Der Hofmeister

Chapter 6

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Zu Königsberg in Preußen. Geh. Rath. Gustchen. Major. (stehn in ihrem Hause am Fenster)

Geh. Rath. Ist ers?

Gustchen. Ja, er ist's.

Geh. Rath. Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.

Gustchen. Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten.

Geh. Rath. Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr übel nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase, Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen, Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt; bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel' alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten mich verdammen.

Major. Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Nase erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz! Wie blaß er ist.

Geh. Rath. Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat.

Sechste Scene.

In Leipzig. Pätus. (an einem Tisch und schreibt) Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand)

Pätus. (sieht auf und schreibt fort)

Fritz. Pätus!--Hast zu thun?

Pätus. Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das Schreibzeug weg)

Fritz. Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht das Herz, ihn aufzumachen.

Pätus. Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand?

Fritz. Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl)

Pätus. (liest) "Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere, verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine rasende Orthographie hat.

Fritz. Lies doch nur--

Pätus. "Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie, welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet, weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden, weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen, durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß ists eine Erdichtung--Berg! Berg!

Fritz. Laß mich--Es wird schon übergehn.

Pätus. Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt.

Fritz. O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs noch einmal vor.

Pätus. Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn)

Fritz. Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn) Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein--

Pätus. Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben, daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt--

Fritz. Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr-- Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen, ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein, Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)

Pätus. Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment, daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist, und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst umgebracht...

Fritz. Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich!

Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß) Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben. Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte, Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst.

Fritz. Ich will nach Hause reisen.

Pätus. So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen Augenblick allein.

Fritz. Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig--

Pätus. Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen, ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur--

Siebente Scene.

In Königsberg. Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand) Augustchen. Major.

Geh. Rath. Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die Hand, und seyd Freundinnen.

Gustchen. Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg, wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu unrechter Zeit zu kommen fürchtete.

Jungfer Rehaar. Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.

Geh. Rath. Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt, unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren, aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht-- Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen, bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als es ihr selber nur da gefallen kann--

Major. Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit Ihnen in Insterburg.

Geh. Rath. Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir.

Major. Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du Absichten auf Deinen Sohn?

Geh. Rath. Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? Er verdient's nicht.

Gustchen. Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein minder gütiger Herz bey Ihnen finden?

Geh. Rath. Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen.

Major. Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt; eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch heut auf mein Gut.

Geh. Rath. Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg schlafen.

Achte Scene.

Leipzig. Bergs Zimmer. Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt) Pätus. (stürzt herein)

Pätus. Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott! (greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie) Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein!

Fritz. Bist Du närrisch worden?

Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft alles auf die Erde) Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas-- und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf) Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel, und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen, und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. Juchhei

Neunte Scene.

Die Schule. Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern)

Wenzeslaus. Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat Er sich erbaut?

Läuffer. Gut, recht gut. (seufzt)

Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine Nachtmütze auf) Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen, welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich. Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner, die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm bekennen: Er hat mich geärgert, σκανδαλον ἐδωκας, ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu da nach der Orgel hinunter.

Läuffer. Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange ähnlich.

Wenzeslaus. Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe? Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten; ganz kasuistisch--O! o! o!

Läuffer. Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden.

Wenzeslaus. Er war kasuistisch, mein Freund--

Läuffer. Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt--

Wenzeslaus. Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen: ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen; Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch, aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel, da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still, lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben. Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben-- Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen-- Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen, daß es eine Schande wäre.

Läuffer. Das Bild.

Wenzeslaus. Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr, die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag' Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt, sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm-- Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr' Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude, geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)

(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)

Zehnte Scene.

Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an)

Läuffer. (nähert sich ihr) Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an die Hand) Was führt Dich hieher, Lise?

Lise. Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie-- so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen, ob morgen Kinderlehre seyn wird.

Läuffer. Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich, wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand? Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen so roth? Was willst Du?

Lise. Ob morgen Kinderlehr seyn wird?

Läuffer. Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg-- Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem)

Lise. (will aufstehn) Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind, als ich zur Kirche kam.

Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand) O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals-- Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt?

Lise. (Munter) O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt: ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.

Läuffer. Einen Officier?

Lise. Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag' ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.

Läuffer. Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest Du wohl--Ich Elender!

Lise. O ja, von ganzem Herzen.

Läuffer. Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja noch nicht, was ich fragen wollte.

Lise. (zieht sie weg) O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht, wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie die Soldaten, das wäre zum Sterben.

Läuffer. Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie unglücklich ich bin.

Lise. O pfuy, Herr, was machen Sie?

Läuffer. Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie. Wenzeslaus tritt herein)

Wenzeslaus. Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun, falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt!

Läuffer. Herr Wenzeslaus!

Wenzeslaus. Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer!

Lise. (kniet vor Wenzeslaus) Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.

Wenzeslaus. Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz verführt.

Läuffer. Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.

Lise. Er hat mir nichts Leides gethan.

Wenzeslaus. Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater!

Läuffer. Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat; ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt, welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben.

Wenzeslaus. Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an, der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort, aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender Wolf in Schaafskleidern!

Läuffer. Ich will Lisen heyrathen.

Wenzeslaus. Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch zufrieden?

Lise. O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister.

Läuffer. Ich unglücklicher!

Lise. Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben; ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern haben kann als ihn.

Wenzeslaus. So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht-- Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich.

Lise. Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister? Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen Herrn bekommen könnte--

Wenzeslaus. Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen.

Läuffer. Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey Dir nicht schlafen.

Lise. So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag über beisammen sind und uns so anlachen und uns einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab' ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern.

Läuffer. Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß man thierische Triebe stillt?

Wenzeslaus. Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn.

Lise. Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch, Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste.

Läuffer. (küßt sie) Göttliche Lise!

Wenzeslaus. (reißt sie von einander) Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht', er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio! Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab)

Läuffer. Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden!

Eilfte Scene.

Zu Insterburg.