Part 6
Der Hodscha antwortete: »Ich habe mich verspätet, und da haben wir uns sehr beeilt, der arme Teufel von Neger und ich; er hat geschwitzt, und was ihr hier seht, ist sein Schweiß.«
102.
Eines Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und sagte: »Höret, Muselmanen, ich will euch einen Rat geben; wenn ihr Kinder bekommt, so gebt ihnen ja nicht den Namen Ejub[76].«
Man fragte ihn, warum, und er sagte: »Weil die Leute immer Ejb[77] sagen.«
103.
Als der Hodscha einmal seine Waschung vornahm, reichte das Wasser nicht aus. Er fing zu beten an, stand aber dabei nur auf einem Beine, wie es die Gänse tun. Man fragte ihn: »Was tust du?« und er antwortete: »Dieses Bein hat keine Waschung bekommen.«
104.
Eines Tages kam einer zum Hodscha, um bei ihm zu übernachten. Als es dunkel wurde, legte sich der Hodscha nieder, und einen Augenblick später löschte er das Licht aus. Da sagte der Fremde: »Das erloschene Licht steht rechts von dir; gib es mir her, damit ich es anzünde.«
»Bist du verrückt?« antwortete der Hodscha; »wie soll ich denn in der Finsternis wissen, wo rechts ist?«
105.
Der Hodscha wurde einmal gefragt: »Unter welchem Sternbild bist du denn geboren?«
»Unter den Böcken.«
»Aber Hodscha, das gibt es ja gar nicht.«
»Als ich noch klein war, hat mir meine Mutter gesagt, ich sei unter den Zicklein geboren.«
»Nun, Zicklein sind doch keine Böcke.«
»Dummköpfe, die ihr seid! Seither sind doch wohl vierzig oder fünfzig Jahre vergangen; sind da die Zicklein vielleicht nicht zu Böcken geworden?«
106.
In der Zeit, wo der Hodscha Hatib[78] war, hatte er einen Streit mit dem Unterbaschi[79], und der starb, bevor sie sich versöhnt gehabt hätten. Als er nun begraben werden sollte, gingen die Leute zum Hodscha und sagten zu ihm: »Komm ihm, Effendi, die Anweisung erteilen[80].«
Aber der Hodscha antwortete: »Das hat wenig Sinn; wer auf mich böse ist, achtet nicht auf meine Reden.«
107.
Es saßen zweie ihren Häusern gegenüber in einer Bude und plauderten miteinander; ihre Häuser stießen aneinander. Da kam ein Hund und machte seinen Kot mitten in die Straße vor ihren Häusern. Der eine sagte: »Das ist auf deiner Seite.« Der andere sagte: »Es ist näher bei dir; du mußt es wegputzen.«
Der Streit wurde hitzig und sie gingen aufs Gericht; kaum waren sie dort, so kam auch der Hodscha hin, der den Kadi besuchen wollte. Und der Kadi sagte spöttisch zu ihm: »Hodscha, beschäftige du dich mit dem Streitfalle dieser Leute.«
Der Hodscha fragte sie: »Ist euere Straße eine Heerstraße?«
Der eine antwortete: »Freilich ja.«
»Dann«, sagte der Hodscha, »lautet mein Spruch, daß es weder an dir, noch an dir ist, den Kot wegzuputzen; das ist Sache des Kadis.«
108.
Eines Tages lief das Kalb des Hodschas brüllend bald hierhin, bald dorthin. Alsbald packte der Hodscha seinen Stock und schlug auf die Kuh los. Da sagten die Leute zu ihm: »Was hat denn die Kuh angestellt, daß du sie schlägst?«
»An allem ist sie schuld,« antwortete der Hodscha; »wüßte denn das Kalb, das erst jüngst zur Welt gekommen ist, überhaupt etwas, wenn sie es nicht unterwiesen hätte?«
109.
Der Hodscha traf einmal, als er nach Derbend[81] ging, einen Schäfer; der fragte ihn: »Bist du ein Gesetzeskundiger?«
»Jawohl.«
»Nun denn, paß auf: allen deinesgleichen habe ich eine Frage vorgelegt; aber warte einen Augenblick, damit wir einig werden: wenn du mir antworten kannst, so rede ich, wenn nicht, so sprechen wir gar nicht davon.«
Der Hodscha sagte: »Was ist deine Frage?«
»Also: anfangs ist der Mond klein; vierzehn Tage später wird er so groß wie ein Wagenrad, dann stirbt und verschwindet er. Hierauf kommt ein neuer und mit dem geht es ebenso. Was geschieht denn nun eigentlich mit den alten?«
Der Hodscha antwortete: »Das ist freilich eine schwierige Sache. Die alten Monde werden zerbrochen und man macht Blitze daraus: hast du noch nicht gesehn, wie sie, wann es donnert, zucken, ähnlich wie Schwerter?«
Der Schäfer anwortete: »Ausgezeichnet; du bist ein wahrer Weiser. Ich bin ganz und gar deiner Meinung.«
110.
Als er einmal allein zu Hause war, grub der Hodscha ein Loch und verscharrte dort die kleine Summe Geldes, die sein Vermögen ausmachte. Dann ging er zur Tür, und dort sagte er sich: »Ich kenne den Platz; ich könnte mich daher selber bestehlen.« Er nahm also sein Geld wieder heraus und vergrub es an einer andern Stelle. Aber auch damit beruhigte er sich nicht; er kam und ging und sagte immerfort: »Das ist auch noch nicht das richtige.«
Nun war gegenüber von seinem Hause ein Hügel. Er ging in seinen Garten, schnitt sich dort eine Stange, tat sein Geld in ein Säckchen, band das oben an die Stange und pflanzte sie auf den Hügel. Dann stellte er sich unten hin, sah hinauf und sagte: »Die Menschen sind keine Vögel; dort oben kann es niemand erreichen: ich habe einen guten Ort gefunden.«
Aber ein schlechter Kerl hatte ihn beobachtet. Kaum hatte sich der Hodscha entfernt, so stieg der Kerl auf den Hügel, nahm das Säckchen von der Stange, beschmierte sie mit Kuhmist, pflanzte sie wieder auf und suchte das Weite.
Bald darauf brauchte der Hodscha Geld und lief zu seiner Stange; da sah er, daß das Geld weg war, während Spuren von Kuhmist über die Stange liefen. Und er schrie: »Ich habe gesagt, kein Mensch könne es dort oben erreichen, und jetzt ist eine Kuh hinaufgestiegen! Es ist wahrhaftig ein Wunder!« Und er sprach seinem Gelde das Totengebet: »Gottes Barmherzigkeit sei mit dir!«
111.
Der Hodscha begegnete eines Tages auf seinem Heimwege einigen Taleb[82], und zu denen sagte er: »Meine Herren, kommt zu mir essen, was es gerade gibt.«
Die Taleb sagten: »Recht gern,« und gingen mit dem Hodscha. Bei seinem Hause angelangt, lud er sie höflich ein, einzutreten; er ging in seinen Harem und sagte zu seiner Frau: »Weib, ich habe Gäste mitgebracht; gib uns Suppe.«
Sie antwortete: »Hast du etwas eingekauft und mitgebracht, daß du Suppe verlangst?«
Nun sagte er: »Gib mir also wenigstens die Suppenschüssel.«
Er nahm sie, ging damit zu seinen Gästen und sagte zu ihnen: »Entschuldigt mich, meine Herren, aber wenn wir Butter und Reis gehabt hätten, so hätte ich euch eine solche Schüssel voll Suppe vorgesetzt.«
112.
Der Hodscha hatte einmal mit seiner Frau einen Streit; er ließ sie stehn und ging sich im Keller verstecken. Ein paar Tage später kam eine Sklavin des Hauses in den Keller und fand dort ihren Herrn.
Sie fragte ihn: »Was machst du da, Effendi?«
Und der Hodscha antwortete traurig: »Ich bin in die Verbannung gegangen und habe mich, um nicht mehr gequält zu werden, entschlossen, nie mehr in die Heimat zurückzukehren.«
113.
Eines Tages saß der Hodscha ruhig zu Hause; da hörte er einen an die Tür pochen. Er rief: »Was willst du?«
Der an der Tür, ein Bettler, sagte: »Komm herunter.«
Alsbald stieg der Hodscha herab und fragte ihn, was er wolle.
Der Bettler antwortete: »Ich bitte dich um ein Almosen.«
Der Hodscha sagte: »Komm mit mir herauf.« Und als der Bettler mit ihm hinaufgestiegen war, sagte er zu ihm: »Ich habe kein Geld.«
Da sagte der Bettler: »Aber Effendi, warum hast du mir den Bescheid nicht unten gegeben?«
»Und du,« versetzte der Hodscha, »warum hast du durchaus haben wollen, daß ich herunterkomme?«
114.
Die Frau des Hodschas war in den Wehen; schon saß sie seit einem oder zwei Tagen auf dem Gebärstuhl, ohne entbinden zu können. Da riefen die Weiber zum Hodscha hinaus: »Effendi, weißt du kein Gebet, damit das Kind herauskommt?«
Eiligst lief der Hodscha zum Krämer und kaufte Nüsse; damit ging er heim und sagte: »Laßt mich hinein.« Und er schüttete die Nüsse vor dem Stuhle aus und sagte: »So; das Kind wird sie sehn und herauskommen, um damit zu spielen.«
115.
Dem Hodscha wollte einmal seine Frau einen Possen spielen und brachte die Suppe zu heiß auf den Tisch. Zufällig vergaß sie es aber und nahm selber einen Löffel davon und verbrannte sich den Schlund, so daß ihr die Tränen in die Augen kamen.
Der Hodscha sagte: »Was hast du Weib? ist die Suppe vielleicht zu heiß?«
»Ach nein, Effendi,« erwiderte sie, »aber mein verstorbener Vater hat so gern Suppe gegessen, und das ist mir eben eingefallen; und da habe ich weinen müssen.«
Der Hodscha, der ihr glaubte, nahm einen Löffel Suppe; er verbrannte sich den Schlund und begann zu weinen. Und seine Frau sagte: »Was hast du denn?«
Er antwortete: »Ich bin bekümmert, daß deine verfluchte Mutter dich nicht mitgenommen hat, als sie gestorben ist.«
116.
Die Frau des Hodschas ging einmal eine Predigt hören. Als sie nach Hause kam, fragte er sie, was der Prediger gesagt habe, und sie antwortete: »Wenn einer seine eheliche Pflicht mit der Gattin erfüllt, so baut ihm der Allerhöchste einen Kiosk im Paradiese; und das tut er allen.«
Augenblicklich sagte der Hodscha: »Komm, wir wollen uns einen Kiosk im Paradiese bauen.«
Sie taten sich zusammen; aber einen Augenblick später sagte die Frau zu ihm: »Für dich hast du jetzt einen Kiosk gebaut; jetzt bau auch mir einen.«
Der Hodscha sagte: »Dir ist das freilich leicht; aber sei nur ruhig. Du möchtest dann nacheinander Kioske für jedes einzelne aus deiner Familie, und schließlich müßte das den Baumeister verdrießen; laß es gehn: für uns beide tut es auch einer.«
117.
Der Hodscha begegnete eines Tages etlichen Softa und sagte zu ihnen: »Wenn es euch beliebt, so kommt zu mir.« Bei seinem Hause angekommen, bat er sie, einen Augenblick zu warten, während er hineingehe. Drinnen sagte er zu seinem Weibe: »Ich bitte dich, schaffe mir diese Leute vom Halse.«
Sie ging hinaus und sagte: »Der Hodscha ist noch nicht heimgekommen.«
Die Softa antworteten: »Er ist heimgekommen.«
Daraus entspann sich ein Streit. Endlich steckte der Hodscha, der von oben zuhörte, den Kopf zum Fenster hinaus und sagte: »Wie könnt ihr denn streiten? Vielleicht hat das Haus zwei Türen, so daß er wieder weggegangen ist.«
118.
Dem Hodscha wurde ein Sohn geboren und man sagte ihm: »Zerschneide du selber die Nabelschnur; deine Hand bringt Glück.«
Der Hodscha sagte: »Gern«; er zog an der Nabelschnur und riß alles aus, so daß ein Loch blieb.
Die Leute schrien: »Aber Effendi, was tust du?«
Er antwortete: »Wenn er anderswo kein Loch hat, so hat er jetzt wenigstens das da!«
119.
Sein Sohn sagte einmal zum Hodscha: »Ich weiß noch, Vater, wie du auf die Welt gekommen bist.«
Geärgert sagte die Mutter: »Was redest du da zusammen?«
Aber der Hodscha sagte: »Du bist nicht recht bei Trost, Frau; warum soll denn das der Knabe, der doch so gescheit ist, nicht wissen?«
120.
Einmal hatte sich der Kadi von Siwri-Hissar in der Trunkenheit in einem Weingarten schlafen gelegt. An demselben Tage ging der Hodscha mit seinem Amad spazieren und sie kamen auch zu diesem Weingarten. Als der Hodscha den betrunkenen Kadi sah, nahm er ihm den Mantel und zog ihn selber an; dann ging er.
Bei seinem Erwachen sah der Kadi, daß sein Mantel verschwunden war. Er ging zurück und übergab die Sache den Schergen des Gerichtes. Die bemerkten den Mantel auf dem Rücken des Hodschas; sofort griffen sie den Hodscha und führten ihn vor den Kadi.
»He, Hodscha,« sagte der Kadi, »woher hast du denn den Mantel da?«
Der Hodscha antwortete: »Ich bin mit meinem Amad spazieren gegangen; auf einmal hat er einen betrunkenen Würdenträger der Länge nach daliegen sehn mit unbedecktem Hintern. Mein Amad büßte zweimal seine Lust an ihm; dann nahm ich ihm den Mantel da und zog ihn an. Ist es der deine, so nimm ihn.«
»Geh nur,« schrie der Kadi, »es ist nicht der meinige.«
121.
Eines Tages streckte sich der Hodscha an dem Ufer eines Flusses hin, um zu schlafen; er tat aber dabei, als ob er tot wäre. Da kam einer vorbei und der fragte ihn: »Weißt du vielleicht, wo hier eine Furt ist?«
»Als ich noch lebendig gewesen bin,« antwortete der Hodscha, »bin ich immer dort durchgegangen; jetzt brauche ich mich nicht mehr um die Gelegenheit zu kümmern.«
122.
Der Hodscha ließ sich eines Tages von einem ungeschickten Barbier rasieren, der ihn bei jeder Bewegung des Messers in den Kopf schnitt und ihm dann immer Baumwolle auflegte.
»Freund,« sagte der Hodscha zu ihm, »wenn du mir auf dem halben Kopfe Baumwolle anbaust, so will ich auf der andern Hälfte Flachs säen.«
123.
Eines Tages wurde der Hodscha als Zeuge geführt. Als sie ihn zum Kadi brachten, richtete der das Wort an den Hodscha und sagte: »Der Streit geht um Korn.«
Der Hodscha antwortete: »Die Sache, die ich bezeugen soll, dreht sich um Gerste.«
Seine Gesellen aber sagten: »Es ist aber Korn.«
»Dummköpfe, die ihr seid,« schrie nun der Hodscha; »wenn schon gelogen sein muß, was verschlägt es, ob es über Gerste oder über Korn geschieht?«
124.
Der Hodscha ging eines Tages zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen; da sah er drinnen das Spiegelbild des Mondes, als ob der hineingefallen wäre, und sagte: »Man muß ihn augenblicklich herausziehen.« Er nahm einen Strick, woran ein Haken befestigt war, und ließ ihn in den Brunnen hinunter.
Der Haken fing sich an einem Steine und der Strick riß, so daß der Hodscha auf den Rücken fiel; da sah er nun den Mond am Himmel. »Gott sei gelobt und gepriesen,« rief er aus; »ich habe mir ja wehgetan, aber wenigstens ist der Mond wieder an Ort und Stelle.«
125.
Eines Tages stieg der Hodscha in einem fremden Garten auf einen Aprikosenbaum, und der Eigentümer kam dazu; der sagte: »Was machst du da?«
»Siehst du denn nicht,« antwortete der Hodscha, »daß ich eine Nachtigall bin? Ich singe.«
»Gut,« sagte der andere, »singe also; ich will dir zuhören.«
Der Hodscha begann zu singen, und der Gartenbesitzer sagte unter schallendem Gelächter: »Ein nettes Gezwitscher.«
Der Hodscha antwortete: »Eine ungelernte Nachtigall singt nicht anders.«
2. Aus Manuskripten verschiedenen Alters
126.
Dem Hodscha entlief einmal ein Sklave; trotz emsigen Nachforschungen konnte der Hodscha keine Spur von ihm entdecken und kam heim, ohne daß ihm noch eine Hoffnung, ihn zu finden, geblieben wäre. Und seine Frau fragte ihn: »Hodscha, wohin ist denn der Sklave gegangen?«
Der Hodscha antwortete: »Es ist einerlei, wo er ist und wohin er fliehen wird: mein Sklave bleibt er doch; wäre er aber nicht weggelaufen, so hätte ich ihn freigelassen. Schaden hat er sich nur selber getan.«
127.
Der Hodscha stand eines Tages an dem Fuße des Minarets einer heiligen Moschee, und man fragte ihn: »Was ist das?«
Nun betrachtete der Hodscha das Minaret aufmerksam und sagte: »Früher war es ein Brunnen; jetzt hat man ihn geräumt, um ihn auszutrocknen, und hat ihn dann aufgestellt.«
So berichten es die Nachbarn.
128.
Dem Hodscha wurde einmal ein gesalzener Käse gestohlen; augenblicklich lief er zum Quellbrunnen. Man fragte ihn: »Was suchst du denn hier in solcher Hast?«
Der Hodscha antwortete: »Hierher kommt man allemal, sobald man gesalzenen Käse gegessen hat; ich tue es selber. So wird auch mein Dieb, wann er ihn gegessen hat, nicht verfehlen, ungesäumt herzukommen.«
129.
Ein andermal legte man dem Hodscha Nasreddin-Effendi eine Frage über den Aprikosenbaum vor; »Was ist das für ein Baum?« fragte man ihn.
»Ursprünglich«, antwortete der Hodscha, »trug er Eier; dann hat ihn der Hagel hart getroffen und das weiße heruntergeschlagen, so daß das gelbe bloß geblieben ist, wie ihr es jetzt seht.«
130.
Der Hodscha Nasreddin spielte gut Schach und gab gelegentlich gern den Spielern Ratschläge; einmal aber ärgerte er sich und schwur, seine Frau zu verstoßen, wenn er sich wieder mit seinen Ratschlägen einmengen werde. Ein paar Tage darauf kam er auf seinem Spaziergange an einen Ort, wo gerade ein Spiel im Gange war; er trat näher und sah zu, und nun bemerkte er, daß der eine Spieler hätte anders ziehen sollen, als er getan hatte. Da riß ihm auch schon die Geduld und er sagte: »Aber Mensch, stell doch deine Königin auf das nächste Feld, und du gibst ein Matt.«
Da sagten die Leute dort: »Wieso getraust du dich zu reden, Hodscha? hast du nicht geschworen, deine Frau zu verstoßen, wenn dir das geschehn sollte?«
Der Hodscha antwortete: »Es war nur im Scherze, daß ich dreingeredet habe; geheiratet habe ich übrigens auch nicht anders.«
131.
Eines Tages saß der Hodscha unter einer großen Pappel, und man fragte ihn: »Was für ein Baum ist das?«
Der Hodscha sah in die Höhe und sagte: »Wie schön der Baum ist!«
In demselben Augenblicke ließ ein Rabe, der oben saß, seinen Kot auf den Hodscha fallen; der sah nach und fand, daß es etwas weißes war. Nun nahm er das Gespräch wieder auf und sagte: »Ihr wißt also nicht, was für ein Baum das ist?«
Die andern sagten: »Nein.«
Und er sagte: »Also seht mich an: es ist ein Quarkbaum.«
132.
Dem Hodscha wurde einmal die Frage vorgelegt: »Ist es wahr, daß die Weihe ein Jahr ein Männchen und das nächste Jahr ein Weibchen ist?«
»Meine lieben Freunde,« antwortete er, »da müßt ihr einen fragen, der zwei Jahre lang eine Weihe gewesen ist.«
133.
Der Hodscha wurde gefragt: »Welche Musik ist dir am liebsten?«
Er antwortete: »Die der Teller und Schüsseln.«
134.
Die Überlieferung berichtet, daß der Hodscha tief gelehrt war in allen Wissenschaften, und daß sich daher viele Leute von ihm unterrichten ließen. Allwege aber war seine Gewohnheit, die, die im Koran lesen zu lernen verlangten, das zu lehren; aber er weigerte sich, jemand in einem andern Buche lesen zu lehren.
Die Schüler richteten sich nach seiner Weise und verlangten nur im Koran zu lesen. Wann sie dann einmal wußten, wie man liest, konnten sie, wenn sie wollten, gleichgültig in welchem Buche lesen. Diese Art der Unterweisung war wahrhaftig die gute.
135.
Man erzählt, daß der Hodscha einmal einen Schuldner hatte. Als er ihm eines Tages begegnete, hielt er ihn an und packte ihn am Kragen, indem er zu ihm sagte: »Gib mir mein Geld.«
In diesem Augenblicke kam einer dazu, und der wollte ihn, um den Schuldner zu befreien, übertölpeln und sagte: »Das ist ja gar nicht der, der dir schuldig ist; das bin ja ich.«
Aber der Hodscha drehte dieses Bekenntnis sofort zu seinem Vorteile und sagte zu dem Ankömmling: »Du bist nicht der einzige, von dem ich etwas zu fordern habe; der da ist mir auch schuldig.«
136.
Man erzählt, daß eines Tages ein Mann zum Hodscha gekommen ist und zu ihm gesagt hat: »Hodscha, mein Auge schmerzt mich fürchterlich; was soll ich denn tun?«
»Reiß es dir aus,« antwortete der Hodscha, »und du wirst Ruhe haben.«
»Aber Hodscha, ein Auge nimmt man sich doch nicht heraus.«
»Ich schwöre dir,« antwortete der Hodscha, »neulich hat mir ein Zahn wehgetan, und ich habe nicht früher Ruhe gehabt, als bis er ausgerissen war.«
137.
Der Hodscha hatte einmal eine solche Menge Flöhe im Hause, daß er es endlich nicht mehr aushielt und das Feld räumte. Bald darauf sah er sein Haus von einem Brande verzehrt und von den Flammen vernichtet; darüber freute er sich, klatschte in die Hände und schrie: »Das Haus ist verbrannt! Endlich bin ich die Flöhe und die Mäuse los.«
Und bei diesen Worten lachte er aus vollem Halse.
138.
Als der Hodscha einmal von Land zu Land reiste, bemerkte er eine große Schar von Frauen, die in Reihen hintereinander daherkamen. Er ging näher hin und fragte, was es gebe.
Man antwortete ihm: »Sie gehn eine Braut einholen. Das Mädchen und der Mann da, die von den Frauen umgeben sind, sollen heute Nacht ihre Sehnsucht stillen.«
»Allah, Allah,« rief nun der Hodscha, »ich habe viele Länder durchwandert, aber noch nie habe ich eins gefunden, wo es so viel Kuppler gäbe wie hier.«
139.
Man erzählt, daß der Hodscha am Tage auf seinem Felde Lauch gepflanzt, ihn aber bei Anbruch der Nacht wieder herausgezogen hat. Die Leute merkten das, und man fragte den Hodscha, warum er so tue.
Er antwortete: »Heißt es denn nicht, daß man seine Schätze unter seinem Kissen verwahren soll?«
140.
Eines Tages wurde der Hodscha gefragt: »Warum halten sich von den Bewohnern dieser Erde die einen an dem einen Orte auf und die andern an einem andern, anstatt daß sie alle an demselben Orte verweilten?«
»Was, das versteht ihr nicht?« rief der Hodscha; »wenn sich alle Bewohner der Erde an einem Punkte vereinigten, würde die Seite, wohin sie gingen, das Übergewicht bekommen und sie würden herunterpurzeln.«
141.
Als der Hodscha einmal auf der Wanderschaft war, bemerkte er in der Ferne eine Anzahl Leute auf seinem Wege; waren es vielleicht Räuber? In seiner Nähe war ein Grab. Hastig entkleidete er sich, steckte seine Kleider in die Höhlung des Grabmals und legte sich unten auf den Grabstein nieder. Die Reisenden kamen heran und sahen einen nackten Mann, ausgestreckt auf dem Steine. Und sie sagten zu ihm:
»Wer bist du, Freund?«
Der Hodscha antwortete: »Ich bin ein Toter.«
»Und was machst du da?«
»Aus Angst vor den Frageengeln bin ich geflüchtet.«
142.
Der Hodscha hatte ein schwarzes Huhn, und das trug er einmal auf den Markt, um es zu verkaufen. Es kam einer und sagte: »Wenn das Huhn da weiß wäre, hätte ich es gekauft.«
Der Hodscha antwortete: »Komme morgen wieder, und ich werde dir ein weißes geben.« Der Käufer war damit einverstanden und ging weg.
Auf dem Rückwege kaufte der Hodscha zwei Stück Seife; daheim erhitzte er dann Wasser in einem Kessel und begann das Huhn zu waschen. Damit plagte er sich, bis die Seife verbraucht war; aber er stellte fest, daß die Farbe des Huhns auch nicht ein bißchen heller geworden war. Geärgert schrie er: »Nach dem, was ich sehe, hat der Färber wahrlich die Farbe nicht gespart! Ein wackerer Mann, der es gefärbt hat!«
143.
Nasreddin hatte von einem zehn Gänse übernommen, um sie aufs Feld zu treiben; als er sie nun weiden ließ, verlor sich eine davon. Als das Ende des Monats gekommen war, ging der Hodscha seinen Lohn fordern. Aber der Eigentümer sagte: »Da fehlt ja eine Gans; was ists mit ihr?«
Der Hodscha zählte sie und sagte: »Sieh doch, es sind ja zehn.«
Nun zählte sie der andere und fand, daß es nur neun waren. Es entstand ein großer Streit zwischen ihnen und schließlich sagte der Hodscha: »Um zu einem Ende zu kommen, wollen wir zehn Leute holen und sie zu den Gänsen bringen; jeder nimmt eine, und wenn es sich zeigt, daß jeder eine hat, so ist alles in Ordnung.«
Der Eigentümer der Gänse nahm den Vorschlag an: es geschah alles, wie es gesagt worden war, und einer blieb ohne Gans. Der wandte sich zum Hodscha: »Schau, für mich ist keine geblieben; was sollen wir da tun?«
»Ja, Freund,« antwortete der Hodscha, »du hättest eben eine nehmen sollen, solange ihrer da waren.«
144.
Eines Tages kam man dem Hodscha sagen, daß ein Schüler ertrinke, und fragte ihn: »Wie sollen wir es anstellen, um ihn aus dem Wasser zu ziehen?«
Der Hodscha antwortete: »Einer von euch wird doch einen Geldbeutel haben; den zeigt dem Ertrinkenden: er wird glauben, ihr wollt ihm Geld geben, und wird herauskommen.«
145.
Als der Hodscha einmal über den Markt schlenderte, fand er einen Asper. Er hob ihn auf, stellte sich auf einen höhern Ort und sagte: »Warum hören die Leute nicht auf, zu kommen und zu gehn? es ist wirklich sonderbar; der verlorene Asper ist ja schon wieder gefunden.«
146.
Als der Hodscha eines Tages auf den Markt gehn sollte, umringten ihn seine Knaben und begannen ihn jeder um eine Flöte zu bitten; »Lieber Hodscha,« schrie der eine, »bring mir eine Flöte mit«, und »Bring mir eine Flöte mit«, sagte der andere.
»Jawohl, ihr Schlingel,« antwortete er ihnen; »ich werde sie euch mitbringen, Kinder.«
Unterdessen hatte ihm einer zugleich mit den Worten: »Bring mir eine Flöte mit« einen Asper gegeben; nun schrie der Hodscha: »Du bist es, der die Flöte blasen wird.«
147.
Einer kam zum Hodscha und sagte zu ihm: »Hodscha, derundder hat in der Fastenzeit gegessen.«
»So?« sagte der Hodscha; »und unterm Essen hat ihn wohl jemand eingeladen?«
148.
Der Hodscha wollte auf seinen Esel steigen; er erhob sich und versuchte sich in den Sattel zu schwingen, aber er fiel auf der andern Seite herunter. Die Kinder, die um ihn herum waren, begannen zu lachen.
Da sagte der Hodscha: »Warum lacht ihr, Schlingel? früher war ich auf dem Boden, jetzt bin ich es wieder: das ist das ganze.«
149.