Part 9
Der Hodscha war zum Lehrer und Hofmeister des Sohnes des Königs bestellt worden. Nun empfahl er sich bei dem Prinzen regelmäßig, wann zum Mittagsgebete gerufen wurde. Einmal aber fuhr der Hodscha trotz diesem Rufe mit der Brille auf der Nase fort zu lesen; da sagte der Prinz: »Es ist das Zeichen zum Gebete gegeben worden; wir sind jetzt frei.«
Der Hodscha antwortete: »Ich habe es nicht gehört.«
»Wenn das so ist,« sagte der Prinz, »dann hättest du die Brille über die Ohren nehmen sollen statt über die Augen.«
206.
Eines Tages wurde ein junger Geck, Desdar Oglu mit Namen, von einem reichen Manne zu Tische geladen. Es wurde aber weder Pilaf, noch Fleisch aufgetragen, sondern nur eine Suppe, bei der man mit dem Reis sehr sparsam umgegangen war; und der Geck fragte recht unschicklich: »Was für eine Suppe ist das?«
Darauf antwortete ihm einer: »Der Herr pflegt wohl häufig auf die Jagd zu gehn? Hunde hat er ja genug.«
»Freilich,« antwortete Desdar Oglu, »ich habe mehr als ich brauchte: der eine jagt das Rebhuhn, der andere die Wachtel, ein dritter das Haselhuhn.«
Und der Schalk sagte weiter: »Da fehlt dir noch immer einer.« »Welcher?« »Einer, der in dieser Suppe Reis aufspüren würde.«
207.
Der Hodscha kam heim und sagte zu seiner Frau: »Koch uns heute einen Pilaf, damit wir uns wohl gesättigt schlafen legen können; heute fühle ich mich einmal frei von aller Traurigkeit.«
Die Frau kochte den Pilaf; sie aßen ihn und gingen zu Bette. Kaum lagen sie aber, als an die Tür gepocht wurde. Der Hodscha sagte zu seiner Frau: »Geh, sieh nach, wer es ist.«
Die Frau ging zur Tür und sagte: »Wer ist da?«
»Meine Eselin hat geworfen,« sagte ein Nachbar; »aber das Junge hat weder Schwanz noch Ohren.«
Nun fragte der Hodscha: »Was gibts denn?« und die Frau antwortete: »Uns geht es eigentlich nichts an; der Nachbar ist da: seine Eselin hat ein Junges ohne Schwanz und Ohren geworfen.«
Darauf sagte der Hodscha: »Ich kann nicht mehr liegen bleiben; meine Ruhe ist weg.«
»Was beschäftigt dich denn so sehr?«
»Wenn dieser Esel«, sagte der Hodscha, »zwei oder drei Jahre alt wird, und man führt ihn ins Holz, und wenn dann der Weg kotig ist, wo soll denn der Dreck an ihm haften bleiben, ohne Schwanz und Ohren, wie er ist? Das bringt mich um meine Ruhe; stehn wir auf, Weib.«
208.
Der Hodscha ging einmal an den Rand eines Baches und befriedigte ein gewisses Bedürfnis; dann sah er, wie das, dessen er sich entledigt hatte, wegschwamm. Da schrie er: »Das Ende der Welt kommt heran und darüber kann es keinen Zweifel geben; denn das unreine Ding da lehrt uns schwimmen und über das Wasser zu setzen.«
209.
Der Hodscha wurde gefragt: »Wann wird denn der Tag des Tumultes, der geweissagt ist, kommen?«
»Von welchem Tumult sprecht ihr?« antwortete der Hodscha; »von dem großen oder von dem kleinen?«
»Was heißt das, der große und der kleine?«
»Der kleine ist der, den meine Frau macht; der große kommt, wenn ich zornig werde.«
210.
Eines Tages gingen der Sultan Murad und Husejn Pascha, der Narr, als Derwische verkleidet, den Bosporus entlang. Als sie an einen Ort kamen, wo die Leute zu lustwandeln pflegten, bekamen sie Lust auf Kaffe. Husejn Pascha sagte: »Da wir kein Feuer haben, will ich Holz sammeln gehn.« Als er es gebracht hatte, schichtete es der Sultan auf und begann das Feuer anzufachen; da er aber zerstreut war, ließ er es zu viel brennen. Husejn Pascha bemerkte das und schrie, wie er es mit seinem Knechte getan hätte, um ihn zur Achtsamkeit zu mahnen: »Du Sklavenbengel, du Hurensohn!«, ohne zu denken, daß er damit auf die Abstammung der Sultane anspielte, die alle Kinder von Sklavinnen waren.
»Dein Glück,« sagte der Padischah, »daß du das im Scherze gesagt hast; sonst hätte ich dich getötet.«
211.
Ein junger Mann ohne Erfahrung hatte auf einer Reise eine kleine Auswahl chinesischen Porzellans gekauft. Im Hafen angelangt und eben im Begriffe sich auszuschiffen, faßte er den Plan, sein Porzellan wegtragen zu lassen, ohne den Träger für seine Mühe zu bezahlen. Er sagte zu einem Träger: »Was für ein Landsmann bist du?«
Der antwortete: »Ich bin ein Anatolier und aus Tasch-Köprü.«
»Aha,« dachte der junge Mann, »ein Dummkopf von einem Türken.« Und er sagte zu ihm: »Wenn du mir diesen Pack in mein Karawanserai trägst, so werde ich dir drei gute Ratschläge geben.«
»Einverstanden,« antwortete der Türke dem schlauen Gesellen. Er nahm die Last auf und trug sie in das Karawanserai; als er dort ein paar Stufen emporgestiegen war, sagte er: »Nun höre ich.«
Der andere sagte: »Wenn man dir sagt, daß der Hunger der Sättigung vorzuziehen sei, so glaube es nicht.«
»Ich verstehe,« sagte der Träger und ging wieder ein paar Stufen weiter; dann sagte er: »Was hast du mir noch zu sagen?«
»Wenn man dir sagt, die Armut sei besser als der Reichtum, so glaube es nicht.«
Der Träger ging weiter und bat ihn nach einigen Stufen wieder, zu sprechen.
»Zum dritten: wenn man dir sagt, daß es besser ist, zu Fuße zu gehn als zu reiten, so glaube es nicht; das sind die Ratschläge, die ich dir zu geben habe.«
Der Träger stieg die Treppe vollends hinauf; und als er oben war, warf er seine Last hinunter.
Der junge Mann schrie: »Was machst du da?«
Und der Träger sagte: »Wenn man dir sagt, daß in dem Pack da ein einziges Stück ganz ist, so glaube es nicht.«
212.
Man erzählt, daß Nasreddin-Effendi einen Bruder hatte; sie waren beide unbeweibt, verlangten aber zu heiraten. Schließlich fanden sie zwei Mädchen nach ihren Wünschen; sie heirateten beide, und jeder gründete einen Hausstand. Nun kam einmal der Bruder des Hodschas zu diesem auf Besuch; da sah er, daß des Hodschas Frau fröhlich war, lachte und scherzte, während die seinige außerordentlich ernst war. Und er sagte zu Nasreddin: »Du bist mein Bruder; sei also so gut und sage mir, wie du es angestellt hast, daß deine Frau so vergnügter Laune ist: ich will es dann mit der meinigen ebenso machen.«
»Umsonst verrate ich es dir nicht,« sagte der Hodscha; »wenn du mir aber einen vollständigen Anzug gibst, so will ich es zuwege bringen, daß sie lacht.«
Der Bruder sagte: »Das verspreche ich dir.«
Und der Hodscha fuhr fort: »Lade mich also an einem Abende ein. Nachdem du ein bißchen verweilt hast, so laß dich wegholen; befiehl aber deiner Frau, daß sie sich nicht eher schlafen lege als ich, was immer ich sagen würde und wie dringlich auch meine Aufforderungen seien. Wann du ihr das gesagt hast, geh weg.«
Der Bruder lud den Hodscha vereinbartermaßen ein; nach dem Rufe zum Abendgebete waren sie alle drei beisammen, als der Hausherr, wie abgemacht, geholt wurde. Er erteilte seiner Frau die besprochenen Anordnungen und ging weg. Von nun an sprach der Hodscha kein Wort mehr mit seiner Schwägerin, mit der er ganz allein war; sie wurde es bald müde, auf unbestimmte Zeit aufbleiben zu sollen, und verspürte die ersten Anzeichen der Schläfrigkeit. Drum sagte sie zum Hodscha: »Gestatte, Effendi, daß dir ein Bett bereitet wird; du wirst dich ein wenig ausruhen.«
Aber der Hodscha antwortete: »Ich will nicht schlafen.«
»Warum denn nicht?«
»Ich fürchte, daß, wann ich schlafe, die Mäuse kommen und mir den Kopf fressen.«
»Und wie weichst du dem aus, wenn du zu Hause bist?«
»Wann ich zu Hause schlafen gehe, lege ich meinen Kopf in die Hände meiner Frau und sie läßt das Licht brennen; geht sie dann später selber schlafen, so nimmt eine Sklavin ihre Stelle ein.«
Seine Schwägerin sagte: »Wir werden dasselbe tun.« Augenblicklich bereiteten die Sklavinnen ein Bett und die Frau setzte sich nieder und nahm den Kopf des Hodschas in ihre Hände; da sie dessen bald müde wurde, rief sie eine ihrer Sklavinnen und übergab ihr dieses Geschäft. Bald darauf schliefen die Herrin und die andern Frauen ein. Nun stand der Hodscha leise auf, blies das Licht aus, nahm seinen Sik heraus, gab ihn der Sklavin in die Hand, legte sich nieder und begann zu piepen wie eine Maus. Auf das Geräusch erwachte seine Schwägerin; da sah sie, daß das Licht erloschen und die Sklavin eingeschlafen war. »Nichtsnutziges Ding,« schrie sie, »wie kannst du schlafen? Jetzt werden die Mäuse den Kopf des Effendis fressen.«
Die Sklavin antwortete: »Ich weiß nicht, ob das nicht schon geschehn ist; er ist schon ganz klein.«
Die Herrin begann das junge Mädchen zu beschimpfen; als sie aber das Licht anzündete, sah sie, was die Sklavin in der Hand hatte. In demselben Augenblicke sprang der Hodscha auf, lief zur Tür und ließ seinen Bruder eintreten, und der sah nun, wie seine Frau aus vollem Halse lachte und keines Wortes fähig war. Da er aus ihr nichts herausbringen konnte, ging er wieder zum Hodscha, der draußen geblieben war, und fragte ihn: »Was hast du denn also getan?«
»Ach,« sagte der Hodscha, »wenn du das ganze gesehn hättest, du hättest wohl lachen müssen bis zu deinem letzten Stündlein.«
213.
Eines Tages versammelten sich die Mäuse, um Rat zu halten, und sie sagten: »Was werden wir noch alles von der Katze leiden müssen, wenn wir kein Mittel entdecken, um uns vor ihr zu schützen?« Nachdem jede gesprochen hatte, überwog der Rat, ein Glöckchen zu verfertigen und es der Katze um den Hals zu hängen; »wenn wir das Geklingel hören,« dachten sie, »wollen wir Reißaus nehmen.«
»Ich liefere das Stückgut,« sagte die eine. »Ich die Kohle,« sagte die andere. »Ich das Kupfer,« sagte die dritte. Nur eine alte Maus verhielt sich ganz still, bis die andern sagten: »Rede doch auch du; du hast ja in diesem Lande schon so viele Jahre verrinnen sehn.«
Da sagte die alte Maus: »Ihr habt bei euerer Überlegung etwas wesentliches vergessen: ich bin bereit, das Glöckchen ganz zu liefern; aber wer von euch wird es der Katze an den Hals hängen?«
214.
Einst wurde ein bejahrter Christ Muselman. Sechs Monate nach seiner Bekehrung führte ihn der Gebetsaufseher vor den Kadi und klagte ihn an, er erfülle nicht die verordneten Gebete; der Kadi, der derselbe war, in dessen Hände der Greis abgeschworen hatte, fragte ihn: »Warum unterziehst du dich nicht den vorgeschriebenen Gebeten?«
»Effendi,« antwortete der Angeklagte, »in deiner Gegenwart war es, daß ich meinem alten Glauben entsagt habe, und du hast damals zu mir gesagt: ›Nun bist du rein aller Sünden; du bist jetzt so, als ob du ein zweites Mal aus dem Mutterleibe gekommen wärest.‹«
Der Kadi antwortete: »Das sind meine Worte.«
Und der Greis fuhr fort: »Freilich, und seither sind nicht mehr als sechs Monate verstrichen; betet denn ein Kind in diesem Alter?«
215.
Zwei Leute führten eines Rinds halber einen Rechtshandel. Jeder ging, ohne daß es der andere gewußt hätte, zum Kadi und drückte ihm zweihundert Asper in die Hand, um ihn sich geneigt zu machen. Als dann der Spruch gefällt werden sollte, erschienen die Streitenden und brachten das Rind mit; und der Kadi fragte den, der es hielt: »Wieviel ist das Rind wert?«
»Vierhundert Asper,« war die Antwort.
Da sagte der Kadi: »Wenn dem so ist, was brauchen wir uns weiter damit zu beschäftigen? Jeder von euch hat mir zweihundert Asper gegeben; damit ist also die Sache erledigt.«
Die beiden Gegner befragten einander, als sie weggingen, und vernahmen also, daß sie jeder dem Kadi ein Geschenk von zweihundert Asper gemacht hatten; und sie sagten: »Es hat keinen Sinn, den Streit weiterzuführen; das Rind hat ja schon der Kadi aufgegessen.«
216.
Es war einmal einer, der fühlte, daß er krank war; da sich sein Zustand verschlimmerte, ließ er einen Arzt rufen. Der Arzt untersuchte ihn und sagte ihm, daß ihm in diesem Falle ein einjähriger Essig gut tun würde. Der Kranke ging also, um einen Freund darum zu bitten, und der sagte: »Es trifft sich gut, daß ich gerade einen solchen habe.«
Einer, der vorbeiging, hatte ihr Gespräch gehört; deshalb sagte er: »Bruder, möchtest du nicht die Güte haben, mir auch etwas von diesem Essig zu geben?«
Und der Freund antwortete: »Hätte ich einem jeden gegeben, der Bedarf danach gehabt hätte, so wäre er kein Jahr alt geworden.«
217.
Ein Sultan und Chalif von Bagdad pflegte die Verse, die ihm gebracht wurden, abzuwägen und nach ihrem Gewichte die Dichter zu bezahlen. Nun verfaßte ein Dichter, der diese Gewohnheit des Chalifen nicht kannte, einen Lobgesang auf ihn in der Absicht, ihn ihm zu überreichen. Da sagte ihm einer: »Du machst dir umsonst viel Mühe; weißt du denn nicht, wie es unser Padischah zu halten pflegt? Er bezahlt die Dichter nach dem Gewichte ihrer Werke.«
»Danke schön,« sagte der Dichter; und er schrieb ein Gedicht auf einen großen Marmorblock. Den ließ er von Leuten, die ihn an einem Barren aufhängten, zum Palaste bringen und ging selbst mit, um ihn dem Padischah darzubringen. Der Padischah, der sofort sah, worum es sich handelte, sagte zu seinem Wesir: »Jetzt gilt es, sich auf eine anständige Art aus dem Handel zu ziehen.«
»Wie das?« fragte der Wesir.
»Wir werden uns«, antwortete der Chalif, »mit tausend Golddukaten ausgleichen.«
218.
Einmal sagte ein Kaufmann zu seinem indischen Sklaven: »Vorwärts, wir gehn auf den Abtritt.«
Der Sklave füllte die Kanne mit Wasser[97], sah aber sofort, daß sie ein Loch hatte, weil alles Wasser auslief; da sagte er zu seinem Herrn: »Herr, die Kanne hält kein Wasser; wasch dich also zuerst, und dann geh erst dein Bedürfnis verrichten.«
219.
Einer begegnete einmal einem Dämon, der auf seinen Schultern einen alten jüdischen Rabbi trug; und der Rabbi schlug und mißhandelte den Dämon und zwang ihn auszuschreiten. Und der Mann fragte ihn: »Warum trägst du einen, der dich schlägt und mißhandelt?«
Darauf antwortete der Teufel — er sei verflucht —: »Er gebraucht irgendeine verruchte Tücke, die meinen Verstand übersteigt; durch angestrengte Aufmerksamkeit wird es mir vielleicht gelingen, dahinterzukommen.«
Der Fluch Gottes sei über ihnen beiden!
220.
Einmal hatte ein Schüler des berühmten Mewlana Dschami Gedichte verfaßt und sie in einem Diwan vereinigt. Mewlana Dschami sah das Buch durch und überzeugte sich, daß es von unzusammenhängenden Worten, von Nachlässigkeiten und von Albernheiten strotzte; da er ein solches Machwerk nicht loben konnte, sagte er ironisch: »Gott segne dich! du hast da einen gewaltigen Diwan verfaßt.«
Der Dummkopf blähte sich über diese Schmeichelei und antwortete: »Es ist ein Diwan, den der heutige Dichtertroß gar nicht erfaßt.«
»Das stimmt,« sagte Mewlana Dschami; »ich habe nicht ein Wort verstanden.«
221.
Als Bani-Tschokar einmal im Bade war, trat ein Badediener, einer von denen, die nicht rasieren, zu ihm und wollte ihn mit dem Wollhandschuh abreiben; doch Bani sagte: »Ich will nicht geknetet werden; rasiere mir aber den Kopf.«
Bald merkte er, daß das Rasiermesser nichts schnitt; da sagte er zu dem Bader: »Gib acht! du wirst mich wirklich rasieren, wenn du nicht acht gibst.«
222.
Ein Kadi kam auf einer Bereisung in ein Dorf in der Umgebung von Konia. Er befragte die Bauern über das Gebet und befahl einem von ihnen, der etwas weniger unwissend schien als die andern, ihm zu sagen, wie oft man am Morgen beten solle; der antwortete: »Zwanzigmal.«
»Schweig,« sagte der Kadi; »du bist ein Esel.«
Da sagte ein anderer: »Man betet viermal.«
Aber der erste sagte: »Ich habe ja schon zwanzig gesagt! das muß doch besser sein.«
223.
Eines Tages ging ein Bauer einer gewissen Sache halber zum Kadi; er dachte aber, er werde bei diesem besonders gut ankommen, wenn er recht verschwenderisch mit den Titeln sei, und so sagte er beim Eintritte: »Heil über dich, gnädigster Herr Prophet!«
Aber der Kadi sagte: »Schweig; du bist ein Einfaltspinsel.«
»Habe ich denn in meiner Rede die Gesetze der Sprache verletzt?«
Der Kadi befahl: »Züchtigt mir diesen Dummkopf!« Und die Schergen prügelten ihn durch.
Nun sagte der Kadi: »Warum sprichst du mich in dieser Weise an? Das ist die Rede eines nichtsnutzigen Menschen.«
Und der Bauer antwortete: »Ich war verwirrt, du Schwein; ich war verwirrt.«
224.
Eines Tages ging ein Herr ins Bad; dort stahl man ihm sein Tekjeh[98]. Als er wegging, sagte er zum Bademeister: »Du hast mir mein Tekjeh gestohlen.«
Der Bademeister antwortete ihm: »Du bist bloßköpfig ins Bad gekommen.«
Da schrie der Bestohlene, indem er sich an die andern Anwesenden wandte: »Hört, Leute, seht euch meinen Kopf an, und dann sagt, ob ich bloßköpfig gekommen sein kann.«
Sein Kopf war ganz voll Grind.
225.
In Adrianopel, der wohlbehüteten, war einmal ein Dichter, Silani mit Namen, und der trug eines Tages dem Volke ein ganz jämmerlich schlechtes Gedicht vor. Die Zuhörer begannen zu lachen.
»Da sieht man,« rief Silani, sich selber lobend, »daß meine Werke nicht zur weinerlichen Gattung gehören.«
226.
Ein Dichter, der einst der Günstling der Wesire gewesen war, erblindete am Ende seiner Tage; nun gab er Unterricht und ließ sich von seinem Knaben von Tür zu Tür führen. Da träumte einmal einem der Wesire, daß er ihn also herabgekommen sehe. Der Wesir rief sich alle Einzelheiten der Vergangenheit dieses armen Menschen ins Gedächtnis, und am Morgen ging er ihn aufsuchen und sagte zu ihm: »Kennst du mich?«
»Warum sollte ich dich nicht kennen? wenn ich auch das Gesicht verloren habe, so ist mir doch das Gehör geblieben. Früher habe ich deine gütigen Wohltaten genossen; bist du nicht derundder Pascha?«
Der Wesir fuhr fort: »Und dieser Knabe, ist er dein Sohn?«
»Er ist mein Knabe und dein Diener.«
»Kann er lesen?«
»Freilich.«
»Und was liest er denn?«
»Er sieht die jämmerliche Lage, worin sich sein Vater befindet; drum liest er Verwünschungen gegen die, die ihn ohne Unterstützung seinem unglücklichen Schicksal überlassen.«
227.
Ein Kalender verabsäumte es, im Ramasan die vorgeschriebenen Fasten einzuhalten; andererseits aber unterließ er es nicht, allnächtlich kurz vor Sonnenaufgang zu essen. Man fragte ihn: »Da du bei Tage keineswegs fastest, warum ißt du dann vor Tagesanbruch?«
Und der Kalender antwortete: »Wenn einer nicht nur das Gesetz, sondern auch die Überlieferung außer acht ließe, müßte denn der nicht zu den Ungläubigen gezählt werden?«
228.
Als der Hodscha einmal ackerte, riß ein Riemen. Sofort wickelte er seinen Turban ab, band ihn an die Stelle des Riemens an den Ochsen und den Pflug, packte den Stachel und trieb den Ochsen an; der nahm einen Ruck, so daß der Turban auf Stücke ging, und kehrte sich um. Da schrie der Hodscha: »So ein dummes Vieh! zieht es an einem Turban ebenso stark wie an einem Riemen!«
229.
Der Hodscha erging sich eines Tages mit seinem Sohne, als sie einem Leichenzuge begegneten; und hinter dem Zuge kam die junge Gattin des Verstorbenen, die ihren Schmerz in bittern Klagen ausströmte: »Noch heute hat er gegessen, getrunken und unter der Decke geschlafen; und jetzt bringt man ihn an einen Ort, wo es nichts zu essen gibt und nichts zu trinken, keine Decke, kein Bett, ja nicht einmal eine Matte.«
»Vater,« sagte der Sohn des Hodschas, »bringt man den Toten zu uns?«
230.
In einer fremden Stadt sah der Hodscha einmal einen Nußbaum. Da er einen solchen Baum nicht kannte, blieb er voll Verwunderung stehn; endlich schlug er einige Nüsse in ihrer grünen Schale herunter und biß ohne weiters in eine hinein. Sie schmeckte gar bitter und er gewahrte, daß sein Mund anschwoll; da sagte er voller Unruhe: »Farbe und Form sind so wie bei den Zwetschen; sollte ich vergiftet sein? Da steckt irgendeine Schurkerei dahinter. Ach, ihr Aussehn ist recht trügerisch!«
231.
Es war einmal ein Geiziger, der jahraus, jahrein nichts andres aß als Hammelkopf; darum wurde er eines Tages gefragt: »Warum ißt du eigentlich weder im Sommer, noch im Winter etwas andres?«
Er antwortete: »Siehst du denn nicht, wie billig so ein Hammelkopf ist? Wann ihn einmal der Diener vom Fleischer gebracht hat, braucht man nichts mehr an ihm herumzuschneiden; Kosten fürs Kochen hat man auch nicht, weil er schon gekocht verkauft wird. Und was hat man dann alles: die Haut, das Fleisch, die Augen, die Ohren, die Zunge, das Hirn; ebenso viel Gerichte! Begreifst du jetzt, was für ein vorteilhaftes Essen so ein Hammelkopf ist?«
232.
Ein Geizhals kam heim und bat seine Frau, ihm zu essen zu geben; sie briet ein Huhn und brachte es ihm. In diesem Augenblicke pochte ein Bettler an die Tür und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir etwas.«
Der Geizige mißachtete diese Bitte und schickte den Armen mit leeren Händen weg.
Im Verlaufe der Zeit fiel der Geizhals in Unglück und fand sich bald von allen Mitteln entblößt; als er derart herabgekommen war, stritt er eines Tages mit seiner Frau und schied sich von ihr. Sie heiratete dann einen andern. Nun wollte es Gott, daß sie eines Tages ihrem zweiten Gatten ein Huhn kochte und es ihm just in dem Augenblicke vorsetzte, wo ein Bettler an die Tür klopfte und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir etwas.«
Auf der Stelle nahm ihr Gatte das ganze Huhn, reichte es ihr und sagte: »Gib es dem armen Menschen.«
Die Frau gehorchte und erkannte in dem Bettler, den sie an der Tür fand, ihren ersten Mann. Sofort ging sie zu ihrem zweiten hinein und erzählte ihm von dieser sonderbaren Begegnung. Und dieser sagte: »Liebes Weib, wisse, daß ich einmal betteln gegangen bin; ich war damals in der äußersten Not. Aber dein Mann hat mir nichts gegeben und ich bin mit leeren Händen weggegangen. Nun hat ihm der Allmächtige all sein Gut genommen, sogar so eine Frau, wie du bist, um alles mir zu geben; sein Glück ist zu mir gekommen und meine Armut zu ihm. Ich habe seiner bedurft; jetzt bedarf er meiner.«
So erzählt man diese Geschichte. Zieht daraus, Freunde, den Nutzen, den ihr sollt. Danken wir dem Höchsten, daß er uns die irdischen Güter zugesteht, und laßt uns, ob arm oder reich, seinen Namen nie ohne Ehrfurcht nennen!
233.
Ein Geizhals wiederholte, sooft er sich zu Tische setzte, zweimal den Spruch: »Gott, beschütze mich!«
Eines Tages fragte man ihn: »Warum sprichst du diese Bitte Tag für Tag doppelt?«
Der Geizige antwortete: »Das erste Mal ist der Teufel — der Fluch sei auf ihm — gemeint; das zweite Mal gilt sie den Gästen, damit meine Küche von ihrem Besuche verschont bleibe.«
234.
Als Tamerlan in Akschehir war, lud er einmal den Hodscha ein, mit ihm ins Bad zu gehn, und der Hodscha nahm die Einladung an. Tamerlan versah sich mit einem Badetuch, das hundert Goldstücke wert war, und sie gingen hinein; dort setzten sie sich neben der Kufe hin und unterhielten sich. Und Tamerlan sagte zum Hodscha: »Wenn ich ein Sklave wäre und verkäuflich, wie viel gäbest du für mich?«
»Kaum hundert Goldstücke.«
»Aber du Dummkopf, das Badetuch ist ja allein so viel wert.«
»Das habe ich wohl überlegt,« sagte der Hodscha; »sonst gäbe auch niemand für dich ein Goldstück[99].«
235.
Der Hodscha sagte einmal zu seiner Frau: »Bereite eine hübsche Schüssel Joghurt, damit ich sie morgen Tamerlan bringe. Ich will sie aber schon zeitlich früh haben.«
Die Frau bereitete den Joghurt und der Hodscha ging mit der Schüssel, nachdem er sie in gestickte Handtücher gewickelt hatte, noch vor der Dämmerung weg; er kam bei Tamerlan an und überreichte ihm den also eingewickelten Joghurt. Timur fragte: »Was ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Diesen frischen Joghurt bringe ich dir, damit du ihn essest, und diese Tücher, damit du dich nach der Waschung abtrocknest.«
Timur band die Tücher auf und nahm sie, nachdem er den Joghurt herausgetan hatte, in die Hand, um die Stickerei zu betrachten; diese fand er aber jämmerlich schlecht, und so sagte er: »Ich möchte mich lieber an der Hand abtrocknen, die diese Tücher gestickt hat.«
Aber der Hodscha antwortete: »Die Hand, die sie gestickt hat, ist weit; aber die Tücher sind da und just zu dem Zwecke, den du sagst.«
236.