Chapter 2
Geh. Rath. Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor, und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken. Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld, das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb zu werden.
Pastor. Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten; hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle Billigkeit! Verzeihn Sie mir.
Geh. Rath. Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe. Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf, und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches, und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet sich selbst.
Pastor. Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch gern gefallen, nur--
Geh. Rath. Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt, der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter, ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die wider seine Grundsätze läuft...
Pastor. Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition aufsagten?
Geh. Rath. Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er, über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß, ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch, ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle, die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?
Pastor. Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.
Geh. Rath. Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel tragen und im Kopf ist leer Papier ...
Pastor. Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.--
Geh. Rath. Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu nichts.
Pastor. Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die Ehre--
Geh. Rath. Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt' ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur den Gegenstand, von dem ich spreche.
Pastor. Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt hätten?
Geh. Rath. Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.
Pastor. Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr! Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.-- Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten--
Geh. Rath. Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu werden, und das junge Herrchen, anstatt seine Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten, die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen, um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere, und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.
Pastor. Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr; aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer Meinung seyn wird.
Geh. Rath. So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment, was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz' auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt, den Boden immer wieder ausschlagen?
Pastor. Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um) Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht von subsistiren.
Geh. Rath. Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor! Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles umsonst, sag ich Ihnen.
Pastor. Lesen Sie--Lesen Sie nur.--
Geh. Rath. Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen, --Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte, fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er ein Narr und bleibt da?
Pastor. Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf) Belieben Sie doch nur auszulesen.
Geh. Rath. Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes-- Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein Kind nicht verwahrlosen.
Zweyte Scene.
In Heidelbrunn. Gustchen. Läuffer.
Gustchen. Was fehlt ihnen dann?
Läuffer. Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.
Gustchen. Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig noch nicht Zeit gehabt.
Läuffer. Grausame!
Gustchen. Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, Sie essen nichts.
Läuffer. Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster des Mitleidens.
Gustchen. O Herr Hofmeister--
Läuffer. Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?
Gustchen. (faßt ihn an die Hand) Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende Art.
Läuffer. So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke, wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein Vergnügen länger.
Gustchen. (halbweinend) Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das einzige, was ich mit Lust thue.
Läuffer. Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht anzunehmen.
Gustchen. Herr Läuffer--
Läuffer. Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten ist--
Gustchen. Herr Läuffer--
Läuffer. Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.)
Gustchen. Wie dauert er mich!
Dritte Scene.
Zu Halle in Sachsen. Pätus Zimmer. Fritz von Berg. Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)
Pätus. Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir umzugehen.
Fritz. Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht. Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh' ich, aber das hat seine Ursachen--
Pätus. Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? Das ist keine Stube für Dich--
Fritz. Was zahlst Du hier?
Pätus. Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak; alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.
Fritz. Bist du jetzt viel schuldig?
Pätus. Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr, diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn wieder einlösen kann.
Fritz. Und wie machst Dus denn itzt?
Pätus. Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins Bett ...
Fritz. Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen.
Pätus. Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich schon breiter thun--Frau ...
Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)
Pätus. In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine Stunde--
Frau Blitzer. Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter--
Pätus. (gießt sich ein) Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo ist denn Zwieback?
Frau Blitzer. Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause. Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle Nachmittag Zwieback frißt oder nicht--
Pätus. Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus--
Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze, wobey sie ihn an den Haaren zupft.) Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf heraus.
Pätus. (trinkt) Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben keinen bessern getrunken.
Frau Blitzer. Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest, die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig-- (geht ab)
Pätus. Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh' ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch ich was ...
Fritz. (trinkt.) Der Kaffee schmeckt nach Gerste.
Pätus. Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden jährlich!--
Frau Blitzer. (stürzt herein) Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend oder plagt Ihn gar der Teufel?--
Pätus. Still Mutter!
Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey) Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.
Pätus. Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst-- Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand?
Frau Blitzer. Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen lassen. (läuft heraus)
Pätus. (lachend) Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen lassen.
Fritz. Aber für Dein Geld?
Pätus. Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das Leder voll--Siehst Du wohl!
Fritz. Hast Du Feder und Tinte?
Pätus. Dort auf dem Fenster--
Fritz. Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe nie was auf Ahndungen gehalten.
Pätus. Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen würde.
Fritz. Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an ein Fenster nieder und schreibt)
Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an der Wand hängt) Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke, daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir, der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen, er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht! (faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just mir nicht, just mir nicht!--
Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner Arbeit? Wollen wir?
Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl) Laß mich zufrieden.
Bollwerk. Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, wenn er sie Dir nicht macht!
Pätus. (heftig) Laß mich zufrieden, sag ich Dir.
Bollwerk. Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht wahr Pä Pä Pätus?
Pätus. Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.
Bollwerk. Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit in die Komödie?
Fritz. (zerstreut) Was?--Was für Komödie?
Bollwerk. Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben. Man giebt heut Minna von Barnhelm.
Fritz. O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich) Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.--
Bollwerk. Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe-- (gehn ab)