Part 8
Und der Hodscha sagte: »Ich versteh dich schon, ich versteh dich schon; du hast recht. Aber wo ist denn das Wasser?«
Auch diese Rede, die Tausenden von Leuten bekannt ist, ist zum Sprichworte geworden.
177.
Der Hodscha hatte einmal einer Frau ihren Zwirnknäuel genommen, der ganz klein war; die sagte jedoch: »Ich hatte sehr viel Zwirn; es war beinahe ein Batman[90]. Aber man hat ihn mir gestohlen.«
Der Hodscha, der dabei war, als sie das sagte, konnte nicht an sich halten; er zog den Zwirn hervor und sagte, ihn in der Hand haltend, zu der Frau: »Nun pack dich aber; geh deine Schande verbergen.«
178.
Eines Tages begegnete der Hodscha, als er seine Straße zog, einem Turkmanen, und der sagte zu ihm: »Was bist du? bist du ein Faki[91]?«
Der Hodscha antwortete: »Ja.«
»Wir haben jetzt keinen Faki in unsern Zelten; komm mit, und du sollst sofort, wann du bei uns bist, unser Faki werden.«
Der Hodscha machte keine Einwendung, und so gingen sie miteinander. Auf dem Wege trafen sie einen zweiten Turkmanen und der fragte den ersten: »Wer ist das?«
»Das ist ein Faki und ich führe ihn in unsere Zelte.«
Da sagte der andere: »Geh, schenk mir den Faki; wir haben keinen in unsern Zelten.«
Nun erhob sich ein Streit zwischen den zweien: der eine packte den Hodscha bei der einen Hand, der andere bei der andern, und so zogen sie ihn hin und her, bis endlich der später gekommene seine Keule aus dem Gürtel riß und schrie: »Jetzt schlage ich den Faki nieder; wann er dann tot ist, wirst ihn du ebenso wenig haben wie ich.«
Der Hodscha fiel vor Schrecken um, und wie er so dalag, sagte der erste: »Wenn du ihn nicht erschlägst, so bekommst du meinen großen schwarzen Hund; erschlägst du ihn, so bekommst du nichts.«
Heutzutage weiß man nicht, was Wissenschaft, Tüchtigkeit und Geschicklichkeit in Wahrheit wert sind; man geht mit Leuten um, die noch weniger verstehn als man selbst, und weiß nicht mehr, was das Wissen wirklich bedeutet. Die Rede des ersten Turkmanen ist übrigens zum Sprichworte geworden.
179.
Man erzählt, daß der Hodscha eines Tages vom Dache gefallen ist; und seine Freunde sind gekommen, um sich um sein Befinden zu erkundigen.
Da fragte sie der Hodscha: »Ist unter euch einer, der auch vom Dache gefallen ist?«
»Niemand,« antworteten sie.
Nun sagte der Hodscha: »Ihr betrachtet mich also nicht als euern Kameraden.«
180.
Um ihn auf seine Frau argwöhnisch zu machen, sagte man eines Tages zum Hodscha: »Deine Frau geht viel aus.«
Er antwortete: »Sie kommt stets wieder heim von ihren Ausgängen.«
»Das ist es nicht, Hodscha; sie ist ein wenig zu frei.«
Der Hodscha antwortete: »Wenn sie zu frei ist, so hat die Schuld daran ihr Schleier, der zu klein ist.«
»Das ist es auch nicht, Hodscha,« sagten die andern; »sie geht bald hierhin, bald dorthin.«
»Fürwahr,« rief der Hodscha, »das ist mir sehr lieb, daß sie hierhin und dorthin geht.«
Sie sagten: »Das ists noch immer nicht; sie geht mit Fremden bald hierhin, bald dorthin.«
»Na, und ich,« antwortete der Hodscha, »bin denn ich vielleicht ihr Bruder oder ihr Vater?«
181.
Als der Hodscha einmal krank war, besuchte ihn ein reicher Mann, um sich über sein Befinden zu erkundigen, und der sagte zu ihm: »Hodscha, was ist denn dein heimlicher Wunsch?« Der Hodscha antwortete: »Ich möchte eine Schüssel Pilaf.«
Augenblicklich ließ der Reiche Pilaf bereiten und brachte dem Hodscha eine Schüssel voll; der Hodscha verschlang den Pilaf mit Heißhunger, so daß ihn der Geber fragte: »Wird es dir denn nicht schaden, wenn du so viel Pilaf ißt?«
Der Hodscha antwortete: »Je weniger einem etwas schaden kann, desto weniger Freude hat man daran.«
182.
Eines Tages fiel sein Sohn in einen Brunnen, und die Leute kamen es dem Hodscha melden. Unverzüglich lief er zu dem Brunnen und rief hinunter: »Sohn, bist du unten?«
»Liebster Vater,« antwortete unten der Sohn, »bring mir Sukkurs, damit du mir hilfst, herauszukommen.«
»Es ist ganz überflüssig,« erwiderte der Hodscha, »daß ich erst Sukkurs hole; ich werde einfach nach Hause gehn um eine Leiter, und so werde ich dich schon herausbringen[92].«
183.
Einmal kam der Hodscha nach Malatije. Als er dort durch die Straßen ging, sah er einen kleinen Knaben mit einem Dukaten spielen, den er gefunden hatte; da sagte er zu dem Knaben: »Komm, mein Sohn, ich gebe dir einen Asper; du gibst mir dafür das Stück Kupfer.«
Der Knabe antwortete: »Ich weiß, was ein Asper ist; brälle einmal wie ein Esel, und ich gebe dir das Kupferstück.«
Von seiner Habgier gestachelt, begann der Hodscha zu brällen. Als er aber innehielt, sagte der Knabe: »Aber Freund, wenn ein Esel wie du weiß, was ein Dukaten wert ist, warum sollte es denn ein Knabe wie ich nicht wissen?«
184.
Einmal verließ der Hodscha sein Haus und begann auf der Straße etwas zu suchen. Seine Frau sah das und fragte ihn: »Was suchst du, Hodscha?«
Er antwortete: »Ich habe meinen Ring verloren; jetzt suche ich ihn.«
Sie fragte weiter: »Wo hast du ihn denn verloren?«
Der Hodscha antwortete: »Drinnen im Hause habe ich ihn fallen lassen.«
»Ja, warum suchst du dann heraußen?«
»Drinnen ists finster und heraußen licht. Wollte nur Gott, daß ich ihn schon wieder gefunden hätte!«
185.
Der Hodscha sah eines Tages eine Anzahl Bauern herankommen; da streckte er sich lang auf der Erde aus und blieb unbeweglich. So lag er noch, als einer von den Bauern hinkam; der, der ihn für tot hielt, ging zu seinen Gesellen zurück und sagte zu ihnen: »Der arme Hodscha ist gestorben; wir müssen unter uns für sein Begräbnis sammeln.«
Sie besteuerten einander und brachten fünfhundert Asper zusammen. Als sie dann alle um den Hodscha standen, sagten sie: »Um ein Leichentuch zu kaufen, sind hundert Asper genug; wer will es denn übernehmen, die vierhundert, die noch übrig bleiben, zu ihm nach Hause zu tragen?«
Alsbald hob der Hodscha den Kopf und rief: »Gebt nur die vierhundert Asper her: ich will sie mit Vergnügen nach Hause tragen; so viel habe ich ja in meinem ganzen Leben nicht in der Hand, geschweige denn im Besitze gehabt.«
186.
Nach dem, was man erzählt, war einmal ein Kadi in trunkenem Zustande, als der Sultan Mehemed-Chan von ungefähr bei ihm eintrat. Und der Sultan sagte zum Kadi: »Fürchtest du nicht Gott und hast du keine Scheu vor dem Propheten? Ist es denn möglich, daß ein gelehrter Mann und Kadi seinen weißen Bart also mit Wein besudelt?«
»Padischah,« antwortete der Kadi, »wenn meine dürren Hände nicht zitterten, hätte mein Bart nicht einen Tropfen von meinem Weine bekommen.«
Der Padischah fand an dieser Antwort des Kadis ein solches Vergnügen, daß er ihm eine große Gnade erwies.
187.
Zu der Zeit, wo Harun al Raschid Chalif war, gab sich einer für einen Propheten aus. Harun ließ seine Ärzte rufen und sagte zu ihnen: »Fühlt ihm den Puls; wir werden sehn, woher das kommt.«
Die Ärzte fühlten ihm den Puls und untersuchten ihn; dann sagten sie: »Er hat Dinge gegessen, die ihm zu Kopf gestiegen sind und ihm den Verstand verwirrt haben.«
Harun sagte: »Man bringe ihm vierzig Tage lang leichte Gerichte aus meiner Küche; wenn es dem Allmächtigen gefällt, wird das eine Änderung und einen Wechsel in seinem Wesen herbeiführen.«
So wurde also der angebliche Prophet vierzig Tage lang genährt; und als sie abgelaufen waren, wurde er dem Chalifen von neuem vorgeführt. Der Chalif fragte ihn: »Bist du noch immer ein Prophet?«
Er antwortete: »O Harun, nach den Herrlichkeiten, womit du mich überhäuft hast, erhebe ich keinen Anspruch mehr, ein Prophet zu sein, sondern ein Gott.«
188.
Ein Sultan verließ eines Morgens zu guter Stunde seinen Palast; er zog in den Krieg. Auf dem Wege sah er, wie ihm ein Musikant entgegenkam, der ein Instrument in der Hand hielt; und der hatte einen scheelen und halbstarren Blick. Der Sultan versah sich von dieser Begegnung nichts guten; drum ließ er dem Musikanten vierzig Stockstreiche geben und ihn in den Kerker werfen. Ein Jahr verstrich, und der Sultan kehrte, nachdem er sich zahlreiche Länder unterworfen hatte, als Sieger und ruhmbedeckt in seine Hauptstadt heim. Nun kam ihm der Musikant wieder ins Gedächtnis; er ließ ihn aus dem Kerker holen und sich ihn vorführen.
Der Musikant sagte: »Sieh, Herr, nun bist du als Sieger zurückgekommen. Als ich dir begegnet bin, sah ich im Geiste deine Eroberungen voraus. ›Gott sei gelobt,‹ sagte ich mir, ›daß ich dich sehe,‹ und nahm es als ein gutes Vorzeichen. Unterdessen, siehe, ist es jetzt ein Jahr, daß ich im Kerker bin; wie viel Ungemach und Kümmernis habe ich gelitten! Wer von uns war denn nun eigentlich dem andern ein böser Angang?«
Der Sultan nahm die Rede des Musikanten in gutem auf, überhäufte ihn mit Wohltaten und entließ ihn als zufriedenen Mann.
Es ist, wie man sieht, notwendig, daß sich die Sultane und ihre Minister derer erinnern, die im Kerker schmachten, und sie sofort, wann sie ihnen ins Gedächtnis kommen, vor sich rufen.
189.
Man erzählt, daß einmal in Konstantinopel ein Schneider lebte, der eine besondere Geschicklichkeit zeigte, beim Zuschneiden Tuch zu stehlen. Eines Tages waren etliche Meister seines Handwerks bei ihm, als man ihm einen Brokatstoff brachte; um nun zu sehn, wie er es anstelle, etwas verschwinden zu lassen, sagten sie zu ihm: »Schneide nur gleich zu.«
Der durchtriebene Geselle merkte ihre Absicht, ihm eine Falle zu legen, bemerkte aber auch, daß der Stoff sehr prächtig war; und er sprach bei sich selber: »Sollte ich es denn nicht verstehn, mir einen Teil dieses herrlichen Brokats anzueignen?« Indem er dieser Betrachtung nachhing, überzeugte er sich, daß die andern Meister kein Auge von dem Stoffe verwandten. Da ließ er, ohne sich vom Flecke zu rühren, einen Wind. Die andern, die auf dem Diwan saßen, begannen so herzlich zu lachen, daß sie auf den Rücken fielen; und der Schelm ließ, ohne einen Augenblick zu verlieren, ein Stück Stoff verschwinden.
Sie schrien: »Haha, Meister, du bist also nicht nur ein Schneider, sondern auch ein Schalk; jetzt aber soll unsere Aufmerksamkeit nur dem Schneider gehören.«
Er ließ einen zweiten Wind. Wieder begannen sie zu lachen, und ein zweites Stück Stoff ging den Weg des ersten.
Nun sagten sie: »Meister, das Spiel mag noch einmal angehn, dann muß aber Schluß sein; sonst platzen wir noch.«
Und der verschmitzte Bursche antwortete: »Ich würde euch ja wirklich gern euern Willen tun; sollte ich es aber noch ein drittes Mal machen, so würde der Stoff nicht mehr für einen Kaftan reichen.«
190.
Einem Schneider träumte, daß der Tag des jüngsten Gerichtes gekommen sei; er wurde auf dem Platze herumgeführt, und am Halse hingen ihm alle die Tuchstücke, die er gestohlen hatte. Als er erwachte, zitterte er vor Furcht. Es wurde Morgen und er ging in seine Werkstatt; dort erzählte er seinen Traum den Gesellen und sagte ihnen: »Wenn ich mich wieder einmal nicht beherrschen kann, und wenn ihr seht, daß ich ein Stück Stoff für mich nehme, so sagt zu mir: ›Meister, denk an den Kragen.‹ Mir wird dann die Erinnerung wiederkehren, und ich werde nichts unterschlagen.«
Einige Zeit darauf brachten ihm etliche Leute einen herrlichen Stoff; er konnte der Versuchung nicht widerstehn und ließ geschickt ein Stück unter den Augen der Eigentümer verschwinden. Da schrie auch schon ein Geselle: »Meister, denk an den Kragen.«
Aber er erwiderte: »Was habe ich mich daran zu erinnern? ein Stück wie das war gar nicht dabei.«
191.
Ein Schneider verkaufte die Stücke Tuch, die er stahl, einem alten Schuft von einem Juden. Nun kam einmal einer, der sich bei ihm hatte einen Kaftan machen lassen, und machte ihm einen Auftritt, weil er ihm Stoff gestohlen habe.
Aber der Schneider antwortete: »Ich habe den Stoff nicht; der alte jüdische Schuft, der hat ihn.«
192.
Eine Kaufmannsfrau benutzte einmal die Zeit, wo ihr Gatte im Tidscharet[93] war, um ihre Gebete zu verrichten. Dabei entwischte ihr ein Wind, aber sie wußte nicht ganz genau, ob es wirklich ein Wind gewesen sei oder ob nicht vielleicht das Geräusch von einem Seufzer hergerührt habe, den sie im Gebete ausgestoßen hatte. Darum ging sie um Rat zu einem weisen Greise; sie erzählte ihm den Vorfall und bat um Auskunft. Der Greis ließ nun auch einen Wind und fragte sie: »War es so ein Geräusch?«
»Nein,« antwortete sie, »es war stärker.«
Er ließ einen zweiten; »War es so?«
»Es war noch stärker.«
Da schrie der Greis: »Jetzt geh aber zum Teufel! ich habe mich beschissen.«
193.
Man erzählt, daß einmal ein Mann in Konstantinopel zum Kadi von Jerusalem bestimmt worden ist. Er traf ein Übereinkommen mit einem Schiffsherrn und bestieg mit seinem ganzen Gefolge das Schiff. Eben wollte man die Anker lichten und in die See stechen, als ein Jude daherkam und an Bord ging; er brachte zwei Körbe mit, die dem Anscheine nach nichts sonst als Kleider enthielten, und bat den Kadi, sie mitzunehmen. Der Kadi hieß den Juden, sie einem aus seinem Gefolge, der dabeistand, zu übergeben. Als sich der Jude entfernt hatte, sah der andere, daß in den Körben eine Menge Pasterma[94] war, und schnitt sich sofort ein Stück ab; da er es nach seinem Geschmacke fand, versäumte er nicht, auf der ganzen Reise davon zu essen, so daß schließlich, als sie im Hafen von Jaffa ankamen, nicht ein Stückchen davon mehr da war. Alle Reisenden stiegen aus und gelangten glücklich nach Jerusalem.
Der Diener des Kadis machte sich zwar Vorwürfe, daß er das Pasterma des Juden gegessen hatte, tröstete sich aber damit, daß er sich vornahm, ihn auf die eine oder die andere Weise schadlos zu halten. Unterdessen kam schon der Jude herbei, und er sagte zu ihm: »Du, ich muß mit dir reden; mir ist etwas ärgerliches zugestoßen, das dich gewissermaßen angeht: mit einem Wort, ich habe das Pasterma gegessen, das in deinen Körben war. Sag mir, welchen Preis du dafür haben willst oder wie wir uns sonst auseinandersetzen sollen.«
Bei dieser Rede begann der Jude zu wimmern und sich den Bart zu raufen; alsbald versammelte sich eine Menge Leute um sie und man fragte den Juden: »Was gibt es denn, Jude?«
Für einen Augenblick hörte der Jude auf zu weinen, sich den Bart zu raufen und zu heulen, freilich ohne daß er etwas gesagt hätte; sofort aber begann er sich wieder auf den Kopf zu schlagen und den Bart zu raufen. Dann stieß er einen Schrei aus, packte den andern beim Kragen und schleppte ihn vor den Richter.
Der fragte seinen Diener: »Was hast du dem Menschen da genommen?«
Der Diener antwortete: »Gnädiger Herr, der Jude ist mit uns zu Schiffe gestiegen; er hatte eine gewisse Menge Pasterma bei sich. Davon habe ich jeden Tag etwas gegessen, so daß bei unserer Ankunft in Jaffa nichts mehr da war. Ich habe ihm die Sache erklärt und habe ihm zur Entschädigung Geld geboten; aber anstatt meinen Vorschlag anzunehmen, rauft er sich Haare und Bart aus und hängt mir einen Rechtshandel an.«
Nun sagte der Richter: »Sprich, Jude, was beanspruchst du?«
»Gnädiger Herr,« sagte der Jude, »der Mann hat mir in dem, was auf dem Schiffe war, einen unersetzlichen Schaden zugefügt.«
»Weiter,« sagte der Kadi, »damit wir sehn, worum es sich handelt.«
»Herr,« sagte der Jude, »mein Vater, der ein reicher Kaufmann war, war erkrankt; als es nun ans Sterben ging, hat er mir nachdrücklichst ans Herz gelegt, ihn in Jerusalem zu begraben. Dazu habe ich kein leichteres Mittel gefunden, als sein Fleisch von den Knochen zu lösen, Pasterma daraus zu machen und es in Körben zu verpacken. Als ich aber das väterliche Pasterma zurückgefordert habe, hat sich herausgestellt, daß alles aufgegessen ist, alles sage ich, bis auf den letzten Bissen.«
Der Kadi sah, daß in diesem Falle nichts zu machen war; er schickte den Juden weg und sprach seinen Diener ledig.
Das also erzählt man von dem Rechtshandel, in dem ein Mann aufgetreten ist, der einen Juden ganz und gar aufgegessen hat.
194.
Es war einmal in Konstantinopel beim Iki-Kapu im Viertel Kara-Agadsch ein Gassenjunge, Akinedschi-Sadeh mit Namen, der es gar trefflich verstand, auf eine bissige Rede schlagfertig zu antworten.
Eines Tages verschloß einer seinen Laden und brachte innen das Schlagtürchen an. Akinedschi ging hin und klopfte an das Türchen. Der andere sagte: »Was willst du?«
»Komm näher; ich muß dir etwas sagen.«
Daraufhin öffnete der andere das Türchen und sagte: »Was mußt du mir sagen?«
Akinedschi antwortete: »Ich habe ein Verhältnis mit deiner Mutter; sag es aber niemand.«
»Und du, bist du nicht der Sohn einer Hure, die man ruft, wenn man sie braucht?«
»Das ist eine Lüge,« antwortete Akinedschi; »meine Mutter ist ja nicht die deinige.«
195.
Einmal hörte einer predigen: »Wenn man bei Einbruch der Nacht seine eheliche Pflicht erfüllt, so wird das belohnt werden wie die Opferung eines Schafes. Geschieht es bei Tage, so wird es so viel gelten wie die Freilassung eines Sklaven. Und um Mitternacht wird es belohnt werden wie die Opferung eines Kamels.«
Der Zuhörer erzählte diese Rede, als er heimgekommen war, seiner Frau. Die Nacht kam und sie legten sich mitsammen nieder, und schon fühlte sich die Frau vom Verlangen gepackt. »Komm,« sagte sie zu ihrem Manne, »wir wollen den Lohn gewinnen, der für den Beginn der Nacht festgesetzt ist.« »Meinetwegen,« sagte der Mann; und er befriedigte sie.
Um Mitternacht fühlte sie sich wieder aufgelegt und sagte zum Manne: »Wach auf, Mann, damit wir den Vorteil der Opferung eines Kamels erwerben.« Der Mann ermunterte sich und stillte ihr Begehren von neuem.
Als der Morgen anbrach, sagte sie, noch immer stark erregt: »Auf, Mann; wir wollen den Preis gewinnen, der für die Freilassung eines Sklaven gilt.«
Aber nun sagte der Mann: »Gewinne ihn dadurch, daß du zuerst mich freiläßt, der ich ja dein Sklave bin.«
196.
Eines Tages pflückte Mewlana Dschami[95] in seinem Garten Pfirsiche, als der Sultan Husejn Bähadur zu ihm kam, begleitet von einem Kämmerling und seinem jungen Liebling Tschokdar. In diesem Augenblicke hatte Mewlana Dschami vier Pfirsiche in der Hand; davon bot er sofort einen dem Padischah an, einen dem Kämmerling und zwei Tschokdar.
Nun sagte der Sultan: »Warum hast du uns zweien jedem nur einen Pfirsich gegeben, dem Knaben aber zwei?«
»Ich habe ihm nur einen gegeben,« antwortete Mewlana Dschami; »der andere ist nur geborgt[96].«
197.
Ein Narr gab sich für einen Propheten aus; er wurde festgenommen und vor den Sultan geführt. Der Sultan verhörte ihn in Gegenwart des Kadis und sagte dann zu diesem: »Der Mensch da ist von einer abgeschmackten Anmaßung; was soll mit ihm nach dem Worte Gottes geschehn?«
Der Kadi antwortete: »Wenn er hartnäckig bei seiner Behauptung bleibt und sich sie zu widerrufen weigert, soll er zum Tode verurteilt werden.«
Nun sagte der Sultan zu dem Angeklagten: »Da du sagst, du seist ein Prophet, so laß uns ein Wunder sehn.«
Der angebliche Prophet antwortete: »Man bringe mir einen scharfen Säbel.«
»Was willst du damit?«
»Dem Kadi den Kopf abschlagen; dann werde ich ihn vom Tode erwecken.«
Den Kadi erfaßte ein ungeheuerer Schrecken und er begriff die Absicht des Propheten; er verlor den Kopf und schrie: »Ach, Freund, ich bekehre mich als der erste zu deiner Lehre; nimm mich auf in die Zahl der Stifter.«
198.
Wieder einmal gab sich einer für einen Propheten aus; er wurde vor den Padischah geführt und der fragte ihn: »Ist es wahr, daß du Anspruch auf die Würde eines Propheten erhebst?«
»Ja,« antwortete der Narr.
»Gut,« fuhr der Sultan fort; »laß uns ein Wunder sehn.«
»Sag mir, was du wünschest.«
In diesem Augenblicke brachte ein Diener dem Herrscher ein Schloß, daß man mit elf Schlüsseln nicht hatte aufsperren können; sofort sagte der Sultan zu dem Angeklagten: »Gut; sperre uns dies Schloß ohne Schlüssel auf.«
»Habe ich mich«, sagte der Wahnwitzige, »einen Propheten genannt oder einen Schlosser?«
199.
Man erzählt, daß ein Muselman, der sein ganzes Leben lang die Vorschriften Mohammeds beobachtet gehabt hat, auf einmal im Ramasan mit den Juden gegessen hat. Er sagte, er habe sich zu ihrem Glauben bekehrt; aber im Bairam sagte er zu ihnen, er sei nicht mehr ihr Glaubensgenosse. Da schrien die Juden: »Was soll das heißen? bist du nicht einer der unsern?«
»Was?« schrie der Bekehrte; »ich war dreißig Jahre im moslimischen Glauben, ohne ein richtiger Mohammedaner werden zu können, und ein Jude sollte ich werden können in dreißig Tagen? Das ist unmöglich.«
200.
Zu Nasreddin, dem Hodscha, kam einmal einer und bat ihn, ihn zu beherbergen. Nun herrschte beim Hodscha eine solche Dürftigkeit, daß sogar die Mäuse vor Hunger ausgerissen waren. Als die Nacht kam, richtete der Reisende an den Hodscha die Frage, wo sie sich nach dem Abendessen schlafen legen würden. Der Hodscha antwortete: »Gegessen haben wir schon, bevor du gekommen bist; willst du dich jetzt niederlegen?«
Der Fremde lag noch nicht lange, als er den Hodscha anrief und sagte: »Gib mir eine Decke; mich friert sehr.«
Nasreddin antwortete: »Habe ich denn eine, die ich dir geben könnte? es ist übrigens nicht so kalt, daß du zittern könntest.«
»Schon gut,« antwortete der Fremde, nachdem er einen Augenblick gezögert hatte.
Aber der Hodscha begann zu überlegen; schließlich sagte er: »Ich habe eine Leiter; willst du sie?«
»Bring sie meinetwegen; es liegt ja nichts daran.«
Der Hodscha brachte die Leiter und legte sie auf ihn. Aber bald sagte der Gast, dem noch immer nicht recht warm werden wollte: »Denk ein wenig nach; vielleicht hast du doch noch etwas, was du mir geben könntest.«
Nach einem Augenblicke schrie der Hodscha: »Du hast recht; ich habe noch einen Trog: was sagst du dazu?«
»Bring ihn immerhin.«
Nasreddin holte den Trog, der noch ganz voll Wasser war, und setzte ihn auf die Leiter. Als sich aber der Gast, den das Gewicht der zwei Dinge drückte, umdrehn wollte, kippte der Trog um und goß seinen Inhalt aus. Der also überschwemmte rief den Hodscha von neuem an und schrie: »Nimm die Decken weg; ich bin schon ganz naß.«
201.
Auf einer Reise, die er, um etwas zu lernen, unternommen hatte, kam der Hodscha einmal in ein Land, dessen Bewohner den Brauch hatten, auf ihren Häusern für jeden Krug voll Gold, den sie besaßen, je eine Fahne aufzuziehen; man sah also Häuser mit einer, zwei, drei, vier und fünf Fahnen. Nachdem der Hodscha dort ein Jahr lang gelebt hatte, füllte er mehrere Töpfe mit Kieseln und pflanzte für jeden eine Fahne auf. Nun war es weiter in diesem Lande Sitte, daß im Bairam einer den andern einlud, und so kam die Reihe auch an den Hodscha. Nach dem Mahle ging man ins Bad; seine Gäste bemerkten die Töpfe, fanden sie aber alle voll Kiesel. Und sie sagten zu ihm: »Aber Hodscha, da sind ja nur Steine drinnen?«
»Ob es Gold ist,« antwortete der Hodscha, »oder Steine, das läuft auf dasselbe hinaus, wenn es nur dazu da ist, um in den Töpfen zu bleiben.«
202.
In der Fastenzeit des Bairams wurde ein Kalender gefragt: »An welchen Tagen in diesem Monat ißt man und an welchen nicht?«
Scheinheilig antwortete er: »Ich weiß es nicht, an welchem Tage man fastet; denn ich esse nur einmal im Monat.«
203.
Ein Arzt fühlte einem Kalender den Puls; der Kalender war aber gewohnt, dieses einschläfernde Mittel, das Bhang heißt, zu gebrauchen. Der Arzt erkannte leicht, daß seine ganze Krankheit nur der Hunger war; drum ließ er alsbald eine Schüssel Pilaf bereiten und setzte sie dem armen Teufel vor.
Nachdem der alles aufgegessen hatte, schrie er: »O du gütiger Arzt, ich kenne noch zwanzig andere Kalender, die an derselben Krankheit leiden wie ich; ich will sie dir bringen und du kannst an ihnen die Wirksamkeit deiner Arznei versuchen.«
204.
Eines Tages kam ein Arzt auf seinem Wege an einer Begräbnisstätte vorbei; alsbald schloß er die Augen. Sein Sohn fragte ihn: »Warum tust du so?«
Der Arzt antwortete: »Ich will es vermeiden, die zu sehn, die hier sind; denn hier sind die begraben, die an meinen Tränkchen gestorben sind.«
205.