Chapter 7
Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer Rehaar. (Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der Ankunft der erstern in die Kammer.) (Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)
Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie) Mein Vater!
Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn) Mein Sohn!
Fritz. Haben Sie mir vergeben?
Geh. Rath. Mein Sohn!
Fritz. Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße.
Geh. Rath. Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?
Fritz. Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.
Geh. Rath. Wie denn?
Pätus. Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden.
Geh. Rath. Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?
Pätus. Keine Zeile von ihm gesehen.
Geh. Rath. Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht?
Pätus. In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es kam uns zu statten, da wir herreisen wollten.
Geh. Rath. Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter. Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat Dich auch bey mir verleumdet.
Pätus. Seiffenblase gewiß?
Geh. Rath. Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die hier am unrechten Ort wären.
Pätus. Seiffenblase! Ich laß mich hängen.
Geh. Rath. Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben jetzt da?--
Fritz. Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das eben jetzt ists, was ich wissen wollte.
Geh. Rath. Was denn? was denn?
Fritz. Ist Gustchen todt?
Geh. Rath. Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen?
Fritz. Ein Brief von Seiffenblase.
Geh. Rath. Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt?
Fritz. Und entehrt dazu.
Pätus. Es ist ein verleumderischer Schurke!
Geh. Rath. Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig?
Fritz. O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister.
Geh. Rath. Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht.
Pätus. (steht auf) Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen.
Geh. Rath. Wo wollen Sie hin?
Pätus. Ist er in Insterburg?
Geh. Rath. Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?
Pätus. Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe sie gekannt.
Geh. Rath. Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür)
Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden Händen an den Kopf greiffend) Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene) Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein Rausch?--Eine Bezauberung?--
Geh. Rath. Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst noch an Gustchen?
Fritz. Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?
Geh. Rath. Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns die Freud' itzt nicht verderben.
Fritz. (kniend) O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen? Ists wahr, daß sie entehrt ist?
Geh. Rath. Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit.
Fritz. Und hat sich in einen Teich gestürzt?
Geh. Rath. Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt.
Fritz. So falle denn Henkers Beil--Ich bin der Unglücklichste unter den Menschen!
Geh. Rath. Steh' auf! Du bist unschuldig dran--
Fritz. Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust) Schuldig war ich; einzig und allein schuldig. Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!
Geh. Rath. Und was hast Du Dir vorzuwerfen?
Fritz. Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen! wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig auf) Wo ist der Teich?
Geh. Rath. Hier! (führt ihn in die Kammer)
Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey) Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel! Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich an Deinem Halse sterben.
Geh. Rath. (wischt sich die Augen) Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier wäre! (geht hinein.)
Letzte Scene.
Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus.
Major. Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren, und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold einfassen lassen.
Der alte Pätus. O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch durch nichts habe erwiedern können, als Haß und Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen, nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte Verbrechen wieder gut zu machen.
Major. Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine allerliebste närrische Puppe!
Geh. Rath. Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus?
Major. Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns Gustchen so viel erzählt hat.
Der alte Pätus. Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen, was ich für ein Ungeheuer war--
Geh. Rath. Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den Namen zu sagen.
Major. Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins Kanapee) Wo ist sie?
Geh. Rath. Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine Einwilligung geben?
Major. Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel?
Geh. Rath. Ich zweifle.
Major. Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen.
Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt Fritz mit Gustchen heraus)
Major. (fällt ihm um den Hals) Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger. Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.
Fritz. Lassen Sie mich zum Wort kommen.
Major. (drückt ihn immer an die Brust) Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du-- mein Junge bist--
Fritz. In Gustchens Armen beneid' ich keinen König.
Major. So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden haben; sie wird Dir alles erzählt haben--
Fritz. Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer-- macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten, als einen Himmel?
Major. Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft: und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur Gesellschaft mit glücklich.
Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein) Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.
Der alte Pätus. Was hör' ich--Mein Sohn?
Pätus. (fällt ihm um den Hals) Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa, ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.
Der alte Pätus. Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter äußerte.
Pätus. Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen glücklich damit zu machen--
Der alte Pätus. Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure Großmutter für Euch bewiesen hat.
Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und trägts zu Gustchen) Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch Hofmeister.
Major. Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden?
Geh. Rath. Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen wir ein andermal sprechen.
Fritz. (küßt's abermal) Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind! werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.