Part 13
Richtig! Der war's! Wie ein Besessener kam der Alte mit flatterndem Weißhaar von der Dürrach über die Straße hergelaufen und wollte am Gärtl des Jägers vorübersausen. »Jesus, Maria -- Jesus, Maria -- Jesus, Maria --«
»Lenzl!« Mit hinkendem Fuß machte Friedl ein paar wilde Sprünge gegen die Heckenstauden. »Um Christi willen! Lenzl! Was is denn? So komm doch her zu mir! So laß doch reden a bißl!«
»Ich kann net -- Jesus, Maria!« keuchte der Alte und sprang. »Ich hab kei' Zeit net, ich muß zum Dokter aussi nach Lenggries. Mei' Schwester is soviel krank! Dö braucht a Trankl, a heilsams! Ich muß zum Dokter aussi -- Jesus, Maria --« Und weg war der Alte, verschwand an der Straßenbiegung, sprang aber nicht »aussi nach Lenggries«, sondern huschte kichernd in die Stauden der Dürrach und lief geduckt hinüber gegen den Waldsaum.
Als Friedl allein war, fingen ihm die Hände so heftig zu zittern an, daß er sie hinter den Hosengurt stecken mußte. Wie ein Verrückter humpelte er zur Haustür hinüber, trat langsam in die Stube, warf einen Sorgenblick auf das schlafende Büberl und sagte ruhig: »Mutter, jetzt mußt mir a Krügl Bier ummiholen. Soviel dürsten tut mich!«
Das alte Weibl zappelte flink davon. Als sie mit dem Krügl vom Wirtshaus kam, war keiner mehr da, der Durst hatte und trinken wollte. Auch Friedls linker Nagelschuh war verschwunden; nur der rechte stand noch unter dem Ofen. Und verschwunden war des Jägers Hut, sein Rucksack, seine Büchse und sein Bergstock. »O du heilige Mutter!« stammelte die alte Frau erschrocken, rannte vors Haus und fing zu schreien an.
Das konnte Friedl noch hören, obwohl er den Triftsteg an der Dürrach schon erreicht hatte. Ohne das Gesicht zu drehen, sprang er wie einer mit gesunden Beinen. Drüben über dem Wasser, auf dem steigenden Waldweg, ging es langsamer. Alle paar hundert Schritte mußte er stehenbleiben, um den schmerzenden Fuß rasten zu lassen. Und weil der plumpe Filzschuh, den er am kranken, dick verbundenen Fuß hatte, beim Steigen immer rutschte, mußte Friedl sich hinsetzen, eine Schnur aus dem Rucksack nehmen und den lockeren Filzkübel verläßlich an den Knöchel binden. Ein paar Schlingen der Schnur legte er auch um die Sohle, damit er einen festeren Tritt bekäme. Als er, zitternd vor Ungeduld, sich erhob, blickte er über den steilen Bergweg hinauf, den er zu überwinden hatte. Und da gewahrte er in der Höhe, nicht weit von der Grottenalm, eine sonderbare Sache. Da droben war ein feines Blitzen und Gefunkel, als spiegelte sich die Sonne in vielen, beweglichen Glassplittern.
Dieses Funkeln und Strahlenschießen kam von den Uniformknöpfen und vom Bajonett des schwerbäuchigen Grenzaufsehers Niedergstöttner, der sich schon mit Schwitzen und Fluchen über den ganzen Waldsteig hinaufgezappelt hatte und der Alm schon nahe war.
Er hatte, um Luft zu bekommen, die grüne Uniform aufgeknöpft, nicht nur den Rock, auch die Hose. Die großschirmige Mütze hatte er an das Bajonett seines königlich bayrischen Grenzkarabiners gehängt, den er bald auf die rechte, bald auf die linke Schulter lupfte. Ein großes, geblumtes Taschentuch, fleckig durchfeuchtet, bedeckte als Sonnenschutz die Glatze und warf noch einen Zipfelschatten über das erhitzte, krebsrote Vollmondgesicht. Trotz seiner dritthalb Zentner war Herr Niedergstöttner von quecksilberner Beweglichkeit. Und ebenso flink, wie er die kurzen dicken Beine rührte, schwatzte er beim Steigen die Monologe seiner Bergverzweiflung vor sich hin.
»Tuifi, Tuifi, Tuifi, is _dös_ a Hitz! Is dös a Hitz! Und schnaufen muß ich, grad schnaufen, schnaufen, schnaufen.«
Hurtig kletterte er über die letzten Steigstufen hinauf, drehte sich um, guckte in die Tiefe und fand, wenn auch ein bißchen asthmatisch, das Lachen eines Glücklichen.
»Gott sei Lob und Dank! Jetzt bin ich heroben! Is _dös_ an Arbeit gwesen! Verfluchte Berg, verfluchte Berg!« Er zerrte das Taschentuch von der Glatze, trocknete Gesicht und Hals, dehnte sich wie ein Schlangenmensch vor der Produktion und zog das Knie in die Höhe. »Die ganze Muschkelatur hint aussi is mir krämpfig! Allweil d' Füß heben, allweil d' Füß heben! Unser Herrgott muß an böshäftigen Hamur ghabt haben, wie er die Berg derschaffen hat! Verfluchte Berg, verfluchte Berg! Und an Durst kriegt man, jöööises, an Durst, an Durst, an Durst! Da wär jetzt a Maßerl fein, a Maßerl, a Maßerl!« Sehnsüchtig guckte er auf dem Almfeld herum und betrachtete Modeis stille Hütte. »He da! Was is denn? Is dö bucklete Welt da heroben ausgstorben? Und gibt's denn da gar net a bißl ebbes, was kühl is? Aaaah, da is ja a Brünndl, a Brünndl, a Brünndl!« Er zappelte auf den Brunnen zu und legte lachend das Gewehr ab. »Wasser! Brrrrr! A schauderhafte Sach! Da ghört a Kurasch dazu, a Kurasch, a Kurasch, a Kurasch.« Hurtig steckte er das Dampfnudelköpfl in den Brunnentrog, pritschelte und spritzte, scheuerte die zinnoberfarbene Glatze und schüttelte die Tropfen von sich ab, was ihm leicht gelang, da er keine Haare hatte, in denen das Wasser hätte hängenbleiben können.
Weil er eine Sennerin von der Almhöhe herunterkommen sah, knöpfte er als Kulturmensch unverweilt die klaffende Hose zu, machte säuberliche Amtstoilette und setzte die Mütze auf.
Mit der ledernen Salztasche um die Hüften kam Modei müd und versonnen über das Weidefeld herunter. Als sie die Uniform sah, erschrak sie, daß ihre Lippen weiß wurden. Dann merkte sie: ein Grenzaufseher, kein Gendarm. Und mit halber Ruhe konnte sie sagen: »Grüß Gott, Herr Grenzer! Was schaffen S' bei mir?«
»Aufschreiben, aufschreiben, wieviel als d' Vieh hast.« Niedergstöttner zog ein Ungetüm von grünledernem Notizbuch heraus. »Aber sag, du saubers, du herzliebs Maderl, hast net ebba aus gottsgütigem Zufall a Flascherl Bier da heroben? Für a Flascherl Bier kunnt ich dem Tuifi heut mein ewigs Leben verschreiben.«
»Mit Bier kann ich net aufwarten. Aber a Schüssel Milli wann S' mögen?«
»Milli?« Der Grenzer schnitt in groteskem Schreck eine Grimasse, die jedem Zirkusclown einen Beifallssturm eingetragen hätte. »Marrriandjosef! Sprich dös gfahrliche Wörtl nimmer aus! Sonst trifft mich a Verstandeslähmung, und _um_ fall ich und bin a Leichnam, a Leichnam, a Leichnam!« Er richtete einen klagenden Blick zum Himmel, erledigte unter drolligen Scherzen das amtliche Geschäft, notierte die Zahl der Ochsen, Kühe, Rinder und Schafe, aus denen Modeis Almherde bestand, verwahrte das Notizbuch wieder, trocknete mit dem Taschentuch das Dampfnudelköpfl und setzte sich auf den Brunnentrog. »Soviel plagen muß sich der Mensch! Malefiz Arbet! Wie schön wär d' Welt, wann d' Arbet net wär, dö gottverfluchte Arbet.«
»Nach jeder Arbet kommt a Ruh.«
»Net wahr is, aaaah, net wahr is! Nach der Arbet kommen d' Schweißtröpfln, a höllischer Durst und der Muschkelkrampf.«
»Seids ös von der Station in Fall drunt? Lang müßts noch net da sein, weil ich enk noch nie net gsehen hab.«
»A paar Wochen erst, a paar Wochen. Ehnder, da bin ich z' Münka gwesen, z' Münka, in der Haupt- und Rrrrassidenzstadt, beim Oberzollamt.« Niedergstöttner bekreuzigte sich, wie es eine alte Bäuerin bei heftigem Blitzschlag macht. »Daaaa hat's Arbet geben! So viel, wie der Hund Flöh hat! Und d' Arbet vertrag ich net, ich vertrag's halt net! Wann's einer vertragt, da kann er Minister werden. Ich hab's net dersitzen können. 's Hirn is mir allweil kleiner worden und 's Fundament allweil breiter, _allweil_ breiter. Und so a sitzende Betätigungsweise -- jöi, jöi, jöi -- da tut sich allweil Salz entwickeln im Inkreisch, zwischen Nabel und Schattseiten. Und da hast nacher allweil Durst, allweil Durst, Durst, Durst, Durst. Drum haben mich die Gottsöbersten da aussi versetzt nach Fall. Dö haben gmeint, da heraußen tät ich weniger bimseln, weil 's Bier so schlecht is, weißt. Ja, Schnecken, Schnecken! Da heraußen muß ich noch viel mehrer dürsten, weil ich allweil schwitzen muß, allweil schwitzen, allweil schwitzen.«
Modei konnte ein bißchen lachen. »Aber sonst gfallt's enk bei uns da, gelt?«
»Ui jeeeegerl, jegerl, jegerl! Schau mein Ranzerl an, mein Ranzerl! Und söllene Berg dazu! Und allweil muß ich auffi, allweil auffi, auffi, auffi, wie a verlassene Wanzen an der nacketen Kirchenwand! O du heiliger, heiliger Geist der Schöpfung! Deine Welteinrichtung hat verdächtige Buckeln.«
Das Mädel tat einen schweren Atemzug. »Ich kann mir noch ebbes Härters denken als wie 's Bergsteigen.«
»Soooo? Und wann ich ausrutsch? Und wann's mich abireißt? Dös is ja gar net zum ausdenken, was ich da für a Loch ins Tal einischlag. Söllene grauslichen Gfahren haben s', dö verfluchten Berg, dö verfluchten Berg! Da muß einer schon aufpassen, der 's Bergsteigen los hat! A Jager, a Jager, der _kann_ doch 's Bergsteigen, net? Und jetzt schau amal an, was dem Jager von Fall passiert is, dem Jager von Fall!«
»Jesus«, stammelte Modei erschrocken, »was is denn mit'm Friedl?«
»Friedl heißt er, ja, Maderl, Friedl, Friedl, Friedl!«
Verstört umklammerte Modei den Arm des Grenzers. »Um Herrgotts willen, so red doch, Mensch!«
»Der Jager, weißt, der Jager, der Jager, der hat a Kindl abitragen vom Berg, a Kindl, a Kindl a kleins --«
Sie nickte in Angst. »Ja, ja --«
»Und drunt bei der Dürrach hat ihn a Steinschlag troffen, a Steinschlag am Fuß. Und allweil, allweil, mit'm halbert verdruckten Fuß, da is er noch allweil gsprungen, und heim mit'm Kindl, und heim, und in d' Stuben eini zur Mutter. >Nimm 's Kindl!< sagt er, und da hat's ihn hinghaut am Boden -- Jesses, Maderl, was hast denn, was hast denn? Du bist ja kaasweiß im Gsichtl! Was hast denn?«
Modei, nach Sprache ringend, lallte einen unverständlichen Laut. Dann griff sie mit den Händen ins Leere, schrie den Namen des Bruders, jagte zur Hütte hinunter und verschwand um die Balkenmauer.
Niedergstöttner guckte mit kreisrunden Augen. »Hab ich ebba da a Rindviecherei gmacht? Ja? Mir scheint, mir scheint, mir scheint.« Zu dem ehrlichen Kummer, der in seiner sanften, mit Speck wattierten Bierseele Einzug hielt, gesellte sich der Jammer über den weiteren Verlauf seines Amtsweges. Zu Punkls Hütte ging es steil in die Höhe. Bei der Musterung dieses Weges machte Niedergstöttner ein Gesicht wie ein Kater, wenn er Salmiak riechen muß. »_Allweil_ wieder auffi, auffi, auffi und auffi! Hat denn d' Welt nach auffi gar keine Grenzen, gar keine, gar keine?« Während er zu krabbeln anfing, klagte er noch: »O du armseligs Mitglied der königlich bayrischen Zollnarretei!« Als er den Hüttenzaun erreichte, blieb er blasend stehen. »He da! Was is denn? Rührt sich da gar nix, gar nix, gar nix?«
»Waaaaas?« klang in der Stube der heisere Alt der Sennerin. »Hat da a Kalbl plärrt? Oder kommt ebbes Menschligs?« Punkl erschien auf der Schwelle. Der überraschende Anblick von drei Zentnern unbezweifelbarer Männlichkeit verwandelte die Säure ihres Zwiebelgesichtes in grinsende Freude. »Jesses, a Grenzer!« Sie buckelte, als wäre ein königlicher Prinz bei ihr erschienen. »Dös freut mich aber! Grüß Gott, grüß Gott! Mit was kann ich aufwarten?«
»Aufschreiben muß ich, aufschreiben, wieviel Vieh als d' hast!«
»Jesses, jesses, so a liebs Mannsbild!« staunte die Alte. »Zu dem kunnt man Zutrauen haben.« Wieder buckelte sie. »Grüß Gott, Herr Grenzer!« Sie zappelte ihm entgegen, stützte den Schnaufenden und schob ihn nach aufwärts. »Gschwinder a bißl! Aufkochen tu ich, aaaah, grad nobel! Und in der Kellergruben hab ich noch a drei, vier Flascherln Bier.«
»Was!« Der Erschöpfte machte eine Zuckbewegung, wie durchrissen von einem elektrischen Strom. »A Bier hast? A Bier? A Bier?«
»Fünf, sechs Flascherln, jaaaa!«
So einladend kann auch Evas Apfel auf den Adam nicht gewirkt haben. In Niedergstöttner flammte eine zärtliche Begeisterung. »O du Herzkäferl, du benedeits! An Kniefall mach ich! Dir verschreib ich mei' Seel! A Bier, a Bier! O Himmelreich, o Paradeis, Paradeis, Paradeis, o irdische Glückseligkeit!«
Die drei zollämtlichen Zentner tauchten am Arm der überirdisch grinsenden Jungfrau in den Dusterschein der Sennstube.
Bei Modeis Hütte gellte wieder und immer wieder ein Schrei in die Sonne: »Lenzl! Lenzl!«
Nur das Echo an den nahen Felsen, nie eine Antwort.
Verzweifelt, wie in sinnloser Verstörtheit, rannte und suchte das Mädel. »Is auf der Weid net! Is net im Stall! Is bei die Schaf net! Wo is er denn? Lenzl, Lenzl!« Zitternd an allen Gliedern kam sie zur Hüttentür, taumelte gegen die Balken und preßte den Arm über die Augen. »Ich bin schuld! An allem bin ich schuld! Und wann er jetzt leiden muß --«
Denken konnte sie nimmer. Ohne zu wissen, was sie tat, dem Trieb des quälenden Augenblicks gehorchend, sprang sie in die Stube, riß das Arbeitsgewand herunter und kleidete sich, als wär's für den Kirchgang. Ihr Hütl über die Zöpfe hebend, trat sie aus der Hüttentür, hetzte die Stufen hinunter und hatte einen Schreck, der sie völlig lähmte.
In verwittertem Anzug und dennoch schmuck, umschimmert von der Nachmittagssonne, stand der Huisenblasi zwischen den Stauden. Lächelnd sagte er: »Grüß dich Gott, Sennerin!«
Ein klangloser Laut in der Stille. »Du!« Das Hütl fiel dem Mädel aus der Hand und kollerte über den Rasen.
Blasi lachte. »Hast dir an andern verhofft?« Langsam trat er auf Modei zu. »Oder haltst ebba dös für a Wunder: daß a Mannsbild, a gsunds, zu der guttätigen Sennerin kommt -- bei der's kei' Gfahr net hat -- und die sein Schatz is?«
Da wurde sie ruhig, streckte sich und sah ihn mit zornfunkelnden Augen an. »Du mußt dich verschaut haben in der Gegend. Die Monika _hat_ ihren Burschen. Und bei der Punkl wirst ebba doch net ans Fenster mögen?« Sie wollte gehen.
»Du, wart a bißl!« Er sprang ihr in den Weg und musterte sie schmunzelnd. »Zu _dir_ komm ich. Die alten Zeiten a bißl auffrischen.«
»Alte Zeiten?« Das war ein Ton, aus dem der Widerwille klang. »Fahrt dir net 's Blut ins Gsicht? -- Mach, daß d' weiterkommst! Ich hab an Gang.« Sie wandte sich gegen den Steig.
»Öha! Langsam!« rief er und verstellte ihr wieder den Weg.
Hart fragte sie: »Was willst?«
»Ich muß dir doch a guts Wörtl sagen dafür, weil mir am ungfahrlichen Sonntag so an freundschäftlichen Schutzengel gmacht hast! A rassigs Weiberleut bist! Kreiz Teifi noch amal!« Er lachte. »Wie _du_ den Jager von Fall am Schnürl hast!«
Dunkel schoß ihr die Zornröte in die Stirn. »Mein' Weg gib frei! Ich sag dir's zum letztenmal! Mit dir hab ich nix mehr z' reden.«
»Aber ich noch a bißl ebbes mit dir!« Er drängte sie Schritt um Schritt gegen die Hüttenstufen hin. Und immer behielt er den heiteren Ton. »Vergelts Gott, Schatzl! Soviel haushälterisch bist! Grad wie mein Vater! Der schnürt mir den Geldbeutel zu, und _du_ hilfst mir Patronen sparen. Aber allweil kunnt's dir net nausgehn mit der Knauserei. Und willst den Jager von Fall schön sicher durchfretten bis zur Hochzeit, so laß ihm an eiserns Gwandl machen, gelt! Ich bin net allweil so kugelarm. Und meiner Kugel springt er so gschwind net aus'm Weg als wie so eim Brocken Stein.«
»Jesus!« Modeis Gesicht verzerrte sich. »Den Stein hast du -- --« Sie schlug die Hände vor die Augen. »Und so an Menschen gibt's auf der Welt!«
»D' Jager sind wie Schwaben und Russen. So an Ungeziefer dertrappt man, wo man's derwischen kann. Schad, daß man diemal daneben trappt.«
Sie sah ihn an, mit irrendem Blick. »Blasi! Dein _Kind_ hat er tragen.«
»_Mein_ Kind?« Er zuckte die Achseln. »Protokolliert hab ich's noch allweil net, daß _ich_ der Vater bin.«
Aus verstörten Augen rannen ihr langsame Tränen über die blassen Wangen. Sie wandte sich ab, gegen die Hütte hin, und drehte das entfärbte Gesicht über die Schulter. »Gstorben bist mir gwesen. Und begraben. Mir! Schon lang. Von heut an is meim Kind der Vater verfault. Und wann's mich fragt amal, nacher weiß ich nimmer, wie er gheißen hat.« Modei machte einen müden Schritt. »Schlecht wird mir, wann ich dich anschau. Geh, sag ich dir!«
Ein wunderliches Staunen in den Augen, spottete Blasi nach kurzem Schweigen: »Ah na! Jetzt bleib ich erst recht. So gut wie heut hast mir noch nie net gfallen. D' Weibsbilder sind allweil am feinsten, wann ihnen 's Blut a bißl aufwurlt. Ja, jetzt hab ich wieder an Gusto auf dich.« Er faßte mit eisernem Griff ihren Arm. »Und hätt's auch kein' andern Verstand, als daß ich dem Jager die süße Schüssel versalz.« Lachend riß er das Mädel an sich.
Ekel und Entsetzen lähmten ihre Zunge. Mit verzweifeltem Widerstand suchte sie sich loszureißen. Ihre Kraft erlahmte unter dem Druck dieser stählernen Arme. Kaum daß sie noch ihr Gesicht vor Blasis Lippen zu schützen vermochte. Sie wollte schreien. Seine Hand erstickte ihren ersten Laut. Und lachend zerrte er sie gegen die Stufen hin, während sie den Haarpfeil aus den Zöpfen riß, die ihr über die Schultern fielen.
Da keuchte Lenzl über den Steig herauf, ohne Hut, mit dem klirrenden Bergstock, das kleine Hirtenfernrohr am Gürtel. »Was is denn da?«
Den Kopf drehend, ließ Blasi das Mädel fahren.
Wie ein Besessener hetzte Lenzl auf den Burschen zu. »Du Herrgottsakermenter! Rühr mir d' Schwester noch amal an mit deine drecketen Pratzen -- und ich renn dir den Bergstecken durch und durch.«
Atemlos, das Haar ordnend, sagte Modei: »Da brauchst dich net plagen! In d' Hütten hätt er mich net einibracht. Da hätt er schon ehnder mein' Haarpfeil im Hals drin ghabt.«
Erheitert war Blasi ein paar Schritte zurückgetreten. »Ui jegerl! Da kunnt's ja gar gfahrlich werden, da heroben. Und _da_ schau an! Der Lenzl als Hulaner mit'm Spieß! Oder bist ebba gar der dümmste von die sieben Schwaben?« Er lüftete auf nette Art das Hütl. »No also, pfüe Gott für heut! An andersmal wieder.« Und gemütlich sagte er zu dem Alten: »Wie, du, hol mir mein Büchsl aussi, dös ich beim letzten Bsuch vergessen hab!«
»So?« knirschte Lenzl in bebender Wut. »Und sonst willst nix? Da kannst abschieben! Dö Büchs, dö kriegt bloß a Jagdghilf oder der Förster.«
Blasi schoß einen funkelnden Blick auf den Alten. Dann verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln. »Is a teuflisch guts Gwehrl! Da kann der Jager sei' Freud dran haben. Muß ich halt nachschauen, ob mei' alte Büchs da drüben im Lahnwald unter die Steiner net rostig worden is seit'm Hahnfalz. Ohne Gamsbock geh ich heut net heim.« Schmunzelnd sah er die Sennerin an. »Wann einer fallt, so bring ich dir d' Nieren. Dö kannst dir bachen im Schmalz.« Leis lachend sprang er in die Stauden.
»So ein' mußt anschaun!« Lenzl fieberte vor Zorn. »Und da sagt man, unser Herrgott hat d' Leut derschaffen! So a Gottslästerung! Unser Herrgott muß sich schön geärgert haben, wie der erste Haderlump aussigwachsen is aus der Mistgruben.« Ruhiger werdend, stellte er den Bergstock fort und legte den Arm um die Schwester. »Geh, komm! Tu dich a bißl niederlassen! Zitterst ja an Händ und Füß.«
Sie ließ sich zu den Stufen führen. »Wegen _dem_ da, meinst? Ah na! Heut plagt mich ebbes anders --« Da sah sie die müde Erschöpfung im erhitzten Gesicht des Bruders. »Was hast denn? Wo bist denn gwesen den ganzen Tag?«
Er kicherte. »So umanandsteigen hab ich halt müssen -- bei der Hüterei.«
»Gott sei Dank, daß daheim bist!« Sie erhob sich. »Heut auf'n Abend mußt mei' Arbet machen. Ich hab an Weg.«
Lenzl stutzte. »Was? An Weg hast? Wohin denn?«
»Nach Fall muß ich abi. Es leidt mich nimmer. Ich muß --« Die Stimme zerriß ihr. »Dem Friedl is ebbes Unguts zugstoßen. A Grenzer hat mir's verzählt.«
Erst erschrak der Alte. Dann fand er ein Lachen. »Geh, laß dich net anschmalgen! Is ja net wahr!«
Die Schwester sah ihn eine Weile schweigend an. »_Weißt_ denn du was davon?«
»No ja -- im Wald drunt hat a Holzknecht so narrisch dahergredt, daß ich selber derschrocken bin. Aber wie ich nacher ummikommen bin am Rauchenberg --«
»Du? Und am Rauchenberg?«
»A Träupl Schaf hat sich verloffen, auf'n Rauchenberg ummi. Dö hab ich suchen müssen, ja, und da bin ich net weit von der Jagdhütten gwesen, hab 's Spektiv aufzogen, hab ummigschaut -- und da is er gmütlich vor der Hütten gsessen, der Friedl, und hat in der Sonn sei' Pfeifl graucht.«
Tief aufatmend, sagte Modei: »Dem Herrgott sei Lob und Dank!« Sie sah hinüber zum Rauchenberg. »Wie d' Leut aber lügen können!«
»Jaaa!« Lenzl schmunzelte. »Dö lügen wie druckt -- wann's sein muß.«
Modei wollte in die Hütte treten und wandte sich wieder, von einem Mißtrauen befallen. »Lenzl --«
»Was?«
Sie sprach nicht weiter, sondern blickte zu den Stauden hinüber, in denen Blasi verschwunden war. Der hatte doch auch gesagt: daß Friedl dem fallenden Stein aus dem Weg gesprungen wäre. Sie bekreuzigte sich aufatmend, und wieder suchten ihre Augen den blauen, plumpen Buckel des Rauchenberges. Eine wehe Trauer schnitt sich um ihren Mund. »So a Sprüngl, so a kleins!« Ein versunkener Laut. »Und kommt net ummi!«
Lenzl mußte das Lachen verstecken. »Er wird halt kei' Zeit net haben.«
Modei nickte. »Für mich!« Sie holte ihr Hütl, das zwischen den Steinen lag. »Gschieht mir schon recht. Wer 's Taubenhaus net verwahrt, der muß riskieren, daß der Marder alles auffrißt, was lebendig bleiben möcht.« Müden Schrittes, noch einmal die Augen zu dem blauen Berg hinüberwerfend, trat sie in die Sennstube.
Nachdenklich nahm Lenzl den Kopf zwischen die Hände. »Sakra, sakra -- dö arme Seel, dö verzehrt sich ganz -- was tu ich denn da? Soll ich a Wörtl reden, oder muß ich den Schnabel halten?« Auf der untersten Hüttenstufe sitzend, schlang er die Arme um das Knie und sann ins Blaue hinaus. Nach einer Weile raunte er vor sich hin: »So is dös allweil -- hat sich a Wetter verzogen, so scheppert's noch lang, wann d' Luft schon sauber is und a jedweds Blüml wieder sein Köpfl hebt.« Nun saß er unbeweglich und stumm, einen seltsam kindhaften Blick in den Augen, ein scheues Lächeln um den welken Mund. Wie Staunen und Spannung erwachte es in seinen erschöpften Zügen, wie der Ausdruck eines Menschen, der auf etwas wunderlich Klingendes in seinem Innern hört. Dann fingen seine Augen zu gleiten an und hafteten an vielen Dingen, als sähe er sie zum erstenmal. Nun plötzlich ein Aufzucken, ein Erinnern. »Höi! Schwester!«
Sie kam aus der Hütte, schon wieder in ihren Arbeitskleidern. »Was?«
»Dös muß ich dir sagen: sei gscheid, Schwester! Und tu dich net kümmern! Solang der Mensch noch schnauft, geht 's Leben allweil wieder auf a Lachen zu.«
»Geh, du!« Sie sah ihn verwundert an und sagte müd: »Amal, da hast mir versprochen, daß d' Sonn allweil wiederkommt.«
Er lächelte. »So schau halt auffi! Steht s' net droben?«
»No ja, freilich -- aber du meinst es allweil anders als wie ich.«
»Sooo?« Lenzl kicherte heiter. »Ah ja, d' Menschenleut! Sooft man so a dumms Häuterl anschaut, muß man lachen. In Geduld kann der Mensch auf alles warten, was ihm weh tut. Aber d' Freud? Da meint er allweil, dö muß _gleich_ bei der Hand sein.«
In Staunen schwieg das Mädel eine Weile. »Lenzl?«
»Was?«
»Reden tust -- ich weiß net, wie -- als tätst völlgi an andrer sein, als d' allweil gwesen bist.«
Er nickte ernst. »Gelt, ja?« Und faßte sie mit raschem Griff bei einer Rockfalte. »Schwester! Komm! Hock dich her a bißl zu mir!« Als Modei neben ihm auf der Stufe saß, begann er leis und langsam zu reden, wie ein Träumender. »Die ganzen Täg her such ich allweil ebbes in meim Hirnkastl und kann's net finden. Und alls is mir anders, als wie's gwesen is. D' Leut, und die ganze Welt, und d' Luft in der Höh -- alls schaut sich anders an. Sein tut's mir, als wär ich noch halb a Kind, und als hätt ich gschlafen, ich weiß net, wie lang. Und ebbes hat mich aufgweckt. Und da merk ich, daß ich an alter Mensch bin, möcht traurig sein und muß doch lachen drüber, als ob ich a Kindl wär.« Er kicherte vor sich hin.
In Schreck und Freude stammelte Modei: »Jesus -- Lenzl --«