Part 2
Das Volk hat den Hodscha Nasreddin nicht nur unter die Märchenhelden, sondern auch unter die Heiligen versetzt; er hat ja auch kurz nach seinem Hinscheiden die Gläubigen, die in einer nahe bei seinem Grabe gelegenen Moschee versammelt waren, vor dem ihnen durch den Einsturz der Kuppel drohenden Tode errettet[27]. Und dort, wo sein Grab ist, in Akschehir, gibt es kaum eine Gasse, einen Brunnen oder eine Dschami, woran sich nicht Überlieferungen von Nasreddin knüpften, und von jeder Moschee wird behauptet, Nasreddin habe in ihr gepredigt: man zeigt dem Fremden, wo er über die Allgegenwart Gottes die Worte gesprochen hat: »Wenn Gottes Hand nicht alles lenkte, dann müßte wenigstens einmal etwas geschehn, wie ich es wollte!« und mit besonderm Stolze führt man den Besucher zu der Kanzel, auf der der Hodscha die berühmte dreigeteilte Predigt gehalten hat, die unsere Sammlung eröffnet[28].
Mag immerhin einer oder der andere, weil die Kette der Beweise nicht lückenlos ist, behaupten: Nasreddin hat nicht gelebt; das eine wird niemand leugnen wollen: Nasreddin lebt.
Über seinen Geburtsort gehn die Überlieferungen auseinander. Kúnos läßt die Entscheidung offen zwischen Siwri-Hissar und Akschehir, Behaï gibt Siwri-Hissar an, und Ali Nouri[29], der pseudonyme Verfasser einer deutschen Ausgabe von Nasreddins Schwänken, sagt kurzer Hand, daß er in Akschehir geboren sei. Flögel nennt Jenischehir als Geburtsort; aber die von Akschehir, die förmlich mit Eifersucht alles hüten, was an den Hodscha erinnert, weisen es entschieden zurück, daß er in Jenischehir jemals auch nur gewesen sei[30]. Wohl nur auf dem Schlusse aus seiner Zeitgenossenschaft mit Timur und Bajazet beruhen die Angaben, daß er, wie Behaï sagt, in der Regierungszeit Sultan Orchans (1326-1359) oder, nach andern, um 1360 geboren sei. Kombination ist natürlich auch alles übrige, was über seine Lebensumstände erzählt wird, obwohl es im allgemeinen herzlich wenig ist; andere Quellen als die Schwänke gibt es ja nicht. Und bei dem jüngsten Biographen Nasreddins fühlt man leicht, daß der Wortschwall als Mittel verwandt wird, um die peinlich empfundene Unwissenheit zu verdecken; immerhin sei mitgeteilt, was dieser zu berichten weiß[31]:
»Nach der herrschenden Meinung hat sich der verewigte Hodscha in Akschehir und wohl auch in Konia dem Studium und der Vervollkommnung in den Wissenschaften hingegeben. Dann war er in einigen Städten und Bezirken in der Nähe von Akschehir Kadi. In seiner Vaterstadt Siwri-Hissar war er Prediger. In einigen andern Orten war er Lehrer an geistlichen Seminaren und Vorbeter. Auch hat er Amtsreisen unternommen in die Wilajete Konia, Angora und Brussa, sowie in einige andere angrenzende Provinzen. ... Er gehörte zu den Juristen aus der Rechtsschule Abu Hanifas[32] ... Als er einmal von der Regierung in Staatsgeschäften nach Kurdistan geschickt wurde, sagte dort einer, der ihn erkannte: ›Unser Hodscha versteht sich sogar auf Politik und Regierungskunst und ist darum ein ganzer Mann.‹ Ein andermal wurde er in Akschehir mitten aus einer Versammlung herausgeholt; für die Regierung hatte sich nämlich die Notwendigkeit ergeben, sofort Eilboten dorthin zu schicken und ihn aufzufordern, so schnell wie möglich in die Hauptstadt zu kommen. Meistens beschäftigte er sich mit der mohammedanischen, auf Koran und Überlieferung gegründeten Rechtskunde.«
Die Naivetät, die aus diesen Erzählungen spricht, wird noch übertroffen durch die groteske Art der Lobsprüche, die Behaï dem Hodscha angedeihen läßt. Mit Entrüstung erfüllt es ihn, daß man versucht hat, unwahre Behauptungen über Nasreddin durch erfundene Geschichten zu stützen, und daß in einem von ihm nicht näher bezeichneten Buche der Ausspruch getan wird: »Der Hodscha zeigt manchmal den höchsten Grad von Freigeisterei; auch ist er nicht Wandermönch geworden. Es ist dem Gedächtnis überliefert, daß seine durch anderweitige Beispiele erwiesene fluchwürdige Gottlosigkeit gewiß der als göttliche Strafe zu gewärtigenden Vernichtung würdig ist, und daß er Fragen der Jurisprudenz und der Theologie im Verkehre mit den verschiedensten Klassen der Muselmanen unter der Verhüllung durch Schwänke behandelt hat. Möge ihm Gottes Barmherzigkeit noch zu teil werden!« Dagegen donnert Behaï in folgender Philippika: »Nirgends ist bei Sr. Hochehrwürden und Sr. Heiligkeit — nämlich Nasreddin — irgendein der Welt schmeichelnder Unglaube festzustellen. Seine Gerechtigkeit steht außer Zweifel, gemeine und niedrige Handlungen finden sich bei ihm nicht; ja nicht einmal in Gedanken hat er gesündigt. Freilich gibt es — das sei in aller Ehrerbietung gesagt — auch für den Hodscha eine Grenze, über die hinaus seine sittliche Kraft nicht reicht: da auch er nur ein Mensch war, da auch ein Muselman nicht ohne Sünde ist, hat wohl auch er in Sünde fallen können, und es ist möglich, daß er in seiner Kindheitszeit und seinem Jünglingsalter unpassendes getan, ja eine Sünde begangen hat; nur allmählich vervollkommnete er sich, machte er Fortschritte in der Wissenschaft, in den Kenntnissen, in der sittlichen Vervollkommnung und in der Weisheit und bildete Körper und Charakter aus, bis er schließlich zu dem höchsten Grade der Vereinigung mit Gottes Heiligkeit und seinem heiligen Geiste gelangt ist.« Und an einer andern Stelle heißt es: »Staunenswert war seine asketische Frömmigkeit; selbst im Schlafe hat er sich nie durch unreine Gedanken befleckt.« Und weiter: »Er zog es vor, sich betrügen zu lassen, ja sogar einen empfindlichen Schaden zu erleiden, als irgendeinem Menschen eine schändliche Lüge oder einen Betrug zuzutrauen ... Se. Hochehrwürden, der verewigte Nasreddin war ein tiefgründiger Gelehrter, der der Weltlust und den weltlichen Dingen entsagt hat; er war eine durchaus reine und lautere Natur in des Wortes tiefster Bedeutung, er war geradezu eine Engelsnatur.«
Der Leser soll nicht weiter gelangweilt werden; hoffentlich begleitet ihn aber die Erinnerung an diese Panegyriken bis zu der Lektüre der Schwänke.
Ebenso schmerzlich wie den dem Hodscha gemachten Vorwurf der Gottlosigkeit empfindet es Behaï auch, daß dieser manchen nur als einfacher Spaßmacher gilt: »Wir zählen den verewigten Hodscha zu einer Art von Persönlichkeiten, die nur auf ein einziges Volk — nämlich das türkische — beschränkt geblieben ist; weder Behlewal Dana in der Anfangszeit des Islams, noch der sprichwörtlich gewordene Mudschadib, noch Dschoha, noch Männer wie Abdal, die sich ihn zum Vorbilde nahmen, noch Abu Dulama von den Arabern, noch Talhak von den Persern, diese Schmarotzerseelen, noch irgendein anderer von den übrigen Völkern kann mit unserm Hodscha verglichen werden.«[33]
Dieser Ausspruch ist nicht unwichtig; er beweist, daß man auch in dem Volke, dem Nasreddin angehört, schon die Verwandtschaft erkennt, die ihn mit andern Gestalten verbindet, die, ob historisch oder nicht, als wenig verschiedene Typen die Helden des Dummheitsschwankes und oft zugleich des Schlauheitsschwankes darstellen. Von diesen haben wir uns hier noch mit Dschoha zu beschäftigen.
Der Umstand, daß Dschoha viele sonst mit Nasreddin verbundene Schwanküberlieferungen auf sich vereinigt, hat einzelnen Gelehrten den Anlaß zu der Behauptung gegeben, Nasreddin und Dschoha seien einunddieselbe Person, und man hat sogar versucht, das arabische Wort Dschoha als eine Ableitung des türkischen Hodscha zu erklären[34]. Diese Meinungen sind aber unhaltbar, da Dschoha als ein dem Hodscha Nasreddin ähnlicher Typus lange vor diesem belegt ist.
Schon der _Fihrist_ des 995 gestorbenen ibn Ishak an Nadim, eine Bibliographie der damals vorhandenen arabischen Literatur, nennt unter den Schwankbüchern unbekannter Verfasser ein von Dschoha handelndes[35]; dieses ist ebenso wie die andern dieser Gruppe angehörenden Schriften verloren. Die nächste Erwähnung Dschohas findet sich in dem _Kitab madschma al amthal_ des 1124 verstorbenen al Maidani, einer großen arabischen Sprichwörtersammlung[36]; Maidani belegt einzelne Sprichwörter, die mit dem Namen eines Einfaltspinsels verknüpft sind, mit kleinen Erzählungen von dem betreffenden, und so hat er auch drei Geschichten von Dschoha[37]. Dieser führt aber auch noch zugleich mit Nasreddin ein von ihm unabhängiges Dasein; der _Thamarat al aurak_ von ibn Hidschdscha al Hamawi (1366-1434) bringt von ihm einige Schwänke und sagt über ihn: »Manche behaupten, daß er der unterhaltendste Mensch von der Welt gewesen sei, daß es aber zwischen ihm und den Leuten Zwistigkeiten gegeben habe, und daß man ihm alle möglichen Geschichten beigelegt habe; andere sagen, er sei der leichtfertigste Taugenichts gewesen.«[38]
Bis zum fünfzehnten Jahrhunderte, oder wenn man auf die Tatsache, daß keine ältere Aufzeichnung Nasreddinscher Schwänke erhalten ist, pochen will, bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts können also die Überlieferungen des Dschohakreises als die ältern nicht von solchen der Nasreddingruppe beeinflußt worden sein; daß aber später Dschoha und Nasreddin, die ja, der eine für die Araber, der andere für die Türken, gleichartige Typen des Narren und Volkslieblings darstellen, ineinander übergeflossen sind, ist leicht verständlich. Dem tragen die heute im arabischen Oriente außerordentlich verbreiteten Drucke Rechnung, die schon im Titel die beiden Personen identifizieren: _Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha_. Freilich läßt der Umstand, daß Nasreddin oft auch als Dschoha er-rumi, als rumelischer oder türkischer Dschoha bezeichnet wird[39], den Schluß zu, daß der Araber noch immer zwischen den beiden unterscheide und durch diese Bezeichnung nur die Ähnlichkeit, die auch er zwischen ihnen erkennt, ausdrücken wolle; dies erscheint aber als nebensächlich, weil zur Ausstattung beider Volkslieblinge der Schatz der alten Überlieferungen gleichmäßig geplündert worden ist und noch weiter geplündert wird. Was man heute vorläufig nur von Nasreddin erzählt — abgesehn natürlich von dem genannten oder ungenannten Schwankhelden, von dem es zuerst berichtet worden ist — wird morgen auch von Dschoha erzählt, und ebenso umgekehrt; klar ist es dabei, daß die Araber bei ihrer reichen Schwankliteratur meist die gebenden, die Türken die empfangenden sind.
Die verschiedenen Ausgaben des _Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha_, deren Inhalt so ziemlich identisch zu sein scheint, enthalten fast alle Geschichten des noch zu besprechenden, zum ersten Male 1837 erschienenen türkischen Volksbuches von Nasreddin und in derselben Anordnung. Wenn der Schluß, den Basset aus dem das Jahr der Hidschra 1041 zeigenden Chronogramme einer ihm vorliegenden Bulaker Ausgabe zieht, richtig ist[40], wenn also der Nawadir in seiner heutigen Form schon im 17. Jahrhunderte — das Jahr 1041 der Hidschra entspricht dem Jahr 1631 n. Chr. — abgefaßt worden ist, dann haben das türkische Volksbuch und der arabische Nawadir dieselbe Vorlage gehabt, die allerdings im Nawadir fast auf das Doppelte erweitert worden ist; jedenfalls hat der Verfasser des Nawadirs neben der türkischen Quelle auch arabische und vielleicht andere bereits niedergeschriebene Schnurren vor sich gehabt: aus dem _Mustatraf_ von al Abschihi († 1446) sind zum Beispiele in den Nawadir ganze Seiten aufgenommen worden[41].
Durch die Araber ist Dschoha, und zwar dieser Dschoha des Nawadirs, die allbeliebte Schwankfigur auch im nördlichen Afrika geworden, und so wie die dem türkischen Volksbuche noch nicht angehörenden Dschohageschichten in die türkische Überlieferung übergegangen sind, so haben auch Erzählungen des Nasreddinkreises zugleich mit Dschohageschichten oder als solche in dem Volksmunde des Maghribs Aufnahme gefunden. Natürlich haben die Araber ihr sowieso beschränktes Eigentumsrecht an Nasreddin-Dschoha nicht behaupten können, sondern haben ihn mit den Berbern teilen müssen. Die Kabylen der Küste Algiers haben ihren Dscheha, die Beni Msab der Sahara ihren Dschoha, die Berbern von Tamazratt ihren Dschuha, die in der Oase Ghat ihren Schaha; und wie der tunisische und der tripolitanische Araber von Dschuha erzählt, so hat sich der Nubier einen Dschauha geschaffen. Der Schwank von der Schüssel, die zuerst gebiert und dann stirbt, begegnet mit dem türkischen Nasreddin, mit dem türkisch-arabischen Nasreddin-Dschoha, mit dem arabischen Dschoha und mit dem berberischen Dscheha als Helden; schließlich kehrt er auch auf Malta wieder, und dort ist aus dem Dschoha ein Dschahan geworden[42].
Gemeiniglich wird auch angenommen, daß der sizilianische Volksnarr Giufà oder Giucà, der in Piana de’ Greci, in Palazzo Adriano und in andern albanesischen Ansiedelungen Siziliens Giuχà heißt[43], der nationalisierte arabische Dschoha sei; dem steht entgegen, daß auch in Toskana der bevorzugte Träger von Dummheitsschwänken Giucca, Giucco, Ciocco heißt. In jedem italiänischen Wörterbuche findet man neben sciocco auch giucco = Dummkopf, neben scioccaggine, scioccheria usw. auch giuccaggine, giuccheria usw. = Dummheit, und in Pitrès Sammlung toskanischer Volkserzählungen kommt eine moglie giucca, eine dumme Frau, vor, die ihrer Dummheit halber Giucca gerufen wird[44]. Wahrscheinlich ist ja eine oder die andere von den Giufàgeschichten arabischen Ursprungs; ob man aber deswegen und wegen des flüchtigen Gleichklanges eines aus der italiänischen Sprache ebenso gut erklärbaren Wortes mit einem arabischen Namen so weittragende Schlüsse ziehen darf, bleibe dahingestellt.
Eher könnte man wohl eine Namensentlehnung bei dem entsprechenden kalabrischen Typus annehmen, dessen einer Name Hiohà — der andere lautet Juvadi oder Juva’, was wieder zu Giufà stimmt — sicherlich mehr als Giufà an Dschoha erinnert; was die innerliche Verwandtschaft betrifft, so findet man, auf diesen übertragen, sogar eine als reine Dschohageschichte nicht belegte Erzählung des Nasreddinkreises vor.
Für das Verhältnis Nasreddins zu Dschoha ist die Feststellung wichtig, daß aus der Zeit vor Nasreddins angeblichem oder wirklichem Leben noch keine einzige Dschohageschichte bezeugt ist, die als Quelle eines Nasreddinschen Schwankes angenommen werden müßte[45], während das sonst Nasreddin zugeschlagene Gut wahrlich nicht gering ist. Eine ganze Reihe von Schnurren — es ist hier wieder nur von dem ersten Teile unserer Ausgabe die Rede, genauer ausgedrückt von den Nummern 1 bis 331 — findet sich schon bei dem Perser Ubeid Zakani († 1370 oder 1371), nicht so viele bei dem syrischen Bischofe Bar-Hebraeus (1226-1286), und einige stehn schon in dem _Kitab al ikd al farid_ von ibn Abdirabbihi (860-940); daß äsopische Fabeln Verwendung gefunden haben ist weniger verwunderlich, als daß auch die unter dem Namen der Facetien von Hierokles bekannte, vielleicht schon im fünften Jahrhunderte verfaßte Sammlung ausgebeutet worden ist. Auf vereinzelte Parallelen, wie sie sich zum Beispiele bei az Zamachschari (1074 bis 1143) und al Habbarija († 1100) finden, sei hier nicht näher eingegangen. Daß von Nasreddin Geschichten erzählt werden, die auch Karakusch, dem Wesir Saladins, beigelegt worden sind, kann, da sie noch in keinem sicher dem ursprünglichen Verfasser der Karakuschanekdoten al Mammati († 1209) zugehörigen arabischen Texte, sondern nur in einer viel spätern türkischen Bearbeitung nachgewiesen sind[46], nicht in Betracht kommen, und dasselbe gilt von den Erzählungen, zu denen sich Gegenstücke auch in den türkischen _Vierzig Wesiren_ finden, deren arabisches Original noch nicht bekannt ist[47]. Mehrere Stoffe Nasreddins sind vor diesem von abendländischen Erzählern behandelt worden; hier darf wohl manchmal eine europäische Quelle angenommen werden, zum Beispiele bei dem in den europäischen Überlieferungen so oft wiederkehrenden und im Oriente nur mit Nasreddin belegten, schon von Boccaccio zu einer Novelle gestalteten Schwanke von den angeblich einbeinigen Gänsen oder Kranichen, die sich, als man sie erschreckt, auf beiden Beinen davonmachen. Mit jeder Spanne Zeit, um die man überdies das erste Auftauchen eines Schwankes bei Nasreddin hinaufrückt — der Spielraum ist auch bei den schon in den ältesten Manuskripten enthaltenen immerhin fast zweihundert Jahre — wird eine Übertragung durch die Vermittlung der Literatur wahrscheinlicher; und daß die heute noch nicht abgeschlossene Übertragung der mündlichen Überlieferungen schon sehr zeitlich begonnen hat, ist bei Gestalten wie Nasreddin selbstverständlich.
Die erste gedruckte Ausgabe der Schwänke Nasreddins ist 1837 in Konstantinopel erschienen und drei Jahre vorher hat J. Dumoret im _Journal asiatique_ nach einem Pariser Manuskripte drei Erzählungen veröffentlicht, für deren Verfasser er Nasreddin hielt[48]; vorher wußte man von diesem in Europa nicht mehr, als was Flögel und die genannten Historiker berichteten und was Goethe im _West-östlichen Diwan_ mitgeteilt hat[49].
Goethe verdankt seine Kenntnis Nasreddins dem Berliner Orientalisten Prälaten von Diez, der für ihn fünf Schwänke übersetzt hat[50]. Diez, der »würdige Mann« mit der »strengen und eigenen Gemütsart« hatte an Nasreddin kein sonderliches Gefallen; in einem vom 24. April 1816 datierten Briefe an Goethe schreibt er: »Fürs Weitere möchte ich Ihnen gern ein Paar Erzählungen von Nusreddin Chodscha mitsenden, der nicht sowohl ein witziger Kopf als ein ziemlich platter und unsauberer Schwänkemacher gewesen.« Und am 11. Oktober 1816: »Nussreddin Chodscha war nur ein ziemlich gemeiner Spaßmacher und Zotenreißer. Die Erzählungen die man von ihm hat, sind daher noch jetzt nur der Gegenstand der Unterhaltung gemeiner Leute in den langen Winterabenden. Er lebte im vierzehnten Jahrhundert als Lehrer (Chodscha) auf einem Dorfe in Kleinasien, um die Zeit, als Timur oder Timurlenk, der lahme Timur (woraus man in Europa Tamerlan gemacht) in Asien auf Eroberungen ausging. Timur fand Vergnügen an den Schwänken und Einfällen des Mannes und führte ihn auch eine Zeitlang als Gesellschafter mit sich herum. Man hat mehrere kleine Sammlungen seiner Einfälle. Mir ist aber niemals bekannt geworden, daß man in Europa etwas davon übersetzt habe. Ich habe daher einige der züchtigsten und besten Erzählungen in der Beilage wörtlich übersetzt, damit Ew. Hochwohlgeb. daraus den Geist des Mannes näher kennen lernen mögen. Wenn Timur ihn als Spielzeug gebrauchte, so mußte er sich auch manche Grobheiten von ihm gefallen lassen.«
Goethens Gesichtskreis war etwas weiter als der des Prälaten; in seiner Antwort an ihn, datiert vom 23. Oktober 1816, heißt es: »Die Stellung solcher Lustigmacher an Höfen bleibt immer dieselbe, nur das Jahrhundert und die Landschaft machen Abstufungen und Schattierungen, und so ist denn dieser sehr merkwürdig, weil er den ungeheuren Mann begleitet, der in der Welt so viel Unheil angerichtet hat und den man hier in seinem engsten und vertrautsten Zirkel sieht.« Und in den _Noten und Abhandlungen_ zum Diwan hat Goethe aus den fünf ihm von Diez übersandten Erzählungen[51] von dem »lustigen Reise- und Zeltgefährten des Welteroberers« den Schluß gezogen, »daß gar manche verfängliche Märchen, welche die Westländer nach ihrer Weise behandelt, sich vom Orient herschreiben, jedoch die eigentliche Farbe, den wahren, angemessenen Ton bei der Umbildung meistens verloren«; und er fährt fort: »Da von diesem Buche das Manuskript sich nun auf der königlichen Bibliothek zu Berlin befindet, wäre es sehr zu wünschen, daß ein Meister dieses Faches uns eine Übersetzung gäbe. Vielleicht wäre sie in lateinischer Sprache am füglichsten zu unternehmen, damit der Gelehrte vorerst vollständige Kenntnis davon erhielte. Für das deutsche Publikum ließe sich alsdann recht wohl eine anständige Übersetzung im Auszug veranstalten.« Vorher hat er schon eine von den fünf Erzählungen abgedruckt und ihr die Bemerkung vorausgeschickt, wie er sich die Ausgestaltung des im Diwan nur zwei Gedichte umfassenden _Buch des Timur_ gedacht hätte.
Der Anregung Goethes ist, wohl unbewußterweise, der erste Übersetzer der türkischen gedruckten Sammlung, Camerloher, zum Teile nachgekommen, indem er einige Stellen, die ihm für den deutschen Leser zu frei schienen, lateinisch übertragen hat[52]. Eine französische Ausgabe des inzwischen in Konstantinopel oft aufgelegten Volksbuches ist 1876 von Decourdemanche besorgt worden[52], der später auch den schon erwähnten, auf einer Reihe von Handschriften beruhenden _Sottisier de Nasr-Eddin-Hodja_ herausgegeben hat. Eine reiche Auswahl aus dem Volksbuche in türkischer Sprache mit einer interlinearen englischen Übertragung hat W. B. Barker seinem ebenfalls schon genannten türkischen Lesebuche beigegeben; er folgte damit dem Beispiele Dietericis, der sieben Nasreddingeschichten aus zwei Manuskripten Diezens in seine 1854 erschienene _Chrestomathie ottomane_ aufgenommen hatte, und Malloufs, in dessen _Dialogues turcs-français_, Smyrna, 1854 (2. Auflage Konstantinopel, 1856) sich sieben Erzählungen von Nasreddin finden. Sechs davon hat Mallouf in der _Revue de l’Orient, de l’Algerie et des Colonies_ von 1853 ins Französische übersetzt; die von Dieterici veröffentlichten hat H. Ethé in seinen _Essays und Studien_, Berlin, 1872 zur Unterlage eines Aufsatzes über Nasreddin benutzt.
Im Jahre 1299 der Hidschra (1883) hat Mehmed Tewfik in Stambul eine Sammlung von 71 Schwänken Nasreddins herausgegeben; wenige Monate später ließ er ihr 130 Schwänke von Buadem folgen. Buadem, zu deutsch: dieser Mann, ist eine von Tewfik erfundene Gestalt, zu deren Ausstattung er vorläufig viele Schnurren des Nasreddin-Dschohakreises verwandt hat. In geringerm Maße ist dies bei den 96 Schwänken festzustellen, die er seinem Buademwerke in der Ausgabe von 1302 beigegeben hat[53].
Nur zwei anscheinend neue Erzählungen, darunter eine von Timur, bringen die ihrer Einleitung halber schon oft zitierten _Naszreddin hodsa tréfái_, die Kúnos in Kleinasien aus dem Munde eines Aidiners aufgezeichnet hat; die Nummern 1 bis 123 finden sich, eine ausgenommen, schon in dem 125 Geschichten enthaltenden Volksbuche, und auch die Reihenfolge ist bis auf zwei Ausnahmen beibehalten worden[54].
Schon 1872 ist in Athen eine griechische Ausgabe der Schwänke Nasreddins erschienen mit dem Titel Ὁ Ναστραδὶν Χώντζας. Διηγήματα αὐτοῦ ἀστεῖα καὶ περίεργα[55]. Sie ist mir trotz allen Bemühungen unzugänglich geblieben, enthält aber angeblich denselben Text wie das bei Saliber in Athen erschienene Groschenbändchen Ὁ Νάσρ-ἐδδὶν-Χότζας καὶ τὰ ἀστεῖα ἀνέκδοτα αὐτοῦ. Dieses bringt, augenscheinlich in Übersetzung, viele Stücke aus dem Volksbuche, daneben solche, die bei Tewfik wiederkehren, aber auch eine Reihe von Erzählungen, die sich weder im Volksbuche, noch bei Tewfik finden[56]. Daß übrigens Nasreddin bei den Griechen eine selbständige Existenz führt, zeigt auch das im II. Bande S. 250 besprochene Märchen von Naxos[57].