Der Hodscha Nasreddin I. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 7

Chapter 74,074 wordsPublic domain

Eines Tages kamen Leute zum Hodscha und erzählten ihm, daß ein Mann auf einen Baum geklettert sei und nicht herabsteigen könne; darauf sagte er: »Habt ihr einen Strick? bringt ihn her.«

»Freilich haben wir einen,« antworteten sie und brachten ihn. Der Hodscha band ein Ende an die Hüften des Mannes; das andere gab er einem Kerl in die Hand, der dran ziehen sollte, und schrie: »Jetzt zieh!« Der Mann, der oben saß, fiel herunter und starb. Nun schrie das Volk: »Hodscha, was hast du getan?« Er antwortete: »Holt einen Richter.« Sie gingen weg und brachten einen Richter.

Der Richter sagte: »Hodscha, mit dem hat es ein böses Ende genommen; es ist alles aus. Mit einem Wort, er ist tot.«

»Aber Herr,« sagte der Hodscha, »er hat einen dicken Bauch; sieh doch nach, ob er nicht etwa schwanger ist.«

150.

Eines Tages sprach der Hodscha bei sich: »Wieso kommt es denn, daß alle diese Bäume Früchte bringen und ich nicht? Sicherlich würde auch ich, wenn man mich einpflanzte, Früchte tragen.« Er sagte zu einigen Bauern: »Steckt mich in die Erde.« Und er zwang sie, ihm zu gehorchen.

Sie führten also den Hodscha an eine feuchte Stelle und steckten ihn mit den Füßen in die Erde. Als dann die Bauern gegangen waren, hielt sich der Hodscha dort eine Weile; bald aber begann ihn zu frieren und er sagte: »Das gefällt mir nicht.« Er strengte sich also an, sich loszumachen, und mit schwerer Mühe gelang es ihm. Er kam ins Dorf, und die Bauern sagten: »Wie schnell du Frucht getragen hast, Hodscha! Aber wo ist die Frucht?«

»Gewachsen ist sie ja schnell,« antwortete der Hodscha, »aber sie hat so viel Frost gelitten, daß sie abgefallen ist.«

151.

Eines Tages stieg der Hodscha im Gebirge auf einen Baum. Während er die Äste abhackte, sah er nach allen Seiten herum, und da bemerkte er mehrere Züge Kamele, die auf ihn zukamen. Alsbald rief er die Kameltreiber von oben an: »Haltet, ich bitte euch; ich muß mit euch sprechen.«

Die Kameltreiber hielten und er stieg vom Baume und wandte sich zu ihnen: »Ich ersuche euch inständigst, ganz langsam vorbeizuziehn.«

»Wozu sagst du das? Was ist dein Grund?«

»Nun, meine Herren, es ist zu befürchten, daß euere Kamele, die noch nie ein Gebirge gesehn haben, erschrecken und an den Baum anlaufen, auf dem ich bin, und mich also herunterwerfen.«

152.

Man erzählt, daß Tamerlan einmal in die Nähe der Stadt kam, wo der Hodscha lebte. Die Einwohner versammelten sich, gingen zum Hodscha und baten ihn, Tamerlan davon abzuhalten, daß er durch ihre Stadt ziehe. Auf der Stelle machte sich der Hodscha einen Turban von der Größe eines Wagenrades, stieg auf seinen Esel und ritt Tamerlan entgegen. Er traf ihn, und der wunderte sich sehr über diesen Anblick und sagte: »Was ist das für ein Turban, Hodscha?«

Der Hodscha antwortete: »Das ist meine Nachtmütze. Entschuldige mich, daß ich damit gekommen bin; aber der Turban, den ich sonst bei Tage trage, kommt hinten auf einem Wagen nach.«

Erschrocken über die seltsame und ungeheuere Kopfbedeckung der Bewohner zog Tamerlan nicht durch die Stadt.

153.

Eines Tages forderte der Bei Tamerlan den Hodscha dringend auf, etwas auf der Baßlaute zu spielen; und er sagte: »Wir wollen dir zuhören.«

Man brachte die Laute. Der Hodscha widerstand nicht mehr dem Drängen des Beis und nahm die Laute; aber er kniff nur eine Saite einmal und hielt inne. Da sagten sie zu ihm: »Warum spielst du nicht mehr, Hodscha?«

»Es summt eine Mücke,« antwortete er, »und der Lärm würde den Klang der Laute ersticken.«

154.

Auf einer Reise kam der Hodscha in eine Stadt; er war gerade außerordentlich hungrig. Kaum hatte er sie betreten, so fragte man ihn um seinen Beruf und er sagte: »Ich bin ein Arzt.«

»Da du ein Arzt bist, so komm mit uns; wir führen dich zu dem Sohne des Beis, der krank ist.« Der Hodscha erwiderte: »Sehr gut.«

Sie gingen mit ihm zum Bei; der behandelte ihn mit Ehrerbietung und fragte ihn: »Was verordnest du meinem Sohne?«

»Gibts hier ein wenig Brot, Butter und Honig?«

»Jawohl.«

»Man bringe es,« sagte der Hodscha; »ich will mit einer ärztlichen Beschwörung beginnen und in der Folge ein vortreffliches Heilmittel herstellen.«

Alles, was er gesagt hatte, wurde gebracht. Sofort mischte er die Butter und den Honig zusammen; um dann die Wirkung dieser kräftigen Arznei zu versuchen, begann er davon zu essen. Einen Augenblick darauf hörte er innen im Harem sagen: »Arzt, was machst du nur? das Kind ist gestorben.«

»Wir wären schon alle zwei tot,« antwortete er, »wenn ich nicht jetzt gegessen hätte.«

155.

Der Hodscha reiste einmal in der Welt herum und kam so in eine gewisse Stadt. Er fiel dort den Leuten auf, und sie fragten ihn um seinen Beruf. »Mit der Erlaubnis Gottes«, sagte er, »erwecke ich die Toten.« Sie glaubten ihm; sie gaben ihm eine Frau und ließen es ihm nicht an Speise und Trank fehlen und so lebte er vergnügt etwa ein Jahr.

Nun geschah es mit Gottes Willen, daß in der Stadt einer starb; es war ein Weber. Die Leute liefen zum Hodscha und sagten zu ihm: »Komm ihn erwecken.« Er ging hin, stellte sich dem Toten zu Häupten und sagte: »Was war dieser Mann?« Die um ihn antworteten: »Ein Weber.«

»O weh,« sagte der Hodscha, »mit dem steht es schlimm.«

»Wieso denn?«

»Ach, die Weber kann man nicht vom Tode erwecken.«

»Warum?«

Und der Hodscha antwortete: »Solange der da am Leben war, hatte er schon die Beine in einer Grube; natürlich war es sein Los, einmal den Beinen folgen zu müssen.«

156.

In einer Gesellschaft kam einmal ein Hafis an einem geringern Platze als der Hodscha zu sitzen und das mißfiel ihm sehr; und er sagte zum Hodscha: »Wenn das Buch der Bücher und ein andres Buch an derselben Stelle liegen sollen, welches legt man oben, den Koran oder das andere?«

Der Hodscha merkte die Absicht des Hafis und antwortete: »Man legt natürlich das heilige Buch über das andere, aber nicht über seine eigene Hülle.«

Diese Worte ließen den Hafis verstummen[83].

157.

Drei Leute reisten einmal in die ehrwürdige Stadt Mekka; einer war aus Siwri-Hissar, der andere aus Mers-Hum und der dritte aus Tasch-Gwetscher. Auf dem Heimwege von der ehrwürdigen Stadt Mekka sagte nun der aus Siwri-Hissar, um das Verdienst seiner Pilgerfahrt zu vergrößern: »Mein Knecht Koch-Kadem, der in meinem Hause und mein Eigentum ist, soll frei sein!« Der aus Mers-Hum sagte: »Meine Sklavin Benefscheh, die in meinem Hause und mein Eigentum ist, soll frei sein!« Nun rief der aus Tasch-Gwetscher, ein tölpischer Bauer, der dümmer als die zwei andern war: »Was reden diese Schufte? In meinem Hause gibts keinen Knecht Koch-Kadem und keine Sklavin Benefscheh; aber dafür soll die Mutter meines Sohnes Jakub von mir geschieden sein: zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male, sie sei frei!«

Da hat man also eine hübsche Probe, wie sich ein türkischer Bauerntölpel bewährt hat, um nicht hinter seinen Freunden zurückzubleiben.

158.

Eines Tages kochte seine Mutter große und kleine Fische und der Hodscha beobachtete alles durch ein Loch in der Tür. Und seine Mutter sagte zu seinem Vater: »Jetzt wird bald der Hodscha da sein. Verstecken wir die großen Fische unterm Bett, und setzen wir die kleinen zum Essen auf den Tisch; wenn er dann fort ist, holen wir die großen hervor und essen sie.«

In diesem Augenblicke trat der Hodscha ein und man sagte zu ihm: »Komm, Sohn, wir wollen Fische essen.«

Die kleinen Fische wurden aufgetragen; sofort nahm der Hodscha einen und hielt ihn an sein Ohr. Da sagte sein Vater: »Aber Sohn, was machst du denn da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich frage den Fisch.«

»Worum?«

»Ich habe von ihm erfahren wollen, was für ein Fisch das war, von dem Jonas verschluckt worden ist; aber er hat mir geantwortet: ›Ich weiß das nicht; unter dem Bett dort sind größere, die mußt du fragen.‹«

159.

Man erzählt, daß einmal der Hodscha mit seinen Freunden Verstecken gespielt hat, und alle haben sie sich an verschiedenen Orten versteckt. Der Hodscha aber verließ Akschehir, lief bis Konia und versteckte sich dort in einem Minaret, und seine Freunde bekamen ihn mehrere Tage nicht zu sehn. Seine Gattin und seine Familie schrien allenthalben: »Hodscha, wo bist du?« Es verging Tag um Tag und man hatte ihn schon in der ganzen Umgebung gesucht, als von ungefähr eine Karawane aus Konia in Akschehir eintraf. Man fragte die Leute der Karawane, ob sie etwas vom Hodscha wüßten, und die antworteten: »Er ist in Konia; wir haben ihn dort gesehn.«

Daraufhin wurden etliche Männer nach Konia geschickt; sie kamen dort an und suchten den Hodscha überall. Der aber rief sie vom Minaret herab an und schrie: »Her mit dem Geld! ich habe gewonnen!«

Die Männer trauten ihren Ohren nicht, bis er endlich herunterkam.

160.

Eines Tages ging der Hodscha aufs Feld, um zu mähen. Als die Nacht einfiel, hörte er auf und ging heim. Seine Frau sagte zu ihm: »Hast du heute viel gemäht?«

Der Hodscha anwortete: »Ich habe noch bis morgen Mittag zu tun.«

Sie sagte: »Setz doch dazu ›Inscha Allah‹[84].«

Der Hodscha antwortete: »Wenn ich seinen Namen nicht anrufe, werde ich auch nicht weniger fertig bringen.«

Am Morgen nahm er seine Sichel und ging aufs Feld. Auf dem Wege traf er etliche Reiter, und die zwangen ihn, ihnen vorauszugehn und ihnen den Führer zu machen; erst am Abende schickten sie ihn zurück. Der Hodscha lief, was er nur konnte, und es war Mitternacht, als er zu Hause ankam und an die Tür pochte. Seine Frau ging hin und fragte: »Wer pocht um diese Stunde?«

»Ich bins,« antwortete der Hodscha, »ich bins, inscha Allah; mach auf.«

161.

Seine Frau sagte einmal zum Hodscha: »Schenk mir ein Kopftuch aus roter Seide.« Der Hodscha streckte beide Arme aus und sagte: »Ist es so lang genug? reicht diese Länge?«

Er ging also auf den Markt und hielt auf dem Wege immerfort die Arme ausgebreitet; und als ihm einer entgegenkam, schrie er ihn an: »Gib acht, wo du gehst! Du wirst schuld daran sein, wenn ich mein Maß verliere.«

162.

Der Hodscha war einmal in Gesellschaft eines andern auf der Reise. Von ungefähr kam ihnen ein Reiter entgegen; der wandte sich an den Begleiter des Hodschas und sagte zu ihm: »Du mußt mit mir gehn und mir den Weg zeigen.«

Der antwortete: »Ich bin der Knecht und Sklave desunddes Herrn.« Und so half er sich durch.

Der Reiter sprach nun den Hodscha an und sagte zu ihm: »Dann mußt du mit mir gehn und mein Führer sein.«

Aber der Hodscha erwiderte: »Ich bin ein Diener und Sklave des Allerhöchsten.« Kaum hatte er jedoch diese Worte herausgebracht, als der Fremde mit seiner Peitsche zum Schlage ausholte. Der arme Hodscha versuchte nicht weiter, Widerstand zu leisten, sondern begann neben dem Pferde herzuschreiten und den Reiter zu führen.

Wie er so dahinschritt, sprach er bei sich selber: »Wie ist denn das möglich, daß es der Schöpfer zuläßt, daß sich mein Gesell aus der Verlegenheit zieht, indem er angibt, er sei der Knecht eines winzigen Sterblichen, während es mir nichts nützt, daß ich sage, ich sei der Sklave des Allerhöchsten?«

Solcher Art waren seine Gedanken, als er plötzlich einen Lärm hinter sich hörte, dem ein mächtiger Schrei folgte. Erschrocken fragte er sich, was das sein könne; da sah er, daß der Reiter, den er führte, von dem Pferde gefallen war und tot hingestreckt daneben lag.

So lautet der echte Bericht der Freunde des Hodschas; welche Lehre man daraus ziehen kann, ist leicht zu sehn.

163.

Als der Hodscha eines Tages ins Gebirge ging, um Holz zu schneiden, nahm er eine Melone mit. Wie er nun so dahinging, entwischte ihm die Melone aus dem Arme und rollte in ein Tal hinab. Dort schlief ein Hase; der erschrak über die Melone und lief davon.

»Da habe ich eine schöne Dummheit gemacht,« sagte der Hodscha, als er den Hasen sah; »die Melone war trächtig, und es wäre sicher ein Maulesel geworden.«

Damit entfernte er sich und machte sich unverzüglich ans Holzschneiden. Als er dann heimkehrte, erzählte er seiner Frau sein Abenteuer.

Sie schrie: »O weh, Mann, du hättest ihn fangen und herbringen sollen, um auf ihm in den Garten zu reiten!«

Aber der Hodscha hatte schon einen Stock in der Hand und sagte: »Steig herunter; er ist noch zu jung. Du wirst ihm die Rippen brechen.«

164.

Man erzählt, daß der Hodscha einmal auf dem Rücken ein Geschwür bekommen hat. Er sagte es seiner Tochter und bat sie, es anzusehn. »Vater,« sagte sie, »es wird schwarz.«

Am nächsten Tage zeigte er es seiner Frau und die sagte: »Es wird weiß, Mann.«

Der Hodscha sagte: »Ich verwundere mich, daß es schon vergehn will. Ich weiß nicht, wie es in Wahrheit damit steht.«

Man sagt, daß davon seither das Sprichwort geblieben ist, das die ganze Welt kennt.

165.

Eines Tages sagte sein Sohn zum Hodscha: »Bei uns zu Hause ist etwas wie ein Mann in dem großen Topf mit Pikmes[85].«

Der Hodscha schüttete den Topf aus und verschmierte mit dem Pikmes alle Löcher, die sich im Fußboden des Hauses fanden. Als er dann seinen Mann suchte, sah er in jedem Loche sein Bild, als ob überall Leute wären. Da nahm er seinen Säbel, stellte sich an der Tür auf und rief: »Wenn ihr keine Memmen seid, werdet ihr nur einer nach dem andern auf mich losgehn.«

166.

Einmal kam ein Mann zum Hodscha und sagte zu ihm: »Hodscha, dein Sohn ist vom Esel gefallen; er hat den Geist aufgegeben.« Auf diese Worte hin versank Nasreddin für einen Augenblick in tiefes Grübeln, so daß er gefragt wurde: »Was macht dich denn so nachdenklich, Hodscha?«

»Ich habe darüber nachgedacht,« antwortete er, »daß ja mein Sohn Adschib niemals einen Geist gehabt hat; wie hat er ihn dann aufgeben können?«

167.

Ebenso erzählt man, daß einmal ein Arzt zu einem Kranken gerufen worden ist; er hat ihm den Puls gefühlt und gesagt: »Ich vermute, daß du etwas Huhn gegessen hast. Das ist schlecht; nimm dich in acht und iß es nicht mehr.«

Der Kranke sagte: »Es ist wahr; ich habe etwas Huhn gegessen.«

Hochverwundert bezeugten die Anwesenden ihre Befriedigung. Als dann der Arzt das Haus verlassen hatte, sagte sein Sohn zu ihm: »Vater, macht das nur die Wissenschaft, daß du das gewußt hast?«

Der Arzt antwortete: »Ursprünglich habe ich es durch die Wissenschaft erkannt, erhärtet durch mehr als eine Beobachtung. Obwohl ich es aber ursprünglich nur durch die Wissenschaft erkannt habe, sowohl aus dem Klopfen des Pulses, als auch durch andere Anzeichen, die ich beobachtete, habe ich überdies, als wir in die Nähe des Hauses kamen, Hühnerfedern und Obstschalen bemerkt und habe daraus geschlossen und die Diagnose abgeleitet, daß der Mann davon erkrankt ist, daß er das alles auf einem Sitz gegessen hat.«

Diese Worte des Vaters gruben sich dem Sohne ins Gedächtnis. Nun geschah es, daß man sich einer Krankheit halber, da der Vater nicht zu Hause war, an den Sohn wandte; der sah, als er zu dem Kranken ging, in der ganzen Umgebung des Hauses herum, bemerkte aber nichts andres als einen Eselssattel. Er trat zu dem Kranken, fühlte ihm den Puls und sagte, mit dem Kopfe wackelnd: »Oweh oweh, du hast heute Eselsfleisch gegessen. Das ist schlecht; iß es nicht mehr, es macht für die Krankheit empfänglich.«

»Aber Arzt,« schrie der Kranke, »du redest einen Unsinn. Kein Mensch ißt Eselsfleisch; mich ekelts ja davor.«

Nach diesen Worten geleiteten die Anwesenden den Sohn des Arztes höflich zur Tür.

168.

Als die Frau des Hodschas eines Tages Bulgur[86] gekocht, Tarkhaneh[87] bereitet und die Kuh gemolken hatte, kam es zwischen ihr und dem Hodscha zu Zärtlichkeiten, so daß sie ins Bad gehn mußte; drum sagte sie zum Hodscha: »Hodscha, während ich im Bad bin, gib du acht auf das Kind in der Wiege und sieh zu, daß nicht die Vögel den Bulgur fressen; schlage Butter und quetsche in der Mühle noch etwas Bulgur, weil wir dann Pilaf[88] essen wollen.«

Fürs erste nahm der Hodscha eine Mütze, die mit Schellen behängt war, und band sie sich auf den Kopf; dann befestigte er den Butterschlägel und die Wiege an seinem Rücken, und vor sich stellte er die Mühle, die er drehen sollte. Indem er nun den Kopf vorwärts und rückwärts warf, schaukelte er die Wiege und schlug Butter, hielt aber zugleich damit durch das Schellengeklingel die Vögel ab, den Bulgur zu fressen. Während nun der Hodscha also den Bulgur bewachte, die Mühle drehte, Butter schlug und an zwei oder drei Dingen auf einmal arbeitete, erwachte das Kind und begann in seiner Wiege zu weinen. Der Hodscha sah, daß es sich beim Wiegen nicht beruhigte, und sah sich daher gezwungen, es aus der Wiege zu nehmen. Er spreizte die Beine auseinander, setzte es dazwischen hinein, nahm ein gewisses Glied heraus und gab es ihm als Spielzeug in die Hand. Das Kind spielte auch wirklich damit, während der Hodscha fortfuhr, sich völlig seiner Arbeit zu widmen.

Unterdessen kamen etliche Frauen auf ihrem Wege durch diese Straße; als sie bei dem Hause waren, wo der Hodscha mit seinen Schellen, seiner Mühle und seiner Milch arbeitete, sagten sie: »Gehn wir schauen, wie sichs der Hodscha eingerichtet hat.« Sie überschritten die Schwelle und gingen weiter ins Innere; und sie fragten den Hodscha: »Warum hast du Schellen an der Mütze?«

»Damit die Vögel nicht zum Bulgur kommen.«

»Und warum hast du das am Rücken?«

»Seht ihr denn nicht, meine Schönen, daß das der Schlägel ist, womit ich Butter schlage?«

»Und was hast du vor dir?«

»Das ist die Mühle, mit der ich den Bulgur quetsche.«

»Und warum liegt das Kind nicht in seiner Wiege?«

»Es weinte, und da habe ich es herausgenommen.«

Nun merkten sie erst, was für ein Spielzeug das Kind in den Händen hielt, und da sagten sie: »Aber Hodscha, schämst du dich denn nicht? warum gibst du ihm denn den in die Hand?«

Und der Hodscha antwortete: »Ihr naseweisen Dinger, die ihr seid! kommt nur mit mir in einen Winkel; da werden wir schon sehn, welche Hand die erste sein wird, die ihn herausnimmt.«

169.

Einmal traf der Sultan Alaeddin Vorkehrungen zu einem Feste, das er den ausgezeichnetsten Männern geben wollte; selbstverständlich lud er auch den Hodscha ein, und dieser erschien in der Begleitung seines Amads. Der Sultan empfing ihn mit Höflichkeit und Ehren und bot ihm einen Apfel, den er in der Hand hielt. Der Hodscha nahm ihn an und machte sich ohne weiters daran, hineinzubeißen. Da nahm der Amad den Hodscha beiseite und sagte zu ihm: »Pfui Hodscha, wie kannst du einen solchen Verstoß begehn? Wenn einem ein Sultan einen Apfel gibt, so ißt man ihn nicht augenblicklich in seiner Gegenwart.«

Der Hodscha fragte noch: »Ist es also nicht anständig, vor ihm zu essen?« und der Amad antwortete ihm: »Nein; man muß es in seinen Busen stecken.«

Nun wurde der Tisch bestellt und der Sultan ließ den Hodscha an seiner Seite sitzen. Als man dann den Gästen einen Hasen vorsetzte, der mit Joghurt übergossen war, nahm der Sultan, um dem Hodscha eine Höflichkeit zu erzeigen, etwas Joghurt und legte einen Hasenlauf darüber und legte das ganze dem Hodscha vor.

Ohne zu zaudern, packte der Hodscha das ihm dargebotene und schüttete es in seinen Busen.

Als das der Sultan sah, sagte er: »Aber Hodscha, warum tust du das? das ist eine grobe Unschicklichkeit.«

»Sultan,« antwortete der Hodscha, »ich habe mich nach dem gehalten, was mir mein Amad gesagt hat, daß man nämlich hier nicht essen soll.«

170.

Eines Tages brauchte der Hodscha einen gerichtlichen Bescheid. Er füllte einen Krug mit Erde und gab darüber eine dünne Schicht Honig; damit ging er zum Gerichte den Kadi aufsuchen und erhielt leicht den gewünschten Bescheid. Als der Kadi am Abende heimgekehrt war, schöpfte er ein paar Löffel Honig aus dem Kruge; da kam denn die Erde zum Vorscheine. Darum schickte er, kaum daß es Morgen geworden war, einen Gerichtsdiener zum Hodscha: »Geh schnell zu ihm: wir haben ihm gestern einen Bescheid gegeben, bei dem ein Irrtum unterlaufen ist; bring ihn zurück und wir werden ihm einen andern schreiben.« Der Diener lief zum Hodscha und pochte an die Tür; der Hodscha kam heraus und der Diener des Kadis bestellte seine Botschaft.

Und der Hodscha antwortete: »Bei aller schuldigen Ehrfurcht vor dem gestrengen Herrn Kadi habe ich doch den Bescheid vollständig in Ordnung gefunden; wenn aber schon ein Irrtum unterlaufen ist, so kann das nirgends sonst geschehn sein als beim Honig.«

171.

Eines Tages hatte der Hodscha einen Streit mit einem andern, und sie gingen zum Richter. Dem machte der Hodscha ein Zeichen, indem er die Hand in seinen Busen steckte, und so geschahs, daß der Hodscha Recht bekam. Als dann sein Gegner weg war, wandte sich der Richter zu Nasreddin und sagte zu ihm: »So, jetzt gib her, was du mir versprochen hast.«

Aber der Hodscha antwortete: »Ich habe dir kein Zeichen gemacht, daß ich dir etwas schenken würde; ich habe dir nur sagen wollen, daß ich dir, wenn du mir Unrecht gäbest, den Schädel einschlagen würde mit den Steinen, die ich im Busen habe.«

172.

Als der Hodscha einmal ins Bad kam, traf er dort einen Bekannten, und der hatte nichts eiliger zu tun, als ihm einen Schlag ins Genick zu geben. Der Hodscha kehrte sich um und sah niemand sonst als diesen Bekannten. Augenblicklich verließ er das Bad und schleppte den Menschen vor den Kadi; und zu dem sagte er: »Effendi, ich klage wider den da; er hat mir einen groben Schimpf angetan.«

Der Angeklagte war aber ein Freund des Kadis; und er sagte zu ihm: »Untersuche, ob der Mann Recht hat; wir wollen hören, was er darlegen wird.«

Und der Hodscha fuhr fort: »Dieser schlechte Kerl hat mir einen Schlag gegeben.«

Der Kadi sagte: »Für einen Schlag ist die Buße ein Pul[89]. Ich fälle gegen diesen Mann das Urteil, daß er dir einen Pul geben soll.«

Der Gegner des Hodschas suchte nach, hatte aber keinen Pul bei sich; er ging einen holen, blieb jedoch eine geraume Zeit aus. Der Hodscha wartete und wartete, bis er endlich ungeduldig wurde. Da bemerkte er, daß der Kadi, der eben mit schreiben beschäftigt war, den Kopf gesenkt hielt; unverzüglich versetzte er ihm einen Schlag ins Genick.

»Aber Hodscha,« schrie der Kadi, »was soll das heißen?«

Und der Hodscha antwortete: »Mir ist nichts andres übrig geblieben; der Mensch kommt nicht, und ich habe dringend zu tun. Wann er wiederkommt, so laß dir den Pul von ihm geben und behalte ihn für dich.«

Mit diesen Worten ging der Hodscha in aller Unbefangenheit hinweg.

173.

Zu der Zeit, wo der Hodscha Kadi war, kamen eines Tages ein Mann und eine Frau vor Gericht, und die Frau sagte: »Effendi, dieser Mann ist ein Teufel; er hat mich genommen und geküßt. Ich will mein Recht haben, mein unverbrüchliches Recht.«

Der Hodscha sagte: »Na, was werden wir denn da tun? Ein Kuß von dir wird den andern ausgleichen.«

174.

Eines Tages schnitt der Hodscha im Gebirge Holz, und während er damit beschäftigt war, fraßen ihm die Wölfe seinen Esel. Als er nun ganz bekümmert ins Dorf zurückging, sah er einige Bauernkinder, die spielten; und er fragte sie: »Sagt, Kinder, spricht man im Dorfe davon, daß der Esel des Hodschas im Gebirge von Wölfen gefressen worden ist?«

»Nein,« sagten die Kinder, »das sagt man nicht.«

Und der Hodscha sagte: »O gäbe doch der Allmächtige, daß euere Worte wahr seien, daß euere Rede richtig sei!«

175.

Eines Tages ging der Hodscha ins Gebirge um Holz. An einer abschüssigen Stelle fiel ihm ein Baum auf und er sagte sich: »Wenn ich den da fällen kann, so brauche ich sonst keinen umzuschlagen.« Er begann auch sofort damit, nachdem er den Strick seines Esels um den Baum geschlungen hatte; als dann der Baum so ziemlich abgeschnitten war, ließ er den Esel geradeaus abwärts laufen, aber der Esel fiel und brach sich die Knochen. Als das der Hodscha sah, machte er sich voll Ärger und Kummer auf den Heimweg. Seine Frau fragte ihn, da sie den Esel nicht sah: »Was ist es denn mit dem Esel?«

Der Hodscha antwortete: »Ach, Weib, als ich ihn zuletzt gesehn habe, ist er seinen Weg gegangen; seither weiß ich nichts mehr von ihm.«

176.

Eines Tages sah der Hodscha Nasreddin eine Windmühle. So etwas hatte er noch nie gesehn, und so wandte er sich an einen Bauer mit der Frage: »Wie nennt man denn das?«

»Eine Windmühle.«

Und der Hodscha fragte weiter: »Und wo ist denn dann das Wasser?«

»Es ist eine Windmühle.«