Part 10
»Ja, und denk dir«, sprach Friedl flüsternd weiter, »dö Freud, dö d' Mutter ghabt hat, wie ich's bracht hab in der Fruh! Und wie mir eingfallen is, daß ich 's Kindl auffitragen möcht zu dir, hat d' Mutter gstritten und hätt's am liebsten gar nimmer herlassen!«
Auf den Zehenspitzen trat Modei aus der Kammer und schloß mit leiser Vorsicht die Tür. »Dös freut mich von deiner Mutter. Jetzt wird s' mir mein Büberl aber doch a paar Tag lang lassen müssen!«
»Na na, Modei! Am Tag tut's es schon daheroben. Aber bei der Nacht is d' Luft a bißl scharf für so a kleins Dingerl. Bis um fünfe müssen wir wieder durch. Da komm ich grad noch vor'm Schatten heim.«
»Geh«, schmollte Modei, »jetzt hab ich mich schon soviel gfreut!«
»Sei gscheid, Madl! Weißt, jetzt hab ich 's Büberl, jetzt muß ich auch sorgen dafür.«
Mit frohem Lächeln sah Modei zu ihm auf und faßte seine Hand: »Schau, in der Freud hab ich ganz vergessen, daß ich dir a Vergeltsgott sag.«
»Geh, was fallt dir denn ein!«
»Soviel Plag hast dir aufgladen! Den weiten Weg! Und so a Kindl hat a Gwicht!«
Friedl lachte. »Ja, der Arm is mir a paarmal eingschlafen. Wann ich aber denkt hab, wieviel Freud als d' haben wirst, da hat mir d' Muschkelatur gleich wieder pariert.«
Ein heißes Leuchten war in ihren Augen. »Friedl -- soll's ausschauen, wie's mag -- ich _muß_ dir a Bußl geben!« Sie schlang den Arm um seinen Hals und drückte einen herzhaften Kuß auf seinen Mund.
»No also!« Er preßte sie in Freude an sich. »Gut bist mir eh! Jetzt brauchst bloß noch ja sagen, und wir zwei sind Brautleut!«
»Hörst net auf!« Lachend entwand sie sich ihm, schob ihn hurtig zur Hüttentür hinaus und sprang zum Herd, auf dem die kochende Milch mit Zischen überlief.
Draußen in der Sonne griff der Jäger mit den Fäusten in die Luft. »Jetzt hab ich mein Glück! Jetzt hab ich's! Und auslassen tu ich's nimmer!«
Als Friedl die Hütte umschritten hatte, fand er eine kleine Gesellschaft, die im Schatten des vorspringenden Daches beisammenhockte.
Auf einer Holzbank, die man aus der Almstube herbeigetragen hatte, saßen Punkl, Monika und ihre Freundin von der Scharfreiteralm, die Philomena. Die war so breit, wie ihr Name lang war. Vor den dreien stand der Tisch, dessen Alter erst eine Stunde zählte: zwei in den Boden gerammte Pfähle und ein darüber genageltes Brett. Auf dem Tisch, in dessen Mitte die mächtige Schüssel mit den frisch gebackenen, appetitlich aussehenden »Schucksen«, prangte, standen vier Kaffeetassen von verschiedener Qualität: die eine wollte nicht mehr gerade stehen, an zweien fehlte der Henkel, und bei der vierten ließen nur noch kleine Flimmerchen am Rand erkennen, daß sie vorzeiten einen schmalen Goldreif besessen hatte. Die vier Blechlöffel, die zwischen den Tassen lagen, zeigten eine schaufelartige Größe.
Der alten Punkl gegenüber, auf einer zweiten Bank, saß die andere Sennerin vom Scharfreiter, ein schlankgewachsenes, pfiffiges Mädel, die Binl, zwischen zwei Bauernburschen, dem Schnaderer-Hans von Winkel und dem Gauveitl-Gori von Achental. Während Lenzl auf dem Rasen ein bequemes Plätzchen gewählt hatte, deutete eine umgestürzte Wasserbutte an der Schmalseite des Tisches den Platz an, der für Modei bestimmt war.
In kummervollen Klagetönen, unter dem Schmunzeln der lauschenden Gesellschaft, erörterte Punkl die medizinischen Schwierigkeiten ihres leidvollen Daseins. »Ich sag's enk, Madln, laßts enk verwarnigen von mir, solang's noch Zeit is, und tuts an enker kostbare Gsundheit denken! Wann a Mensch da ebbes versaumt, da kommen zwidere Folgen. Die ganze Nerviatur verschlagt sich aufs Konstiduziament. Dös is a Naturgesetz, hat der Doktermartl gsagt. Und da hab ich an argen Gsundheitsversaumnisfehler verübt. Soviel reuen tut mich dös. Und spaternaus wird's allweil rarer mit die Kurglegenheiten.« Sie seufzte tief. »Auf'n gestrigen Abend hätt ich soviel Zutrauen ghabt. Aber es hat halt net mögen, es hat net mögen.«
»Was _mich_ anbelangt, ich sorg allweil fleißig für mei' Gsundheit!« erklärte Philomen mit ernster Breite. »Eh daß ich da ebbes versaum, bleib ich lieber amal von der Kirch daheim.«
»Ah, was, geh«, stichelte die Binl, »wer wird denn so unchristlich sein! Für'n Herr Pfarr muß man allweil ebbes übrig haben.«
Da gewahrte Lenzl den Jäger und sprang mit einem Jauchzer vom Rasen auf. »Ah, schau, der Friedl! Gar net träumen hätt ich mir's lassen, daß du heut noch da auffi kommst.« Er kicherte und wurde leis: »Ich wart schon allweil seit in der Fruh!«
Auch von den anderen wurde Friedl munter begrüßt. Nur Punkl schien in schlechte Laune zu geraten, weil sie durch den Anblick des Jägers an den unbarmherzigen Hies und an die Enttäuschung des verwichenen Abends erinnert wurde. »Du, dein Kamerad, dös is a schiechs Luder!« schimpfte sie erbost. »Äpfelschmarren kann er fressen. Aber sonst kann er nix.«
»Da tust d' Mannsbilder unterschatzen«, sagte Philomen, »wann s' mögen, können s' alles.«
Noch hatte Friedl mit Gruß und Handschlag die Runde nicht gemacht, als Modei den Kaffee brachte. »Sooo!« Sie stellte das Geschirr auf den Tisch. Die Punkl fuhr gleich mit der Nase schnuppernd in den Duft. Als sie zugriff, um die Tassen zu füllen, sah man es ihrem Eifer an, daß sie flinker den eigenen Genuß als den ihrer Freundinnen beschleunigen wollte. »Zucker! Zucker! Wo is denn der Zucker?«
»Geh, Lenzl«, sagte Modei, »drin am Herd steht er.« Lachend sprang sie dem Bruder nach und flüsterte: »Schau a bißl ins Kammerl eini! Aber stad!«
Als Lenzl zurückkam, schmunzelte sein ganzes Gesicht. »Jesses, Modei --«
Die Schwester tuschelte: »Sei stad und sag nix! Sonst rennt mir die ganze Gsellschaft eini und weckt mir's Kindl wieder auf.« Sie wandte sich zum Tisch. »Also, greifts zu! Jeder muß selber schauen, daß er ebbes kriegt. Zureden, dös gibt's net bei mir.«
Punkl griff mit beiden Händen in den Schucksenberg. »Wer trutzt bei der Schüssel, der schadt sich am Rüssel. Essen muß der Mensch. Dös is a Grundbedingnus für alles, was Gsundheit heißt.«
Während die Gäste sich mit ihrem Kaffee und den frisch gebackenen Nudeln beschäftigten, über deren Vorzüglichkeit sie sich in langen Lobsprüchen ergingen, ließ sich vom Steig ein lautes Putzen und Schnaufen hören. Veri bog um die Hüttenecke, die leere Kraxe auf dem Rücken. Bedenklich schwankte der Alte hin und her. Gori sagte: »Mir scheint, der möcht seiltanzen und kann's noch net recht. Kerl, du hast ja an Rausch!«
»Ah!« verneinte der Alte energisch.
»A schöns Quantl mußt aufgladen haben«, meinte Monika, »wann du's net amal bis da auffi wieder ausgschwitzt hast!«
»Laß mir mei' Ruh!« brummte Veri, während er die Kraxe ablud und sich neben Lenzl in das Gras plumpsen ließ.
Friedl trat vor ihn hin. »Wann ich von dir nur amal an anders Wörtl hören möcht als dein ewigs >Ah< und dein >Laß mir mei' Ruh<. Was denkst denn eigentlich du den ganzen Tag?«
»Nix!«
»A bißl ebbes _mußt_ doch denken!«
»Wann _du_ so dumm bist, ich net!«
Ein schallendes Gelächter. Und an Veris Worte knüpfte sich eine lange Debatte, ob der Alte mehr Ursache hätte, von sich zu sagen: Ich bin net so dumm, als ich ausschau! oder: Ich schau viel dümmer aus, als ich bin!
Veri kümmerte sich wenig um die Unterhaltung, die auf seine Kosten geführt wurde. Lang ausgestreckt lag er auf dem Rasen, hielt die Hände unter dem Nacken verschlungen, guckte mit steifen Augen in den blauen Himmel und machte einen Versuch, zu pfeifen, sooft der Gauveitl-Gori an den Saiten der Zither zupfte, die er neben sich auf der Bank hatte.
»Was is denn, Gori?« sagte Monika. »Zupf net allweil unterm Tisch! Leg s' auffi, die Klampfern, und spiel a bißl ebbes! Und gsungen muß werden! Nacher wird's erst fidel!«
»Was hast gsagt?« fragte Punkl.
»Daß man ebbes singen soll!«
»Ja, ja, wer fangt denn an?«
»Du, weil du die Schönste bist!«
Ein kokettes Lächeln grinste über das Gesicht der Alten. »Na, schön bin ich net, aber --«
»Tugendhaft, mager und wüst!« rief Monika lachend.
Gori hatte die Zither auf den Tisch gestellt und seinem Kameraden zugenickt. Nun begannen die beiden jenes alte, im ganzen Hochland gern gesungene Lied: vom Hütterl beim Baum am Bacherl.
»Bei eim Bacherl steht a Hütterl, Bei dem Hütterl steht a Bam, Und sooft ich da vorbeigeh, Find und find ich halt net ham.
In dem Hütterl haust a Maderl, Is so frisch als wie a Reh. Und sooft ich 's Maderl anschau, Tut mir 's Herzerl halt so weh!
Und dös Maderl, dös hat Äugerln, Wie am Himmel drobn die Stern, Und sooft ich d' Äugerln anschau, Möcht ich halber narrisch wern!
Und ich kann's halt net vergessen, Ob ich wach bin, ob ich tram, Allweil denk ich an dös Hütterl Bei dem Bacherl, bei dem Bam.«
In Friedls heitere Stimmung schien das Lied mit seiner fast schwermütigen Melodie nicht recht zu passen. Immer klopfte er mit den Fäusten auf die Knie, um den Takt des Liedes zu beschleunigen. »Ich glaub gar, ös zwei seids eingschlafen!« rief er den beiden Burschen zu, als sie das Lied beendet hatten. »Auf d' Alm ghört ebbes Lustigs!« Er griff nach der Zither. Da fuhr ihm was Flinkes und Schnaubendes auf den Schoß herauf. »Jesses, mein Bürschl!« Lang und rot ließ der Hund die Zunge zwischen den Zähnen heraushängen und keuchte, daß ihm die Flanken zitterten; dazu schnappte er freudig winselnd an der Brust seines Herrn hinauf, der den Kopf wenden und den Hals recken mußte, damit ihm Bürschl mit der zärtlichen Schnauze nicht ins Gesicht käme. »Du Tropf du! Bist am End gar daheim durch d' Fensterscheiben aussi? Ich glaub, du hast es schon heraus, daß von mir keine Schläg net fürchten mußt? Aber jetzt mach weiter!« Lachend streckte der Jäger die Knie, so daß der Hund auf die Erde rutschte. Dann rückte Friedl die Zither zurecht und sang in flottem Tempo:
»Ich bin halt vom Gebirg, Und ich hab a frisches Blut, Und ich hab a treues Herz Und schöne Federn auf'm Hut. Schöne Federn auf meim Hut Stehn mir sakrisch gut, Und a Schnurrbart dazua, Bin a lustiger Bua!«
Bei den letzten vier Zeilen hatte sich der Taktschlag der Melodie noch verschnellert, und während Friedl spielte und sang, patschten Lenzl und die beiden Burschen die Hände zusammen, und die Mädchen schlugen im Takt mit den Blechlöffeln an die Kaffeetassen.
»A Sennrin, dö hat's gern, Hat's gern, wann einer kimmt, Der neue Liedeln kann Und schöne Sträußerln bindt; Der schön jodelt und schön singt Und sein Hütl lustig schwingt, Der schön jodelt und schön pfeift, Und um d' Almen ummaschleift.
Der Bua klopft leise an Bei der Sennrin ihrer Tür: Liebe Sennrin, geh, mach auf Und laß mich 'nein zu dir! Ja ja, so sagt die Sennrin gleich, Komm eini, Herzensbua; Wir kochen uns a Rahmsuppen, Und alles haben mer gnua!
Sie bleiben da beisamm In stiller Einsamkeit, Bis fruh die Sonn aufgeht Und bis der Kuckuck schreit! Und wann der Kuckuck kugezt hat, Geht's wiederum vom Platz, Gschwind noch a Busserl, oder zwei, Und pfüet dich Gott, mein Schatz!«
Ein klingender Jodler, in den die andern einfielen, schloß sich an das Lied. Dann schwiegen plötzlich die Saiten und der Jodler verstummte -- von den Bergen hallte ein Schuß, und rollend ging das Echo über die Wände hin.
Weiß wie die Mauer, war Friedl aufgesprungen. Der da geschossen hatte, das war der Förster nicht und keiner von den Gehilfen. Die waren drunten in der Schützenhalle zu Fall! Friedls Augen blitzten über den Berg hinauf. Wo der Schuß gefallen war, das konnte nicht weit sein, kaum eine halbe Stunde von der Alm. Und nun sprang der Jäger wortlos vom Tisch und verschwand um die Hüttenecke.
Modei, als sie den ersten Schreck überwunden hatte, wollte ihm folgen. Da kam Friedl ihr schon wieder entgegen, die Büchse in der Hand, den Rucksack über die Schultern ziehend.
»Friedl? Was is denn?«
»Fort muß ich!«
Sie umklammerte seinen Arm. »Jesus! Wo mußt denn hin?«
»Fort, fort!« keuchte der Jäger, während sein Blick die Höhe suchte. »Ich muß! Der Förster -- ja, der Förster wartet da droben auf mich. Und da wird er gschossen haben, weil ich so lang net komm!« Er wand seinen Arm aus Modeis Händen und sprang auf den Steig zu, der hinaufkletterte gegen die Berghöhe. Bürschl, der schlafend unter der Bank gelegen, fuhr knurrend auf und folgte in flinken Sätzen dem Jäger.
Regungslos stand Modei an der Hüttenecke. Da kam der Bruder zu ihr und flüsterte: »Dös war net der Förster!« Modeis Gesicht verfärbte sich.
Friedl war schon eine Strecke emporgestiegen; ohne die Hast seiner Schritte zu mindern, bückte er sich und legte um Bürschls Hals die Schlinge der Hundsleine, die in den Tragriemen des Rucksackes eingeknotet war. Und jetzt verschwand der Jäger im Bergwald.
Zwischen den ersten Bäumen blieb er stehen, streifte die Schuhe herunter und steckte sie in den Rucksack. Nun sah er die Patronen in seiner Büchse nach und lauschte vorgestreckten Halses hinein in den steilen, von hohem Gestrüpp durchwucherten Wald. Er hörte nur das leise Rauschen der Wipfel und das matte Gurgeln einer nahen Quelle. Doch der Hund, der an allen Gliedern fieberte, streckte den Kopf und spähte mit funkelnden Augen zwischen die Bäume, während seine zitternden Nüstern den Wind einsogen, der ihm durch die Büsche entgegenstrich. Friedl machte einen sachten Ruck an der Leine, und leise klang von seinen Lippen ein mahnender Zischlaut zu Bürschl nieder. Scheu wich der Hund hinter Friedls Füße zurück, schüttelte die Ohren und starrte wieder in die Büsche.
Langsam, Schritt für Schritt, jedes dürre Reis vermeidend, schlich Friedl unter den Bäumen hin. Seine Augen suchten, während er die Büchse schußfertig in den Händen hielt. Manchmal warf er einen unwilligen Blick auf den Hund, wenn unter Bürschls trippelnden Füßen das Reisig raschelte.
Die Stelle, wo der Schuß gefallen, konnte nicht mehr weit sein.
Dort drüben, nur ein paar hundert Schritt entfernt, wo sich die Bäume enger aneinanderschlossen und kleine Felswände sich heraushoben aus dem buschigen Grund, da hielten die Gemsen gern ihre Mittagsrast, wenn sie aus der Sonne niederzogen, um den Schatten zu suchen.
Je mehr sich Friedl dieser Stelle näherte, desto vorsichtiger wurde sein Schritt, desto achtsamer sein Aug und Ohr -- desto unruhiger wurde aber auch der Hund.
Als der Jäger die erste der kleinen Felswände erreichte, gewahrte er auf feuchtem Grund eine frische Gemsfährte. Aus der Fährte mußte Friedl schließen, daß die Gemse in der Flucht gewesen, entweder aufgeschreckt vom Schritt des Wilddiebes oder schon getroffen von seiner Kugel. Ja, getroffen! An den Blättern eines Almrosenbusches hing in roten Tropfen der frische Schweiß.
Bürschl war kaum mehr zu halten; er hatte die Fährte schon angenommen und hing mit gesenktem Hals an der straff gespannten Leine. So ließ sich Friedl von dem Hunde langsam auf der Fährte fortziehen, während er die Blicke forschend voraussandte in jeden Busch, nach jeder Wandecke und in den Schatten eines jeden Baumes. Sein scharfes Auge war jetzt sein Leben.
Nun ein Laut wie das Klirren einer Messerklinge, die auf Stein fällt. Und hinter dem Astgewirr eines Latschenbusches gewahrte Friedl einen beweglichen weißen Schimmer. Es konnte nicht anders sein: dort auf der Erde kniete einer, der die Joppe abgelegt hatte und mit den Händen an einem Etwas hantierte, das vor ihm auf dem Boden lag. Wer war das? Ein deutliches Erkennen war durch die Büsche hindurch nicht möglich -- aber eine Ahnung, nein, eine untrügliche Stimme nannte dem Jäger den verhaßten Namen.
Rasch entschlossen hob Friedl die Büchse. Schon wollte er die Lippen öffnen zum Anruf, da klang aus dem Busch das Röcheln eines verendenden Tieres. Heulend machte Bürschl einen wilden Satz und überschlug sich im Rückprall der Leine. Friedl wankte. Taumelnd faßte er, um nicht zu stürzen, nach einem Ast. Hinter den Latschen da drüben tauchte ein Kopf herauf und ein Büchsenlauf -- ein Blitz, ein Knall -- und Friedl spürte ein Brennen an der linken Wange. Er fuhr mit der Hand ins Gesicht und fühlte das Blut, das zu rinnen begann.
Dort drüben brachen die Äste, und die Steine kollerten unter den Füßen des Raubschützen, der in wilder Flucht den Berghang hinunterstürmte.
Noch einen Augenblick stand Friedl regungslos. Dann riß er das Messer aus der Tasche, durchhieb mit einem Streich die Hundleine, in deren Schlinge Bürschl sich würgte. Winselnd sauste der Hund den Büschen zu, und Friedl stürmte, seiner nackten Füße nicht achtend, durch den Wald hinunter, in dem die Sprünge des Flüchtigen verhallten.
Hinter Modeis Hütte saßen sie alle beisammen, denen Friedl sein lustiges Lied gesungen hatte. Freilich, mit dem Jäger war auch der rechte Frohsinn verschwunden. Die Art seines Abschiedes hatte allen zu denken gegeben. Aber keines sprach seine Meinung offen aus. Immer wieder stockte das Gespräch -- und als Gori auf der Zither ein paar altersgraue Schnaderhüpfeln zum besten gab, fand er wenig Anklang.
Modei war verloren für jede Unterhaltung. Kaum vermochte sie die Unruhe zu verbergen, die an ihr nagte. Unter dem Vorwand, den Tisch zu räumen oder was zu holen, verließ sie immer wieder ihren Platz. In der Almstube stand sie klopfenden Herzens vor der Kammertür und lauschte, ob nicht das Büberl erwacht wäre -- oder sie trat geräuschlos in den kleinen, kühlen Raum, ließ sich auf den Boden nieder, hauchte einen Kuß auf die im Schlummer glühende Wange des Kindes und blieb, bis ihre wachsende Unruh sie wieder aus der Hütte scheuchte. Einmal traf sie an der Hüttenecke mit dem Bruder zusammen. »Lenzl!« stammelte sie. »Ich halt's schier nimmer aus vor lauter Angst.«
»Was? Angst?« Seine Stimme hatte harten, fast boshaften Klang. »Um den ein' oder um den andern?«
Mit ihren trauernden Augen sah sie ihn schweigend an, tat einen schweren Atemzug und ging zurück in die Hütte.
Unter leisem Lachen streckte sich der Alte, hob die Fäuste und knirschte gegen die Berghöhe: »Wart, Mannderl! Heut kunnt der Tanzboden ebba noch ausrucken!« Wie ein Erwachender sah er um sich her und murmelte: »Wo bin ich denn wieder gwesen?« Beim Kaffeetisch hinter der Hütte fand er einen lustigen Spektakel. Da hatten sie den Veri und die Punkl hintereinander gehetzt. Vor Zorn pippernd, mit den Fäusten rudernd, knirschte die Alte: »Was? Ich, sagst, _ich_ soll schuld dran gwesen sein, daß selbigsmal vor a zwanzg a dreißg Jahr mit uns zwei nix füranand gangen is? Ah na! Ah na!«
»Laß mir mei' Ruh!« knurrte der Nachtwächter von ehemals.
»Ah na! Ich bin allweil a verstandsams Weiberleut gwesen. Ich hab allweil begriffen, was für a kostbars Gut die Gsundheit is. Aber du warst der Unverstand. Du Leimsieder, du gsundheitsfeindlicher! Gar net a bißl ebbes hast dir traut. Gar nix, gar nix, noch viel nixer als gar nix. Mach Reu und Leid und sag aufrichtig, ob's wahr is oder net!«
»Ah!« Diese erbitterte Verneinung aus seiner Torkelseele herausgurgelnd, wälzte Veri sich auf die Seite, vergrub das Gesicht in den Armen und wurde heftig vom alkoholischen Bock gestoßen.
Weil seine Schulterstöße anzusehen waren wie das Zucken eines Schluchzenden, verwandelte Punkls Empörung sich in klagende Rührseligkeit. »Gelt, siehst es endlich amal ein, wieviel ich deintwegen leiden muß?« Mit hohen Gicksern fing sie zu weinen an. »Wann den angstifteten Schaden wieder -- gutmachen willst -- nacher kann ich auch net so sein -- und -- in Gotts Namen --« Während sie schnuffelnd mit der einen Hand über Augen und Nase fuhr, streckte sie versöhnlich die anderen fünf Finger. »Da hast -- mei' Hand -- du reumütigs Mannsbild, du!«
Einen galligen Zug in der sonst so zufriedenen Säuferphysiognomie, wackelte der Bekneipte sich mühsam vom Rasen in die Höhe. »Mei' Ruh laß mir!« Die leere Kraxe wie ein Kinderwägelchen hinter sich herziehend, taumelte er über den Berghang hinauf.
Entgeistert guckte ihm die Alte nach. Als sie den lustigen Rumor der anderen hörte, drehte sie sich wütend um. »Was is denn jetzt dös für a dumms Glachter? Heut hat er halt a bißl z'viel aufgladen, der Meinig. Wann er morgen sein Räuscherl ausgschlafen hat, so wird er schon mit ihm reden lassen.«
Da gewahrte Monika den Lenzl, der die Hände als Sonnenschirm über den Augen hatte und immer gegen den Bergwald hinaufspähte. »He, du, was speggalierst denn allweil da auffi?«
»Ich? So schauen tu ich halt a bißl -- kunnt sein, daß heut noch a Wetter kommt! A grobs!«
»Was? A Wetter?« lachte Gori. »Geh, du Narr! Aus'm Tirol glanzen die Berg ummi wie Glas. Und die verwunschene Alm schaut her, so weiß wie a frisch gwaschens Jungfernhemmed.«
Alle guckten sie zu der breiten Bergscharte hinauf, durch die aus blauer Weite die Zillertaler Gipfel mit ihrem silberweißen Ferner herüberblickten. Und Philomen fragte: »Was muß denn auf der verschneiten Alm da drüben passiert sein, daß man's die verwunschene heißt?«
In erregter Heiterkeit antwortete Lenzl: »Dö Gschicht, dö hat sich vor tausend Jahr schon zutragen. Da mußt die Punkl drum fragen. Dö is selbigsmal schon Sennerin gwesen.«
Die Schwerhörige, mit dem Rest der Kaffeekanne beschäftigt, hatte ihren Namen vernommen. »Was hast gsagt?«
Philomen schrie ihr ins Ohr: »Dö Gschicht von der verwunschenen Alm sollst verzählen!«
»Ja, ja, dös is a schöne Gschicht. Tuts enk herhocken! Jaaa, da drüben, wo jetzt der ewige Schnee liegt, da is vor viele hundert Jahr die schönste Alm gwesen. 's Viech hat glanzt vor lauter Fetten, is kugelrund gwesen und hat Milli geben, ich kann gar net sagen, wieviel!«
Modei kam aus der Hütte. In ihrer quälenden Unruh hörte sie nicht, was am Tisch geredet wurde. Und immer irrten ihre Augen.
»Jaaa, Leutln, auf der selbigen Alm, da sind drei Sennbuben gwesen, einer a gottsfürchtiger, und zwei waren grausame Sünder.«
»Die schlechten sind allweil die mehrern!« nickte Philomen.
»Was dö alles trieben haben! Dös is gar net zum glauben. Mit Kaaslaibln haben s' d' Hütten pflastert aus Übermut, und Kegel habens s' gschoben mit die Butterballen.«
»Dös hat net weh tan«, meinte Gori, »wann's dem Kegelbuben auf d' Füß gangen is.«
Die Punkl hatte sich bekreuzigt um der Sünde willen, von der sie da erzählen mußte. »So haben sie's trieben, ja! Aber wann a hungriger armer Teufel kommen is, haben s' Steiner ins Wasser glegt und haben s' ihm geben als Nachtmahl. Oft hätt so a Verirrter verschmachten müssen, wann ihm der Gottsfürchtige net heimlich a Trumm Kaas zugschoben hätt. Deswegen haben ihn dö zwei Sündhaften wieder gmartert, den Gottsfürchtigen. Und dös hat sich gstraft.«
Die Spannung am Tisch erhöhte sich.
Den Zwiebelkopf zwischen die Schultern ziehend, machte Punkl sonderbare Bewegungen mit dem Zeigefinger. »Amal, auf'n Abend zu, is wieder a Fremder in d' Hütten kommen, a magrer, langer, langer, endslanger Kerl --«
»Jöises«, staunte Philomen, »der is ja so lang, daß er gar nimmer aufhört!«
»Rappenschwarze Haar hat er ghabt und zwei Mordstrumm Augen wie brennheiße Glutbrocken --«
»Net schlecht!« warf Binl ein. »Dös wär einer für der Punkl ihr Gsundheit gwesen.«
»Und der hat gsagt --« Punkl fiel ins Hochdeutsche: »Üch habe ain Verlangän.«
Gori schüttelte den Kopf. »Wann er die Alte gsehen hätt, glaub ich kaum, daß er's gsagt hätt.«
»Üch habe ain Verlangän, hat'rrr gsagt, gäbet mür zu ässen und zu drünken! Und da haben ihm die zwei Sündhaften wieder Wasser mit Steiner geben. Und selber haben s' die größten Brocken Kaas verschluckt.«
In Monika rührte sich die barmherzige Seele. »Dö müssen schön Magendrucken kriegt haben.«
»Und auf amal --« Geheimnisvoll ließ Punkl den Zeigefinger kreisen. »Auf amal, da fangt er zum Lachen an, der lange, lange Lange --« Sie ahmte mit tiefer Stimme ein diabolisches Gelächter nach. Es klang, wie wenn ein Rehbock schreckt. »Und gsagt hat er:
Heut auf d' Nacht Werds alle umbracht. Zwei werden gschunden grausi, Den dritten schmeiß ich durchs Hüttendach außi!
Und wie er's gsagt ghabt hat, da is er verschwunden -- fffft -- weg is er gwesen.«
Den Mädeln wurde gruslig zumut, und Monika konstatierte: »Dös war der Tuifi.«
»Jöises«, fieberte Philomen, »wird's da nach Schwefel gstunken haben.«