Part 10
Eines Tages fand sich der Hodscha so von allem entblößt, daß ihm auch nicht ein Körnchen Weizen oder Gerste geblieben war. Da legte er seinem Esel einen großen Sack auf, hängte seinem Sohne eine Trommel um und ging von Tür zu Tür, um die Barmherzigkeit der Leute anzurufen. Kaum hatte er die Trommel geschlagen und sich in dieser Verfassung gezeigt, als ihm auch schon Männer und Frauen Gerste oder Korn brachten, der eine ein Nösel, der andere zwei; und der Hodscha schüttete alles in den Sack. Schließlich kam er zu einem großen Tor, dessen einer Flügel offen stand. Der Knabe schlug die Trommel, aber niemand trat heraus; er stieß den Esel in den Torweg, und da überzeugte er sich, daß auch innen völliges Schweigen herrschte. Nachdem sie den Esel im Stalle angebunden hatten, lehnten Vater und Sohn eine Leiter an das Haus und stiegen hinauf; sie kamen in einen Vorsaal und dann in ein Zimmer, ohne daß sie einen Laut gehört hätten.
Plötzlich traf ein Geräusch das Ohr des Hodschas; eine Frauenstimme sagte: »Jetzt wird der Effendi bald dasein.« Das wollte heißen, daß die Herrin des Hauses an diesem Tage mit dem Kadi der Stadt ein verliebtes Stelldichein hatte. In diesem Augenblicke war sie im Bade, und sie sagte zu ihren Sklavinnen, daß sie rasch heraussteigen müsse.
Das hörte der Hodscha alles und er sagte sich: »Da gilt es, einen hübschen Spaß anzustellen.« Als er darum unverzüglich ein passendes Versteck suchte, sah er ihm gegenüber ein köstliches Zimmer, reich mit Gold verziert. Ohne zu zaudern, trat er ein; dort fand er den großen Bettschrank schier leer, und er versteckte sich mit seinem Sohne hinter den Vorhängen.
Einen Augenblick darauf stieg die junge Dame aus dem Bade; gestützt auf die Arme ihrer Sklavinnen kam sie in das Zimmer und setzte sich auf den Ehrenplatz, um also die Ankunft des Kadis abzuwarten. Der war auch bald zur Stelle; die Sklavinnen führten ihn zu ihrer Herrin, die sich erhob, ihm einige Schritte entgegenging, ihn unter dem Arme faßte und ihm den Ehrensitz überließ. Es war im Sommer und an einem der heißesten Tage, so daß der Kadi etwas schwitzte; drum zogen ihm die Sklavinnen seine Kleider aus und er behielt nur die Unterhosen und ein Jäckchen und auf dem Kopfe eine Mütze. Die Kleider legten die Sklavinnen in eine Truhe.
Nun mußte sich der Effendi zu seiner Bequemlichkeit auf das Bett setzen und die Dame setzte sich, ebenso nur leicht gekleidet, neben seine Herrlichkeit. Nachdem sie dann ein leichtes Mahl eingenommen hatten, tranken sie einige Becher Wein; die Hitze tat das übrige, und so war der Kadi bald berauscht. Als das die Dame sah, gab sie ein Zeichen; der Kadi wurde niedergelegt und die Sklavinnen entfernten sich, so daß ihre Herrin und der Kadi allein blieben. Der Hodscha verhielt sich immerfort still.
Die Dame war gut aufgelegt; sie und der Kadi umarmten sich und begannen zu tändeln und Küsse zu tauschen. Der Kadi benutzte den Augenblick und entledigte die Dame all ihrer Hüllen. Als das geschehn war, fand sie ihre Sprache wieder und sagte: »Weißt du, Effendi, wie die Liebe sein soll, die mein Herz begehrt?«
»Nein, Königin meiner Seele; ich kenne auch keine andere als die bewegliche.«
»Die, die ich liebe,« sagte die Dame, »ist die Kriegsliebe.«
»Nach meiner Erfahrung«, antwortete der Kadi, »ist es die bewegliche, die den Preis verdient.«
Nun sagte die verschmitzte Schöne: »Nennen wir mein Schloß die Weiße Burg und deinen Schlüssel den Roten Prinzen. Wann ich mich niederlege, so daß die Weiße Burg zu sehn ist, laß du den Roten Prinzen hervorkommen; er soll die Weiße Burg angreifen, ohne viel Umschweife das Tor stürmen und als Sieger einziehen.«
Bei diesen Worten sagte sich der Hodscha: »Sie beabsichtigen also einen Krieg; aber es fehlt ihnen der Spielmann, der zum Sturme das Spiel schlüge: wann sie so weit sind, werde ich trommeln.«
Da legte sich auch schon die Dame auf den Rücken und die Weiße Burg bot sich den Blicken des Kadis; der holte unverdrossen den Roten Prinzen hervor und ließ ihn stürmen. Kaum war dann der Eingang erzwungen, machte Nasreddin seinem Sohne ein Zeichen und sagte: »Rühre die Trommel; es gibt keinen ordentlichen Sturm, ohne daß das Spiel geschlagen würde.«
Der Sohn nahm die Schlägel und begann den anbefohlenen Wirbel. Als der Lärm in dem Schranke losging, bekamen der Kadi und die Dame Angst: mit den Worten »Das ist kein gutes Zeichen« liefen sie aus dem Zimmer, und sie eilten durch den Vorsaal und blieben nicht eher stehn, als bis sie unten waren. Dann sahen sie einander ganz betäubt an, und ohne ein Wort herausbringen zu können, weil sie vor Bestürzung die Sprache verloren hatten.
Der Hodscha aber sah in diesem Abenteuer eine Gelegenheit, Beute zu machen. Er verließ den Bettschrank, öffnete die Truhe und bemächtigte sich der Kleider des Kadis und dessen Turbans; dann stieg er ohne Verzug die Leiter hinunter, ging in den Stall, wo das Maultier des Kadis neben seinem Esel stand, legte die Kleider in den Sack, übergab den Esel seinem Sohne, band für sich selber das Maultier los, verschwand aus dem Hause und eilte heim. Dort stellte er das Maultier ein, verschloß den Turban und die Kleider und setzte sich nieder.
Seine Frau fragte ihn: »Woher hast du diese Sachen und das Maultier?«
»Sie gehören mir; sie sind mir als Beute zugefallen.«
Während sich der Hodscha in seinem Herzen freute und der süßen Ruhe genoß, sagte die Dame und der Kadi, die, wie wir erzählt haben, voller Schrecken hinuntergelaufen waren: »Es muß ein Geist dasein.« Da sie sich nicht hinaufzugehn getrauten, rief die Dame eine Sklavin und befahl ihr: »Geh hinauf und suche die Kleider des Herrn Kadi.«
Die Sklavin, die sich ebenso fürchtete, ging langsam und mit tausendfacher Vorsicht die Treppe hinauf, die zu dem Saale führte: sie schaute durch die Tür ins Zimmer hinein und sah niemand drinnen; sie öffnete den Bettschrank und die Truhe, ohne etwas zu entdecken, und kam wieder herunter. »Es ist niemand oben,« sagte sie zu der Dame und dem Effendi, »weder ein Teufel, noch ein Geist.«
Noch immer von tausenderlei Vermutungen beunruhigt, stiegen sie hinauf und setzten sich nieder; und der Kadi sagte: »Das war kein gutes Zeichen; verschieben wir unser Vergnügen auf ein andermal. Man bringe mir ungesäumt meine Kleider, daß ich mich anziehe und weggehe.«
Die Dame befahl den Sklavinnen, die Kleider des Kadis zu bringen; aber die, die die Truhe öffnete, fand drinnen weder Kleider, noch Turban. Sie meldete es ihrer Herrin, und die sagte es dem Kadi. Der Kadi versank in Nachdenken; er war völlig verwirrt und konnte sich nicht enträtseln, wie das zugegangen sein mochte: nackt war er ja vom Gerichtshause sicherlich nicht weggegangen. Endlich sagte er: »Was geschehn sollte, Liebste, ist geschehn; was sich erfüllen sollte, ist zur Wirklichkeit geworden.« Dann schrieb er einen Brief an seinen Haushofmeister: »Gib dem Überbringer einen vollständigen Anzug, vom Kopf bis zum Fuß.« Und indem er das Schreiben faltete, schloß und siegelte, bat er die Dame, damit jemand wegzuschicken.
Die Dame ließ den Brief durch ihre Amme befördern. Die ging geradewegs ins Gerichtshaus und übergab ihn dem Stellvertreter des Kadis, dem Najb-Effendi. Er nahm Kenntnis von dem Inhalte und sah, daß der Kadi eine Mütze, einen Turban, Unterhosen und alles übrige haben wollte; er rief den Haushofmeister und teilte ihm alles mit. Dieser ließ sich, dem Briefe gemäß, im Harem einen vollständigen Anzug ausfolgen und übergab den Pack der Amme, und die brachte ihn rasch dem Kadi. Der Kadi kleidete sich an, gürtete sich und band sich den Turban um; als er dann gehn wollte, erinnerte er sich des Maultiers und befahl es ihm vorzuführen. Eine Sklavin lief in den Stall; da sie es aber nicht vorfand, schrien sie: »Effendi, das Maultier ist nicht da.«
Der Kadi war zwar verdutzt über dieses neue Ereignis, nahm aber, ohne noch weiter zu verziehen, von der Dame Abschied; er war so verstört, daß er auf dem ganzen Wege zum Gerichtshause nicht vor und nicht hinter sich sah. Als er dann auf seinem Sitze ausruhte, rief er sich alles, was er tagsüber erlebt hatte, ins Gedächtnis zurück. Bald darauf ging er heim und legte sich, da es Nacht geworden war, schlafen.
Am nächsten Tage verließ er seinen Harem schon in der Morgendämmerung und ging sein Amt als Richter versehn. Nachdem sich einige Freunde, die ihn zu unterhalten gekommen waren, entfernt hatten, wandten sich seine Gedanken, wie er so allein war, wieder den Vorfällen des Abends zu; aber je mehr er nachdachte, desto mehr verwundert war er.
Unterdessen zog der Hodscha Nasreddin die Kleider des Kadis an, wickelte sich dessen Turban um und hüllte sich in dessen Mantel; und in dieser Tracht bestieg er das Maultier des Effendis und begab sich aufs Gericht. Den Dienern des Kadis entging es, als sie ihn ansahen, keineswegs, daß er all die Kleider ihres Herrn trug und auch dessen Maultier ritt; sie liefen auch alsbald zum Kadi, um ihm das zu melden. »Herr,« sagten sie, »Nasreddin-Effendi, der jetzt kommt, hat dich bestohlen; sieh dir nur die Kleider an, die er am Leibe hat, und das Maultier, das er reitet.«
Aber der Kadi sagte: »Gebt acht, was ihr sagt; man darf niemand leichtfertig anklagen.«
Inzwischen stieg der Hodscha ab, band das Maultier unten an der Stiege an, ging hinauf und begrüßte den Kadi. Der gab ihm den Gruß zurück, erhob sich und ließ den Hodscha, um ihm eine Höflichkeit zu erzeigen, den Ehrensitz einnehmen; er bot ihm einen vortrefflichen Kaffee an und überhäufte ihn mit ehrenvollen Aufmerksamkeiten. Schließlich ließ er alle lästigen Zuhörer entfernen und richtete geradeaus an den Hodscha die Frage: »Woher hast du diese Kleider, Hodscha-Effendi, und woher hast du das Maultier?«
»Sowahr mir Gott helfe,« antwortete Nasreddin, »gestern hat hier ein Kampf stattgefunden: der Rote Prinz hat die Weiße Burg gestürmt. Als der Kampf am hitzigsten war, bemächtigte sich der Streitenden ein jäher Schrecken, und ich raffte die Beute auf, die auf dem Schlachtfelde verblieben war.«
Aus diesen Worten begriff der Kadi leicht, worum es sich handelte; er änderte seine Haltung und sagte zum Hodscha: »Da es deine Beute ist, ist es billig, daß du sie behältst; vielleicht muß sie sogar noch vergrößert werden, damit du, wenn man dich fragt: ›Hast du das Kamel gesehn?‹, antwortest: ›Es muß samt seinem Füllen verzehrt worden sein; ich habe weder das Kamel, noch das Füllen gesehn.‹«
Der Hodscha erwiderte: »Wenn das so sein soll, so gib mir den Preis des Kamels, damit sich unser Mund so schließe, daß ihm auch nicht ein Wörtchen entfällt.«
Sowohl um den Wunsch des Hodschas zu erfüllen, als auch der eigenen Ruhe halber reichte ihm der Kadi zwanzig Goldstücke, indem er ihm noch einmal ans Herz legte, ja nichts verlauten zu lassen. Und der Hodscha antwortete: »Wie sollte denn etwas bekannt werden? Alles bleibt unter uns, besonders wenn du mir statt des Kamelfüllens das Maultier geben willst; das ist dann alles, was ich von dir haben will.«
»Einverstanden,« sagte der Kadi, und er erteilte seinen Dienern die entsprechenden Aufträge. Die Diener führten dem Hodscha das Maultier vor und boten es ihm an; alsbald verabschiedete er sich von dem Kadi, stieg in den Sattel und ritt heim.
Von nun an trug er stets die Kleider, den Mantel und den Turban des Kadis und ritt stets das Maultier; außerdem hat er, nach dem, was erzählt wird, das Geheimnis keinem Menschen mitgeteilt.
237.
Man erzählt, daß der Hodscha einmal ein Kalb hatte; einen Tag tränkte und fütterte es seine Frau, am andern Tage er, an wen eben die Reihe kam. Nun wurde an einem Tage, wo es an der Frau war, diese Verrichtungen zu besorgen, ihnen gegenüber eine Hochzeit gefeiert, wozu man die Frau eingeladen hatte; da sagte sie zu ihrem Manne: »Wie werden wir es diesmal halten?«
Er antwortete: »Wir wollen ein Übereinkommen treffen: wer von uns zuerst ein Wort spricht, muß dem Kalbe zu trinken und zu fressen geben.«
»Einverstanden,« antwortete sie.
Nach diesem Gespräche ging der Hodscha ins Haus und seine Frau ging zur Hochzeit.
Nun hatte sich just an diesem Tage ein Zigeunertrupp vor der Stadt gelagert, und die Frauen hatten sich in den Straßen zerstreut und sahen rechts und links, ob es etwas zu stehlen gebe. Von ungefähr trat eine in das Haus des Hodschas; dort herrschte völliges Schweigen. Im Harem angelangt, sah sie den Hodscha, der durchaus stumm blieb. Augenblicklich machte sie sich daran, das Haus zu durchstöbern, las alles zusammen, was sie fand, und steckte es in ihren Sack; den Hodscha hatte sie leicht anschauen: er verharrte in seinem Schweigen. Ohne weitere Bedenken nahm sie ihm die Mütze und den Turban vom Kopfe, und er verlor darüber kein Wort; »wenn ich spreche,« sagte er sich, »muß ich das Kalb tränken.« So schenkte er denn dem Treiben der Zigeunerin nicht die geringste Aufmerksamkeit; sie benutzte das und machte sich davon.
Inzwischen wurde im Hause des jungen Paares das Mahl aufgetragen, und die Frau des Hodschas belud eine Schüssel mit Speisen, um sie dem Hodscha zu bringen. Als sie heimkam, sah sie, daß man das Haus so gründlich ausgeplündert hatte, daß nicht einmal der Turban oder die Mütze auf des Hodschas Kopf verblieben war. Da brach sie das Schweigen und sagte: »Hodscha, wohin sind denn alle unsere Sachen gekommen?«
»Du hast gesprochen,« schrie nun Nasreddin; »du mußt also heute unser Kalb tränken und füttern!«
238.
Man erzählt, daß einmal in der Landschaft Diarbekr ein kleiner Kaufmann war, der sein Geschäft betrieb, indem er von Dorf zu Dorf wanderte. Eines Tages trug er eine Last Trauben. Die Nacht fiel ein, als er noch im Freien war, aber niemand wollte ihm Gastfreundschaft gewähren. Schließlich sah er eine Frau, die vom Flusse kam. Er näherte sich ihr, als sie eben in ihr Haus treten wollte, und sagte ihr, daß ihm, weil er Trauben trage, niemand habe ein Nachtlager geben wollen trotz der geheimen und entwickelten Vorteile, womit ihn die Natur ausgestattet habe. Die Frau unterließ es keineswegs, diese seine letzten Worte zum Gegenstande ihrer Überlegungen zu machen; unverzüglich trat sie ins Haus, ging zu ihrem Manne und sagte zu ihm: »Wie ich höre, ist gegenwärtig der Sohn meines Oheims im Dorfe; er ist, sagt man mir, ein herumziehender Händler. Warum hast du ihn nicht eingeladen?«
Der Mann antwortete: »Aber wieso hätte ich denn von seiner Ankunft erfahren sollen?«
Sie erwiderte: »Nicht einmal ein Hund wird sich getrauen, sich irgendwo einzufinden, wenn man ihn nicht gerufen hat.«
Nach diesem Gespräche ging der Gatte den Mann mit den Trauben suchen und lud ihn ein, zu ihm zu kommen. Die Frau beeilte sich mit dem Empfange und sagte zu ihm: »Willkommen, Vetter! Glück zur Ankunft!« und überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten. Und als es Nacht wurde, bereitete sie ihm ganz nahe dem Schlafzimmer auf einem Sofa ein Bett. Er legte sich nieder und die Eheleute taten desgleichen. Einen Augenblick später schlief der Gatte, der sehr müde war; alsbald erhob sich die Frau geräuschlos und ging zu dem Kaufmanne. Sie unterhielten sich wohl miteinander; aber die Frau fand seine Waffen doch nicht so besonders, wie er früher gesagt hatte. Und sie sagte zu ihm: »Freund, du hast mir deine Vorteile arg übertrieben; es ist nichts da, was etwas wert wäre.«
»Ach, Frau,« antwortete er, »ich habe mehr, als du siehst; aber ich war, es ist eine Zeit her, gezwungen, es zu verpfänden.«
Sie sagte voll Lebhaftigkeit: »Wie viel hast du darauf entlehnt?«
Er antwortete: »Zwanzig oder dreißig Toman.«
Die gab sie ihm auf der Stelle und trug ihm auf, sein Pfand holen zu gehn und es ohne Fehl in der nächsten Nacht zu bringen.
Am Morgen stand der Kaufmann auf und ging von neuem seine Trauben im Dorfe ausbieten. Als es Abend wurde, fragte er sich, wie er es anfangen solle, um seine Wirtin zufrieden zu stellen. In diesen Gedanken versunken, bemerkte er auf einmal, daß ein Bienenschwarm seine Regungslosigkeit benutzt hatte, um sich auf dem Korbe mit den Trauben zu versammeln; da schrie er: »Ich habs!« Er nahm eine Biene und drückte sie auf das Werkzeug, das als zu geringfügig befunden worden war: die Biene versenkte ihren Stachel hinein; es zeigte sich eine Entzündung, und das Ding schwoll dermaßen an, daß man schier nicht hätte erraten können, was es war. Das getan, ging er die Frau aufsuchen; sie war gerade allein zu Hause. Und sie fragte ihn: »Hast du es ausgelöst aus den Händen der Wucherer?«
»Jawohl.«
Als es Abend war, ging man zu Tische; dann kam die Zeit, schlafen zu gehn. Alle drei legten sich so nieder wie in der Nacht vorher, und man hatte keine Acht darauf gehabt, das Bett des Fremden nicht neben dem Schlafzimmer zu bereiten.
Kaum war ihr Gatte eingeschlafen, so kam schon die Frau zu dem Kaufmanne, den die Schmerzen kein Auge zutun ließen und der sich in seinem Bette wand wie auf einem Roste. Bei dem Anblicke, der sich ihr bot, glaubte die Frau vor Wonne zu vergehn; dabei kam ihr ein Wind aus. »Wie?« schrie der Fremde; und mit einem in Diarbekr üblichen Ausdrucke: »Deinem Mann in den Bart?«
»O nein,« sagte die Frau, »den armen trifft kein Vorwurf, aber dich desto mehr; hast du dich doch, obwohl du weißt, wie unschätzbar das ist, was du hast, nicht gescheut, es zu verpfänden!«
239.
Eines Tages sagte der Hodscha zu seinen Freunden: »Ein Sommernachmittag ist so viel wert wie drei ganze Tage im Winter.«
Sie fragten ihn: »Wie das?«, und er antwortete: »Ich weiß es aus Erfahrung: als ich meinen Kaftan im Winter gewaschen habe, brauchte er drei Tage, um zu trocknen; dann habe ich ihn an einem Nachmittag im Sommer gewaschen und da war er noch vor Nacht trocken.«
240.
Einmal sagte der Hodscha: »Zwischen der Jugend und dem Alter ist kein Unterschied.«
Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »Vor unserer Tür liegt ein Stein; nur wenige Leute sind imstande, ihn zu heben. In meiner Jugend habe ich versucht, ihn zu heben, und es ist mir nicht gelungen; später und dann jetzt, wo ich ein Greis bin, ist mir das eingefallen, und ich habe es von neuem versucht, aber ich habe ihn wieder nicht heben können. Diese Erfahrung ist es, warum ich sage, daß zwischen der Jugend und dem Alter kein Unterschied ist.«
241.
Der Hodscha Nasreddin — Gottes Barmherzigkeit über ihn — war vor kurzem aus diesem vergänglichen Leben in eine bessere Welt abgeschieden; sein erlauchtes Grab war neben einer ehrwürdigen Moschee. Als nun an einem Freitage das Volk zum Gebete versammelt war, hörte man plötzlich eine jauchzende Stimme: »Muselmanen, der Hodscha Nasreddin hat sein Grab verlassen; er reitet auf seinem Grabsteine, er schreit und ist lustig.«
Auf diese Worte hin liefen die Gläubigen aus der Moschee, und augenblicklich stürzte hinter ihnen die Kuppel ein; niemand erlitt auch nur die geringste Verletzung.
Ihr erseht, meine Freunde, eine wie hohe Stelle der erlauchte und glorreiche Hodscha Nasreddin unter den Heiligen einnimmt, die Gott den Allmächtigen umgeben, da ihm erlaubt worden ist, sogar nach seinem Tode Wunder zu tun.
Über ihn sind viele glaubwürdige Geschichten aufgezeichnet worden; aber noch zahlreichere sind mit Unwahrheiten behaftet. Gott weiß, wie es damit steht! Aber erinnern wird man sich seiner bis zu dem Tage des jüngsten Gerichtes!
Die Barmherzigkeit Gottes sei mit ihm, die Barmherzigkeit und die Verzeihung!
242.
Eines Tages predigte der Hodscha Nasreddin in Siwri-Hissar; und er sagte, mit dem Kopfe wackelnd: »Muselmanen, das Klima in dieser Stadt ist dasselbe wie in Kara-Hissar.«
Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »In Kara-Hissar habe ich mich entblößt und mein Glied betrachtet: es hing schlaff über dem Beutel; hier habe ich mich entblößt und es betrachtet: es war ebenso.«
243.
Eines Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und predigte: »Danken wir, Muselmanen, dem wahrhaftigen und allmächtigen Gotte, daß er nicht wollte, daß wir den Hintern in der Hand hätten; sonst würden wir uns mehr als hundertmal täglich die Nase schmutzig machen.«
244.
Wieder stieg der Hodscha auf die Kanzel und begann zu sprechen: »Ewigen Dank müssen wir Gott sagen, Muselmanen, daß er das, was er uns für vorne gegeben hat, nicht hat hinten anbringen wollen; sonst hätte jeder schier unfreiwillig den Gesellen Lots gleich werden müssen, indem er das getan hätte, wovor sich nur Lot allein hat bewahren können.«
245.
Als sich der Hodscha eines Tages erging, sah er einige Frauen, die Kleidungsstücke wuschen. Er trat näher an sie heran, und da entblößten sie sich. Und sie fragten ihn: »Wie heißt das?«
Der Hodscha antwortete: »Auf Türkisch heißt es Am«, ohne irgendeine Umschreibung zu gebrauchen.
Sie antworteten: »Jedenfalls ist es das Paradies des Armen.«
Der Hodscha ging weg; er wickelte seinen Sik in ein Stück Leinwand wie in ein Leichentuch und legte einen Hobelspan herum, der die Stelle des Sarges vertreten sollte, und kam also zurück. Sie sagten zu ihm: »Was ist das, Hodscha?«
»Das ist ein Armer, der gestorben ist; jetzt will er ins Paradies.«
Um diesen Wunsch zu erfüllen, nahm ihn eine in die Hand; der Beutel aber blieb außerhalb und sie sagte: »Was ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Das sind die Kinder des Armen, die sein Grab besuchen gekommen sind.«
246.
Zwei Männer erschienen vor dem Hodscha und der eine sagte: »Ich habe dem da Geld gegeben, und er gibt es mir nicht zurück.«
Der Hodscha sagte: »Warum bezahlst du ihn nicht?«
Der gefragte antwortete: »Der Grund ist, daß ich kein Geld habe.«
Der Gläubiger sagte: »Soll ich mich mit solchen Gründen bezahlen lassen, Effendi? Mach ihm doch ein bißchen Angst, ich bitte dich.«
Sofort hielt der Hodscha je einen Finger an seine Augen und einen an den Mund und schrie: »Wau!«, wie man tut, wenn man die kleinen Kinder schrecken will; »und jetzt gib ihm sein Geld.«
247.
Dem Hodscha wurde ein Mann vorgeführt, um verhört zu werden. Der Hodscha ließ ihn auf die Folter spannen und ihn schließlich an den Armen aufhängen; dabei sagte er immerfort zu ihm: »Gesteh doch.«
Endlich wurde er der Sache überdrüssig und ließ ihn abnehmen; da schrie der gefolterte: »Noch einen Augenblick, und ich hätte alles gesagt.«
Trotzdem ließ ihn der Hodscha ruhig weggehn.
248.
Man führte dem Hodscha, der damals Kadi war, einen Mann vor und sagte, um ihn zu verklagen: »Er hat eine Katze besprungen.« Da Zeugen dafür da waren, war ein Leugnen unmöglich. Der Hodscha aber fragte ihn: »Wie hast du sie denn genommen?«
»Ich habe, du weißt schon, was ans Pförtchen gebracht und habe mir, indem ich sie bei den Pfoten hielt, den Eintritt erzwungen; es ist so gut gegangen, daß ich es zweimal habe wiederholen können.«
»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, indem er ihn voll Bewunderung anblickte, »du bist wahrhaftig mein Meister in diesem Spiele; hab ichs doch schon mehr als dreißigmal so wie du versucht, ohne daß es mir auch nur einmal gelungen wäre.«
249.
Man brachte zwei Krüge zum Hodscha, der eine voll Sesamöl, der andere voll Urin; zugleich führte ihm die Scharwache zwei Männer vor, deren jeder behauptete, das Öl gehöre ihm, und es handelte sich darum, es einem von den beiden zuzusprechen.
Der Hodscha befahl: »Sie sollen beide ihr Wasser ablassen und zwar in verschiedene Gefäße; den Krug mit Öl soll dann der haben, der Öl pißt.«
250.
Der Hodscha schnitt sich die Nägel und man sagte zu ihm: »Die Abschnitzel mußt du in einer Fußtapfe vergraben.«
Der Hodscha stand auf, ging sie vergraben, wie man ihm gesagt hatte, und verrichtete darüber seine Notdurft. Als man ihn fragte: »Was machst du da, Hodscha?«, antwortete er: »Ich will den Ort bezeichnen, damit ihr ihn leichter kennt.«
251.
Seine Frau sagte zum Hodscha: »Ich gehe ins Bad; gib, solange ich abwesend bin, auf das Kind acht.« Kaum war sie gegangen, begann das Kind zu schreien. Nun hatte der Hodscha neben sich eine Schüssel Joghurt stehn; damit beschmierte er seinen Sik und fand auf diese Weise ein Mittel, den Hunger des Säuglings zu stillen.
»Sehr gut, Hodscha,« sagte seine Frau, als sie zurückkam und das Kind schlafend fand; »sehr gut.«