Der Hodscha Nasreddin I. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke

Part 12

Chapter 124,016 wordsPublic domain

292.

Der Hodscha hatte einen Dattelgarten, und drinnen war ein Baum, auf den er jeden Tag stieg. Weiter hatte er eine Tochter und diese einen Geliebten. Eines Tages saß nun Nasreddin auf seinem Baume, als der Bursche mit seiner Tochter kam und mit ihr zu tändeln begann; an Verwegenheit ließ ers dabei nicht fehlen und schließlich sagte er zu ihr: »Stell dich hin; ich will es machen wie ein Hengst.«

»Gut,« sagte sie.

Während er nun das Mädchen besprang, blickte er in die Höhe, und da sah er den Hodscha; augenblicklich ließ er sie und nahm Reißaus. Nun nahm sie etliche Datteln und lief dem Flüchtling nach; dabei rief sie: »Nimm doch!«

Aber der Hodscha schrie vom Baume herunter: »Was fällt dir ein, ihn mit so etwas locken zu wollen? Glaubst du, er wird für drei Datteln zu einem so schamlosen Ding kommen, die den weißen Fluß hat, wie du? Zeig doch wenigstens eine Handvoll!«

293.

Als der Hodscha eines Tages aus seiner Tür trat, sah er einen Knaben vor dem Hause hocken und seine Notdurft verrichten; da schrie er mehrere Male hintereinander: »Was machst du da? Wessen Kind bist du?«

Endlich antwortete der Bengel: »Ich bin der Sohn der Schwester des Stadtverwesers.«

Augenblicklich nahm ihn der Hodscha bei der Hand und führte ihn vor das Haus des Stadtverwesers; und dort sagte er: »Da ist der Ort, wo du deine Notdurft verrichten sollst.«

294.

Eines Tages sagte der Hodscha zu seinem Bruder: »Tu mir etwas zuliebe.«

»Was denn?«

»Erlaube mir, dich herzunehmen wie einen Knaben.«

»Kannst du mich nicht um etwas andres bitten?«

»Was?« schrie der Hodscha, »du bist doch mein Bruder; von wem soll ich es denn verlangen, wenn nicht von dir?«

295.

Eines Tages erging sich der Hodscha mit seinem Amad; sie kamen aber am Abende nicht nach Hause, sondern verbrachten die Nacht unter freiem Himmel. Der Hodscha fragte den Amad: »Wem hast du deine Frau für die heutige Nacht zu hüten gegeben?«

Der Amad antwortete: »Dem Softa, Alter.«

Der Hodscha fuhr fort: »Und wem hast du die Tugend des Softas zu hüten gegeben?«

296.

Der Hodscha wanderte einmal mit einem großen Sacke voll Joghurt auf dem Rücken, und der Joghurt wiegte sich in dem Sacke von der einen Seite auf die andere; endlich schrie der Hodscha: »Bleib du ruhig dahinten; sonst sollst du mit meinem Menschenpflanzer Bekanntschaft machen.«

Der Joghurt antwortete nichts, hörte aber auch nicht auf, sich zu wiegen. Unverzüglich warf sich der Hodscha auf den Sack, machte ein Loch hinein und versenkte darein den besagten Menschenpflanzer. Als er ihn dann wieder herauszog, sah er, daß er voller Joghurt war, und da schrie er: »Wahrhaftig, du warst schon in Löchern genug; aber mit einem weißen Kopfe bist du noch nie herausgekommen!«

297.

Zufällig kam einmal der Hodscha vorbei, als ein Jude mit erhobenen Händen Gott um einen Regen anflehte; es regnete aber keineswegs. Da wandte sich der Jude zum Hodscha und sagte zu ihm: »Bete auch du; nach dem, wessen Gebet einen Erfolg haben wird, werden wir sehn, wer der wirkliche allmächtige Gott ist, der deinige oder der meinige.«

Der Hodscha hob die Hände zum Himmel und betete. Und alsbald grollte der Donner, zuckten Blitze hernieder und begann ein starker Regen zu fallen. Der Hodscha entfloh und trachtete sich eiligst unter einem Felsen zu verbergen; aber das Wetter schlug auch dort hinein und ging über den Hodscha nieder.

Da schrie er: »Herr Gott, du hast mein Gebet schlecht verstanden; warum nähmest du dir sonst die Mühe, das Gewitter bis unter diesen Stein zu schicken, wo doch der Jude draußen steht?«

298.

Eines Tages ging der Hodscha weg, und nachdem er eine Zeitlang gewandert war, fand er nicht mehr nach Hause; da begegnete er einem Manne und den fragte er: »Bruder, hast du mein Haus gesehn?«

Der Mann antwortete: »Ich habe einen grobknochigen Derwisch gesehn, der es wegtrug; wenn du mit mir gehn willst, so wollen wir ihn aufsuchen.«

Der Hodscha glaubte es und kam sogar auf den Verdacht, es handle sich um einen Greis, der Baba-Sultan genannt wurde. Er machte sich alsbald auf den Weg zu diesem Biedermanne; als er ankam, fand er ihn im Hofe seines Klosters. Er fragte ihn: »Hast du mein Haus gesehn?«

Der Alte antwortete: »Man hat es hiehergebracht; dann ist es aber wieder zurückgeschickt worden.«

Der Hodscha wollte unverzüglich aufbrechen, aber die Derwische ließen ihn nicht weg: »Bleib bei uns heute Nacht,« sagten sie; »morgen früh gehst du dann.«

Während er nun schlief, schnitten sie ihm Haare und Bart. Er stand noch in der Dämmerung auf und ging weg, ohne etwas bemerkt zu haben; als er aber auf seinem Wege zu einem Brunnen kam, betrachtete er sich im Wasser und da erkannte er sich nicht wieder.

»Diese Schufte,« schrie er, »sie haben mich gegen einen Kalender vertauscht, den sie an meiner Statt ins Bett gelegt haben!« Und als er heimkam, sagte er zu seiner Frau: »Weib, man hat mich mit einem Kalender verwechselt; hast du keine Nachrichten von mir? Übrigens haben sie mir wenigstens, nach dem, was ich sehe, mein Haus zurückgebracht!«

299.

Einmal war der Hodscha Nasreddin in Arabien. Die arabischen Weisen gaben ihm ein Fest, und als das mitten im Gange war, legten sie ihm eine Streitfrage vor. Aber der Hodscha, der ihnen keine Antwort schuldig bleiben wollte, sagte zu ihnen: »Wenn ihr mir die Fragen, die ich an euch richten will, beantworten werdet, werde auch ich euch Antwort geben; wenn nicht, so gehe ich, wie ich gekommen bin.«

Sie waren damit einverstanden, und nun sagte der Hodscha: »Wißt ihr, warum die Fische Reißaus nehmen beim Anblicke des Menschen, und warum die Sterne entfliehn, wenn die Sonne erscheint? Das sind meine Fragen.«

Die Araber fanden keine Lösung und erkannten seine Überlegenheit an.

300.

Der Hodscha beobachtete eines Tages einen Mann, wie er eine Summe Geldes irgendwo versteckte. Als sich der Eigentümer entfernt hatte, bemächtigte sich der Hodscha des Geldes; der Eigentümer hatte ihn aber bemerkt und verfolgte ihn. Der Hodscha flüchtete sich in eine Moschee, aber der andere lief ihm auch dorthin nach. Der Hodscha stieg aufs Minaret und der andere stieg auch hinauf. Als schließlich der Hodscha sah, daß er ihm nicht entwischen konnte, stürzte er sich von oben herab und erwachte augenblicklich; denn er hatte das alles nur geträumt.

301.

Ein Baderjunge hatte sein Schermesser verloren; weinend und das Gesicht in den Händen verborgen lief er herum und schrie: »Ach, das Schermesser! Ach, das Schermesser!«

Der Hodscha, der dabei war und das hörte; sagte sich: »Zweifellos hat man diesem Diebe die Nase abgeschnitten!«

302.

Der Hodscha war gestorben und man legte ihn in ein altes Grab. Nachdem die Leute auseinandergegangen waren, kamen Munkar und Nakir[101], um ihn zu befragen, und er sagte zu ihnen: »Wenn ihr wollt, daß ich sprechen soll, so gebt mir einen Asper.«

Auf diese Rede versetzten sie ihm einen derben Streich. Nun schrie er: »He, Freunde, wenn ihr kein Geld habt, kommt ein andermal wieder.«

Und damit erwachte er; denn alles war nur ein Traum.

303.

Der Hodscha kam einmal in ein Dorf; die Einwohner, denen er auffiel, sagten zu ihm: »Da du ein Würdenträger bist, so komm über einen Toten die Gebete zu sprechen.« Er ging mit ihnen und verrichtete alles, was bei einer Leichenfeier geschehn soll; doch begnügte er sich damit, den Schlußausruf: ›Gott ist groß‹ nur einmal zu singen. Dessenungeachtet bezahlte man ihn und er entfernte sich.

Nun machte ein Städter, der auch anwesend war, die Bauern aufmerksam, daß diese Anrufung über einem Toten viermal wiederholt werden soll. Da liefen sie dem Hodscha nach und erhoben, als sie ihn eingeholt hatten, ihre Einwendungen.

Der Hodscha fragte sie: »Den wievielten haben wir heute?«

»Den fünften.«

Und er sagte, um sie sich vom Halse zu schaffen: »Wenn heute der fünfte ist, wird das Totengebet nicht anders gesprochen, als wie ich es getan habe.«

304.

Eines Tages hatte die Frau des Hodschas den Sik eines Mannes gesehn, und sie wurde von einem solchen Verlangen nach ihm erfaßt, daß sie krank wurde; und sie sagte: »Wohin ist denn der verschwunden, den ich gesehn habe? vielleicht fände er ein Mittel für mein Übel.«

Der Hodscha ging den Mann suchen und brachte ihn ihr.

Der Mann sagte: »Sie ist wahrhaftig krank.«

»Das weiß ich, daß sie krank ist,« antwortete der Hodscha; »aber was ist da zu tun?«

»Wenn du etliche Knoblauchzehen hast, so bring sie.«

Der Hodscha hatte just welche zu Hause; er holte sie und gab sie ihm. Der Fremde rieb sich nun damit das, was die Aufmerksamkeit der Frau angezogen hatte, und steckte es an den Ort, der für dieses Heilmittel empfänglich war; sodann zog er es wieder heraus.

Als die Behandlung beendigt war, schrie der Hodscha: »Warum hast du mir nicht gesagt, was zu tun war? Das hätte ich ganz allein zustandegebracht; es ist ein Verfahren, das mir nicht unbekannt ist.«

305.

Als der Hodscha eines Tages trübselig seine Straße zog, begegnete er einer Frau und die fragte ihn: »Woher kommst du, Hodscha?«

»Aus der Hölle,« antwortete er.

Und sie fragte weiter: »Hast du vielleicht dort meinen Sohn gesehn?«

»Ja; er ist als Schuldner gestorben und darum ist ihm der Eintritt ins Paradies versagt worden.«

»Und auf wieviel beläuft sich seine Schuld?«

»Auf tausend Asper.« Und Nasreddin fügte hinzu: »Seine Frau ist im Paradiese; er aber kann nur hinein mit den tausend Asper.«

Die Frau fragte noch: »Und wann gehst du zurück?« und Nasreddin antwortete: »Augenblicklich.«

Da gab sie ihm die tausend Asper und bat ihn: »Eile nur, damit du die Sache unverzüglich zu einem Ende bringst.«

Als sie heimkam, sagte sie zu ihrem Manne, der zu Hause war: »Ich habe Nachrichten von unserm Sohne bekommen; da er nicht anders ins Paradies gelangen kann als mit tausend Asper, habe ich sie hergegeben.«

»Wem hast du sie denn gegeben?«

»Dem Hodscha.«

Unverzüglich machte sich der Mann auf die Verfolgung des Hodschas. Der flüchtete sich, als er ihn kommen sah, in eine Mühle; und er sagte zu dem Müller: »Siehst du den Mann, der heransprengt? es ist ein Scherge, der dich greifen will.«

»Was soll ich da tun?« fragte der Müller erschrocken.

»Nimm meine Kleider und ich will die deinigen nehmen; klettere auf den Baum und verstecke dich.«

Der Kleidertausch war kaum vollzogen, und der Müller hatte sich kaum auf dem Baume versteckt, als der Mann ankam. Er sah niemand als den Hodscha in der Tracht des Müllers, und der Hodscha blickte auffällig auf den Baum hinauf. Nun bemerkte der Mann den vermeintlichen Hodscha. Da er zu Pferde war, stieg er ab und übergab das Pferd dem falschen Müller; dann zog er seine Kleider aus, um sie nicht beim Klettern zu beschmutzen.

Ungesäumt bemächtigte sich der Hodscha der Kleider und stieg auf das Pferd; und indem er davonritt, schrie er dem Gefoppten zu: »Kennst du mich jetzt, Gesell?«

Nun ließ der arme Mann von dem Müller ab, stieg vom Baume herunter und machte sich nackt und ohne Pferd auf den Heimweg. Und seine Frau fragte ihn, als er so ankam: »Was hast du gemacht?«

»Ich habe den Hodscha eingeholt,« sagte er und fuhr, um Scheltworten auszuweichen, fort: »Das, was er dir gesagt hat, war wahr; darum habe ich ihm auch zur Belohnung für seine guten Dienste mein Pferd und meine Kleider geschenkt.«

306.

Eines Tages fragte man den Hodscha, um ihn zu hänseln: »Wohin ist denn dein Grind gekommen?«

Und der Hodscha antwortete: »Von euch habe ich ihn bekommen, und euch habe ich ihn zurückgegeben.«

307.

Als der Hodscha eines Tages von der Mühle heimkam, bemerkte er, daß kein Brennreisig da war; drum nahm er die Axt und ging in den Busch, um welches zu holen. Es war schon finstere Nacht, als ihm auf einmal die Axt entfiel; er suchte sie umsonst. Endlich schrie er: »Herr, wenn du mich die Axt wiederfinden läßt, so verspreche ich dir ein Achtel Gerste.«

Kaum hatte er ausgesprochen, als er auch schon die Axt fand; nun schrie er: »Dank, Herr! Da es dir aber so leicht fällt, Bitten zu erhören, so laß mich auch ein Achtel Gerste finden; dann werde ich mich meiner Verpflichtung gegen dich entledigen!«

308.

Als der Hodscha einmal in eine Moschee trat, sah er hinter der Tür einen Hund sitzen; er gab ihm einen Stockhieb und das erschrockene Tier flüchtete sich auf die Kanzel. Da sagte der Hodscha zu ihm: »Bitte tausendmal um Verzeihung; ich kenne noch nicht alle Prediger, die zu dieser Moschee gehören.«

309.

Der Hodscha Nasreddin hatte eine Kuh, die keinen Tropf Milch gab; da wollte er sie durch den öffentlichen Ausrufer verkaufen lassen, und der führte sie herum und pries sie schreiend an: »Wer will eine gute Milchkuh, eine Kuh, deren Milch ist wie Sahne?«

»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, als er sie also loben hörte, »da hätte ich mich schön über ihren Wert getäuscht!«

Und damit nahm er sie dem Ausrufer aus der Hand und führte sie wieder heim.

310.

Der Hodscha hatte einmal die Pilgerreise nach Mekka gemacht, und an der Tür der Kaaba drängte sich das Volk. Auch ein Neger war darunter und die Leute schrien: »Herr, duldest du denn hier die schwarze Fratze dieses Ungläubigen?«

Da sagte der Hodscha: »Warum beschimpft ihr ihn wegen seiner Farbe? Er ist wenigstens imstande, seine Sünden auf sein Äußeres zu schieben; wenn wir das täten, so wären wir, ihr und ich, schwärzer als er.«

311.

Eines Tages schrie der Sohn des Hodschas: »Komm, Vater! in dem Topfe da ist ein Mann und ich fürchte mich.«

Nachdem der Hodscha hingetreten war und im Topfe sein eigenes Bild gesehn hatte, sagte er zu dem Knaben: »Sei nur ruhig; das ist nur ein alter Mann, der die kleinen Kinder schrecken will.«

312.

Der Sohn des Hodschas sprach eines Tages bei sich: »Wenn die Dichter Verse machen, warum sollte ich nicht auch welche machen?«

Ganz voll von dem Gedanken ging er weg, und er kam zu einer Quelle in der Nachbarschaft; nachdem er dort lange gesonnen hatte, gelang ihm endlich der Vers:

Ein Baum, ein Baum steht am Rande einer Quelle.

Ganz zufrieden mit diesem hübschen Gedichte trug er es seiner Mutter vor, und die wiederholte es dem Vater. Der sagte: »Wir müssen alle unsere Nachbarn versammeln und sie zu einem Festmahle einladen, damit wir Freude haben an unserm verständigen Sohne.«

Man lud alle Bewohner des Viertels ein und las ihnen nach dem Mahle den ausgezeichneten Vers vor; da wollten alle vor Lachen bersten. Und voll Begeisterung über dieses Ergebnis schrie die Mutter: »Des Todes will ich sein, wenn mein Sohn nicht die Sprache der Nachtigall hat!«

Der Hodscha aber sagte: »Hüte dich, Frau, vor derlei Beteuerungen; du wirst den Knaben noch verschreien.«

313.

Eines Tages gingen der Hodscha und seine Frau zum Flusse, um Leinensachen zu waschen. Als nun die Frau unversehens ihren Fuß ins Wasser steckte, packte ihn ein Krebs. »Zu Hilfe, Hodscha,« schrie sie, »zu Hilfe!«

Er sagte: »Setz dich, damit ich sehe, was es ist.«

Er bückte sich, und da sah er, was für ein Tier es war; aber er beugte sich dabei, um besser zu sehn, so weit nieder, daß der Krebs mit der andern Schere seine Nase faßte. In diesem Augenblicke ließ die Frau, deren Schrecken noch mehr gewachsen war, einen Wind; der Hodscha jedoch schrie: »Das brauchst du nicht aufzumachen, wohl aber die Pfoten dieses Viehs.«

314.

Eines Nachts träumte dem Hodscha, daß er auf einer Reise einen Schatz gefunden habe, und um den Ort zu bezeichnen, habe er dort ein natürliches Bedürfnis befriedigt. Als er dann erwachte, fand er, daß nur das Ende des Traumes keine Einbildung gewesen war.

Da schrie er: »Ach, Herr, warum hast du mir das da gelassen und das Gold genommen? dir hätte doch das eine auch nicht mehr genützt als das andere!«

315.

Der Hodscha ging sich einmal ein Paar Hosen kaufen; für den Heimweg zog er sie schon an. Einige Freunde, die ihn damit sahen, setzten es sich in den Kopf, ihm einen Streich zu spielen; zu diesem Zwecke verteilten sie sich auf dem Wege, und der, der ihm als erster begegnete, sagte zu ihm nach Gruß und Gegengruß: »Was machst du mit den Hosen? du brauchst sie doch nicht; gib sie mir.«

»Geh heim,« antwortete der Hodscha, »und laß mich in Ruh.«

Fünfmal hatte sich dieses Gespräch zwischen dem Hodscha und je einem von den Gesellen wiederholt, bis sich der Hodscha endlich stellte, als hätte er sich überreden lassen; er sagte zu dem, mit dem er sprach, indem er ihm das Bein hinhielt: »So nimm sie denn meinetwegen.«

Als sich der Mann bückte, um ihm die Hosen abzuziehen, gab ihm der Hodscha einen Tritt, daß er sich auf dem Boden wälzte, und schrie: »Merk dirs doch einmal: Um Streiche zu spielen, bin ich da!«

316.

Auf einem Spaziergange kam der Hodscha zu einem großen Baume; er betrachtete ihn und fragte sich, was für ein Baum das sei. Schließlich warf er, um sich darüber zu vergewissern, einen Stein in die Äste, und der fiel alsbald wieder herunter.

»Jetzt weiß ichs,« schrie er, »was du bist! ich kenne dich leicht an der Frucht.«

317.

Die Frau des Hodschas Nasreddin wusch das Haus; in dieser gebückten Stellung betrachtete er sie, und da sah er deutlich, daß sie zwei Löcher hatte. »Weib,« schrie er, »du hast also zwei! das habe ich gar nicht gewußt; aber heute Nacht will ich sie alle beide hernehmen, und um es ja nicht zu vergessen, will ich den ganzen Tag kein Wort sagen, ohne hinzuzusetzen: ›Ich werde mich an beiden ergötzen.‹«

Kaum hatte er ausgeredet, als zwei Schüler kamen, und die fragten ihn: »Hodscha, willst du uns Gastfreundschaft gewähren?«

Er antwortete: »Meinetwegen; tretet ein, bitte.« Und er setzte hinzu: »Ich werde mich an beiden ergötzen.«

»Wahrhaftig,« sagten die zwei jungen Leute, »der Hodscha macht einen Spaß.«

»Weib,« sagte er, »bereite das Mahl und dreh der Gans da den Kragen ab.« Und wieder setzte er hinzu: »Ich werde mich an beiden ergötzen.« Die Gans legten sie aber beiseite, um sie am nächsten Tage zu essen.

»Weib,« sagte wieder der Hodscha, »mache die Betten.« Und wieder setzte er hinzu: »Ich will mich an beiden ergötzen.« Dann legte er sich nieder.

Nun sagten die beiden Schüler zueinander: »Der Hodscha macht keineswegs einen Spaß; er will uns jedenfalls so behandeln, wie er sagt. Wir müssen abwechselnd wachen, damit, was immer auch geschieht, der, der wach ist, den andern wecken kann.« Sie lösten sich also pünktlich ab und schliefen und wachten, wie jeden die Reihe traf.

Auf einmal begann nun der Hodscha, der an nichts sonst dachte, als daß er sein Vorhaben ins Werk setzen werde, zu schreien: »Wahrhaftig, zuerst will ich mich an dem einen ergötzen, und dann will ichs mit dem andern versuchen.«

»Da wir zwei sind,« sagte sich erschrocken der Wachende, »weiß ich nicht, bei welchem er anfangen wird.« Durch diesen Gedanken erregt, weckte er seinen Gesellen, und der stand alsbald auf. Nun sagten sie: »Sputen wir uns; wir dürfen nicht mehr dasein, wann er uns überfallen will.«

Sie schnürten augenblicklich ihre Bündel, hakten die Gans los, die am Fenster hing, und liefen, was sie ihre Beine trugen; und vielleicht laufen sie noch immer.

318.

Eines Tages saß der Hodscha daheim bei seiner Frau; traurig betrachtete er ihre geheimen Reize, und endlich sagte er: »Frau, was ist das? ich sage ihms zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male: ich verstoße dich.«

»Was sagst du da?«

»Geht es denn nicht an, daß ich mich auf diese Weise dessen, was mir an dir am meisten mißfällt, entledige?«

319.

Die Frau des Hodschas Nasreddin war krank; nach drei oder vier Tagen der Pflege fühlte er, daß ihn seine Kräfte verließen, und er sagte zu ihr: »Steh auf, meine Liebe, oder laß mich etwas essen gehn.«

Sie begann zu weinen und der Hodscha ging weg. Sie benutzte seine Abwesenheit und stand hastig auf; als er vom Bade zurückkam, fand er das Haus gekehrt, das Mahl bereitet und die Betten aufgeschüttelt. Seine Frau, die alles in Ordnung gebracht hatte, ruhte aus. Als er sie sah, lehnte er sich an die Tür, die Hände schlaff und den Kopf schwankend, und schrie: »Ach, jetzt ist sie tot! O meine lieben Knäblein, o meine lieben kleinen Mädchen, jetzt könnt ihr nicht mehr geboren werden!«

320.

Als die Frau des Hodschas einmal allein war, entblößte sie sich, betrachtete sich und sagte: »Ach, du mein teuerer Schatz, warum habe ich nicht drei solche wie du! was für eine herrliche Sache wäre das!«

Von ungefähr kam in diesem Augenblicke der Hodscha heim; er hörte alles und sah, an wen sie ihre Rede richtete. Er blieb draußen, entblößte sich gleicherweise und sagte weinend: »Was für Unheil hast du mir schon auf den Hals geladen! wieviel Mißgeschick habe ich schon deinethalben erleiden müssen!«

Als die Frau draußen seufzen hörte, sah sie nach und fand, daß es der Hodscha war; und sie sagte: »Worüber jammerst du denn?«

»Ich habe«, antwortete er, »darüber geklagt, daß wir Männer dort, wo ihr Frauen einen Schatz habt, eine Quelle unzähliger Übel und Qualen haben.«

321.

Eines Tages schlich sich der Meister in einen Weingarten und begann Trauben zu essen; der Eigentümer kam dazu und fragte ihn: »Was machst du da?«

»Ich bin hergekommen, um mir hier meinen Bauch zu erleichtern.«

»So; und wo ist dann das, was du gemacht hast?«

Nasreddin blickte umsonst nach allen Seiten umher; er sah nichts, was ihn hätte rechtfertigen können. »Da ist es,« schrie er endlich, als er einen Eselsdreck sah.

Aber der Eigentümer sagte: »Das ist ja von einem Esel.«

Und der Hodscha antwortete: »Wenn es nicht von mir ist und nicht von dir, dann weiß ich wahrhaftig nicht, von wem es stammen kann.«

322.

Etliche Christen sagten zum Sohne des Hodschas: »Bete den Messias an oder geh aus der Stadt.«

Er antwortete: »Wann der Messias kommt, werde ich gehn.«

323.

Der Hodscha zog einmal den Imam, während der im Gebete auf dem Boden lag, beim Ohrläppchen; gleich darauf sagte der Imam das feierlichste Gebet, nämlich den Absatz vom Throne.

Da sagte der Hodscha: »Wenn du den Absatz vom Throne schon sprichst, wann man dich beim Ohrläppchen zieht, was wirst du denn sprechen, wann man dir die Hoden drückt?«

324.

Eines Tages berieten der Hodscha und seine Nachbarn miteinander, wohin sie lustwandeln gehn sollten; endlich sagte der Hodscha: »Gehn wir zum Flusse und schauen wir den Frauen baden zu.«

Sie waren einverstanden und gingen mit ihm: Als sie zu den Frauen gekommen waren, entblößte sich eine von ihnen, die sah, daß sie beobachtet wurden; daraufhin sagte einer zum Hodscha, um ihn zu hänseln: »Wirst du diese Gelegenheit nicht benutzen?«

Ohne zu zaudern, schob der Hodscha seine Kleider weg, reckte den bewußten in die Luft und schrie: »Seht, meine Freunde, mich findet man niemals unvorbereitet; wie ein Baum habe ich immer, meinen Nachbarn zu gefallen, einen strammen Ast bereit, auf dem man klettern kann!«

So sahen die, die sich auf seine Kosten lustig zu machen gedacht hatten, ihren Scherz zu ihrer Beschämung ausschlagen.

325.

An einem Tage, wo der Hodscha Nasreddin predigen sollte, sagten die Gläubigen untereinander: »Wann er kommt und uns begrüßt, geben wir ihm den Gruß nicht zurück; wir wollen sehn, was er tun wird.«

Der Hodscha kam und grüßte die Gemeinde; aber niemand antwortete ihm. Da sagte er, nachdem er nach allen Seiten umhergeblickt hatte: »Wahrhaftig, ich bin ganz allein; kein Mensch ist gekommen.« Mit diesen Worten ging er weg und überließ die Versammelten ihrem Unmut über den Ausgang ihres Streiches.

326.

Als der Hodscha Nasreddin das erste Mal vor Tamerlan erschien, sprach dieser Eroberer bei sich: »Ich muß ihn verderben; ich will ihm Fragen stellen, und wenn er auch nur eine nicht beantwortet, lasse ich ihn töten.« Und er fragte den Hodscha: »Wer bist du?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin der Gott der Erde.«

Nun war Tamerlan, der ein Tatare war, von den schönsten jungen Leuten seines Volkes umgeben, die, wie es bei ihnen zutrifft, sehr kleine Augen hatten.

Tamerlan fuhr fort: »Gut also, Gott der Erde, hast du dir diese hübschen Knaben betrachtet? was sagst du zu ihnen?«

»Ich habe sie betrachtet; aber ihre kleinen Augen sind nicht hübsch.«

»Da du Gott bist,« erwiderte Timur, »so tu mir den Gefallen und mach sie größer.«