Part 5
Aber der Hodscha erwiderte: »Wozu schreist du jetzt? Gefressen hat der Wolf, was er wollte; warum soll ich ihn den Berg hinauf abhetzen?«
68.
Der Hodscha wollte einmal seinen Esel verkaufen und führte ihn auf den Markt; auf dem Wege beschmutzte sich der Esel seinen Schwanz mit Kot. Ohne zu zaudern, schnitt er ihm ihn ab und steckte ihn in den Sack. Als er dann den Esel zum Kaufe ausbot, kam einer und sagte: »Du, dein Esel hat keinen Schwanz, man hat ihn ihm abgeschnitten.«
Der Hodscha antwortete: »Kauf ihn nur ruhig; der Schwanz ist nicht weit.«
69.
Der Hodscha kam von einem langen Ritte zurück; sein Esel, der arg durstig geworden war, bemerkte ganz in seiner Nähe eine Pfütze, deren Ränder aber sehr steil abfielen. Kaum hatte er das Wasser gesehn, so sprengte er darauf zu; und er war schon daran, sich hinunterzustürzen, als die Frösche, die dort hausten, zu quaken begannen. Erschreckt wich der Esel zurück.
Der Hodscha lief hin, packte ihn und schrie: »Schönen Dank, meine lieben Sumpfvögel; da habt ihr auch etwas, um euch Kuchen zu kaufen.« Und er warf ihnen ein Dreiparastück ins Wasser.
70.
Zu der Zeit des Hodschas Nasreddin-Effendi erstanden drei Mönche, ausgezeichnet in jeder Wissenschaft, und die reisten durch die Welt. Auf dieser Wanderschaft kamen sie auch in das Land des Sultans Alaeddin, und der lud sie ein, den Glauben anzunehmen. Sie sagten: »Wir haben jeder eine Frage; wenn uns die beantwortet werden, so wollen wir euerm Glauben beitreten.« Und darauf einigte man sich.
Sultan Alaeddin versammelte seine Gelehrten und Weisen; aber keiner von ihnen war imstande, eine Antwort zu geben. Voll Zorn sagte Sultan Alaeddin: »So gibt es denn in meinem Lande keinen Weisen oder Gelehrten, der ihnen antworten könnte!«; und er war sehr bekümmert.
Da sagte einer: »Diese Fragen kann niemand sonst beantworten, als der Hodscha Nasreddin-Effendi; der kann es vielleicht.«
Alsbald befahl der König, zu Nasreddin-Effendi einen Tataren zu schicken. Der beeilte sich, zu dem Hodscha zu gelangen, und meldete ihm den Befehl des Padischahs; augenblicklich sattelte Nasreddin seinen Esel, nahm seinen Stock als Stütze, stieg auf den Esel, sagte dem Tataren: »Reite vor mir«, und eilte geradewegs zum Serail Sultan Alaeddins.
Als er vor das Angesicht des Padischahs trat, gab er ihm den Salam und empfing ihn wieder, und es wurde ihm ein Platz zum Sitzen gewiesen. Nachdem er sich gesetzt hatte, flehte er den Segen auf den Padischah herab; dann sagte er: »Was ist dein Wunsch, daß du mich gerufen hast?«
Nun erzählte Sultan Alaeddin, worum es sich handelte, und der Hodscha sagte: »Was sind euere Fragen?«
Da trat einer von den Mönchen vor und sagte: »Meine Frage, ehrwürdiger Effendi, ist: ›Wo ist der Mittelpunkt der Welt?‹«
Sofort zeigte der Hodscha mit seinem Stocke auf den vordern Huf des Esels und sagte: »Hier, wo der Fuß meines Esels steht, ist der Mittelpunkt der Welt.«
Der Mönch sagte: »Woher ist das bekannt?«
Der Hodscha antwortete: »Wenn du es nicht glaubst, so miß es aus; sollte es sich anders ergeben, so sprich demgemäß.«
Darauf trat wieder ein Mönch vor und sagte: »Wie viel Sterne sind an dem Antlitze des Himmels?«
Der Hodscha antwortete: »So viel, wie Haare auf meinem Esel.«
Der Mönch sagte: »Woraus erhellt das?«
»Wenn du es nicht glaubst, so zähle nach; kommen weniger heraus, dann sprich.«
Der Mönch sagte: »Kann man denn die Haare des Esels zählen?«
Der Hodscha sagte: »Kann man denn so viel Sterne zählen?«
Der dritte Mönch trat vor und sagte: »Wenn du mir meine Frage zu beantworten verstehst, so wollen wir alle drei gläubig werden.«
Der Hodscha sagte: »Sprich; wir wollen sehn.«
Der Mönch sagte: »Wie viel Haare sind in meinem Barte?«
Der Hodscha antwortete: »So viele wie in dem Schwanze meines Esels.«
Der Mönch erwiderte: »Woher ist das bekannt?«
Der Hodscha sagte: »Wenn du es nicht glaubst, Freund, so zähle nach.«
Der Mönch sagte, mit diesem Vorschlage sei er nicht einverstanden.
Nun sagte der Hodscha: »Wenn du es nicht zufrieden bist, so laß uns je ein Haar aus deinem Barte und je eins aus dem Schwanze des Esels ausreißen, und wir wollen sehn, was sich ergibt.«
Der Mönch sah, daß das nicht recht anging. Und von Gott, dem Allmächtigen, kam ihm die Eingebung und er sagte zu seinen Reisegefährten: »Ich bin gläubig geworden.« Und er verkündete die Einheit, und auch die andern zwei wurden mit Herz und Seele gläubig. Und fortan waren alle dem Hodscha ergeben.
71.
Eines Tages wollte der Hodscha dem Bei Tamerlan einen Besuch abstatten. Er ging in den Garten und pflückte einen Korb Quitten; damit machte er sich auf den Weg. Er begegnete einem Bekannten, und der sagte zu ihm: »Wohin gehst du, Hodscha?«
Der Hodscha antwortete: »Es ist schon lange her, daß ich nicht bei Bei Tamerlan war; ich will ihn jetzt besuchen.«
»Und was ist das?«
»Ein Geschenk für den Bei,« sagte der Hodscha.
»Aber Quitten«, fuhr der Mann fort, »sind jetzt nicht das richtige; jetzt ist die Zeit der Feigen: bring ihm doch einige recht frische.«
Ohne weitere Worte ging der Hodscha wieder heim, warf die Quitten weg und nahm Feigen; freilich merkte er, daß sie noch grün und sauer waren. Er ging damit zum Bei und bot sie ihm nach dem Gruße auf einer Holzschüssel dar.
Der Bei griff sofort um eine Feige, die ihm gut zu sein schien, und führte sie zum Munde; er geriet in Zorn und befahl, die übrigen dem Hodscha an den Kopf zu werfen. Eine nach der andern traf den Hodscha ins Gesicht, aber er rief bei einer jeden: »Gelobt sei Gott!«
»Hodscha,« sagte der Bei, ihn unterbrechend, »warum diese Danksagungen? soll ich sie als eine Verhöhnung auffassen?«
»Meinen Dank sage ich deswegen, weil ich dir habe Quitten bringen wollen und mir einer, Gott sei gelobt, den Rat gegeben hat, lieber Feigen zu nehmen. Wenn es Quitten gewesen wären, wo wäre ich jetzt?«
72.
Ein andres Mal ging der Hodscha wieder zum Bei. Der war eben daran, auf die Jagd zu reiten; er nahm den Hodscha mit, ließ ihn aber auf eine elende Mähre steigen. Es fiel ein Platzregen, und jeder machte sich mit seinem Pferde im Galopp davon; der Hodscha jedoch konnte das seinige nicht von der Stelle bringen und mußte zurückbleiben. Ohne zu zaudern, zog er seine Kleider aus, brachte sie am Bauche des Pferdes ins Trockene und saß wieder auf. Als dann der Regen aufhörte, kleidete er sich wieder an und ritt zum Bei. Der verwunderte sich höchlich, ihn nicht im mindesten naß zu sehn.
Der Hodscha erklärte es ihm: »Dieses Pferd ist gar wacker; es ist so schnell gelaufen, daß ich keine Zeit hatte, naß zu werden.«
Der Bei wies nun dem Pferde den ersten Platz in seinem Stalle an. Als er dann wieder einmal auf die Jagd reiten wollte, nahm er den ausgezeichneten Renner selber und gab dem Hodscha ein andres Pferd. Es fing wieder zu regnen an; jeder eilte davon, um sich ins Trockene zu bringen, und der Bei, der auf der Mähre zurückblieb, wurde bis auf die Haut durchnäßt. Wütend über die Antwort, die ihm der Hodscha gegeben hatte, rief er ihn am nächsten Tage vor sich.
»Hältst du mich für deinesgleichen, daß du mich belogen hast?«
»Warum ärgerst du dich, Bei? Weißt du denn nicht, wie man es macht? Hättest du dich, wie ich es getan habe, ausgekleidet und wärest auf dem Pferde geblieben, so hättest du, als der Regen aufgehört hat, trockene Kleider gehabt.«
73.
Eines Tages ließ der Bei den Hodscha zum Dscherid[74] einladen. Nun besaß der Hodscha einen prächtigen Ochsen; den sattelte und bestieg er und kam also auf den Platz, wo der Dscherid stattfinden sollte. Alle lachten, als sie ihn sahen.
»Hodscha,« sagte der Bei, »das ist etwas neues, einen Ochsen reiten! Aber laufen kann er nicht.«
Der Hodscha erwiderte: »Ich habe ihn schon schneller laufen sehn als ein Pferd; und dabei war er damals erst ein Kalb.«
74.
Eines Tages lud Tamerlan den Hodscha Nasreddin zu einem Mahle ein; nach dem, was man ihm von ihm erzählt hatte, war er begierig geworden, sich seinem Gebete zu empfehlen.
»Tamerlan,« ließ er ihm sagen, »der aus seinem Lande gekommen ist, will Nutzen ziehn von deinen Gebeten und Segnungen. Komm zu ihm und du wirst die Zeichen seiner Hochachtung empfangen.« Und die Boten fügten bei: »Tamerlan wird dich mit Ehren überhäufen.«
Der Hodscha sagte: »Sei es, wie immer es will.« Und er stieg auf seinen Esel und sagte zu seinem Amad: »Komm mit zu Timur.«
Der folgte der Aufforderung und so begaben sie sich zu dem Tatarenherrscher. Sie trafen ihn sitzend, und er war höflich mit dem Hodscha und lud ihn ein, neben ihm niederzusitzen. Bald bemerkte Nasreddin, daß Timur, wie er so saß, seine Füße unter ein Kissen gesteckt hatte; da tat er ebenso die seinigen darunter. Dadurch fühlte sich Timur verletzt, und sein Ärger wuchs, je länger der Hodscha seine Füße neben den seinigen hatte. Und er sagte bei sich: »Sieh einmal, er will es mir gleichtun, mir, dem Padischah, und ohne sich zu entschuldigen!« Und er sagte zum Hodscha: »Was für ein Unterschied ist zwischen dir und deinem Esel?«
»Was für ein Unterschied,« erwiderte der Hodscha, »ist zwischen deiner Majestät und dem Kissen da?«
Der Zorn Timurs wuchs immerzu; und er hätte vielleicht den Hodscha mißhandelt, wenn nicht aufgetragen worden wäre.
Plötzlich nieste Timur mitten unter dem Mahle neben dem Hodscha oder besser auf ihn; da sagte der zu ihm: »Das ist unschicklich, Padischah.«
»Bei uns nicht,« antwortete Timur.
Gegen Ende des Mahles ließ der Hodscha einen lauten Furz. »Was du da machst,« sagte Timur, »ist das vielleicht nicht unschicklich?«
»Bei uns nicht,« sagte der Hodscha.
Als dann die Speisen weggenommen waren und man den Scherbet getrunken hatte, stand der Hodscha auf, um heimzukehren. Und auf dem Wege sagte sein Amad zu ihm: »Aber Hodscha, warum hast du dich in der erhabenen Gegenwart des fremden Padischahs auf diese Weise betragen und sogar einen Furz gelassen?«
»Mach dir keine Sorgen,« antwortete der Hodscha. »Türkisch nennt man es ja so; aber in seiner Sprache bedeutet es gar nichts.«
75.
Der Hodscha ließ einmal eine Gans braten und brachte sie dem Sultan; da er aber auf dem Wege Hunger bekam, riß er ihr einen Fuß aus und aß ihn. Dann trat er vor den Padischah und bot ihm die Gans dar.
Timurlenk merkte die Sache und sagte voller Zorn zu sich: »Der Hodscha macht sich lustig über mich.« Und er sagte zu ihm: »Wo ist denn der andere Fuß?«
»Hierzulande«, antwortete der Hodscha, »haben die Gänse nur ein Bein; wenn du mir nicht glaubst, so sieh dort bei dem Brunnen eine ganze Herde Gänse.«
Die standen nun wirklich alle nur auf einem Beine. Unverzüglich befahl Timur einem Paukenschläger, einen Wirbel zu schlagen. Der nahm die Klöppel und schlug zu, und die Gänse stellten sich auf ihre beiden Beine. »Schau,« sagte Timur, »jetzt haben sie zwei.«
»Mit den Klöppeln da«, antwortete der Hodscha, »könnte man sogar dich dazu bringen, auf allen vieren zu laufen.«
76.
Als der Hodscha Kadi war, kamen zwei Leute zu ihm, und der eine sagte: »Der da hat mich ins Ohr gebissen.«
»Ich war es nicht,« sagte der andere; »er hat sich selber ins Ohr gebissen.«
Der Hodscha sagte: »Entfernt euch auf eine Weile; dann werde ich euch meine Entscheidung mitteilen.«
Sie gingen weg und er schloß sich augenblicklich ein und stellte allerhand Bemühungen an, sein Ohr zu erreichen und sich zu beißen. Seine Versuche endigten damit, daß er auf den Rücken fiel und sich den Kopf ein wenig verletzte. Er umwickelte ihn mit einem Stück Tuch und setzte sich wieder auf seinen Platz; die beiden Gegner kamen wieder vor ihn und nahmen ihren Streit von neuem auf.
Nun sagte der Hodscha: »Wisset, man kann sich nicht nur selber ins Ohr beißen, sondern sogar dabei fallen und sich den Kopf verletzen.«
77.
Eines Nachts hörte der Hodscha, der im Bette lag, einen Streit vor seiner Tür. »Steh auf, Weib,« sagte er, »und mach Licht; ich will nachsehn, was es gibt.«
Sie sagte: »Bleib doch.«
Aber ohne auf sie zu hören, nahm er die Bettdecke um und trat hinaus. Augenblicklich riß ihm einer von den Streitenden die Decke weg und machte sich damit davon. Vor Kälte zitternd kam der Hodscha wieder ins Haus und seine Frau sagte: »Worum ging denn der Streit?«
»Um die Bettdecke; als sie sie hatten, war der Zank zu Ende.«
78.
Eines Tages sagte die Frau des Hodschas zu ihm: »Trag das Kind ein bißchen herum; ich habe zu tun.«
Der Hodscha nahm das Kind auf den Arm, aber es dauerte nicht lange, so bepißte es ihn. Augenblicklich tat ihm der Hodscha dasselbe, so daß es durch und durch naß wurde. Als dann die Frau zurückkam, fragte sie ihn: »Warum hast du das getan?«
Und der Hodscha antwortete: »Hätte mich ein Fremder bepißt, so hätte ich ihm noch etwas ganz andres getan.«
79.
Eines Abends hatte die Frau des Hodschas seinen Kaftan gewaschen und ihn im Garten aufgehängt. In der Nacht glaubte nun der Hodscha, einen Mann zu sehn, der die Arme ausgebreitet habe; da sagte er zu seiner Frau: »Bring mir meinen Bogen und meine Pfeile.«
Die Frau brachte ihm das verlangte. Er nahm einen Pfeil und schoß ihn durch den Kaftan; dann schloß er die Tür und ging schlafen.
Am Morgen sah er, daß er seinen eigenen Kaftan durchbohrt hatte; »Gott sei Dank,« rief er aus, »daß ich nicht drinnen gesteckt habe; da wäre ich nun schon lange tot.«
80.
Der Hodscha begab sich einmal, von seinen Molla begleitet, in seine Schule; da kam ihm der Einfall, sich auf seinen Esel verkehrt zu setzen und ihnen also voranzureiten. Und sie sagten: »Warum reitest du verkehrt, Hodscha?«
Er antwortete: »Wäre ich wie gewöhnlich aufgesessen, hätte ich euch den Rücken gezeigt; hätte ich euch vorangehn lassen, hätte ich euere Rücken gesehn: das beste ist wohl so, wie ich es gemacht habe.«
81.
Der Hodscha lag einmal in der Nacht im Bette, als er auf dem Dache einen Dieb gehn hörte. Da wandte er sich zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Als ich an einem der letzten Tage ins Haus wollte, habe ich ein Gebet gesprochen, die Mondstrahlen gefaßt und mich daran sanft heruntergelassen.«
Der Dieb auf dem Dache hörte diese Rede. Alsbald sprach er, wie der Hodscha gesagt hatte, ein Gebet und faßte die Mondstrahlen; und er fiel in die Hütte hinunter. Der Hodscha stand auf, packte ihn am Kragen und rief seiner Frau zu, sie solle ein Licht anzünden.
Nun sagte der Dieb: »Gemach, Effendi; dank deinem Gebete und meinem Witze werde ich dir wohl nicht so bald entlaufen können.«
82.
Der Hodscha hatte einen alten Ochsen, dessen Hörner so weit voneinander abstanden, daß man hätte zwischen ihnen sitzen können; und so oft er ihn in der Herde sah, dachte er sich: »Wenn ich nur einmal zwischen seinen Hörnern sitzen könnte!«
Eines Tages legte sich nun der Ochs vor dem Hause nieder. Da sagte der Hodscha: »Die Gelegenheit ist da«, stieg ihm zwischen die Hörner und setzte sich nieder; aber der Ochs sprang auf und warf den Hodscha ab, und der blieb bewußtlos liegen. Sein Weib kam und er war noch immer bewußtlos; endlich kam er zu sich und er sah, wie sie weinte. Da sagte er: »Weine nicht, Weib; ich habe ja viel gelitten, aber ich habe mein Begehren gestillt.«
83.
Einmal schlich sich ein Dieb in das Haus; augenblicklich machte die Frau den Hodscha darauf aufmerksam. Aber der sagte: »Sei still; vielleicht läßt ihn Gott etwas finden, und das kann ich ihm dann nehmen.«
84.
Seine Frau sagte eines Tages zum Hodscha: »Du könntest ein wenig weggehn.«
Darauf ging er in die Stadt und kam nicht mehr heim. Es waren schon einige Tage vergangen, als er einem seiner Freunde begegnete, und zu dem sagte er: »Sei so gut und geh meine Frau fragen, ob das schon genug ist, oder ob ich noch weiter weg gehn soll.«
85.
Er lag eines Nachts neben seiner Frau, als er plötzlich rief: »Steh auf, Weib, und mach Licht; ich will einen Vers niederschreiben, der mir eingefallen ist.«
Die Frau stand auf, zündete Licht an und brachte ihm Tintenfaß und Kalam. Nachdem er den Vers niedergeschrieben hatte, bat sie ihn, ihn ihr vorzulesen.
»Paß auf,« sagte der Hodscha und las: »Zwischen einem grünen Blatte und einem schwarzen Huhn ist meine rote Nase.«
86.
Der Hodscha war krank und einige Frauen kamen ihn besuchen; eine von ihnen sagte zu ihm: »Wenn du sterben solltest, wie möchtest du beweint werden?«
»So weit sind wir noch nicht,« antwortete er.
»Aber schließlich,« sagte eine andere, »wenn das Unglück doch einträfe, wie wäre es dir denn am liebsten, daß du beklagt würdest?«
Nun antwortete er: »Man soll mich also beklagen als einen Mann, der von den Weibern nie um etwas andres, als um albernes Zeug, gefragt worden ist.«
87.
Sooft der Hodscha eine Leber nach Hause brachte, zeigte sich seine Frau damit sehr zufrieden; wann es aber dann zum Nachtessen ging, setzte sie ihm eine Schüssel gekneteten Teigs vor. Da sagte er einmal zu ihr: »Sag, Weib, ich bringe dir alltäglich eine Leber; wohin kommt die?«
Sie antwortete: »Die Katze stiehlt alles.«
Kurz darauf wollte der Hodscha weggehn, und da verschloß er seine Axt in einer Truhe. Seine Frau sagte: »Was soll das?«
Er antwortete: »Ich tue es wegen der Katze.«
»Was hat die Katze mit der Axt zu schaffen?«
»Ja, wenn schon um zwei Asper Leber vor ihr nicht sicher ist, wie dann erst eine Axt um vierzig Asper?«
88.
Die Frau des Hodscha wollte eines Tages ins Bad gehn. Nun besaß er nicht mehr als einen einzigen Asper, den er vor seiner Frau versteckt hatte. Und da sagte er zu ihr: »Warte doch noch eine Weile; ich fühle mich gar nicht wohl und werde bald sterben.« Und mit einem Blicke in den Winkel, wo der Asper lag: »Dort liegt dann mein ganzes Geld.«
89.
Der Hodscha und seine Frau wollten einmal in einem Teiche ihre Wäsche waschen; sie waren gerade dabei, sie zu befeuchten und einzuseifen, als ein Rabe dahergeflogen kam, die Seife packte und wegflog. Die Frau rief: »Mann, komm, ein Rabe hat uns die Seife genommen.«
Aber der Hodscha sagte: »Schweig, Weib, das macht nichts, laß ihn sich doch waschen; er hat die Seife wahrlich nötiger als wir.«
90.
Der Hodscha und seine Frau machten einmal miteinander aus, daß sie ihre eheliche Pflicht alle Freitage erfüllen wollten; als sie nun darüber einig waren, sagte der Hodscha: »Aber wie werde ich mich denn bei meinen Geschäften daran erinnern?«
Die Frau antwortete: »Ich werde dir allwöchentlich deinen Turban auf den großen Schrank legen; dann weißt du, daß es Freitag ist.«
Eines Tages, es war aber kein Freitag, gelüstete es die Frau; augenblicklich legte sie den Turban auf den Schrank. »Aber,« schrie der Hodscha, »heute ist doch nicht Freitag!«
»Freilich ist heute Freitag,« antwortete die Frau.
Da sagte der Hodscha: »Das geht nicht so weiter; entweder wartet der Freitag auf mich, oder ich auf den Freitag.«
91.
Eines Tages ging die Frau des Hodschas mit der eines Nachbars zum Bache, um Unterkleider zu waschen, und dorthin kam auch der Ajan[75], der eben spazieren ging. Er trat näher zu den Frauen heran und sah sie an. Da sagte die Frau des Hodschas: »Was schaust du?«
Der Ajan antwortete: »Nach der Frau dessen, den man den Hodscha nennt.«
Am nächsten Tage ging er zu Nasreddin und fragte ihn: »Ist dieunddie Frau bei dir?«
»Ja.«
»Bringe sie mir her.«
»Wozu?«
»Ich habe eine Bitte, die ich besser ihr sage als dir.«
»Bitte nur einmal mich,« versetzte der Hodscha; »dann werde ich sie bitten.«
92.
Man zeigte einmal dem Sohne des Hodschas einen Eierapfel und fragte ihn: »Was ist das?«
Der Knabe antwortete: »Das ist ein Kalb, das die Augen noch nicht offen hat.«
»Seht nur,« schrie der Hodscha, »das hat er von sich selber; ich habe es ihn nicht gelehrt.«
93.
Eines Tages kam ein Wagen, der nach Siwri-Hissar fuhr, beim Hause des Hodschas vorüber; sofort entschlossen, mitzufahren, lief er nackt heraus und dem Wagen nach, stieg auf und fuhr mit. Als sie in die Nähe Siwri-Hissars kamen, ließen die Mitfahrenden der ganzen Stadt die Ankunft des Hodschas verkünden. Die Einwohner kamen ihm entgegen; und als sie ihn nackt sahen, fragten sie ihn um den Grund.
Er sagte: »Ich liebe euch so, daß ich vor lauter Sehnsucht, euch zu sehn, vergessen habe, mich anzukleiden.«
94.
Dem Hodscha stieß es zu, daß er grindig wurde. Er ließ sich scheren und gab dem Barbier einen Asper.
In der nächsten Woche ließ er sich wieder scheren; als ihm dann der Barbier einen Spiegel reichte, sagte er: »Mein Kopf ist doch zur Hälfte grindig; könntest du dich nicht mit einem Asper für zweimal scheren begnügen?«
95.
Eines Tages ging der Hodscha mit einigen Leuten fischen; sie warfen das Netz aus, und augenblicklich sprang der Hodscha hinein. Da sagten sie: »Hodscha-Effendi, was hast du getan?«
Der Hodscha sagte: »Ich dachte, ich müsse den Fisch machen.«
96.
Die Knaben in der Nachbarschaft sagten eines Tages untereinander: »Kommt, wir wollen machen, daß der Hodscha auf einen Baum steigt, und dann stehlen wir ihm die Schuhe.« Sie stellten sich also unter einen Baum und schrien: »Auf diesen Baum kann niemand steigen.«
Der Hodscha kam dazu und sagte: »Ich steige hinauf.«
Sie antworteten: »Du kannst es nicht.«
Der Hodscha steckte die Zipfel seines Gewandes in den Gürtel und seine Schuhe in den Sack und begann hinaufzuklettern.
Da sagten die Kinder: »Wozu nimmst du denn die Schuhe mit?«
Und er antwortete: »Vielleicht zweigt weiter oben ein Weg ab, der näher zu mir nach Hause ist; da will ich sie dann bei der Hand haben.«
97.
Eines Tages kam ein Bauer zum Hodscha und brachte ihm einen Hasen; der Hodscha behielt ihn über Nacht bei sich. Etwa vierzehn Tage später kamen mehrere Leute und baten den Hodscha um Gastfreundschaft; sie sagten: »Wir sind die Nachbarn des Mannes, der dir vorige Woche einen Hasen gebracht hat.«
Der Hodscha beherbergte sie gleichfalls, aber nicht ohne Widerstreben. Kaum waren einige Tage vergangen, als wieder Leute kamen und sich als Gäste anmeldeten; sie sagten: »Wir sind die Nachbarn der Nachbarn des Mannes, der dir einen Hasen gebracht hat.«
Der Hodscha nahm sie auf. Am Abende goß er ein wenig Wasser in eine Schüssel und setzte es ihnen vor; und mit den Worten: »Laßt es euch belieben« lud er sie ein, mit dem Mahle zu beginnen.
Sie aber sagten: »Was ist das, Hodscha? Das ist ja nichts zu essen; das ist doch klares Wasser.«
Der Hodscha antwortete: »Das ist die Tunke der Tunke des Hasen.«
98.
Der Hodscha sah einmal eine Schildkröte. Er sagte sich: »Das Tier gäbe einen guten Träger«; damit packte er sie und hing sich an ihren Rücken. Die Schildkröte bemühte sich, ihn von ihrem Rücken herunterzubekommen.
Er aber sagte: »Rühre dich, rühre dich nur; so wirst du dich daran gewöhnen, deine Last zu tragen.«
Das ist ein Sprichwort geworden und ist weit und breit bekannt.
99.
Der Hodscha machte einmal Hochzeit und ließ dazu Einladungen ergehn. Seine Nachbarn kamen und setzten sich zu Tisch, vergaßen aber, auch den Hodscha zu rufen. Geärgert darüber, schrie er sie an: »Nun, seid ihr noch nicht bald fertig?«
Als sie weggingen, suchten sie ihn lange vergeblich; sie folgten seiner Fußspur und fanden ihn endlich. Da sagten sie zu ihm: »Wo bleibst du? Komm doch endlich!«
Aber der Hodscha sagte: »Wer gegessen hat, mag auch mit der Braut zu Bette gehn.«
100.
Der Hodscha unternahm einmal mit einer Karawane eine Reise in die Stadt; als halt gemacht wurde, banden alle ihre Pferde an. Am nächsten Morgen war nun der Hodscha außerstande, sein Pferd unter den andern herauszufinden. Alsbald nahm er Bogen und Pfeil und schrie: »Leute, ich habe mein Pferd verloren.«
Alle lachten und jeder nahm sein Pferd, und das eine, das so übrig blieb, erkannte der Hodscha leicht als das seinige. Er nahm den Bügel, setzte den rechten Fuß hinein und schwang sich in den Sattel; da saß er nun verkehrt, mit dem Gesichte zum Hinterteil des Pferdes. Und die andern schrien: »Aber Hodscha, warum steigst du verkehrt auf?«
Er antwortete: »Ich bin nicht verkehrt aufgestiegen; aber das Pferd scheint linkshändig zu sein.«
101.
Der Hodscha hatte unter seinen Schülern einen Neger. Eines Tages goß nun der Hodscha das Tintenfaß über seine Kleider und ging so zur Schule; dort fragte man ihn: »Was hast du denn gemacht?«