Chapter 5
Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt) Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen sehen, wir wollen sehen.
Läuffer. Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel Jahre geholfen.
Wenzeslaus. (hebt den Beutel) Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er nicht ins Fenster stecken soll.
Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her) Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr schwer, hoff' ich, sehr schwer--
Wenzeslaus. Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht' ich, das fürcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten.
Schöpsen. Wir wollen sehen.
Vierte Scene.
Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben) Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater! gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt-- sie sind erschöpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und für Gram um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen, mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft dafür zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich auf und wirft sich in Teich.)
Major. (von weitem) Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm)
Major. Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein unglücklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)
Geh. Rath. (kommt) Gott im Himmel! was sollen wir anfangen?
Graf Wermuth. Ich kann nicht schwimmen.
Geh. Rath. Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das Mädchen ... Dort--dort hinten im Gebüsch.--Sehen Sie nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach!
Fünfte Scene.
(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.) "Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter! Graf! reicht mir doch die Stange: daß Euch die schwere Noth."
Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater) Geheimer Rath und Graf. (folgen)
Major. Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein Gustel?--Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen kriechen.--Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend) Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf anzutreffen wäre.--Ist sie noch nicht wach?
Gustchen. (mit schwacher Stimme) Mein Vater!
Major. Was verlangst Du?
Gustchen. Verzeihung.
Major. (geht auf sie zu) Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein, (kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel-- mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und vergessen--Gott weiß es: ich verzeih Dir--Verzeih Du mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt.
Geh. Rath. Ich denke, wir tragen sie fort.
Major. Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen--Ich sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn' ich.--(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)
Sechste Scene.
In Leipzig. Fritz von Berg. Pätus.
Fritz. Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus. Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben, sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern. Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle mögliche Batterien spielen läßt, um es--was soll ich sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel, wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt, als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.
Pätus. Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich, aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich das Mädchen nicht angerührt habe.
Fritz. So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist? Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist Du doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich Dich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß das Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine Musikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles von der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast sie unglücklich gemacht, Pätus.--
(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)
Rehaar. Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl, es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere bringen.
Fritz. (setzt sich mit seiner Laute) Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.
Rehaar. Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen? Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav zurückgepeitscht, bis--Wie heißt doch nun der Ort? Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! (nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.
Fritz. Nicht wahr, das ist der erste Grif?
Rehaar. Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller, rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst-- Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte. Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt' ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht, daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und den Daumen unten nicht bewegt, so--
Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten, tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?
Rehaar. (hebt sich mit der Laute) Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten Serenade, aber er denkt nicht dran...
Pätus. Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart' ich unfehlbar meinen Wechsel.
Rehaar. Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun, man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.
Pätus. Was denn, Vaterchen? ich? ...
Rehaar. (läßt die Dose fallen) Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert. Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst-- Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr, ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher Leute Kinder verführen.
Pätus. Herr, schimpf Er nicht, oder--
Rehaar. Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an-- wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen, das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine Studenten!
Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige) Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!.
Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht) So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme-- Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart, wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart, ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll Dir abgehauen werden--Schlingel! (läuft ab, Pätus will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)
Fritz. Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter Vater, Du hättest ihn schonen sollen.
Pätus. Was schimpfte der Schurke?
Fritz. Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen, aber es möchten sich Leute finden--
Pätus. Was? Was für Leute?
Fritz. Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt, die noch weniger als Weiber sind.
Pätus. Ein schlechter Kerl?
Fritz. Du sollst ihm öffentlich abbitten.
Pätus. Mit meinem Stock.
Fritz. So werd ich Dir in seinem Namen antworten.
Pätus. (schreyt) Was willst Du von mir?
Fritz. Genugthuung für Rehaarn.
Pätus. Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältiger Mensch--
Fritz. Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn.
Pätus. Du bist einer--Du mußt Dich mit mir schlagen.
Fritz. Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst.
Pätus. Nimmermehr.
Fritz. Es wird sich zeigen.
Fünfter Akt.
Erste Scene.
Die Schule. Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm)
Marthe. Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat.
Läuffer. (giebt ihr was) Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?
Marthe. Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt' auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit!
Läuffer. Warum thut Ihr den Wunsch?
Marthe. Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn.
Läuffer. O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind?
Marthe. Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen; ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit.
Läuffer. Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Daß ichs an mein Herz drücken kann--Du gehst mir auf, furchtbares Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)
Marthe. Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen, mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus)
Zweyte Scene.
Ein Wäldchen vor Leipzig. Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen) Rehaar.
Fritz. Wird es bald?
Pätus. Willst Du anfangen?
Fritz. Stoß Du zuerst.
Pätus. (wirft den Degen weg) Ich kann mich mit Dir nicht schlagen.
Fritz. Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so muß ich Dir Genugthuung geben.
Pätus. Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch keine Genugthuung von Dir.
Fritz. Du beleidigst mich.
Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn) Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. Ich kenne Dein Gemüth--und ein Gedanke daran macht mich zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber schlagen, aber nicht gegen Dich.
Fritz. So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab von hier.
Pätus. Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt.
Fritz. Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht geschlagen--Frisch Rehaar, zieht!
Rehaar. (zieht) Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben.
Fritz. Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?
Rehaar. Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stößt auf ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. (stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen)
Fritz. Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar. Pfuy!
Rehaar. Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe?
Fritz. Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.
Pätus. Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren, Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's, diese Rache ist noch viel zu gering für die Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen. In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß. (umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen?
Rehaar. Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt: mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers-- Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.
Fritz. Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die Gesundheit Ihrer Tochter trinken.
Rehaar. Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen. Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt, und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird.
Pätus. Und ich will die Violin dazu streichen.
Dritte Scene.
Die Schule. Läuffer. (liegt zu Bette.) Wenzeslaus.
Wenzeslaus. Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich von der Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach? Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr.
Läuffer. Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen.
Wenzeslaus. Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen?
Läuffer. Nein.
Wenzeslaus. Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, daß es einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir, was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen hätte-- Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Behüt Gott, ich muß doch nur zu Schöpsen--
Läuffer. Bleibt--Ich weiß nicht, ob ich recht gethan--Ich habe mich kastrirt...
Wenzeslaus. Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt. Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und Evoë zu, mein geistlicher Sohn--Wär' ich nicht über die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß ich würde mich keinen Augenblick bedenken.--
Läuffer. Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich.
Wenzeslaus. Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder! Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck' Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit: ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel, Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet, meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt' ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was hinunter geht, Teufel, das ist für Dich--Ja wo war ich?
Läuffer. Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ... Reue, Verzweiflung--
Wenzeslaus. Ja, nun hab ichs--Die Essäer, sag' ich, haben auch nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich, nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.
Läuffer. Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen.
Wenzeslaus. Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern wird. (geht ab)
Läuffer. Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer. O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden.
Vierte Scene.
In Leipzig.
Fritz von Berg und Rehaar. (begegnen sich auf der Straße)
Rehaar. Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben; hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da wäre--O wie bin ich gesprungen!
Fritz. Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase?
Rehaar. Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich gesprungen--Er ist in Königsberg, der Herr von Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann, was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.
Fritz. (zieht die Uhr aus) Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium--Sagen Sie Pätus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab)
Rehaar. (ruft ihm nach) Auf den Nachmittag--Konzertchen!--
Fünfte Scene.