Chapter 3
Pätus. (allein) Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es soll dir zu Hause kommen! (geht)
Vierte Scene.
Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.
Jungfer Knicks. Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an die Mauer schlug und überlaut schreyen muste.
Frau Hamster. Wer war es denn?
Jungfer Knicks. Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn.
Frau Hamster. Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!
Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf) Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey krank.
Jungfer Knicks. Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das war unvergleichlich!
Frau Hamster. Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn wütig.
Jungfer Knicks. Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen darum, daß ich das nicht gesehen.
Fünfte Scene.
In Heidelbrunn. Augustchens Zimmer. Gustchen. (liegt auf dem Bette) Läuffer. (sitzt am Bette)
Läuffer. Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht. Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? Ich muß quittiren.
Gustchen. Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich: meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden; mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.
Läuffer. Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst; nach Insterburg.
Gustchen. Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus giebt.
Läuffer. Mit dem verfluchten Adelstolz!
Gustchen. (nimmt seine Hand) Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht!
Läuffer. Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld zuletzt auf mich geschoben.
Gustchen. Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich.
Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu Zeit an die Lippen zu bringen.) Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen)
Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime) O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!
Läuffer. (sieht auf) Was schwärmst Du wieder?
Gustchen. Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen... Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) O göttlicher Romeo!
Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie eine Weile stumm an) Es könnte mir gehen wie Abälard--
Gustchen. (richtet sich auf) Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth-- Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast Du die neue Heloise gelesen?
Läuffer. Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.--
Gustchen. Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey Viertelstund zu lang hiergeblieben.
(Läuffer läuft fort)
Sechste Scene.
Die Majorin. Graf Wermuth.
Graf. Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die vorgestrige Jagd?
Majorin. Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen. Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?
Graf. O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey ausgetrunken.
Majorin. Rheinwein wollten Sie sagen.
Graf. Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag getanzt und ich Geld verloren.
Majorin. Wollen wir ein Piquet machen?
Graf. Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.
Majorin. Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber zu machen.
Graf. Er scheint melancholisch.
Majorin. Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich-- He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon.
Graf. Und hat sich ...
Majorin. Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng. Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)
Graf. (faßt sie ans Kinn) Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar zu gern mit ihr spatzieren gehn.
Majorin. Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm gehen, Graf.
Graf. Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.
Majorin. Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was unausstehliches, wie faul das Mädchen ist--
(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen Strohhut auf.)
Majorin. Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major? Wir sind itzt in den Hundstagen.
Graf. In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.
Majorin. Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben, der die Aufsicht über Dich führt.
Major. Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter einen Platz im Hospital auszumachen.
Majorin. Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen lassen.
Major. Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht hätte--Es frißt mir die Leber ab--
Majorin. Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld daran? Bist du denn wahnwitzig?
Major. Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner! nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)
Majorin. Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen gesehen?
Graf. Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein Gustchen angezogen ist..
Siebente Scene.
In Halle. Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk. von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn)
Bollwerk. Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög' ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte, wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus! Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!--
Hofmeister. Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit. Es hat schon einer von den sieben Weisen Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will, denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft suchte.
Herr von Seiffenblase. Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug. Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das um eines lüderlichen Studenten willen.
Fritz. Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an? Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.
Hofmeister. Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht, daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben--
Fritz. Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz nach Hause brachte.
Hofmeister. O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die treuherzigen Spitzbuben...
Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals) Bruder Berg--
Fritz v. Berg. Bruder Pätus--
Pätus. Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! Schicksal! Schicksal!
Fritz. Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen?
Pätus. Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen-- Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel!
Fritz. So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig? Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk, führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind, wo Du nicht im Augenblick--
Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen)
Fritz. Ich möchte rasend werden.--
Bollwerk. So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß verfaulen.
Pätus. Gebt mir einen Degen her ...
Fritz. Fort!--
Bollwerk. Fort!--
Pätus. Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen Degen--
Seiffenblase. Da haben Sie meinen...
Bollwerk. (greift ihn in den Arm) Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein! Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich hier--Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus)
Hofmeister. Mein Herr Bollwerk--
Bollwerk. Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie können mich haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab)
Pätus. Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn.
Bollwerk. Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß.
Pätus. Aber ihrer sind zwey.
Bollwerk. Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keine Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.
Pätus. Berg!--(Bollwerk reißt ihn mit sich fort)
Dritter Akt.
Erste Scene.
In Heidelbrunn.
Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath.
Major. Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut, daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr sehen.
Geh. Rath. Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken--Dir ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.
Major. Ihre Schönheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben, verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab den Tod vor Augen gesehen und bin--O laß mich zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden.
Geh. Rath. Und Frau und Kinder--
Major. Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit meiner Hack' über die Ohren.
Geh. Rath. So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie gesehen.
(Die Majorin stützt herein.)
Majorin. Zu Hülfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie! unsere Familie!
Geh. Rath. Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen Sie Ihren Mann rasend machen?
Majorin. Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!-- O ich kann nicht mehr--(fällt auf einen Stuhl)
Major. (geht auf sie zu) Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir den Hals um.
Majorin. Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fällt in Ohnmacht)
Major. Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand-- (will gehen)
Geh. Rath. (hält ihn zurück) Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier-- Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich unmündig. (geht ab und schließt die Thür zu)
Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen) Ich werd Dich beunmündig--(zu seiner Frau) Komm, komm, Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt! (schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)
Zweyte Scene.
Eine Schule im Dorf Es ist finstrer Abend. Wenzeslaus. Läuffer.
Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der Nase und lineirt) Wer da? Was giebts?
Läuffer. Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht mir nach dem Leben.
Wenzeslaus. Wer ist Er denn?
Läuffer. Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der Major Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen mich erschießen.
Wenzeslaus. Behüte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier schreibe.
Läuffer. Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen.
Wenzeslaus. Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken. Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf) wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm reden hören; er soll freilich von einem hastigen Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, denn nichts lernen die Bursche so schwer als das Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften, in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht grad handeln--Wo waren wir?
Läuffer. Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten?
Wenzeslaus. Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir? Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name?
Läuffer. Mein--Ich heiße--Mandel.
Wenzeslaus. Herr Mandel--Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes; besonders die jungen Herren weiß und roth--Sie heißen unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe--Nun ja freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister sind alle in einer--Hitze, in einer--
Läuffer. Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine Kammer)
(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen tragen)
Graf. Ist hier ein gewisser Läuffer--Ein Student im blauen Rock mit Tressen?
Wenzeslaus. Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn vom Hause spricht.
Graf. Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht?
Wenzeslaus. Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(faßt ihn an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten folgen ihm)
Läuffer. (springt aus der Kammer hervor) Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!