenden Fuß an. Dabei gewahrte keins von den beiden, daß am unteren Saum des Almfeldes die Blässin und zwei Kälber aus dem Wald heraufgaloppierten. Die Blässin rasselte mit der großen Schelle, eins von den Kälbern bimmelte. Das andre kam stumm gesprungen -- es war irgendwo im Wald, bei der Dürrach drunten, an einer Staude hängengeblieben und hatte den ledernen Schellengurt vom Hals gerissen.
Mit Steinen werfend, hetzte Lenzl hinter den drei eingeholten Flüchtlingen her. Und gleich gewahrte er das Paar beim Brunnen. Sich duckend, kicherte er seine Freude vor sich hin und huschte gedeckt zur Hütte hinauf. »Mir daucht, da muß ich noch a bißl schieben. Bei der Lieb liegt allweil der Verstand überzwerch.«
Friedl hatte Gewehr und Bergstock an die Brunnensäule gelehnt, ließ sich hinfallen auf den Trog, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und schlürfte gierig.
Da sprang das Mädel auf ihn zu und riß ihm die Hand von den Lippen. »Du! Dös tust mir net! In d' Hitz eini so a kalts Wasser trinken.«
»Ah was! Der Schlag wird mich net gleich treffen. So verzartelt bin ich net. Mich haben ganz andere Sachen net umgworfen.« Ein wehes Schwanken war in seiner Stimme. »Und 's Wasser is allweil ebbes, wo man sich drauf verlassen kann. Wann 's Wasser klar is, weiß man: da därfst trinken davon. Und wann's trüb is, kennt man sich auch gleich aus. Da is nie ebbes Unsichers dran, wo man net weiß, was man sich denken soll.« Weil er an ihren Augen sah, wie nah ihr diese Worte gegangen waren, stammelte er erschrocken: »Deswegen brauchst net so traurig dreinschauen. Ebbes Bsonders hab ich mir net denkt dabei. Bloß a bißl beispielmaßig hab ich gredt. Und jetzt hab ich mich gut abkühlt, jetzt kann ich wieder marschieren.« Nach dem Gewehr greifend, erhob er sich.
»Na, Friedl!« Sie war ruhig geworden. »So därfst mir net fort -- mit deim armen Fuß --«
Er wurde ungeduldig. »Fuß, Fuß, Fuß? Was willst denn allweil mit meim Fuß? Der is schon lang wieder gut.«
»Wie kann er denn gut sein, wann noch allweil kein' Schuh net tragen därfst?«
»_Muß_ denn der Mensch an Schuh tragen? Dös ghört noch lang net zur ewigen Glückseligkeit. Im Himmelreich laufen d' Leut mit die nacketen Füß umanand. Oder hast vielleicht in der Kirch schon amal an Engel gsehen mit gnagelte Schuh oder mit Röhrenstiefel?« Weil ihm das Stehen sauer wurde, hockte er sich wieder auf den Brunnentrog, blickte kummervoll in den Sonnenglanz und sagte, um Modeis Sorge zu beschwichtigen: »Mein, a bißl aufgangen hab ich mich halt.«
Was war an diesem Wort, daß es in Modei eine so tiefe, deutlich merkbare Erschütterung hervorrief. Und dann huschte ein stilles, schönes Lächeln über ihr vergrämtes Gesicht. »Friedl!« sagte sie leis. »Dös war wieder eins von _deine_ Wörtln.«
»_Meine_ Wörtln?« maulte er und betrachtete sie verdutzt. »Ich weiß net, was d' meinst. So ebbes kann jeder sagen.«
»Na, Friedl!« Immer froher wurde ihr Lächeln. »So ebbes sagst bloß du, sonst keiner.«
»Geh, laß mich aus!« In Unbehagen rührte Friedl die Schultern. »Und wann ich amal sag, ich hab mich aufgangen, so hab ich mich aufgangen. Da schlupft einer gern in an Filzschlorpen eini, der net druckt. Und von Fall bis da auffi, dö lausigen drei Stündln, da braucht man noch lang kein' gnagelten Schuh.«
»Von Fall? Bis da auffi?« Jetzt erlosch ihr Lächeln. »Kommst denn du net vom Rauchenberg ummi?«
»Ich? Na. Ich komm von daheim.«
»Jetzt kenn ich mich aber gar nimmer aus.«
»Da geht's dir grad so wie mir.«
Schwer atmend legte Modei den Arm an die Stirn, als befände sich die Ursache dieser sonderbaren Dunkelheiten unter ihren Zöpfen. »Ganz verschoben is mir alles -- und wann's wahr sein tät, daß dich bloß aufgangen hast, so müßt mich der ander anglogen haben.«
»Anglogen?« Friedl wurde unruhig. »Was? Wer?«
»A Grenzer hat mir gsagt: wie mein Kindl tragen hast, da is dir --« sie konnte nicht weitersprechen, »da is dir a Stein über'n Fuß gangen -- hat er gsagt.«
Wütend fuhr Friedl auf: »So a schafhaxeter Ochsenschüppel! Was muß denn der söllene Sachen reden und muß dich aufregen für nix und wieder nix.« Er wurde ruhiger. »Ich hab mich aufgangen. Punktum. So sag ich und so bleibt's.«
»Friedl!« Nun fand sie ihr glückliches Lächeln wieder. Dabei wurden ihr die Augen feucht. »Lügen? Dös heißt doch net: gut sein.«
Dem Jäger fuhr das Blut in den Kopf. »No ja, wann schon meinst, es _muß_ a Stein gwesen sein, in Gotts Namen, so war's halt einer. Steiner gibt's gnug in die Berg. Da is schon oft einer gfallen. Deswegen brauch ich noch lang net lügen. Deim Kindl is nix passiert. Dös is rund und gsund. Und dös is d' Hauptsach. Und geht sich an andrer _überm_ Stein auf, so hab halt ich mich _unterm_ Stein aufgangen. Da wird der Unterschied net so schauderhaft sein. Marschieren kann ich auch schon wieder. Dös wirst gleich merken.« Er wollte aufstehen.
»Du!« In Sorge faßte Modei seinen Arm und hielt ihn fest. »Jetzt tust mir sitzenbleiben! Auf der Stell!«
So verblüfft, daß sein Gesicht sich völlig veränderte, guckte Friedl an ihr hinauf. »Ah, _die_ schau an!« Er befreite seinen Arm. »Aufbegehren tät s' auch noch! Und sagt: ich tu lügen! Sagst vielleicht _du_ allweil d' Wahrheit? Vom letzten Sonntag --« Dieses rote Kalenderwort zerdrückte ihm die Stimme. »Da will ich net reden davon. Kunnt allweil sein, daß er recht hat -- der Herr Dokter -- mit seim guten Menschenglauben.« Friedl schien sich dem einsichtsvollen Augenblick mit Gewalt entreißen zu wollen. »Aber _heut_ wieder? Dös mit deim Kranksein? Is dös ebba _net_ glogen gwesen?«
»O du heiliger --« klagte Modei. »So red doch endlich amal a Wörtl, dös man verstehn kann! _Wer_ soll denn krank gwesen sein?«
»Du!«
»Ich? Wer hat denn dös gsagt?«
»In Fall drunt hat mir's der Lenzl einigjammert übern Zaun.«
Zuerst ein hilfloser Blick, dann ein frohes Aufleuchten in Modeis Augen. Und ihre Hände griffen zum leuchtenden Himmel hinauf. »O du heilige Mutter! Jetzt glaub ich dran, daß er sei' lichte Vernunft wiederhat!«
»So? Da kannst dich noch freuen drüber?« murrte Friedl in Zorn. »Und _ich_ bin derschrocken, daß ich gmeint hab, jetzt hab ich kein Tröpfl Blut nimmer in der Haut. Schier narrisch bin ich worden. Und im Filzschlorpen hab ich auffi müssen zu dir -- da hat nix gholfen --« Immer heißer wurde seine Empörung. »Und _so_ kann mich einer anlügen! No, Gott sei Lob und Dank, Madl, weil nur gsund bist! Aber _so_ lügen können! So lügen!«