Part 3
Die serbische Ausgabe, aus deren Einleitung oben das Märchen von dem Evlija und seinen drei Söhnen mitgeteilt worden ist, nennt Mehmed Tewfik als Verfasser und trägt auf dem Titel den Vermerk _Prevod s nemackog_, Übersetzung aus dem Deutschen; dies ist aber nur zum Teile richtig. Die Seiten 9 bis 48 enthalten zwar Übertragungen aus Tewfiks Nasreddinausgabe, aber dazwischen sind einige aus dem Volksbuche entnommene Erzählungen eingeschoben, und manche beruhen überhaupt auf einer andern Quelle; der darauf folgende Abschnitt mit dem Titel _Buadam_ bringt die 130 Buademschwänke in ungeänderter Anordnung, fügt aber noch vier mit Buadam beginnende Schwänke hinzu, die bei Tewfik kein Gegenstück haben, und das letzte Drittel des Buches, bezeichnet mit _Dodatak_ oder Anhang erzählt neben einigen nach Camerloher übersetzten Geschichten eine lange Reihe von solchen, die dem serbischen Volksmunde entnommen sind, wenn sich auch etliche schon im _Sottisier_ finden. In Serbien und in Bosnien laufen ja noch zahllose Überlieferungen von Nasreddin um: einige wenige sind wohl in südslawischen Zeitschriften und in der _Anthropophyteia_ aufgezeichnet, andere werden nach einer gütigen Mitteilung von Hrn. Dr. Friedrich S. Krauss alljährlich in Volkskalendern erzählt; die meisten aber harren noch immer einer Niederschrift, wie dies auch in den andern früher unter türkischer Herrschaft gewesenen Balkanländern der Fall sein dürfte[58].
In kroatischer Sprache ist 1857 in Zara ein Buch erschienen mit dem Titel _Nasradin iliti Bertoldo i njegova pritanka domisljatost, himbenost i lukavstina_; mir liegt es in einem um Rätsel, Sprichwörter und Gedichte vermehrten Neudrucke vor: _Nasradin k staroj matici povracen i Nasradinic_, U Zadru (Zara), 1903. Wie schon der ursprüngliche Titel andeutet, ist es nichts als eine kroatische Bearbeitung des italiänischen Volksbuches von Bertoldo und Bertoldino, dessen Helden durch Nasradin und Nasradinic ersetzt sind. Aber auch eine Ausgabe von Schwänken Nasreddins gibt es in der kroatischen Sprache; ich kenne nur die keine Jahreszahl tragende zweite Auflage _Posurice i sale Nasredina_, Zagreb (Agram). Sie bietet eine nicht ganz vollständige Übersetzung des Tewfikschen Nasreddin und der 130 Buademschwänke — statt Buadem steht überall Nasredin —, aber anscheinend nicht nach der deutschen Ausgabe[59]; die Reihenfolge wird im allgemeinen beibehalten und nur gelegentlich, der beigegebenen Illustrationen halber, geändert. Dann und wann sind andere Erzählungen eingestreut, und von S. 64 an wechseln Schwänke aus dem Volksbuche mit andern, von denen ein Teil mit solchen aus der oben, S. XXVII zitierten deutschen Ausgabe von Ali Nouri übereinstimmt. Die Illustrationen sind dieselben wie bei Ali Nouri[60].
Verhältnismäßig wenig aus dem Volksbuche, sondern meistens selbständige Schnurren, von denen gleichwohl einige mit griechischen und serbischen Hodschageschichten übereinstimmen, enthält die schon einmal erwähnte Gedichtesammlung _Nazdravaniile lui Nastratin Hogea_ von Anton Pann, die zum ersten Male 1853 erschienen und oft nachgedruckt worden ist; in deutscher Sprache hat sich in einer poetischen Bearbeitung einiger, nur zum Teile dem Volksbuche angehöriger Schwänke Nasreddins der in Kroatien geborene Franz von Werner, der schon in jungen Jahren in türkische Dienste getreten ist, unter dem Namen Murad Efendi versucht; sein _Nassreddin Chodja_ ist 1878 in Oldenburg erschienen.
Auch ins Armenische sind die Schwänke Nasreddins übersetzt worden, und sie haben ihren Weg weiter genommen über Gebirge und Steppen; besonders sollen sie die Bewohner des Berglandes von Dagestan lieben, und nicht nur in Tiflis, sondern auch in Kasan erscheinen immer neue Ausgaben, die sich dem türkischen Volksbuche anlehnen. Nach Nikolaj Katanoff in Kasan ist Nasreddin sogar bei den Tarandschi an der sibirisch-chinesischen Grenze bekannt[61], und daß ihn auch die Perser kennen, haben wir schon gesehn. Freilich wechselt er dabei seine Volkszugehörigkeit: im Kaukasus ist er ein Tscherkesse, in Kasan ist er ein Tatare, in Persien ist er ein Perser, so wie er in Serbien ein Serbe geworden ist. Darum spiegeln die Schwänke, die in den verschiedenen Ländern an ihm haften geblieben sind, den Humor dieser Völker ab; am deutlichsten ist das Bild natürlich bei den Türken, wo er den Nationalheros des Witzes darstellt: dort bilden die Nasreddinschen Schnurren nicht nur einen Unterhaltungsstoff in den Kaffeehäusern und bei den Abendgesellschaften, sondern sie dienen auch in den Pausen der Gerichtsverhandlungen zu willkommenem Zeitvertreib; die Kinder erzählen sie schon einander, und die Erinnerung an sie wird durch zahlreiche Sprichwörter[62] lebendig erhalten.
Mehrmals ist der Versuch gemacht worden, Nasreddins Wesen durch einen Vergleich mit einem bekanntem, abendländischen Vertreter seiner Gattung zu deuten; am nächsten liegt in solchen Fällen stets unser Eulenspiegel, und so ist denn Nasreddin schon von Hammer und später von Ethé, Barker, Wilhelm Schott und andern als der türkische Eulenspiegel bezeichnet worden. Dagegen hat sich Köhler gewandt: »Eulenspiegel ist stets ein durchtriebener Schalk, der nie etwas einfältiges oder dummes sagt oder tut, sondern stets wohl berechnete Streiche und Possen mit vollem Bewußtsein ausführt, um andere zu necken und zu verspotten; Nasreddin dagegen ist ein echter Narr, d. h. ein Gemisch von grenzenloser Einfalt und Dummheit und von Geist und Witz, etwa — wenn man einen Deutschen vergleichen will — wie Klaus Narr.« Aber auch dieser Vergleich beruht nur auf dem wenigen gemeinsamen, läßt jedoch das viele ungleichartige unberücksichtigt; und dasselbe ist es mit dem Vergleiche, den Cantimir anstellt, indem er Nasreddin einen türkischen Äsop nennt[63]. Klaus Narr war kein Äsop, und Äsop war kein Abderit; Nasreddin ist aber Äsop und Abderit zugleich.
Der erste, der sich mit den Schwänken Nasreddins wissenschaftlich befaßt hat, war der ausgezeichnete Gelehrte Reinhold Köhler; er hat 1862 im _Orient und Occident_ das Camerlohersche Büchlein zum Gegenstande einer Abhandlung gemacht[64]. Ihm folgte, nachdem Decourdemanche die Forschung nach Quellen und Parallelen Nasreddins als unnütz bezeichnet hatte[65], der Professor und derzeitige Dekan an der Universität Algier, René Basset, der den von A. Mouliéras gesammelten und ins Französische übertragenen kabylischen Dschehageschichten eine groß angelegte kritische Studie gewidmet und diese durch viele gelegentliche Nachträge in der _Revue des traditions populaires_ und durch einen Aufsatz im _Keleti szemle_ ergänzt hat. Die Abhandlung Horns in eben dieser Zeitschrift und besonders die umfassende Studie Hartmanns in der _Zeitschrift des Vereins für Volkskunde_ sind schon öfters erwähnt worden.
In dem vorliegenden Buche hat der Herausgeber versucht, sich die Resultate der von diesen Gelehrten geleisteten Arbeit zunutze zu machen und auf ihnen weiterzubauen. Die dazu notwendige Grundlage, die Schwänke, sind im ersten Bande dem alten türkischen Volksbuche, wie es in den Übertragungen von Camerloher, Barker und Decourdemanche vorliegt, dem _Sottisier_ von Decourdemanche, den Historikern und den von Kúnos gesammelten Texten entnommen; der zweite Band bringt die von Basset in der _Revue des traditions populaires_ übersetzten Geschichten des _Nawadir el chodscha nasr ed-din_, die von Mardrus veröffentlichten Dschohageschichten, die arabischen und berberischen, hauptsächlich von Stumme und Mouliéras gesammelten Schwänke derselben Gattung, die maltesischen Dschahanschwänke, die Giufàgeschichten Siziliens mit Ausnahme der in der leicht zugänglichen Sammlung von Gonzenbach erschienenen, die kalabrischen Juvadigeschichten und die kroatischen, serbischen und griechischen Nasreddinschnurren. Im allgemeinen ist es vermieden worden, gleichartige Behandlungen desselben Motivs aufzunehmen; die Bibliographie jedes Schwankes bildet, soweit sie in den Kreis der zu Nasreddin, Dschoha, Dschahan usw. gehörigen Überlieferungen fällt, den ersten Absatz der zu dem Schwanke gehörigen Anmerkung, die im übrigen die etwa vorhandene Literatur bringt und manchmal auch auf eine vergleichende Darstellung anderer Versionen des betreffenden Motivs eingeht. Recht getan glaubt der Herausgeber zu haben, daß er die hin und wieder im _Sottisier_ vorkommenden Schwänke, die nicht von Nasreddin handeln, nicht von der Aufnahme ausgeschlossen hat; einmal werden viele von ihnen auch von Nasreddin oder Dschoha erzählt, und dann bieten sie auch an und für sich schon einen Beitrag zur Geschichte und zum Verständnis der türkischen Schwankliteratur, der wohl, wenn er so nahe liegt, nicht zurückgewiesen werden soll. Ein Anhang bringt Mitteilungen über Schwänke, die aus mehrfachen Gründen in dem Texte keinen Platz finden konnten.
Eine angenehme Pflicht ist es dem Herausgeber, Herrn Professor Dr. Hans Stumme und Frl. Berta Ilg seinen besten Dank auszusprechen für die Liebenswürdigkeit, womit sie ihm den Abdruck einzelner Stücke aus ihren Büchern gestattet haben.
~Tetschen a. E.~, im Juli 1911.
Albert Wesselski.
I.
Türkische Überlieferungen
1. Die hundertfünfundzwanzig Schwänke des Volksbuchs
1.
Der Hodscha Nasreddin stieg eines Tages auf die Kanzel, um zu predigen, und sagte: »Muselmanen, kennt ihr den Gegenstand, wovon ich mit euch sprechen will?«
»Wir kennen ihn nicht,« antwortete man aus der Zuhörerschaft.
Da schrie der Hodscha: »Ja, wie sollte ich denn mit euch von etwas sprechen, das ihr nicht kennt?«
Er stieg ein andermal auf die Kanzel und sagte: »Wißt ihr, meine Gläubigen, was ich euch sagen will?«
»Ja, wir wissen es,« war die Antwort.
»Was brauche ich euch dann davon zu sprechen, wenn ihr es sowieso schon wißt?« Mit diesen Worten stieg der Hodscha von der Kanzel.
Die Gemeinde war betreten über sein Weggehn. Nun schlug ein Mann vor, daß, wenn der Hodscha wiederkomme, die einen sagen sollten: »Wir wissen es«, und die andern: »Wir wissen es nicht«; und dieser Ratschluß drang durch.
Wieder kam der Hodscha und er schrie, wie früher: »Wißt ihr, Brüder, was ich euch sagen will?«
Sie sagten: »Einige von uns wissen es, die andern aber wissen es nicht.«
»Gut also,« antwortete der Hodscha; »da mögen es die, die es wissen, den andern mitteilen.«
2.
»Muselmanen,« rief Nasreddin, der Hodscha eines Tages, »dankt dem Allerhöchsten recht von Herzen, daß er dem Kamel keine Flügel gegeben hat; denn dann käme es von oben auf unsere Häuser und in unsere Gärten herab und fiele uns vielleicht noch auf die Köpfe.«
3.
Der Hodscha stieg eines Tages in einer gewissen Stadt auf die Kanzel; und er sagte: »Muselmanen, die Luft in euerer Stadt ist dieselbe wie in der meinigen.«
»Wieso, Hodscha?« sagte einer in der Versammlung.
»Das ist sehr einfach,« antwortete der Hodscha; »zu Hause habe ich mich umgesehn, wie viel Sterne man sieht, und gerade so viel sind ihrer auch hier.«
4.
Eines Tages ging der Hodscha ins Bad. Dort war er allein, und voller Freude darüber begann er ein paar Lieder zu singen. In dem engen Raume erschien ihm seine Stimme hübsch und angenehm, und er sagte: »Sie ist eigentlich ganz lieblich; warum sollen sich ihrer nicht auch die andern freuen?« Damit verließ er das Bad und entfernte sich. Es waren aber schon einige Stunden des Vormittags vorbei.
Ohne irgendwie zu verziehen, stieg der Hodscha auf das Minaret und rief zum Morgengebete.
Da schrie unten einer: »Was ist denn das für ein Narr, der jetzt mit seiner garstigen Stimme unser Viertel zum Morgengebete ruft?«
Und der Hodscha rief von der Höhe herab: »Ja warum findet sich denn kein gütiger Wohltäter, der hier oben auf dem Minaret ein Bad baut, um diese Stimme, über die man sich beklagt, zu ändern?«
5.
Eines Nachts träumte der Hodscha, als er im Bette lag und schlief, es gebe ihm einer neun Asper; und damit war er nicht zufrieden, sondern sagte: »Gib mir zehn.« Unterdessen wurde er wach, und da fand er seine Hände leer.
Das war ihm sehr leid; er schloß alsbald die Augen, streckte die Hand aus und sagte: »Ich habe mich anders besonnen; gib die neune her.«
6.
Eines Tages ging der Hodscha in einer einsamen Gegend, als er von der andern Seite her etliche Reiter kommen sah; es mochten Diebe sein. In der Nähe war ein Grab; er kleidete sich hastig aus und eilte in die Grabeshöhlung. Aber die Reiter hatten ihn schon bemerkt und näherten sich ihm. »He Freund,« riefen sie, »was machst du da drinnen?«
Der Hodscha, der nicht recht wußte, was sagen, antwortete: »Das ist mein Grab; ich bin nur für einen Augenblick herausgegangen, um Luft zu schnappen.«
7.
Der Hodscha trat einmal in einen Garten. Dort steckte er Möhren, Rüben und alles, was ihm unterkam, in seinen Sack oder in seinen Busen. Es kam der Gärtner, und der sagte, als er ihn dabei ertappte: »Was machst du da?«
Erschrocken fand der Hodscha keine andere Antwort, als daß sich ein mächtiger Wind erhoben und ihn dorthin geschleudert habe.
»Aber,« sagte der Gärtner, »wer hat denn das alles ausgerissen?«
»Wenn der Wind«, sagte der Hodscha, »stark genug war, mich von draußen da herein zu bringen, war er wohl auch imstande, dein Gemüse auszureißen.«
Nun sagte der Gärtner: »Wer hat denn dann das ganze Zeug da in den Sack gesteckt?«
»Das war es gerade,« sagte der Hodscha, »worüber ich nachgedacht habe, als du dahergekommen bist.«
8.
Als der Hodscha-Effendi — Gottes Gnade sei mit ihm — in Konia war, trat er in den Laden eines Halwaverkäufers[66]; und schon sagte er: »Im Namen Gottes« und begann von den Kuchen zu essen. Der Verkäufer aber schlug mit den Worten: »Was tust du da?« auf ihn los.
Doch der Hodscha sagte: »Was für eine herrliche Stadt ist doch dieses Konia! Mit Schlägen zwingen sie einen, daß man Halwa ißt!«
9.
Im Monate Ramasan verfiel der Hodscha auf den Gedanken, sich, um das den Gläubigen auferlegte Fasten beobachten zu können, einen Topf anzuschaffen, worin er jeden Tag ein Steinchen tun wollte. Eines Tages warf aber sein Töchterchen eine Hand voll Steine in den Topf. Kurz darauf wurde der Hodscha gefragt, der wievielte sei.
»Wartet einen Augenblick,« sagte er; »ich will nachsehn.«
Er ging ins Haus, schüttete den Topf aus und zählte die Steine; da fand er, daß es hundertzwanzig waren. »Sage ich eine derartige Ziffer,« dachte er, »so werden sie mich für verrückt halten.« Und so antwortete er den Fragenden: »Heute ist der fünfundvierzigste.«
»Aber, Hodscha, ein ganzer Monat hat doch nur dreißig Tage, und du sprichst uns vom fünfundvierzigsten.«
Der Hodscha sagte: »Ich habe euch nicht vielleicht leichtfertig geantwortet; wenn ihr euch an die Zeitrechnung des Topfes hieltet, so hätten wir heute den hundertundfünfundzwanzigsten.«
10.
Der Hodscha wurde gefragt: »Von den zwei Monden, dem neuen und dem alten, was geschieht mit dem, der sein letztes Viertel hinter sich hat?«
Er antwortete: »Man zerbricht ihn, um Sterne daraus zu machen.«
11.
Eines Morgens beschloß der Hodscha, die Stadt zu verlassen; da er ein Kamel besaß, sagte er sich: »Ich nehme es als Reittier; auf diese Weise werde ich angenehmer reisen.«
So ritt er denn mit der Karawane dahin, als eines Tages das Kamel strauchelte, den Hodscha abwarf und auf ihn trat. Auf seine Schmerzensschreie kamen die Leute von der Karawane herbei und hoben ihn auf.
Kaum war er wieder zum Bewußtsein gekommen, als er schrie: »Seht nur, Muselmanen, was mir dieses Kamel böses angetan hat. Seid doch so gut und bindet mir es fest; ich muß mich an ihm rächen.«[67]
»Aber Hodscha,« schrien die Leute; »fürchtest du denn nicht Gott, daß du dich an dem Tier da rächen willst?«
Der Hodscha antwortete jedoch: »Was soll das heißen? an einem Menschen kann man sich rächen, und an einem Kamel sollte mans nicht können?«
12.
Eines Tages kaufte Nasreddin Eier, und zwar neun um einen Asper; dann ging er an einen andern Ort und verkaufte zehn um einen Asper. Da wurde er gefragt: »Warum gibst du zehn um den Preis, den du für neun gezahlt hast?«
Er antwortete: »Es ist zu meinem Nutzen, wenn man sieht, wie mein Geschäft vorwärts geht.«
13.
Eines Tages kleidete sich der Hodscha in seinen neuen Kaftan und ging in die Moschee. Es kam der Augenblick, wo man sich mit dem Gesichte zu Boden neigen muß. Als nun der Hodscha also gebückt dastand, packte ihn der, der hinter ihm war, an den Hoden. Ohne sich zu besinnen, tat der Hodscha dasselbe mit dem Imam, der sein Vordermann war.
Der fragte ihn: »Was tust du da?«
»Nichts,« antwortet der Hodscha; »darf ich denn nicht nehmen, was man mir nimmt?«
14.
Der Hodscha saß einmal am Ufer eines Flusses, als er einen Trupp von zehn Blinden auf ihn zukommen sah. Die trafen mit ihm die Abmachung, daß er sie, den Mann für einen Para, hinübertragen solle.
Beim Hinübertragen fiel nun einer von den Blinden ins Wasser und wurde fortgerissen. Augenblicklich begannen die Blinden zu schreien.
Aber der Hodscha sagte: »Warum schreit ihr? ihr zahlt mir einfach für einen weniger, und die Sache ist in Ordnung.«
15.
Einer, der ein Ei versteckt in der Hand hielt, sagte zum Hodscha: »Wenn du errätst, was ich in der Hand habe, so gebe ich dirs, damit du dir einen Eierkuchen machen kannst.«
Darauf sagte der Hodscha: »Sag mir, wie es aussieht, und ich werde dir antworten.«
»Außen ist es weiß und innen gelb.«
»O, ich weiß schon, was es ist,« rief der Hodscha; »es ist eine ausgehöhlte Rübe, in die man Stückchen von einer Möhre gesteckt hat.«
16.
Eines Tages stahl der Hodscha ein Kalb, ohne daß es der Eigentümer bemerkt hätte. Der Hodscha tötete das Kalb und versteckte das Fell. Bald darauf ward der Bestohlene inne, daß sein Kalb verloren war; er lief durchs Viertel und schrie: »Muselmanen, mir ist mein Ochs gestohlen worden; was für ein Schaden!«
So klagte er, als plötzlich der Hodscha das Kalbfell hervorzog: »Jetzt schäme dich aber, du Dieb; wie kannst du einen Ochsen für ein Kalb verlangen?«
17.
Als der Hodscha auf dem Markte herumstrich, kam einer auf ihn zu und fragte ihn: »Wie steht denn der Mond? Drei viertel oder voll?«
»Ich weiß es nicht,« sagte der Hodscha; »ich habe weder einen gekauft, noch einen verkauft.«
18.
Der Hodscha nahm eine Leiter auf seine Schultern und ging, lehnte sie an eine Gartenmauer, stieg hinauf, legte sie an der andern Seite an und stieg hinunter. Der Gärtner, der ihn sah, rief ihn an: »Was machst du da, was suchst du?«
Der Hodscha packte rasch die Leiter und antwortete: »Ich verkaufe Leitern.«
»Hier also ist der Markt für Leitern?« versetzte der Gärtner.
Aber der Hodscha sagte: »Was für ein Dummkopf du bist! kann man denn nicht überall Leitern verkaufen?«
19.
Eines Tages nahm der Hodscha seine Hühnchen eins nach dem andern her und legte ihnen jedem ein schwarzes Badetuch um den Hals. Dann ließ er sie laufen. Das Volk sammelte sich an und fragte ihn, warum er die Hühnchen also herrichte.
Er antwortete: »Sie tragen Trauer um ihre Mutter.«
20.
Ein Ochse war auf das Feld des Hodschas gelaufen; als ihn der bemerkte, packte er einen Stock und rannte auf ihn los, aber der Ochs entwich. Eine Woche war vergangen, als ihn der Hodscha wieder sah; diesmal war der Ochs an einen Bauernkarren gespannt. Augenblicklich erwischte der Hodscha einen Knüttel und versetzte dem Tiere eine tüchtige Tracht Prügel. Der Bauer aber schrie, als er das sah: »Aber Freund, was hast du denn gegen meinen Ochsen?«
»Laß mich machen, du Dummkopf; er weiß schon, was er angestellt hat.«
21.
Eines Tages verrichtete der Hodscha seine Waschungen an dem Ufer eines Flusses; dabei fiel ihm einer von seinen Pantoffeln ins Wasser, und er sah, wie ihn der Fluß mit sich fortführte. Da kehrte er dem Flusse seinen Rücken zu, ließ einen Wind[68] und sagte: »Da nimm deine Waschung zurück und gib mir meinen Pantoffel wieder.«
22.
Der Hodscha traf einmal seine letztwilligen Verfügungen: »Wenn ich sterbe, so legt mich in ein altes Grab.«
Die Anwesenden sagten: »Warum denn?«
»Wenn dann die Engel[69] kommen, um mich zu fragen, werde ich ihnen antworten: ›Ich bin schon befragt worden; seht ihr denn nicht, daß mein Grab schon alt ist?‹«
23.
Der Hodscha fühlte einmal das Bedürfnis, sein Wasser abzuschlagen; er ging auf den Abtritt und blieb dort einen Tag und eine Nacht. In der Nähe lief ohne Unterlaß ein kleiner Brunnen, und das Plätschern dieses Brunnens ließ ihn meinen, daß er mit seiner Verrichtung noch nicht zu Ende sei.
Da kam einer dazu und rief ihn an: »He Freund, du bleibst aber lange da!«
»Ich muß doch zuerst fertig werden,« antwortete der Hodscha, »bevor ich weggehe.«
24.
Eines Tages wollte der Hodscha ein Pferd besteigen, aber das hielt sich so trefflich, daß er nicht hinaufkommen konnte; schließlich fing er zu fluchen an.
Dann aber sah er hinter sich; und da er bemerkte, daß er allein war, stellte er diese Betrachtung an: »Gestehn wir es uns nur, daß es unter uns noch schlechtere Kerle gibt als das Pferd da.«
25.
Einmal war der Hodscha im Bade; während ihn der Wärter hinüber und herüber abrieb, packte er ihn heftig bei den Hoden.
»Was machst du denn?« fragte ihn der Wärter.
»Ich habe dich nur gehalten,« antwortete der Hodscha, »damit du nicht fällst.«
26.
Der Hodscha hatte eines Tages die Knaben von Akschehir ins Bad zu führen. Die verbargen jeder ein Ei in der Achselhöhle; dann gingen sie alle mitsammen ins Bad, kleideten sich aus und setzten sich auf den runden Stein mitten im Bade. Und sie sagten: »Kommt alle her; wer jetzt kein Ei legt, bezahlt das Bad.«
Die Sache wurde so abgemacht; nun gluckte ein jeder, zerarbeitete sich, als ob er kreißte, und legte sein Ei auf den Stein.
Alsbald erhob sich der Hodscha, der ihnen zugesehn hatte, schlug mit den Armen wie mit Flügeln und krähte wie ein Hahn; und die Knaben sagten: »Was machst du, Meister?«
»Nun, braucht es denn keinen Hahn für so viel Hennen?«
27.
Eines Tages verließ der Hodscha sein Haus in schwarzen Kleidern. Den Leuten fiel das auf und sie fragten ihn, warum er also gekleidet sei.
Er antwortete: »Der Vater meines Sohnes ist gestorben, und darum trage ich Trauer.«
28.
Nach einem langen Marsche hatte der Hodscha Durst. Er sah um sich und gewahrte einen Brunnen, dessen Öffnung mit einem Pflocke verschlossen war. Nach einem Trunke verlangend, zog er den Pflock heraus; da schoß auch schon das Wasser in mächtigem Strahle heraus und ihm über den Kopf.
Voller Ärger schrie er: »Da hat mans, wie närrisch du fließt; drum hat man dir auch einen Pflock in den Hintern getrieben.«[70]
29.
Eines Tages steckte der Hodscha etliche Pastinaken zu sich und ging ins Gebirge Holz fällen. Als er durstig ward, schnitt er eine an; er fand sie schal und warf sie weg. Er schnitt eine andere an und tat dasselbe, kurz, er schnitt alle an, aß von einigen ein wenig und pißte auf die Stücke, die übrig blieben.
Dann fuhr er fort, Holz zu fällen, und kurz darauf bekam er von neuem Durst. Nun nahm er die Köpfe der zerschnittenen Pastinaken und hierauf jedes einzelne Stückchen; und indem er sagte: »Das da ist benetzt, das nicht«, aß er sie schließlich alle miteinander auf.
30.
Als der Hodscha einmal in die Stadt ging, begegnete er plötzlich zwei Männern; die fragte er: »Wohin geht ihr?«
Sie antworteten: »Wir sind erst am Anfang unserer Rute.«
»Na, hoffen wir,« sagte der Hodscha, »daß ihr am Abende bei der Eichel anlangt.«
31.
Der Hodscha Nasreddin-Effendi hatte ein Lamm. Seine Freunde dachten sich einen lustigen Streich aus, um es zu essen. Einer von ihnen kam ihm wie zufällig entgegen und sagte im Vorbeigehn zu ihm: »Was willst du mit dem Lamme da? morgen ist der Tag des jüngsten Gerichtes; komm, schlachten und essen wir es.«
Der Hodscha glaubte es nicht; er hörte auch kaum hin.
Es kam ein zweiter und sagte dasselbe; kurz, sie kamen alle, einer nach dem andern oder auch paarweise, und behaupteten, wie es abgemacht war, daß am nächsten Tage das Ende der Welt sein werde. Schließlich stellte sich der Hodscha, als ob er es glaubte.
»Wenn es so ist, so seid willkommen, Freunde! Nun wollen wir hinaus aufs Feld gehn, das Lamm schlachten und uns unsere letzten Augenblicke noch recht gut miteinander unterhalten.«